Abendgedanken

Beim Einschlafkuscheln mit Herrn Schnurrkringel denke ich an die Menschen im Haus, die wohl dachten um 1 Uhr schliefen schon alle, bis ihnen für ihre Bemühungen Beifall geklatscht wurde. Jetzt frage ich mich, ob das laute Schnurren des Katers zu hören ist oder mein dreifaches Klopfen, das “Komm her” signalisiert oder meine leisen Lockrufe.

Beim Kuscheln fällt mir auch ein, dass der Topf mit den Pfirsichen offen herumsteht. Zum Glück knackt irgendetwas und der Kater schnellt hoch und verschwindet. Ich öffne gemächlich das Fenster, Frischluft weckt zwar wieder auf, ist aber nett. Dann gehe ich die Pfirsiche zudecken und in den Kühlschrank stellen und will ins Bad.

Das Bad ist besetzt. Herr Schnurrkringel ist da sehr privat, also entschuldige ich mich, lösche das Licht und mache die Tür bis auf einen Spalt zu. Ich tigere ein wenig herum und lege mich wieder auf mein Bett, bis der Kater im Bad fertig ist, dann klettere ich auf das Klo, um eines der Badezimmerfenster zu öffnen, für den Durchzug.

Auf dem Rückweg ins Schlafzimmer greife ich in die kleine Bucht auf dem Sofa, die ich für den Kater gebaut habe und spüre sein Fell. Kurze Zeit später kommt er nochmal ins Bett, kann sich aber nicht zum Kuscheln durchringen. Jetzt gibt er auf dem.Sofa kleine jammernde Schlafseufzer von sich und ich frage mich, ob meine Mutter gut in der Schweiz angekommen ist.

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Liebe und so Zeug

“It’s love.”, sagte ich auf Twitter, mit herzförmigen Pfingsrosenblättern hinter den Brillengläsern und schrieb dann ein wenig über Liebe, auf Englisch, weil mir Englisch emotional oft näher liegt. Die Tweets findet ihr an das Bild angehängt. Hier möchte ich meine Gedanken nochmal ein wenig ausführlicher und auf Deutsch aufzeichnen.

Es ist Sonntagnachmittag und ich könnte ca. 100 Dinge tun, von Haushalt über Stricken, Aufräumen, Kunst, Singen, Sport, Schlafen, Lesen, Rausgehen und Kombinationen von all diesen Tätigkeiten, aber eigentlich wäre jetzt der perfekte Zeitpunkt zum Kuscheln. Nur ist da keine Person, mit der ich kuscheln könnte. Wenn Liebe als romantische und sexuelle Liebe für eine oder mehrere Person_en definiert wird, war ich seit 2007 nicht mehr verliebt. So lange ist es her, dass ich eine Beziehung hatte.

Wird auch Freund_innenschaft als Liebe definiert, dann habe ich mich seit 2007 schon mehrmals ver- und entliebt und habe viele verschiedene Beziehungen. Manche Freund_innen haben mich auch verlassen oder ich sie. Meistens haben wir uns auseinandergelebt oder da war ein Konflikt, den ich nicht begreifen und lösen wollte_konnte.

Meine Mutter hat letztens gesagt, sie kenne viele junge Frauen, die alleine lebten und einfach keinen Partner fänden. Sie traf sich aufgrund eines Begräbnisses mit engen Freundinnen, deren Töchter zeitweise auch meine Freundinnen waren und diese Töchter waren nun alle Single. Kein Wunder, haben uns doch die Beziehungen unserer Mütter zur Genüge gezeigt bzw. zeigen sie noch, wie wir Beziehungen *nicht* haben wollten_wollen.

Ja, wenn ich an meine vergangenen Beziehungen denke oder an die, die ich so beobachte, dann weiß ich ganz genau, dass ich nie wieder allein zuständige Partnerin/Mutter/Therapeutin/Fitnesscoach/Freizeitorganisatorin/Managerin/Köchin/Dokumentarin/usw. usw. usw. sein möchte, ohne dass mein_e Partner_in auch seinen_ihren Teil zu einer Beziehung beiträgt. Ich schreibe hier absichtlich nicht nur “Partner”, aber meh, keine Ahnung & keine Lust, das jetzt aufzuschreiben.

