Zöpfe aus Hefeteig

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Eigentlich heißt das Germteig. Germ ist das österreichische Wort für Hefe. Gestern habe ich auf Bitte von mmiedl nach langer Zeit wieder einmal Striezel (Zöpfe, aber nur wenn’s um Gebäck geht) gebacken und war verblüfft, wie schnell das ging. Später sprachen wir darüber und sie meinte, ich würde die Zöpfe ja quasi aus dem Handgelenk machen und irgendwie stimmt das. Ich mache schon lange Germteig und auch wenn ich mich jedes Mal konzentrieren muss damit ich ja nichts vergesse, ist mir diese Tätigkeit so vertraut, dass meistens nichts schief geht.

Das kommt nicht von irgendwo, sondern von meiner Mutter, mit der wir schon als Kinder Germteig herstellten. Daher gebe ich hier auch ihr Rezept wieder, das ein wenig süßer und reichhaltiger ist als z.B. die meisten Schweizer Rezepte für “Züpfe”, die z.B. auch ohne Eier und Milch auskommen können und weit weniger süß sind. Andererseits ist es aber nicht ganz österreichisch, weil keine Rosinen drin sind.

Ich habe am Germteig sehr zu schätzen gelernt, dass ich ihn einfrieren kann. Ich bin für vieles zu haben was die Arbeit in der Küche erleichtert und einmal Teig machen und dafür zweimal Zopf kriegen, das kommt mir ungeheuer entgegen. Soll heißen: Ich mache Teig aus einem Kilo Mehl (reicht für 2 Zöpfe von der Größe oben im Bild & davon je 1 Zopf für mich für ca. 1 Woche oder für 1 Frühstück mit ca. 4 Personen) und friere die Hälfte ein, da kann ich auch den ganzen Hefewürfel auf einmal verwenden und muss nicht verzweifelt ein anderes Anwendungsgebiet für 20g Hefe suchen. Ja, es gibt Trockenhefe, aber genau so wie ich den Teig immer von Hand knete, weil ich es nicht anders kenne, verwende ich immer frische Hefe. Bitte Google für andere Anleitungen (z.B. auch vegane oder mit der Küchenmaschine hergestellte) befragen.

Mit diesem Teig lässt sich vieles anstellen, nicht nur Zöpfe. Z.B. eignet er sich durchaus auch für Brioche, um Zimt- oder andere Schnecken herzustellen, um Osterhäschen, Brötchen, Kränze oder Grittibänze zu formen, auch für Germgugelhupf … es ist einfach ein guter Basisteig.

Wie bereits gewohnt beschreibe ich Werkzeuge und Zutaten zunächst ausführlich und am Ende findet ihr wie immer die Zutaten und Anleitung in Kürze, dort auch mit den Angaben für ein halbes Kilogramm Mehl.

Werkzeug:

1 große Teigschüssel – wenn ihr nur mit einem halben Kilo Mehl arbeitet, dann geht auch eine kleinere, aber der Bequemlichkeit beim Kneten halber nehmt eure größte und stabilste

1 stabile Tee/Kaffeetasse

1 Milch- oder anderen Topf

1 Reibe zum Zitronenschale reiben – wenn ihr so eine superfancy Mikroreibe habt, nur zu, sonst reicht eine feine Raffel

1 Teelöffel

1 Esslöffel

1 hitzeresistenter Teigschaber

1 frisches Küchentuch

1 (oder je nachdem, was ihr formen wollt) oder 2 Backbleche

Backpapier

1 Backpinsel

1 kleine Schüssel

Zutaten:

1 Kilogramm Mehl – von der Mehltype verwende ich Universalweizenmehl (in D Type 405, in Ö Type 480). Glattes Mehl geht zwar auch, ergibt aber einen anderen, dichteren Teig.

1/2 Teelöffel Salz – möglichst feinkörnig

Schale von 1 Biozitrone – könnt ihr auch weglassen, wenn ihr das nicht mögt oder gerade keine habt, das muss nicht sein – bzw. geht auch getrocknete Zitronenschale

1 Würfel frische Hefe – in Ö sind das 42 Gramm

4 Esslöffel Zucker – sind ca. 80 Gramm, ihr könnt auch nur 1 Esslöffel nehmen, wenn ihr den Teig nicht süß haben wollt oder auch mehr Zucker, wenn der Teig besonders süß sein soll – feinkörniger Zucker ist praktischer, aber im Endeffekt ist es egal

160 Gramm Butter

400 Deziliter Milch – es ist eben nicht ein halber Liter Milch, sonst wird der Teig zu klebrig und ihr müsst mehr Mehl dazugeben – wobei manchmal ein Teig mit mehr Feuchtigkeit auch erforderlich ist (für Brioche z.B.)

2 Eier – je nach Größe der Eier ev. noch ein 3. Ei oder etwas weniger Milch verwenden

Gut dabeizuhaben: Etwas mehr Mehl, etwas mehr Milch – falls euch der Teig zu klebrig oder zu trocken ist; wenn ihr den Teig mit Ei bestreichen wollt, dann noch ein Ei, wobei vor allem das Eigelb zählt, also trennt es früh, gebt das Eiweiß zum Teig dazu und verwendet ein bisschen weniger Milch

Anleitung:

Meistens geht Hefeteig bei Raumtemperatur gut auf, ihr könnt ihn aber z.B. auch über Nacht im Kühlschrank aufgehen lassen, dann aber am Besten in einem Plastikbeutel oder in einem Gefäß mit Deckel. Ich aber bin faul und mag nicht mit dem Raumklima herumtun, daher heize ich meistens kurz bevor ich mit dem Teig beginne meinen Backofen auf 50 Grad vor und stelle ihn dann ab. Dort kommt dann der Teig zum Gehen hinein. Kochschürze anziehen! :) Ich stelle mir auch ein bisschen Musik an, weil das beim Kneten unterhält.

Butter in den Topf geben und auf sehr niedriger Hitze schmelzen lassen.

Währenddessen in der großen Teigschüssel das Mehl mit dem Salz gut vermischen. Falls ihr Zitronenschale zufügen wollt, dann macht das jetzt, also entweder getrocknete Schale untermischen oder ihr wascht eure Biozitrone, trocknet sie ab und reibt die Schale mit der Reibe ins Mehl. Danach nochmal gut vermischen und eine Kuhle ins Mehl machen.

In der Tasse den Zucker mit der Hefe verrühren, zuerst ist das ein wenig mühsam, dann löst sich die Hefe immer mehr auf. Rühren, bis sich die Hefe ganz aufgelöst hat und die Mischung dünnflüssig ist.

Wenn die Butter geschmolzen ist, die Milch zur Butter geben und Temperatur prüfen. Die Mischung soll auf keinen Fall heiß sein, aber kühl-lauwarm ist gut. Ist die Mischung zu heiß, stocken die Eier und die Hefepilze sterben, dann geht der Teig nicht auf bzw. hat kleine gelbe Eierflecken drin, daher lieber kühler als wärmer. Das ist auch das einzige Ding, das ihr beachten müsst, ansonsten ist Hefeteig recht robust und verzeiht vieles.

Eier aufschlagen und in die Mehlkuhle geben. Die Zucker-Hefe-Mischung zugeben. Die Milch-Butter-Mischung vorsichtig dazugießen und den Topf mit dem hitzebeständigen Teigschaber gut auskratzen.

Jetzt kommt das Kneten. Stellt euch extra Mehl & Milch in die Nähe, damit ihr dann nicht mit Teigfingern danach suchen müsst. Viel Spaß!

Zuerst vermischt ihr alle Zutaten einfach und seht zu, dass ihr alles Mehl mit den flüssigen Zutaten gut vermengt. Wenn euch das gut gelingt, sollte an euren Händen kein Teig mehr kleben und an der Schüssel auch nicht (außer ihr wollt einen extra feuchten Teig, z.B. für Brioche).

Habt ihr den Teig zusammengeknetet, schaut, ob alles ok ist. Klebt zu viel Teig an euren Händen, gebt noch etwas Mehl dazu, aber nicht zu viel, das Mehl nimmt die Flüssigkeit beim weiteren Kneten noch auf. Bleibt zu viel Mehl in der Schüssel, gebt noch etwas Milch dazu, aber leider ist es mühsamer, mehr Feuchtigkeit zum Teig zu geben als umgekehrt, wenn es also nicht zu viel übriges Mehl ist, dann macht das lieber nicht, der Teig nimmt beim Kneten auch noch mehr Mehl auf.

Stimmt der Teig für euch, dann beginnt mit dem ernsthaften Kneten. Ich stelle dafür die Schüssel gerne aufs Sofa oder auf den Fußboden, weil ich dann optimal mit den Handballen in den Teig drücken kann. Ihr könnt die Schüssel auch auf einen Hocker stellen, mir ist es jedenfalls angenehmer, wenn die Schüssel niedriger steht, damit ich wirklich alle Kraft des Oberkörpers einsetzen kann.

Beim Kneten rotiere ich den Teig bzw. falte ihn und versuche wirklich jeden Teil gut durchzukneten, eben vor allem mit den Handballen. Das mache ich ca. 10 Minuten – oder ca. 3 Lieder lang.

Wenn ihr fertig mit Kneten seid könnt ihr euch entscheiden, ob ihr einen Teil einfriert oder nicht. Wenn ja, dann schneidet ihr so viel vom Teig ab, wie ihr einfrieren wollt und gebt die Teigstücke in Gefrierbeutel. Ich friere eher die Hälfte ein, aber Drittel oder Viertel gehen natürlich auch. Nach dem Auftauen könnt ihr den Teig zum Aufwärmen nochmals durchkneten und/oder ihn etwas länger gehen lassen oder ihn gleich über Nacht im Kühlschrank gehen lassen.

Um den Teig gut gehen zu lassen, nehmt ihr das Küchentuch und legt es über die Teigschüssel. Ich feuchte dann meine Hand mit Wasser an und beträufle das Tuch, bis es gut feucht ist. Dann kommt der Teig in den Backofen oder z.B. neben die Heizung oder an einen schön ruhigen, warmen Ort und darf eine Stunde aufgehen. Länger geht auch, besonders wenn der Teig vorher kühl war. Wenn ihr den Teig im Kühlschrank gehen lasst, müsst ihr das nicht mehr machen.

Pauuuuse! (oder 1. Abwasch oder Zeug in die Geschirrspülmaschine räumen oder was immer.)

Wenn der Teig gut gegangen ist, dann hat er sich auf ca. das Doppelte vergrößert. Knetet ihn jetzt nochmal kurz durch, da fällt er zwar wieder zusammen, aber das gehört so. Je nachdem, was ihr jetzt vorhabt, könnt ihr den Teig nun in Stücke schneiden und weiterverarbeiten.

Es gibt eine Menge verschiedener Flechtmethoden für Zöpfe, von zwei- über drei- bis zu vier- bis achtstrangig und sicher etliche Youtubevideos dazu. Ich bin faul. Ich schneide von der Teigmenge, die ich für einen Zopf verwenden will, ca. ein Drittel ab. Den größeren Teil rolle ich zu einer langen Teigwurst, den kleineren zu einer kürzeren. Dann lege ich das Ende der kürzeren Teigwurst in die Mitte der längeren, so dass das Ende oben rausguckt (wie im Bild oben) und beginne zu flechten. Am Ende drücke ich alle drei Enden gut zusammen und lege den Zopf auf das Backblech, finito.

Egal wie ihr euren Teig formt, es lohnt sich, die geformten Stücke nochmals ca. eine halbe Stunde aufgehen zu lassen. Es ist nicht unbedingt notwendig, vor allem wenn ihr unter Zeitdruck seid, aber wenn ihr den Teig jetzt schon in den Ofen schiebt, verformen sich die Stücke mehr als wenn ihr sie aufgehen lasst. Ihr könnt die geformten Stücke auch noch länger aufgehen lassen, wie ihr mögt. Ich schiebe das Backblech dazu einfach wieder in den Ofen, der ist noch warm genug.

