Nachlass

#CN Tod

Gerade habe ich das Flauschfleckchen des Katers und fast alle Spielmäuse in den Müll gelegt. Gelegt, ja. Trotzdem in den Müll. Seine Bürste legte ich in die Lade, wo der Bürsthandschuh ist. Seine Schüsselchen habe ich in einer Ecke des Vorratsschranks versteckt. Die Schaufel für die Katzenstreu liegt bei den anderen Schaufeln. Das Katzenklo ist gewaschen und wieder in seiner ursprünglichen Funktion – bequemer Wäschekorb – in Verwendung. Alles Katzenfutter ist in einem Sack, auch die umgefüllten Katzenkekse, für den Nachbarn der Königinmutter und seine Katzen. 

Alles tut weh. Das Waschen der Unterlagen und Heizungsabdeckungen und in die Transportkiste, die auch gewaschen werden muss, habe ich noch nicht einmal hineingeschaut. Im Moment lagere ich dort Karotten. Wohin mit dem ungeöffneten Sack Katzenstreu? Das Kratzbrett muss in den Müll. Die aus Wolle gestrickte und gern bespielte Maus wartet auf das Begräbnis. Ich warte auf Tauwetter.

Die wasserdichten Unterlagen langsam von den Betten und vom Sofa nehmen wollen. Staub saugen und die 10.000 Brösel, die der Kater überall verteilt hat, entfernen wollen. Nicht können. Die Unterlagen vom Fressplatz abwaschen wollen. Behalte ich die? Vielleicht. 

Heulen. Viel heulen. An den Kater denken. Heulen. Abwechselnd sofort eine andere Katze und nie wieder eine Katze wollen. Von Kätzchen träumen, die ich nicht haben möchte. Nicht schlafen können, nicht aufstehen können ohne die Rituale, den meckernden Kater, das sanfte Schnarchen. Leise die Lieder singen die helfen und die, die absolut nicht helfen. 

Überlegen, ob ich sein Bild vom Sperrbildschirm nehmen soll, denn da schaut er mich jedes Mal an. Mich erinnern, dass ich es fast nicht aushalte, Bilder von meinem Vater zu sehen. Katerbilder anschauen. Heulen. An die Gedichte denken, die ich vor 2 Jahren über den Kater schrieb und die mit dem alten Smartphone wohl gestorben sind. Im Bett liegen und nicht mehr können, nicht die Katzenkeksgläser abwaschen, nicht aufräumen, nichts. Katerförmiges Loch in mir.

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Stille

#CN Tod

Die letzten Male musste ich bei der Tierärztin immer sehr lange warten. Heute waren keine Menschen im Wartezimmer. Nur eine Katze, die sich im Regal bei der Meerschweinchenstreu verkrochen hatte und sich jedes Mal duckte, wenn die Assistentin oder die Tierärztin vorbeikamen. 

Da saßen wir. Der Kater hatte zum ersten Mal seit Monaten nicht bei mir im Bett geschlafen. Und statt bis am Nachmittag zu warten, packte ich ihn gleich ein.

Als ich wieder raus kam, waren immer noch keine Leute da. Wie gut. Zuhause heulte ich erst einmal laut. 

Es ist Zeit

#CN Tod

“Es ist Zeit”, sagt etwas in mir, wenn ich meinen Kater ansehe. Herr Schnurrkringel möchte nicht mehr. Möchte nicht mehr zur Tierärztin, möchte nicht mehr Medikamente nehmen, möchte nicht mehr Fressen (obwohl heute noch gnadenhalber Thunfisch angenommen wurde), möchte nicht mehr Trinken. Seit ich von einem kurzen Besuch bei M. nachhause gekommen bin, liegt er an der Heizung und rührt sich kaum von dort weg.

Eigentlich wollte ich ihm noch einen schönen Frühling ermöglichen und ihn vor allem nicht bei der Tierärztin im Gefrierschrank lassen und warten bis der Boden bei der Königinmutter wieder aufgetaut ist. Aber er kotzt alle Schmerzmedikamente aus, auch sein Arthritismedikament, den Magenschutz … gerade die Antibiotika, von denen zwei verschiedene eh schon nicht gewirkt haben und seine Nierenmedikamente, die er seit dem Herbst jeden Tag braucht behält er bei sich. Aber er hasst es, wenn ich sie ihm gebe.

Die meisten Menschen, denen ich davon erzähle, fragen, wie alt er ist. Herr Schnurrkringel ist 15 1/2. Ist das alt für einen Kater? Oder ist er noch zu jung? Unsere letzte Katze wurde 23, aber sie war klein und zäh. Herr Schnurrkringel ist groß und zart. So zart. So nervös, so leicht zu ängstigen. Er mag keine lauten Geräusche, keine plötzlichen Geräusche, keine gehobenen Arme, keine Stangen, kein Geklapper, kein Geschiebe, den Staubsauger nicht und die Waschmaschine nicht und singen darf ich auch nicht.

