Ach Kunsthaus

Der Twitteraccount @womensart1, neu in meiner Timeline, tweetet spannende Kunst von Frauen und macht mir Lust auf den Besuch von Ausstellungen und Museen. Aber die Retrospektiven über Kunst von Frauen lassen auf sich warten – letztes Jahr wäre z.B. der 30. Todestag von Meret Oppenheim gewesen, aber nachdem es schon zu ihrem 100. Geburtstag im Jahr 2013 ein paar große Retrospektiven gab, braucht es ja nicht nochmal welche, klaro. Oder so. Ich würde ja auch mal gerne eine Ausstellung mit Werken der Frauen sehen, die in London an der Gründung der Royal Academy of Arts beteiligt waren – Mary Moser (kannte ich bis gestern gar nicht) und Angelika Kauffmann. Ach und viele mehr – es gibt so spannende textile Kunst, die von @womensart1 getweetet wird.

Aber bevor ich hier die gesamte Timeline abbilde, schaut selbst nach. Ich will euch stattdessen ein paar Fotos von meinem Besuch im Kunsthaus Zürich zeigen, weil ich da gerade hinmöchte. Als ich dort war, gab es gerade eine Miró-Retrospektive. Seine abstrakten Bilder gefielen mir gut, die Frauenbilder weniger. Diese hier waren meine Lieblingsbilder – eigentlich eine Serie von drei Bildern (warum ich das 3. Bild nicht aufgenommen habe weiß ich nicht mehr), ich weiß auch den Titel nicht mehr, aber googlen hilft: Die Bilder heißen Malerei I, II und III und das fehlende Bild sieht so aus.

Malerei II von Joan Miro - rechts eine blaue Wolke, links zwei schwarze Arme und ein schwarzer Ball

Malerei III von Joan Miro, links eine blaue Wolke, rechts ein schwarzer Arm

Ich mochte daran besonders die blauen Wolken, die blaue Farbe, die Arme, die auch Wimpern sein könnten – und die perfekte Beleuchtung, die auf den Fotos noch sichtbarer wird.

Treppe ins Obergeschoß im Kunsthaus Zürich

Gang und Fenster im Kunsthaus Zürich

Obergeschoß und Oberlichte im Kunsthaus Zürich

Das Kunsthaus Zürich ist selbst ein Kunst_haus, es wurde 1910 eröffnet und der älteste Teil wurde im Jugendstil gebaut, mit einem deutlich nüchternen, geometrischen Schweizer Einschlag. Nächstes Jahr soll ein zweiter Erweiterungsbau fertig sein.

Winterlandschaft Kragero 1931 von Edvard Munch Kunsthaus Zürich

Die spätere Version der Winterlandschaft in Kragero von Edvard Munch aus dem Jahr 1931 war so schön still und blau. Die frühere ist von 1912 und hängt nicht in Zürich.

Vier bemalte Steine von Max Ernst im Kunsthaus Zürich

Vier bemalte Steine von Max Ernst.

Stillleben von Meret Oppenheim im Kunsthaus Zürich

Leider weiß ich den genauen Titel nicht mehr, aber dieses Objekt ist von Meret Oppenheim. Ich erinnerte mich danach intensiv an mein Jahr im Liceo Artistico in Zürich und an den Kunstgeschichteunterricht, in dem wir so spannende Essays schreiben mussten. Für eines durften wir uns zwei Postkarten von Kunstwerken aussuchen und sollten die Bilder dann vergleichen. Eines meiner Bild war ein Stillleben mit Pfirsichen. Irgendwo in der verschollenen Kiste mit den wichtigen Papieren sollte noch eines der Essays sein, jedenfalls das, das ich über “Pick up a Pin-up” von Man Ray geschrieben habe. Es gefiel meiner Lehrerin so gut. Ich war das gar nicht gewohnt. Heute traue ich mich fast nicht, einen Blogpost über einen Besuch in einem Museum zu schreiben – ein Essay über ein Kunstwerk … trotzdem habe ich Lust.

Bergziegen von Franz Marc im Kunsthaus Zürich

Bergziegen von Franz Marc. Mit denen hab ich noch was vor.

Aus Goethe in Italy von Cy Twombly im Kunsthaus Zürich

Aus Goethe in Italy von Cy Twombly im Kunsthaus Zürich

Zwei Bilder aus Cy Twomblys Zyklus “Goethe in Italy”. Ich sah erst die Bilder und fühlte mich von den Farben und Formen angezogen. Mit Cy Twombly hatte ich bis dahin nicht viel am Hut – wahrscheinlich einfach nicht genug von ihm gesehen.

Selbstporträt von Anna Waser im Kunsthaus Zürich

Mit 12 Jahren malte sie dieses Selbstporträt, Anna Waser, die erste namentlich bekannte Malerin der Schweiz. Alle anderen Werke bis auf ein paar Silberstiftzeichnungen, ihre Autobiografie, ihre Briefe sind verschollen. Ihre vielversprechende Karriere musste sie abbrechen, weil sie den Haushalt ihrer Eltern führen musste, nachdem ihre Mutter erkrankt war. 1913 veröffentlichte ihre Nachfahrin Maria Waser ein Buch über sie, das ihr hier online lesen könnt – allerdings in Frakturschrift.

2 Schmetterlinge und 8 Insekten von Magdalena van den Hecken im Kunsthaus Zürich

8 Insekten von Magdalena van den Hecken im Kunsthaus Zürich

Magdalena van den Hecken (Link zum Vrouwenlexikon auf Niederländisch) hat keinen Wikipediaeintrag, kein bekanntes Geburts- und kein bekanntes Sterbedatum und das Kunsthaus hat ihren Namen falsch geschrieben, nämlich van der Hecken. Tätig war sie “um 1635”, ihr Bruder und Vater waren ebenfalls Maler. “Gelegentlich” malte sie, steht in den dürftigen Infos. Bis ich “gelegentlich” mal so Miniaturen von Insekten male, muss ich erst mal ein paar Jahre üben, hallo. Die Miniaturen von “2 Schmetterlingen und 6 Insekten” sowie “8 Insekten” schmückten ein Kuriositätenkabinett.

 

Ich weiß nicht mehr, von welcher_m Künstler_in das ist. Es war eine Kiste, oben offen, mit diesen Öffnungen … wie ein Architekturmodell, ein besonders schönes. Mich faszinierten die Durchblicke und Texturen.

Im Eck dieses Raumes hing ein Bild von Mark Rothko, von dem ich vorher noch nie bewusst ein Bild wahrgenommen habe. Wie ein Blick aus einem Fenster auf ein schwarzes Meer, ein niedriger Horizont mit schwarzen Wolken verhangen. Es war so umwerfend und so schön, wenn auch so düster und traurig, aber es ließ sich einfach nicht fotografieren. Zum Glück haben andere Menschen bessere Kameras: Untitled [White, Blacks, Greys on Maroon]. Am nächsten Tag fuhr ich mit meiner Tante nach Basel zur Fondation Beyeler, wo ich noch eine Reihe anderer Rothkos sah und ja – ich mag Rothko.

Soweit das Kunsthaus. Es gab noch vieeel mehr, es ist ja doch trotz Platzmangel groß und auch verwinkelt und wunderschön zum Anschauen …

 

 

 

Weiter als #takedownjulienblanc – #takedownrsd, #takedownpua

[CN sexuelle Gewalt, Vergewaltigung, Rassismus, Sexismus, abuse, fatshaming]

Update: Gegen das RSD-Bootcamp etc. in München formiert sich Widerstand: http://www.sueddeutsche.de/muenchen/fragwuerdiger-coach-seminar-in-sexismus-1.2217275 Facebookseite zum Protest in München: https://www.facebook.com/events/1544481732453361/

Was ihr weiterhin tun könnt:

Eure Freund_innen in der Schweiz, Schweden, Dänemark, Finnland, Norwegen und Island kontaktieren, denn dort sind RSD-Events geplant. Ebenso Freund_innen in Großbritannien, Prag, Budapest & Sofia. Eine Liste der Events findet ihr im ersten Post.

Informationen sammeln, herausfinden, wo geplante Events stattfinden, Hotels anrufen, wo bereits Events stattfanden, denn hier sind die RSD-Termine für Deutschland und die Schweiz:

RSD Tour D CHIn Berlin waren sie im Westin Grand Berlin Hotel, Friedrichstrasse 158-164 • 10117 Berlin
Dort sind sie nicht. Es gab Proteste – Updates hier: https://www.facebook.com/events/1498651573742783/?source=1

In Zürich waren sie im Four Points By Sheraton Sihlcity,1 Kalandergasse, Zürich
Es wurde nachgefragt, dort sind sie nicht.

In München im Munich Marriott Hotel, Berliner Strasse 93 · Munich, Bavaria 80805 Germany
Es wurde nachgefragt, dort sind sie nicht.

In Frankfurt waren sie im Sheraton Frankfurt Congress Hotel,Lyoner Strasse 44-48, 60528 Frankfurt, Germany

Falls sie dort nicht wieder gebucht haben: Sie scheinen große Hotelketten zu schätzen, also Accor, Marriott, Westin, Four Points, Four Seasons, Hilton, Sheraton, etc.

Weiters könnt ihr die Firmen antweeten, die mit ihren Services RSD unterstützen bzw. auch die Firmen, deren Logos sie auf ihren Websites abbilden:

und @LiquidWeb sowie @isprime, die die RSD-Websites hosten könnt ihr ebenfalls kontaktieren, sowie auch @itunes, die RSD-Podcasts hosten. Ihr könnt auch Kreditkartenfirmen und Paypal kontaktieren: http://pastebin.com/r85HuQcQ Es gibt auch eine Petitionen gegen Blancs Einreise nach Japan.

Schon etwas ältere Neuigkeiten: Julien Blancs Visa für Australien wurde ihm entzogen und er musste abreisen. Sein Assistent Max, der ebenfalls Frauen* würgt [TW für das Bild] und seine Privilegien als weißer Cisheteromann in Japan ausgenutzt hat, um dort ohne Konsequenzen Frauen sexuell zu belästigen, soll ebenfalls abgereist sein (nur ein Foto von Julien Blanc bei einem Vortrag): http://www.theguardian.com/australia-news/2014/nov/07/protesters-force-us-pick-up-artist-julien-blanc-to-quit-australian-tour?CMP=twt_gu

Weiters ist der kanadische Minister für “Citizenship and Immigration” im Bilde über Julien Blanc und hat versprochen, sich alle Optionen anzusehen. Tweet 1, Tweet 2, Tweet 3. Die Proteste und Petitionen gegen Julien’s Einreise nach Japan haben dort die Mainstreammedien erreicht – gegen seine Einreise in Brasilien wird ebenfalls protestiert und eine Petition gibt es auch: https://secure.avaaz.org/po/petition/Policia_Federal_Brasileira_Explusao_de_Julien_Blance/?preview=live Dasselbe im UK: http://www.theguardian.com/lifeandstyle/2014/nov/10/julien-blanc-petition-urges-uk-deny-visa-pick-up-artist Hier die UK-Petition: https://www.change.org/p/uk-home-office-deny-julien-blanc-a-uk-visa

Aber das sind nur zwei Typen. RSD-Typen sind alle grauenhaft, auch die, die sich “moderat” geben: [TW Transmisogynie, Gewalt] aus dem Forum bzw. ist der Gründer von RSD ein Vergewaltiger [heftige heftige TW – sexistische Sprache, Beschreibung einer Vergewaltigung].

