Gastpost: Dieses Leben kann Spuren von Gewalt enthalten Teil 1

Heute gibt es einen Gastpost von @MikaMurstein

TW: häusliche/sexualisierte/ seelische Gewalt sind Themen dieses Blogposts. Bestimmte Begriffe verwende ich als Zitate, auch wenn ich diese Begriffe für bedenklich halte. Mir geht es darum, zu reflektieren, wie sehr diese Begriffe Vorstellungen zum Thema prägen, sowohl die Fremdwahrnehmung als auch die Eigenwahrnehmung, letztere nicht unbeeinflusst von Stigmatisierung. Dies ist keine Abrechnung mit meinem direkten Umfeld. Mir geht es um den gesellschaftlichen Umgang mit dieser Gewalt und warum es so erschwert wird über solche Erlebnisse zu sprechen. Denn nur durch das Sprechen kann eins die Verantwortung bei denen lassen, die sie tragen und den oft bis dahin selbstzerstörerischen Zirkel der Entwertung entkommen. Ich bitte dennoch jede_n zu prüfen, ob er_sie bereit ist einen Text zu lesen, indem ich einmal überhaupt keine Rücksicht nehmen will, der nicht ausgleicht oder schönt, der sogar meine eigenen Regeln verletzt, nämlich die Regel, Erlebnisse zu literarisieren, sie mit einem Mehrwert von Sinn und Schönheit anzureichern, damit sie erträglich sind und transformierbar/produktiv nutzbar sind. Dies hier ist einfach nur hässlich.

Dieses Leben kann Spuren von Gewalt enthalten

Aus allen meinen vergangenen Beziehungen gehe ich mit der Frage raus: Warum erwecke ich keine Empathie im anderen? Warum sollte ich das, was mir entgegen gebracht wird, eigentlich Liebe nennen? Und: Bin ich nicht liebens-wert?

Von mir wurde meist ein hohes Maß an Empathie, Reflektion, Fürsorge und ich nenn es mal “Kreativität” erwartet, am meisten von den Menschen, die am wenigsten im Stande waren, selbiges anzubieten.

Wenn ich das so sehe, wo kommt dann dieser Abwertungsgedanke her, ich sei nicht liebenswert, wenn ich nicht Empathie beim Anderen hervorrufe?

Es gibt jede Menge Spuren, die Gewalterfahrungen in meinem Leben hinterlassen haben.

Eine meiner ersten Kindheitserinnerungen ist das Bild, wo mein Vater meine Mutter schlägt und sie zu Boden geht. Ich werfe mich über sie, und vor Überraschung hält mein Vater dieses eine Mal inne.

Die häusliche Gewalt gegen meine Mutter und gegen einen meiner Brüder führte zur Scheidung meiner Eltern.

Ich habe früh versucht wie ein Seismograph die Empfindungen der Menschen in meinem Umfeld zu erfassen und zu deuten. Solange mir etwas verständlich erschien, so lange etwas erklärbar war, war es auf eine Art weniger angsteinflößend.

Mir wurden ab dem ca. 6. Lebensjahr von verschiedenen Menschen Kümmernisse mitgeteilt oder etwas später wurde ich nach meiner Meinung gefragt, sogar um Rat. Das gab mir eine besondere Stellung. Ich stellte das gar nicht in Frage.
Mir fällt es bis heute schwer, das Wort “Gewalt” auf das anzuwenden, was mir ab dem 9. Lebensjahr widerfahren ist. Vielleicht war der Begriff lange noch mit Bildern eines körperlichen Exzesses verbunden war. Das, was ich erlebte, kam äußerlich nicht so brutal daher, jedenfalls nicht so sehr im körperlichen Sinne.

Sätze des Täters (wenn er wütend war):
“Du bist hässlich, niemand (anders) wird dich wollen.”
“Man wird dir nicht glauben.”
“Man wird schlecht von dir denken.”
“… denn du hast Geschenke angenommen.”

Die Übergriffe passierten “nur” sporadisch. Zwischen meinem 9. Bis 11.Lebensjahr am Häufigsten, danach gab es in größeren Abständen noch ein paar Versuche.
Es beruhte weniger auf körperlichen Zwang, den braucht es auch nicht, wenn eins erst 9 oder 10 oder wie alt auch immer ist, Vertrauen zu der Person hatte, die plötzlich ihr Verhalten derart ändert, wenn schon eine Bindung besteht; wenn eins Schuldgefühle hat, weil dieser Mensch so wahnsinnig unglücklich ist und eins selber dagegen von ein paar Menschen geliebt und für etwas Besonderes gehalten wird.

