Frantz und der Tod

CN Tod, Krankheit, anxiety, Depression, Suizid

Seit ich den Menschen von Frantz erzähle, hadere ich mit den Reaktionen und mit meiner Reaktion auf sie. Im Moment werde ich oft so wütend, dass es schwierig ist, mich im Zaum zu halten. Eigentlich möchte ich dann schreien, aber ich muss liebevolle Wege finden, um auf Dinge wie (sinngemäß) “Du musst nur positiv denken, dann geht alles gut aus!” zu antworten. So offensichtlich wie für mich sind ja meine aktuellen Gedanken nicht – und da ich Menschen nicht noch mehr zumuten möchte, sage ich auch nicht, dass ich mich für den schlimmsten Fall vorbereite, also meinen eigenen Tod.

Unwahrscheinlich? Ich weiß es nicht. Für den Chirurgen, der den Eingriff macht und mit dem ich ihn vor fast zwei Wochen – es scheint schon Ewigkeiten her – besprochen habe, ist es Routine. Aber für mich nicht. Für mich ist das alles und das ganze Rundherum keine Routine. Wie schon geschrieben war ich dieses Jahr zum ersten Mal im Krankenwagen, in der Notaufnahme, als Patientin im Krankenhaus, unter Narkose. Das ist schon alles gravierend und beunruhigend genug für mich mit meiner anxiety.

Leider funktioniere ich dann sehr gut. Und je alleiner ich bin, desto besser funktioniere ich. Ich wollte bei allen Untersuchungen und Terminen im Krankenhaus nicht, dass meine Mutter mitkommt, sonst müsste ich mehr fühlen, weil ich ihre Aufregung und ihre Sorgen direkt und indirekt durch ihr Verhalten mitkriege. Ich bin deshalb auch froh, dass sie während der OP und danach nicht da ist. Das macht es vielleicht logistisch ein wenig schwieriger, aber für mich wird es leichter sein, nehme ich jetzt einmal an.

Von außen wirke ich also oft abgeklärt. Normal. Entspannt. Ich scherze. Vielleicht trägt auch das dazu bei, dass die Menschen denen ich von Frantz und seinen Konsequenzen erzähle reagieren, als wäre das alles nicht so schlimm. Ich mag sie nicht belasten. Ich mag ihnen auch nicht zeigen, wieviel Angst ich habe, wo meine wunden Stellen sind, wie dunkel es ist in Teilen von mir, wie unfassbar wütend ich bin. Vor allem nicht, wenn es Menschen sind, mit denen ich noch nicht einmal ansatzweise über meine Depressionen und anxiety geredet habe und die meine Ansätze nicht so teilen. Vielleicht fällt es mir deshalb leichter, darüber zu tweeten und zu bloggen, viele wissen ja schon, dass ich Depressionen habe und wo ich politisch ungefähr stehe und da schließe ich den Feminismus mit ein.

Zurück zum Tod. Dieses Jahr hatte ich schon das Gefühl, dass der Tod mich verfolgt. Ich tippte schon die Phrase “death is in my veins” in die Notiz-App meines Smartphones als ich noch nicht mal wusste, dass ich Gastritis habe, geschweige denn einen Frantz. Die Trauer um Herrn Schnurrkringel war so intensiv. Und wurde dann durch Susus Ankunft unterbrochen, was sicher auch gut war, aber. Susu gibt es auch nicht mehr. Die Trauer um ihn hatte weit weniger Platz vor lauter Gesundheitszeug, aber war da, darunter. Tod mitzuerleben bringt mich immer in die Nähe meines eigenen Todes. Ich wünschte mir halb und hatte trotzdem Angst davor, aus der Narkose, unter der ich für die Untersuchung im Krankenhaus sein musste, nicht mehr aufzuwachen.

Und jetzt muss ich schon wieder unter Narkose. Diesmal eine weitaus längere, tiefere. Und ich werde aufgeschnitten. Mir werden sehr wahrscheinlich Organe bzw. Teile davon entnommen. Danach komme ich dorthin, wo mein Vater starb. Auch er war zuerst nach einer Herzoperation im 21. Stockwerk des grünen Bettenturms des Allgemeinen Krankenhauses. Ein paar Monate später kam er in den 18. Stock und starb dort. Ich kenne die Gänge noch, den Starbucks im Hauptgang, die Schleichwege, auf denen ich das Krankenhaus verlasse, damit ich mit der Straßenbahn nach Hause fahren kann. Ich wollte nie mehr dorthin zurück gehen müssen.

