Ach Kunsthaus

Der Twitteraccount @womensart1, neu in meiner Timeline, tweetet spannende Kunst von Frauen und macht mir Lust auf den Besuch von Ausstellungen und Museen. Aber die Retrospektiven über Kunst von Frauen lassen auf sich warten – letztes Jahr wäre z.B. der 30. Todestag von Meret Oppenheim gewesen, aber nachdem es schon zu ihrem 100. Geburtstag im Jahr 2013 ein paar große Retrospektiven gab, braucht es ja nicht nochmal welche, klaro. Oder so. Ich würde ja auch mal gerne eine Ausstellung mit Werken der Frauen sehen, die in London an der Gründung der Royal Academy of Arts beteiligt waren – Mary Moser (kannte ich bis gestern gar nicht) und Angelika Kauffmann. Ach und viele mehr – es gibt so spannende textile Kunst, die von @womensart1 getweetet wird.

Aber bevor ich hier die gesamte Timeline abbilde, schaut selbst nach. Ich will euch stattdessen ein paar Fotos von meinem Besuch im Kunsthaus Zürich zeigen, weil ich da gerade hinmöchte. Als ich dort war, gab es gerade eine Miró-Retrospektive. Seine abstrakten Bilder gefielen mir gut, die Frauenbilder weniger. Diese hier waren meine Lieblingsbilder – eigentlich eine Serie von drei Bildern (warum ich das 3. Bild nicht aufgenommen habe weiß ich nicht mehr), ich weiß auch den Titel nicht mehr, aber googlen hilft: Die Bilder heißen Malerei I, II und III und das fehlende Bild sieht so aus.

Malerei II von Joan Miro - rechts eine blaue Wolke, links zwei schwarze Arme und ein schwarzer Ball

Malerei III von Joan Miro, links eine blaue Wolke, rechts ein schwarzer Arm

Ich mochte daran besonders die blauen Wolken, die blaue Farbe, die Arme, die auch Wimpern sein könnten – und die perfekte Beleuchtung, die auf den Fotos noch sichtbarer wird.

Treppe ins Obergeschoß im Kunsthaus Zürich

Gang und Fenster im Kunsthaus Zürich

Obergeschoß und Oberlichte im Kunsthaus Zürich

Das Kunsthaus Zürich ist selbst ein Kunst_haus, es wurde 1910 eröffnet und der älteste Teil wurde im Jugendstil gebaut, mit einem deutlich nüchternen, geometrischen Schweizer Einschlag. Nächstes Jahr soll ein zweiter Erweiterungsbau fertig sein.

Winterlandschaft Kragero 1931 von Edvard Munch Kunsthaus Zürich

Die spätere Version der Winterlandschaft in Kragero von Edvard Munch aus dem Jahr 1931 war so schön still und blau. Die frühere ist von 1912 und hängt nicht in Zürich.

Vier bemalte Steine von Max Ernst im Kunsthaus Zürich

Vier bemalte Steine von Max Ernst.

Stillleben von Meret Oppenheim im Kunsthaus Zürich

Leider weiß ich den genauen Titel nicht mehr, aber dieses Objekt ist von Meret Oppenheim. Ich erinnerte mich danach intensiv an mein Jahr im Liceo Artistico in Zürich und an den Kunstgeschichteunterricht, in dem wir so spannende Essays schreiben mussten. Für eines durften wir uns zwei Postkarten von Kunstwerken aussuchen und sollten die Bilder dann vergleichen. Eines meiner Bild war ein Stillleben mit Pfirsichen. Irgendwo in der verschollenen Kiste mit den wichtigen Papieren sollte noch eines der Essays sein, jedenfalls das, das ich über “Pick up a Pin-up” von Man Ray geschrieben habe. Es gefiel meiner Lehrerin so gut. Ich war das gar nicht gewohnt. Heute traue ich mich fast nicht, einen Blogpost über einen Besuch in einem Museum zu schreiben – ein Essay über ein Kunstwerk … trotzdem habe ich Lust.

Bergziegen von Franz Marc im Kunsthaus Zürich

Bergziegen von Franz Marc. Mit denen hab ich noch was vor.

Aus Goethe in Italy von Cy Twombly im Kunsthaus Zürich

Aus Goethe in Italy von Cy Twombly im Kunsthaus Zürich

Zwei Bilder aus Cy Twomblys Zyklus “Goethe in Italy”. Ich sah erst die Bilder und fühlte mich von den Farben und Formen angezogen. Mit Cy Twombly hatte ich bis dahin nicht viel am Hut – wahrscheinlich einfach nicht genug von ihm gesehen.

Selbstporträt von Anna Waser im Kunsthaus Zürich

Mit 12 Jahren malte sie dieses Selbstporträt, Anna Waser, die erste namentlich bekannte Malerin der Schweiz. Alle anderen Werke bis auf ein paar Silberstiftzeichnungen, ihre Autobiografie, ihre Briefe sind verschollen. Ihre vielversprechende Karriere musste sie abbrechen, weil sie den Haushalt ihrer Eltern führen musste, nachdem ihre Mutter erkrankt war. 1913 veröffentlichte ihre Nachfahrin Maria Waser ein Buch über sie, das ihr hier online lesen könnt – allerdings in Frakturschrift.

2 Schmetterlinge und 8 Insekten von Magdalena van den Hecken im Kunsthaus Zürich

8 Insekten von Magdalena van den Hecken im Kunsthaus Zürich

Magdalena van den Hecken (Link zum Vrouwenlexikon auf Niederländisch) hat keinen Wikipediaeintrag, kein bekanntes Geburts- und kein bekanntes Sterbedatum und das Kunsthaus hat ihren Namen falsch geschrieben, nämlich van der Hecken. Tätig war sie “um 1635”, ihr Bruder und Vater waren ebenfalls Maler. “Gelegentlich” malte sie, steht in den dürftigen Infos. Bis ich “gelegentlich” mal so Miniaturen von Insekten male, muss ich erst mal ein paar Jahre üben, hallo. Die Miniaturen von “2 Schmetterlingen und 6 Insekten” sowie “8 Insekten” schmückten ein Kuriositätenkabinett.

 

Ich weiß nicht mehr, von welcher_m Künstler_in das ist. Es war eine Kiste, oben offen, mit diesen Öffnungen … wie ein Architekturmodell, ein besonders schönes. Mich faszinierten die Durchblicke und Texturen.

Im Eck dieses Raumes hing ein Bild von Mark Rothko, von dem ich vorher noch nie bewusst ein Bild wahrgenommen habe. Wie ein Blick aus einem Fenster auf ein schwarzes Meer, ein niedriger Horizont mit schwarzen Wolken verhangen. Es war so umwerfend und so schön, wenn auch so düster und traurig, aber es ließ sich einfach nicht fotografieren. Zum Glück haben andere Menschen bessere Kameras: Untitled [White, Blacks, Greys on Maroon]. Am nächsten Tag fuhr ich mit meiner Tante nach Basel zur Fondation Beyeler, wo ich noch eine Reihe anderer Rothkos sah und ja – ich mag Rothko.

Soweit das Kunsthaus. Es gab noch vieeel mehr, es ist ja doch trotz Platzmangel groß und auch verwinkelt und wunderschön zum Anschauen …

 

 

 

a single oscillation

Ich habe diesen Text einmal, zweimal, Fragmente davon schon viele Male angefangen. Irgendwann muss er wohl raus, damit es einfach einmal festgehalten ist. Er ist @baum_glueck gewidmet, die* sich Texte von crazy cat ladies wünschte. Nun.

[CN: Depressionen, Tod eines Elternteils]

Dass ich über mein kinderloses Singlesein nachdenke, geschieht nicht erst seit ich fürchterlich heulen musste, weil mir plötzlich klarwurde, dass meine Mutter bald wegziehen würde und ich dann keine Familie mehr in Wien haben würde. Was nicht stimmt, denn da ist noch mein Onkel, meine Tante und andere Anverwandte, aber es ist doch nicht dasselbe. Ich werde alleine sein – und alle Menschen, die ich am meisten liebe werden Stunden brauchen, bis sie mich erreichen oder ich sie. Ja, ich habe Freund_innen. Es ist nicht dasselbe, vor allem auch, weil ich meinen Freund_innen einen “Ich will sie nicht belasten”-Modus gegenüber habe. Also freue ich mich, wenn sie Dinge mit mir unternehmen möchten oder mir Essen kochen, aber wenn ich etwas brauche, versuche ich alleine durchzukommen oder rufe meine Mutter an. So ist das.