Gestern forderte @antiprodukt zu einer größeren Debatte über Pick-up Artists (PUA) auf. Es sind ja noch mehr Pick-up Artists unterwegs als Angehörige der Firma Real Social Dynamics. Z.B. hat dieser Typ (Link zu seiner Facebookseite) einen Kommentar auf meinen ersten Post hinterlassen und auch die Firma Daygame Review [TW schon für den obersten Tweet] hat mich auf Twitter kontaktiert – beide wollten sagen, dass PUA nicht so schlimm sind. Hier sind Links mit weiterführenden Infos und Erlebnisberichten mit Pick-up Artists, die sie gestern getweetet hat – vielen Dank!:

@antiprodukt berichtet von einem Treffen mit einem möglichen PUA plus weiterführende Links: http://antiprodukt.de/als-ich-vielleicht-einen-pick-up-artist-traf/

@ponypost blockt einen PUA auf Facebook: http://futblog.at/ich-habe-einen-pick-up-artist-auf-facebook-geblockt/

@felis_blue über ein PUA-Buch, das per Kickstarter finanziert wurde & von Kickstarter nicht gestoppt wurde: http://kontraktionspunkt.de/below-the-game-unterste-schublade/

@hanhaiwen hat 2 Artikel über PUAs geschrieben:

Verführen mit Pick Up-Tricks: Wer macht das und bei wem funktioniert es? http://maedchenmannschaft.net/verfuehren-mit-pick-up-tricks-wer-macht-das-eigentlich/

Anmachen, Gewalt, Anspruchsdenken – 1998 und heute http://hanhaiwen.wordpress.com/2014/11/06/anmachen-gewalt-anspruchsdenken-1998-und-heute/

via @beurkeek: How pick-up artist culture feeds on men’s toxic insecurities http://www.dailydot.com/opinion/pickup-artist-culture-toxic-insecurities/

A Long List Of Ways The Seduction Community Can Make You Weird http://donatellosnest.wordpress.com/2010/02/20/a-long-list-of-ways-the-seduction-community-can-make-you-weird/

Und schließlich via @Stadtgespenst ein Artikel über die Reaktionen der PUA-Community auf das von Elliot Rodgers verübte Massaker: http://www.slate.com/blogs/xx_factor/2014/05/24/elliot_rodger_the_pick_up_artist_community_s_predictable_horrible_response.html

Genau an Elliot Rodgers musste ich denken, als ich die Fotos der Menschen sah, die das RSD-Event in Melbourne besuchten, das erfolgreich von Protestierenden gestoppt wurde. Ich erinnere mich an einen Text, leider finde ich den nicht mehr, aber vielleicht hat eine_r von euch noch den Link, in dem ein Mann darüber sprach, wie er und sein Begehren als Asian-American im imperialistischen weißen kapitalistischen Hetero-Patriarchat (Übersetzung von bell hook’s Imperialist White Supremacist Capitalist Patriarchy via Rumbaumeln) unsichtbar gemacht werden und was das in ihm auslöst. Diese von unserer rassistischen Gesellschaft geschaffene Unsichtbarkeit wird von PUAs ausgenützt – sie versprechen Sichtbarkeit und Erfolg. Wenn die PUA-Techniken nicht klappen, verstärkt das wohl nur das Gefühl der Isolation, der Unsichtbarkeit, der Ungerechtigkeit, der Wut. Ich wollte das nur anmerken, ich muss da auch noch mehr selbst drüber nachdenken, aber so als Gedankenanstoß, dass das PUA-Publikum nicht nur aus white guys besteht und warum.

Die andere rassistische Komponente ist natürlich, dass hier weiße, heterosexuelle Cismänner darauf trainiert werden, ihre Privilegien strategisch einzusetzen, um ihre rassistischen Fetische ohne Konsequenzen auszuleben, also Women of Color sexuell zu belästigen, anzugreifen, etc.

Falls ihr euch längerfristig gegen Pick-up Artists engagieren möchtet, meldet euch bitte bei mir.

Mit sexistischer Gewalt Geld machen – #takedownrsd #takedownjulienblanc

[CN sexuelle Gewalt, Übergriffigkeit, Rassismus, Sexismus, abuse, fatshaming]

Für die neuesten Infos und weiterführende Links hier lang (Folgeblogpost auf diesem Blog).

UPDATE: Was ihr aktuell tun könnt: Die RSD-Webhosts @LiquidWeb und @isprime kontaktieren, damit sie die RSD-Seiten gar nicht erst hosten – @rackspace hat den Vertrag mit RSD beendet (yay!).

Neben #SamaritansRadar ist der Hashtag, der mich zur Zeit bewegt #takedownjulienblanc, gestartet von @JennLi123. Es geht dabei um einen Mann, der weltweit anderen Männern in teuren Seminaren beibringt, wie sie Frauen anmachen – zum Beispiel durch Würgen. Er verbreitet Tipps, wie sich weiße Männer in Japan ohne Konsequenzen extrem übergriffig verhalten können und benutzt Grafiken von Organisationen, die Gewalt gegen Frauen* bekämpfen, als Checkliste, um “sie zum Bleiben zu bringen”. Das sind nur einige der Grässlichkeiten, die dieser Typ und seine Kollegen von der Firma “Real Social Dynamics” (RSD) verbreiten. Dafür zahlen die Besucher dieser Veranstaltungen bis zu 3000 Dollar. Um street harassment und Vergewaltigungskultur zu lernen.

Große, große Triggerwarnung für den Hashtag und die Artikel dazu.

Von @hanhaiwen, die auch auf street harassment & Anspruchhaltung eingeht: http://hanhaiwen.wordpress.com/2014/11/06/anmachen-gewalt-anspruchsdenken-1998-und-heute/

Hier eine gute Zusammenfassung: http://www.theguardian.com/commentisfree/2014/nov/05/julien-blanc-the-female-attraction-expert-glorifies-sexual-violence-the-less-seminars-he-holds-the-better?CMP=share_btn_tw

Hier “nur” Beschreibungen [CN längere Wiedergabe von fatshamenden Aussagen], keine Bilder: http://www.salon.com/2014/11/04/pickup_artist_julien_blanc_gets_dumped_by_a_hotel/

Aktivist_innen versuchen jetzt, die social media-Zugänge von Julien Blanc und anderer RSD-Typen sperren zu lassen, sowie Hotels und andere Veranstaltungsorte dazu zu bringen, Julien Blancs und weitere RSD-Workshops nicht bei ihnen stattfinden zu lassen und haben bereits einige Erfolge gehabt, z.B. die Emailmarketingfirma @AWeber hat RSD ihre Services entzogen, muss mal gucken, wer jetzt ihre Emailsachen hostet. Julien wurde gebeten, sein Hotel in Melbourne zu verlassen, Protestierende konnten den ersten Workshop in Melbourne verhindern und engagieren sich, dass Julien sein Visa für Australien entzogen wird. Es geht auch darum, Julien und seinem Assistenten RSDMax gar nicht erst nach Japan zu lassen. Juliens Termine findet ihr hier:  http://pastebin.com/8BQWHh7w

Aber: RSD ist mehr als nur Julien. Die anderen Typen sind vielleicht nicht so extrem, aber unterrichten dieselben Mechanismen, dieselbe rape culture. RSD hält auch Workshops in Europa ab, im Rahmen ihrer “Free Tour”:Clipboard03

Clipboard02und zusätzliche “Bootcamps”, die 2000 Dollar kosten:

Clipboard01 Clipboard04Weiters gibt es noch Veranstaltungen, die sich “Hot Seat” nennen, intensive persönliche Coachings. Informationen, wo diese Bootcamps und Veranstaltungen der Free Tour stattfinden, finde ich im Moment leider keine – lasst mich wissen, falls ihr was findet. Möglicherweise finden die Veranstaltungen in Hotels statt, in denen sie schon mal stattgefunden haben bzw. scheinen RSD Hotelketten wie Accor und Marriott zu bevorzugen. Hier ist eine Liste mit bisherigen Veranstaltungsorten – dort anfragen, ob zukünftige Events anstehen: http://pastebin.com/DdpZfiuN

In Berlin waren sie im Westin Grand Berlin Hotel, Friedrichstrasse 158-164 • 10117 Berlin

In München im Munich Marriott Hotel, Berliner Strasse 93 · Munich, Bavaria 80805 Germany

In Frankfurt waren sie im Sheraton Frankfurt Congress Hotel,Lyoner Strasse 44-48, 60528 Frankfurt, Germany

Wenn sich neue Infos ergeben, mache ich ein Update.

Hier meine Tweets & Links von heute morgen:

Nöp. #takedownjulienblanc #takedownrsd

The Anime Rainbow: Das war die Sommersaison 2014

Disclaimer Regeln & Ressourcen

CN – Da es diesmal Kurzreviews sind & es so viele Anime sind, vergesse ich sicher einiges, sorry! Ich habe auch einige Anime von der Liste gestrichen, entweder weil sie noch laufen (Shirogane no Ishi: Argevollen, Bishoujo Senshi Sailor Moon Crystal) oder weil sie Teil eines größeren Komplexes sind (Kuroshitsuji Book of Circus) dem ich einen eigenen Post widmen möchte oder beides (Sword Art Online II).

Aldnoah Zero [CN Tod, Objektifizierung, PTSD im Zusammenhang mit Krieg, Krieg, physische Gewalt, psychische Gewalt] – In letzter Zeit sind Anime mit gigantischen Robotern, die irgendwelche Gefahren (meist aus dem Weltall) abwehren sollen, wieder sehr populär. Hier geht es um einen Konflikt zwischen Mars und Erde, politische Verwicklungen, eine Prinzessin, wechselnde Loyalitäten … und nervendes Fanservice. In letzter Zeit sehr populär in der Richtung: langsames Hochwandern der Kameras von den Beinen sitzender oder liegender Mädchen* oder Frauen* bis ungefähr Nabelhöhe. So. Nervig. Positiv: Etwas weniger platt als andere Anime was die Storyline angeht (aber noch platt genug, insgesamt, leider), Frauen in Autoritätspositionen (Schiffskapitänin, Navigatorin, Offizierin). Spoiler (mit der Maus drüberfahren): Das Ende fand ich radikal (in an oldschool way), da quasi fast alle sterben, aber es gibt im Jänner ein Sequel … aber für Wiederauferstehung müsste schon sehr viel passieren. Also bin ich doch ein bisschen gespannt. Insgesamt: Ziemlich nö.

Ao Haru Ride [CN Tod eines Elternteils, Trauer, Übergriffigkeit, Sexismus, Femmefeindlichkeit] – Hm. Ein einigermaßen netter Shoujoanime, viel über soziale Position, vor allem von Mädchen*, ganz interessant in Hinblick auf die Navigation zwischen Femininität und ihren Konsequenzen (Ablehnung von den anderen Mädchen*, positive/negative Aufmerksamkeit von den Burschen*). “Love Polygon” wird diese Art von Setting genannt – alle sind verliebt, aber vor allem unglücklich, weil die geliebte Person in eine andere Person verliebt ist usw. Dazu noch ein Familiendrama, das allerdings sehr realistisch ist (selten). Spoiler: Was ich nicht mochte, [CN Übergriffigkeit] war die Szene in der die männliche Hauptfigur die weibliche Hauptfigur vor Übergriffen warnt, indem er selbst übergriffig agiert. Sie selbst reagiert mit sexueller Erregung, was sie auch (in Gedanken) ausspricht, was ich wieder positiv finde, denn Sex wird so selten thematisiert … aber irgendwie hätte das alles anders, also feministischer gelöst werden können. Insgesamt aber: Irgendwie cute, irgendwie analytischer sozialen Zwänge und Positionen gegenüber als andere Shoujoanime, nette Musik, nette Animation … würde ich doch empfehlen, aber vielleicht nicht als Einstieg.