So ein eigener Kater. Und dabei der beste Kater, der bravste. Bis er anfing aufs Sofa und aufs Bett zu pinkeln, der Blase wegen. Seit alles mit Inkontinenzunterlagen abgedeckt ist, pinkelt er nicht mehr aufs Sofa oder aufs Bett. Armer Lausbub. Wären es nur die Nieren, nur die Arthrose in der Hüfte, ich hätte es noch länger versucht, aber die Blasenentzündung verschwindet einfach nicht.

Ob er morgen noch etwas frisst? Wie ihn morgen einpacken? Wie das morgen überstehen? Wie schlafen? Aber ich muss ihn nur ansehen.

15 Grad

Draußen hat es 15 Grad und ich erinnere mich an die Sommermorgen im Tessin und wünschte, ich wäre dort. Am Morgen war es immer kalt. Das Tal ist so eng, dass die Sonne das Haus erst spät erreicht. Manchmal sahen wir zu, wie der Schatten des Berges hinter uns langsam über den Schatten des Berges vor uns glitt, über den Fluss, immer näher ans Haus heran, bis die Sonne uns endlich erreichte.

Am Morgen mussten wir uns warm anziehen. Das Frühstück fand an einem riesigen Steintisch statt, draußen unter einer Pergola, die mit Americanareben überwachsen war. Die Küche und der Kühlschrank waren nicht weit, also halfen wir dabei, alles hinauszuschleppen, Geschirr, Joghurt, Obst, Butter, Aufstriche, Käse, Fleisch, Brot.

Um 9 Uhr erklang ein lauter Ton – der Beck war da, ein kleiner Wagen mit Verdeck, der Brot brachte, auch Milch, Joghurt und andere Notwendigkeiten, der nächste Supermarkt war weit entfernt. Es lohnte sich gar nicht, vor 9 Uhr zu frühstücken – fuhren wir einmal früher fort, zum Markt nach Bellinzona, dann frühstückten wir dort, im Café auf der Piazza vor der Kirche.

Die Luft duftete immer so. Sie duftet noch immer so. Die Brötchen dufteten auch immer so. Wenn der Tisch gedeckt war, kamen auch alle, Kinder und Erwachsene, und frühstückten gemeinsam. Wenn die Sonne kam, wurde es schnell heiß und alles leicht verderbliche wurde in den Schatten gestellt und wanderte mit.

Waren wir fertig, wurde alles wieder hinein getragen und dann wurden die Zähne geputzt und dann machten wir vielleicht kurz Pause, besuchten Katzen, lasen ein paar Seiten, aber eigentlich ging es dann an den Fluss, denn es wurde heiß, heiß, so dass die Fußsohlen brannten, wenn wir barfuß gingen.

Ich kenne noch jeden Schritt und die Wand des Berges vor uns, über 2000 Meter hoch, den Weg zum Fluss und die Felsen, von denen die größten noch so sind wie früher, aber sonst war vieles anders, als ich das letzte Mal dort war. Die Morgen rochen noch immer gleich.

Liebe und so Zeug

“It’s love.”, sagte ich auf Twitter, mit herzförmigen Pfingsrosenblättern hinter den Brillengläsern und schrieb dann ein wenig über Liebe, auf Englisch, weil mir Englisch emotional oft näher liegt. Die Tweets findet ihr an das Bild angehängt. Hier möchte ich meine Gedanken nochmal ein wenig ausführlicher und auf Deutsch aufzeichnen.

Es ist Sonntagnachmittag und ich könnte ca. 100 Dinge tun, von Haushalt über Stricken, Aufräumen, Kunst, Singen, Sport, Schlafen, Lesen, Rausgehen und Kombinationen von all diesen Tätigkeiten, aber eigentlich wäre jetzt der perfekte Zeitpunkt zum Kuscheln. Nur ist da keine Person, mit der ich kuscheln könnte. Wenn Liebe als romantische und sexuelle Liebe für eine oder mehrere Person_en definiert wird, war ich seit 2007 nicht mehr verliebt. So lange ist es her, dass ich eine Beziehung hatte.

Wird auch Freund_innenschaft als Liebe definiert, dann habe ich mich seit 2007 schon mehrmals ver- und entliebt und habe viele verschiedene Beziehungen. Manche Freund_innen haben mich auch verlassen oder ich sie. Meistens haben wir uns auseinandergelebt oder da war ein Konflikt, den ich nicht begreifen und lösen wollte_konnte.

Meine Mutter hat letztens gesagt, sie kenne viele junge Frauen, die alleine lebten und einfach keinen Partner fänden. Sie traf sich aufgrund eines Begräbnisses mit engen Freundinnen, deren Töchter zeitweise auch meine Freundinnen waren und diese Töchter waren nun alle Single. Kein Wunder, haben uns doch die Beziehungen unserer Mütter zur Genüge gezeigt bzw. zeigen sie noch, wie wir Beziehungen *nicht* haben wollten_wollen.

Ja, wenn ich an meine vergangenen Beziehungen denke oder an die, die ich so beobachte, dann weiß ich ganz genau, dass ich nie wieder allein zuständige Partnerin/Mutter/Therapeutin/Fitnesscoach/Freizeitorganisatorin/Managerin/Köchin/Dokumentarin/usw. usw. usw. sein möchte, ohne dass mein_e Partner_in auch seinen_ihren Teil zu einer Beziehung beiträgt. Ich schreibe hier absichtlich nicht nur “Partner”, aber meh, keine Ahnung & keine Lust, das jetzt aufzuschreiben.