Ganz klar vermisse ich körperliche Nähe und die viele Zeit, die ich mit einer Person verbringen möchte, die mich wirklich gut kennt. Ich verbringe ungeheuer gerne Zeit mit meinen Freund_innen, aber sehe die meisten von ihnen ca. einmal im Monat oder alle zwei Monate, wenn ich welche zweimal im Monat sehe, ist das schon viel. Da ich doch einige Freund_innen habe, sehe ich also jeden Monat ein paar davon und das ist doch nicht dasselbe, wie eine (oder mehrere) Personen zumindest ein-, zweimal die Woche zu sehen, ohne dass etwas auf dem Plan steht oder eben weil etwas auf dem Plan steht. Gemeinsames Übernachten ist auch was. Aber am Ende des Tages gehen wir alle immer alleine nachhause.

Auch was die körperliche Nähe betrifft – einerseits erwarte ich absolut nicht von meinen Freund_innen, dass sie meine Bedürfnisse in dem Aspekt stillen. Andererseits bin ich da auch einfach heikel. Bis mich Menschen anfassen dürfen, ohne dass ich das eigentlich lieber nicht möchte, müssen sie mich entweder schon länger kennen oder sie müssen mir sehr vertraut erscheinen. Mit den meisten Freund_innen, die ich schon lange kenne, fühle ich mich sicher. Umarmungen, Arm in Arm gehen, sich aneinander lehnen, das ist alles ok mit diesen Personen. Gestern hat eine Freundin meine Hand genommen, damit wir im Menschengewühl nicht getrennt werden und das war unerwartet schön. Aber bei den meisten Menschen bin ich absolut glücklich, wenn wir uns aus zwei Metern Entfernung zuwinken.

Ich fühle mich oft sonderbar, weil ich meinen tatsächlichen physischen Körper nicht mehr uneingeschränkt teilen möchte. Ich mag deshalb sicher nie zu irgendwelchen Events, egal wie empowernd sie sein sollen, wo mich fremde Menschen anfassen und Dinge wie Kuschelparties oder casual sex sind deshalb nichts für mich, auch wenn das sicher eine Lösung für die rein physische Vermissung von Nähe wäre. Ich finde das auch ok so.

Manchmal komme ich mir auch “schwierig” vor. Anspruchsvoll. Manchmal hat die Beste so Phasen, wo sie mir vorträgt, dass wir dann überhaupt keine Partner_innen finden. Aber ich bin nicht schwierig und was habe ich von einer Beziehung, in der ich mich verstellen oder die wirklich wichtigen Teile von mir verstecken muss? Die Person muss nicht alle meine Interessen teilen – gewisse Überschneidungen wären nett – aber wirklich wichtig wären gemeinsame politische Ansätze, die auch im Alltag ausgelebt werden.

Und ich bin voll mit Geschichte_n, so wie wir alle, die ich eigentlich teilen möchte. Deshalb dieser und andere Blogs, deshalb Twitter. Mittlerweile erzähle ich aber nicht allen Menschen alles über mich. Meist fehlt die Zeit dafür, aber meistens fühle ich mich auch einfach weird und ich habe Angst davor, dass ich dann zu weird erscheine und sich die Menschen wieder verabschieden von mir und dabei ein Stück mitnehmen. Je vertrauter ich mit Personen werde, desto schmerzhafter ist es, wenn sie sich von mir verabschieden, also warte ich lieber, bis ich das Gefühl habe, sie mögen mich zu sehr, als dass ich ihnen sonderbar vorkommen könnte. Aber ob so wirklich enge Beziehungen überhaupt entstehen können?

Die Absenz einer engen, romantischen, eventuell sexuellen Beziehung macht mich regelmäßig traurig, manchmal mehr, manchmal weniger. Aber gleichzeitig bin ich auch geduldig genug zu warten, bis eine Person kommt, die so eine Beziehung mit mir anfangen möchte. Und Warten ist für mich ok, denn einerseits traue ich mich (immer!) noch nicht wirklich, auf Personen zuzugehen mit meinen Wünschen nach Beziehung_en, andererseits muss eben nicht jede Beziehung eine romantische und dann auch eine sexuelle werden.