Bakumatsu Rock [CN Tod, Heterosexismus, Cisseximus] – Ich weiß nicht, warum ich mir diesen Anime angesehen habe. Bzw. habe ich eine sehr gute Begründung, nämlich, dass mich interessiert, wie die Bakumatsu genannte Zeitperiode in Anime dargestellt wird. *nick nick* Eigentlich stimmt das ja sogar. Anyway! Ihr müsst ihn euch nicht ansehen. Hier wird eine Dichotomie zwischen “Rock” (gut) und “Heaven’s Song” (= Boy Bands, fast alle böse) aufgestellt, es geht irgendwie um “Hero Souls” und die Kontrolle über Japan bzw. freies Leben … Zielpublikum sind Mädchen*, aber warum sollten die sich eigentlich etwas ansehen, das ihre Interessen runtermacht? Naja, egal, also: Schlechte Musik, grauenhafte Computeranimation, Lustigmachen über die Transfrauenfigur … seht euch das nicht an.

Barakamon [CN physische Gewalt, Heterosexismus] – Ein beliebter Topos: Der lebensferne Künstler(TM), diesmal ein Kalligraph (es sind nie Künstlerinnen*), der sich aufgrund eines Misserfolgs und eines körperlichen Angriffs auf einen Juror aufs Land zurückzieht und dort von der “simplen” Landbevölkerung, allen voran den Dorfkindern, “mit der Lebensrealität konfrontiert” bzw. “inspiriert” wird. Bzw. in den letzten Jahren sehr beliebt: Anime, die sich um eine Kunst oder ein Handwerk drehen. Das kommt hier ziemlich zu kurz. Das Kinderensemble umfasst mehrere Altersstufen, vom Kindergartenkind bis zum Oberstufenschüler sind alle dabei und erfrischend wild, was wenigstens den creepy “erwachsener Mann inmitten von Kindern”-Trend ein wenig abwehrt. (Es gibt nämlich diesen Trend … Anime, deren Haupthandlung das Leben einer Gruppe von Mädchen* ist, die dann vom (angenommenen) cisheteromännlichen* Zielpublikum fetischisiert werden, siehe z.B. Hanamaru Youchien, Non Non Biyori u.ä. Supercreepy.) Vollkommen problematisch an Barakamon ist die Reaktion auf das Queerbaiting, nämlich offener Heterosexismus, der wohl … den komödiantischen Topos der Fujoshi aufbrechen soll? Insgesamt: Meh.

DRAMAtical Murder [CN nicht-konsensuales Küssen (aber nur kurz), physische Gewalt, Tod] – Hm. Auch so ein “Hier, Mädchen*, ein paar nett anzusehende Dudes mit unterschiedlichen Haarfarben” hier mal ganz ohne weibliche Hauptfigur, wie auch Bakumatsu Rock. Wird anscheinend immer mehr gepusht, dieses Genre – aber die Geschichte, Animation, Musik, Figuren sind so schlecht, dass sie eigentlich nicht anzuschauen sind. Manchmal frage ich mich, ob die Finanzkrise an diesen low value productions schuld ist (und an der Überzahl der “Boy meets Girl”-Anime, die auf ein männliches* Publikum abzielen). Ja, also es geht um die Zukunft und virtuelle Realität und ein böser Typ will alle hypnotisieren … baaaahhhhhhh. *seufz* Dazwischen angedeutet – Anziehung zwischen den Figuren und sogar ein Kuss. (Yay Fortschritt!)

Gekkan Shoujo Nozaki-kun [CN cartoonhafte physische Gewalt] – Mein absoluter Favorit diesen Sommer. Ich musste bei jeder Episode laut lachen. Ich liebe diesen Anime. Das Setting selbst ist eigentlich schon gut erprobt, Highschool Comedy plus Manga zeichnen, in der letzten Zeit nach Bakuman sehr beliebt, aber hier wird so viel auf den Kopf gestellt. Um das zu merken und wirklich zu schätzen, lohnt es sich allerdings, zuerst ähnliche “typische” Anime anzuschauen … aber nötig ist es nicht. Bespreche ich jedenfalls noch ausführlicher – große, große Empfehlung.

Glasslip – Sah zu Beginn nach Standardromanze (wieder mit Love Polygon) aus, wurde dann von Folge zu Folge undurchsichtiger, mit Visionen von “Fragmenten der Zukunft”, die aber nie erklärt werden, immer weniger Zusammenhängen und am Ende stand ein Gedanke: “Äh?” Ganz nett daran: Moderne Architektur im Alltag! Und ein bisschen klassische Musik. Und es gibt eine bisexuelle Figur, die mit eigenen Interessen, eigener Geschichte porträtiert wird. \o/Spoiler: Leider checkt die weibliche Hauptfigur es überhaupt nicht als sie von der bisexuellen Figur eine Liebeserklärung kriegt bzw. möglicherweise ignoriert sie sie absichtlich. :( Urteil: Nee.

Love Stage!! [CN sexuelle Übergriffigkeit, physische Gewalt] – Das ist nicht der erste Anime, der sich einer homosexuellen Liebesgeschichte zwischen zwei Cismännern widmet, aber sicher der expliziteste der Yaoi-Mainstreamanime, die ich bisher gesehen habe (Junjou Romantica habe ich mir noch nicht angeschaut, weil mir der Manga unsympathisch ist). Explizit daher, weil die beiden Hauptcharaktere, Ryouma und Izumi, offen ineinander verliebt sind (also Ryouma erst in Izumi, dann …) und Anziehung auch offen zeigen dürfen, wenn auch eine Person in den sexuell expliziteren Szenen nur als sparkly, pastellfarbene Silhoutte gezeigt wird. Es gibt hier, anders als in z.B. No. 6, auch keine Hintergrundgeschichte, sondern der Anime folgt der Beziehung zwischen Ryouma und Izumi, also einer klassischen Lovestory. Sie folgt einem gängigen Yaoi-Topos, aber um euch das jetzt alles zu erklären, müsste ich weit ausholen und ehrlich gesagt ist es mir zu heikel über Yaoi zu schreiben, weil ich mich erst langsam kritisch damit auseinandersetze, also lasse ich es. Ich kann auch nicht wirklich verorten, welche Bedeutung es hat, dass diese Anime auf diese Art und Weise produziert und gezeigt wurde. Falls ihr mehr dazu wissen wollt, kann ich euch nicht wirklich weiterhelfen, weil ich zu wenig weiß. Ich finde Love Stage!! ganz ok, ich lese auch den Manga, mag daran aber Rei x Shougo.

Nobunaga Concerto [CN Tod, Krieg, Tote, Blut, physische Gewalt] – Saburou, ein Schüler, wird plötzlich in die Zeit zurück versetzt, in der Oda Nobunaga lebte und nimmt seinen Platz ein. Der Anime folgt seiner Laufbahn und seinen Begegnungen mit anderen Zeitreisenden. Nicht besonders spannend, außer ihr plant eine Analyse von Anime, die in der Sengoku-Zeit spielen (was durchaus spannend wäre). Ganz lustig fand ich, dass Saburou das Raum-Zeit-Kontinuum egal ist und er sein Geschichtebuch konsultiert, bis es ihm geklaut wird.

Tokyo ESP [CN Tod, Krieg, Tote, extreme physische Gewalt, psychische Gewalt, Blut] – Hätte eigentlich ganz gut sein können, ohne die exzessive, unangenehme Sexualisierung der weiblichen Figuren. Erinnerte ein bisschen an X-Men – plötzlich haben einige Leute Superkräfte, mit denen sie umgehen müssen. Wenigstens gibt es wenig Schulszenen und es geht wirklich eher um Action, mit vielen weiblichen Figuren, aber auch den typischen “lustigen” Figuren, die überhaupt nicht lustig sind, wie z.B. den übergriffigen alten Mann (hier als Panda verkleidet). Es gibt die Bösen, gegen die die Guten kämpfen, alles sehr dramatisch, aber im Endeffekt alles sehr 0815, sexistisch und unnötig.

Tokyo Kushu/Tokyo Ghoul [CN Tod, extreme, explizit dargestellte physische Gewalt, psychische Gewalt, Blut, Organe, Kannibalismus, Folter] – Lange Zeit hielt ich Gewalt in Anime recht gut aus. Es sind ja “nur” animierte Figuren und obwohl die mich schon zum Schreien, Heulen, Herzschmerzen gebracht haben, sie sind nicht so real wie echte Schauspieler. In den letzten Jahren gibt es aber einen Trend von immer expliziteren Gewaltdarstellungen, die ich nicht mehr aushalte. Es ist zu grauenhaft und zu sadistisch und Tokyo Ghoul gehört zu diesen Anime. Die Story selbst ist sehr standardmäßig, Ähnlichkeit mit Kemonozume ist da, vor allem in der OP, aber außer der flüssigen Animation ist hier nichts Originelles zu sehen. Gleichzeitig lässen sich diese Stories um Menschenfresser (Kemonozume, Shingeki no Kyojin, in der jetztigen Saison Kiseijuu: Sei no Kakuritsu) wohl als Metaphern (z.B. für Kapitalismus, gesellschaftlichen Druck, u.ä.) verstehen und ihre Häufung und Popularität in den letzten 2 Jahren wird wohl kein Zufall sein. Aber mir dreht es langsam den Magen um :/ Angeblich ist der Manga besser und eine zweite Saison wird es auch geben (no na), aber … nix für mich.

Yami Shibai 2 [CN Horror – sorry, ich erinnere mich nicht mehr an die Details] – Anime mit sehr kurzen Folgen, immer über eine Gruselgeschichte, so á la “Dies ist die Geschichte über XPerson, die …” und dann passiert ihnen irgendetwas creepiges. Die erste Saison war tatsächlich sehr creepy, diese ist zwar auch creepy, aber weniger extrem. Trotzdem insgesamt eher meh.

Zankyou no Terror [CN physische Gewalt, Explosionen, psychische Gewalt, Terrorismus] – Diese Serie werde ich auch noch separat besprechen. Es geht um zwei Freunde, die Terroranschläge verüben, den Polizisten, der dem Ganzen auf dem Grund gehen will und Lisa, die per Zufall in die Sache verwickelt wird. Ich muss mir den Anime aber nochmal ansehen, um zu einem endgültigen Urteil zu kommen, aber insgesamt fand ich ihn recht interessant, aber wieder eigentlich auf bereits vorhandenen Geschichten aufgebaut, also nicht besonders neu, sondern ein bisschen zu vertraut. Nachdem klar wurde, worum es ging, war mir auch ein wenig fad. Aber mal sehen, was ich nach dem nochmaligen Ansehen denke. Gut daran: Kein Fanservice, abgeschlossene Geschichte, ungewöhnliche OP & ED.

So, jetzt darf ich endlich guten Gewissens mit der Herbstsaison beginnen! Jedenfalls so gut mein Gewissen sein kann, da ich noch 100 andere Dinge tun sollte. XD

The Anime Rainbow: Nodame Cantabile

DisclaimerRegeln & Ressourcen

[CN für die Rezension: Benennung von sexuell übergriffigem Verhalten, Heterosexismus, Cissexismus, Gewalt, Sexismus]

[TW Heterosexismus, Cissexismus, Sexismus, sexuelle Übergriffigkeit, körperliche Gewalt (scherzhaft), körperliche Gewalt (ernsthaft), Objektifizierung, Flugzeugunglück, CN Fatshaming, ableistische Sprache, Klassismus]

Nodame Cantabile hat drei Staffeln, Nodame Cantabile, Paris Hen und Finale und insgesamt 45 Episoden (plus zwei OVAs und ein Special). Einerseits ist Nodame Cantabile dem Genre “Karriereanime” zuzuordnen, es wird also der karrieremäßige Aufstieg von in diesem Fall zwei Hauptfiguren und einem größeren Ensemble verfolgt., andererseits ist Nodame Cantabile ein humoristischer Anime und zeigt leider die allerschrecklichsten Seiten dieses Genres.