Ganz klar vermisse ich körperliche Nähe und die viele Zeit, die ich mit einer Person verbringen möchte, die mich wirklich gut kennt. Ich verbringe ungeheuer gerne Zeit mit meinen Freund_innen, aber sehe die meisten von ihnen ca. einmal im Monat oder alle zwei Monate, wenn ich welche zweimal im Monat sehe, ist das schon viel. Da ich doch einige Freund_innen habe, sehe ich also jeden Monat ein paar davon und das ist doch nicht dasselbe, wie eine (oder mehrere) Personen zumindest ein-, zweimal die Woche zu sehen, ohne dass etwas auf dem Plan steht oder eben weil etwas auf dem Plan steht. Gemeinsames Übernachten ist auch was. Aber am Ende des Tages gehen wir alle immer alleine nachhause.

Auch was die körperliche Nähe betrifft – einerseits erwarte ich absolut nicht von meinen Freund_innen, dass sie meine Bedürfnisse in dem Aspekt stillen. Andererseits bin ich da auch einfach heikel. Bis mich Menschen anfassen dürfen, ohne dass ich das eigentlich lieber nicht möchte, müssen sie mich entweder schon länger kennen oder sie müssen mir sehr vertraut erscheinen. Mit den meisten Freund_innen, die ich schon lange kenne, fühle ich mich sicher. Umarmungen, Arm in Arm gehen, sich aneinander lehnen, das ist alles ok mit diesen Personen. Gestern hat eine Freundin meine Hand genommen, damit wir im Menschengewühl nicht getrennt werden und das war unerwartet schön. Aber bei den meisten Menschen bin ich absolut glücklich, wenn wir uns aus zwei Metern Entfernung zuwinken.

Ich fühle mich oft sonderbar, weil ich meinen tatsächlichen physischen Körper nicht mehr uneingeschränkt teilen möchte. Ich mag deshalb sicher nie zu irgendwelchen Events, egal wie empowernd sie sein sollen, wo mich fremde Menschen anfassen und Dinge wie Kuschelparties oder casual sex sind deshalb nichts für mich, auch wenn das sicher eine Lösung für die rein physische Vermissung von Nähe wäre. Ich finde das auch ok so.

Manchmal komme ich mir auch “schwierig” vor. Anspruchsvoll. Manchmal hat die Beste so Phasen, wo sie mir vorträgt, dass wir dann überhaupt keine Partner_innen finden. Aber ich bin nicht schwierig und was habe ich von einer Beziehung, in der ich mich verstellen oder die wirklich wichtigen Teile von mir verstecken muss? Die Person muss nicht alle meine Interessen teilen – gewisse Überschneidungen wären nett – aber wirklich wichtig wären gemeinsame politische Ansätze, die auch im Alltag ausgelebt werden.

Und ich bin voll mit Geschichte_n, so wie wir alle, die ich eigentlich teilen möchte. Deshalb dieser und andere Blogs, deshalb Twitter. Mittlerweile erzähle ich aber nicht allen Menschen alles über mich. Meist fehlt die Zeit dafür, aber meistens fühle ich mich auch einfach weird und ich habe Angst davor, dass ich dann zu weird erscheine und sich die Menschen wieder verabschieden von mir und dabei ein Stück mitnehmen. Je vertrauter ich mit Personen werde, desto schmerzhafter ist es, wenn sie sich von mir verabschieden, also warte ich lieber, bis ich das Gefühl habe, sie mögen mich zu sehr, als dass ich ihnen sonderbar vorkommen könnte. Aber ob so wirklich enge Beziehungen überhaupt entstehen können?

Die Absenz einer engen, romantischen, eventuell sexuellen Beziehung macht mich regelmäßig traurig, manchmal mehr, manchmal weniger. Aber gleichzeitig bin ich auch geduldig genug zu warten, bis eine Person kommt, die so eine Beziehung mit mir anfangen möchte. Und Warten ist für mich ok, denn einerseits traue ich mich (immer!) noch nicht wirklich, auf Personen zuzugehen mit meinen Wünschen nach Beziehung_en, andererseits muss eben nicht jede Beziehung eine romantische und dann auch eine sexuelle werden.

Meine Liebe gehört also meinen Freund_innen, meinem Kater und jeder Menge Medien und Objekten. Sie wabert um mich herum und umflauscht Graffiti, Blumen, architektonische Elemente, Essen, Eis, Farben, Kleidung, zufälllige Unbekannte und politische Bewegungen. Die Differenz zu meiner Einsamkeit als Teenie, als ich dachte, eine heterosexuelle romantische und sexuelle Beziehung wäre der Schlüssel zu meinem Glück, ist riesig. Manchmal denke ich mir: Hätte ich nur damals gewusst, was ich heute weiß! Und freue mich für die heutigen Kinder und Teenies, die Feminismus und andere emanzipatorische Ansätze im Internet und anderen Medien entdecken können und so weniger Druck verspüren. (Klar, in der Schule wäre das wirklich noch besser. Es gibt noch viel zu tun.)