Sind eure geformten Teile aufgegangen, geht es ans Bestreichen. Jetzt ist ein guter Moment, um den Backofen auf 180 Grad vorzuheizen. Ich bestreiche meine Zöpfe aus Faulheit nur noch mit Milch. Wenn ihr aber möchtet, dass sie schön glänzen, dann verrührt einen Eidotter mit ein wenig Milch zum Bestreichen. Wenn ihr eure Hefedinger mit z.B. Hagelzucker oder sonst etwas bestreuen möchtet, dann verwendet am Besten ebenfalls Eidotter mit Milch zum Bestreichen, das klebt besser.

Ab mit dem Zeug in den Backofen! Ich habe bei eher trockenen Teigen schon damit experimentiert, dass ich ein ofenfestes Schälchen mit Wasser danebenstelle, aber dann geht der Teig noch sehr viel mehr auf, trotzdem ist das dann etwas besser für die Flauschigkeit. Ich bin mir sicher, es gibt große Diskussionen, ob Umluft oder nicht, ich verwende für Hefeteig meistens keine, aber am Ende kam meistens doch etwas Essbares heraus, also macht wie ihr es mögt.

Von der Zeit her gilt: Je größer die Zöpfe (oder was immer), desto länger. Wenn ihr den Ofen nicht vorgeheizt habt, verlängert sich die Backzeit natürlich auch, genauso wenn der Teig vorher kalt war, also z.B. im Kühlschrank aufgegangen ist. Die zwei Zöpfe im Bild brauchten 50 Minuten. Wenn ihr verschieden große Backstücke (also z.B. 1 großer Zopf und 2 kleine Zöpfe) habt, dann nehmt die kleinen Backstücke früher raus. Um zu überprüfen, ob ein Zopf oder anderes Teil durch ist, dreht ihn vorsichtig um und klopft auf den Boden. Klingt es hohl, dann ist der Zopf durch. Wenn nicht, dann lasst ihn noch etwas im Ofen.

Auf einem Ofengitter oder Drahtuntersetzer abkühlen lassen – ganz frisch ist das Schneiden etwas schwierig, aber andererseits, lauwarmer Zopf …

Guten Appetit! \o/

Zutaten und Anleitung in Kürze:

1 Kilogramm Mehl – 500g Mehl

1/2 Teelöffel Salz – 1/4 Teelöffel Salz

Schale von 1 Biozitrone – Schale von 1/2 Biozitrone

1 Würfel frische Hefe (40 g) – 1/2 Würfel frische Hefe (20 g)

4 Esslöffel Zucker – 2 Esslöffel Zucker

160 g Butter – 80 g Butter

400 Deziliter Milch – 200 Deziliter Milch

2 Eier – 1 Ei – bzw. noch ein Ei, falls ihr euer Hefegebäck mit Ei bestreichen wollt

1 Schluck Milch

Backofen auf 50 Grad vorheizen, abstellen.

Butter in den Topf geben, auf sehr niedriger Hitze schmelzen lassen.

In der großen Teigschüssel, Mehl mit Salz und ev. Zitronenschale vermischen. Kuhle ins Mehl machen.

Zucker mit Hefe verrühren bis die Mischung dünnflüssig wird und sich die Hefe aufgelöst hat.

Wenn die Butter geschmolzen ist, Milch zur Butter gießen, ev. noch etwas aufwärmen lassen, aber ja nicht zu viel.

Eier aufschlagen und in die Mehlkuhle geben, Zucker-Hefe-Mischung und Milch-Buttermischung dazugeben.

Alle Zutaten zusammenkneten, bis sie sich gut verbunden haben, ca. 10 Minuten weiter kneten.

Ev. Teig jetzt halbieren, Hälfte einfrieren.

Teigschüssel mit angefeuchtetem Küchentuch abdecken und Teig im Ofen ca. 1 Stunde gehen lassen.

Teig kurz durchkneten, in gewünschte Teigteile schneiden, z.B. Zopf formen.

Zopf oder andere Teigteile auf dem Backblech nochmals ca. eine halbe Stunde im Ofen gehen lassen.

Backblech aus dem Ofen holen, Ofen auf 180 Grad vorheizen.

Zopf oder andere Teigteile mit Milch oder Mischung aus Eidotter und Milch bestreichen und mit z.B. Hagelzucker bestreuen.

Großen Zopf ca. 50 Minuten backen, danach Klopftest. Kleinere Teile zwischen 25 und 40 Minuten, je nach Größe.

Auf Gitter abkühlen lassen.

Guten Appetit! \o/

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Raus aus der Stadt

Gestern war ich in Garsten, beim Garstener Advent. Garsten liegt in Oberösterreich, bei Steyr und ich bin schon oft mit dem Zug durchgefahren auf dem Weg zur Sommerfrische bei der Königinmutter. Vom Zug gut sichtbar ist das riesige Stift, das seit 1851 ein Gefängnis ist, auch das ist vom Zug aus gut sichtbar. Bei der Einfahrt mit dem Auto wird es nicht weniger gruselig, nicht weil ich Angst vor den Insass_innen hätte, sondern weil Gefängnisse gewaltvolle, furchtbare Orte für Menschen sind. Auch wenn ich euch nun vom schönen Adventmarkt erzähle, mag ich das nicht ausblenden.

Jetzt aber zum schöneren Teil: In Garsten war ich mit einer ortskundigen Freundin unterwegs, die mir erst einmal die hübsche Bibliothek zeigte, denn aufgrund dieser hatten wir uns eigentlich kennengelernt. Ich habe in den Kinderbüchern gestöbert und gleich ein paar für meine nächsten Buchbesprechungen gefunden. Zuerst muss ich sie allerdings noch im System der Wiener Büchereien finden und in Ruhe nochmal anschauen.

Und dann gingen wir los. Zuerst in den Pfarrsaal, wo die handarbeitenden Garstner_innen Tisch um Tisch mit genähten, gestickten, gestrickten, gehäkelten und sonst noch gebastelten Sachen belegt hatten. Besonders beeindruckt war ich von den handgestrickten Trachtenzopfsocken, weil die unglaublich viel Arbeit sind. Später in der Volksschule, in der ebenfalls handgefertigte Dinge ausgestellt wurden, sah ich dann wohl eine der Sockenstrickerinnen am Spinnrad und hätte gerne mit ihr geredet, aber sie saß gleich bei einem Durchgang und war auch gerade in ein Gespräch vertieft.

Vom Pfarrsaal gingen wir dann auf den Markt hinaus, der den Ortskern in Beschlag nimmt und weitgehend frei von Autos ist. Der Fokus des Marktes liegt auf Handwerk und der Region, daher gab es viele Schauschmieden und einen Stand des Nationalparks Eisenwurzen. Vor der einen Schauschmiede gibt es ein Extrabrett für Kinder, damit die über die Brüstung des Standes schauen können. Auch werden traditionellerweise Baumstämme zu Balken zugehauen, aus denen dann Häuser bzw. Dachstühle für Kapellen etc. gemacht werden. Daneben gibt es eine große Vielfalt von Essensständen und die Luft duftet nach Maroni, Braterdäpfeln, Würsteln, Käse, Zuckerwatte, gebrannten Mandeln, Geselchtem, ach.

Auf dem Weg zum Bücherflohmarkt der Bibliothek und zur Volksschule kamen wir an einem Stand mit Alpakawolle und daraus gestrickten und gehäkelten Sachen vorbei, die auch drei Alpakas in einem Gehege hatten, die gestreichelt werden konnten. Sie mäh-määähten eher jämmerlich und taten mir leid. Alpakawolle streicheln ja bitte, Alpakas selber bitte auf der Weide lassen. Möh.

Gleich danach gingen wir durch eine Passage und dort war ein Stand mit Sachen aus Porzellan und Keramik, die mir ins Auge fielen.  Später besuchten wir den Stand noch einmal und ich plauderte mit der Frau, die ihn betrieb. Ich wollte eine Visitenkarte oder die URL ihrer Website, um zu sagen, woher ich die schönen Sachen hatte – hatte sie aber beides nicht. Dafür hat sie einen Brennofen auf dem Balkon, den sie allerdings nur betreiben kann, wenn es draußen warm ist, da die Balkontür für das Starkstromkabel offen bleiben muss.

Ich fand das cool. Gerade kürzlich hatte ich darüber nachgedacht, dass ich zwar viele Ideen für alles Mögliche habe, die ich aber selten und meist erst später ausführe und gleichzeitig Zweifel daran habe, ob die überhaupt so toll werden, wie ich mir das denke und ob die überhaupt Anklang finden und hier war eine Person, die einfach ihr Ding machte, ihre Ideen ausführte und die vor allem eines nicht wollte: Dass es zu ihrer Arbeit wurde. Ich sollte mir sie zum Vorbild nehmen, so wie ich gerade mit meinem Strickzeug hadere, weil ich wieder einmal viel zu viele Sachen für andere Leute geplant habe und mir damit unnötig Druck mache. Ich hätte jedenfalls gerne fast ihren gesamten Stand mitgenommen – auch ihre Schüsseln waren wunderschön, aber ihre feinen Porzellan- und Keramikanhänger und -schmuckstücke gefielen mir am Besten.

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Als nächstes wanderten wir durch die Volksschule. Viele der Aussteller_innen arbeiteten an weiteren Stücken – Keksausstechern, Wanderstäben, Glaskugeln, etc. Besonders gefallen haben mir die Glasmalerin, die Weihnachtskugeln mit Namen und Mustern bemalte und beglitzerte und der Stand der Blaudruckerei Wagner, einer der zwei Blaudruckereien in Österreich. Diese Druckerei ist im Mühlviertel und druckt auch zweifärbig. Die andere ist die Blaudruckerei Koo im Burgenland, über die ich schon einmal geschrieben habe. Aber es gab noch eine Menge anderer erstaunlicher Dinge, kunstvoll bemalte Lebkuchen, gedrechselte Holzschüsseln, Kugeln und Kreisel, “Explosionsboxen” – Papierschachteln, die beim Abnehmen des Deckels auseinanderfielen und ihr Innenleben preisgaben, z.B. ein Backherd mit Keksen im Lebkuchenhaus, gewebte Teppiche, gefilzte Hüte und Kleidung, Reisigbesen …

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Danach gingen wir in die Stiftskirche, die mir sehr bekannt vorkam, irgendwo hatte ich kürzlich eine Kirche mit ähnlichen barocken Verzierungen gesehen, aber mir fällt immer noch nicht ein, wo genau. Jedenfalls hat sie eine sehr schöne Tür und einen Altar, der mit getriebenem Silber verziert ist, umwerfend.

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Auch die Altarsäulen sind fantastisch, mit den kleinen Figuren auf den Ranken. Leider wollte die Smartphonekameras sie nicht so gut aufnehmen.

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Danach wanderten wir dann in die Neue Mittelschule, in der immer die Fotoausstellung des örtlichen Naturfreunde-Fotoclubs stattfindet. Dort waren auch Weihnachtsbäume zu sehen, die von verschiedenen örtlichen Volksschulen und Klassen der neuen Mittelschule geschmückt worden waren. Besonders gefielen mir der Duftbaum, der Wollbaum und der Recyclingbaum.