Aber jetzt muss ich. Ist es da verwunderlich, dass ich mich für den schlimmsten Fall vorbereite? Am Montag habe ich einen Termin bei der Person, die für die psychologische Betreuung der Patient_innen auf der Station zuständig ist. Damit ich bei ihr die Gefühle aussprechen kann, die ich so nicht mit meiner Familie teilen kann und will. Und damit sie aufschreiben kann, was ich mir für mein Begräbnis wünsche, weil ich kann es nicht. Ich kann an gewisse Dinge denken, aber ich kann sie nicht aufschreiben. Vielleicht kann ich diese Gedanken und das Aufgeschriebene dann nachher mit meiner Mutter und meinem Bruder teilen, denn sie werden sich darum kümmern müssen.

Ich hoffe es jedenfalls, denn mein Vater hat nichts mit uns geteilt. Nicht seine Absichten, nicht seine Gefühle. Über seinen möglichen Tod und was in dem Fall zu tun ist, hat er nicht mit uns gesprochen. Ich verstehe das jetzt, denn ich will ja auch meine Liebsten nicht verletzen, aber es hilft absolut nicht, denn der Schock und die Trauer und das Gefühl des allein gelassen seins sind nachher umso stärker. Mein Vater hat nie darüber geredet, wie es war als seine Mutter starb als er 18 Jahre alt war. Meine Mutter hat nie darüber geredet, wie es war als ihr Vater starb als sie 18 Jahre alt war.

Jedenfalls stammt meine Überspiel- und Verdrängtaktik absolut aus der Zeit während und nach dem Tod meines Vaters. Mein Bruder sagte mir, ich hätte so abgeklärt gewirkt zu der Zeit, als ich mich hauptsächlich alleine darum kümmern musste, was mit der Wohnung und dem Nachlass meines Vaters passierte. Es blieb mir nicht viel anderes übrig. Auch jetzt bleibt mir nicht viel anderes übrig, es gibt keine anderen Personen, die mir den Tod meiner Katzen oder den Frantz abnehmen könnten. Aber sie können mich unterstützen und tun es auch.

Ihr seht, wie es in mir wabert. Ich möchte jetzt gar nicht mehr über die Reaktionen schreiben, das wird ein separater Post. Es ging mir um das Festhalten, was in mir abläuft. Vielleicht hilft euch das bei euren Reaktionen auf ähnliche Nachrichten von anderen Menschen. Vielleicht kann ich ja dann Auszüge aus diesem Text meiner Familie schicken. Mehr später.

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Der Frantz, der Oasch

CN Tod, Verletzung, Krankheit, Gewicht

Es ist Anfang Februar. Herr Schnurrkringel möchte nicht mehr fressen und trinken. Ich lasse ihn einschläfern. Es geht mir schlecht. Was für ein Scheißjahr, denke ich. Das reicht aber jetzt, denke ich.

Irgendwie raffe ich mich wieder auf. Es wird Frühling. Frühling ist schön. Auf Twitter postet ein Bekannter ein Bild von einer ihm zugelaufenen Katze, die sechs Kätzchen geboren hat. Eines ist schwarz. Ich frage ihn, ob er die Kätzchen hergibt. Wenn das schwarze Kätzchen ein Kater ist, ist es meiner, sage ich.

Es ist ein Kater. Ich suche mir einen Namen aus, den Namen einer Figur aus einem meiner Lieblingsbücher. Auf Japanisch bedeutet der Name “heilen“ und “reparieren“ sagen mir meine Japanisch sprechenden Lieben. Online nenne ich ihn Susu, nach den susuwatari, den Rußbällchen aus den Filmen von Hayao Miyazaki, doch bald heißt er vor allem Herr Baby.

Aber noch habe ich ihn nicht. Noch habe ich vor allem ein nervöses Bauchgefühl, denn ich hab mich noch nie als Erwachsene um ein Kätzchen gekümmert. Ich hole ihn ab. Er ist ein Schatz.