Ich vermisse immer noch dieselben Dinge, aber es ist voll ok so wie es ist. Wahrscheinlich wären konkrete Ansätze (gemeinsames Wohnen, verdammt!) und ein wenig Initiative auch nicht schlecht (aaahhhh Angst!). Aber ist mein Leben voll Liebe? Ja. Von dieser einen, spezifischen Liebe abgesehen.

Zum Beispiel Luise

Der Twitteraccount @BitchFlicks, dem ich folge, fragte letztens, in welchem Film, bei dem eine Frau Regie führte, wir uns ganz repräsentiert sahen. Nun, für mich jetzt gibt es (noch) keinen solchen Film – und auch kein solches Buch und keinen Comic und kein Lied.

Aber es gab einmal ein Buch. Bei meinem Aufenthalt auf dem Land stöberte ich in der Kiste mit Fotos aus dem Fundus meines Vaters und fand dieses – aus einer Serie von drei Bildern.

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Hier bin ich ca. 6 Jahre alt, vielleicht ein wenig älter oder ein wenig jünger und lese wahrscheinlich zum ersten Mal “Das doppelte Lottchen” von Erich Kästner. Und wenn mich eine Figur in einem Buch jemals repräsentierte, dann war das Luise, die wilde Zwillingsschwester.

Als ich meiner Mutter einmal erzählte, dass dies mein Lieblingsbuch von Kästner sei, meinte sie, es wäre ihr zu seicht. Aha. Ausgerechnet das einzige Buch Kästners in dem zwei Mädchen die Hauptrolle spielen nahm sie als seicht wahr. Die Parallelen zwischen mir und Luise und dass mir deshalb das Buch so wichtig sein könnte, sah sie gar nicht.

Luise hatte wilde, blonde Locken – ich auch, wenn auch kurze. In meinen Bilderbüchern gab es nicht so viele Figuren mit blonden Locken. Ronja Räubertochter kam erst später, auch eine wichtige Identifikationsfigur, aber wenig mit der Realität verknüpft.

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Sie wohnte in Wien – und dorthin war meine Familie vor kurzem übersiedelt. Ich hatte zu dem Zeitpunkt kein einziges anderes Buch, in dem eine Figur in Wien wohnte – die von Christine Nöstlinger kamen erst später.

Luise aß für ihr Leben gern Süßes und besonders Palatschinken, die sie immer aß, wenn sie mit ihrem Vater ins Hotel Imperial ging. Meine arme Mutter mag süßes Essen gar nicht, weil ihr Bruder es sehr mochte und als sie klein waren, durfte er immer den Speiseplan bestimmen. Meine Großmutter machte also Palatschinken für meinen Bruder und mich und meine Mutter konnte auch manchmal dazu bewegt werden. Ach, Palatschinken. Muss ich bald wieder machen.

Noch etwas verband mich mit Luise: Sie haute andere Kinder. Manchmal gerechtfertigt, manchmal ungerechtfertigt. Ich prügelte mich mit meinem kleinen Bruder und meine Eltern unterbanden das nicht (würde ich heute unbedingt). Dabei blieb sie trotzdem eine sympathische Figur – auch das kommt in der Kinderliteratur selten vor (zurecht).

Ob bei all dem die Scheidung der Eltern der wichtigste Aspekt war, weiß ich nicht. Aber meine Eltern waren auch geschieden und ich hatte kein einziges anderes Buch, in dem solche Eltern vorkamen. Meine Eltern waren dabei noch spezieller, sie wohnten in Wien erst noch zusammen, dann in einem Haus, auf einer Etage, in zwei Wohnungen (wie im Doppelten Lottchen am Ende mit dem Atelier nebenan).

Aber egal wie sie wohnten, denn das war eher nebensächlich, sie waren den Eltern von Luise und Lotte ungeheuer ähnlich: Mein Vater, der große Künstler (Architekt, nicht Dirigent), meine Mutter, sehr beschäftigt mit ihrer Arbeit mit behinderten Kindern (nicht Journalistin). Es ist schon erkennbar: So privilegiert wie Luise aufwuchs, wuchs auch ich auf.

Nur ein Fräulein Gerlach gab es erst später, die Freundin meines Vaters zu der Zeit war sehr nett und interessierte sich sehr für meinen Bruder und mich.  Mein Bruder war auch nicht mein Zwilling, aber wir hatten doch zwillingsähnliche Eigenschaften. Dass meine Eltern sich wieder in einander verlieben würden, war sehr unwahrscheinlich, ich habe es mir auch nicht gewünscht. Und ich mag Katzen lieber als jeden Mops. So weit gingen die Parallelen zwischen mir und Luise doch nicht. Aber es gab genug. Und so hieß dann auch meine zweite Puppe Luise … und es ist ein schöner Name für ein Kind.

Ja, schon wieder Trauerarbeit

CN (Content note – Notiz zum Inhalt): Tod eines Elternteils

Ja, schon wieder! Sie geht nicht weg. Vor einiger Zeit schrieb ich an eine andere Person über das Hinwegkommen über Trauer:

Es wird nur … weniger oft. Nicht weniger intensiv. Aber irgendwann ist es dann nicht mehr ganz so fürchterlich schlimm.