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Duftbaum der Volksschule Garsten

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“Wir arbeiten mit Filz” – Baum der Volksschule Aschach/Steyr

“Das Christkind liebt Recycling” – Neue Mittelschule Garsten

Schon beim Durchwandern und jetzt beim Schreiben nochmal wurde für mich überall die viele Arbeit sichtbar, die hinter dem Adventmarkt steckt. Wie viele Stunden saßen die Personen, die den Pfarrsaal mit Selbstgemachtem gefüllt hatten? Wer schmückte die Weihnachtsbäume, die in der Volksschule und anderswo standen? Wer machte die Torten für das Goldhaubenkaffee? Wieviele Leute da für Betreuung der Stände und Ausstellungen aus dem Ort organisiert waren – dank meiner Freundin blieben sie nicht irgendwelche Menschen, sondern ihre Verwandten, Kolleg_innen, Freund_innen. Die Musiker_innen, die sich hinsetzten und spielten, die Aussteller_innen, die an ihren Stücken arbeiteten, die Lehrer_innen und Kinder, die die Weihnachtsbäume vorbereiteten. Und dann noch die Menschen in der Vergangenheit – die, die die vielen lustigen und schönen Teile des Altars in der Stiftskirche fertigten, die Tür mit ihren Verzierungen schmiedeten, die Kirche renovierten und die Menschen, die unter den Nazis zum Bau der Staukraftwerke entlang der Enns gezwungen wurden …

Irgendwie finde ich, dass der Adventmarkt viele Spannungsfelder sichtbar machte. Die Gratwanderung zwischen Traditionalismus, Konservativismus, Tradition, regionalem Leben, Ortsleben und seine Erhaltung, den Stellenwert und die heutigen Umstände von Handarbeit und Handwerk, die Geschichte und Strukturen, die allem unterliegen und uns alle umgeben – drum war der Garstener Adventmarkt für mich nicht nur einfach “Yay, Weihnachten”-schön, sondern unglaublich spannend.

 

Zum Beispiel Luise

Der Twitteraccount @BitchFlicks, dem ich folge, fragte letztens, in welchem Film, bei dem eine Frau Regie führte, wir uns ganz repräsentiert sahen. Nun, für mich jetzt gibt es (noch) keinen solchen Film – und auch kein solches Buch und keinen Comic und kein Lied.

Aber es gab einmal ein Buch. Bei meinem Aufenthalt auf dem Land stöberte ich in der Kiste mit Fotos aus dem Fundus meines Vaters und fand dieses – aus einer Serie von drei Bildern.

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Hier bin ich ca. 6 Jahre alt, vielleicht ein wenig älter oder ein wenig jünger und lese wahrscheinlich zum ersten Mal “Das doppelte Lottchen” von Erich Kästner. Und wenn mich eine Figur in einem Buch jemals repräsentierte, dann war das Luise, die wilde Zwillingsschwester.

Als ich meiner Mutter einmal erzählte, dass dies mein Lieblingsbuch von Kästner sei, meinte sie, es wäre ihr zu seicht. Aha. Ausgerechnet das einzige Buch Kästners in dem zwei Mädchen die Hauptrolle spielen nahm sie als seicht wahr. Die Parallelen zwischen mir und Luise und dass mir deshalb das Buch so wichtig sein könnte, sah sie gar nicht.

Luise hatte wilde, blonde Locken – ich auch, wenn auch kurze. In meinen Bilderbüchern gab es nicht so viele Figuren mit blonden Locken. Ronja Räubertochter kam erst später, auch eine wichtige Identifikationsfigur, aber wenig mit der Realität verknüpft.

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Sie wohnte in Wien – und dorthin war meine Familie vor kurzem übersiedelt. Ich hatte zu dem Zeitpunkt kein einziges anderes Buch, in dem eine Figur in Wien wohnte – die von Christine Nöstlinger kamen erst später.

Luise aß für ihr Leben gern Süßes und besonders Palatschinken, die sie immer aß, wenn sie mit ihrem Vater ins Hotel Imperial ging. Meine arme Mutter mag süßes Essen gar nicht, weil ihr Bruder es sehr mochte und als sie klein waren, durfte er immer den Speiseplan bestimmen. Meine Großmutter machte also Palatschinken für meinen Bruder und mich und meine Mutter konnte auch manchmal dazu bewegt werden. Ach, Palatschinken. Muss ich bald wieder machen.

Noch etwas verband mich mit Luise: Sie haute andere Kinder. Manchmal gerechtfertigt, manchmal ungerechtfertigt. Ich prügelte mich mit meinem kleinen Bruder und meine Eltern unterbanden das nicht (würde ich heute unbedingt). Dabei blieb sie trotzdem eine sympathische Figur – auch das kommt in der Kinderliteratur selten vor (zurecht).

Ob bei all dem die Scheidung der Eltern der wichtigste Aspekt war, weiß ich nicht. Aber meine Eltern waren auch geschieden und ich hatte kein einziges anderes Buch, in dem solche Eltern vorkamen. Meine Eltern waren dabei noch spezieller, sie wohnten in Wien erst noch zusammen, dann in einem Haus, auf einer Etage, in zwei Wohnungen (wie im Doppelten Lottchen am Ende mit dem Atelier nebenan).

Aber egal wie sie wohnten, denn das war eher nebensächlich, sie waren den Eltern von Luise und Lotte ungeheuer ähnlich: Mein Vater, der große Künstler (Architekt, nicht Dirigent), meine Mutter, sehr beschäftigt mit ihrer Arbeit mit behinderten Kindern (nicht Journalistin). Es ist schon erkennbar: So privilegiert wie Luise aufwuchs, wuchs auch ich auf.

Nur ein Fräulein Gerlach gab es erst später, die Freundin meines Vaters zu der Zeit war sehr nett und interessierte sich sehr für meinen Bruder und mich.  Mein Bruder war auch nicht mein Zwilling, aber wir hatten doch zwillingsähnliche Eigenschaften. Dass meine Eltern sich wieder in einander verlieben würden, war sehr unwahrscheinlich, ich habe es mir auch nicht gewünscht. Und ich mag Katzen lieber als jeden Mops. So weit gingen die Parallelen zwischen mir und Luise doch nicht. Aber es gab genug. Und so hieß dann auch meine zweite Puppe Luise … und es ist ein schöner Name für ein Kind.

Authentizität, Präsenz, Absenz – Gedanken am Ende der Retrospektive

#CN graphische Beschreibungen

Gestern Abend ging die Retrospektive “Bilder der Befreiung – Liberation Footage – Atrocity Pictures” im Österreichischen Filmmuseum zu Ende, mit Nürnberg-Beweisfilmen, also einigen, die beim Prozess in Nürnberg Ende 1945 und Anfang 1946 gezeigt wurden. Der erste, “Nazi Concentration Camps” wurde von den Amerikanern erstellt und enthielt sehr viele Szenen, die ich jetzt schon zum dritten oder vierten Mal gesehen habe. Der Film war mit einer Narration unterlegt, die kurioserweise genau aussetzte, als es um die KZs in Mauthausen und Ebensee ging (ich hätte gerne das Diskussionspanel dazu gefragt), aber ich konnte sie ohne Probleme identifizieren.

Dann wurde der Film gezeigt, den die Sowjetunion für ihren Teil des Prozesses gestaltet hatte: Kinodokumenty o zverstvach nemecko-fašistskich zachvatčikov (Die von den deutsch-faschistischen Invasoren in der UdSSR verübten Gräueltaten). Auch in ihm waren Szenen enthalten, die ich in dem Film German Concentration Camps Factual Survey bereits gesehen hatte, aber die anderen Szenen waren komplett neu und entsetzlich. Ich hätte nicht gedacht, dass die anderen Filme an Grauenhaftigkeit noch überboten werden können, aber doch, ja. Vielleicht lag es auch am “Neuigkeitseffekt” und an der anderen Herangehensweise: In fast allen gezeigten amerikanischen und britischen Filmen blieben die Toten und die Überlebenden anonym.  Im sowjetischen Film bekamen sie Namen, Familien, Geschichten.

Hier wurde die ganze Breite der Verbrechen der Nazis in der Sowjetunion gezeigt – wahlloses Töten von Menschen in Städten und Dörfern, gezielte Ermordung von Bevölkerungen ganzer Orte, Exhumierungen von Massengräbern überall, Babi Jar, Majdanek, Ausschwitz, Entwicklung und Parallelität der Tötungsmethoden von Erschießungen zu den Gaswagen zum industrialisierten Massenmord. Toby Haggith, Leiter des Restaurationsprojektes des Factual-Survey-Films meinte am Sonntag, die sowjetischen Aufnahmen von Majdanek und Auschwitz seien abstrakter und weniger verstörend – mag sein. Vor lauter Leichen und Skeletten ist mir das gar nicht aufgefallen.

Nach diesem Film folgte eine Podiumsdiskussion, zwei Frauen*, drei Männer*, ein Moderator. Eigentlich hätte Toby Haggith noch einen weiteren Beweismittelfilm – den der Briten aus dem Bergen-Belsen-Prozess – zeigen und dazu etwas sagen sollen, aber er selbst war von dem sowjetischen Film so verstört (obwohl er ihn sicher bereits gesehen hatte), dass er beschloss, ihn nicht zu zeigen. Eine gute Entscheidung, fand ich. Jede Vorstellung in der Retrospektive hätte eigentlich so wie die allererste Vorstellung des Factual-Survey-Films auch einer Diskussion danach bedurft, einfach nur, um damit zurechtzukommen – aber der sowjetische Film hätte ganz dringend einer bedurft.

Doch zu einer guten Diskussion kam es nicht. Jeremy Hicks hatte den sowjetischen Film sehr tendenzös vorgestellt und stark betont, dass Teile davon vorher in Propagandafilmen verwendet wurden, dass nicht alles faktisch korrekt war, dass rekonstruierte Szenen nicht als solche ausgewiesen wurden und dass vor allem die sowjetischen Opfer des Holocaust benannt und die jüdischen Opfer nur einmal am Rande erwähnt wurden. Für mich war der Film allerdings so heftig, dass ich diese Abgrenzungen gar nicht im Kopf behalten konnte. Hicks wurde dafür in der Diskussion kritisiert, aber das führte dazu, dass mehr darüber gesprochen wurde, was “Propaganda” jetzt bedeutet (die britischen & amerikanischen Filme sind auch Propaganda) und wie es sich mit Rekonstruktionen verhält (eh ok).

Die teilnehmenden Forscherinnen*, Leslie Swift, Archivarin* am United States Holocaust Museum, und Ulrike Weckel, Professorin für Fachjournalistik Geschichte an der Universität Gießen, kamen kaum zu Wort bzw. wurde ihnen ins Wort gefallen. Der Moderator redete gerne und viel und bei den Fragen aus dem Publikum wurden die Personen berücksichtigt, die ohnehin Zugang zu den Forscher_innen hatten – der Kurator* der Retrospektive, Ingo Zechner, und der Direktor* des Filmmuseums, Alexander Horwath.

Schade, denn am Anfang der Diskussion ging es um Präsenz und Absenz. Aus der Frage, wie weit diese Filme überhaupt als Beweismittel für die Verbrechen der Nazis dienen können entstand der Einwurf, dass viele der damals gefilmten Orte, Gebäude, etc. heute nur in Rekonstruktionen oder gar nicht erhalten sind – die Filme sind nun also Beweismittel für ihre damalige Präsenz und Authentizität und ihre heutige Absenz und die Authentizität der Rekonstruktionen. Und da ich mir schon seit Dienstag Gedanken über genau diese drei Begriffe – Präsenz, Absenz und Authentizität – mache und diese bei der Podiumsdiskussion nicht anbringen konnte (Grrrr!) mag ich sie hier noch ein wenig ausführen.

Ich habe also seit Sonntag eine Menge Filme gesehen. Auch wenn sich die Bilder oft wiederholten, da dieselben Szenen immer wieder verwendet wurden, waren sie doch in sehr unterschiedliche Kontexte eingebettet, die jeweils eine andere Auswirkung auf die Bilder hatten. Welche Auswirkungen das waren und wie sich die Filme voneinander unterschieden und was das (für mich) bedeutete, wurde mir erst mit diesem sich in Schichten überlagerndem Sehen klar.

Der Film am Sonntag – German Concentration Camps Factual Survey – war mit seiner Nüchternheit eine gute Grundlage für die darauf folgenden Filme. Die Art, wie er gezeigt wurde, mit einer Einführung und anschließenden Diskussion, die darauf abzielte, das Publikum mit den belastenden Bildern nicht allein zu lassen, war sehr angenehm.

