Authentizität, Präsenz, Absenz – Gedanken am Ende der Retrospektive

#CN graphische Beschreibungen

Gestern Abend ging die Retrospektive “Bilder der Befreiung – Liberation Footage – Atrocity Pictures” im Österreichischen Filmmuseum zu Ende, mit Nürnberg-Beweisfilmen, also einigen, die beim Prozess in Nürnberg Ende 1945 und Anfang 1946 gezeigt wurden. Der erste, “Nazi Concentration Camps” wurde von den Amerikanern erstellt und enthielt sehr viele Szenen, die ich jetzt schon zum dritten oder vierten Mal gesehen habe. Der Film war mit einer Narration unterlegt, die kurioserweise genau aussetzte, als es um die KZs in Mauthausen und Ebensee ging (ich hätte gerne das Diskussionspanel dazu gefragt), aber ich konnte sie ohne Probleme identifizieren.

Dann wurde der Film gezeigt, den die Sowjetunion für ihren Teil des Prozesses gestaltet hatte: Kinodokumenty o zverstvach nemecko-fašistskich zachvatčikov (Die von den deutsch-faschistischen Invasoren in der UdSSR verübten Gräueltaten). Auch in ihm waren Szenen enthalten, die ich in dem Film German Concentration Camps Factual Survey bereits gesehen hatte, aber die anderen Szenen waren komplett neu und entsetzlich. Ich hätte nicht gedacht, dass die anderen Filme an Grauenhaftigkeit noch überboten werden können, aber doch, ja. Vielleicht lag es auch am “Neuigkeitseffekt” und an der anderen Herangehensweise: In fast allen gezeigten amerikanischen und britischen Filmen blieben die Toten und die Überlebenden anonym.  Im sowjetischen Film bekamen sie Namen, Familien, Geschichten.

Hier wurde die ganze Breite der Verbrechen der Nazis in der Sowjetunion gezeigt – wahlloses Töten von Menschen in Städten und Dörfern, gezielte Ermordung von Bevölkerungen ganzer Orte, Exhumierungen von Massengräbern überall, Babi Jar, Majdanek, Ausschwitz, Entwicklung und Parallelität der Tötungsmethoden von Erschießungen zu den Gaswagen zum industrialisierten Massenmord. Toby Haggith, Leiter des Restaurationsprojektes des Factual-Survey-Films meinte am Sonntag, die sowjetischen Aufnahmen von Majdanek und Auschwitz seien abstrakter und weniger verstörend – mag sein. Vor lauter Leichen und Skeletten ist mir das gar nicht aufgefallen.

Nach diesem Film folgte eine Podiumsdiskussion, zwei Frauen*, drei Männer*, ein Moderator. Eigentlich hätte Toby Haggith noch einen weiteren Beweismittelfilm – den der Briten aus dem Bergen-Belsen-Prozess – zeigen und dazu etwas sagen sollen, aber er selbst war von dem sowjetischen Film so verstört (obwohl er ihn sicher bereits gesehen hatte), dass er beschloss, ihn nicht zu zeigen. Eine gute Entscheidung, fand ich. Jede Vorstellung in der Retrospektive hätte eigentlich so wie die allererste Vorstellung des Factual-Survey-Films auch einer Diskussion danach bedurft, einfach nur, um damit zurechtzukommen – aber der sowjetische Film hätte ganz dringend einer bedurft.

Doch zu einer guten Diskussion kam es nicht. Jeremy Hicks hatte den sowjetischen Film sehr tendenzös vorgestellt und stark betont, dass Teile davon vorher in Propagandafilmen verwendet wurden, dass nicht alles faktisch korrekt war, dass rekonstruierte Szenen nicht als solche ausgewiesen wurden und dass vor allem die sowjetischen Opfer des Holocaust benannt und die jüdischen Opfer nur einmal am Rande erwähnt wurden. Für mich war der Film allerdings so heftig, dass ich diese Abgrenzungen gar nicht im Kopf behalten konnte. Hicks wurde dafür in der Diskussion kritisiert, aber das führte dazu, dass mehr darüber gesprochen wurde, was “Propaganda” jetzt bedeutet (die britischen & amerikanischen Filme sind auch Propaganda) und wie es sich mit Rekonstruktionen verhält (eh ok).