Meine Liebe gehört also meinen Freund_innen, meinem Kater und jeder Menge Medien und Objekten. Sie wabert um mich herum und umflauscht Graffiti, Blumen, architektonische Elemente, Essen, Eis, Farben, Kleidung, zufälllige Unbekannte und politische Bewegungen. Die Differenz zu meiner Einsamkeit als Teenie, als ich dachte, eine heterosexuelle romantische und sexuelle Beziehung wäre der Schlüssel zu meinem Glück, ist riesig. Manchmal denke ich mir: Hätte ich nur damals gewusst, was ich heute weiß! Und freue mich für die heutigen Kinder und Teenies, die Feminismus und andere emanzipatorische Ansätze im Internet und anderen Medien entdecken können und so weniger Druck verspüren. (Klar, in der Schule wäre das wirklich noch besser. Es gibt noch viel zu tun.)

Ich vermisse immer noch dieselben Dinge, aber es ist voll ok so wie es ist. Wahrscheinlich wären konkrete Ansätze (gemeinsames Wohnen, verdammt!) und ein wenig Initiative auch nicht schlecht (aaahhhh Angst!). Aber ist mein Leben voll Liebe? Ja. Von dieser einen, spezifischen Liebe abgesehen.

Es ist losgegangen

Die Königinmutter hat mich über die Schwelle geschubst. Am Wochenende wurden Kästen getauscht und all die Bücher, die wir vor ein paar Wochen eingepackt haben, damit sie die Renovation überstehen, wurden wieder ausgepackt und in die zweimal abgewaschenen Regale geschlichtet. Dort harren sie jetzt auf Neuordnung, denn eingeschlichtet sind sie eher wild. Im Sommer dann.

Mir ist übel, manchmal vor Stress, manchmal weil ich nicht dazukomme, Essen einzukaufen und mal wieder nicht frühstücke, der Umzug bringt alles durcheinander. Alles stresst, außer liebe Menschen sehen. Anziehen stresst, rausgehen stresst, Dinge im Kopf behalten stresst und wie meine Mutter beginne ich meine eigenen Knöpfe zu drücken. Ich entferne mich von mir. Ich leere die Augen und starre glasig durch alles durch, sehe weder Blüten noch Bäume, gerade dass ich den Duft der Robinien merke.

Zwischendurch ertappe ich mich bei der Ermahnung, erwachsen zu sein. Erwachsene schaffen Umzüge. Auch ganz alleine. Mit Kindern und Geldarbeit. Also wird das doch zu schaffen sein. Ist es auch. In ruhigen Momenten, in denen ich Wind und die Frische der Mailuft bemerke, ist alles schaffbar. Irgendwann steht alles an seinem Ort. Dazwischen sitze ich mit einem Koffer ungewaschener Wäsche, von der mehr als die Hälfte bereits in der neuen Wohnung bleiben kann und einem Rucksack voll Bücher, weil mir nichts anderes einfiel, das ich schnell mitnehmen konnte und warte auf den Bus der mich zur Straßenbahn die mich zur Straßenbahn die mich zum Supermarkt bringt, wo Abendessen eingekauft wird und vielleicht Frühstück und dann bin ich noch nicht Zuhause, sondern erst am neuen Ort.

Zuhause. Hab ich im Moment keines. Aber ich habe ein Zimmer mit rosa Schrank, der auf Tupfen wartet. Ich habe einen großen Spiegelschrank im selben Zimmer, der hoffentlich bei zukünftigen Selfies helfen wird. Einen Brandkasten voll mit Büchern. Einen blauen Vorratsschrank. Weiße Wände. Türen und Fensterrahmen, die nun fürchterlich dreckig aussehen. Und in der Donaustadt unzählige leere Kisten, die manchmal mahnend mit einem spookigen Geräusch zu Boden rutschen. Nein, ich habe noch nichts gepackt. Irgendwas untersagte mir, die “leichten” Kisten zuerst zu packen, aber jetzt ist es Zeit und es ist doch egal, womit ich anfange.