Es gibt also

  • den sexuell übergriffigen alten Mann (Warum ist das “lustig”? Warummmm?),
  • die homosexuelle Figur (Absatz editiert am 5.10.)  – (Oft ist diese Person eine Transfrau oder eine Dragqueen, deren Verhalten und Begehren vor allem am Beginn der Serie als belustigend und abstoßend dargestellt wird (in anderen Serien wird es das die ganze Zeit). In Nodame Cantabile hat Okuyama Masumi, anders als in anderen “lustigen” Anime, eine Hintergrundgeschichte, ein eigenes Leben, ist ausgezeichnete* Perkussionistin und ist definitiv ein wichtiger Teil des Ensembles.  Später kommt ein schwuler Mann vor, dessen Begehren ebenso als belustigend und abstoßend dargestellt wird, aber er bleibt eine Randfigur. Schließlich gibt es noch eine Szene in der potentiell lesbisches Begehren als abstoßend dargestellt wird),
  • Objektifizierung (BH-Größen scheinen sehr wichtig zu sein, aber da das Zielpublikum als weiblich* angenommen wird, ist Nodame Cantabile bei weitem nicht so extrem wie andere Anime und richtet sich in den meisten Fällen nach der female gaze),
  • Sexismus & Festlegung sexistischer Normen (Frauen sollen gepflegt, nett, elegant sein und sich auch so verhalten, Makeup tragen, aber nicht zu viel, “gehören” einem Mann … etc. etc. etc.),
  • die “spaßhafte” Gewalt, bei der auch Blut spritzt (wie Tom & Jerry, nur mit Menschen und je nachdem Blut),
  • Klassismus,
  • Fatshaming
  • und sicher noch mehr problematische Dinge.

Aber. Noda Megumi oder Nodame, die Hauptfigur der Serie, ist eine so wunderbar untypische Hauptfigur. Ihre Wohnung ist ein Chaos, sie legt keinen Wert auf Körperpflege oder stereotyp “feminine” Kleidung, sie kann nicht kochen, sie singt Scherzlieder über Fürze und Katzenscheiße, mag Anime und Manga, sie bringt ihr Begehren für Chiaki Shinichi, den Protagonisten, mehr als deutlich und auf für weibliche Animefiguren sehr untypische Art und Weise zum Ausdruck – und in diesem Anime wird Begehren, Küssen, Sex endlich einmal (wenn auch je nachdem nur in den dezentesten Ansätzen) thematisiert (nein, das ist nicht immer so) . Nodame bleibt auch so – es gibt hier kein Riesenmakeover und alle temporären Änderungen halten nicht lange. Es ist Chiaki, der trotz aller seiner Widerstände für Nodame aufräumt, ihre Kleidung wäscht, sie pflegt, ihr Essen kocht.

Schon allein diese Umkehr, die ich sonst in nur einigen wenigen Anime und fast nie auf diese Weise gesehen habe, hat mir Nodame Cantabile ans Herz wachsen lassen. Was noch dazukommt: In Nodame Cantabile geht es um klassische Musik, die ich gerne mag und der Anime spielt endlich einmal an einer Universität statt an einer Schule (yes! 20jährige! Juhu! *heul* Wenn’s mal mehr als eine Handvoll Anime über 30jährige Frauen gäbe …).

Chiaki stammt aus einer reichen, musikalischen Familie und will Dirigent werden, kann aber #ausGründen Japan nicht verlassen. Nodames Vater ist Seetangbauer, ihre Mutter ist schneiderisch begabte Hausfrau und sie will eigentlich nur einen Uniabschluss, damit sie Lehrerin werden kann. Chiaki entdeckt, wie gut sie Klavier spielen kann und so geht es dann darum, dass er und viele andere versuchen, Nodame darin zu unterstützen, Pianistin zu werden. Gleichzeitig bringt Nodame auf ihre Art Chiaki dazu, seine arrogantes Arschlochverhalten zu ändern, d.h. er unterstützt sie mit Reproduktionsarbeit, seinem kulturellen Wissen und seinen Verbindungen, sie unterstützt ihn bei der emotionalen Arbeit.

Dass sie es ist, die ihn bei der emotionalen Arbeit unterstützt, kann zwar auch problematisch gesehen werden, aber in den meisten Anime unterstützt die weibliche Figur den Protagonisten in diesem Bereich ohne gleichzeitig in ihren eigenen Bestrebungen eine ähnliche Unterstützung zu enthalten, sollte sie denn eigene Wünsche und Ziele haben, die außerhalb “Beziehung mit Protagonist” liegen – wenn ihr überhaupt so viel Raum, Hintergrundgeschichte und Charakter zugestanden wird. Auch wird das Machtgefälle, das zwischen Chiakis und Nodames Hintergrund besteht, thematisiert und Nodame weist Chiaki darauf hin, wenn er vergisst, dass sie nicht aus einem Oberschichthaushalt stammt und ihr der “Bildungskanon” fehlt, da sie von ihrer Familie dahingehend keine Unterstützung erhalten hat. Nodame entwickelt ihre eigenen Bilder und Vorstellungen, die auch (von Chiaki) als gleichrangig akzeptiert werden.

Dazwischen gibt es klassische Musik, wobei auch Werke von Komponisten (nein, keine Frauen*, was dachtet ihr?) des 20 Jahrhundert vorkommen (untypisch). Immer wieder kommen die Charaktere in Wettbewerbssituationen, was natürlich die Spannung erhöht (vergleichbar mit Sportanime). Und es gibt eben die Liebesgeschichte zwischen Chiaki und Nodame, die weder einfach noch spannungsfrei ist. In den Konzertszenen ist die Computeranimation manchmal seeehr deutlich zu sehen, aber im großen und ganzen ist die Animation ok, nicht sehr detailreich, aber nett anzusehen (Chiaki-senpai! Kyaaa! *hust*).

Ich kann euch also Nodame Cantabile nicht guten Gewissens empfehlen. Ich kann euch Nodame Cantabile aber auch nicht nicht empfehlen. Wenn ihr klassische Musik mögt und ein Paradebeispiel für einen humoristischen Anime sucht und nicht die fadeste, 1000mal wiederholte, androzentristische Geschichte sehen wollt (denn meistens sind solche humoristischen Anime für cismännliche Zuschauer gemacht), dann seht euch Nodame Cantabile an. Falls das eher nichts für euch ist – Geduld, es kommen noch weitere Rezensionen ;)

no spoilers

Nein, Lookism ist nicht ok

Da ist Tag des Plastiksackerls (Plastiktüte) und eine Abgeordnete der deutschen Grünen sowie der Fraktionschef der deutschen Grünen posieren gemeinsam mit einem Stoffbeutel, auf dem “Bio macht schön” gedruckt ist. Das Foto wird via Facebook und Twitter verbreitet und gestern hatte ich dann eine Unterhaltung auf Twitter darüber, da eine Person einen Tweet des Fotos mit gehässigem Kommentar retweetet hatte. Denn gehässige Kommentare gab und gibt es zuhauf.

Schließlich fühlte ich mich motiviert, etwas generelles dazu zu sagen:

Dehumanisierung der Person, die kommentiert wird, meine ich damit: Die Person wird als weniger wert und weniger menschlich wahrgenommen, sie wird ein Objekt, ein Ding, ohne Gedanken, ohne Gefühle, ohne Geschichte. Die negativ kommentierende Person denkt von sich mehr wert zu sein als dieses schon nicht mehr menschliche Objekt, für das sie keine Empathie aufbringen muss, denn es ist ein Objekt und kein Mensch mehr.

In einem sozialen Kontext – sowohl on- als auch offline, kann ein negativer Kommentar über das Aussehen einer Person zu einer fürchterlichen Dynamik führen:

Eine Person sagt was, die andere setzt was drauf, immer mehr versuchen sich zu übertreffen, die Sprache wird immer härter, Sexismus, Rassismus, Klassismus, Heterosexismus, Cissexismus, Ableismus, etc., die dem ersten negativen Kommentar zugrundeliegen, ob bewusst oder unbewusst, kommen immer deutlicher, immer offener zum Vorschein.

Das habt ihr sicher schon gesehen und teilweile auch erlebt. Dieser erste Schritt kann zu einer Gewaltspirale führen, an deren Ende einerseits verletzte, traumatisierte, retraumatisierte Menschen stehen – und andererseits Menschen, die sich in ihren *istischen Vorurteilen und ihrem *istischen Verhalten bestätigt sehen. Sie werden also wieder negativ kommentieren und wieder Menschen verletzen.

Diese Konditionierung (durch Elternhaus, Umfeld, Medien, etc.) sitzt tief, auch bei mir. Aber daran lässt sich arbeiten, auf allen Ebenen: Bei mir, in der Filterbubble, bei der Kritik an Medien, die solche Aussagen tätigen und verbreiten, beim Engagement gegen lookism und Fatshaming.

Ich finde die Aussage “Bio macht schön” problematisch – denn sie verkennt, dass sich viele Menschen Bioprodukte nicht oder nicht durchgehend leisten können, qualifiziert sie als hässlich ab, wenn sie keine Bioprodukte kaufen und jagt ihnen Angst ein: “Iss bio, dann wirst du schön und du musst schön sein (wollen) und zwar so, wie die Gesellschaft das vorgibt, dann wird es dir besser gehen.” Den gängigen Schönheitsnormen nicht zu entsprechen hat ernsthafte Konsequenzen – und je marginalisierter die Person, desto ernster sind die Konsequenzen.

“Bio macht schön” spielt genau in die normativen Schönheitsvorstellungen hinein, die den zwei Politiker_innen nun um die Ohren gehauen werden. Ich hätte lieber Argumente statt griffiger Slogans – und Maßnahmen zur Armutsbekämpfung. Aber ich finde eben die Aussage und die dahinterstehenden Normen problematisch und kritisiere Aussage und Normen, nicht das Aussehen der Personen, die hinter der Aussage stehen.

Gestern bekam ich die Argumente: “Aber die sind doch Teil der herrschenden Klassen! Und das ist Satire (und die darf alles!)”

Richtig, das sind zwei Politiker_innen. Und Politiker_innen sollten durchaus etwas mehr nachdenken, bevor sie klassistische, normative Botschaften wie “Bio macht schön” verbreiten. Aber es sind auch zwei Menschen. Über ihr Aussehen zu spotten ist nicht Satire, sondern eine Aufrechterhaltung der bestehenden Schönheitsnormen. Zudem richten sich die Angriffe heftiger gegen die grüne Abgeordnete, denn Sexismus is alive and well.

Selbst *ismen und Normen zu kritisieren und sie aber gegen andere, “die da oben” oder auch gerne “die da unten” einzusetzen, ist Messen mit zweierlei Maß. Wenn ich den Anspruch habe, dass mein Aussehen nicht kritisiert werden soll, dass die Normierung und Hierarchisierung von Aussehen, Körperformen, Kleidungsstil, etc. aufhören soll, sollte ich diese Normierungen und Hierarchisierungen nicht selbst fortführen und unterstützen, sondern auf allen Ebenen bekämpfen.