Die teilnehmenden Forscherinnen*, Leslie Swift, Archivarin* am United States Holocaust Museum, und Ulrike Weckel, Professorin für Fachjournalistik Geschichte an der Universität Gießen, kamen kaum zu Wort bzw. wurde ihnen ins Wort gefallen. Der Moderator redete gerne und viel und bei den Fragen aus dem Publikum wurden die Personen berücksichtigt, die ohnehin Zugang zu den Forscher_innen hatten – der Kurator* der Retrospektive, Ingo Zechner, und der Direktor* des Filmmuseums, Alexander Horwath.

Schade, denn am Anfang der Diskussion ging es um Präsenz und Absenz. Aus der Frage, wie weit diese Filme überhaupt als Beweismittel für die Verbrechen der Nazis dienen können entstand der Einwurf, dass viele der damals gefilmten Orte, Gebäude, etc. heute nur in Rekonstruktionen oder gar nicht erhalten sind – die Filme sind nun also Beweismittel für ihre damalige Präsenz und Authentizität und ihre heutige Absenz und die Authentizität der Rekonstruktionen. Und da ich mir schon seit Dienstag Gedanken über genau diese drei Begriffe – Präsenz, Absenz und Authentizität – mache und diese bei der Podiumsdiskussion nicht anbringen konnte (Grrrr!) mag ich sie hier noch ein wenig ausführen.

Ich habe also seit Sonntag eine Menge Filme gesehen. Auch wenn sich die Bilder oft wiederholten, da dieselben Szenen immer wieder verwendet wurden, waren sie doch in sehr unterschiedliche Kontexte eingebettet, die jeweils eine andere Auswirkung auf die Bilder hatten. Welche Auswirkungen das waren und wie sich die Filme voneinander unterschieden und was das (für mich) bedeutete, wurde mir erst mit diesem sich in Schichten überlagerndem Sehen klar.

Der Film am Sonntag – German Concentration Camps Factual Survey – war mit seiner Nüchternheit eine gute Grundlage für die darauf folgenden Filme. Die Art, wie er gezeigt wurde, mit einer Einführung und anschließenden Diskussion, die darauf abzielte, das Publikum mit den belastenden Bildern nicht allein zu lassen, war sehr angenehm.

Filme am Montag: Der Staff Film Report zeigte, wie eine Masse an Informationen straff und mit wenig Pathos vermittelt wurde – und mit welchem Aufwand die höheren Offiziere der US-Armee mit Informationen versorgt wurden. (Oh Rezeptionsgeschichte, bist du hier schon zu spät dran? Ich hätte ein paar Fragen.) Die Newsreels und Reedukations/Aufklärungsfilme zeigten, wie die Berichte über die befreiten Konzentrationslager die amerikanische und zum Teil die deutschsprachige Öffentlichkeit erreichten (wobei z.B. Bilder aus Majdanek und Berichte über Auschwitz schon 1944 bekannt wurden) und wie wichtig und stimmig der nüchterne Ton und Entscheidung gegen Filmmusik des Factual-Survey-Films war.

Die privaten Filme der Regisseure George Stevens und Sam Fuller hatten für mich zwei interessante Aspekte. Einerseits natürlich die Farbaufnahmen von Stevens und die Darstellung des Begräbnisrituals in Fullers Film – und andererseits den Gedanken, dass die Art, wie ich meinen Social-Media-Auftritt kuratiere (und ich würde sagen, viele andere auch) nicht neu ist, sondern, mit etwas Forschung, sicher schon einige Zeit in die Menschheitsgeschichte zurückverfolgt werden kann. Vielleicht erscheint das als ein “No na”-Schluss bzw. ist es eher umgekehrt: Social-Media-Verhalten baut auf schon dagewesenen, tradierten Verhaltensweisen (Codes, Tropen, etc.) auf, nur auf einer anderen Plattform (die Medien sind dieselben: Schrift, Fotografie, Zeichnungen, Film), nur wird das selten sichtbar.