Filme am Montag: Der Staff Film Report zeigte, wie eine Masse an Informationen straff und mit wenig Pathos vermittelt wurde – und mit welchem Aufwand die höheren Offiziere der US-Armee mit Informationen versorgt wurden. (Oh Rezeptionsgeschichte, bist du hier schon zu spät dran? Ich hätte ein paar Fragen.) Die Newsreels und Reedukations/Aufklärungsfilme zeigten, wie die Berichte über die befreiten Konzentrationslager die amerikanische und zum Teil die deutschsprachige Öffentlichkeit erreichten (wobei z.B. Bilder aus Majdanek und Berichte über Auschwitz schon 1944 bekannt wurden) und wie wichtig und stimmig der nüchterne Ton und Entscheidung gegen Filmmusik des Factual-Survey-Films war.

Die privaten Filme der Regisseure George Stevens und Sam Fuller hatten für mich zwei interessante Aspekte. Einerseits natürlich die Farbaufnahmen von Stevens und die Darstellung des Begräbnisrituals in Fullers Film – und andererseits den Gedanken, dass die Art, wie ich meinen Social-Media-Auftritt kuratiere (und ich würde sagen, viele andere auch) nicht neu ist, sondern, mit etwas Forschung, sicher schon einige Zeit in die Menschheitsgeschichte zurückverfolgt werden kann. Vielleicht erscheint das als ein “No na”-Schluss bzw. ist es eher umgekehrt: Social-Media-Verhalten baut auf schon dagewesenen, tradierten Verhaltensweisen (Codes, Tropen, etc.) auf, nur auf einer anderen Plattform (die Medien sind dieselben: Schrift, Fotografie, Zeichnungen, Film), nur wird das selten sichtbar.

Über Sam Fullers Film “The Big Red One“, den ich am Dienstag in der rekonstruierten Version gesehen habe, hätte ich gerne mit den Teilnehmer_innen der Diskussion gesprochen. Er hat mir – wie auch Fullers Amateuraufnahmen – nicht sehr zugesagt, obwohl viele Szenen durchaus eindrücklich sind. Der Film hat mich aber zu Überlegungen gebracht, was eigentlich der Zweck von Kriegsfilmen ist (Propaganda), dass die zensierten, geglätteten Kriegsfilme (sowohl alte als auch neue wie “Saving Private Ryan” oder “Band of Brothers”) auch ein weißes, heterosexuelles, cis-weibliches Publikum ansprechen sollen, während “The Big Red One” und ähnliche Filme (zu denen ich z.B. “Inglorious Basterds” zählen würde) definitiv nicht für dieses Publikum gedacht sind. Aber ist The Big Red One authentischer? Oder ist das Fullers persönlicher Stil?

Am Mittwoch ging es dann zunächst um die Kameramänner* des US Army Signal Corps, die viele der Aufnahmen, die in der Retrospektive gezeigt wurden, anfertigten und um die Filme, die sie von den KZ-Befreiungen aufnahmen, nur diesmal ohne Narration, ja, ohne Ton, ohne nachträglichen Schnitt. Von da stammen also die Bilder, die dann in den unterschiedlichsten Kontexten weiterverwendet wurden. Das Special Film Project 186 der US Army Air Force, das den Krieg in Farbfilm verewigen sollte, zeigt zum Teil dieselben Motive, zum Teil ganz neue, die erst durch die Farbe richtig identifizierbar werden. Bei einer Hochzeit in Frankreich in Farbe, auf den übergebliebenen Filmresten, bekommen die Kameramänner* für die Forschung endlich Gesichter.

Die danach gezeigten Farbaufnahmen Arthur Zegarts vom KZ Ebensee verstärken noch die Dissonanz der schon gesehenen Schwarz-Weiß-Bilder von den Alpen hinter dem Stacheldraht. Fröhliche Menschen in Lederhose und Dirndl, ein Gasthaus “Zum Tiroler”, Kirchen, Seen, Idylle. Eine Baumallee. Sie führt zum KZ-Eingang. Später werden ihr entlang die Toten bestattet. Hier werden die jüdischen Toten endlich sichtbar: Statt unter den bisher in den Filmen ubiquitären Holzkreuzen werden sie unter Holzdavidsternen bestattet. Weil dieser Film nicht offizielles Beweismittel ist, rückt er den Menschen nicht so ganz nah, sondern betrachtet sie respektvoll. Das Bild der nunmehr schön grün-grau-weißen Berge und dem blauen Himmel hinter dem elektrischen Stacheldrahtzaun bleibt grausig. (Neben mir sitzt ein Schriftsteller, der meinem Vater unglaublich ähnlich sieht und für seine Gedichte, die oft mit Bergen zu tun haben bekannt ist. Er wohnt auf der Alm. Er murmelt die Namen der Berge, die er im Film sieht. Was denkt er?)

Schließlich werden Amateur_innenfilme gezeigt. Sie zeigen nun die Präsenz von Menschen, die in den Hollywoodkriegsfilmen und in vielen der bisher gezeigten Filme absent sind: Schwarze Krankenwagenfahrer* und weibliches* medizinisches Personal. Ob es Untersuchungen zu Schwarzen Angehörigen der US-Armee und ihren Erinnerungen an den Holocaust gibt? (Hier eine Bibliographie des United States Holocaust Memorial Museum und hier ein Interview mit Floyd Dade, Angehöriger des 761st Tank Battalion, das das KZ-Außenlager Gunskirchen in Oberösterreich befreite.)

Wie Toby Haggith am Sonntag sagte: Factual Survey zeigt sehr viele Frauen*: Tote, Überlebende, Täterinnen*, Lastwagen- und Krankenwagenfahrerinnen*, medizinisches Personal. In den Aufnahmen von Beatrice Wachter, die in Feldspitälern arbeitete, tauchen sie wieder auf: Es sind schließlich sie und ihre Freundinnen*, die Schneeballschlachten veranstalten, in die Schweiz auf Besichtigungstour fahren, zum Appell antreten, 30, 40 Frauen*, die da in ihren Uniformen stehen.

Die Bilder aus Dachau in den Amateur_innenfilmen sind sich größtenteils so ähnlich, dass es fast scheint, als wären sie alle zur gleichen Zeit dort gewesen. Wurde einfach alles verfügbare medizinische Personal, das sich in der Gegend befand, nach Dachau gerufen? Aber es gibt auch Unterschiede: Plötzlich ist da eine Musikkapelle. Wo kommt sie her? Diese Gleichzeitigkeit wirft Fragen auf: Wie lange hat das Begraben aller Toten gedauert? Wie lange sind sie vorher noch dort gelegen, wo sie gefunden wurden? Was ist eigentlich mit der Kleidung, den Schuhen, den Haaren, den Brillen, etc., die den Menschen in den KZs geraubt wurden nach der Befreiung geschehen? Sind die jetzt alle in einem Museum? Wurden sie weiterverwendet? Wurden sie begraben?

Aus den vielen sich wiederholenden Bildern wurde am Donnerstag Beweismittel: Gegen KZ-Kommandaten*, gegen die SS, gegen die Hauptangeklagten. Die Prozessberichterstattung fand damals vor allem spannend, wie die Angeklagten auf den “Nazi Concentration Camps”-Film reagieren. Als der sowjetische Film gezeigt wird, ist die internationale Presse bereits größtenteils abgereist. Er gerät in Vergessenheit, wie vieles, was ich in den vergangenen Tagen gesehen habe. Sollte es nicht. Heute ist der 8. Mai, VE-Day, Tag der Befreiung. 70 Jahre ist das Ende des 2. Weltkrieges in Europa her und doch ist antifaschistisches Engagement in diesen Tagen wichtiger denn je. Nach dieser Retrospektive scheint mir das noch unglaublicher und schrecklicher.

This film is secret. Newsreels, reeducation, Hollywood amateurs

#CN graphische Beschreibungen

Eine Doppelvorstellung, wieder mit kurzen einführenden Vorträgen vor den Filmen, aber ohne ausleitender Fragesession. Diesmal sind es kurze Filme, die im April und Mai 1945 entstehen, ganz unterschiedlicher Art.

Erste Vorstellung: Newsreels and Reeducation. Den Auftakt macht einer der US-Amerikanischen “Staff Film Reports”, kurze Filme, die einen Überblick über die Geschehnisse an den verschiedenen Kriegsschauplätzen bieten. Das Zielpublikum sind höhere Offiziere, sie dienen der Strategieformulierung – und sie sind geheim. Jede Kriegswoche werden zehntausende Meter Film aus der ganzen Welt zu wenigen tausend Metern zusammengeschnitten, mit Musik unterlegt, Narration wird verfasst und eingefügt – was für eine Arbeit!

Die Bilder aus den befreiten KZs sind hier nur eine Sequenz unter vielen. Zuerst wird ein Ausschnitt über die KZs gezeigt, dann ein ganzer Film, Nummer 53. Viele der Bilder kamen bereits im gestrigen Film vor, der sich auf eine Vielzahl von Materialien stützte. Im Staff Film Report Nr. 53 geht es um den Kampf gegen Japan auf Okinawa, Iwo Jima, einem Betonklotz vor Manila, Befreiung eines französischen Offizierslagers, in dem die Männer teilweise seit 1940 inhaftiert waren, die französische Flagge wird neben der amerikanischen gehisst. Dann folgen Sequenzen aus den befreiten KZs, dann Szenen der Befreiung von Bologna, dann von der konstituierenden UN-Konferenz in San Francisco.

Da sich zwischen diesem Film und den folgenden Newsreels so viele Szenen wiederholen, weiß ich nicht mehr ganz was in welchem Film gezeigt wird. Die Newsreels mit Narration von Ed Herlihy zielen auf Sensation ab – don’t look away! Es gilt, sich den grauenhaften Bildern zu stellen. Eisenhower beim Besuch im KZ Ohrdruf – er selbst wollte KZs besuchen, um Zeuge zu werden und später Zeugnis ablegen zu können. Er veranlasste auch aus demselben Grund, dass Delegationen von Geistlichen (Erzbischof von Canterbury) und Politikern die befreiten KZs besuchen. Was haben eigentlich diese Newsreel-Sequenzen mit der amerikanischen Bevölkerung gemacht?

Am Ende der ersten Vorstellung wird der Film “Death Mills” gezeigt – es gibt auch eine deutsche und eine jiddische Version. In dem ganzen Film wird kein einziges Mal erwähnt, dass vor allem Jüd_innen vom Morden der Nazis betroffen waren, stattdessen Kreuzsymbolik noch und nöcher. Dieser Film sollte ähnlichen Zwecken dienen wie der gestrige Film, “Memory of the Camps”, aber es dauerte einige Zeit, bis er im Jänner 1946 erschien. Wie gut Memory of the Camps konzipiert und restauriert wurde, zeigt sich durch den Kontrast mit diesem Film – hier gibt es dramatische Narration und fast pausenlos dramatische, schlechte Musik, viel weniger Frauen. Besonders erfolgreich war er nicht in seiner Mission.

Zweite Vorstellung: Hollywood-Amateure. Der Regisseur George C. Stevens meldet sich 1943 zum US Army Signal Corps und filmt, filmt, filmt. Neben den offiziellen Filmen macht er auch private Farbfilme mit einer 16mm-Kamera – ein solcher wird an diesem Abend gezeigt. Er ist einem Twitter- oder anderem Social Media-Feed vergleichbar oder diesem Blog. Kurze Szenen, Details, dann längere dokumentarische Sequenzen. Aus einem Transportlastwagen werden Zigarrenstummel geschaufelt, es ist ein größerer Haufen, ich bin baff und belustigt. So viele Zigarren!