Als Kind konnte ich mir Neid als Motiv am Besten vorstellen, denn der war mir schon mal entgegen geschlagen und ich empfand das schmerzhaft als trennend. Anders konnte ich es mir damals nicht erklären, heute weiß ich, wie hinfällig meine Bemühungen sind, “es” zu verstehen. Das ist nicht MEINE Aufgabe.

Es passierte nicht alles, was passieren kann; ob es daran lag, dass ich an dem Punkt, wo meine Angst am Größten war, wenn es über die anfänglichen und bestimmte Berührungen, die mich erst erstarren ließen, hinausging, wenn die Panik sich Bahn brach “Nein” sagte, zu weinen anfing, oder drohte zu schreien, ich weiß es nicht. Aus irgendeinem Grund hörte er dann, aber auch nicht ein bisschen eher, auf. Bis zum nächsten Mal, wo er mich mit Worten zu überreden versuchte, weiter zu gehen, immer wieder. Heute denke ich, dass er überzeugt davon war, nur die richtigen Knöpfe drücken zu müssen, dann würde ich schon wollen. Er guckte mich eingangs mit so einem flehenden Blick an. Dann erwartungsvoll; wenn er mich berührte und mir erklärte, was ich dabei empfinden müsste.

Die Frage, warum ich dieses Verhalten bei ihm auslöste, ist natürlich von Grund auf falsch, ich spürte das aber erst viel später.

Ich war schon Anfang 30, als ich dieses Thema zum ersten Mal mit einem Therapeuten bearbeiten wollte.

Er sagte: “Es handelt sich bei ihnen um einen minder schweren Fall von sexuellem Missbr**ch …”

Den Rest hörte ich nicht mehr. Ich war entsetzt, mir war schlecht, ich war wütend …

Ich selbst hatte es verharmlost, mir gesagt, dass anderen Schlimmeres widerfahren ist und ich hatte dabei auch eher nur die körperlichen Vorgänge bewertet.

Aber was bitte schön ist “minder schwer” an einem “sexuellem Missbr**ch”, der sich über Jahre hinzieht, bei dem eins Zerspringen will vor Angst, Mitleid, Schuldgefühl, Scham; der zwar in großen Abständen stattfand, aber dann das Vertrauen zu Nichte machte, welches ich mühsam wieder aufgebaut hatte???

Diese Versuche mich doch noch zu “allem” zu überreden ebbten erst wirklich ab als ich 15 war. Ich hatte mich dran gewöhnt, diese Dinge selber zu regeln, nachdem die einzige Person, der ich mich anvertraut hatte, mich nicht ausreichend zu schützen vermochte. Diese Person sprach ein paar Mal mit dem Grenzüberschreiter, er gelobte aufzuhören. Er tat es aber nicht.

Erst in meinen Zwanzigern sprach ich darüber.

Eine nicht so langjährige Freundin, die selbst einen sexuellen Übergriff erlebt hatte, meinte allen Ernstes, meine Erfahrungen seien nicht so schlimm, weil derjenige mich anscheinend “geliebt” habe. Klar, ist ja weniger schlimm dann …

WHAT THE FUCK? Ich wäre niemals auf die Idee gekommen, zu ihr zu sagen: Bei Dir war es ja nur einmal. Als ob das nicht reichte.

Ich habe schon immer diesen Wettbewerb darum, wer am meisten leidet, gehasst.

Der kulminierte zeitweilig auch in meiner Familie, obwohl uns ein seltsames Empfinden namens Gerechtigkeitssinn einte und wir uns außen mit Menschen solidarisierten und als hilfsbereit, etc, bezeichnet wurden. Also außen nicht so egozentrisch agierten wie innerhalb der Familie. Meine Mom hat Z.B. mehrmals andere ermutigt und unterstützt sich aus gewaltvollen Beziehungen zu befreien. Die Angst zu kurz zu kommen, oder das Gefühl nicht gesehen zu werden … es wird genug individuelle Gründe gegeben haben, die uns den Zusammenhalt im Innern teils erschwert haben …

Als ich 23 Jahre alt war, erzählte ich es zum ersten Mal jemensch “außerhalb”, wir kannten uns seit ein paar Monaten und ich befand mich in der Phase, die ich später ‘the seven years of loneliness‘ nennen würde, eine Zeit in der ich zwar nicht völlig verstummte, aber niemanden als Freund oder Freundin bezeichnete, damit es nichts zu verlieren gab. Die wichtigen Gespräche hatte ich mit Menschen, die sich im Transit befanden, nur eine gewisse Zeit am selben Ort aufhielten, und nichts von ihrem Transit-Status in meinem Leben musste ich auf mich beziehen.