Wahrscheinlich sollte ich vor allem meine Steinsammlung von einem Ort zum anderen schleppen – denn es ist mir peinlich, sie von anderen schleppen zu lassen, die können schließlich nichts dafür, dass ich Steine sammle. Ach, ach. Viel lässt sich außer Packen nicht tun.

Später kehre ich zurück aus einer erneut staubigen Wohnung. In der Küche habe ich alle Flächen abgewischt, aber ich muss wohl nochmal und den Boden nochmal aufwischen und vielleicht sogar den sonderbaren grünen Staub aus den Bodenritzen saugen. Ein süßer Duft kommt aus der Gärtnerei auf dem Heimweg. An meinem Herzensort müssten langsam Frangipani und Geißblatt mit dem Blühen anfangen oder vielleicht dauert es noch zwei Wochen … und dann fällt mir ein, dass ich jeweils meine Wintermäntel transportieren könnte, wenn ich in die andere Wohnung gehe, weil die so viel Platz wegnehmen, also mache ich das morgen wohl.

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Auf der Schwelle – Shoebox Castle wird zum liminal space

(Bedeutung von Liminalität aus der englischen Wikipedia, gefällt mir besser & ist klarer & konziser – “Liminalität ist in der Anthropologie die Ambiguität oder Desorientierung, die im  Mittelteil eines Rituals auftreten kann, wenn die Teilnehmenden ihren vorrituellen Zustand/Status verloren haben, die Transition zum Zustand/Status, den sie durch das Ritual erreichen werden, aber noch nicht begonnen haben. “Limen” ist die Schwelle auf Latein. Ich hab das Wort meinen Bekannten aus der Folk Society in Edinburgh abgelauscht & es schön gefunden.)

Shoebox Castle hat sich in einen liminal space verwandelt, ein Raum, dessen Bewohnung durch mich für mich eigentlich zu Ende ist, aber mein neues Zuhause existiert auch noch nicht, nur in meinem Kopf. Dort aber schon in leuchtenden Farben. Es geht zu Ende hier im 22. Wiener Gemeindebezirk. Vertraute Dinge, Bilder, Orte – und die mit ihnen verknüpften Rituale werden wegfallen. Der #donaustand wird seltener werden. Der Kater zieht aufs Land, bis es Herbst und wieder kälter wird. Das Grüne, das Blaue, das Graue wird weniger werden, wenn Fluss, Gstettn und U-Bahntrasse wieder an den Stadtrand rücken. Was werde ich vermissen? Werde ich Shoebox Castle vermissen, wenn ich dann in Shoebox Palace wohne? Soll ich mein Blog umbenennen? (Nein.)

Aber es ist eben noch nicht so weit. Monatelang redeten die Königinmutter und ich über ihren Umzug und den Umbau ihrer Wohnung und meinen Umzug, alles schien noch so weit entfernt. Sie ist größtenteils umgezogen, der Umbau hat am Montag begonnen und ich? Ich kann es nicht ganz kapieren, dass ich in einer Woche zart mit dem Einpacken beginnen darf, eigentlich jetzt schon mit dem Listenschreiben, mir juckt es schon jetzt in den Fingern, die Schaumkelle einzupacken und die Bücher zu sortieren, aber das geht alles noch nicht. Ich sitze da und versuchte darüber hinwegzuatmen, dass mir die Königinmutter ein Email mit dem Betreff “Abkratzen” geschickt hat, sie meint die Wände, damit sie frisch gestrichen werden können, mich wirbelt es durcheinander. Der Umzug wirbelt auch sie durcheinander, wir sind außer Balance geraten, alles ist instabil. Alte Muster kehren zurück, schmerzhaft stabil.