Dann ist es nur noch fürchterlich schlimm. Dann nur noch fürchterlich. Usw. Aber es geht nie ganz weg, wie auch.

Aber Trauern ist notwendig und ok. Trauer verschleppen oder verdrängen zieht sie nur in die Länge & macht noch einsamer.

Irgendwann legt dann das Leben vielleicht genug schöne Tücher über die Trauer & mummelt sie weich ein.

Dann hält sie Winterschlaf bis zum nächsten Mal. Vielleicht wacht sie zwischendurch auf. Aber es ist ok. Trauer ist ok.

Ja, sie wacht zwischendurch auf, besonders wenn die Haut wegen anderen Dingen schon dünn ist. Je mehr andere Dinge an mir nagen, desto eher wacht sie auf, die Trauer. Da ist sie dann, springlebendig, leuchtend, pulsierend. Schmerzhaft, lästig, ungeplant. Wenn ich dann versuche, sie wieder einzumummeln, wächst sie und wächst sie, bis ich selbst alle Tücher wegreiße und sie anschreie: “Was zum Scheiß ist denn jetzt wieder?”

Meistens ist es eine Variante von “Dein Vater hat dich mal sehr geliebt, aber später warst bzw. jetzt bist du ihm nicht gut genug.” Diesmal sind es die Kinderbücher, die ich lese, solche mit meinem Namen im Titel, die er extra für mich ausgesucht und gekauft hat. Eigentlich will ich sie nur lesen, damit ich sie eventuell weiterempfehlen kann, aber der schiere Gedanke daran, dass mich mein Vater einmal so geschätzt und unterstützt hat, bringt mich so zum Heulen und zur Verzweiflung, denn ich bin heute immer noch nicht in einer Situation, die mein Vater akzeptiert hätte, in der er micht wieder geschätzt und unterstützt hätte. Aber wäre er je zufrieden gewesen?

Heute hatte ich zum ersten Mal den Gedanken, dass er der ist, der den Schaden hatte: Er hat seine Tochter nie glücklich gesehen, weil er jeden Weg den ich eingeschlagen habe als schlecht und nicht genügend definiert hat. Viele meiner Wege habe ich deshalb wieder aufgegeben. Dabei bin ich jetzt genauso geldlos wie als wenn ich doch Regisseurin geworden wäre. Oder “echte” Historikerin, so an der Uni. Dadurch dass ich ihm nie genug war, war ich ihm nie genug.

Zwischendurch hat er sich dann doch verraten, wenn er ja doch mit Genuss die Kuchenstücke aß, die ich ihm hinstellte, die gestrickten Sachen trug, die ich ihm schenkte, die Comics las, die ich un_absichtlich herumliegen ließ. Aber er hat so viel nicht gewusst von mir, wollte es nicht wissen, weil er mir immer nur Vorträge darüber hielt, was ich zu tun und zu lassen hatte.

Das war irgendwie sein Pech. Wir hätten es so schön haben können.

Und damit ist die Trauer mal wieder gelüftet. Denn die Frischluft braucht sie, damit sie dann nachher wieder in Tücher eingemummelt werden kann bis zum nächsten Mal.

Sprossen

Content Note: Tod eines Elternteils

Zu lang für Twitter, diese Erzählung. Ich will nämlich ein bisschen erzählen, von meinem Vater, denn gestern ist es sieben Jahre her, dass er gestorben ist. Und ich musste schon kürzlich an ihn denken, ich weiß nicht warum, es ging wohl auch um Sprossen. Wobei, mein Vater züchtete Keime, Weizenkeime. Er hatte dafür ein ausgeklügeltes System mit fünf Apfelmusgläsern, fünf Stücken grober Plastikgaze, fünf Gummiringen. Oder vielleicht waren es sechs oder sieben, ich weiß es nicht mehr ganz genau.

Damals, als in unserer Küche noch nicht alles zugeräumt war mit Papier, als wir noch kochten. Damals als wir auf dem Küchentisch mit dem schönen Tischblatt aus Nussholz die Weizenkörner verlesen mussten, denn es gab solche, deren Keim beschädigt oder abgebrochen war. Kein Wunder habe ich später gerne diese winzigkleinen Glasperlen sortiert, es war genau dasselbe, nur nicht so regelmäßig und gezwungenermaßen.

Eine bestimmte Anzahl Weizenkörner – wieviele Esslöffel waren es nochmal? Zwei? – kamen in eines der Gläser, dann kam Wasser dazu, bis zur Mitte des Glases. Am nächsten Tag wurden sie gewaschen und neues Wasser eingefüllt. Am dritten Tag waschen, kein neues Wasser (oder doch?). Am vierten Tag begannen sie vielleicht zu keimen? Irgendwann hatten sie dann genug gekeimt – war es doch nach sieben Tagen? Und dann bekamen alle am Tisch – mein Bruder, mein Vater und ich – zwei Löffel Weizenkeime. Ins Müsli. Oder einfach so, in diese kleinen grauen Schälchen, die … irgendwohin verschwunden sind.