Zwei Tage nach seiner Ankunft kriegt der Schatz Durchfall. Er frisst nicht mehr, ich muss ihm alle paar Stunden mit der Spritze Aufbaubrei geben. Bald jede halbe Stunde, denn zu viel Brei auf einmal verträgt er nicht. Ich schlafe kaum, esse wenig, viel zu schnell, kriege Stressbauchkrämpfe, nehme ab. Im Schlafmangelstress zerhäcksle ich mir mit dem Pürierstab den linken Zeigefinger. Ich habe Glück und verletze keine Sehne. Was für ein Scheißjahr, denke ich. Das war’s jetzt aber, denke ich. Susus Durchfall wird langsam besser. Er frisst wieder selbst.

Ich komme endlich wieder zum langsamen Kochen und koche ein köstliches Ragout mit Champignons, Tomaten, Rindfleisch, Zwiebeln. Danach kriege ich Bauchschmerzen. Ich trinke Tee und nehme bewährte Salbeitropfen. Am nächsten Tag sind die Schmerzen noch da und werden stärker. Ich habe niemanden, der auf Susu aufpasst. Ich nehme ein Ibuprofen und lege mich mit der Wärmeflasche ins Bett.

Am Abend rufe ich bei der neuen Gesundheitsnummer der Stadt Wien an. Dann rufe ich meine Mutter an, die sich auf den Weg nach Wien macht. Kurz darauf fahre ich das erste Mal mit der Rettung, sitze das erste Mal in der Notaufnahme eines Krankenhauses. Ich habe Gastritis. Was für ein Scheißjahr, denke ich. Das war’s jetzt aber, denke ich.

Ich darf erst einmal nur Schonkost essen. Ich nehme weiter ab, Susu nimmt zu und wächst jeden Tag. Manchmal tränen ihm die Augen, manchmal niest er, manchmal hustet er. Ich kriege Magensäureblocker, er kriegt Augen- und Nasentropfen, Vitaminpulver und -pasten. Ich frage mich, ob er eine unterliegende Krankheit hat. Wird schon nichts sein.

Susu fährt das erste Mal mit im Auto, für ein Wochenende aufs Land. Er ist ungeheuer brav und ungeheuer charmant mit allen. Ich gehe auf Anraten meines Hausarztes zur Ultraschalluntersuchung. Wird schon nichts sein. Die Ärztin findet ein Ding. Ich soll zur Computertomographie. Mein Hausarzt schickt mich zur Magnetresonanztomographie. Wird schon nichts sein. Es ist aber ein Ding, ob in oder an der Bauchspeicheldrüse ist immer noch nicht ganz klar. Ok?

Mein Hausarzt schickt mich zum Facharzt, der eigentlich nur einen Termin im Allgemeinen Krankenhaus ausmacht. Ein Endosonogramm und eine transgastrische Biopsie – durch den Magen. Ich werde über Nacht im Krankenhaus bleiben müssen. Ich bitte meine Mutter, Susu zu hüten. Wird schon nichts sein.

Anfang August bemerke ich, dass Susus linkes Auge irgendwie trüb ist. Die Tierärztin verschreibt eine Salbe, das Auge trübt sich weiter, plötzlich ist etwas im Glaskörper, das aussieht, wie eine Wolke. Die Tierärztin verschreibt Tabletten und fährt auf Urlaub. Wird schon nichts sein.

Susus Auge wird aber nicht besser. Nach Anrufen bei verschiedenen Stellen gehe ich mit ihm zur Ausweichtierärztin, Bluttests machen. Hoffentlich ist es was einfaches. Die Tierärztin hält Rücksprache: Es ist FIP, Feline Infektiöse Peritonitis, eine der Katzenkrankheiten ohne Impfung, ohne Heilung. Aber sie muss ja nicht gleich ausbrechen. Was für ein Scheißjahr, denke ich. Das reicht jetzt aber wirklich (bitte bitte), denke ich.

Die FIP bricht aber aus. Herr Baby atmet schwer und ruckartig, verweigert Futter & Trinken. Scheiße. Ich gehe zur Tierärztin und lasse ihn einschläfern. Reicht das jetzt? Mir reicht es zumindest. Was für ein extrem beschissenes Jahr.

Aber es geht weiter, irgendwie. Ich gehe ins Krankenhaus, bekomme meine erste Narkose, träume von Susu, heule beim Aufwachen fürchterlich und kann mich lange nicht beruhigen. Sonst ist der Aufenthalt problemlos. Ich gehe nachhause und warte auf das Resultat. Wird schon nichts sein.