Über Sam Fullers Film “The Big Red One“, den ich am Dienstag in der rekonstruierten Version gesehen habe, hätte ich gerne mit den Teilnehmer_innen der Diskussion gesprochen. Er hat mir – wie auch Fullers Amateuraufnahmen – nicht sehr zugesagt, obwohl viele Szenen durchaus eindrücklich sind. Der Film hat mich aber zu Überlegungen gebracht, was eigentlich der Zweck von Kriegsfilmen ist (Propaganda), dass die zensierten, geglätteten Kriegsfilme (sowohl alte als auch neue wie “Saving Private Ryan” oder “Band of Brothers”) auch ein weißes, heterosexuelles, cis-weibliches Publikum ansprechen sollen, während “The Big Red One” und ähnliche Filme (zu denen ich z.B. “Inglorious Basterds” zählen würde) definitiv nicht für dieses Publikum gedacht sind. Aber ist The Big Red One authentischer? Oder ist das Fullers persönlicher Stil?

Am Mittwoch ging es dann zunächst um die Kameramänner* des US Army Signal Corps, die viele der Aufnahmen, die in der Retrospektive gezeigt wurden, anfertigten und um die Filme, die sie von den KZ-Befreiungen aufnahmen, nur diesmal ohne Narration, ja, ohne Ton, ohne nachträglichen Schnitt. Von da stammen also die Bilder, die dann in den unterschiedlichsten Kontexten weiterverwendet wurden. Das Special Film Project 186 der US Army Air Force, das den Krieg in Farbfilm verewigen sollte, zeigt zum Teil dieselben Motive, zum Teil ganz neue, die erst durch die Farbe richtig identifizierbar werden. Bei einer Hochzeit in Frankreich in Farbe, auf den übergebliebenen Filmresten, bekommen die Kameramänner* für die Forschung endlich Gesichter.

Die danach gezeigten Farbaufnahmen Arthur Zegarts vom KZ Ebensee verstärken noch die Dissonanz der schon gesehenen Schwarz-Weiß-Bilder von den Alpen hinter dem Stacheldraht. Fröhliche Menschen in Lederhose und Dirndl, ein Gasthaus “Zum Tiroler”, Kirchen, Seen, Idylle. Eine Baumallee. Sie führt zum KZ-Eingang. Später werden ihr entlang die Toten bestattet. Hier werden die jüdischen Toten endlich sichtbar: Statt unter den bisher in den Filmen ubiquitären Holzkreuzen werden sie unter Holzdavidsternen bestattet. Weil dieser Film nicht offizielles Beweismittel ist, rückt er den Menschen nicht so ganz nah, sondern betrachtet sie respektvoll. Das Bild der nunmehr schön grün-grau-weißen Berge und dem blauen Himmel hinter dem elektrischen Stacheldrahtzaun bleibt grausig. (Neben mir sitzt ein Schriftsteller, der meinem Vater unglaublich ähnlich sieht und für seine Gedichte, die oft mit Bergen zu tun haben bekannt ist. Er wohnt auf der Alm. Er murmelt die Namen der Berge, die er im Film sieht. Was denkt er?)

Schließlich werden Amateur_innenfilme gezeigt. Sie zeigen nun die Präsenz von Menschen, die in den Hollywoodkriegsfilmen und in vielen der bisher gezeigten Filme absent sind: Schwarze Krankenwagenfahrer* und weibliches* medizinisches Personal. Ob es Untersuchungen zu Schwarzen Angehörigen der US-Armee und ihren Erinnerungen an den Holocaust gibt? (Hier eine Bibliographie des United States Holocaust Memorial Museum und hier ein Interview mit Floyd Dade, Angehöriger des 761st Tank Battalion, das das KZ-Außenlager Gunskirchen in Oberösterreich befreite.)

Wie Toby Haggith am Sonntag sagte: Factual Survey zeigt sehr viele Frauen*: Tote, Überlebende, Täterinnen*, Lastwagen- und Krankenwagenfahrerinnen*, medizinisches Personal. In den Aufnahmen von Beatrice Wachter, die in Feldspitälern arbeitete, tauchen sie wieder auf: Es sind schließlich sie und ihre Freundinnen*, die Schneeballschlachten veranstalten, in die Schweiz auf Besichtigungstour fahren, zum Appell antreten, 30, 40 Frauen*, die da in ihren Uniformen stehen.