Nochmal:

Die der anderen … und der eigenen.

Rants in Kurz und nicht so Kurz 2: Manpfehlungen

1. Als Zusatz zu “Mansplaining/Herrklären” habe ich gerade “Manpfehlung” festgesetzt. Das sind diese ungefragten Empfehlungen, die gerne auch einen beleidigenden Ton haben. Oder ungefragte “Verbesserungen” meines Begriffs von nicht-feministischer Seite. Als englische Version hat @sanczny “recomMANdation” vorgeschlagen <3.

Leider:

Gusch!

2. Offensichtlich noch nicht durchgedrungen: Cis_männer haben keinen Anspruch auf Erklärungen feministischer Praxen, Thesen, Aussagen, etc. Stattdessen können Cis_männer etwas ganz praktisch tun, um Feminismus(TM) und Feministinnen* zu unterstützen: Sich selbst informieren, selbst lernen, selbst Quellen suchen. Weitere Dinge auch z.B. siehe hier: http://m.xojane.com/issues/feminism-men-practical-steps
Das cis_männliche Gejammere darüber, dass sie keine Erklärungen kriegen, ist eine gängige Derailing-Technik, siehe auch: http://www.derailingfordummies.com/derail-using-education/ Nicht mit mir.

2. Zeitungen, die keine fundierten Artikel zu Ferguson veröffentlichen wollen, können von mir aus sofort eingestellt werden. Pro forma-Wortmeldungen mit social media entnommenen Memes reichen nicht!

 

3. Beim Nachsinnen über den österreichischen antifeministischen Sommer kam mir das Grausen. Ich würde eine gerade Linie von den Angriffen auf das Femcamp und seine Organisator_innen*, durch die Debatte über die “großen Töchter” in der Bundeshymne, den Brief von 800 Personen gegen das Binnen-I, die Verhaftung von Demonstrant_innen, die in Salzburg gegen eine Antiabtreibungsdemo protestierten bis zur SPÖ ziehen, die die in ihren Statuten festgesetzte Frauenquote und deren Bestimmungen außer Kraft gesetzt hat.

Die Angriffe auf das Femcamp und seine Organisator_innen*, die von einflussreichen Lobbyist_innen*, Medienmarketingmenschen und Journalist_innen* betrieben und unterstützt wurden, machten deutlich, dass in Österreich mit breitem Widerspruch gegen sexistisches Verhalten nicht gerechnet werden muss. Feminist_innen* und ihre Unterstützer_innen* haben in Österreich keine Macht.

Die Debatte um die in die österreichische Bundeshymne gesetzten “großen Töchter” zeigte, dass selbst die wirklich einfachsten feministischen Forderungen in Österreich keine breite Unterstützung finden. Ermutigt von dieser Debatte, die in 20.000 Hasskommentare auf der Seite der österreichischen Ministerin für Bildung und Frauen, Gabriele Heinisch-Hossek, mündete, schrieben 800 Personen einen offenen Brief gegen das Binnen-I.

Der Brief von 800 Personen gegen das Binnen-I und anderen cisgendergerechten Schreibweisen, der zunächst in einer Zeitschrift erschien, deren Herausgeberverein nachweislich Kontakte mit der rechtsextremen Szene hat (auch wenn dieses Erscheinen angeblich ein “Versehen” war) zeigte, dass etliche  Wissenschaftler_innen, Lehrer_innen, Schuldirektor_innen ebenfalls nicht einmal die Grundlagen des Feminismus kennen, geschweige denn unterstützen. Lehrer_innen. Schuldirektor_innen. An der Universität beschäftigte Wissenschaftler_innen. Sauber, sauber.

Bei einer Demonstration in Salzburg gegen die dort stattfindende Demonstration der Abtreibungsgegner_innen wurden schließlich Aktivist_innen festgenommen und einige davon wegen “Verhetzung” angezeigt. Komischerweise passiert das bei Naziparolen, Nazigrüßen, Nazidemoschildern, Naziparteiplakaten etc. extrem selten. Also ein weiterer und deutlicher Schritt in Richtung Kriminalisierung von feministischem Aktivismus. Wurde kaum medial thematisiert. In Österreich steht Abtreibung übrigens immer noch im Strafgesetzbuch.

Schließlich – die Nachbesetzung des Mandats der verstorbenen Nationalratspräsidentin Barbara Prammer. Laut SPÖ-Statuten sollte eine Frau nachrücken, um die Frauenquote (40% sollten es eigentlich sein) zu erhalten. Nix da. Wieso denn auch, Österreich ist es aber sowas von wurscht, da kann auf Frauenquoten gut verzichtet werden, wenn die mal politisch nicht opportun sind. Dass die Frau, die nachrücken sollte, Sonja Ablinger, noch dazu nicht immer einer Meinung mit ihrer Partei ist und deshalb von Parteiseite her möglichst nicht ins Parlament zurückgelassen werden will, kommt dann noch dazu.

Wir (mich eingeschlossen) schauen immer etwas verächtlich auf die Schweiz ob der späten Einführung des Frauenwahlrechts: Macht euch keine Illusionen darüber, wenn es im Rest Europas auch Volksabstimmungen darüber gegeben hätte (in der Schweiz gab es darüber nämlich einige, bis endlich ein Ja herauskam), hätten Frauen* in den meisten Ländern das Wahlrecht wohl auch erst in den 1970ern erhalten – oder eventuell noch gar nicht. In Österreich würde ich auf gar nicht tippen. Wenn ihr die Liste im Wikipediaartikel zu Frauenwahlrecht durchseht, seht ihr, wie wenig Abstimmungen es dazu gab. Und abstimmen durften dann meistens die Männer, nicht die Frauen – außer auf den Philippinen. Eine vollständigere Liste ist z.B. hier.

Was kommt als nächstes? Und wann sagen wir “Stopp!”?

Hände hoch, hier ist die Feminismus-Polizei!

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feminist badge level 5

*klopfklopf*

Unschuldige Zivilgesellschaft: “Wer ist da?”

“Die Feminismus-Polizei! Aufmachen! Sofort!”

Unschuldige Zivilgesellschaft: “Aber wir haben doch gar nix getaaaaaaan!”

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Wieviele Monate ist das Twitkulturdebakel nun her? Am 7. Dezember werden es 2 Monate sein. In Social Media-Zeit ist das ein halbes Jahrhundert oder so. Wieviel Kraft und Nerven @OljaAlvir und mich die Hasskampagne gekostet hat.

Vielleicht die (für mich) absoluten Tiefpunkte nochmal zur Erinnerung: Uns wurden indirekt Nazimethoden vorgeworfen – und es gab keinen Widerspruch. Der Organisator des Events favorisierte einen Tweet in dem ich “faschistischer Abschaum” genannt wurde. Nachlesen könnt ihr das alles hier.

In den zwei Monaten seither habe ich mein Schlafdefizit aufgeholt, meine Nerven sind einigermaßen in ihren Ausgangszustand zurückgekehrt. Olja hatte noch länger mit Angriffen zu kämpfen, ihr wurden Freundschaften aufgekündigt, weil es für die Personen opportuner war, sich auf die nichtfeministische Seite zu stellen, diskutierte sie etwas auf Twitter, waren sofort diejenigen zur Stelle, die ihr die Kritik an der Twitkultur nicht verzeihen konnten.

Ich wurde nicht weiter behelligt, weil ich mich systemkonform brav und ruhig verhielt. Und auch der folgende Seitenhieb gilt nicht mir, sondern Olja. Oder vielleicht doch mir? Nach meinem Post hatte ich immerhin ca. 100 Follower_innen mehr. Ich fand das etwas creepy und es hatte unangenehme Auswirkungen (deutliche Zunahme von Mansplaining). Aber sie ließen sich nicht vertreiben und es wurden immer mehr, oh dear. Kürzlich bekam ich das erste Angebot, für eine Rechtsanwaltskanzlei (wohl gratis) Werbung zu machen. Look parents, I’ve made it on the internetz. *augenverdreh* Die Autorin* des Artikels hat übrigens mehr Follower_innen als Olja und ich zusammen. Aber we “did it all for the Twitter fame” (Zitat aus ironisch gemeintem Tweet von Olja).

Ich dachte, Twitkultur wäre old news. Alte Nachrichten stinken ja bekanntlich wie der Fisch, um den sie gewickelt werden. Aber nein. Es ist Advent, der Jahreswechsel naht, und einige fühlen sich bemüßigt, den Gestank nochmal aufzuwärmen (hoffentlich findet der Artikel keine Nachahmer_innen).

Mich erreicht ein Hinweis auf diesen Artikel und ich dachte mir nichts weiter, weil was hab ich mit irgendeinem der genannten Links zu tun.

Aber dann lese ich den Ursprung der Twitterkonversation, in die ich gezogen wurde, nochmal nach.

“Kinder, die auf Twitter schlimm waren”. Häh? Ich klicke auf den obersten Link in der Kompilation und finde endlich heraus, woher der Wind weht. Na Mahlzeit.

Falls ihr nicht auf den Link klicken wollt, hier die Zitate, auf die ich mich beziehe:

“Es gibt unterschiedliche Gründe, das Twitter-Service zu nutzen. Shameless Self Promotion ist einiger der häufigsten davon. Das ist nicht verwerflich, man sollte dabei aber einige Grundregeln der guten Twitter-Etikette beachten.”

Neben anderen Punkten steht unter der Überschrift “Die Sittenpolizei” dann:

“Frauenanteil auf öffentlichen Veranstaltungen, im TV, auf Literaturveranstaltungen (#twittkultur): wer unbedacht für eine Nicht-Gender-neutralisierte Sache oder Veranstaltung wirbt, läuft Gefahr, ins Visier der Feminismus-Polizei zu geraten. Die Sache an sich, für die hier mit harten Bandagen gekämpft wird, mag eine Gute sein, aber der Zweck heiligt eben doch nicht alle Mittel. Offen gelassen sei hier auch, ob die Absicht hinter diesen Tweets überhaupt der Sache dienen sollte – oder nur der Positionierung einzelner Twitterantinnen.”

Ich glaube, damit sind genug Feminismus-Bullshit-Bingofelder besetzt, um mal laut und herzlich “Bingo!” zu rufen.

Ich hatte es ja völlig verdrängt, zum Glück hat mich diese Aussage in der digitalista-Zusammenfassung daran erinnert: Feminist_innen sind “nur auf Aufmerksamkeit aus”. Shameless self promotion steht dahinter, wenn wir z.B. darum kämpfen, dass Frauen* bei öffentlichen Veranstaltungen, im Fernsehen, bei “Literaturveranstaltungen” (das war #twitkultur nicht ausschließlich) angemessen repräsentiert sind bzw. werden.

So wie bei allen anderen, die etwas in der Welt bewirken wollen, oder? Wie zum Beispiel Kommunikationsagenturen, die würden gerne Aufträge kriegen und Geld verdienen. Oder Journalist_innen. Oder Menschen, die Events veranstalten. Aber Feminist_innen sind eben irgendwie böse oder so, keine Ahnung, es muss echt voll schlimm sein, was die machen, also kann auf ihnen rumgehackt werden.

Dass das dann Aufmerksamkeit, Bonuspunkte und hartes Bargeld für die Feminismuskritiker_innen bringt, ist aber keine shameless self promotion, neeeeinnnn, NIE! Was es ist: Verinnerlichter Sexismus. Und mal wieder auf dem Rücken der Frauen* Geld verdienen. Sauber.