Aufnahmen von Kampfslogans auf Jeeps, fröhliche Grillerei irgendwo, dann ein Schnitt, so rapide und brutal, wie selten ein Schnitt – Dachau. In Farbe. Noch obszöner. Noch grauenhafter. Leichen im Schnee. Der Kontrast zwischen Haut und Schnee. Die Augenfarben werden erkennbar. Die Uniformen haben nun Farben – hellgrau-blau gestreift, dunkelgraublau, armybraun. Die Flaggen der Nationalitäten in Dachau (hier sind exakt die Bilder bzw. Videoausschnitte zu sehen). Einige erkenne ich, bei anderen bin ich ratlos. Dann Schnitt. Am Ende wieder Grillen und Baden in der Salzach oder irgendeinem See. Der Kontrast zwischen den nackten, ausgemergelten Leichen und Körper der KZ-Insassen und den badenden Amerikanern. Später entsteht aus seinen offiziellen Farbfilmaufnahmen “D-Day to Berlin”, den ich bereits gesehen, aber anscheinend wieder vergessen habe – ich muss also seine Aufnahmen aus Dachau schon kennen, aber manchmal löscht mein Kopf Dinge (Nebeneffekt von Depression).

Darauf folgen Sam Fullers Filmaufnahmen, auch mit einer 16mm-Kamera gemacht, die ihm seine Mutter geschickt hat. Derselbe Mix aus dokumentarischen Sequenzen und Momentaufnahmen, manche davon in Farbe. Die Aufnahmen Fullers aus dem KZ-Außenlager Falkenau (heute Sokolov in Tschechien) hat er selbst geschnitten, sie erzählen eine Geschichte. Leichen aus dem KZ werden mit frischer Kleidung angezogen (von den Bewohnern Falkenaus, die, obwohl sich das KZ in Sichtweite des Ortes befand, beteuerten, sie hätten nichts gewusst), sie werden auf weiße Leintücher gelegt, es wird eine Ansprache gehalten (im Beisein der Überlebenden), dann werden sie durch den Ort zum Friedhof transportiert, wo sie bestattet werden, mit weißen Leintüchern bedeckt.

Danach … Aufnahmen von Bonn, lächelnde Frauen, ein Unterhaltungsabend mit einer tanzenden Frau und einem Jongleur, noch mehr lächelnde Frauen, die ihre Röcke heben, ein schwer verletzter deutscher Soldat, der versorgt wird, eine Frau im roten Kleid mit Plateauschuhen, eine Stadt in Belgien? Dazwischen amerikanische Soldaten, Freunde Fullers, die mit Waffen und Hakenkreuzfahnen posieren. Oft zielen sie mit den Waffen direkt in die Kamera, wir schauen in den Lauf und ich denke an phallische Bildersprache. Volleyballspiele. Aufräumarbeiten.

War bei den vorigen Filmen der Ton oft zu viel, fehlt er bei den Amateuraufnahmen gänzlich, was besonders bei Fullers späteren Aufnahmen immer schwieriger wird. Die gänzliche Absenz von Ton ist schwer aushaltbar. Der Kontrast in der Praxis zwischen Stevens und Fuller ist offensichtlich, besonders bei der Kameraführung. Morgen wird Fullers Film über seine Kriegserlebnisse – “The Big Red One” – gezeigt, ich bin gespannt, wieviel er aus seinen Aufnahmen übernommen hat und ob er ihren Stil auch übernommen hat. Fast allen Filmen der zwei Vorstellungen ist gemeinsam, dass die Aufnahmen der Befreiung der KZs eine Sequenz, ein Detail unter vielen sind, aber sie sind nicht beiläufig. Und sie wirken nach: Sam Fuller wird vom Amateur zum Filmschaffenden. Die Aufnahmen, die George Stevens von der Befreiung Dachaus und anderer KZs macht, verändern ihn nachhaltig. Er kann nicht darüber reden, weiß nicht, wie er darüber reden soll. Er dreht keinen lustigen Film mehr.

Memory of the Camps. German Concentration Camps Factual Survey

#CN graphische Beschreibungen

Im Österreichischen Filmmuseum läuft gerade eine sehr kleine Retrospektive von Filmen, die bei bzw. über die Befreiung der Konzentrationslager aufgenommen wurden, unter dem Titel “Bilder der Befreiung – Liberation Footage – Atrocity Pictures“, begleitend zu einer Konferenz. Heute war der erste Film zu sehen, “Memory of the Camps. German Concentration Camps Factual Survey“. Der Film ist insofern speziell, als er noch im April 1945 konzipiert und danach teilweise ausgeführt wurde – es gibt die Aufnahmen, ein Skript, das sie zusammenstellt, eine schriftliche Narration – aber er wurde nie geschnitten, nie fertiggestellt. Die Aufnahmen landeten im Imperial War Museum in London (mehr zum Film auf der dortigen Website).

2008 wurden die Aufnahmen erstmals in Wien gezeigt, seit einiger Zeit arbeitete das Museum an der Fertigstellung – und zur Berlinale 2014 wurde der fertiggestellte Film erstmals gezeigt. Es zeigte sich aber, dass der Film einer Einführung und einer Nachbereitung bedurfte, die nun eingefügt wurden – wobei die Nachbereitung nicht gezeigt wurde, da der Leiter des Projekts, Toby Haggith, im Filmmuseum für Fragen anwesend war. Der Film sollte *der* Film sein, der der deutschsprachigen Bevölkerung ihre Verbrechen vor Augen halten sollte, aber das wurde so dringend priorisiert, dass Newsreels und Rohaufnahmen verwendet wurden – und zum Teil wurde die Bevölkerung von Städten und Dörfern nahe der KZs auch in die KZs geführt bzw. musste Leichen begraben. Der Film kam also zu spät, deshalb verschwand er in der Versenkung.

“Memory of the Camps” ist sehr nüchtern, aber sehr graphisch. Er ist erst ab 18 Jahren freigegeben, weil die Kameras wirklich ganz genau auf die Leichenberge halten, ganz genau dokumentieren, wie die SS-Männer und -Frauen in Bergen-Belsen einzelne Leichen zu den Massengräbern schleppen. Egal wieviele verrottende Leichen ich bei irgendwelchen CSI- und CSI-ähnlichen Serien, in  Holocaust- und Kriegsfilmen bzw. -comics, auf Fotos oder sonstwo gesehen habe, diese hier sind echt, riesig auf der Kinoleinwand und noch so nahe am Leben, was alles nur noch entsetzlicher macht.

Als Grund für die genaue Dokumentation, die unzähligen Nahaufnahmen erklärte Toby Haggith (Leiter des Restaurationsprojekts), dass die Alliierten zuvor in Italien und Belgien zwar Lager gefunden hätten, Folterkammern, Folterinstrumente, aber keine Leichen. Hier waren sie nun, Beweise für die Verbrechen der Nazis. Die Aufnahmen der Roten Armee sind angeblich abstrakter und weniger verstörend, da die Menschen in Auschwitz und Majdanek von den Nazis auf Todesmärsche gezwungen wurden und die Nazis versuchten, die Krematorien und anderen Spuren des Holocaust zu vernichten, was ihnen aber nur teilweise gelang. Das werde ich in den nächsten Tagen überprüfen können.

Verwendet wurden Aufnahmen aus Bergen-Belsen, Buchenwald, Dachau, Auschwitz, Majdanek, Ebensee und Mauthausen – und gezeigt werden sollte der Film auch in Österreich, daher die Erwähnung dieser beiden letzten Lager. Im April 1945 konnte sich Österreich noch nicht ganz so überzeugend als “erstes Opfer” gerieren. In den letzten Jahren wurde im öffentlichen Diskurs über die KZ-Bordelle für die SS und bevorzugte Häftlinge gesprochen, die aus der Erinnerung_skultur ausgespart wurden – hier in diesem Film werden sie erwähnt. Überhaupt fokussiert dieser Film stark auf die Frauen, anscheinend im Gegensatz zu anderen Filmen in der Retrospektive.

Das Imperial War Museum hat sich entschieden, den Film so zu produzieren, wie er geplant war, mit dem Originaltext, ohne Korrekturen und ohne zusätzliche Erklärungen. Also sind manche Fakten Fakten von 1945/46 (genaue Zahlen z.B.) und auch die Sprache ist manchmal die von 1945, wenn es z.B. um Schwarze geht, die in den Konzentrationslagern umgebracht wurden – aber für den heutigen Forschungsstandpunkt erstaunlich, dass sie erwähnt werden, denn das wurden sie lange nicht. Auch liegt der Fokus seltsamerweise nicht sehr stark darauf, dass es vor allem Jüd_innen waren, die von den Nazis in den Konzentrationslagern eingesperrt und umgebracht wurden (angeblich politische Gründe).

Egal wieviel ich zu den Konzentrationslagern und zum Holocaust schon gelesen und gesehen habe, es trifft mich immer unvorbereitet. Ich lerne jedes Mal etwas Neues und verzweifle daran, dass ich diese Unmenge an Informationen nie ganz wissen werde. Dieser Film, diese ganze Reihe zeigt Bilder, wie ich sie im Schulunterricht und an der Uni nie zu Gesicht bekommen habe. Wir bekamen keinen einzigen Leichenberg zu Gesicht. Wir waren nie im KZ Ebensee – Stacheldraht direkt vor der Alpenkulisse. Das ergibt ein ganz anderes Bild als Mauthausen.

Wie bekämpften die Alliierten nach der Befreiung der KZs den Typhus? Mit DDT und heißem Waschen (gegen die Läuse), frischen Decken, dann wurden die Überlebenden in Krankenstationen transportiert, um dort zu gesunden. Es starben trotzdem noch viele. Ironischerweise waren diese Krankenstationen oft gut ausgestattete SS-Spitäler. Im KZ geborene Babies, überlebende Kleinkinder, Kinder, die ganz langsam essen, um ja nicht einen Tropfen zu vergeuden. Frische Kleidung aus den Geschäften der umliegenden Orte, heiße Duschen, ein Kamm. Wegen dem Typhus werden die Baracken in Bergen-Belsen verbrannt. Der Rauch zieht in großen Wolken. Ich denke “Hoffentlich haben sie alle Inschriften in den Baracken dokumentiert – ach, sicher nicht.”

Eine der Zuschauerinnen* sagt in der Diskussion danach, sie fühle nichts beim Anblick der Bilder, sie sei abgestumpft weil sie so viele Bilder gesehen habe. Ihr fehle die Täterperspektive. Auch ich hatte erwartet, dass mich die Bilder zu größeren Emotionsausbrüchen bringen würden, aber ich habe nicht geweint. Es ist ein Film mit emotionaler Wucht, aber keiner, der Emotionen instrumentalisiert. Es gibt keine pathetische Musik oder Narration. Viele Szenen sind still, ohne jedes Hintergrundgeräusch und das ist gut so. Es gibt keine Einzelschicksale, aber viele Gesichter. Und jede Szene wirft Fragen über Fragen über Fragen auf.

“Schlaflos” – zum Einschlafen

[CN: Geburt, sexuelle Gewalt, Rassismus, Tod, Blut, Knochen, Depression]

Ich wurde gebeten, doch die Ausstellung “Schlaflos” im 21er Haus, einem der 10.000 Museen für zeitgenössische Kunst in Wien, zu besuchen und davon zu berichten. Ich, dem Bett prinzipiell sehr zugeneigt und neugierig, denn der Hinweis auf die Ausstellung war schon durch meine Timeline gewandert, ging hin.

20150201_152028Nun.

Die Ausstellung hat sich eigentlich – so wie die meisten Museumsausstellungen – fast genau an mich gerichtet, also an eine weiße Bildungsbürgerin, nur, naja, sie war eher an weiße Bildungsbürger gerichtet. Trotzdem habe ich keinerlei Leitfaden, tieferes Konzept oder tiefere Zusammehänge ausfinding machen können. Ich frage mich seitdem, ob ich zu blöd bin, aber es gibt nur zwei Möglichkeiten: Leitfaden/Konzept/Zusammenhänge sind so obskur, dass ich sie nicht erkannt habe oder … die Ausstellung ist schlecht gemacht. Mittlerweile tendiere ich zur zweiten Möglichkeit.