Nein, ich denke schon viel länger darüber nach. Mindestens seit ich dieses Foto von mir gemacht habe:

https://41.media.tumblr.com/c823a77d4967488f7ce2a7f723b2f1a7/tumblr_mxpufozwTl1t00fydo3_1280.jpg

Das war im November 2013 und es war ohnehin schon ein schwieriges Jahr gewesen, aber dieses Foto hat mir den Rest gegeben. Denn ich fand mich perfekt. Ich hatte nie eine klare Vorstellung davon, wie ich aussehen würde, wenn ich einmal erwachsen und nicht mehr hässlich wäre, aber so. Genau so. Ich fand mich unglaublich schön. Und wie ein Schalter legte sich etwas in meinem Kopf um und verhinderte, dass ich diesen Moment genießen konnte. “Klick”, machte es und sofort spulte sich ein Programm ab … “Wenn du so schön bist, warum verliebt sich dann niemand in dich? Wenn du so schön bist, warum bist du nicht in einer Beziehung, hast Kinder, eine richtige Arbeit, ein Leben, so wie du es dir wünscht? Wie kannst du dir überhaupt anmaßen, dich schön zu finden?” Ich hatte keine Antworten. Ich habe noch immer keine Antworten.

Nun geht es mir – von der Reaktion auf den Schlaganfall meines Onkels abgesehen, die durch den oben beschriebenen Heulanfall wieder aufgelöst wurde – seit einigen Monaten eigentlich gut, wobei ich immer noch keine Ahnung habe, warum. Aber das Programm ist immer noch da, manchmal lauter, manchmal leiser. Ich oszilliere. Manchmal im Minutentakt. Manchmal bin ich wochenlang glücklich, ganz alleine, dann lese ich ein Buch, einen Comic, sehe einen Film, denke einfach nur nach und zack – warum liebt mich niemand? Umgekehrt geht es auch. Ich bin einsam und traurig und dann höre ich einem Paar zu, denke über irgendetwas nach und peng – jubiliere ich über mein Alleinsein.

Alles hat Vor- und Nachteile. Überall habe ich Grenzen, die ich nicht überschreiten möchte. Ich will nicht um jeden Preis eine Beziehung, ein Kind. Nicht um jeden Preis – obwohl ich mir immer Kinder gewünscht habe. Es schien so einfach, heiraten mit 26, das erste Kind mit 30, das zweite mit 32, wie meine Eltern, die sich ein Jahr nach Geburt des 2. Kindes trennten. Mir würde das nicht passieren. Mir passierte auch keine Beziehung bis ich 19 war, nur unglückliches Verliebtsein. Und wenn ich an die Beziehungen denke, die ich hatte, bin ich unschlüssig, ob ich die Erfahrungen lieber gemacht hätte oder nicht. Ich tendiere zu ja, aber das ist ohnehin hinfällig, weil es sich nicht mehr ändern lässt. Wenigsten weiß ich jetzt, was ich nicht will.

Das lange Alleinsein – mittlerweile bin ich seit 7 1/2 Jahren Single – hat mich hoffentlich immun gemacht dagegen, vor lauter Freude darüber geliebt zu werden alles aufzugeben, was mir wichtig ist, meine Grenzen, meine Bedürfnisse, meine Ziele. Ein bisschen hülfe hoffentlich auch der Feminismus(TM), aber manchmal bin ich mir da nicht so sicher. Ich denke schon, dass ich nein sagen könnte, 1999, 2000, 2004, 2007 sind schon so lange her. Manchmal habe ich Angst davor, es auszuprobieren, wieder alles zu tun, um geliebt zu werden und wieder irgendwelche Scherben, die zusammengeklebt vielleicht mich ergeben würden, aufzuklauben. Aber ich bin jetzt schon älter. Ich bin stur. Der Teil von mir, der schon öfter “Nein, ich will das nicht.” sagte, ist auch älter, definierter, mutiger geworden.

Und ich schwierig. Sage ich mir jedenfalls. Manchmal. So schwierig bin ich gar nicht, sage ich mir auch. So wie ich alle meine Freund_innen nicht belasten will mit mir, mit meinen Problemen, so will ich auch eine_n potentielle_n Partner_in nicht belasten (Ja, Partner_in, aber don’t assume without asking). Ich kann doch während meiner Magistraarbeit … während mein Vater im Sterben … während ich seine Wohnung auflöse … wenn es mir so schlecht geht … während meiner Magistraarbeit … wenn ich arbeitslos bin … wenn es mir nicht gut geht … nicht einen anderen Menschen mit meinen Problemen belasten. Dachte ich. Genauso wenig kann ich ein Kind haben, ohne fixen 40-Stunden-Job, mit meinen depressiven Phasen, mit meiner Unlust am Haushalt. Geht doch nicht. Kann ich doch einem Kind nicht antun. Aber es geht doch. Es ist nicht lustig, nein, es ist sehr anstrengend. Aber andere Menschen tun es.

Haben sich die etwas anderes vorgestellt? Ich wette, meine Mutter hat sich auch nicht vorgestellt, dass sie sich in ihrem Alter noch so um ihre Tochter kümmern muss, aber ich glaube, auch sie hat sich vieles nicht so vorgestellt wie es dann gekommen ist. Wenn ich mir vorstelle, was alles kommen könnte, will ich erst recht kein Kind. Von der Vorstellung einer Beziehung habe ich mich eben ohnehin größtenteils schon verabschiedet. Will ich gar nicht mehr, sage ich. Nur heimlich. Heimlich, heimlich heule ich in mein Kissen, weil ich niemanden habe zum Kuscheln, zum Händchen halten, zum öfter reden als alle zwei Wochen, zum Dinge tun. Würde mir ja schon reichen. Wenn ich nicht gerade Richtung “FASS MICH JA NIEMAND AN” oszilliere. Aber ich will nicht suchen. Ich will gefunden werden.

Die Kehrseite des KindnichtwertseinsundBeziehungschongarnicht ist … der pure Genuss des Alleinseins und oh, ist das schön. Die Beste sagte vor einiger Zeit: “Es ist ein gottverdammtes Privileg, meinen BH eine Woche lang am Boden liegen lassen zu können,” und das ist es. Und es ist so schön. Ich schulde keine_r Person Rechenschaft, ich muss nichts abstimmen, aushandeln, rückfragen, Kompromisse schließen noch und nöcher, keine Person aushalten, mich um nichts scheren, nicht anrufen, keinen Platz machen, mich nicht kümmern und plagen und die ganze unbezahlte und bezahlte Arbeit ist ganz allein für MICH, MICH, MICH. Ich muss mich nicht benehmen, anpassen, verstellen, zurücknehmen, anstrengen. Manchmal, wenn ich von der Arbeit nachhause komme, mich aufs Bett plumpsen lasse und erst einmal ausatmen muss, denke ich mir: “Wenn ich jetzt ein Kind hätte und/oder eine Beziehung, müsste ich jetzt …” und ich muss nicht und ich bin so froh. Ich kann essen wann und was ich will, schlafen gehen wann ich will, aufstehen wann ich will, anziehen was ich will und den Abwasch morgen machen – ein Großteil meines Alltagslebens hängt ganz allein von mir ab.

Und momentan vom Kater. Ich scherze manchmal über mein “Katze vs. Kind”-Spreadsheet, doch ich führe eines, ein mentales. Ab und zu, jedenfalls. Denke mir, dass Kinder irgendwann selbst aufs Klo gehen. Dass sie sich irgendwann selbst Essen machen. Dass sie *mir* irgendwann mal Essen machen könnten. Dass sie irgendwann verstehen, dass Medikamente gut gegen Krankheiten sein können. Aber dass Kinder wachsen, Kleider brauchen, in die Schule gehen müssen. Dass Kinder doch etwas mehr Aufmerksamkeit brauchen als Katzen. Dass es (leider?) ungewöhnlich ist, Kinder für die Hälfte des Jahres bei der Großmutter zu lassen. Aber Katzen ist es egal, ob ich ihnen vorlese oder vorsinge, sie mögen keine gestrickten Pullover und römische Ruinen sind für sie nur Lebensraum. Wenn sie träumen, erzählen sie mir nachher nicht, von was sie geträumt haben, was sie auf dem Schulweg erlebt haben oder dass ihnen etwas weh tut. Katzenhaare oder Kinderhaare? Katzenkiste oder Scheißwindel? Katzenkotze oder Kinderkotze? Katzenschnurren oder Kinderschnurren? Geht nicht beides?