Aber die Kritik ist schon gerechtfertigt, weil wenn’s um Feminismus geht, da kämpfen wir schon mal mit “harten Bandagen”, zum Beispiel indem wir zu erklären versuchen, warum Frauen anders und ev. öfter angesprochen werden müssen, wenn Veranstaltungen “gender-neutralisiert” (höhö, wie LUSTIG) besetzt werden sollen. Warum es wichtig und sogar von Vorteil ist, ein Gleichgewicht herzustellen bzw. über die Genderbinarität hinauszugehen. Dafür werden wir beschimpft, zum Teil sexistisch, schlimme Kinder und Nazis genannt. Im Gegensatz zu unseren harten Bandagen sind das ja Kinkerlitzchen.

Was ein tone argument ist und warum das mit “der Sache” bei der Feminismus-Polizei nur auf Ärger und Augenverdrehen stößt, ist halt noch nicht Kommunikationsagenturen- oder gesellschaftlicher Mainstream, leider. Und wird es auch nie sein, wenn’s nach der patriarchalen Gesellschaftsordnung geht. Die Ironie, dass es “der Sache” des Feminismus mehr schadet, wenn der Feminismus mal wieder als kindisch, aufmerksamkeitsheischend, überzogen, unverhältnismäßig, gefährlich, mächtig, ja sogar als staatliche Institution stereotypisiert wird, lassen wir hier elegant beiseite.

Oder nicht. Was soll mit “Sittenpolizei” gemeint sein? Etwa … “political correctness”? Eigentlich ist die Sittenpolizei für den Erhalt der guten Sitten, so die Grundzüge, was damit gemeint ist, vermittelt Wikipedia. Sehr missverständlich irgendwie (Polizeistunde gibt’s keine auf Twitter). Also präziser: “Feminismus-Polizei”.

Ach lol. Hätten wir doch nur so viel staatlich legitimierte Macht. Wie viel besser diese Welt schon wäre. Wer nicht merkt, dass im Jahr 2013 überall auf der Welt Frauen immer noch darum kämpfen müssen, als vollwertige Menschen mit allen Rechten, die ihnen qua Menschenrechtserklärung und – wo es entsprechende Gesetze gibt – qua Gesetz zustehen, ist entweder innerhalb der patriarchalen Gesellschaftsordnung privilegiert oder hat sich mit ihr gut gestellt und profitiert von ihr. Das tut dieser Artikel.

Ohne Not hätte dieser Paragraph ausgelassen oder – gute Güte! – sogar feministisch formuliert werden können. So á la “Wer im Jahr 2013 bei seinen Veranstaltungen noch nicht auf eine diversere Besetzung (ja, es gibt noch mehr Diskriminierungen außer Sexismus, z.B. Rassismus, Ableismus, Klassismus, usw.) achtet, sollte sich nicht über Kritik/Shitstorms wundern, sondern mal seine Privilegien überdenken.”

Aber so halb ist ja auch dieser Artikel wieder “lustig” gemeint, gell? Deshalb setzen sich alle, die es immer noch nicht begriffen haben jetzt nochmal hin (speziell die Kommunikationsmanager_innen, da lernt ihr noch was für den nächsten Shitstorm) und schreibt das hundertmal ab:
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Quelle

Und jetzt Hände hoch! Sie sind verhaftet!

Die Schweizerinnen* und die Geschichte von Unten

In der Schweiz wird gerade eine vierteilige Fernsehserie ausgestrahlt, Titel: “Die Schweizer”. Beworben und dargestellt werden? Männer. Richtig. Nein, es gab nie Schweizerinnen. Es gab nie Frauen! Nie! Merkt euch das doch endlich! Frauen gibt es nicht und hat es nie gegeben. (Und Menschen jenseits der Gendernormen erst recht nicht.) Nutzlos ihre Geschichte zu erforschen, sie darzustellen. Es gibt sie nicht.

Zumindest scheint es so. Immer noch. Im Jahr 2013. @co_g schreibt in ihrem Blog aufZehenspitzen ein wenig resigniert: “Feminismus hat keine breitflächige Unterstützung – nicht in den Medien, nicht in der Politik, nicht in der Gesellschaft. Es ist einfach niemand da außer uns.” Und ich möchte sagen: Ja. Und ich möchte sagen: Aber wir sind da. Wir und viele andere, die wir vielleicht gar nicht sehen, welche einzelne Person kann schon alles lesen, was passiert, wenn sie dafür nicht bezahlt wird und selbst wenn? Ich persönlich möchte auch sagen: Je sichtbarer wir werden, je mehr wir unsere Inhalte für breite Kreise öffentlich zugänglich machen, desto mehr werden wir. Hoffe ich. Trotz allem Hass, trotz allen Schmerzen, trotz dem täglichen Kampf, trotz der Arbeit, die das alles macht und die uns meistens nicht bezahlt wird. Wobei ich keiner*m vorschreiben will, das tun zu müssen. Echt nicht. Aber ich freue mich, wenn ihr es tut.

Darum schreibe ich jetzt über etwas, das Historiker*innen, die sich mit Frauen- und Geschlechtergeschichte auseinandersetzen, zum Teil schon sehr lange sagen. Aber vielleicht nicht jetzt gerade. Vielleicht nicht in Blogs (obwohl ich immer mehr Blogs von Historiker*innen sehe und mir jedes Mal mein Herz aus der Brust platzen will, weil ich mich so freue).

Also. Fernsehserie “Die Schweizer”, “Les Suisses”, “Gli Svizzeri”, “Ils Svizzers”, männliche Formen in allen vier Landessprachen, 6 Männerfiguren, die porträtiert werden. Eingebunden in ein “Themenmonat”-Konzept, das über alle Plattformen – Fernsehen, Radio, Internet – die Geschichte “der Schweizer” erklärt. Im erweiterten Themenkonzept kämen dann auch Frauen vor – ausgezeichnet dazu Sabine Altorfer.

Produziert wurde die Serie und der ganze “Themenmonat” von der Schweizer Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG SSR), die “zwar ein privatrechtlicher Verein und ein eigenständiges Unternehmen [ist], jedoch erhält sie neben ihrer Konzession vom Bund (für alle elektronischen Medien erforderlich) auch einen klaren gesetzlichen Auftrag für den sogenannten «Service Public». Das heisst die SRG SSR ist dafür verantwortlich, dass alle Sprachregionen eine gesicherte Informationsabdeckung und ein vielfältiges Unterhaltungs-, Bildungs- und Kulturprogramm erhalten. Dafür erhält sie einen Grossteil der Einnahmen aus den Rundfunkgebühren (70 %), die die Billag erhebt.” (Zitat aus dem Wikipedia-Artikel). Dort steht auch, dass die SRG “Trägerin des grössten Unternehmens für elektronische Medien in der Schweiz” ist. Die SRG hat also einen klaren öffentlich-rechtlichen Auftrag und wird dafür bezahlt.

Die Diskussion in der Presse und anderen Medien beginnt mit der Kolumne der früheren CVP-Nationalrätin und Nationalratspräsidentin Judith Stamm auf Seniorweb (Lest die!), auf die der Journalist Christof Moser aufmerksam wird und daraufhin den eingangs verlinkten Artikel in der “Schweiz am Sonntag” schreibt. Andere Politikerinnen* und auch Politiker* verschiedener Parteien hatten sich schon davor mit einem Brief, der die einseitige Darstellung der Schweizer Geschichte thematisierte, an den Generaldirektor der SRG gewandt. Hier eine gute Zusammenfassung mit Links zu relevanten Artikeln.

Auf Twitter lancierte @fatimavidal den Hashtag #Schweizerinnen (sie wird übrigens in keinem der von mir gelesenen Artikel als Urheberin erwähnt), um historisch bedeutende Schweizerinnen sichtbar zu machen. Auf Kolumne, Artikel, Hashtag folgt große Medienaufmerksamkeit. Dieses Phänomen haben ich und viele, viele andere ja schon seziert: Absichtlich wird der berechtigte Aufschrei provoziert, um Gratis-PR zu bekommen. Der Projektleiter Mariano Tschuor gibt das in diesem Interview mit Edith Hollenstein auf persoenlich.com offen zu, verwehrt sich aber gegen die “bösartige Unterstellung”, dass daraus Profit geschlagen werden sollte. Jaja. “I’m shocked! Shocked! To find that gambling is going on in here!” 

Aufregung. Vorschläge von geschichtlich bedeutenden Frauen. Texte, z.B. dieser hier von Michèle Binswanger. Oder dieser von Miriam Meckel, in dem sie fordert, genauer auf die Schweizer Geschichte zu schauen. Schließlich kommt heraus, dass das Ursprungskonzept, das unter der damaligen SRG-Generaldirektorin Ingrid Deltenre erarbeitet wurde, sehr wohl differenzierter war und bedeutende Frauen aus verschiedenen Epochen porträtierte. Aus “Spargründen” veränderte sich das Konzept unter der Leitung von SRG-Generaldirektor Roger de Weck zum “Prestigeprojekt” ohne Frauen (Artikel von Christof Moser und Alan Cassidy in Schweiz am Sonntag). Weil auf das 14./15. und das 19. Jahrhundert fokussiert werden sollte. Meta von Salis, erste offizielle Historikerin der Schweiz, Kämpferin für Frauenrechte im 19. Jahrhundert, die mit Frauen* in Beziehungen lebte, wurde dann aus dem “Prestigeprojekt”-Konzept gestrichen. In dem Artikel kommt auch endlich eine Historikerin* zu Wort, Susanna Burghartz von der Universität Basel. Mittlerweile ist das ganze angeblich kein “Prestigeprojekt” mehr, sondern nur ein “Angebot” sagt der Projektleiter Mariano Tschuor im Interview mit Michèle Binswanger im Tagesanzeiger.

Und es schreiben die Historiker oder solche, die sich dafür halten. Und erklären, warum es keine “bedeutenden Frauen” gegeben hatte, warum ihre nachträgliche Hervorhebung “Geschichtsverfälschung” (ja, das ist ein direktes Zitat) wäre. Zum Schluss kommt dann noch einer, der erklärt, wir sollten nicht so an den großen Figuren hängen, besser Geschichte von Unten betreiben, Bücher aus 1986 lesen und so (Pikant, dass dieser NZZ-Artikel normalerweise kostenpflichtig ist und “speziell für Sie” freigeschaltet wurde. Werbunnng!). Das sagt Susanna Burghartz auch. Aber wie das gesagt wird und wer das sagt, macht einen Unterschied.

Aus meiner Sicht lässt sich die Kritik aus historiographischer Perspektive an mehreren Punkten ansetzen:

1) Das Argument “Es gibt keine bedeutenden Frauen*.”

Tatsächlich gab es (wie schon hunderttausendmal gesagt) in der gesamten Geschichte weniger “bedeutende”, also tatsächlich mächtige Frauen* als Männer* – es gibt heute noch weniger mächtige Frauen* als Männer*. Weil wir in einer globalen patriarchalen Gesellschaftsordnung leben, die Frauen* den Zugang zur Macht möglichst schwer macht und wenn, dann nur unter erschwerten Auflagen gewährt. (Die Kapitalismuskritik von wegen Zugang zur Macht ist ohnehin abzulehnen merke ich hiermit an, aber darum geht’s jetzt nicht.)