Wenn … der Grundgedanke der Ausstellung eine Google-Bildersuche nach “Kunst”, “Bett” und den Schlagworten Geburt, Liebe, Krankheit, Tod, Politisch, Gewalt und Einsamkeit gewesen wäre …

Wenn … der Grundgedanke der Ausstellung eine Kooperation zwischen Kurator_innen zu den besagten Schlagworten – jede Person ist für ein Schlagwort zuständig oder jede Person trägt X Kunstwerke zu jedem Schlagwort bei – gewesen wäre …

Wenn … der Grundgedanke der Ausstellung eine große Menge an interessant angeordneten Exponaten gewesen wäre, …

dann …

wäre es eine bessere Ausstellung gewesen als die, die ich mir angesehen habe. Gut, es gibt ja auch die Möglichkeit, sich jedem Kontext, jeder Herstellung von Zusammenhängen zu verweigern. Aber es wurden Zusammenhänge hergestellt – Bett und Geburt, Liebe, Krankheit, Tod, Politisch, Gewalt und Einsamkeit. Nur innerhalb der Überthemen und dazwischen, an den Ecken, in den Nischen schepperte es vor … Beliebigkeit? Einem verborgenen Plan? Absichtlich konstruierten Zufallsfunden?

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich abwechselnd genervt, gelangweilt und betroffen war. Aber von vorn.

Die Ausstellung begann mit dem Themengebiet “Geburt”. Nein, zuerst: Das BETT! Begonnen wird mit einem Fließtext über die Kulturgeschichte und Bedeutung des Bettes, der unerwähnt lässt, dass jede Menge Kulturen nicht in einer Holzschachtel mit Matratze, Polster und Decke schlafen, sondern alle möglichen Variationen ersonnen haben. Netter unerwähnter Eurozentrismus. Wir schreiben 2015. This isn’t new, bold or different.

Danach kommen die Wiegen, “Symbol der Mutterbrust”. Hä? Ich dachte immer, Wiegen seien … Symbole des Uterus oder der wiegenden Arme. Hm. Auch verwend(et)en nicht alle Kulturen Wiegen, na egal. Also Wiegen. Eine schöne, nobliche von Thonet. Die kenne ich schon aus dem Museum Angewandter Kunst in Wien, ich würde zu der nicht Nein sagen, außer, dass sie riesig ist und sicher Rückenschmerzen verursacht.

20150201_143028Aber sie steht weit weg von allen anderen Wiegen. Warum eigentlich? Dabei gibt es noch: ein schiefes Kinderbett, ein Kinderbett mit Spiegel statt Matratze, eine Wiege aus Bronze (alles Kunst). Aha. Ein Foto von Juergen Teller zeigt ein Kind namens Ed, wie es ein japanisches Hotelzimmer zerlegt. Ah so. Es gibt in der ganzen Ausstellung viele Fotos von Teller, dessen Stil ich nicht mag.

Dann ein Bild eines neugeborenen Kindes von Lavinia Fontana (1552 – 1614), einer der ersten bzw. frühesten Malerinnen, die Aufnahme in die Uffizi in Florenz fanden. Gegenüber ein mittelalterliches Gemälde auf Holz von der Geburt Marias, die schon komplett im Kleid und mit langen Haaren und Heiligenschein aus ihrer Mutter Anna gekommen ist, scheint’s. Etliche Fotos von Babys auf väterlichen Bäuchen, ich muss an memyselfnchild_ denken.

Dann das “Geburtenbett” von Valie Export, dessen Tonspur schon vorher und von nun an die Ausstellung begleitete, zuerst nervig und unbehaglich, dann langsam immer vertrauter und schließlich wie ein Gitarrenriff klingend. Eine Geburt ist hier nicht zu sehen, alles ist verklausuliert oder verhüllt, ein großer Überhang von männlichen* Künstlern. Hm. Eins gelernt: In Wien gab’s auch einmal Säuglingswäschepakete. Könnten eigentlich wieder eingeführt werden.

Gut. Weiter in den großen Raum, in dem gut verteilt verschiedene Bettskulpturen stehen. An der Wand hängen ein paar Bilder. Ok. Ich finde keine der Skulpturen besonders auf- oder anregend. Aber eine finde ich berührend. Es ist diese:

20150201_135612“Kratz” von Urs Fischer erinnert mich an das Gefühl, wenn ich nachhause komme und mich erst einmal auf mein Bett werfe. Es scheint mir wie eine Person, die, getreten, zerronnen, zerstört, aber fast andächtig, tief erschöpft und traurig ins Bett kriecht oder vielleicht davor kniet und betet. Am liebsten hätte ich mich dazugelegt.

Ein paar weitere Dinge steht im großen Raum: “Liege für Hermann Schürrer” von Hans Kupelwieser und Franz West, die aussieht, als würde hier etwas abgetropft werden …

20150201_135643… und “Untitled (aus Leaving Home” von Sudarshan Shetty, der offensichtlich öfter mit Skeletten arbeitet. Hier bewundere ich aber vor allem die Maserung des Holzes.

20150201_135700In der Mitte des Raumes steht “Cama” von Los Carpinteros. Es sieht witzig aus, aber natürlich darf da nicht drauf rumgetobt werden. Es gibt überhaupt nichts zum Anfassen, Hinlegen oder sonst irgendwie haptisch erfahren. Dahinter ein Schüttgemälde von Hermann Nitsch.

20150201_135841Ich bin mehr als underwhelmed. Die Skulpturen stehen zwar alle so, dass bequem darum herumgegangen werden kann, aber viele davon sind für mich langweilig. Neben “Kratz” stehen vier Stockbetten, drei blaue, ein gelbes oder vielleicht umgekehrt, ich weiß es schon nicht mehr. Darauf liegen Bücher der Person, die die Skulptur konzipiert hat, ich glaube es war eine Frau, aber auch das habe ich schon vergessen. Ohne jeden Hinweis auf die Signifikanz der Bücher sehe ich nichts außer bunten Stockbetten, die mich auf keinste Weise ansprechen. So geht es mir mit den meisten Skulpturen.

Frustriert werfe ich die Hände in die Luft und gehe zum Bereich “Krankheit”. Jetzt beginnt es schlimm zu werden. Und ich meine nicht vom Ekelpotential her. Randomly mischt sich unter die verschiedenen Fotos – Krankenschwestern bei der Ausbildung 1942 (really?), Ruheraum in Baden-Baden oder sonst einem Bad (alle Betten mit rot abgedeckt, sieht gruselig aus), ein Lazarett aus dem 1. Weltkrieg (aber eh nur ein braves Gruppenbild) eine Karikatur aus 1934.

Eine antisemitische. Sagt mir dann der Katalog des Bildarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek, das die Karikatur sonst beherbergt. Wenn ihr sie euch ansehen wollt, hier der Link. Der Katalog sagt mir auch, dass hier Engelbert Dollfuß, der Bundeskanzler und Anführer der Austrofaschisten zu sehen ist, zusammen mit Emil Fey, Führer der austrofaschistischen Heimwehr und Vizekanzler, und Ernst Rüdiger Starhemberg, auch Heimwehrführer, später auch Vizekanzler. Sie beugen sich über das Bett der schlafenden “Austria” und hoffen, dass sie nicht aufwacht, während der jüdische Arzt garantiert, dass sie es nicht tun wird.

In der Ausstellung wird diese Karikatur in keinerlei Kontext gesetzt. Sie ist einfach da, gesagt wird nur, wer sie gezeichnet hat, nämlich Leopold Johann Dorfstätter, mit welchem Material auf welchem Medium, sowie der Titel. Warum ist diese Karikatur dort? Von allen Karikaturen, die “kranke” Staaten im Bett abbilden – und da gibt es viele, warum ausgerechnet diese? Was war da der Hintergedanke? Dass die Besucher_innen den Rassismus bzw. Antisemitismus ohnehin nicht erkennen werden?

Im hintersten Raum ist ein Krankenbett mit einer Wachsfigur drin, “Temporarily Placed” von Michal Elmgreen und Ingar Dragset. Sie sieht sehr real aus, die Person, die vor mir im Raum ist, erschaudert und geht schnell. Ich zucke mit den Achseln und drehe mich um.

20150201_140804Zuletzt komme ich an einer Installation von Douglas Gordon vorbei. Eine Frau erleidet einen Anfall und wird von zwei Männern auf dem Bett fixiert.

20150201_141123“Hysterical” heißt die Installation. Einige der Mitschauenden lachen. Mir wird grauenhaft und ich gehe zu den Räumen über den Tod.

Hier gibt es auch ein mittelalterliches Gemälde auf Holz, vom Tod Marias, die neben dem Bett Zuckerzeugs und getrocknete Früchte hat, in der Tapete/Wandbemalung/Wandbehang hinter ihr sind Tiere. Daneben hängen kleine Bilder aus einem “Ars moriendi”-Buch, von der Kunst zu sterben. Hmmm. Wie wird das denn besonders gut gemacht? Hier sind lauter Männer zu sehen, Männer auf dem Totenbett, Marcel Proust, Egon Schiele, Kronprinz Rudolf, Franz Lehar, Wilhelm III. von Preußen, der heilige Josef, ein alter Mann und ein namenloser “Erlöster”. Was für ein Zusammenhang besteht da? Geht es hier einfach nur um tote Männer in Betten?

An sichtbaren Frauen gibt es nur die mittelalterliche Maria, eine abstrakte sterbende Mutter und “Das tote Kind”, ein Mädchen, gemalt von Johanna Kampmann-Freund (1888-1940), einer jüdischen Malerin, die noch nicht einmal einen Wikipedia-Eintrag hat, dabei erhielt sie 1927 für das Bild “Hagar” den Staatspreis. Hier ihr Eintrag im Österreichischen Biographischen Lexikon.

Hm. Fehlt noch ein Raum im Erdgeschoß, “Liebe”. Hier geht’s aber um Sex. Vor allem Nackte, mittendrin etwas versteckt Fotos von Diane Arbus, die tatsächlich Paare fotografiert hat, die auf ihren Betten sitzen und keinen Sex haben. Eins der Paare ist sogar angezogen. Hier findet sich auch ein einziger japanischer Druck von Harunobu Suzuki, der angeblich ein Liebespaar beim Saketrinken zeigt, es ist … ein so underwhelming japanischer Druck, wie ich selten einen gesehen habe. Ernsthaft. Warum? Warum dieser Druck, warum dort, warum nicht ein anderer von den 100.000.000.000.000 japanischen Drucken, meinetwegen ein erotischer, wenn doch eh schon der ganze Raum voll davon ist. Aber das Paar im Druck ist angezogen. Nu ja. Hier hängt auch eine “Bordellszene”, ein Fresko aus Pompeii – und ernsthaft? Wenn wir schon von Bettkulturen reden bzw. sie zeigen oder was immer, nicht eine Darstellung eines römischen Schlafzimmers (da gibt’s nette Fresken), nein, schon wieder ein nackter Arsch? Ernsthaft?!

Ich notiere “SO. UNIMPRESSED.” in mein Notizheft.

Dann gehe ich hinauf in den ersten Stock.

20150201_150313Hier gibt es noch jede Menge Ausstellungsraum, alles gefüllt. Als fast erstes gerate ich an “Bed – Dots Obsession” von Yayoi Kusama. Sieht lustig aus, wie Anemonen am Meeresgrund, hat aber ziemlich ernste Hintergründe.

20150201_143557Daneben hängt Yoko Onos “Painting to be slept on”. “Hang it after sleeping on it for 100 nights” – häng es auf, nachdem du 100 Nächte drauf geschlafen hast – steht da. Wie es wohl aussehen würde, wenn …

20150201_143740Na gut, onwards. Ich bin jetzt bei “Politisch”. Da stirbt Cato im Bett, ein großes Ölbild, ein Foto von Winston Churchills Bett und dann – ein Stich von der (französischen) Königlichen Familie nach der Hinrichtung Ludwig des XVI., im Hintergrund ein Bett. Äh. Daneben ein Foto der Replik des Bettes von Marie Antoinette in Versailles. Warum?