Bis zu dem Moment als ich diesem Menschen davon erzählte; ich musste es einmal tun, ich musste sehen was passierte. Er zog sich zurück. Er nannte zwar andere Gründe für den Rückzug, aber ich denke, er wird sich gefragt haben, warum ich gerade ihm das erzählte, nur gab es dafür bloß einen Grund: Ich musste ausprobieren, ob ich es sagen kann.

Der dritte Mensch war die Person, die mir als beste Freundin in meiner Kindheit und Jugend zur Seite gestanden hat, ohne deren beruhigende Art ich ganz bestimmt verzweifelt wäre, die fast alles von mir wusste. Aber das eben nicht.

Es waren die Weihnachtstage, ich war im neuen Zuhause meiner Mom zu Besuch, aber in der Gegend, wo ich aufgewachsen bin. Ich dachte erst, ich hätte Grippe, weil ich so viel kotzen musste. Da sich das aber in nach der Rückkehr in meine Wahlheimat schnell legte, konnte es durchaus andere Ursachen gehabt haben als einen Virus.

Während dieser “kranken” Tage erzählte ich es endlich der Jugendfreundin. Und sie war so erschrocken und sagte nur: “Er wollte Dir bestimmt nicht weh tun.”

Ich hatte die nächsten 6 Monate Alpträume. Eigentlich nur einen, und den auf Endlosschleife. Der Täter zwingt mich zu dem, was er damals nicht “vollständig” bekam, nur bin ich erwachsen, und wehre mich heftig und kann mich nicht befreien. Während das passiert tritt eine Gestalt in den Türrahmen, und sieht angewidert auf die Szene, sieht MICH angewidert an, es ist die Person, in die ich damals verliebt war und ich konnte auch im Traum nicht begreifen, dass die Person es nicht verhinderte, nicht erkannte, was passiert, nicht die Tat, sondern mich verachtete. Das “durchlebte” ich wenige Monate vor meinem Abi auf dem zweiten Bildungsweg. Was das heißt, brauche ich, glaube ich, nicht noch ausführlicher beschreiben.

Der erste FESTE Partner im Erwachsenenalter, mit Mitte Zwanzig, der diese Geschichte erfuhr, glaubte mich “erschlossen” zu haben, als müsse ich in erster Linie mit Sexualität Probleme haben, und da ich so froh war, dass die flashbacks ausblieben, während wir uns nahe waren, nährte das wohl seinen Glauben. Konnte ja nichts mit mir und meiner Art damit umzugehen zu tun haben, dass ich immer daran festgehalten habe, dass es auch anders sein kann und mich gefragt habe, wie ich das denn erleben will, was ich sexuell und überhaupt für Nähe will. Sex war nie das Problem. Also Happy End? Alles verarbeitet? Nein.

Mein Bedürfnis sehr bestimmt in meiner Sexualität zu sein, wurde weniger als Stärke gesehen, wurde mehrmals als “unweiblich” aufgefasst. Als ein Infrage-Stellen der Männlichkeit meines Partners. Ich habe mich stets gefragt, wie eins mit einem Menschen zusammen sein kann, dem eins vorwirft nicht genug dies oder das zu sein oder zu viel davon, zu wenig der Norm entsprechend, aber dennoch nicht von diesem Menschen lässt. Tat mir jemensch konsequent nicht gut, hatte ich mich getäuscht, genug gekämpft, nun ja, dann bin ich gegangen, während selbst derjenige, der mir explizit den Mangel an weiblichen Verhalten unterstellte, nicht loslassen wollte, zuerst einmal.

Das haut in die Kerbe, ich sei nicht richtig, so wie ich bin. Womöglich ist es auf, na was wohl, zurückzuführen … If I am really damaged goods, why do you keep on wanting me?

Wenn ich für eine Sache Gespür entwickelt habe, dann dafür, was ich will und was ich nicht will. Wo meine Grenzen sind. Und ausgerechnet das stört?

Then … I am better off alone.

Einmal durchwühlte ich mit einem Kommilitonen (der natürlich meine Geschichte nicht kannte) den Karteikasten mit den Kärtchen, auf denen alle älteren Diplomarbeiten aufgeführt waren. Er erzählte, von einem Freund, dessen Diplomarbeit sich auch hier befinden müsste. Der Freund habe über sexuellen Missbr**ch in seiner Diplomarbeit geschrieben. Der Arme sei mit einer Frau zusammen, die das erlebt habe. Das sei doch ungeheuer schrecklich und “Seelenmord” … mit jemanden zusammen sein, der das durchlebt hat, sein Freund tue ihm leid.