Ja, es gab und gibt auch anders geordnete Gesellschaften. Viele von ihnen haben sich nach den ersten Kontakten mit der europäischen Gesellschaft unter ihrem gewaltsamen Einfluss zu patriarchalen Gesellschaften entwickelt (manche früher, manche später). Manche waren schon patriarchale Gesellschaften. Leider führt der Eurozentrismus der Geschichtsschreibung und der mangelnde (globale) Austausch zwischen Historiker*innen sowie die Abqualifizierung von Geschichte als “unwichtige” Wissenschaft im Vergleich zu den MINT-Fächern zur Marginalisierung wichtiger Forschung und Informationen, die wir für ein kompletteres Bild unserer Vergangenheit brauchen. Außerdem wurde und wird bei der Geschichtsschreibung durch weiße Forscher*innen die White Supremacy weitergetragen.

Da ich auch in diesem System verhaftet bin, spreche ich aus einer privilegierten, eurozentristischen Position und Perspektive.

2) Das Argument “Es gibt keine bedeutenden Frauen, weil sie keinen Zugang zu Macht hatten.”

Wie schon gesagt: Ja, es gab nicht sehr viele. Und trotzdem gab und gibt es Ausnahmen. Frauen kamen und kommen durchaus zu und an die Macht, auf verschiedene Art und Weise. Etliche Kaiserinnen*, Königinnen*, Fürstinnen*, Herrscher*innen auf lokalen, regionalen, staatlichen Ebenen, waren die einzigen Nachkommen ihrer Väter*, waren Ehefrauen* oder Witwen* ihrer Ehemänner*, Mütter* ihrer Söhne* und Töchter*. Verwitwete Ehefrauen* von Ratsherren* saßen durchaus im Stadtrat bzw. wurden um ihre Meinung gefragt. Ehefrauen* von Kaufmännern* führten die Geschäfte ihrer Ehemänner mit oder fort, waren Kreditgeberinnen*, Auftraggeberinnen*. Äbtissinnen*, Nonnen* gründeten, leiteten Klöster und verwalteten die zugehörigen Ländereien (d.h. übten Macht über Menschen aus, die diese bewirtschafteten), etc.

Und das ist nur ein ganz, ganz, ganz kleiner Bruchteil der vielen verschiedenen Machtpositionen, die Frauen in der Geschichte einnahmen. So wie wir heute gleichzeitig diskriminiert und privilegiert sein können, waren im ganzen Lauf der Geschichte Menschen gleichzeitig diskriminiert und privilegiert. Selbst eine Dienerin* am Hof des Königs* war privilegiert gegenüber einer Dienerin*, die in einem bürgerlichen Haus arbeitete, gegenüber Frauen*, die keine Arbeit hatten, die nicht als Dienstpersonal* arbeiten konnten, etc. Gleichzeitig war die Dienerin* am Hof des Königs* von vielen der Diskriminierungen betroffen die auch die Dienerin* im bürgerlichen Haus, die Frauen*, die keine Arbeit hatten, die nicht als Dienstpersonal* arbeiten konnten betrafen.

Erst durch die genaue Erforschung unter dem Aspekt der Frauen- bzw. Geschlechtergeschichte werden die Frauen sichtbar, die eben doch Macht hatten (ich spreche jetzt hier wieder von politischer bzw. monetärer Macht). Das geschieht, indem Historiker*innen genau auf die “bedeutenden” Frauen* schauen und noch genauer auf die “bedeutenden” Männer*, auf die sie umgebenden Menschen und auf die Machtgefüge, sowohl abstrakt als auch individuell.

3) Das Argument “Aber die vermehrte Darstellung von bedeutenden Frauen ist Geschichtsverfälschung, weil es gab sie nicht.”

Stellt euch ein Bild vor. Zuerst seht ihr nur eine Figur – einen Mann. Wenn ihr näher herangeht, seht ihr mehrere Figuren, die den Mann umgeben, Männer und Frauen. Geht noch näher heran und ihr seht immer mehr Figuren, ihre Körperhaltung, ihre Kleidung, Möbel, Gebäude, Tiere, Landschaften … vielleicht sind die Menschen auf dem Bild nicht mehr Männer und Frauen, sondern Männer* und Frauen*. ist das ursprüngliche Bild verfälscht? Oder ist es einfach ein kompletteres Bild? Menschen, die so argumentieren, haben keine Ahnung von Geschichte und Geschichtsforschung.

Geschichtsforschung betrifft – wenn wir die Archäologie und noch ein paar andere Wissenschaften dazunehmen, auf die sich die Geschichtsforschung stützt (Sorry! Eigentlich seid ihr alle nur für Historiker*innen da.) – die gesamte Geschichte der Erde. Alles. Ja, das ist ziemlich viel. Zwischen “Die Geschichte des Universums” und “Wie empfand Rosa Luxemburg Trauer?” liegen so unglaublich viele Schichten, Lagen, Schattierungen und Nuancen, dass sie gar noch nicht alle erforscht sind bzw. manchmal aufgrund mangelnder Quellen gar nicht erforscht werden können. Da kommt dann die Interpretation ins Spiel, Geschichtsforschung wird zum Detektiv*innenspiel, bei dem aus Indizien auf Zusammenhänge geschlossen wird. Nach wissenschaftlichen Methoden – eine Theorie gilt so lange, bis ihr Gegenteil bewiesen ist. Darum ist Geschichte auch eine Wissenschaft, die studiert werden kann.

4) Das Argument “Es sollten keine Heldenfiguren mehr porträtiert werden.”

Prinzipiell: Ja. Geschichte besteht nicht nur aus Helden, die völlig aus allen Zusammenhängen gerissen die Mächte des Schicksals bezwingen. Geschichte besteht aus einer unglaublichen Masse von Menschen. Jede einzelne Person, die jemals auf diesem Planeten gelebt hat und jetzt lebt, verdient es, dass ihre Geschichte auf die nuancierteste Weise erzählt wird. Ihre Geschichte, das sind nicht nur die Taten einer Person, sondern auch die einzelnen Stufen dieser Geschichte (Kindheit, Jugend, Phasen des Erwachsenseins, Alter), ihre Beziehungen (zu Verwandten, Freund*innen, Partner*innen, ev. Nachkommen, Tieren, Gegenständen, Lebensorten, Konzepten wie Religion, Politik, Arbeit, Freizeit, etc. etc. etc), ihre Gedanken, ihre Gefühle, ihre physischen Gegenstände (ev. Wohngebäude, ev. Möbel, ev. Kleidung, ev. Krimskrams – je nachdem, was da war).

So wie ihr jetzt seid, wie ich bin, wie ihr als einzelne Personen seid, in allen euren Facetten, so sollten alle dargestellt werden. Und dann die Zusammenhänge in denen sie sich befinden, die größeren Phänomene, die staatlichen und gesellschaftlichen Systeme etc. etc. etc. (stellt euch das einfach als Mischung zwischen Teleskop und Mikroskop vor).

Warum habe ich dann vorher “Wie empfand Rosa Luxemburg Trauer” geschrieben? Hier kommen wir zu einer Schwierigkeit der Historiographie. Es ist um vieles einfacher, Epochen, Abläufe, einzelne Geschehnisse, Personen, deren Gefühle, etc. in allen Facetten zu erforschen, wenn es viele Materialien dazu gibt, besonders Texte, besonders Texte, die sie wirklich selbst geschrieben haben. Je weiter zurück wir in die Vergangenheit gehen, desto weniger Texte gibt es, weil nicht alle Menschen in Schriftkulturen lebten, bzw. Zugang zu Schrift hatten, zu Schreibmaterialien, weil ihre Aufzeichnungen für wertlos befunden wurden. Je geringer der soziale Status, desto weniger Zugang, desto weniger wird überliefert – bis heute.

Eine Möglichkeit ist, sich den Menschen durch ihre Gegenstände anzunähern – die Erforschung ihrer materiellen Kultur. Aber das ist schwierig, weil wir nur dann wirklich gesichert nachweisen können, was eine Person über eine Lampe oder ein Kleid dachte und empfand, wenn sie ausführlichst darüber geschrieben hat. Denkt an eure Blogs, eure Twitterauftritte, euer Facebookprofil, eure tumblr, Instagram-Accounts, etc. Alle sprechen immer davon, dass es sinnlos wäre, so viel zu dokumentieren. Historiker*innen wünschen sich, die Menschen der Vergangenheit wären so akribisch vorgegangen. Historiker*innen der Zukunft werden sich über eure Dokumentationsleidenschaft freuen, wenn sie noch Zeugnisse davon finden.

Die Schwierigkeit, dass wir nicht absolut alles von uns preisgeben im Internet, die könnt ihr euch auch für die Menschen der Vergangenheit denken. Selbst wenn sie jeden Tag genauestens Tagebuch geführt haben, bleiben doch weite Teile, die sie uns nicht erzählen. Diese versteckten Teile auch noch herauszulesen aus allem, das ist die große Kunst der Geschichtswissenschaft. Darum ist es viel leichter, über Held*innen zu schreiben, weil es mehr Texte von ihnen oder über sie gibt, weil Bilder von ihnen gemalt wurden, weil Gegenstände von ihnen vererbt bzw. aufbewahrt wurden, etc.

5) Das Argument “Es soll Geschichte von Unten betrieben und dargestellt werden.”

Ja! Uneingeschränkt ja, tausendmal ja. Zehntausend mal ja. Was ist “Geschichte von Unten“? Laut Wikipedia “ein Ansatz mit dem die Alltagsgeschichte von diskriminierten Gruppen – meistens in einem regionalen Kontext – erforscht und dargestellt werden soll”.

Denkt euch den regionalen Kontext weg und hinzu, dass bei Frauen- und Gendergeschichte eben auf Mehrfachdiskriminierungen geachtet wird und auch Männer ins differenziert betrachtende Blickfeld rücken. Um das ein wenig zu veranschaulichen: Sonja Ablinger zitiert auf ihrem Blog die Historikerin Gerda Lerner, Pionierin der Women’s History. Sie zitiert dort auch in Anlehnung an Bertolt Brecht die Fragen lesender Frauen (hier auf einer anderen Seite nebeneinander, allerdings ist das eine schleißige Quellenangabe, woher die Fragen der lesenden Frauen wohl stammen?).

Dabei differenzieren Historiker*innen immer weiter. Geschichte von Unten schaut auf die, die die Held*innen durch ihre Arbeit auf ihrem Rücken trugen. Geschichte von Unten schaut, wie diese Menschen lebten, arbeiteten, was für Kulturen sie entwickelten, etc. Aber es ist zu einfach zu sagen “Schauen wir auf die Arbeiter” und die Arbeiterinnen* völlig auszublenden. Die Geschichtsforschung ist schon viel weiter. (Nochmal wiederhole ich jetzt nicht, was ich oben gesagt habe.)

Warum schlägt sich das so wenig im Alltag – bzw. in den Medien – nieder?

Das führe ich jetzt nicht mehr so genau aus, weil darüber schon so viel geschrieben wurde. Diese Argumente sind relativ bekannt.

a) Der Universitätsbetrieb ist eingebettet in die patriarchale und kapitalistische Gesellschaftsordnung.

Soll heißen (und das haben wir jetzt wirklich oft genug durchdekliniert): Universitäten sind nicht mehr zur Bildung da, sondern um Arbeitskräfte auszubilden. Studienrichtungen, von denen erwartet wird, dass sie mehr “Profit” abwerfen, bekommen mehr Geld. Frauen- und Genderforschung – nicht nur in der Geschichte – wird auch innerhalb des Universitätssystems diskriminiert, auch wenn es nicht so erscheint. Insgesamt bekommen Universitäten immer weniger Geld, da der Zugang zu höherer Bildung für alle nicht mehr erwünscht ist.