Es ist für mich um einiges einfacher, an mehr Katzen zu kommen als an ein Kind. Für ein Kind brauche ich schließlich eine andere Person oder ich muss in die Niederlande oder nach Großbritannien reisen, weil dort auch Singlefrauen in die Samenbank gehen dürfen. Kostet halt Geld. Viel. Und doch erscheint mir das meistens einfacher als das mit einer anderen Person. (Ja, Kind in Pflege, Adoption, etc. – auch Möglichkeiten, aber als Singleperson ebenfalls nicht sehr einfach.) Nun ja. In ein paar Jahren ist die Kinderfrage endgültig erledigt. Manchmal träume ich davon, in zwei Jahren alle meine Bedingungen für ein Kind zu erfüllen, aber ich kann nicht einmal sagen, was im Herbst dieses Jahres sein wird. Also, ich kann es schon sagen. Ich kann mir Dinge fix vornehmen. Aber dann passiert jedes Mal etwas, das mich aus der Bahn wirft, etwas Schlimmes. Ich möchte das nicht. Also keine Pläne und die Träume versuche ich mir auch zu verkneifen, weil ich keine einzige Person mehr verlieren will. So ist das.

Sollte ich also kinderlos bleiben und weiterhin Single sein … nun, auch gut. Ich hab ja Nibling und da werden wohl noch weitere kommen. Und ich habe ein großartiges Vorbild – meine Tante, die mit immer mindestens zwei Katzen nun schon seit mehr als 20 Jahren alleine, quietschfidel und trotz Krebserkrankung rege in der Welt herumreist. Nun, ihre Pension werde ich wohl nicht kriegen, aber hey. Politisch aktiv, geistig rege, welt- und menschengewandt, Essen, Trinken, Mode genießend – so möchte ich auch über 70 werden. (Von den Tanten, die nicht so geworden sind, reden wir nicht, so wie die zu werden, vor dem habe ich Angst.) So wie es jetzt ist, ist es also überhaupt nicht schlecht. Es ist sogar ziemlich gut. Es könnte besser werden, aber nicht durch die Hinzufügung von “Partner_in” oder “Kind”. Also erst mal die massiven Veränderungen, die 2015 kommen, gut überstehen. Es ist noch Zeit und es ist gut.

“Schlaflos” – zum Einschlafen

[CN: Geburt, sexuelle Gewalt, Rassismus, Tod, Blut, Knochen, Depression]

Ich wurde gebeten, doch die Ausstellung “Schlaflos” im 21er Haus, einem der 10.000 Museen für zeitgenössische Kunst in Wien, zu besuchen und davon zu berichten. Ich, dem Bett prinzipiell sehr zugeneigt und neugierig, denn der Hinweis auf die Ausstellung war schon durch meine Timeline gewandert, ging hin.

20150201_152028Nun.

Die Ausstellung hat sich eigentlich – so wie die meisten Museumsausstellungen – fast genau an mich gerichtet, also an eine weiße Bildungsbürgerin, nur, naja, sie war eher an weiße Bildungsbürger gerichtet. Trotzdem habe ich keinerlei Leitfaden, tieferes Konzept oder tiefere Zusammehänge ausfinding machen können. Ich frage mich seitdem, ob ich zu blöd bin, aber es gibt nur zwei Möglichkeiten: Leitfaden/Konzept/Zusammenhänge sind so obskur, dass ich sie nicht erkannt habe oder … die Ausstellung ist schlecht gemacht. Mittlerweile tendiere ich zur zweiten Möglichkeit.

Wenn … der Grundgedanke der Ausstellung eine Google-Bildersuche nach “Kunst”, “Bett” und den Schlagworten Geburt, Liebe, Krankheit, Tod, Politisch, Gewalt und Einsamkeit gewesen wäre …

Wenn … der Grundgedanke der Ausstellung eine Kooperation zwischen Kurator_innen zu den besagten Schlagworten – jede Person ist für ein Schlagwort zuständig oder jede Person trägt X Kunstwerke zu jedem Schlagwort bei – gewesen wäre …

Wenn … der Grundgedanke der Ausstellung eine große Menge an interessant angeordneten Exponaten gewesen wäre, …

dann …

wäre es eine bessere Ausstellung gewesen als die, die ich mir angesehen habe. Gut, es gibt ja auch die Möglichkeit, sich jedem Kontext, jeder Herstellung von Zusammenhängen zu verweigern. Aber es wurden Zusammenhänge hergestellt – Bett und Geburt, Liebe, Krankheit, Tod, Politisch, Gewalt und Einsamkeit. Nur innerhalb der Überthemen und dazwischen, an den Ecken, in den Nischen schepperte es vor … Beliebigkeit? Einem verborgenen Plan? Absichtlich konstruierten Zufallsfunden?

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich abwechselnd genervt, gelangweilt und betroffen war. Aber von vorn.

Die Ausstellung begann mit dem Themengebiet “Geburt”. Nein, zuerst: Das BETT! Begonnen wird mit einem Fließtext über die Kulturgeschichte und Bedeutung des Bettes, der unerwähnt lässt, dass jede Menge Kulturen nicht in einer Holzschachtel mit Matratze, Polster und Decke schlafen, sondern alle möglichen Variationen ersonnen haben. Netter unerwähnter Eurozentrismus. Wir schreiben 2015. This isn’t new, bold or different.

Danach kommen die Wiegen, “Symbol der Mutterbrust”. Hä? Ich dachte immer, Wiegen seien … Symbole des Uterus oder der wiegenden Arme. Hm. Auch verwend(et)en nicht alle Kulturen Wiegen, na egal. Also Wiegen. Eine schöne, nobliche von Thonet. Die kenne ich schon aus dem Museum Angewandter Kunst in Wien, ich würde zu der nicht Nein sagen, außer, dass sie riesig ist und sicher Rückenschmerzen verursacht.

20150201_143028Aber sie steht weit weg von allen anderen Wiegen. Warum eigentlich? Dabei gibt es noch: ein schiefes Kinderbett, ein Kinderbett mit Spiegel statt Matratze, eine Wiege aus Bronze (alles Kunst). Aha. Ein Foto von Juergen Teller zeigt ein Kind namens Ed, wie es ein japanisches Hotelzimmer zerlegt. Ah so. Es gibt in der ganzen Ausstellung viele Fotos von Teller, dessen Stil ich nicht mag.

Dann ein Bild eines neugeborenen Kindes von Lavinia Fontana (1552 – 1614), einer der ersten bzw. frühesten Malerinnen, die Aufnahme in die Uffizi in Florenz fanden. Gegenüber ein mittelalterliches Gemälde auf Holz von der Geburt Marias, die schon komplett im Kleid und mit langen Haaren und Heiligenschein aus ihrer Mutter Anna gekommen ist, scheint’s. Etliche Fotos von Babys auf väterlichen Bäuchen, ich muss an memyselfnchild_ denken.

Dann das “Geburtenbett” von Valie Export, dessen Tonspur schon vorher und von nun an die Ausstellung begleitete, zuerst nervig und unbehaglich, dann langsam immer vertrauter und schließlich wie ein Gitarrenriff klingend. Eine Geburt ist hier nicht zu sehen, alles ist verklausuliert oder verhüllt, ein großer Überhang von männlichen* Künstlern. Hm. Eins gelernt: In Wien gab’s auch einmal Säuglingswäschepakete. Könnten eigentlich wieder eingeführt werden.

Gut. Weiter in den großen Raum, in dem gut verteilt verschiedene Bettskulpturen stehen. An der Wand hängen ein paar Bilder. Ok. Ich finde keine der Skulpturen besonders auf- oder anregend. Aber eine finde ich berührend. Es ist diese:

20150201_135612“Kratz” von Urs Fischer erinnert mich an das Gefühl, wenn ich nachhause komme und mich erst einmal auf mein Bett werfe. Es scheint mir wie eine Person, die, getreten, zerronnen, zerstört, aber fast andächtig, tief erschöpft und traurig ins Bett kriecht oder vielleicht davor kniet und betet. Am liebsten hätte ich mich dazugelegt.

Ein paar weitere Dinge steht im großen Raum: “Liege für Hermann Schürrer” von Hans Kupelwieser und Franz West, die aussieht, als würde hier etwas abgetropft werden …

20150201_135643… und “Untitled (aus Leaving Home” von Sudarshan Shetty, der offensichtlich öfter mit Skeletten arbeitet. Hier bewundere ich aber vor allem die Maserung des Holzes.

20150201_135700In der Mitte des Raumes steht “Cama” von Los Carpinteros. Es sieht witzig aus, aber natürlich darf da nicht drauf rumgetobt werden. Es gibt überhaupt nichts zum Anfassen, Hinlegen oder sonst irgendwie haptisch erfahren. Dahinter ein Schüttgemälde von Hermann Nitsch.

