Frantz und der Tod

CN Tod, Krankheit, anxiety, Depression, Suizid

Seit ich den Menschen von Frantz erzähle, hadere ich mit den Reaktionen und mit meiner Reaktion auf sie. Im Moment werde ich oft so wütend, dass es schwierig ist, mich im Zaum zu halten. Eigentlich möchte ich dann schreien, aber ich muss liebevolle Wege finden, um auf Dinge wie (sinngemäß) “Du musst nur positiv denken, dann geht alles gut aus!” zu antworten. So offensichtlich wie für mich sind ja meine aktuellen Gedanken nicht – und da ich Menschen nicht noch mehr zumuten möchte, sage ich auch nicht, dass ich mich für den schlimmsten Fall vorbereite, also meinen eigenen Tod.

Unwahrscheinlich? Ich weiß es nicht. Für den Chirurgen, der den Eingriff macht und mit dem ich ihn vor fast zwei Wochen – es scheint schon Ewigkeiten her – besprochen habe, ist es Routine. Aber für mich nicht. Für mich ist das alles und das ganze Rundherum keine Routine. Wie schon geschrieben war ich dieses Jahr zum ersten Mal im Krankenwagen, in der Notaufnahme, als Patientin im Krankenhaus, unter Narkose. Das ist schon alles gravierend und beunruhigend genug für mich mit meiner anxiety.

Leider funktioniere ich dann sehr gut. Und je alleiner ich bin, desto besser funktioniere ich. Ich wollte bei allen Untersuchungen und Terminen im Krankenhaus nicht, dass meine Mutter mitkommt, sonst müsste ich mehr fühlen, weil ich ihre Aufregung und ihre Sorgen direkt und indirekt durch ihr Verhalten mitkriege. Ich bin deshalb auch froh, dass sie während der OP und danach nicht da ist. Das macht es vielleicht logistisch ein wenig schwieriger, aber für mich wird es leichter sein, nehme ich jetzt einmal an.

Von außen wirke ich also oft abgeklärt. Normal. Entspannt. Ich scherze. Vielleicht trägt auch das dazu bei, dass die Menschen denen ich von Frantz und seinen Konsequenzen erzähle reagieren, als wäre das alles nicht so schlimm. Ich mag sie nicht belasten. Ich mag ihnen auch nicht zeigen, wieviel Angst ich habe, wo meine wunden Stellen sind, wie dunkel es ist in Teilen von mir, wie unfassbar wütend ich bin. Vor allem nicht, wenn es Menschen sind, mit denen ich noch nicht einmal ansatzweise über meine Depressionen und anxiety geredet habe und die meine Ansätze nicht so teilen. Vielleicht fällt es mir deshalb leichter, darüber zu tweeten und zu bloggen, viele wissen ja schon, dass ich Depressionen habe und wo ich politisch ungefähr stehe und da schließe ich den Feminismus mit ein.

Zurück zum Tod. Dieses Jahr hatte ich schon das Gefühl, dass der Tod mich verfolgt. Ich tippte schon die Phrase “death is in my veins” in die Notiz-App meines Smartphones als ich noch nicht mal wusste, dass ich Gastritis habe, geschweige denn einen Frantz. Die Trauer um Herrn Schnurrkringel war so intensiv. Und wurde dann durch Susus Ankunft unterbrochen, was sicher auch gut war, aber. Susu gibt es auch nicht mehr. Die Trauer um ihn hatte weit weniger Platz vor lauter Gesundheitszeug, aber war da, darunter. Tod mitzuerleben bringt mich immer in die Nähe meines eigenen Todes. Ich wünschte mir halb und hatte trotzdem Angst davor, aus der Narkose, unter der ich für die Untersuchung im Krankenhaus sein musste, nicht mehr aufzuwachen.

Und jetzt muss ich schon wieder unter Narkose. Diesmal eine weitaus längere, tiefere. Und ich werde aufgeschnitten. Mir werden sehr wahrscheinlich Organe bzw. Teile davon entnommen. Danach komme ich dorthin, wo mein Vater starb. Auch er war zuerst nach einer Herzoperation im 21. Stockwerk des grünen Bettenturms des Allgemeinen Krankenhauses. Ein paar Monate später kam er in den 18. Stock und starb dort. Ich kenne die Gänge noch, den Starbucks im Hauptgang, die Schleichwege, auf denen ich das Krankenhaus verlasse, damit ich mit der Straßenbahn nach Hause fahren kann. Ich wollte nie mehr dorthin zurück gehen müssen.

Aber jetzt muss ich. Ist es da verwunderlich, dass ich mich für den schlimmsten Fall vorbereite? Am Montag habe ich einen Termin bei der Person, die für die psychologische Betreuung der Patient_innen auf der Station zuständig ist. Damit ich bei ihr die Gefühle aussprechen kann, die ich so nicht mit meiner Familie teilen kann und will. Und damit sie aufschreiben kann, was ich mir für mein Begräbnis wünsche, weil ich kann es nicht. Ich kann an gewisse Dinge denken, aber ich kann sie nicht aufschreiben. Vielleicht kann ich diese Gedanken und das Aufgeschriebene dann nachher mit meiner Mutter und meinem Bruder teilen, denn sie werden sich darum kümmern müssen.

Ich hoffe es jedenfalls, denn mein Vater hat nichts mit uns geteilt. Nicht seine Absichten, nicht seine Gefühle. Über seinen möglichen Tod und was in dem Fall zu tun ist, hat er nicht mit uns gesprochen. Ich verstehe das jetzt, denn ich will ja auch meine Liebsten nicht verletzen, aber es hilft absolut nicht, denn der Schock und die Trauer und das Gefühl des allein gelassen seins sind nachher umso stärker. Mein Vater hat nie darüber geredet, wie es war als seine Mutter starb als er 18 Jahre alt war. Meine Mutter hat nie darüber geredet, wie es war als ihr Vater starb als sie 18 Jahre alt war.

Jedenfalls stammt meine Überspiel- und Verdrängtaktik absolut aus der Zeit während und nach dem Tod meines Vaters. Mein Bruder sagte mir, ich hätte so abgeklärt gewirkt zu der Zeit, als ich mich hauptsächlich alleine darum kümmern musste, was mit der Wohnung und dem Nachlass meines Vaters passierte. Es blieb mir nicht viel anderes übrig. Auch jetzt bleibt mir nicht viel anderes übrig, es gibt keine anderen Personen, die mir den Tod meiner Katzen oder den Frantz abnehmen könnten. Aber sie können mich unterstützen und tun es auch.

Ihr seht, wie es in mir wabert. Ich möchte jetzt gar nicht mehr über die Reaktionen schreiben, das wird ein separater Post. Es ging mir um das Festhalten, was in mir abläuft. Vielleicht hilft euch das bei euren Reaktionen auf ähnliche Nachrichten von anderen Menschen. Vielleicht kann ich ja dann Auszüge aus diesem Text meiner Familie schicken. Mehr später.

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3 thoughts on “Frantz und der Tod

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