Trotzdem verheißen Studienabschlüsse – auch in “unwichtigen Fächern” Zugang zu besser bezahlten Berufen, dabei sind diese Berufe vielfach nicht mehr vorhanden. In das Universitätssystem selbst einzubrechen ist sehr schwierig, besonders als Frau*, aus vielen Gründen. Im Universitätssystem zu bleiben ist ebenfalls schwierig, besonders als Frau*, aus vielen Gründen.

Und schließlich: Gute, ausdifferenzierte Forschung kostet Geld. Wenn ich alle Facetten erforschen will bzw. vielleicht neue Methoden entwickeln will, brauche ich entweder sehr viel Zeit oder sehr viele Personen, die das gemeinsam tun. Dafür braucht es Geld, das nicht mehr zur Verfügung steht, erst mühsam eingeworben werden muss und woraus neue Abhängigkeiten entstehen können, die zu schleißiger Wissenschaft führen.

b) Die offizielle Geschichtsschreibung verändert sich nur langsam

Dadurch dass an den zentralen Stellen der Universitäten immer noch weniger Frauen* bzw. andere diskriminierte Personengruppen sitzen, sind die Universitäten nicht sehr divers. Das schlägt sich auf die Forschung nieder, auch auf die Geschichtswissenschaft. Daher sind auch die Lehrbücher und die Schulbücher noch nicht sehr divers und das patriarchalische Gesellschafts- und Geschichtsbild verbreitet sich ungehindert weiter von Generation zu Generation.

Gleichzeitig gibt es die Hierarchie zwischen “offizieller Geschichtsforschung”, die durch studierte Historiker*innen stattfindet und denjenigen Menschen, die selbst beginnen, Geschichte zu erforschen. Ihnen wird vorgeworfen, nicht “reflektiert” genug zu sein. Mittlerweile haben sich die reflektierten Historiker*innen von der Illusion verabschiedet, “objektiv” zu sein und erkennen, dass sie ihre eigenen Prägungen in ihre Wissenschaft einbringen, was durchaus von Vorteil sein kann – aber eben auch ein Nachteil, wenn durch eigene Voreingenommenheiten wichtige Details übersehen, verschwiegen, unsichtbar gemacht werden. Darum, wenn jemand fragt “Ist dieses und jenes nicht schon genug erforscht?” lautet die Antwort immer “Nein.” Wir sind noch nicht am Endpunkt unseres Wissens angelangt und werden es nie tun.

Und so wie es wichtig ist, dass Menschen Blogs schreiben, twittern, etc., ist es in Anbetracht der Tatsachen auch wichtig und richtig, dass Privatpersonen Geschichtsforschung betreiben. Privatpersonen haben Zugang zu den Quellen, die die eigene, die Geschichte der Familie (und nein, damit sind nicht nur Papa, Mama, Oma, Opa gemeint – Familie ist größer, viel größer oder kleiner, viel kleiner) erschließbar machen: Gegenstände, Fotos, Briefe – wenn diese nicht vorhanden sind, vielleicht Geschichten, Erinnerungen. Vielleicht aber auch nicht. Auch hier ist es so, wie mit der ganzen Geschichtsforschung: Manchmal gibt es – aus den verschiedensten Gründen – keine Quellen. Manchmal lässt sich über Umwege etwas erfahren. Manchmal nicht.

Aber wenn es Quellen gibt und eine Person die Arbeit auf sich nehmen möchte, dann drauflos. Ihr generiert nämlich Daten für zukünftige Historiker*innen ;) und teilt euer Wissen mit der Menschheit. Eine, durch die ich überhaupt erst auf das ganze “Schweizer”-Debakel aufmerksam wurde, hat die Erforschung ihrer Geschichte selbst in die Hand genommen. Die Autorin @zoradebrunner beschäftigt sich auf ihren verschiedenen Blogs immer wieder mit ihrer persönlichen und mit ihrer Familiengeschichte. Heute, nach einer gemeinsamen, kurzen Unterhaltung schrieb auch sie über “Geschichte von Unten“.

c) Medienmacht und Frauen in den Medien

Muss ich dazu noch viel sagen? Die Ausrede, dass die Darstellung von Frauen* und anderen diskriminierten Gruppen in den Medien nicht auf Interesse treffen würde, haben wir schon zu oft gehört. Es ist eine Ausrede. Lassen wir sie nicht gelten – so wie viele Schweizerinnen* und Schweizer* sie nicht gelten lassen haben. Und wenn sie uns nicht “mitspielen” lassen, dann hören wir auf, diese Medien zu unterstützen. Erschaffen wir unsere eigenen Plattformen, schreiben wir unsere eigenen Geschichten. Smash patriarchy.

Warum das jetzt grad genervt hat

Achtung, ich fluche jetzt. Weil mich das nervt, das was ihr macht. Ja, denkt euch nur, dass ich übertreibe, denkt, dass das eine Nichtigkeit ist. Und dann geht weg und lasst mich in Ruhe. Bitte. Permanent. Ich verzichte gerne auf euch.

Ich schrieb gestern einen Blogpost, in dem ich relativ oft “Ja, nee.” verwende (und der eigentlich schon eine Warnung hätte sein sollen, aber neinnnn …). Das kommt aus dem Englischen, von “yeah, no.” Nein, das heißt auf Deutsch nicht “jein”. Das heißt NEIN. Denkt euch ein langes, langgezogenes, ironisch klingendes “Jaaaaaaaaa” und dann ein kurzes, ernstes, mit ernstem Gesicht ausgesprochenes “Nein”.

Heute machte ich mir auf Twitter Gedanken darüber, wie ich das am Besten in einen österreichischen Dialekt umsetzen würde. Nein, ich bin *nicht* gegen Sprachwandel oder  Anglizismen im Allgemeinen oder sonst irgendwas. Ich bin für Sprachwandel, weil das an vielen Stellen notwendig ist und an anderen Stellen Spaß macht. Darum geht’s hier nicht.

Ich bin zuhause mit Schweizerdeutsch aufgewachsen, allerdings hauptsächlich in Wien, d.h. trotz Reisen und auch längerer Aufenthalte in der Schweiz eigentlich ohne große Verbindungen zu meiner Elternsprache. Die andere Elternsprache war “Hochdeutsch”. Nicht einer der Wiener Dialekte, obwohl mein “Hochdeutsch” durchaus Wiener Einfärbung hat und eben nicht das bundesdeutsche “Hochdeutsch”.

Also sage ich im Alltag NIE “Ja, nee”. Ergo meine Tweets, in denen ich über eine in meinem gesprochenen und geschriebenen Alltag passende Form nachdenke:

Genauer erkärt:

Wenn ich “Yeah, no” in den ostösterreichischen Dialekt umsetze, der noch andere Dialektausprägungen kennt (Wiener Bezirke haben/hatten eigene Dialekte), wäre das “Jo, naa.” (Das “jo” wird in diesem Dialekt anders ausgesprochen als das “jo” in meinem Schweizer Dialekt). Ich sage im Alltag WEDER “Jo” (österr.) noch “naa”. Das ist nicht mein Dialekt. Punkt. Ich schreibe auch nicht im österreichischen ODER im Schweizer Dialekt, weil das keine “Schriftsprachen” sind – außer ich will a) ironisch sein, b) denke über die Verwendung von Dialektbegriffen nach oder c) fluche (witness ein gopfertoorinonemol am Freitag, bevor ich meinen Blogpost schrieb).

Fazit also: Wenn ich etwas schreibe, werde ich weiterhin “Ja, nee” verwenden, weil es für mich schlüssiger klingt. Das ist mein privater Fazit.

Und was passiert?

Kommt einer und sagt:

Nervig genug. Ich finde nicht, dass sich Dialekte schlecht anhören. Ich finde sie zum Teil lustig, so wie andere Menschen meinen Schweizer Dialekt lustig finden bzw. anders, weil ich weiß, dass das nervig ist. Ich mag einfach Worte, schöne oder “lustige” Worte machen mich froh, nicht nur in Dialekten, auch in Sprachen.

Manche Dialekte verstehe ich nicht. Manche verstehe ich besser als andere. No big deal. Es gibt Menschen, auch um mich herum, die mir immer wieder erzählen wollen, wie fürchterlich dieser oder jener Dialekt klingt – das regt mich auf! Besonders wenn es Schweizer*innen sind, die auf ihrem begrenzten Raum bei 26 Kantonen auch noch über andere, vielleicht 100 km, vielleicht 2 km entferne Kantone herziehen ARGH! Als hätten wir nicht genug mit Rassismus zu tun, müsst ihr auch noch so herumtun. Dasselbe in Österreich. Dieses Problem gibt es auch überall, weil es Klassismus und Rassismus überall gibt.

Denn vergessen wir bitte nicht (wie ich dann dem Twitterer erklärte), dass zwischen “Hochsprache” und “Dialekt” sprechenden Menschen ein Machtgefälle besteht, in das Klassismus und Rassismus involviert sind und dass schon das Wort “Schriftsprache” wertend ist und ARGH!!!! Geht weg mit eurem Zeug!

Und dann kommt noch einer (mit dem ich mich ansonsten gern unterhalte), der auf meinen ersten Tweet meint:

Ja, mit Zwinkersmiley. War also “ironisch” gemeint. Hardihar. Meine zunehmend aufgebrachte Reaktion versteht er nicht. Dann erkläre ich es hier nochmal:

“Your loss” impliziert, dass es für mich ein Verlust, also schlecht, ist, dass ich die österreichische Dialektversion nicht verwende. Später meint er, mit “your loss” sei “da kann man wohl nix machen” gemeint. Warum soll ich da was machen müssen? Ich muss da gar nix machen, verdammt noch mal! Warum muss ich mir blöde Kommentare gefallen lassen, auch wenn sie witzig gemeint waren?

Was darunter mitschwimmt: Immer mehr cismännliche Follower fühlen sich in letzter Zeit bemüßigt, meine Tweets und Aktionen zu kommentieren, entweder kritisch bzw. bevormundend (siehe letzter Post) oder in der Gewissheit, damit “zu unterstützen” oder “witzig” zu sein. Nein! Tut/Seid ihr nicht! Auf verärgerte Reaktionen wird dann noch insistiert und plötzlich, huch, ist die ja wütend, was soll das denn jetzt?

Ganz einfach: Ihr müsst unbedingt eure (Rede)bedürfnisse durchsetzen. Ihr merkt nicht einmal, dass ihr das tut. Auch wenn ich schon zu verstehen gebe, dass mich das nervt und/oder verletzt. Ihr hört einfach nicht auf. Das nervt. Extrem.

Manchmal seid ihr mir zu unreflektiert, so wie ich es sicher vielen auch bin. Ich versuche ernsthaft, mich mit Diskriminierungen (nicht nur mit Feminismus) zu beschäftigen und meine Privilegien zu reflektieren und mich besser zu verhalten. Manchmal klappt das nicht, ich brauche noch viel Übung. Drum lese ich aufmerksam immer weiter und übe. Ich versuche auch immer mehr, einfach den Mund zu halten und zuzuhören. Ich muss nicht zu allem meinen Senf abgeben, dafür gibt es die “Fave”-Funktion auf Twitter oder ich kann Menschen nach einem Gespräch sagen “cooles Gespräch, danke”.

Ich spreche und tweete gerne mit euch, aber wenn ich schon zu verstehen gebe, dass mich das jetzt aufregt/nervt, bzw. ich euch nur ganz selten antworte, dann versteht das richtig: Ich will (grad) nicht mit euch (weiter)reden. Wenn ihr meine Bedürfnisse nicht ernst nehmt, könnt ihr nicht erwarten, dass ich “nett” bleibe. Googlet dazu: “mansplaining”, “silencing” und “tone argument”. Und jetzt lasst mich in Ruhe.