20150201_135841Ich bin mehr als underwhelmed. Die Skulpturen stehen zwar alle so, dass bequem darum herumgegangen werden kann, aber viele davon sind für mich langweilig. Neben “Kratz” stehen vier Stockbetten, drei blaue, ein gelbes oder vielleicht umgekehrt, ich weiß es schon nicht mehr. Darauf liegen Bücher der Person, die die Skulptur konzipiert hat, ich glaube es war eine Frau, aber auch das habe ich schon vergessen. Ohne jeden Hinweis auf die Signifikanz der Bücher sehe ich nichts außer bunten Stockbetten, die mich auf keinste Weise ansprechen. So geht es mir mit den meisten Skulpturen.

Frustriert werfe ich die Hände in die Luft und gehe zum Bereich “Krankheit”. Jetzt beginnt es schlimm zu werden. Und ich meine nicht vom Ekelpotential her. Randomly mischt sich unter die verschiedenen Fotos – Krankenschwestern bei der Ausbildung 1942 (really?), Ruheraum in Baden-Baden oder sonst einem Bad (alle Betten mit rot abgedeckt, sieht gruselig aus), ein Lazarett aus dem 1. Weltkrieg (aber eh nur ein braves Gruppenbild) eine Karikatur aus 1934.

Eine antisemitische. Sagt mir dann der Katalog des Bildarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek, das die Karikatur sonst beherbergt. Wenn ihr sie euch ansehen wollt, hier der Link. Der Katalog sagt mir auch, dass hier Engelbert Dollfuß, der Bundeskanzler und Anführer der Austrofaschisten zu sehen ist, zusammen mit Emil Fey, Führer der austrofaschistischen Heimwehr und Vizekanzler, und Ernst Rüdiger Starhemberg, auch Heimwehrführer, später auch Vizekanzler. Sie beugen sich über das Bett der schlafenden “Austria” und hoffen, dass sie nicht aufwacht, während der jüdische Arzt garantiert, dass sie es nicht tun wird.

In der Ausstellung wird diese Karikatur in keinerlei Kontext gesetzt. Sie ist einfach da, gesagt wird nur, wer sie gezeichnet hat, nämlich Leopold Johann Dorfstätter, mit welchem Material auf welchem Medium, sowie der Titel. Warum ist diese Karikatur dort? Von allen Karikaturen, die “kranke” Staaten im Bett abbilden – und da gibt es viele, warum ausgerechnet diese? Was war da der Hintergedanke? Dass die Besucher_innen den Rassismus bzw. Antisemitismus ohnehin nicht erkennen werden?

Im hintersten Raum ist ein Krankenbett mit einer Wachsfigur drin, “Temporarily Placed” von Michal Elmgreen und Ingar Dragset. Sie sieht sehr real aus, die Person, die vor mir im Raum ist, erschaudert und geht schnell. Ich zucke mit den Achseln und drehe mich um.

20150201_140804Zuletzt komme ich an einer Installation von Douglas Gordon vorbei. Eine Frau erleidet einen Anfall und wird von zwei Männern auf dem Bett fixiert.

20150201_141123“Hysterical” heißt die Installation. Einige der Mitschauenden lachen. Mir wird grauenhaft und ich gehe zu den Räumen über den Tod.

Hier gibt es auch ein mittelalterliches Gemälde auf Holz, vom Tod Marias, die neben dem Bett Zuckerzeugs und getrocknete Früchte hat, in der Tapete/Wandbemalung/Wandbehang hinter ihr sind Tiere. Daneben hängen kleine Bilder aus einem “Ars moriendi”-Buch, von der Kunst zu sterben. Hmmm. Wie wird das denn besonders gut gemacht? Hier sind lauter Männer zu sehen, Männer auf dem Totenbett, Marcel Proust, Egon Schiele, Kronprinz Rudolf, Franz Lehar, Wilhelm III. von Preußen, der heilige Josef, ein alter Mann und ein namenloser “Erlöster”. Was für ein Zusammenhang besteht da? Geht es hier einfach nur um tote Männer in Betten?

An sichtbaren Frauen gibt es nur die mittelalterliche Maria, eine abstrakte sterbende Mutter und “Das tote Kind”, ein Mädchen, gemalt von Johanna Kampmann-Freund (1888-1940), einer jüdischen Malerin, die noch nicht einmal einen Wikipedia-Eintrag hat, dabei erhielt sie 1927 für das Bild “Hagar” den Staatspreis. Hier ihr Eintrag im Österreichischen Biographischen Lexikon.

Hm. Fehlt noch ein Raum im Erdgeschoß, “Liebe”. Hier geht’s aber um Sex. Vor allem Nackte, mittendrin etwas versteckt Fotos von Diane Arbus, die tatsächlich Paare fotografiert hat, die auf ihren Betten sitzen und keinen Sex haben. Eins der Paare ist sogar angezogen. Hier findet sich auch ein einziger japanischer Druck von Harunobu Suzuki, der angeblich ein Liebespaar beim Saketrinken zeigt, es ist … ein so underwhelming japanischer Druck, wie ich selten einen gesehen habe. Ernsthaft. Warum? Warum dieser Druck, warum dort, warum nicht ein anderer von den 100.000.000.000.000 japanischen Drucken, meinetwegen ein erotischer, wenn doch eh schon der ganze Raum voll davon ist. Aber das Paar im Druck ist angezogen. Nu ja. Hier hängt auch eine “Bordellszene”, ein Fresko aus Pompeii – und ernsthaft? Wenn wir schon von Bettkulturen reden bzw. sie zeigen oder was immer, nicht eine Darstellung eines römischen Schlafzimmers (da gibt’s nette Fresken), nein, schon wieder ein nackter Arsch? Ernsthaft?!

Ich notiere “SO. UNIMPRESSED.” in mein Notizheft.

Dann gehe ich hinauf in den ersten Stock.

20150201_150313Hier gibt es noch jede Menge Ausstellungsraum, alles gefüllt. Als fast erstes gerate ich an “Bed – Dots Obsession” von Yayoi Kusama. Sieht lustig aus, wie Anemonen am Meeresgrund, hat aber ziemlich ernste Hintergründe.

20150201_143557Daneben hängt Yoko Onos “Painting to be slept on”. “Hang it after sleeping on it for 100 nights” – häng es auf, nachdem du 100 Nächte drauf geschlafen hast – steht da. Wie es wohl aussehen würde, wenn …

20150201_143740Na gut, onwards. Ich bin jetzt bei “Politisch”. Da stirbt Cato im Bett, ein großes Ölbild, ein Foto von Winston Churchills Bett und dann – ein Stich von der (französischen) Königlichen Familie nach der Hinrichtung Ludwig des XVI., im Hintergrund ein Bett. Äh. Daneben ein Foto der Replik des Bettes von Marie Antoinette in Versailles. Warum?

Meine Nerven sind mittlerweile einmal über Mona Hatoums “Dormiente” gerieben worden.

20150201_144245Auch das ist eine Skulptur, die mir gefällt. Sie ist brutal und bitter, schrecklich in ihrer Einfachheit und Komplexität. So viele andere einfache Liegen und Betten in dieser Ausstellung, aber kaum eine kommt an diese heran.

Dann rolle ich die Augen an “Poison is a Woman’s Weapon” von Ryan Gander vorbei … (ich will auch Geld & Ruhm dafür, dass ich Frauen in Unterhosen & T-Shirts beim auf dem Bett hüpfen filme).

20150201_144454Und dann gerate ich an Tracey Emins “To meet my past”. Warum dieses Werk nicht bei “Politisch”  oder “Gewalt” steht – oder zusammen mit Yayoi Kusamas Bett in der großen Ausstellungshalle als Kontrapunkt zu den anderen Skulpturen dort … nun. Keine Ahnung.

“To meet my past” ist überall bestickt, mit Applikationen übersät. Es sieht auf den ersten Blick kuschelig aus, das Bett, aber beim Lesen gefriert das Herz. Warum ist das nicht – versteckt unter anderen harmlosen Betten – eines der Kernstücke dieser Ausstellung? Warum steht es in der Ecke, nicht einmal gut rundherum zugänglich? Schön versteckt, damit es nicht zu verstört, zwischen all den objektifizierten Frauen* im Rest der Ausstellung, steht auf einer Seite im Leintuch eingestickt: “I’m going to get you and when I do the whole fucking worlds going to know that you destroyed my childhood.”