Ich war so unglaublich wütend. Diese Begriffe waren an sich schon so schlimm und falsch, und wurden inflationär benutzt, als wenn die Leute wüssten, wovon sie redeten. Ich bin kein Zombie, ich fühle viel zu viel. Und ich denke, ich bin nicht die einzige. Stigmatisierung ist in sich so gewaltvoll. Der Diskurs den Nicht-Betroffene über Betroffene führen..

Es war 1998 oder ’99 – ich kam aus dem Kino, rief einen Freund an, aus der Telefonzelle, wollte ihm mitteilen, dass ich einen total wichtigen Film gesehen hatte, aber mir war so schlecht und er verstand das als Botschaft, dass der Film nicht gut sein könnte, und wollte ihn lieber nicht sehen.

Es handelte sich um den ersten Dogma-Film überhaupt: “Das Fest” von Thomas Vinterberg

(Ich konzentriere mich nur auf einige grob skizzierte Ausschnitte mit der Hauptfigur im Fokus, ich will nicht den ganzen Film nacherzählen, dafür ist er viel zu ergiebig und es würde ihm auch nicht gerecht, wenn ich es versuchte, ich habe den Film zuletzt vor vielen Jahren zum wiederholtem Mal gesehen, die Reihenfolge der Details würde ich durcheinander werfen.)

Mit scheinbar unsteter Handkamera (dennoch ist keine der Einstellungen zufällig), wird der 60. Geburtstag des Familienpatriarchen Helge festgehalten. Es sind zahlreiche Gäste erschienen, die große Verwandtschaft und die Geschäftsfreunde.

Die Handkamera, fängt mal diesen, mal jenen Charakter ein, ist aber parteilich bei Christian, dem ältesten Sohn von Helge, dessen nervöse Reaktionen auf den Vater (selbst ein noch so kurzes Zucken während der anfänglichen Geburtstagszeremonie zeigt die Kamera wie im Vorbeigehen, ohne dass es sich im Gedächtnis verflüchtigt) ankündigen, dass etwas passieren wird.

Christian hat zwei Reden vorbereitet für den Vater, der Vater solle doch zwischen zwei verschiedenfarbigen Karten wählen. Die verschiedenfarbigen Karten spielen auf die sexuelle Misshandlung an, die Christian und seine Zwillingsschwester durch den Vater zugefügt wurden. Der Vater ließ die beiden Kinder Karten wählen, und je nachdem, stand eine Karte für den Jungen oder das Mädchen.

Als Christian die Sache nach einer gewöhnlichen Einleitung beim Namen nennt, herrscht Irritation, auch die die Schwester und der jüngere Bruder wollen es nicht glauben, der Rest der Anwesenden hält Christian vermutlich für überspannt, wissen doch alle, dass er in der Psychiatrie war.

Und dann noch der Verlust der Zwillingsschwester, die sich einige Zeit vor dem Familienfest, das Leben nahm.

Erst mal machen alle weiter mit dem Feiern, als sei nichts geschehen. Es wäre doch zu unbequem, dem ganzen Glauben zu schenken. Nachdem der Vater auf Christians Psychiatrieaufenthalt angespielt hat, setzt sich dieser wieder hin. Irgendwann klopft er zum zweiten Mal gegen das Glas um seine Rede fortzuführen. Dieses Mal wird er hinaus bugsiert, er soll sich abregen, der jüngere Bruder, der als Kind ins Internat abgeschoben wurde, und im Glauben lebte, die Zwillinge würden ihm vorgezogen, geht am meisten gegen Christian vor.

Die ältere Schwester, die sich anfangs genau wie alle anderen gegen das Geäußerte wehrt, erfasst so nach und nach, das es wirklich passiert ist. Sie ist diejenige, die den Abschiedsbrief der verstorbenen Schwester findet, der das, was Christian dem Vater vorwirft, bestätigt. Sie will den Fund geheim halten. Erst als sich neue Allianzen abzuzeichnen beginnen, wird auch sie mit ihrem Begleiter, einem man of color, “gedisst”, indem die Gesellschaft fröhlich ein rassistisches Lied anstimmt.

Christian schafft es derweil, wieder in das Gebäude zu gelangen, stellt sich wieder vor die versammelte Gesellschaft und will seine Rede fortführen. Rabiat wird er daran gehindert, diesmal nicht nur ausgesperrt, sondern geknebelt an einem Baum auf dem Grundstück festgebunden.