Es ist aber was, ein Frantz-Tumor, benannt nach seiner Entdeckerin, Virginia Kneeland Frantz, ausgesprochen selten, eigentlich gutartig, außer er bildet Metastasen. Meiner ist noch klein. Ich bin erst mal baff. Was für ein Scheißjahr. Hat das alles immer noch nicht gereicht?

Eine Woche später habe ich den Termin zur Besprechung der Operation. Ich erfahre, dass mir nicht nur der Tumor, sondern wohl auch ein Stück der Bauchspeicheldrüse und meine Milz entfernt werden wird. Das können sie aber erst während der OP wirklich sagen. Ich muss für mindestens 12 Tage ins Krankenhaus, mitten im Oktober.

Hä? Aber … wie? Wiiiiieeeeeee??? Aber … hab ich dann nachher vielleicht Diabetes?! Ja. Bzw. muss ich für immer meine Ernährung umstellen. Wenn die Milz entfernt wird, ist auch mein Immunsystem nicht mehr dasselbe. Häääää??? Ja. Dafür wahrscheinlich keine Chemo und die Prognose nach einer OP ist gut.

Aber es ist immer ein klein wenig schlimmer als erhofft, wenn auch nie ganz schlimm. Immer noch ein Glück im Unglück (wie ich diese Phrase mittlerweile hasse). Ich bin eigentlich noch immer baff. Scheinbar reicht es noch nicht und langsam krieg ich Angst. Was für ein Scheißjahr.

Erste Leere

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Der Kater ist weg und es ist leer hier. Sein Cat Bungalow ist zerrupft vom Kampf gegen die Transportkiste heute früh, seine Futterschüssel steht dort, wo ich sie heute morgen hingestellt habe, seine Kistchen sind noch nicht geleert, aber er ist weg. Kein mrrr, kein prrr, kein mrrrow, kein nya, kein mau, kein mi, kein marau – ich habe kein Wort gesagt, seit ich nachhause gekommen bin. Der Kater hat währenddessen anscheinend glücklich Gras gefressen (er ist ja doch eine kleine Maunzekuh).

Ich dachte, ich würde heute meine erste Kiste packen, aber ich finde sie gerade nicht. Vielleicht habe ich sie auch nach dem letzten Umzug entsorgt, dabei hat meine DVD-Sammlung so gut hineingepasst. Ich könnte auch eine Liste mit To-Dos anlegen oder mich über Wildkräutergärten kundig machen oder schauen, was ich während der Umzieherei stricken will, jetzt, wo doch meine linke Hand nicht mehr permanent mit Katerbauchkraulen beschäftigt ist. Aber noch mehr mag ich der Leere nachspüren und ein bisschen seufzen.

Ich bin ja schon gespannt, ob ich morgen auch ohne Kater um 5 Uhr aufwache.

Auf Wiedersehen, Kater

Da sitze ich mit Onkel, Tante und der Königinmutter und es wird ernst. So sachte es gekommen ist, dieses Gefühl der Liminalität, so schnell verschwindet es. Am Mittwoch geht der Kater, eineinhalb Wochen früher als geplant. So hat er Zeit, sich in seinem Sommerdomizil einzugewöhnen, bevor der dort angekündigte Besuch kommt. Ich möchte, dass es ihm gut geht, auch wenn ich ihn vermissen werde. Und ich kann mit dem Packen beginnen, ohne ihn zu stressen. Aber ach.

Die Königinmutter erzählt, es ging ihr ähnlich mit dem Essen einkaufen. Sie wacht um 4 Uhr auf, weil ihr so viel durch den Kopf geht. Ich soll mir die Wohnung im Umbau ansehen, aber ich habe diese Woche keine Zeit und ich weiß nicht, ob ich das möchte. Nächste Woche ist es fast zu spät, da soll sie dann fast schon fertig sein. Ob der Schrank schon rosa ist? Hat der alte blaue Schrank sein neues Blau? Ich bin doch aufgeregt.