20150201_14512520150201_14513820150201_144519Im letzten Bild, leider sehr unscharf: “I can not beleave I was afraid of Ghosts Tracey Emin 1969-1974”. Es erinnert mich an die Stick- oder Strickmusterflecke, die von ihren Herstellerinnen mit Namen und Jahreszahl signiert werden …

Es gibt jetzt ein Wort für meine Stimmung. “glum”. Wie wenn dir etwas auf dem Herzen sitzt. Aber das ist schnell wieder weg. Ich komme zum Thema “Einsamkeit” und … 10.000 nackte Frauen auf Betten. Äh. Ich notiere “fucking kidding me”. Sauer gehe ich zu “Gewalt” weiter, besichtige die Fotos von Lucinda Devlin, die Fotos von Hinrichtungsräumen in den USA macht. Dann biege ich um die Ecke und …

20150201_150034vor mir ist eines der berühmtesten Bilder, nein *das* berühmteste Bild von Artemisia Gentileschi, “Judith köpft Holofernes”. Dieses Bild. Hier. Hier in dieser Ausstellung, in diesem Kontext. Was hat ein verdammtes BETT mit diesem Bild zu tun, außer dass in dem Bild eines vorkommt?! Warum wird es hier in einem Eck verheizt, noch dazu unter der Rubrik “Gewalt”, in der es kein einziges Bild eines gewalttätigen Mannes gibt, aber dieses Bild und noch ein “Samson & Delila” von Max Liebermann – was soll das bedeuten? Ich finde es respektlos. Artemisia Gentileschi hat die Gewalt, die ihr angetan wurde, in ihren Gemälden verarbeitet. Sie sind nicht dazu da, “Schaut, da, gewalttätige Frauen, urarg!” darzustellen, ohne diesen Kontext dazu. Dieses Bild darf man nicht einfach so hinhängen, noch dazu mit einer Beleuchtung, die das Studieren von Details verunmöglicht, weil die Leinwand reflektiert.

Mir reicht es fast. Fast schmeiße ich alles hin und gehe. Ich gehe durch weitere Räume mit 10.000 nackten Frauen, die dort nur zu hängen scheinen, weil sie eben nackt und im Bett sind. So viel nackte Haut kann ich auch im Kunsthistorischen Museum sehen und dort ödet sie mich genauso an wie hier. Was hätte nicht aus diesem Thema gemacht werden können? Es gibt kein einziges Bett mit Menstruationsflecken, keine tatsächlich zu sehende Geburt, oh, das wäre wohl zu schockierend gewesen, zu real. Wie gut hätte Tracey Emins “My Bed” gepasst. Kein Verweis auf die Studentin, deren Abschlussarbeit es war, die Matratze aus ihrem Zimmer, auf der sie vergewaltigt wurde, überall hin mitzuschleppen, das wäre topaktuell gewesen.

Nur versteckt lässt sich herauslesen, wie schmerzvoll das Bett sein kann. Die Arbeiten von Frauen*, die genau das zeigen, sind in den 1. Stock verbannt und voneinander getrennt. Vielleicht sollte ich froh sein, dass überhaupt Werke von Künstlerinnen* gezeigt werden und ok, die Werke von Künstlerinnen*, zwischen denen sehr wohl ein Zusammenhang besteht, sind halt über die ganze Ausstellung verteilt, vielleicht soll sie das “normalisieren”. Aber das halte ich für eine denkbar ungeeignete Methode.

Lustvoll (jetzt von Sex abgesehen) am Bett ist nichts. Kein Kuscheln, kein Schlafen, kein ausgiebiges Verweilen, Lesen, Träumen. Auch nichts über die Banalität des Bettes oder ein Anklang von sozialen Fragen, da hätten die Bettgeher_innen gut gepasst. Für eine “Kulturgeschichte” reicht mir das nicht.

Überall fehlt der Kontext. Ohne meinen bildungsbürgerlichen Hintergrund hätte ich jede Menge Codes und Hinweise nicht mitgekriegt. Ich wette, ich habe jede Menge Codes und Hinweise nicht mitgekriegt. Ohne Kontext, ja, muss ich selbst einen herstellen, manchmal herbeiinterpretieren. Muss mir selbst einen Zusammenhang basteln, eine Geschichte durch die Ausstellung. Selbst mit ihren thematischen Überthemen schafft es die Ausstellung aber nicht, mir diesen Zusammenhang zu zeigen.

Die meisten Kunstwerke sind für mich nicht ästhetisch ansprechend genug, um mir wenigstens diesen Reiz zu geben. Mehr als einmal stehe ich kopfschüttelnd, die Hände ausbreitend da und sehe die Bedeutsamkeit nicht. Wäre die Ausstellung ohne das Wissen um Codes spröder oder weniger spröde? Bei jedem Überthema gibt es ja Kunst zum Thema. Reicht das schon? Am Ende wünsche ich mir, ich hätte selbst noch Exponate hinzufügen können, umräumen dürfen. Es gäbe so viel …

Frustriert und fadisiert geh ich.

20150201_150638Herwig Kempinger, Ohne Titel. (Das mag ich.)

Weiter als #takedownjulienblanc – #takedownrsd, #takedownpua

[CN sexuelle Gewalt, Vergewaltigung, Rassismus, Sexismus, abuse, fatshaming]

Update: Gegen das RSD-Bootcamp etc. in München formiert sich Widerstand: http://www.sueddeutsche.de/muenchen/fragwuerdiger-coach-seminar-in-sexismus-1.2217275 Facebookseite zum Protest in München: https://www.facebook.com/events/1544481732453361/

Was ihr weiterhin tun könnt:

Eure Freund_innen in der Schweiz, Schweden, Dänemark, Finnland, Norwegen und Island kontaktieren, denn dort sind RSD-Events geplant. Ebenso Freund_innen in Großbritannien, Prag, Budapest & Sofia. Eine Liste der Events findet ihr im ersten Post.

Informationen sammeln, herausfinden, wo geplante Events stattfinden, Hotels anrufen, wo bereits Events stattfanden, denn hier sind die RSD-Termine für Deutschland und die Schweiz:

RSD Tour D CHIn Berlin waren sie im Westin Grand Berlin Hotel, Friedrichstrasse 158-164 • 10117 Berlin
Dort sind sie nicht. Es gab Proteste – Updates hier: https://www.facebook.com/events/1498651573742783/?source=1

In Zürich waren sie im Four Points By Sheraton Sihlcity,1 Kalandergasse, Zürich
Es wurde nachgefragt, dort sind sie nicht.

In München im Munich Marriott Hotel, Berliner Strasse 93 · Munich, Bavaria 80805 Germany
Es wurde nachgefragt, dort sind sie nicht.

In Frankfurt waren sie im Sheraton Frankfurt Congress Hotel,Lyoner Strasse 44-48, 60528 Frankfurt, Germany

Falls sie dort nicht wieder gebucht haben: Sie scheinen große Hotelketten zu schätzen, also Accor, Marriott, Westin, Four Points, Four Seasons, Hilton, Sheraton, etc.

Weiters könnt ihr die Firmen antweeten, die mit ihren Services RSD unterstützen bzw. auch die Firmen, deren Logos sie auf ihren Websites abbilden:

und @LiquidWeb sowie @isprime, die die RSD-Websites hosten könnt ihr ebenfalls kontaktieren, sowie auch @itunes, die RSD-Podcasts hosten. Ihr könnt auch Kreditkartenfirmen und Paypal kontaktieren: http://pastebin.com/r85HuQcQ Es gibt auch eine Petitionen gegen Blancs Einreise nach Japan.

Schon etwas ältere Neuigkeiten: Julien Blancs Visa für Australien wurde ihm entzogen und er musste abreisen. Sein Assistent Max, der ebenfalls Frauen* würgt [TW für das Bild] und seine Privilegien als weißer Cisheteromann in Japan ausgenutzt hat, um dort ohne Konsequenzen Frauen sexuell zu belästigen, soll ebenfalls abgereist sein (nur ein Foto von Julien Blanc bei einem Vortrag): http://www.theguardian.com/australia-news/2014/nov/07/protesters-force-us-pick-up-artist-julien-blanc-to-quit-australian-tour?CMP=twt_gu

Weiters ist der kanadische Minister für “Citizenship and Immigration” im Bilde über Julien Blanc und hat versprochen, sich alle Optionen anzusehen. Tweet 1, Tweet 2, Tweet 3. Die Proteste und Petitionen gegen Julien’s Einreise nach Japan haben dort die Mainstreammedien erreicht – gegen seine Einreise in Brasilien wird ebenfalls protestiert und eine Petition gibt es auch: https://secure.avaaz.org/po/petition/Policia_Federal_Brasileira_Explusao_de_Julien_Blance/?preview=live Dasselbe im UK: http://www.theguardian.com/lifeandstyle/2014/nov/10/julien-blanc-petition-urges-uk-deny-visa-pick-up-artist Hier die UK-Petition: https://www.change.org/p/uk-home-office-deny-julien-blanc-a-uk-visa

Aber das sind nur zwei Typen. RSD-Typen sind alle grauenhaft, auch die, die sich “moderat” geben: [TW Transmisogynie, Gewalt] aus dem Forum bzw. ist der Gründer von RSD ein Vergewaltiger [heftige heftige TW – sexistische Sprache, Beschreibung einer Vergewaltigung].