Die Bilder aus Dachau in den Amateur_innenfilmen sind sich größtenteils so ähnlich, dass es fast scheint, als wären sie alle zur gleichen Zeit dort gewesen. Wurde einfach alles verfügbare medizinische Personal, das sich in der Gegend befand, nach Dachau gerufen? Aber es gibt auch Unterschiede: Plötzlich ist da eine Musikkapelle. Wo kommt sie her? Diese Gleichzeitigkeit wirft Fragen auf: Wie lange hat das Begraben aller Toten gedauert? Wie lange sind sie vorher noch dort gelegen, wo sie gefunden wurden? Was ist eigentlich mit der Kleidung, den Schuhen, den Haaren, den Brillen, etc., die den Menschen in den KZs geraubt wurden nach der Befreiung geschehen? Sind die jetzt alle in einem Museum? Wurden sie weiterverwendet? Wurden sie begraben?

Aus den vielen sich wiederholenden Bildern wurde am Donnerstag Beweismittel: Gegen KZ-Kommandaten*, gegen die SS, gegen die Hauptangeklagten. Die Prozessberichterstattung fand damals vor allem spannend, wie die Angeklagten auf den “Nazi Concentration Camps”-Film reagieren. Als der sowjetische Film gezeigt wird, ist die internationale Presse bereits größtenteils abgereist. Er gerät in Vergessenheit, wie vieles, was ich in den vergangenen Tagen gesehen habe. Sollte es nicht. Heute ist der 8. Mai, VE-Day, Tag der Befreiung. 70 Jahre ist das Ende des 2. Weltkrieges in Europa her und doch ist antifaschistisches Engagement in diesen Tagen wichtiger denn je. Nach dieser Retrospektive scheint mir das noch unglaublicher und schrecklicher.

This film is secret. Newsreels, reeducation, Hollywood amateurs

#CN graphische Beschreibungen

Eine Doppelvorstellung, wieder mit kurzen einführenden Vorträgen vor den Filmen, aber ohne ausleitender Fragesession. Diesmal sind es kurze Filme, die im April und Mai 1945 entstehen, ganz unterschiedlicher Art.

Erste Vorstellung: Newsreels and Reeducation. Den Auftakt macht einer der US-Amerikanischen “Staff Film Reports”, kurze Filme, die einen Überblick über die Geschehnisse an den verschiedenen Kriegsschauplätzen bieten. Das Zielpublikum sind höhere Offiziere, sie dienen der Strategieformulierung – und sie sind geheim. Jede Kriegswoche werden zehntausende Meter Film aus der ganzen Welt zu wenigen tausend Metern zusammengeschnitten, mit Musik unterlegt, Narration wird verfasst und eingefügt – was für eine Arbeit!

Die Bilder aus den befreiten KZs sind hier nur eine Sequenz unter vielen. Zuerst wird ein Ausschnitt über die KZs gezeigt, dann ein ganzer Film, Nummer 53. Viele der Bilder kamen bereits im gestrigen Film vor, der sich auf eine Vielzahl von Materialien stützte. Im Staff Film Report Nr. 53 geht es um den Kampf gegen Japan auf Okinawa, Iwo Jima, einem Betonklotz vor Manila, Befreiung eines französischen Offizierslagers, in dem die Männer teilweise seit 1940 inhaftiert waren, die französische Flagge wird neben der amerikanischen gehisst. Dann folgen Sequenzen aus den befreiten KZs, dann Szenen der Befreiung von Bologna, dann von der konstituierenden UN-Konferenz in San Francisco.

Da sich zwischen diesem Film und den folgenden Newsreels so viele Szenen wiederholen, weiß ich nicht mehr ganz was in welchem Film gezeigt wird. Die Newsreels mit Narration von Ed Herlihy zielen auf Sensation ab – don’t look away! Es gilt, sich den grauenhaften Bildern zu stellen. Eisenhower beim Besuch im KZ Ohrdruf – er selbst wollte KZs besuchen, um Zeuge zu werden und später Zeugnis ablegen zu können. Er veranlasste auch aus demselben Grund, dass Delegationen von Geistlichen (Erzbischof von Canterbury) und Politikern die befreiten KZs besuchen. Was haben eigentlich diese Newsreel-Sequenzen mit der amerikanischen Bevölkerung gemacht?