Es kommt die Zeit der Listen und der Fragen. Was packe ich in die erste Kiste? Soll ich gleich alle Kisten die ich habe mit Büchern und Wolle vollpacken? Dann wäre das erledigt und es sind die am leichtesten zu packenden Kisten. Zuletzt kommen dann die Kisten, wo alles noch Übriggebliebene hineingeworfen und ganz zuletzt wieder ausgepackt wird. Oder soll ich zuerst die Kisten auspacken, die ich beim 1. Umzug nie ausgepackt habe, um zu sehen, ob ich daraus irgendetwas loswerden kann? Oder sie einfach zukleben und in Shoebox Palace auspacken?

Wenn der Umbau vorbei ist, muss Shoebox Palace erst geputzt werden. Vielleicht werden auch gleich die Fenster gewaschen, bevor mein Krempel einzieht. Jedenfalls müssen alle Kisten, die jetzt dort sind, ausgepackt werden. Dann kommen die leeren Kisten zu mir und ich packe fertig ein. Logistik. Ein Hin- und Herschieben von Teilchen, wie ein kleines Spiel auf dem Smartphone. Transportiere ich die Steinsammlung separat? (Ja.) Wohin kommt eigentlich die Wollsammlung? (In den Kasten, der erst noch in ein anderes Zimmer muss.) Was werde ich am Dringendsten brauchen gleich nach dem Umzug? (Kleidung.)

Mit den Fragen kommen die Entscheidungen. Nein, der rosa Schrank wird nicht sofort gepunktet. Wir können Wetten abschließen, ob er noch 2015 gepunktet wird. Ich sage ja.

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Drei Wochen, vier

Regentropfen und Vogelgezwitscher. Ich liege neben dem offenen Fenster und rieche an der frischen Luft. Heute bin ich sogar vor dem Kater aufgewacht, der mich dann später dafür (?) angefaucht hat, aber Fressen gibt es trotzdem erst um 7, damit er die Weckzeit nicht noch mehr nach hinten verschiebt. Weckt ihn die immer frühere Dämmerung?

Ich rufe ihn und gebe ihm das Klopfsignal, dreimal mit der flachen Hand neben mich klopfen. Da ist er. Aber er pirscht sich auf der falschen Seite an, ich liege nach links gedreht, wo er am liebsten liegt, aber er balanciert rechts von mir auf dem Bett und huscht davon, als ich nach ihm greife. Na dann nicht.

Es wird die vierte Woche zuhause sein, die dritte in der ich mit dem Büro per Computer verbunden bin. Offensichtlich sind drei Wochen zuhause die nötige Vorlaufzeit, die ich brauche, um lang aufgeschobene Dinge zu tun. Ich habe meinen riesigen Papierhaufen sortiert, die Enden sämtlicher Strickstücke vernäht, unzählige Knöpfe befestigt. Ein paar Stricksachen habe ich aufgetrennt – Nähte nähen mag ich immer noch nicht und manche Schals sind zu lang. Portionenweise wasche ich das Gestrickte, vor allem die Kinderkleider, verschenke ein paar, behalte andere.

Gestern habe ich lange geplante Ohrringe gefertigt, Haken an schon lang herumliegenden hakenlosen Ohrringen befestigt. Jetzt fehlen noch die ebenfalls lange liegenden Broschen, noch mehr Knöpfe, Kleider mit Rissen und Leibchen mit zu weiten Armen … ist irgendwann alles repariert? Was dann? Wenn alle Enden vernäht sind, alle unfertigen Strickstücke fertig, was geschieht dann eigentlich? Nur zum Marmeladekochen kann ich mich noch nicht aufraffen, dabei ist es denkbar einfach und der Abwasch davor ist auch nicht riesig. Aber der danach. Vielleicht ist es das.

Komische Fragen. So wie die, warum ich im Moment so gut schlafe. Um 11 Uhr werde ich müde und ich muss ins Bett und schlafe blitzschnell ein. Ich bin froh, aber es ist doch ungewöhnlich, schließlich bewege ich mich gerade extra wenig, damit mein Steißbein heilt. Gestern wurde ich sogar um 10 müde. Nicht einmal Kaffee am Nachmittag – sonst Garant für fast durchwachte Nächte – hat irgendwelche Wirkung. Es ist alles so sonderbar.