Lang vergrabene oder eher ins Regal gestopfte, in Kisten in Kellern, bei Nachbarinnen im Depot gelagerte Dinge wollen nun begutachtet, geordnet, eingegliedert, weitergegeben oder entsorgt werden. Belegexemplare, Gläsersammlungen, ein runder blauer Metalltisch und zwei Klappstühle aus dem Jahr 2005. Geschichte. Meine. Die meines Bruders. Die meiner Eltern. Die meiner Großeltern. Die meiner Urgroßeltern, Ururgroß- Urururgroßeltern – obwohl, von denen hat meine Mutter glaube ich alles mitgenommen, aber die Zuckerdose, eine von … 2? Ist die von ihnen? Ach, im Fundus sind sicher noch mehr, aber nie Salzstreuer. Keine Salzstreuer in dieser Familie.

Mein erstes Nest, das ich mir (größtenteils) nach meinen ganz eigenen Vorstellungen gestalten kann. Wie irritiert manche Menschen sind, wenn ich sage, dass der Schrank im Schlafzimmer rosa wird. Wahrscheinlich wird es dauern und dauern, bis alles geschafft, alle Details so gesetzt sind, wie ich es mir gerade vorstelle. Wie lange dauert es, einen Schrank mit Punkten zu bestempeln? Wie lange bis ich den perfekten Goldrahmen für die Abmessungen (Anna 1996) am Türsturz habe? Werde ich mich wirklich trauen, im Vorzimmer Paste-ups an die Wand zu kleben? Wo kann ich das vorher üben? Die schnelle Entscheidung für dunkelblaue Fliesen in der Dusche wirft mich für eine Stunde völlig aus der Bahn, mein Kopf dreht sich. Ist das wirklich alles wahr? Weil es so wahr ist, kaufe ich kein Essen mehr, weil ich ja bald umziehe. Bis mir das bewusst wird und ich endlich wieder Dinge für Frühstück und Abendessen einkaufe, dauert es eine Woche.

Ich stehe auf der Schwelle. Sie ist ein sonderbarer Ort.

Drei Wochen, vier

Regentropfen und Vogelgezwitscher. Ich liege neben dem offenen Fenster und rieche an der frischen Luft. Heute bin ich sogar vor dem Kater aufgewacht, der mich dann später dafür (?) angefaucht hat, aber Fressen gibt es trotzdem erst um 7, damit er die Weckzeit nicht noch mehr nach hinten verschiebt. Weckt ihn die immer frühere Dämmerung?

Ich rufe ihn und gebe ihm das Klopfsignal, dreimal mit der flachen Hand neben mich klopfen. Da ist er. Aber er pirscht sich auf der falschen Seite an, ich liege nach links gedreht, wo er am liebsten liegt, aber er balanciert rechts von mir auf dem Bett und huscht davon, als ich nach ihm greife. Na dann nicht.

Es wird die vierte Woche zuhause sein, die dritte in der ich mit dem Büro per Computer verbunden bin. Offensichtlich sind drei Wochen zuhause die nötige Vorlaufzeit, die ich brauche, um lang aufgeschobene Dinge zu tun. Ich habe meinen riesigen Papierhaufen sortiert, die Enden sämtlicher Strickstücke vernäht, unzählige Knöpfe befestigt. Ein paar Stricksachen habe ich aufgetrennt – Nähte nähen mag ich immer noch nicht und manche Schals sind zu lang. Portionenweise wasche ich das Gestrickte, vor allem die Kinderkleider, verschenke ein paar, behalte andere.

Gestern habe ich lange geplante Ohrringe gefertigt, Haken an schon lang herumliegenden hakenlosen Ohrringen befestigt. Jetzt fehlen noch die ebenfalls lange liegenden Broschen, noch mehr Knöpfe, Kleider mit Rissen und Leibchen mit zu weiten Armen … ist irgendwann alles repariert? Was dann? Wenn alle Enden vernäht sind, alle unfertigen Strickstücke fertig, was geschieht dann eigentlich? Nur zum Marmeladekochen kann ich mich noch nicht aufraffen, dabei ist es denkbar einfach und der Abwasch davor ist auch nicht riesig. Aber der danach. Vielleicht ist es das.