Am Ende der ersten Vorstellung wird der Film “Death Mills” gezeigt – es gibt auch eine deutsche und eine jiddische Version. In dem ganzen Film wird kein einziges Mal erwähnt, dass vor allem Jüd_innen vom Morden der Nazis betroffen waren, stattdessen Kreuzsymbolik noch und nöcher. Dieser Film sollte ähnlichen Zwecken dienen wie der gestrige Film, “Memory of the Camps”, aber es dauerte einige Zeit, bis er im Jänner 1946 erschien. Wie gut Memory of the Camps konzipiert und restauriert wurde, zeigt sich durch den Kontrast mit diesem Film – hier gibt es dramatische Narration und fast pausenlos dramatische, schlechte Musik, viel weniger Frauen. Besonders erfolgreich war er nicht in seiner Mission.

Zweite Vorstellung: Hollywood-Amateure. Der Regisseur George C. Stevens meldet sich 1943 zum US Army Signal Corps und filmt, filmt, filmt. Neben den offiziellen Filmen macht er auch private Farbfilme mit einer 16mm-Kamera – ein solcher wird an diesem Abend gezeigt. Er ist einem Twitter- oder anderem Social Media-Feed vergleichbar oder diesem Blog. Kurze Szenen, Details, dann längere dokumentarische Sequenzen. Aus einem Transportlastwagen werden Zigarrenstummel geschaufelt, es ist ein größerer Haufen, ich bin baff und belustigt. So viele Zigarren!

Aufnahmen von Kampfslogans auf Jeeps, fröhliche Grillerei irgendwo, dann ein Schnitt, so rapide und brutal, wie selten ein Schnitt – Dachau. In Farbe. Noch obszöner. Noch grauenhafter. Leichen im Schnee. Der Kontrast zwischen Haut und Schnee. Die Augenfarben werden erkennbar. Die Uniformen haben nun Farben – hellgrau-blau gestreift, dunkelgraublau, armybraun. Die Flaggen der Nationalitäten in Dachau (hier sind exakt die Bilder bzw. Videoausschnitte zu sehen). Einige erkenne ich, bei anderen bin ich ratlos. Dann Schnitt. Am Ende wieder Grillen und Baden in der Salzach oder irgendeinem See. Der Kontrast zwischen den nackten, ausgemergelten Leichen und Körper der KZ-Insassen und den badenden Amerikanern. Später entsteht aus seinen offiziellen Farbfilmaufnahmen “D-Day to Berlin”, den ich bereits gesehen, aber anscheinend wieder vergessen habe – ich muss also seine Aufnahmen aus Dachau schon kennen, aber manchmal löscht mein Kopf Dinge (Nebeneffekt von Depression).

Darauf folgen Sam Fullers Filmaufnahmen, auch mit einer 16mm-Kamera gemacht, die ihm seine Mutter geschickt hat. Derselbe Mix aus dokumentarischen Sequenzen und Momentaufnahmen, manche davon in Farbe. Die Aufnahmen Fullers aus dem KZ-Außenlager Falkenau (heute Sokolov in Tschechien) hat er selbst geschnitten, sie erzählen eine Geschichte. Leichen aus dem KZ werden mit frischer Kleidung angezogen (von den Bewohnern Falkenaus, die, obwohl sich das KZ in Sichtweite des Ortes befand, beteuerten, sie hätten nichts gewusst), sie werden auf weiße Leintücher gelegt, es wird eine Ansprache gehalten (im Beisein der Überlebenden), dann werden sie durch den Ort zum Friedhof transportiert, wo sie bestattet werden, mit weißen Leintüchern bedeckt.

Danach … Aufnahmen von Bonn, lächelnde Frauen, ein Unterhaltungsabend mit einer tanzenden Frau und einem Jongleur, noch mehr lächelnde Frauen, die ihre Röcke heben, ein schwer verletzter deutscher Soldat, der versorgt wird, eine Frau im roten Kleid mit Plateauschuhen, eine Stadt in Belgien? Dazwischen amerikanische Soldaten, Freunde Fullers, die mit Waffen und Hakenkreuzfahnen posieren. Oft zielen sie mit den Waffen direkt in die Kamera, wir schauen in den Lauf und ich denke an phallische Bildersprache. Volleyballspiele. Aufräumarbeiten.