Da kommt der Kater wieder, aber er interessiert sich mehr für den Luftzug aus dem nicht ganz geschlossenen Fenster. Vielleicht nach dem Essen. Noch 2 Minuten …

a single oscillation

Ich habe diesen Text einmal, zweimal, Fragmente davon schon viele Male angefangen. Irgendwann muss er wohl raus, damit es einfach einmal festgehalten ist. Er ist @baum_glueck gewidmet, die* sich Texte von crazy cat ladies wünschte. Nun.

[CN: Depressionen, Tod eines Elternteils]

Dass ich über mein kinderloses Singlesein nachdenke, geschieht nicht erst seit ich fürchterlich heulen musste, weil mir plötzlich klarwurde, dass meine Mutter bald wegziehen würde und ich dann keine Familie mehr in Wien haben würde. Was nicht stimmt, denn da ist noch mein Onkel, meine Tante und andere Anverwandte, aber es ist doch nicht dasselbe. Ich werde alleine sein – und alle Menschen, die ich am meisten liebe werden Stunden brauchen, bis sie mich erreichen oder ich sie. Ja, ich habe Freund_innen. Es ist nicht dasselbe, vor allem auch, weil ich meinen Freund_innen einen “Ich will sie nicht belasten”-Modus gegenüber habe. Also freue ich mich, wenn sie Dinge mit mir unternehmen möchten oder mir Essen kochen, aber wenn ich etwas brauche, versuche ich alleine durchzukommen oder rufe meine Mutter an. So ist das.

Nein, ich denke schon viel länger darüber nach. Mindestens seit ich dieses Foto von mir gemacht habe:

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Das war im November 2013 und es war ohnehin schon ein schwieriges Jahr gewesen, aber dieses Foto hat mir den Rest gegeben. Denn ich fand mich perfekt. Ich hatte nie eine klare Vorstellung davon, wie ich aussehen würde, wenn ich einmal erwachsen und nicht mehr hässlich wäre, aber so. Genau so. Ich fand mich unglaublich schön. Und wie ein Schalter legte sich etwas in meinem Kopf um und verhinderte, dass ich diesen Moment genießen konnte. “Klick”, machte es und sofort spulte sich ein Programm ab … “Wenn du so schön bist, warum verliebt sich dann niemand in dich? Wenn du so schön bist, warum bist du nicht in einer Beziehung, hast Kinder, eine richtige Arbeit, ein Leben, so wie du es dir wünscht? Wie kannst du dir überhaupt anmaßen, dich schön zu finden?” Ich hatte keine Antworten. Ich habe noch immer keine Antworten.

Nun geht es mir – von der Reaktion auf den Schlaganfall meines Onkels abgesehen, die durch den oben beschriebenen Heulanfall wieder aufgelöst wurde – seit einigen Monaten eigentlich gut, wobei ich immer noch keine Ahnung habe, warum. Aber das Programm ist immer noch da, manchmal lauter, manchmal leiser. Ich oszilliere. Manchmal im Minutentakt. Manchmal bin ich wochenlang glücklich, ganz alleine, dann lese ich ein Buch, einen Comic, sehe einen Film, denke einfach nur nach und zack – warum liebt mich niemand? Umgekehrt geht es auch. Ich bin einsam und traurig und dann höre ich einem Paar zu, denke über irgendetwas nach und peng – jubiliere ich über mein Alleinsein.

Alles hat Vor- und Nachteile. Überall habe ich Grenzen, die ich nicht überschreiten möchte. Ich will nicht um jeden Preis eine Beziehung, ein Kind. Nicht um jeden Preis – obwohl ich mir immer Kinder gewünscht habe. Es schien so einfach, heiraten mit 26, das erste Kind mit 30, das zweite mit 32, wie meine Eltern, die sich ein Jahr nach Geburt des 2. Kindes trennten. Mir würde das nicht passieren. Mir passierte auch keine Beziehung bis ich 19 war, nur unglückliches Verliebtsein. Und wenn ich an die Beziehungen denke, die ich hatte, bin ich unschlüssig, ob ich die Erfahrungen lieber gemacht hätte oder nicht. Ich tendiere zu ja, aber das ist ohnehin hinfällig, weil es sich nicht mehr ändern lässt. Wenigsten weiß ich jetzt, was ich nicht will.