Für Frühstück und auch für das ins Bett gehen war nämlich mein Vater zuständig, meine Mutter ging schon viel früher aus dem Haus, legte uns dafür die Schachteln mit den Pausenbroten (und Karotten) hin.

So war das. Eigentlich eine sehr langweilige Geschichte. Aber heute bekam jemand so ein Sprossenglas geschenkt, heute gibt es das in verschiedenen Ausführungen, von fancy bis superfancy. Und wie da nicht an meinen Vater denken und die ewige Ausleserei der Weizenkeime und wie er dann aufhörte, als mein Bruder in die Schweiz verfrachtet wurde und ich kein Müsli mehr aß in der Früh und keine Ovomaltine mehr trank. Sondern? Kalte Milch, glaube ich. Vielleicht auch einfach Tee.

Irgendwann hat er dann die letzten Weizenkörner in die Pflanztröge auf dem Balkon geworfen und eine Menge dort wachsender Pflanzen starben an Lichtmangel und der Kater konnte nicht mehr in den Pflanztrögen liegen.. Die geernteten Ähren lagen jahrelang in einer Metallschüssel und nach seinem Tod warf ich sie dann weg. Die Schüssel habe ich behalten.

Schwerer Vater

[#CN Tod eines Elternteils]

Es ist die Leichtigkeit, die ich vermisse. Die Leichtigkeit meines Vaters. Wann hat er die verloren? Wann wurde jedes Gespräch mit ihm schwer, so schwer, so belastend, dass ich den Gesprächen versuchte auszuweichen, wie es nur ging, so dass wir keine erwachsenen Gespräche führten, sondern bis zu seinem Tod Elter und Kind waren? Ich packe die Dessertschälchen ein, die einen Strahlenkranz wie eine Sonnenblume eingeschliffen hatten. Von diesen und anderen aßen wir damals manchmal geschlagenen Schlagobers mit Ovomaltine und mein Vater klaute uns jeweils einen Löffel. Ich finde vier Tässchen von unterschiedlichen Firmen, die aber doch alle zusammenpassen als hätte sie ein Hipsterdesignlabel lanciert (Vater, Hipster avant Hipsters, auch mit seinem Fahrrad, allem!). Sie sind femmetastisch, zierliche Ranken, Blüten, wunderschön, ungeheuer twee, schreien nach einem Fotoshooting, wie es klischeehafter nicht sein könnte. Sie sind lustig und mein Vater hat sie so ausgesucht, als er noch lustig war.

Drei Bananenschachteln mit Fotos, Negativen, Dias, mein Bruder und ich quietschen über Babybilder unserer Cousin_en, über die jungen Erwachsenen, die uns seit unserer Geburt begleitet haben, lachen über unseren Vater mit seinem merkwürdigen Sonnenhut, der schon damals nicht cool war und es nie sein wird. Ein Fotoalbum mit Architekturdetails, Porträtfotos – ein tumblr, Instagramaccount, Fotoblog. Fotos unserer Wohnung, in der genug Platz war für die Dinge, die wir nun friedlich untereinander aufteilen und für 10.000 andere, längst verschwundene Dinge. Es lohnt sich nicht, darum zu streiten, lieber zerbreche ich alles in klitzekleine Scherben als darüber meinen Bruder zu verlieren.

Die kleine Teekanne, angerostet, ich habe sie damals nicht gefunden und dachte, ich hätte sie verschenkt. Schwindel von zu wenig Schlaf, Hitze, dem andauernden Bücken nach noch einem Glas, das aus- und wieder eingewickelt wird. Mir schwimmt der Kopf.

Später schmuse ich den Kater ab, seit Mai hab ich ihn nicht gesehen und am nächsten Tag gleich nochmal. Da heule ich auch, denn zwischen den vielen Fotos finde ich die Grabrede wieder, die ein Freund meines Vaters hielt und die Erinnerungen. Fotos meines gerade verstorbenen Großvaters. Von meinem Vater gibt es von diesem Zeitpunkt keine Fotos. Eine erste Verfügung meines Vaters vor seiner allerersten Chemotherapie. Er hat sich so gewünscht, in einer Nische nahe seiner Eltern beigesetzt zu werden und jetzt wird ihre Urnennische aufgelöst, die Zeit ist abgelaufen. Dann ist er allein. Darüber auch heulen.

Noch mehr Kinderfotos, eine ganze Fotoreihe mit meiner Familie auf einem Sessel, der schon längst verkauft ist. Mein Vater, meine Mutter, ich, ein halbes Jahr alt, meine Großmutter, mein Onkel, mein Cousin, meine Tante. Die Fotografie von mir mit meiner Patentante, das lange bei den anderen Bildern hing und nun wieder bei mir hängen soll. Eine Fotoserie mit meinem Bruder und mir, ich spiele mit unserer damaligen Familienkatze, die fast so groß ist wie ich.

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Wie wird aus dem schweren Vater ein leichter? Wie wird aus dem schweren Herzen ein leichtes?