Komische Fragen. So wie die, warum ich im Moment so gut schlafe. Um 11 Uhr werde ich müde und ich muss ins Bett und schlafe blitzschnell ein. Ich bin froh, aber es ist doch ungewöhnlich, schließlich bewege ich mich gerade extra wenig, damit mein Steißbein heilt. Gestern wurde ich sogar um 10 müde. Nicht einmal Kaffee am Nachmittag – sonst Garant für fast durchwachte Nächte – hat irgendwelche Wirkung. Es ist alles so sonderbar.

Da kommt der Kater wieder, aber er interessiert sich mehr für den Luftzug aus dem nicht ganz geschlossenen Fenster. Vielleicht nach dem Essen. Noch 2 Minuten …

Ich verstehe absichtlich Bahnhof

Es ist 7 Uhr. Ich wache auf und setze mich an die Bewerbung, die ich gestern Abend erfolgreich mit Abwaschen, Comiclesen und Gedanken über die Gesetzmäßigkeiten der Prokrastination verschleppt habe. Ich habe keine großen Hoffnungen, meine Haltung ist die einer Person, die sich im Ich werde mich (Es wird sich) nie mehr (eine Person in mich) verlieben eine gemütliche 5-Zimmer-Wohnung mit Balkon eingerichtet hat.

Kurz spiele ich mit dem Gedanken, einmal zumindest am Anfang einer Bewerbung ehrlich zu schreiben was ich mir denke und tippe es sogar, das ist ja kathartisch, aber es lohnt sich nicht, vielleicht bewerbe ich mich ja wieder einmal dort. Ach Geld.

Nachher gehe ich ins Bad, wo mir der Wäscheberg beim Zähneputzen wie ein Hund an die Beine fällt, als wolle er mir etwas sagen, aber ich bin so in Überlegungen vertieft, warum mir nie Kalender geschenkt werden sollten, dass ich absichtlich Bahnhof verstehe und ihn brutal wieder in sein Behältnis zurückstopfe.

Mit einiger Nostalgie erinnerte ich mich also an den Literaturkalender, den mir mein Onkel schenkte, der drei Jahre nie über Februar hinauskam, denn ein Februarblatt enthielt ein Zitat eines deutschen Schriftstellers, von dem ich noch nie gehört hatte. Er war per Schreibstipendium in Rom und sollte ein Werk vollenden, aber lieber ging er im Forum Romanum spazieren, sammelte dort Tonscherben und fragte sich, was Volsinii heißen könnte. Das kam mir seelenverwandt vor. Irgendwo ist dieses Blatt noch, der Rest des Kalenders landete ungelesen im Altpapier.

Ohrlöcher, Nasenbohrlöcher. Ohrringe, Augenringe, Fingerringe. Dass ich keine Ringe tragen kann habe ich von meinem Vater, sagt meine Mutter. Aber ich habe Ringe, die ich kaufte als ich noch jung war und nicht wusste, dass mein Vater mit Ringen rang. Dass ich die Hände meines Vaters habe, die mir manchmal, im Dunkeln, im Wasser, im Sonnenlicht durchaus schön erscheinen. Die Ringe könnte ich ja verschenken oder warten, bis die Niblinge (sicher kommt da noch mindestens ein Kind) alt genug sind, um durch meine Schmuckkästchen zu graben, wie ich auch.

Zum nautischen Kleid und dem maritimen Schmuck mische ich passende Metaphern. Ich fühle mich wie ein Schiff ohne Anker, ein Fisch ohne Hafen, in einem uferlosen Meer sowieso. Stelle mir vor wie mein Smartphone, mit dem einzigen Kalender, den ich tatsächlich benutze, zerspringt wie Sand am Meer. Wird jetzt natürlich passieren. Das Gefühl kommt mir bekannt vor, aber es ist sicher nur weil ich eine Bewerbung zum Frühstück aß.

Um am Monument meiner übergroßen Bravheit zu basteln, bekomme ich aber doch Frühstück vom Bäcker und denke mir, dass ich doch irgendwann alt genug sein muss für ein Kaffeeherstellding und eine kleine Bratpfanne für knuspriges, aber innen flüssiges Spiegelei, roten Lippenstift und weiße Haare. Spätestens nach dem nächsten Umzug.