Das lange Alleinsein – mittlerweile bin ich seit 7 1/2 Jahren Single – hat mich hoffentlich immun gemacht dagegen, vor lauter Freude darüber geliebt zu werden alles aufzugeben, was mir wichtig ist, meine Grenzen, meine Bedürfnisse, meine Ziele. Ein bisschen hülfe hoffentlich auch der Feminismus(TM), aber manchmal bin ich mir da nicht so sicher. Ich denke schon, dass ich nein sagen könnte, 1999, 2000, 2004, 2007 sind schon so lange her. Manchmal habe ich Angst davor, es auszuprobieren, wieder alles zu tun, um geliebt zu werden und wieder irgendwelche Scherben, die zusammengeklebt vielleicht mich ergeben würden, aufzuklauben. Aber ich bin jetzt schon älter. Ich bin stur. Der Teil von mir, der schon öfter “Nein, ich will das nicht.” sagte, ist auch älter, definierter, mutiger geworden.

Und ich schwierig. Sage ich mir jedenfalls. Manchmal. So schwierig bin ich gar nicht, sage ich mir auch. So wie ich alle meine Freund_innen nicht belasten will mit mir, mit meinen Problemen, so will ich auch eine_n potentielle_n Partner_in nicht belasten (Ja, Partner_in, aber don’t assume without asking). Ich kann doch während meiner Magistraarbeit … während mein Vater im Sterben … während ich seine Wohnung auflöse … wenn es mir so schlecht geht … während meiner Magistraarbeit … wenn ich arbeitslos bin … wenn es mir nicht gut geht … nicht einen anderen Menschen mit meinen Problemen belasten. Dachte ich. Genauso wenig kann ich ein Kind haben, ohne fixen 40-Stunden-Job, mit meinen depressiven Phasen, mit meiner Unlust am Haushalt. Geht doch nicht. Kann ich doch einem Kind nicht antun. Aber es geht doch. Es ist nicht lustig, nein, es ist sehr anstrengend. Aber andere Menschen tun es.

Haben sich die etwas anderes vorgestellt? Ich wette, meine Mutter hat sich auch nicht vorgestellt, dass sie sich in ihrem Alter noch so um ihre Tochter kümmern muss, aber ich glaube, auch sie hat sich vieles nicht so vorgestellt wie es dann gekommen ist. Wenn ich mir vorstelle, was alles kommen könnte, will ich erst recht kein Kind. Von der Vorstellung einer Beziehung habe ich mich eben ohnehin größtenteils schon verabschiedet. Will ich gar nicht mehr, sage ich. Nur heimlich. Heimlich, heimlich heule ich in mein Kissen, weil ich niemanden habe zum Kuscheln, zum Händchen halten, zum öfter reden als alle zwei Wochen, zum Dinge tun. Würde mir ja schon reichen. Wenn ich nicht gerade Richtung “FASS MICH JA NIEMAND AN” oszilliere. Aber ich will nicht suchen. Ich will gefunden werden.

Die Kehrseite des KindnichtwertseinsundBeziehungschongarnicht ist … der pure Genuss des Alleinseins und oh, ist das schön. Die Beste sagte vor einiger Zeit: “Es ist ein gottverdammtes Privileg, meinen BH eine Woche lang am Boden liegen lassen zu können,” und das ist es. Und es ist so schön. Ich schulde keine_r Person Rechenschaft, ich muss nichts abstimmen, aushandeln, rückfragen, Kompromisse schließen noch und nöcher, keine Person aushalten, mich um nichts scheren, nicht anrufen, keinen Platz machen, mich nicht kümmern und plagen und die ganze unbezahlte und bezahlte Arbeit ist ganz allein für MICH, MICH, MICH. Ich muss mich nicht benehmen, anpassen, verstellen, zurücknehmen, anstrengen. Manchmal, wenn ich von der Arbeit nachhause komme, mich aufs Bett plumpsen lasse und erst einmal ausatmen muss, denke ich mir: “Wenn ich jetzt ein Kind hätte und/oder eine Beziehung, müsste ich jetzt …” und ich muss nicht und ich bin so froh. Ich kann essen wann und was ich will, schlafen gehen wann ich will, aufstehen wann ich will, anziehen was ich will und den Abwasch morgen machen – ein Großteil meines Alltagslebens hängt ganz allein von mir ab.