Derweil versteckt sein einzig klarer Verbündeter, der Koch auf dem Herrschaftssitz, sein Freund aus Kindertagen, die Autoschlüssel aller Gäste, damit diese nicht einfach fortfahren können, sondern doch noch Christians Rede zuhören müssen.

Dann kommt der Moment, wo Christian erneut vor alle Anwesenden tritt, diesmal gelingt es keinem ihn daran zu hindern, dass er den Vater fragt, warum er das getan hat, bis dieser die Taten zugibt indem er sagt: “Weil ihr nicht mehr wert ward” BOOM

Die Wahrheit, und keine_r kommt mehr drum rum, keine_r kann sagen, habe ich nicht gehört, nicht gewusst, nicht verstanden.

Am Ende des Films, am Tag nach der großen Feier, darf der Vater nicht am Tisch mit seinen Gästen sitzen, die Geschwister sind jetzt eine Allianz, der Vater wird ausgeladen. Eine vollzogene Ächtung, für den Moment zumindest. Während einige ihre entdeckte Stärke gegen den Vater nun abfeiern, wie Christians jüngerer Bruder Mikael, fängt die Kamera am Ende Christians Gesichtsausdruck ein. Er sieht verloren aus.

Es war schrecklich. Und es war groß. Es war wahr. Es war eine Genugtuung, das auf der Leinwand zu sehen. Das fast Unsagbare wurde ausgesprochen. Meine erste wirkliche Erleichterung. Durch einen Film. Immer noch unfassbar.

Die Geburtstagsgesellschaft, die immer weiter macht, egal welche Ereignisse eintreten, steht für mich nicht nur für eine Feiertagsrunde, sondern für die Gesellschaft schlechthin, für die meisten Leute, die lieber nichts wissen wollen, was ihr Verhältnis zum Mächtigen trüben, verkomplizieren würde. Vielleicht reicht es schon, dass es unbequem werden könnte. “Die Gesellschaft” spielt für mich keine Nebenrolle.

Ich kann nicht wissen, warum der Täter, mit mir das machte, was er nun mal gemacht hat. Er hätte wohl niemals so ehrlich darauf geantwortet, nämlich, dass es ihm egal sei, dass ich das nicht wolle, egal, dass es mich verletzt, dass ich in seinen Augen nicht mehr wert bin.

Ich habe als Erwachsene ein paar Mal versucht mit ihm darüber zu sprechen. ICH wollte VERSTEHEN. Wir gingen einen Feldweg entlang, mir war mulmig zumute, und er antwortete schnell auf meine Frage, ich solle nicht denken, er hätte sich keine Hilfe geholt. Er sagte nicht, was für Hilfe, ob er damit Therapie meinte, oder was überhaupt und wieso fragte er nicht, wie es mir damit geht, ob ich Hilfe bei der Verarbeitung hatte. Danach hatte ich keine weitere Gelegenheit mehr, noch mal nachzuhaken.

Von einer ins Vertrauen gezogenen Person in meiner Abwesenheit gefragt, wie er so viele Jahre danach darüber dächte, meinte er nur: Er wisse, dass ich ihm verziehen hätte.

Seltsam nur dass er mich nie um Verzeihung gebeten hatte, wie sollte ich das denn da bitte verziehen haben???

War daran mein nahezu vorauseilendes Verständnis schuld, machte es etwa andere faul und träge, dass ich mir zu erklären versuchte, warum sie sich so oder so mir gegenüber verhielten?

Dennoch ist meine Wut über die, die es bagatellisierten, nicht hören wollten, die nichts gemerkt haben wollten, oft nicht viel geringer als die Wut auf den Täter.

Einmal wurde mir gesagt, das seien olle Kamellen.

Kamellen reimt sich auf Bagatellen.

In der letzten Strophe: WUT

Warum dies geschieht, ist nicht vom Opfer zu beantworten, sondern von allen.

Täter basteln sich Rationalisierungen, die ihre Taten rechtfertigen. Die Gesellschaft lässt diese viel zu oft gelten. Täter fühlen sich so bestätigt in ihrer Wahrnehmung.

Ächtung[1] – nee, wieso?

Abwertung des Opfers, viel bequemer.

Welche Karte/Ansprache/Aussprache darf es denn sein?

Die, wo “olle Kamellen” drauf steht?

Oder die mit dem Titel “dieses Leben könnte Spuren von Gewalt enthalten”?


[1]  Es geht mir um die Ächtung der Verhaltensweisen des Täters, nicht um die totale Exklusion