Meine Nerven sind mittlerweile einmal über Mona Hatoums “Dormiente” gerieben worden.

20150201_144245Auch das ist eine Skulptur, die mir gefällt. Sie ist brutal und bitter, schrecklich in ihrer Einfachheit und Komplexität. So viele andere einfache Liegen und Betten in dieser Ausstellung, aber kaum eine kommt an diese heran.

Dann rolle ich die Augen an “Poison is a Woman’s Weapon” von Ryan Gander vorbei … (ich will auch Geld & Ruhm dafür, dass ich Frauen in Unterhosen & T-Shirts beim auf dem Bett hüpfen filme).

20150201_144454Und dann gerate ich an Tracey Emins “To meet my past”. Warum dieses Werk nicht bei “Politisch”  oder “Gewalt” steht – oder zusammen mit Yayoi Kusamas Bett in der großen Ausstellungshalle als Kontrapunkt zu den anderen Skulpturen dort … nun. Keine Ahnung.

“To meet my past” ist überall bestickt, mit Applikationen übersät. Es sieht auf den ersten Blick kuschelig aus, das Bett, aber beim Lesen gefriert das Herz. Warum ist das nicht – versteckt unter anderen harmlosen Betten – eines der Kernstücke dieser Ausstellung? Warum steht es in der Ecke, nicht einmal gut rundherum zugänglich? Schön versteckt, damit es nicht zu verstört, zwischen all den objektifizierten Frauen* im Rest der Ausstellung, steht auf einer Seite im Leintuch eingestickt: “I’m going to get you and when I do the whole fucking worlds going to know that you destroyed my childhood.”

20150201_14512520150201_14513820150201_144519Im letzten Bild, leider sehr unscharf: “I can not beleave I was afraid of Ghosts Tracey Emin 1969-1974”. Es erinnert mich an die Stick- oder Strickmusterflecke, die von ihren Herstellerinnen mit Namen und Jahreszahl signiert werden …

Es gibt jetzt ein Wort für meine Stimmung. “glum”. Wie wenn dir etwas auf dem Herzen sitzt. Aber das ist schnell wieder weg. Ich komme zum Thema “Einsamkeit” und … 10.000 nackte Frauen auf Betten. Äh. Ich notiere “fucking kidding me”. Sauer gehe ich zu “Gewalt” weiter, besichtige die Fotos von Lucinda Devlin, die Fotos von Hinrichtungsräumen in den USA macht. Dann biege ich um die Ecke und …

20150201_150034vor mir ist eines der berühmtesten Bilder, nein *das* berühmteste Bild von Artemisia Gentileschi, “Judith köpft Holofernes”. Dieses Bild. Hier. Hier in dieser Ausstellung, in diesem Kontext. Was hat ein verdammtes BETT mit diesem Bild zu tun, außer dass in dem Bild eines vorkommt?! Warum wird es hier in einem Eck verheizt, noch dazu unter der Rubrik “Gewalt”, in der es kein einziges Bild eines gewalttätigen Mannes gibt, aber dieses Bild und noch ein “Samson & Delila” von Max Liebermann – was soll das bedeuten? Ich finde es respektlos. Artemisia Gentileschi hat die Gewalt, die ihr angetan wurde, in ihren Gemälden verarbeitet. Sie sind nicht dazu da, “Schaut, da, gewalttätige Frauen, urarg!” darzustellen, ohne diesen Kontext dazu. Dieses Bild darf man nicht einfach so hinhängen, noch dazu mit einer Beleuchtung, die das Studieren von Details verunmöglicht, weil die Leinwand reflektiert.

Mir reicht es fast. Fast schmeiße ich alles hin und gehe. Ich gehe durch weitere Räume mit 10.000 nackten Frauen, die dort nur zu hängen scheinen, weil sie eben nackt und im Bett sind. So viel nackte Haut kann ich auch im Kunsthistorischen Museum sehen und dort ödet sie mich genauso an wie hier. Was hätte nicht aus diesem Thema gemacht werden können? Es gibt kein einziges Bett mit Menstruationsflecken, keine tatsächlich zu sehende Geburt, oh, das wäre wohl zu schockierend gewesen, zu real. Wie gut hätte Tracey Emins “My Bed” gepasst. Kein Verweis auf die Studentin, deren Abschlussarbeit es war, die Matratze aus ihrem Zimmer, auf der sie vergewaltigt wurde, überall hin mitzuschleppen, das wäre topaktuell gewesen.

Nur versteckt lässt sich herauslesen, wie schmerzvoll das Bett sein kann. Die Arbeiten von Frauen*, die genau das zeigen, sind in den 1. Stock verbannt und voneinander getrennt. Vielleicht sollte ich froh sein, dass überhaupt Werke von Künstlerinnen* gezeigt werden und ok, die Werke von Künstlerinnen*, zwischen denen sehr wohl ein Zusammenhang besteht, sind halt über die ganze Ausstellung verteilt, vielleicht soll sie das “normalisieren”. Aber das halte ich für eine denkbar ungeeignete Methode.

Lustvoll (jetzt von Sex abgesehen) am Bett ist nichts. Kein Kuscheln, kein Schlafen, kein ausgiebiges Verweilen, Lesen, Träumen. Auch nichts über die Banalität des Bettes oder ein Anklang von sozialen Fragen, da hätten die Bettgeher_innen gut gepasst. Für eine “Kulturgeschichte” reicht mir das nicht.

Überall fehlt der Kontext. Ohne meinen bildungsbürgerlichen Hintergrund hätte ich jede Menge Codes und Hinweise nicht mitgekriegt. Ich wette, ich habe jede Menge Codes und Hinweise nicht mitgekriegt. Ohne Kontext, ja, muss ich selbst einen herstellen, manchmal herbeiinterpretieren. Muss mir selbst einen Zusammenhang basteln, eine Geschichte durch die Ausstellung. Selbst mit ihren thematischen Überthemen schafft es die Ausstellung aber nicht, mir diesen Zusammenhang zu zeigen.

Die meisten Kunstwerke sind für mich nicht ästhetisch ansprechend genug, um mir wenigstens diesen Reiz zu geben. Mehr als einmal stehe ich kopfschüttelnd, die Hände ausbreitend da und sehe die Bedeutsamkeit nicht. Wäre die Ausstellung ohne das Wissen um Codes spröder oder weniger spröde? Bei jedem Überthema gibt es ja Kunst zum Thema. Reicht das schon? Am Ende wünsche ich mir, ich hätte selbst noch Exponate hinzufügen können, umräumen dürfen. Es gäbe so viel …

Frustriert und fadisiert geh ich.

20150201_150638Herwig Kempinger, Ohne Titel. (Das mag ich.)

Lieder von der gebutterten Seite des Brotes

Was folgt, ist für Menschen, die die österreichische Twitteria (von mir Twötter genannt) nicht wenigstens am Rande verfolgen ungeheuer kryptisch. Irgendwann werden hoffentlich Historikerinnen* alles entwirren und erklären …

Twötter spielte heute den ersten Akt eines Stücks von Dürrenmatt (oder Karl Kraus, aber den hab ich nie gelesen). Die von mir sehr geschätzten Accounts @LisiMoosmann und @JohannaCzekay sollen “fake” sein (Stockfotos! Pseudonyme! Dings!) – und nach einigen Personen soll hinter beiden oder einem der Accounts die ebenfalls von mir geschätzte @karinkollerwp stecken.

Für mich ergeben sich mehrere Aspekte:

Es scheint unvorstellbar, dass es drei verschiedene, kluge, feministische Frauen gibt, dass diese drei Frauen oft der gleichen Meinung sind und dass sie sich gegenseitig austauschen und unterstützen. Mir ist es egal. Egal, ob die Accounts nun “fake” sind, dass hier Menschen unter Pseudonymen twittern, ob sie in Wirklichkeit älter, jünger sind, anders aussehen, ob sie nicht doch Männer sind, denn kluge Frauen, die unter Pseudonymen twittern, *müssen* eigentlich Männer sein. Ich folge ihnen, weil ich sie klug und spannend finde. Und ich schätze sie, weil sie im Gegensatz zu vielen eine sehr klare Sicht auf Twötter, die österreichische Politik, Wissenschafts- und Medienlandschaft haben.

Falls sie “böse Absichten” hatten (z.B. als Trolle, die sich Fakeaccounts zulegen, um Feministinnen* zu diskreditieren und ihnen zu schaden) – ich persönlich habe solche Verhaltensweisen an ihnen nie beobachtet und sie haben mir auch nie auf nur irgendeine Art und Weise geschadet, nein, sie haben mich immer unterstützt und ermutigt. Sollte tatsächlich nur eine Person hinter allen drei Accounts stecken – eine Meister_innen*leistung. Sollten es drei Personen sein, die jetzt lachend beim Wein zusammenhocken – santé.

Ich hatte immer den Eindruck, Lisi Moosmann, Johanna Czekay und Karin Koller haben kein Eisen im Feuer, d.h. sind in ihrem Broterwerb nicht vom Wohlwollen eben dieser Politik- und Medienlandschaft abhängig. Vielleicht sind Lisi und Johanna es doch und haben deshalb die Anonymität gewählt. Mir egal. Vielleicht haben sie ja sogar Zeitungskolumnen oder Nationalratssitze, Lobbyist_innenposten oder white male privilege – aber ich glaube eher nicht. Jedenfalls gibt ihnen das eine gewisse Freiheit, so frei wie sie als weiße, gesunde, akademisch gebildete, ökonomisch einigermaßen gesicherte, heterosexuelle, cisweiblich Gelesene im Internet sein können.

Twötter fühlt sich schon länger am Ego gekratzt, dass diese Unbekannten das Medien- und Politikgeschehen kommentieren, auf die mangels Chefredaktion, Parteivorstand und/oder bekannter Arbeitsstelle nicht der politische bzw. ökonomische Druck ausgeübt werden kann, der bei namentlich bekannten Personen bereits ausgeübt wurde. Ja, sie kommentieren. Fast täglich. Und zwar ohne den angeblich gebotenen Respekt. Skandal! So kann nicht mit Twötter umgesprungen werden, die zu Twötter gehörenden Personen sind Autoritätspersonen, zu denen besonders Frauen* höflich zu sein haben. So ist’s brav.

Nun ist Twötter böse, dass hier so offen auf seine Verfilzungen, Verflechtungen, Eitelkeiten und problematischen Handlungen bzw. Aussagen aufmerksam gemacht wurde. Und hämisch. Oh, all die Scheinheiligen, die bei Shitstorms gegen andere Frauen so gerne mitmachten oder schwiegen bzw. nachher die Täter_innen und ihre Taten gerne vergaßen oder ihnen großzügig vergaben, sie weiterhin gerne per #ff empfehlen, solange sie nur höflich sind.

Aber Karin, Lisi und Johanna vergaßen die größten Täter_innen nicht und vergaben ihnen auch nicht, sondern legen täglich den Finger auf die Wunde und bohren hinein. Das schmerzt, ich kann es sehen, an der diebischen Freude derer, die nun glauben sie erwischt zu haben. Und da seid ihr noch erstaunt, ja bestürzt, dass sie Pseudonyme verwenden. Es ist halt ein Novum, dass plötzlich zurückgeredet wird, vor zwei, drei Jahren war Twötter anscheinend noch ein illustrer Kreis, der friedlich um sich selbst zirkelte. Dann kamen die bösen (möglichst noch feministischen!) Gfraster und machten alles kaputt.