Und momentan vom Kater. Ich scherze manchmal über mein “Katze vs. Kind”-Spreadsheet, doch ich führe eines, ein mentales. Ab und zu, jedenfalls. Denke mir, dass Kinder irgendwann selbst aufs Klo gehen. Dass sie sich irgendwann selbst Essen machen. Dass sie *mir* irgendwann mal Essen machen könnten. Dass sie irgendwann verstehen, dass Medikamente gut gegen Krankheiten sein können. Aber dass Kinder wachsen, Kleider brauchen, in die Schule gehen müssen. Dass Kinder doch etwas mehr Aufmerksamkeit brauchen als Katzen. Dass es (leider?) ungewöhnlich ist, Kinder für die Hälfte des Jahres bei der Großmutter zu lassen. Aber Katzen ist es egal, ob ich ihnen vorlese oder vorsinge, sie mögen keine gestrickten Pullover und römische Ruinen sind für sie nur Lebensraum. Wenn sie träumen, erzählen sie mir nachher nicht, von was sie geträumt haben, was sie auf dem Schulweg erlebt haben oder dass ihnen etwas weh tut. Katzenhaare oder Kinderhaare? Katzenkiste oder Scheißwindel? Katzenkotze oder Kinderkotze? Katzenschnurren oder Kinderschnurren? Geht nicht beides?

Es ist für mich um einiges einfacher, an mehr Katzen zu kommen als an ein Kind. Für ein Kind brauche ich schließlich eine andere Person oder ich muss in die Niederlande oder nach Großbritannien reisen, weil dort auch Singlefrauen in die Samenbank gehen dürfen. Kostet halt Geld. Viel. Und doch erscheint mir das meistens einfacher als das mit einer anderen Person. (Ja, Kind in Pflege, Adoption, etc. – auch Möglichkeiten, aber als Singleperson ebenfalls nicht sehr einfach.) Nun ja. In ein paar Jahren ist die Kinderfrage endgültig erledigt. Manchmal träume ich davon, in zwei Jahren alle meine Bedingungen für ein Kind zu erfüllen, aber ich kann nicht einmal sagen, was im Herbst dieses Jahres sein wird. Also, ich kann es schon sagen. Ich kann mir Dinge fix vornehmen. Aber dann passiert jedes Mal etwas, das mich aus der Bahn wirft, etwas Schlimmes. Ich möchte das nicht. Also keine Pläne und die Träume versuche ich mir auch zu verkneifen, weil ich keine einzige Person mehr verlieren will. So ist das.

Sollte ich also kinderlos bleiben und weiterhin Single sein … nun, auch gut. Ich hab ja Nibling und da werden wohl noch weitere kommen. Und ich habe ein großartiges Vorbild – meine Tante, die mit immer mindestens zwei Katzen nun schon seit mehr als 20 Jahren alleine, quietschfidel und trotz Krebserkrankung rege in der Welt herumreist. Nun, ihre Pension werde ich wohl nicht kriegen, aber hey. Politisch aktiv, geistig rege, welt- und menschengewandt, Essen, Trinken, Mode genießend – so möchte ich auch über 70 werden. (Von den Tanten, die nicht so geworden sind, reden wir nicht, so wie die zu werden, vor dem habe ich Angst.) So wie es jetzt ist, ist es also überhaupt nicht schlecht. Es ist sogar ziemlich gut. Es könnte besser werden, aber nicht durch die Hinzufügung von “Partner_in” oder “Kind”. Also erst mal die massiven Veränderungen, die 2015 kommen, gut überstehen. Es ist noch Zeit und es ist gut.

Von Motten und dem Kater

Nach meiner glorreichen Rückkehr aus Hamburg ging es fast nahtlos weiter aufs Land.

Die Enns zeigte sich von ihrer schönsten Seite:

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Ok, ich hör schon auf. Dabei hätte ich noch 20 solche Bilder. Ich hätte sie ja auch lieber getwittert, aber ab einem gewissen Punkt irgendwo zwischen Oberösterreich und der Obersteiermark kann ich keine Bilder mehr senden. Dafür hab ich halt ein Blog.

So war’s bei meiner Ankunft:

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Und dann halt Landleben mit 10 Spinnen im Zimmer, Nachtfaltern, Blumen, Grillen, Verwandtschaft und Kater.

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Und ich so:

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Damit endet das Ferientagebuch. Für jetzt.