Ich gehe raus, es ist kalt, der Mond als blasse zunehmende Ahnung noch am Himmel und so brav brav brav wie ich bin, werde ich nicht sehr zu spät in die Arbeit kommen, außer, dass ich es aus Trotz provoziere, den Gstettnweg nehme, vorsichtig, damit mir kein einziger Gedankenkrümel aus dem Kopf fällt. Da hat jemand zwei perfekte Bögen auf den Weg gesprayt, die zuerst wie Lichtreflexe aussehen, wie Mondsicheln. Kurz davor ein verblassendes Hakenkreuz, ach meine reizende Nachbarschaft.

Es ist hell und kalt und blau. Ich nehme absichtlich den längsten Weg zur Arbeit, um zu schreiben und google jetzt gleich Volsinii, “eine der bedeutendsten und ältesten Städte des etruskischen Zwölfstädtebundes”. (Zitat Wikipediaartikel) (Weitere Googleergebnisse: Es war übrigens ein Zitat von Peter Rühmkorf, der “Was heißt hier Volsinii? Bewegte Szenen aus dem klassischen Wirtschaftsleben” geschrieben hat. Ich wette, wenn ich es lese, wird alles entzaubert.)

The Story of Queen Ermineld

Die Geschichte von Königin Ermineld begann mit diesem Tweet:

Das Poly-Olbion ist ein Gedicht von Michael Drayton, bebildert mit Landkarten von William Hole und Illustrationen von John Selden. Erschienen ist es in zwei Teilen, 1612 und 1622. Das Poly-Olbion-Projekt der University of Exeter arbeitet an einer neuen editierten Ausgabe und tweetet davon. Näheres könnt ihr auf der Website des Projekts nachlesen.

Für mich klang der Tweet sofort nach einem Gedicht (ich wette, er ist einfach ein Zitat) und schon reihten sich irgendwie die Worte, Bilder und Ideen aneinander. Und da ich heute mit Bauchgrummeln im Bett liege und Aufheiterung brauche, hab ich euch die Geschichte aufgezeichnet. Leider ist die Bildqualität (zeichnerisch und von der Fotografie) nicht so berauschend, aber für die Grundidee reicht’s. Also:

The Story of Queen Ermineld

Queen Ermineld lived out her days

Immonastered in Kent,

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But oh, she did not stay indoors,

No, no, she came and went.

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She went outside to feed the ducks,

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Oh and the poor, of course,

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And wandered through the countryside,

Through heather, bush and gorse.

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Although there is no gorse in Kent

And neither is there heather!

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Oh well, let’s say, Erm and her horse

Went everywhere together.

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They trundled uphill, trundled down

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(Wait, are there hills in Kent?)

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And neither she nor all the nuns

Cared where she pitched her tent.

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The Queen and her horse Trudelind,

They hung out with the sheep

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And all was well as long as Erm

Her dinner times did keep.

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So they lived happily and long,

The story’s at an end –

The story of Queen Ermineld

Immonastered in Kent.

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2 Stunden Zeit

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Die Knöpfe an der neuen Lieblingsjacke erweisen sich als brüchig, das Abendblau erweist sich als schön, zwei Stunden erweisen sich als zu kurz, um nachhause und wieder in die Stadt zu fahren. Was tun mit den abgebrochenen Knopfstunden?

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Die Nacht erweist sich als kalt, der Kopf erweist sich als müde, die Stadt erweist sich als ungeeignetes Pflaster für Spaziergänge mit offener Jacke. Die Nadel, die die Jacke verschließen sollte, liegt zuhause, der Gürtel, der die Jacke zusammenhalten könnte auch.

Die Straßenbahn erweist sich als informativ über Gebärmutteroperationen und Krankenhauskosten, meine Geduld erweist sich als kurz, die kalte Nacht erweist sich als bessere Option. Manchmal hält sich meine Neugier arg in Grenzen, die gestern bei Sonnenschein ausgetretenen Pfade sind willkommen.