Gestern forderte @antiprodukt zu einer größeren Debatte über Pick-up Artists (PUA) auf. Es sind ja noch mehr Pick-up Artists unterwegs als Angehörige der Firma Real Social Dynamics. Z.B. hat dieser Typ (Link zu seiner Facebookseite) einen Kommentar auf meinen ersten Post hinterlassen und auch die Firma Daygame Review [TW schon für den obersten Tweet] hat mich auf Twitter kontaktiert – beide wollten sagen, dass PUA nicht so schlimm sind. Hier sind Links mit weiterführenden Infos und Erlebnisberichten mit Pick-up Artists, die sie gestern getweetet hat – vielen Dank!:

@antiprodukt berichtet von einem Treffen mit einem möglichen PUA plus weiterführende Links: http://antiprodukt.de/als-ich-vielleicht-einen-pick-up-artist-traf/

@ponypost blockt einen PUA auf Facebook: http://futblog.at/ich-habe-einen-pick-up-artist-auf-facebook-geblockt/

@felis_blue über ein PUA-Buch, das per Kickstarter finanziert wurde & von Kickstarter nicht gestoppt wurde: http://kontraktionspunkt.de/below-the-game-unterste-schublade/

@hanhaiwen hat 2 Artikel über PUAs geschrieben:

Verführen mit Pick Up-Tricks: Wer macht das und bei wem funktioniert es? http://maedchenmannschaft.net/verfuehren-mit-pick-up-tricks-wer-macht-das-eigentlich/

Anmachen, Gewalt, Anspruchsdenken – 1998 und heute http://hanhaiwen.wordpress.com/2014/11/06/anmachen-gewalt-anspruchsdenken-1998-und-heute/

via @beurkeek: How pick-up artist culture feeds on men’s toxic insecurities http://www.dailydot.com/opinion/pickup-artist-culture-toxic-insecurities/

A Long List Of Ways The Seduction Community Can Make You Weird http://donatellosnest.wordpress.com/2010/02/20/a-long-list-of-ways-the-seduction-community-can-make-you-weird/

Und schließlich via @Stadtgespenst ein Artikel über die Reaktionen der PUA-Community auf das von Elliot Rodgers verübte Massaker: http://www.slate.com/blogs/xx_factor/2014/05/24/elliot_rodger_the_pick_up_artist_community_s_predictable_horrible_response.html

Genau an Elliot Rodgers musste ich denken, als ich die Fotos der Menschen sah, die das RSD-Event in Melbourne besuchten, das erfolgreich von Protestierenden gestoppt wurde. Ich erinnere mich an einen Text, leider finde ich den nicht mehr, aber vielleicht hat eine_r von euch noch den Link, in dem ein Mann darüber sprach, wie er und sein Begehren als Asian-American im imperialistischen weißen kapitalistischen Hetero-Patriarchat (Übersetzung von bell hook’s Imperialist White Supremacist Capitalist Patriarchy via Rumbaumeln) unsichtbar gemacht werden und was das in ihm auslöst. Diese von unserer rassistischen Gesellschaft geschaffene Unsichtbarkeit wird von PUAs ausgenützt – sie versprechen Sichtbarkeit und Erfolg. Wenn die PUA-Techniken nicht klappen, verstärkt das wohl nur das Gefühl der Isolation, der Unsichtbarkeit, der Ungerechtigkeit, der Wut. Ich wollte das nur anmerken, ich muss da auch noch mehr selbst drüber nachdenken, aber so als Gedankenanstoß, dass das PUA-Publikum nicht nur aus white guys besteht und warum.

Die andere rassistische Komponente ist natürlich, dass hier weiße, heterosexuelle Cismänner darauf trainiert werden, ihre Privilegien strategisch einzusetzen, um ihre rassistischen Fetische ohne Konsequenzen auszuleben, also Women of Color sexuell zu belästigen, anzugreifen, etc.

Falls ihr euch längerfristig gegen Pick-up Artists engagieren möchtet, meldet euch bitte bei mir.

Mit sexistischer Gewalt Geld machen – #takedownrsd #takedownjulienblanc

[CN sexuelle Gewalt, Übergriffigkeit, Rassismus, Sexismus, abuse, fatshaming]

Für die neuesten Infos und weiterführende Links hier lang (Folgeblogpost auf diesem Blog).

UPDATE: Was ihr aktuell tun könnt: Die RSD-Webhosts @LiquidWeb und @isprime kontaktieren, damit sie die RSD-Seiten gar nicht erst hosten – @rackspace hat den Vertrag mit RSD beendet (yay!).

Neben #SamaritansRadar ist der Hashtag, der mich zur Zeit bewegt #takedownjulienblanc, gestartet von @JennLi123. Es geht dabei um einen Mann, der weltweit anderen Männern in teuren Seminaren beibringt, wie sie Frauen anmachen – zum Beispiel durch Würgen. Er verbreitet Tipps, wie sich weiße Männer in Japan ohne Konsequenzen extrem übergriffig verhalten können und benutzt Grafiken von Organisationen, die Gewalt gegen Frauen* bekämpfen, als Checkliste, um “sie zum Bleiben zu bringen”. Das sind nur einige der Grässlichkeiten, die dieser Typ und seine Kollegen von der Firma “Real Social Dynamics” (RSD) verbreiten. Dafür zahlen die Besucher dieser Veranstaltungen bis zu 3000 Dollar. Um street harassment und Vergewaltigungskultur zu lernen.

Große, große Triggerwarnung für den Hashtag und die Artikel dazu.

Von @hanhaiwen, die auch auf street harassment & Anspruchhaltung eingeht: http://hanhaiwen.wordpress.com/2014/11/06/anmachen-gewalt-anspruchsdenken-1998-und-heute/

Hier eine gute Zusammenfassung: http://www.theguardian.com/commentisfree/2014/nov/05/julien-blanc-the-female-attraction-expert-glorifies-sexual-violence-the-less-seminars-he-holds-the-better?CMP=share_btn_tw

Hier “nur” Beschreibungen [CN längere Wiedergabe von fatshamenden Aussagen], keine Bilder: http://www.salon.com/2014/11/04/pickup_artist_julien_blanc_gets_dumped_by_a_hotel/

Aktivist_innen versuchen jetzt, die social media-Zugänge von Julien Blanc und anderer RSD-Typen sperren zu lassen, sowie Hotels und andere Veranstaltungsorte dazu zu bringen, Julien Blancs und weitere RSD-Workshops nicht bei ihnen stattfinden zu lassen und haben bereits einige Erfolge gehabt, z.B. die Emailmarketingfirma @AWeber hat RSD ihre Services entzogen, muss mal gucken, wer jetzt ihre Emailsachen hostet. Julien wurde gebeten, sein Hotel in Melbourne zu verlassen, Protestierende konnten den ersten Workshop in Melbourne verhindern und engagieren sich, dass Julien sein Visa für Australien entzogen wird. Es geht auch darum, Julien und seinem Assistenten RSDMax gar nicht erst nach Japan zu lassen. Juliens Termine findet ihr hier:  http://pastebin.com/8BQWHh7w

Aber: RSD ist mehr als nur Julien. Die anderen Typen sind vielleicht nicht so extrem, aber unterrichten dieselben Mechanismen, dieselbe rape culture. RSD hält auch Workshops in Europa ab, im Rahmen ihrer “Free Tour”:Clipboard03

Clipboard02und zusätzliche “Bootcamps”, die 2000 Dollar kosten:

Clipboard01 Clipboard04Weiters gibt es noch Veranstaltungen, die sich “Hot Seat” nennen, intensive persönliche Coachings. Informationen, wo diese Bootcamps und Veranstaltungen der Free Tour stattfinden, finde ich im Moment leider keine – lasst mich wissen, falls ihr was findet. Möglicherweise finden die Veranstaltungen in Hotels statt, in denen sie schon mal stattgefunden haben bzw. scheinen RSD Hotelketten wie Accor und Marriott zu bevorzugen. Hier ist eine Liste mit bisherigen Veranstaltungsorten – dort anfragen, ob zukünftige Events anstehen: http://pastebin.com/DdpZfiuN

In Berlin waren sie im Westin Grand Berlin Hotel, Friedrichstrasse 158-164 • 10117 Berlin

In München im Munich Marriott Hotel, Berliner Strasse 93 · Munich, Bavaria 80805 Germany

In Frankfurt waren sie im Sheraton Frankfurt Congress Hotel,Lyoner Strasse 44-48, 60528 Frankfurt, Germany

Wenn sich neue Infos ergeben, mache ich ein Update.