War bei den vorigen Filmen der Ton oft zu viel, fehlt er bei den Amateuraufnahmen gänzlich, was besonders bei Fullers späteren Aufnahmen immer schwieriger wird. Die gänzliche Absenz von Ton ist schwer aushaltbar. Der Kontrast in der Praxis zwischen Stevens und Fuller ist offensichtlich, besonders bei der Kameraführung. Morgen wird Fullers Film über seine Kriegserlebnisse – “The Big Red One” – gezeigt, ich bin gespannt, wieviel er aus seinen Aufnahmen übernommen hat und ob er ihren Stil auch übernommen hat. Fast allen Filmen der zwei Vorstellungen ist gemeinsam, dass die Aufnahmen der Befreiung der KZs eine Sequenz, ein Detail unter vielen sind, aber sie sind nicht beiläufig. Und sie wirken nach: Sam Fuller wird vom Amateur zum Filmschaffenden. Die Aufnahmen, die George Stevens von der Befreiung Dachaus und anderer KZs macht, verändern ihn nachhaltig. Er kann nicht darüber reden, weiß nicht, wie er darüber reden soll. Er dreht keinen lustigen Film mehr.

Memory of the Camps. German Concentration Camps Factual Survey

#CN graphische Beschreibungen

Im Österreichischen Filmmuseum läuft gerade eine sehr kleine Retrospektive von Filmen, die bei bzw. über die Befreiung der Konzentrationslager aufgenommen wurden, unter dem Titel “Bilder der Befreiung – Liberation Footage – Atrocity Pictures“, begleitend zu einer Konferenz. Heute war der erste Film zu sehen, “Memory of the Camps. German Concentration Camps Factual Survey“. Der Film ist insofern speziell, als er noch im April 1945 konzipiert und danach teilweise ausgeführt wurde – es gibt die Aufnahmen, ein Skript, das sie zusammenstellt, eine schriftliche Narration – aber er wurde nie geschnitten, nie fertiggestellt. Die Aufnahmen landeten im Imperial War Museum in London (mehr zum Film auf der dortigen Website).

2008 wurden die Aufnahmen erstmals in Wien gezeigt, seit einiger Zeit arbeitete das Museum an der Fertigstellung – und zur Berlinale 2014 wurde der fertiggestellte Film erstmals gezeigt. Es zeigte sich aber, dass der Film einer Einführung und einer Nachbereitung bedurfte, die nun eingefügt wurden – wobei die Nachbereitung nicht gezeigt wurde, da der Leiter des Projekts, Toby Haggith, im Filmmuseum für Fragen anwesend war. Der Film sollte *der* Film sein, der der deutschsprachigen Bevölkerung ihre Verbrechen vor Augen halten sollte, aber das wurde so dringend priorisiert, dass Newsreels und Rohaufnahmen verwendet wurden – und zum Teil wurde die Bevölkerung von Städten und Dörfern nahe der KZs auch in die KZs geführt bzw. musste Leichen begraben. Der Film kam also zu spät, deshalb verschwand er in der Versenkung.

“Memory of the Camps” ist sehr nüchtern, aber sehr graphisch. Er ist erst ab 18 Jahren freigegeben, weil die Kameras wirklich ganz genau auf die Leichenberge halten, ganz genau dokumentieren, wie die SS-Männer und -Frauen in Bergen-Belsen einzelne Leichen zu den Massengräbern schleppen. Egal wieviele verrottende Leichen ich bei irgendwelchen CSI- und CSI-ähnlichen Serien, in  Holocaust- und Kriegsfilmen bzw. -comics, auf Fotos oder sonstwo gesehen habe, diese hier sind echt, riesig auf der Kinoleinwand und noch so nahe am Leben, was alles nur noch entsetzlicher macht.

Als Grund für die genaue Dokumentation, die unzähligen Nahaufnahmen erklärte Toby Haggith (Leiter des Restaurationsprojekts), dass die Alliierten zuvor in Italien und Belgien zwar Lager gefunden hätten, Folterkammern, Folterinstrumente, aber keine Leichen. Hier waren sie nun, Beweise für die Verbrechen der Nazis. Die Aufnahmen der Roten Armee sind angeblich abstrakter und weniger verstörend, da die Menschen in Auschwitz und Majdanek von den Nazis auf Todesmärsche gezwungen wurden und die Nazis versuchten, die Krematorien und anderen Spuren des Holocaust zu vernichten, was ihnen aber nur teilweise gelang. Das werde ich in den nächsten Tagen überprüfen können.