Spazieren am Ring mit den Händen in den Jackentaschen erweist sich als angenehm, der Burggarten erweist sich als friedlich, die Straße erweist sich als laut. Durch die absichtlich eingestrickten Löcher des Schals, der mir heute Mittag viel zu heiß war, pfeift der Wind meinen Hals entlang.

Die Sterne erweisen sich als klein, der Mond erweist sich schon seit längerer Zeit als verschollen, meine Laune erweist sich als unbeschreiblich. Wie eine einsame Herberge scheint der beleuchtete Teil des imperialen Glashauses, der nun vor allem Schmetterlinge beherbergt.

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Der Himmel erweist sich dunkelviolettblaugrau, mein linker Fuß erweist sich immer noch als leicht schmerzhaft, Orion erweist mir die Ehre. Ich erkenne nur zwei Sternbilder verlässlich, dieses und den Großen Wagen.

Das Österreichische Filmmuseum erweist sich als Hort der Wärme, das Stilmittel erweist sich als ausgereizt, der Spaziergang erweist sich als zu Ende. Mein Buch wird in Kürze ausgelesen sein. Was tun?

Kein Berlinkrimi

Bei den flachen Stufen neben der S-Bahnbrücke zwischen den Museen am Ufer der Spree lag ein kleiner Finger und wartete darauf, gefunden zu werden.

Moment. Bei den ganzen Hunden, die hier vorbeikommen ist das völlig unmöglich.

Du kannst einer aber auch den besten Krimianfang verderben.

Wo hättest du denn die restlichen Körperteile verstreut?

Na, im Tiergarten. Da ist so viel Laub …

Im Tiergarten. Wo Millionen Touris und Berliner*innen täglich rumtrampeln.

Ist doch noch ganz frisch! Da finden dann eben die Touris die Leiche und …

Ja und wer soll das sein, die Leiche?

Ein … Polizist der auf dem Polizeimotorboot “Seeschwalbe” auf der Spree herumfährt.

Das sagst du nur, weil das Boot gerade vorbeigefahren ist.

Und warum wird er umgebracht?

Weil er immer den Bootsdienst kriegt, der sehr beliebt ist und ein anderer Polizist ist eifersüchtig.

Woher willst du denn wissen, dass der Bootsdienst beliebt ist, vielleicht ist der verhasst?

Möööööhhhhh …

Und warum muss es ein Polizist sein?

Eine Polizistin, das wäre doch voll klischeehaft …

Und ein Polizist wäre nicht klischeehaft?

Dann ist es halt irgendeine Person – ich weiß doch noch nicht!

Und wer erzählt die Geschichte, die Leiche? Wie originell, so gar nicht Sunset Boulevard.

Nein, die Person, die sie findet!

Und wer soll das sein?

Weiß ich auch noch nicht!

Sag mal, deine letzte Krimigeschichte hast du mit … 15 geschrieben und das war schon eine undurchsichtige Sache, warum glaubst du, dass du das jetzt kannst?

Ich …

Fotografier lieber noch ein bisschen Moos.

Möh …

Warum machst du das eigentlich?

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The Clouds of Berlin I

At 3 pm today, my brain insisted that the only thought it would emit from now on took the shape of “Bweeeeeeeeeeeep”. This was naturally the best state of mind to go searching for a park I had seen maybe twice from different subways. It had all started so innocently.

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A look through a window at Berlin Westkreuz.

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For once, Berlin wasn’t cold and I was overdressed.

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Silver shimmer on the wall.

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Bweeeeeeeeeeeep.

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I didn’t want to go home after meeting a friend. Looking for that park seemed such an excellent idea. I was convinced I knew where it was. So I went where I assumed it would be.

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Trees, but no park. Or no entrance to the park.

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One of many doors.

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Bülowstraße subway station and I have no idea how I ended up there.

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It’s very pretty in its Berlin art deco way.

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Very tiny moon.

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Taking a different road home after a bus ride during which I could only blankly stare at people.

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Sunset approaching.

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I risked my life for this tree.

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Clouds. The clouds of Berlin.

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That cloud is dirty, I thought.

I think I spent a few hours in my crocodile brain today. Bweeeeeeeeeeeep.

(Avoid being sleep deprived. Take naps. Take care.)