Hier meine Tweets & Links von heute morgen:

Nöp. #takedownjulienblanc #takedownrsd

#SamaritansRadar ist ein netzfeministisches Problem

[CN Suizid]

Update: Der SamaritansRadar wurde – nach eineinhalb Wochen ununterbrochenem Protest der mental health community, unterstützt von Datenschutzaktivist_innen (bzw. gibt es bei den Gruppen Überschneidungen) endlich abgedreht. Yay. Diese App und die Reaktion der Samaritans hat viele Menschen verunsichert, verletzt, dazu gebracht, ihre Accounts zu schließen oder ganz von Twitter wegzugehen. Die “Entschuldigung” ist kaum eine und die App ist sicher nicht vom Tisch: http://www.samaritans.org/news/samaritans-radar-announcement-friday-7-november (Gut gemacht kann sie ja wirklich hilfreich sein. Mit Einwilligung und opt-in und so.)

Ganz zu Ende ist es noch nicht. Adrian Short fragt, wer für die gesammelten Daten nun verantwortlich ist – die Samaritans sagten, sie seien es nicht, was falsch ist (siehe weiter unten) – und verlangt, dass die Daten gelöscht werden: https://adrianshort.org/samaritans-radar-closed/ Er hofft auch, dass “wir das nicht wieder tun müssen”, aber ich fürchte, doch, denn solche Apps werden nur zunehmen. Die Liste der Twitternamen bzw. Emailadressen der Personen, die die Samaritans kontaktierten, um vom Radar ausgenommen zu werden, sollte auch dringendst gelöscht werden.

Was #SamaritansRadar ist:

tl;dr: https://www.change.org/p/twitter-inc-shut-down-samaritans-radar

https://www.latentexistence.me.uk/samaritans-radar-and-twitters-public-problem/

https://adrianshort.org/samaritans-radar/

http://queercrip.tumblr.com/post/101382367792/a-tool-for-abusers-why-samaritans-radar-is-dangerous

Testbericht: http://queercrip.tumblr.com/post/101960264087/testing-samaritans-radar-false-negatives-and-spam

Samaritans Radar ist ein netzfeministisches, netzpolitisches, netzaktivistisches Problem, besonders für Personen, die auf Twitter bzw. online häufig zu Zielen von Bedrohungen, Belästigungen, Stalking, etc. werden.

Mit dieser App habe ich die Möglichkeit, den psychischen Zustand der Personen, denen ich auf Twitter folge zu überwachen, ohne dass diese das wissen, ohne ihr Einverständnis. Ich bekomme eine Verständigung, wenn sie bestimmte Phrasen oder Worte verwenden. Der Suchalgorithmus kann durch meine aktive Hilfe laufend verbessert werden. (EDIT: Es scheint sich – noch – um eine sehr simple Suche zu handeln: http://queercrip.tumblr.com/post/101960264087/testing-samaritans-radar-false-negatives-and-spam) Die App macht mir Vorschläge, wie ich Menschen, die depressiv oder suizidal sind, helfen kann.

Das heißt, wenn ich Böses im Sinn habe, folge ich einfach mit einem Tarnaccount der Person oder den Personen, die ich stalken möchte oder denen ich schaden möchte und kriege Emailbenachrichtigungen, wann es ihnen besonders schlecht geht. Dann kann ich nachtreten. Arbeitgeber_innen und religiöse Gemeinschaften z.B. freut dieses Wissen sicher auch.

Die einzige Möglichkeit, um Samaritans Radar zu entgehen, ist entweder den @samaritans eine “direct message” auf Twitter zu schicken, was offensichtlich nicht immer klappt, wenn ich ihnen nicht folge – oder ihnen ein Email zu schicken. Dann stehe ich wieder auf einer Liste. Eine Liste, von der ich nicht weiß, wo sie gespeichert wird, wer Zugriff hat, etc., etc., etc. Großartig.

Eine andere Möglichkeit ist, meinen Twitteraccount zu schließen, aber: Im Moment wird getestet, ob Samaritans Radar auch geschlossene Accounts überwacht – die ersten Tests scheinen darauf hinzudeuten. D.h. selbst wenn eine Person, der ich folge, ihren Account geschlossen hat, kann ich sie überwachen! Ohne dass sie es weiß, ohne dass sie eingewilligt hat. Natürlich können mich Personen blocken, wenn sie draufkommen, dass ich sie überwache. Aber es ist auf Twitter sehr leicht, einfach einen neuen Account anzulegen, der Person wieder zu folgen und sie weiter zu überwachen. Ja, selbst wenn die Person einen geschützten Account hat, dann muss ich halt etwas mehr Arbeit in meinen Tarnaccount stecken. Guckt euch mal #yourslipisshowing an – da haben 4chan-Typen über z.T. ein Jahr hinweg Arbeit in Accounts gesteckt, die vorgaben schwarze Aktivistinnen zu sein, um so Feminismus, antirassistische Arbeit, etc. zu diskreditieren.

Jetzt gibt es natürlich jede Menge Menschen, die sagen “Ja, was willst du, Twitter ist halt öffentlich.” Jein. Geschlossene Accounts, die scheinbar auch überwacht werden können – erste Tests haben das ergeben – sind nicht öffentlich. Wenn ich Personen zu einem geschlossenen Account zulasse, heißt das nicht, dass ich zustimme, dass diese Personen ohne mein Wissen und ohne meine Einwilligung meinen psychischen Zustand überwachen.

Als überwachte Person kann ich natürlich auf meine Wortwahl achten, Botschaften als Bilder tweeten, mich selbst zensieren … äh. Erinnert euch das an irgendwas? NSA? GHCQ? Wie nah das “Selbst wenn nur ein Mensch gerettet wird …” am “Selbst wenn nur ein_e Terrorist_in entdeckt wird” bzw. das “Wenn du nicht überwacht werden willst, dann … (halt doch die Klappe, zieh dich zurück, versuch diesen Umweg, verschlüssle, etc. etc. etc.) liegt, ist atemberaubend. Reinste abuser logic. Hallo, ICH WILL NICHT ÜBERWACHT WERDEN!

Hier sind ein paar Blogposts, die das Problem Privatheit/Öffentlichkeit ansprechen:

http://paulbernal.wordpress.com/2014/11/01/samaritans-radar-misunderstanding-privacy-and-publicness/

https://purplepersuasion.wordpress.com/2014/10/30/me-sam-and-his-magical-radar-booth/

https://adrianshort.org/unethical-twitter/

http://publicstrategist.com/2014/11/privacy-in-public/

Weiters, selbst wenn ihr auf dem “Twitter ist öffentlich”-Punkt beharren müsst (fragt euch mal, warum ihr so auf diesem Punkt beharrt, habt ihr schon mal eure Privilegien reflektiert?) – damit die App funktioniert, werden die Tweets gespeichert und wer auf diese Zugriff hat ist auch nicht klar: http://informationrightsandwrongs.com/2014/10/29/samaritans-radar-serious-privacy-concerns-raised/ Wie zynisch da dieses Statement auf der Website der Samaritans klingt: “No records – We don’t pass on what people tell us. Not even the name of someone that calls us. For some, we’re the only place they can turn to without fear of repercussions. For others that might worry about burdening friends or family, we offer a safe place to turn.” http://www.samaritans.org/about-us (Obwohl gesagt werden muss – die Personen, die die Arbeit an den Telefonen leisten haben mit der App nichts zu tun.)

https://adrianshort.org/samaritans-radar-must-close/ : “Samaritans Radar has demonstrated that the Samaritans as an organisation doesn’t have the ethics, the decency, the design skills, the social media skills or even the basic common sense to run a complex and sensitive project such as this.”

Selbst wenn ihr glaubt, dass euch Samaritans Radar nicht betrifft, weil ihr nie auf Englisch tweetet – das ist nur der Anfang. “Gut gemeinte” Überwachung, die den Betroffenen mehr schadet als hilft, wird nur zunehmen: http://www.theguardian.com/voluntary-sector-network/2014/nov/04/samaritans-radar-app-data-privacy?CMP=twt_gu Das ist extrem gefährlich, denn unter dem Deckmantel des “Wir tun doch was Gutes” können die schrecklichsten Dinge legitimiert werden.