Nun, Twötter, ich weiß, die Wirtschaft ist beschissen, einige von euch wollen noch Karriere machen, brauchen einen Job oder wollen ihre Anliegen durchsetzen. Ich verstehe das. Die Butter muss aufs Brot und wer das Brot buttert, sagt an. Aber seid euch dessen bewusst. Mir geht es streckenweise nicht anders, aber ich will seit fast 15 Jahren keine Journalistin mehr werden.

Was immer im 2. Akt kommt, Lisi, Karin, Johanna – ich bedanke mich für die bisherige Zeit, eure Solidarität und eure Freundschaft. Falls ihr euch für neue Profile, neue Plattformen entscheidet – ich würde es verstehen und euch arg vermissen. You know where to find me.

Carl Lutz und andere Vergessene

Gerade fahre ich mit der U2 nachhause von einer Diskussion über Carl Lutz im Jüdischen Museum Wien, moderiert von Charles Ritterband von der NZZ, mit Paul Lendvai, Journalist und Historiker, der mit seinen Eltern von Carl Lutz gerettet wurde, François Wisard, Leiter des Historischen Dienstes des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten, Ljiljana Radonic, Expertin für (trans)national-europäische Gedächtniskulturen in Bezug auf Nationalsozialismus, Holocaust und WWII, Universität Wien und Österreichische Akademie der Wissenschaften und nicht dem im Programm genannten Szabolics Szita, sondern einem Vertreter, dessen Namen ich mir leider nicht gemerkt habe, aber der ebenfalls vom Holocaust Memorial Center Budapest kam.

Carl Lutz war ein Schweizer aus einem Dorf im Appenzell (Außerrhoden, um genau zu sein), der in die USA auswanderte, um dort sein Glück zu machen, es nicht fand, sich aber dann in den Schweizer Konsulaten in u.a. Washington, DC von ganz unten hinaufarbeitete. In den 30ern war er in Jaffa (damals im Völkerbundsmandat Palästina) im Dienst der Deutschen stationiert und kam dann in den 40ern nach Budapest, eigentlich im Dienste der Briten, aber als Schweizer Diplomat. Als 1944 die ungarischen Juden nach Auschwitz deportiert wurden, rettete er durch Schutzpässe, Schutzbriefe, Schutzhäuser und persönliches Eingreifen tausende, ja zehntausende Leben. Er war dabei nicht ganz allein, sondern es war ein Team, auch seine Frau, Gertrud Lutz-Fankhauser, spätere UNICEF-Vizepräsidentin, und andere Schweizer Diplomaten halfen mit und er arbeitete mit dem jüdischen Untergrund und Raoul Wallenberg zusammen.

Die Diskussion drehte sich darum, ob er “vergessen” sei – ja, nein, es ergab sich ein differenziertes Bild. Einerseits wurde er in der Schweiz nicht in dem Ausmaß, in dem er es verdient hätte gewürdigt, was ihn sehr verbitterte, andererseits wurde er auf internationaler Ebene sehr wohl geehrt, u.a. in Yad Vashem als Gerechter der Völker. Andererseits kam er im großen Bergier-Bericht über die Schweiz im 2. Weltkrieg nur in einer Fußnote vor, es gibt in der Schweiz kein großes Denkmal, keine Straße, keinen Platz, der nach ihm benannt ist. Nach dem 2. Weltkrieg war er übrigens Konsul in Bregenz.

Ein solches Denkmal und eine Straße gibt es allerdings in Budapest. Kritik an der ungarischen Vergangenheitsbewältigung und an der Regierung Orbans kam allerdings nur von österreichischer Seite – verständlich, denn der ungarische Historiker musste ja schließlich nach dieser Veranstaltung wieder dorthin zurückkehren (dass das nicht mitbedacht wurde …).

Es war jedenfalls sehr spannend, tatsächlichen Expert_innen zuzuhören. Sie kannten ihre Fakten, ergänzten einander und – ließen Ljiljana Radonic das Wort und sie sogar ausreden. So ergab sich ein differenziertes Bild von Carl Lutz und seinen Aktivitäten und seinem Leben – Paul Lendvai meinte, es würde Stoff für einen großen Roman ergeben. Als Buch über Carl Lutz wurde übrigens das von Theo Tschuy, Carl Lutz und die Juden von Budapest (1995) empfohlen.

So oft die Rolle von Carl Lutz als einer, der sich entschieden hatte zu helfen, etwas zu tun, sich gegen die Nazis und Pfeilkreuzler zu stellen, betont wurde – die Brücke zu heute, zu den im Mittelmeer ertrinkenden, im Irak und in Syrien massakrierten, in Wiener Neustadt der Fluchthilfe angeklagten Menschen, zu abgelehnten, brennenden Flüchtlingsheimen überall, Hetze in der Zeitung, dem neuen Islamgesetz in Österreich wurde nicht geschlagen. Paul Lendvai erwähnte zwar die Schweizer Masseneinwanderungsinitiative, aber nur unter dem Aspekt, dass sich 100 Schweizer Intellektuelle kürzlich nochmals dagegen aussprachen. Vielleicht ist das der Grund, warum Carl Lutz nicht groß geehrt wird: Er hatte sich entschieden und gehandelt, seine Kompetenzen weit überschritten, auch gegen Vorschriften und Gesetze. Heute …

Jedenfalls findet seit dem 8. und bis zum 23. Oktober  in Wien das Jüdische Filmfestival statt, bei dem neben vielen anderen spannenden Filmen ein Dokumentarfilm über Carl Lutz zu sehen ist und zwar am 21.10. um 16:30 im De France-Kino.

Daneben empfehle ich “Gentleman’s Agreement” (mit Gregory Peck), auch wenn an dem Film einiges kritisiert werden muss.

Und spannend finde ich auch:

Erschlagt mich, ich verrate nichts! – Dokumentarfilm über die österreichische Widerstandskämpferin Käthe Sasso, die bereits gegen den Austrofaschismus aktiv war

Gett – Der Prozess der Viviane Amsalem – Über den mühsamen Kampf um die Scheidung

Regina – erste Rabbinerin

50 Children: The Rescue Mission of Mr. and Mrs. Kraus – Ein jüdisches Ehepaar aus Philadelphia rettet 1939 50 jüdische Kinder aus Wien

Die papierene Brücke – Ruth Beckermann spürt ihrer Familiengeschichte nach

Vortrag über Antisemitismus im Zeichentrickfilm und Comic

Fred Bondi, l’homme chanceux

Rants in Kurz und nicht so Kurz 2: Manpfehlungen

1. Als Zusatz zu “Mansplaining/Herrklären” habe ich gerade “Manpfehlung” festgesetzt. Das sind diese ungefragten Empfehlungen, die gerne auch einen beleidigenden Ton haben. Oder ungefragte “Verbesserungen” meines Begriffs von nicht-feministischer Seite. Als englische Version hat @sanczny “recomMANdation” vorgeschlagen <3.

Leider:

Gusch!

2. Offensichtlich noch nicht durchgedrungen: Cis_männer haben keinen Anspruch auf Erklärungen feministischer Praxen, Thesen, Aussagen, etc. Stattdessen können Cis_männer etwas ganz praktisch tun, um Feminismus(TM) und Feministinnen* zu unterstützen: Sich selbst informieren, selbst lernen, selbst Quellen suchen. Weitere Dinge auch z.B. siehe hier: http://m.xojane.com/issues/feminism-men-practical-steps
Das cis_männliche Gejammere darüber, dass sie keine Erklärungen kriegen, ist eine gängige Derailing-Technik, siehe auch: http://www.derailingfordummies.com/derail-using-education/ Nicht mit mir.

2. Zeitungen, die keine fundierten Artikel zu Ferguson veröffentlichen wollen, können von mir aus sofort eingestellt werden. Pro forma-Wortmeldungen mit social media entnommenen Memes reichen nicht!

 

3. Beim Nachsinnen über den österreichischen antifeministischen Sommer kam mir das Grausen. Ich würde eine gerade Linie von den Angriffen auf das Femcamp und seine Organisator_innen*, durch die Debatte über die “großen Töchter” in der Bundeshymne, den Brief von 800 Personen gegen das Binnen-I, die Verhaftung von Demonstrant_innen, die in Salzburg gegen eine Antiabtreibungsdemo protestierten bis zur SPÖ ziehen, die die in ihren Statuten festgesetzte Frauenquote und deren Bestimmungen außer Kraft gesetzt hat.

Die Angriffe auf das Femcamp und seine Organisator_innen*, die von einflussreichen Lobbyist_innen*, Medienmarketingmenschen und Journalist_innen* betrieben und unterstützt wurden, machten deutlich, dass in Österreich mit breitem Widerspruch gegen sexistisches Verhalten nicht gerechnet werden muss. Feminist_innen* und ihre Unterstützer_innen* haben in Österreich keine Macht.

Die Debatte um die in die österreichische Bundeshymne gesetzten “großen Töchter” zeigte, dass selbst die wirklich einfachsten feministischen Forderungen in Österreich keine breite Unterstützung finden. Ermutigt von dieser Debatte, die in 20.000 Hasskommentare auf der Seite der österreichischen Ministerin für Bildung und Frauen, Gabriele Heinisch-Hossek, mündete, schrieben 800 Personen einen offenen Brief gegen das Binnen-I.

Der Brief von 800 Personen gegen das Binnen-I und anderen cisgendergerechten Schreibweisen, der zunächst in einer Zeitschrift erschien, deren Herausgeberverein nachweislich Kontakte mit der rechtsextremen Szene hat (auch wenn dieses Erscheinen angeblich ein “Versehen” war) zeigte, dass etliche  Wissenschaftler_innen, Lehrer_innen, Schuldirektor_innen ebenfalls nicht einmal die Grundlagen des Feminismus kennen, geschweige denn unterstützen. Lehrer_innen. Schuldirektor_innen. An der Universität beschäftigte Wissenschaftler_innen. Sauber, sauber.

Bei einer Demonstration in Salzburg gegen die dort stattfindende Demonstration der Abtreibungsgegner_innen wurden schließlich Aktivist_innen festgenommen und einige davon wegen “Verhetzung” angezeigt. Komischerweise passiert das bei Naziparolen, Nazigrüßen, Nazidemoschildern, Naziparteiplakaten etc. extrem selten. Also ein weiterer und deutlicher Schritt in Richtung Kriminalisierung von feministischem Aktivismus. Wurde kaum medial thematisiert. In Österreich steht Abtreibung übrigens immer noch im Strafgesetzbuch.

Schließlich – die Nachbesetzung des Mandats der verstorbenen Nationalratspräsidentin Barbara Prammer. Laut SPÖ-Statuten sollte eine Frau nachrücken, um die Frauenquote (40% sollten es eigentlich sein) zu erhalten. Nix da. Wieso denn auch, Österreich ist es aber sowas von wurscht, da kann auf Frauenquoten gut verzichtet werden, wenn die mal politisch nicht opportun sind. Dass die Frau, die nachrücken sollte, Sonja Ablinger, noch dazu nicht immer einer Meinung mit ihrer Partei ist und deshalb von Parteiseite her möglichst nicht ins Parlament zurückgelassen werden will, kommt dann noch dazu.

Wir (mich eingeschlossen) schauen immer etwas verächtlich auf die Schweiz ob der späten Einführung des Frauenwahlrechts: Macht euch keine Illusionen darüber, wenn es im Rest Europas auch Volksabstimmungen darüber gegeben hätte (in der Schweiz gab es darüber nämlich einige, bis endlich ein Ja herauskam), hätten Frauen* in den meisten Ländern das Wahlrecht wohl auch erst in den 1970ern erhalten – oder eventuell noch gar nicht. In Österreich würde ich auf gar nicht tippen. Wenn ihr die Liste im Wikipediaartikel zu Frauenwahlrecht durchseht, seht ihr, wie wenig Abstimmungen es dazu gab. Und abstimmen durften dann meistens die Männer, nicht die Frauen – außer auf den Philippinen. Eine vollständigere Liste ist z.B. hier.

Was kommt als nächstes? Und wann sagen wir “Stopp!”?