Badeente hanging on

[#CN Tod, Tod von Eltern, Mobbing, Anxiety, Depressionen, Food/Essen, street harassment]

Im Moment bin ich ein gelbes Badeentchen im Meer. Jeden Tag muss ich mehr & mehr Wasser aufnehmen, das ich dann bis zum Abend mit allen mir verfügbaren Methoden wieder aus mir rauskriegen muss, damit ich weiterschwimmen kann. Noch funktioniert das, aber ich weiß nicht mehr, wie lange noch.

Was ich damit meine? Vorletzte Woche ließ meine Mutter endlich ihre Halsschlagadern untersuchen – mein Onkel hatte schließlich vor 6 Monaten einen Schlaganfall – und die waren ok, aber was fanden sie? Einen Knoten in ihrer Schilddrüse. Mehrere Personen haben mir *versichert*, dass die meisten Knoten in der Schilddrüse harmlos sind und sonst die Schilddrüse einfach entfernt werden kann.

Meine Panik, dass nach meinem Vater jetzt noch meine Mutter sterben könnte, beruhigt das nicht. Tatsächlich wird sie irgendwann sterben und ich kann nichts dagegen tun. So ist das. (Kurze Atempause, damit ich nicht heule hier im Starbucks. Werkzeug 1: Aaaaatmen.) Also hatte ich vorletzte Woche eine Panikattacke auf dem Weg in die Arbeit. Heulend lief ich in dem campusartigen Areal zuerst einen großen Kreis, dann einen anderen. Handelte mit Gott. Sagte mir, dass das nicht klappen würde. Bekam Panik vor dem selber Sterben. Ließ mir von den Zweigen der Trauerbuche den Kopf streicheln (Werkzeug 2), hörte meine “Emergency”-Musikliste mit all den Liedern, die mir nach dem Tod meines Vaters geholfen hatten (Werkzeug 3) und achtete ganz genau wohin ich meine Füße setzte, um ja keine Ameisen oder Käfer zu zertreten (Werkzeug 4).

Danach war ich ein wenig ruhiger und ging brav in die Arbeit. Merkte, dass meine Kollegin auch nur mühsam die Tränen zurückhielt. Schleppte sie nach dem Mittagessen auf einen Spaziergang, auf dem wir aussprechen konnten, warum wir am Heulen waren. Danach sprach ich mit vielen anderen Menschen (Werkzeug 5). Achtete auf die kleinen Schönheiten (Werkzeug 6) und ging an Orte, an denen ich mich wohlfühle (Werkzeug 7), ging in meine Therapiestunde (Werkzeug 8).

Und das Badeentchen schwamm wieder oben. Ich machte spontan Spargelflammkuchen, schaffte zwei Level im Wohnungseinrichtungstetris, erledigte aufgeschobene Dinge. War erstaunt wie gut es mir doch ging, mental.

Dann spreche ich mit meinem Bruder über unsere Mobbingerfahrungen und wie sich diese heute auswirken und wie er damit gegenüber Nibling umgehen soll, damit Nibling nicht dasselbe Gefühl von völlig fehlender Unterstützung hat und all die Gefühle, die Schuldgefühle, dass ich meinen kleinen Bruder nicht beschützen konnte, dass er mir weggenommen wurde und ich ihm, dass wir nicht einmal einander hatten, die Trauer, die Wut kamen wieder. Aber hey, Therapie, mentales Pflaster draufkleben, wird schon, alles vorbei, hart daran gearbeitet, dass es anders wird, Badeentchen schwimmt, schwimmt.

Dann die Nachricht vom Tod des Nachbars unter mir, der ähnlich lange in dem Haus lebte wie ich. Er war lange krank gewesen, aber dass er stirbt … täuscht es mich, oder kommen die Einschläge näher? Stirbt dafür meine Mutter nicht? Oder fehlt jetzt noch ein drittes schlimmes Ding (meine anxiety findet, es müssen immer drei Dinge sein, erst dann ist es aus) oder ist der Knoten in der Schilddrüse meiner Mutter das zweite Ding gewesen? Bin jetzt ich dran? Vorsichtshalber überlegte ich gestern, alle abgelaufenen Konserven & eingelegten Dinge in der Speisekammer meiner Mutter wegzuwerfen & ihr eine Nachricht zu schicken, dass sie nach Wien kommen soll, wenn sie nichts mehr von mir hört, weil ich an Botulismus gestorben bin. Mühsam unterdrücke ich den zweiten Impuls. Beruhige mich, beruhige mich. Immer und immer wieder. Stricke (Werkzeug 9). Höre meine Einschlaflieder (Werkzeug 10), schaue schöne Bilder die ich gemacht habe an (Werkzeug 11). Gehe in die Arbeit.

Dann erzählt mir die Beste, dass ein Typ sie regelmäßig auf der Straße belästigt & stalkige Züge zeigt. Sie nimmt einen anderen Weg nachhause, überlegt Strategien für das nächste Mal, ob sie bei der nächsten Polizeistation was sagen soll. Freut sich, dass er die letzte Woche nicht an der Ecke saß (yay kaltes Wetter), dass sich aufgrund der Schulferien bald ihr Tagesrhythmus ändert. Ich mache mir Sorgen und bin wütend. Dann geht die Waschmaschine endgültig kaputt (hoffentlich nur die Stoßdämpfer).