Verwendet wurden Aufnahmen aus Bergen-Belsen, Buchenwald, Dachau, Auschwitz, Majdanek, Ebensee und Mauthausen – und gezeigt werden sollte der Film auch in Österreich, daher die Erwähnung dieser beiden letzten Lager. Im April 1945 konnte sich Österreich noch nicht ganz so überzeugend als “erstes Opfer” gerieren. In den letzten Jahren wurde im öffentlichen Diskurs über die KZ-Bordelle für die SS und bevorzugte Häftlinge gesprochen, die aus der Erinnerung_skultur ausgespart wurden – hier in diesem Film werden sie erwähnt. Überhaupt fokussiert dieser Film stark auf die Frauen, anscheinend im Gegensatz zu anderen Filmen in der Retrospektive.

Das Imperial War Museum hat sich entschieden, den Film so zu produzieren, wie er geplant war, mit dem Originaltext, ohne Korrekturen und ohne zusätzliche Erklärungen. Also sind manche Fakten Fakten von 1945/46 (genaue Zahlen z.B.) und auch die Sprache ist manchmal die von 1945, wenn es z.B. um Schwarze geht, die in den Konzentrationslagern umgebracht wurden – aber für den heutigen Forschungsstandpunkt erstaunlich, dass sie erwähnt werden, denn das wurden sie lange nicht. Auch liegt der Fokus seltsamerweise nicht sehr stark darauf, dass es vor allem Jüd_innen waren, die von den Nazis in den Konzentrationslagern eingesperrt und umgebracht wurden (angeblich politische Gründe).

Egal wieviel ich zu den Konzentrationslagern und zum Holocaust schon gelesen und gesehen habe, es trifft mich immer unvorbereitet. Ich lerne jedes Mal etwas Neues und verzweifle daran, dass ich diese Unmenge an Informationen nie ganz wissen werde. Dieser Film, diese ganze Reihe zeigt Bilder, wie ich sie im Schulunterricht und an der Uni nie zu Gesicht bekommen habe. Wir bekamen keinen einzigen Leichenberg zu Gesicht. Wir waren nie im KZ Ebensee – Stacheldraht direkt vor der Alpenkulisse. Das ergibt ein ganz anderes Bild als Mauthausen.

Wie bekämpften die Alliierten nach der Befreiung der KZs den Typhus? Mit DDT und heißem Waschen (gegen die Läuse), frischen Decken, dann wurden die Überlebenden in Krankenstationen transportiert, um dort zu gesunden. Es starben trotzdem noch viele. Ironischerweise waren diese Krankenstationen oft gut ausgestattete SS-Spitäler. Im KZ geborene Babies, überlebende Kleinkinder, Kinder, die ganz langsam essen, um ja nicht einen Tropfen zu vergeuden. Frische Kleidung aus den Geschäften der umliegenden Orte, heiße Duschen, ein Kamm. Wegen dem Typhus werden die Baracken in Bergen-Belsen verbrannt. Der Rauch zieht in großen Wolken. Ich denke “Hoffentlich haben sie alle Inschriften in den Baracken dokumentiert – ach, sicher nicht.”

Eine der Zuschauerinnen* sagt in der Diskussion danach, sie fühle nichts beim Anblick der Bilder, sie sei abgestumpft weil sie so viele Bilder gesehen habe. Ihr fehle die Täterperspektive. Auch ich hatte erwartet, dass mich die Bilder zu größeren Emotionsausbrüchen bringen würden, aber ich habe nicht geweint. Es ist ein Film mit emotionaler Wucht, aber keiner, der Emotionen instrumentalisiert. Es gibt keine pathetische Musik oder Narration. Viele Szenen sind still, ohne jedes Hintergrundgeräusch und das ist gut so. Es gibt keine Einzelschicksale, aber viele Gesichter. Und jede Szene wirft Fragen über Fragen über Fragen auf.