Immer mehr Wasser im Badeentchen. Ich packe meine Lieblingsdinge aus, meine hundert Schüsselchen, in denen ich meine Haarklammern, meinen Lippenstift, meine Ohrringe, meine Gesichtscreme aufbewahrt habe. Stelle meinen Setzkasten auf. Eine Stimme in mir sagt, der Setzkasten sei infantil und die Schüsselchen sehen vor dem strengen, aber sehr ästhetischen Bild dahinter scheiße aus. Ich setze mir Ohrringe ein und finde plötzlich, meine Ohrläppchen sehen total weird aus. So dünn ist meine Haut von innen, dass der Selbsthass wieder durchdringt. Wenigstens setzt danach sofort die “Wtf Anna, deine Ohrläppchen sind völlig ok, das ist nur dein Selbsthass”-Stimme ein, aber trotzdem.

Am nächsten Morgen sehen die Schüsselchen voll ok aus und der Setzkasten auch. Er braucht auch keinen neuen Anstrich in rosa, keinen anderen Ort. Ich hole meinen Lieblingsrock ab, der jetzt 16 Jahre alt ist und einfach ein neues Gummiband brauchte. Badeentchen schwimmt wieder.

Dann brüllt ein Straßenbahnfahrer eine Radfahrerin zusammen, weil sie ihm nicht ausweicht, z.B. auf den Gehsteig, was illegal ist. Ich tweete das den Wiener Linien & werde von einem Twittertyp Petze genannt. Ich gehe in die Arbeit, finde Adjektive wie “bleak” und “insipid” für das, was ich dort tue. Beobachte bei Mittagessen das Paar, das sein Pärchensein täglich durch Streit um die Nachspeise demonstriert, versuche das tägliche Food- und Fatshaming auszublenden, esse schnell, haue ab. Mache mich auf den Heimweg. Versuche, essbare Dinge zu kaufen, damit ich zuhause frühstücken kann, damit ich am Abend noch was zu Essen habe, damit mein Essverhalten nicht total abruscht (edit: ins gar nicht Essen, scheint im Moment so bei mir zu sein) (Werkzeug 12).

Warte auf die Straßenbahn. Kommt ein Typ, will unbedingt dort durch wo ich stehe (nächstes Mal bleibe ich stehen, nächstes Mal …), ich gehe aus dem Weg, vielleicht muss er ja in das Gebäude hinter mir. Nein. Er stellt sich fast genau hinter mich, ich mag das nicht, gehe auf die Seite. Drehe mich halb um. Bemerke wie komisch er sein Handy hält, höre seine Handykamera klicken, merke, er fotografiert die Frau neben mir und mich. “Was fotografieren Sie da? Haben Sie mich gerade fotografiert? Was machen Sie mit den Fotos? (Zur Frau) Der hat Sie fotografiert. (Sie auch, sagt sie zu mir.) Zeigen Sie mir die Fotos! Löschen Sie die Fotos!” Er brabbelt irgendwas, flüchtet in die Straßenbahn, in die ich auch muss. Ich hasse alles.

Komme nachhause, will mir brav Salat machen (weil Essverhalten, Vitamine, scheiße nochmal), finde die Salatschleuder nicht, weiß nicht, wo ich sie eingepackt habe, versuche das als das insignifikante Problem zu sehen, das es ist. Esse Salat. Sterbe vielleicht an Botulismus, weil wie lange halten sich Kapernbeeren in Essig? Entdecke dann, dass meine Mutter meine Notschokolade mitgenommen hat. Fast gehe ich unter. Will sie anrufen & anschreien. Halte mich zurück. Sie hat sich sicher geirrt und es geht ihr sicher gerade auch nicht gut, sie braucht auch Schokolade. Setze mich aufs Bett, um nichts kaputt zu machen. Ein Twittertyp suggeriert, ich könne ja eine Tafel Schokolade kaputtmachen. Er hat offensichtlich meine Tweets nicht gelesen oder nicht verstanden. Ich antworte trotzdem nicht böse, sondern gar nicht. Ich fluche. Alle Menschen, mit denen ich reden möchte sind auf Reisen. Ich schaue auf die Uhr. Ich schalte auf stur. Gehe hinaus in den strömenden Regen, spazieren, Eis essen. Fluche, weil ich 35 bin und keine Gummistiefel habe & will verdammt nochmal welche, ich bin alt genug dafür. Habe wenigstens einen femmetastischen Schirm. Merke wie wichtig es mir ist, femmetastische Dinge zu haben (Werkzeug 13).

Badeentchen hat sich mühsam wieder an die Oberfläche gerettet. Träume von Nibling & Zusammenleben mit mühsamem Baby (nicht meins), das anders erzogen wird als ich mir das vorstelle. Will das nicht. Werfe mich in Kleiderrüstung (mit Ghiblifiguren gegen die Scheißwelt), greife zum Femmetastischschirm. Café ist voll. Also nochmal spazieren. Am Ende des Tages winkt Gesellschaft & Eis oder anderes gutes Essen (Werkzeug 14). Mühsames, mühsames Wassertreten.

Nachsatz: Alles aufschreiben (Werkzeug 15).