Update: Die Samaritans haben nach Tagen der Stille ein neues Statement publiziert, das zum Heulen ist: http://www.samaritans.org/how-we-can-help-you/supporting-someone-online/samaritans-radar-update Besonders zum wütend schreien: “We condemn any behaviour which would constitute bullying or harassment of anyone using social media. If people experience this kind of behaviour as a result of the app or their support for the app, we would encourage them to report this immediately to Twitter, who take this issue very seriously.” – In welcher Parallelwelt leben die, dass sie glauben, Twitter würde Berichte von Bedrohungen, Stalking, etc. ernst nehmen?!

Hier Antworten auf das Statement:

https://adrianshort.org/samaritans-radar-4-nov-statment-response/

http://21stcenturyfix.org.uk/2014/11/an-organisation-wide-cry-for-help-perhaps/

The Anime Rainbow: Seirei no Moribito (Guardian of the Sacred Spirit)

DisclaimerRegeln & Ressourcen

[CN physische Gewalt, Tod, Blut, eine Instanz wo ein Kind eine Ohrfeige kriegt, Höhe]

Ich wollte ja noch warten, bis ich das Rezensieren ein wenig mehr geübt habe, aber ich habe diesen Anime schon so oft empfohlen und jetzt scheint die Empfehlung langsam Runden zu ziehen, also kann ich gleich darüber schreiben. Seirei no Moribito ist einer meiner Lieblingsanime. Ich kann mich selten auf *ein* Lieblingsirgendwas einschränken, aber wenn ich müsste … es wäre dieser Anime. Es fällt mir schwer, adäquat auszudrücken, wie großartig dieser Anime ist, ich hoffe also, dass ihr ihn euch anseht, selbst wenn euch die Rezension nicht anspricht.

Für mich ist Seirei no Moribito einer der wenigen tatsächlich feministischen Anime. Er basiert auf der zwölfteiligen Romanserie “Moribito” von Nahoko Uehashi, von der 9 Bände auf Englisch übersetzt wurden. Leider verkaufte sich die Serie nicht so gut, daher wurde die Übersetzung eingestellt. Der Anime hat 26 Folgen und erzählt die Geschichte des ersten Bandes.

Die Hauptfigur von Seirei no Moribito ist Balsa, eine Speerkämpferin, die als Bodyguard arbeitet. Nach zweijähriger Abwesenheit kehrt sie zurück in die Hauptstadt des Yogo-Reiches, das in vielen Aspekten an ein historisches Japan (aber fragt mich nicht welche Epoche) angelehnt ist. Gleich bei ihrem Eintreffen rettet sie ein Mitglied der königlichen Familie – einen Jungen. Als Dank wird sie in den Palast eingeladen. In der Nacht wird sie von der zweiten Kaiserin, der Mutter des Prinzen, damit beauftragt, das Leben des Prinzen zu beschützen, denn es wurden bereits mehrere Anschläge auf ihn verübt. Balsa hat es sich aus einem wichtigen Grund zur Aufgabe gemacht, acht Leben zu retten und kann deshalb den Auftrag nicht ablehnen. Also ist sie von jetzt an für das Leben des Prinzen Chagum verantwortlich und der muss sich schnellstens an die “wirkliche Welt” außerhalb des Palastes gewöhnen.

In der Welt von Seirei no Moribito gibt es zwei Welten, die der Menschen und die der “Geister” (aber nicht im Sinne von Gespenst), die mit einander interagieren und von einander abhängen. Chagum wird deshalb verfolgt, weil sich in ihm das Ei eines Wassergeistes eingenistet hat und laut dem Gründungsmythos des Yogo-Reiches sind Wassergeister vom Kaiser zu töten. Allerdings gibt es im Yogo-Reich noch andere Mythen – die der ursprünglichen Bevölkerung – und die haben ganz andere Ansichten, was Wassergeister betrifft: Die sind nämlich wichtig für die Wasserversorgung der ganzen Welt. Aber unter welchen Bedingungen schlüpft das Wassergeistei? Das herauszufinden, Chagum dabei vor dem Zugriff des Kaisers und darüber hinaus zu beschützen und den Wassergeist sicher zum Schlüpfen zu bringen wird zur zentralen Motivation.

Balsa wird bei ihrer Aufgabe von vielen Personen unterstützt. Da ist ihr Jugendfreund, der Heiler Tanda, der sich immer um ihre Verletzungen gekümmert hat. Er geht bei der Schamanin Torogai in die Lehre, die mit der Welt der Geister kommuniziert (nein, nicht durch Trance, durch Tauchen). Tooya und Saya, zwei Jugendliche, die Balsa ihr Leben verdanken, unterstützen sie ebenfalls. Tooya ist ein begnadeter Händler und schlägt immer einen guten Deal heraus. Von kaiserlicher Seite gibt es auch eine Vielzahl von Personen, von denen einige Balsa entweder verfolgen oder versuchen herauszufinden, was denn jetzt wirklich los ist mit diesem Wassergeist.

Soweit klingt das simpel und nach einer typischen Fantasystory, aber genau das ist Seirei no Moribito nicht. Balsa ist 30. Ich sage das nochmal: Balsa ist 30. Eine dreißigjährige Hauptfigur, also die Figur, die im Zentrum einer Geschichte steht und deren Perspektive hauptsächlich eingenommen bzw. erzählt wird, ist in Anime so selten, dass mir beim überlegen vielleicht ca. 10 Anime eingefallen sind und selbst auf diese Zahl würde ich nicht schwören. Meine “completed”-Liste umfasst im Moment (etwas bereinigt) ca. 550 Anime und nein, natürlich sind das nicht alle Anime ever, aber es sind doch einige. Also das nur mal als Anfang.

Weiters ist ein Fokus von Seirei no Moribito Balsas Reflexionen über ihre Geschichte, ihren Vater und wie es für ihn gewesen sein muss, sie aufzuziehen – also über Elternschaft, denn mit Übernahme des Auftrags, Chagums Leben zu beschützen, wird sie zu seiner Mutter. Was Elternschaft für Balsa bedeutet und wie sie diese Rolle ausfüllt und welche Rolle_n sie dabei einnimmt, was das für sie bedeutet, das alles wird in Seirei no Moribito erkundet. Es ist selten, dass eine Frau gezeigt wird, die diese Rolle (aus Gründen) nicht einnehmen will. Es ist selten, dass gezeigt wird, dass Elternschaft auch für Frauen ein Lernprozess und eben nicht etwas “Naturgegebenes” ist – den Plot “Krieger muss Kind aufziehen” gibt es viel öfter.

Aber Seirei no Moribito geht noch viel weiter. Es ist so multidimensional, dass ich gar nicht alles beschreiben kann. Es macht sichtbar, was in anderen Serien als “normal” dargestellt und nicht in Frage gestellt wird. Zum Beispiel wird Balsas Aufgabe, 8 Leben zu retten,  kritisch beleuchtet: Wenn sie Menschen tötet, um ein spezifisches Leben zu retten, stellt sie dessen Wert über den Wert der Getöteten. Also kämpft Balsa so, dass sie Kampf zuerst einmal versucht auszuweichen. Wenn es sein muss, verletzt sie Menschen zwar, aber tötet sie nicht. Das ist ein großer Unterschied zu vielen anderen Geschichten.

Seirei no Moribito zeigt auch deutlich Klassenunterschiede, Rassismus, die Konsequenzen von Herrschaftsmythen und herrschaftlicher Geschichtsschreibung, das Machtgefälle zwischen Wissenschaft und “Volksmythen”, ökonomische Hintergründe, die Konsequenzen für die Umwelt haben, was wiederum Konsequenzen für die Interaktion zwischen der Menschenwelt und der Geisterwelt hat, etc. etc. etc. auf. Manchmal nur in Andeutungen, die erst nach wiederholtem Anschauen sichtbar werden und ja, ich habe die Serie wohl schon an die 20mal gesehen. Ich wette, beim neuerlichen Anschauen würde ich wieder neue Details bemerken.

Und Seirei no Moribito zeigt andere Geschlechterrollen. Balsa ist die Kriegerin – nun, kämpfende Frauen sind in Anime keine so große Seltenheit. Aber sie ist nicht nur eine Kampfmaschine, sondern besitzt umfassendes Wissen über eine Vielzahl von Dingen, die für das tägliche und für ihr spezifisches Überleben gebraucht werden – und weit darüber hinaus. Tanda ist der Heiler, der Caregiver, über weite Strecken auch der, der im Haus bleibt, der, der Essen zubereitet. Das ist sehr ungewöhnlich.

Torogai die Schamanin ist schon älter, aber sehr aktiv, körperlich, geistig. Sie isst mit großer Lust und überwintert lieber bei heißen Quellen, als mit Tanda, Balsa und Chagum glückliche Familie zu spielen, denn sie hatte schon eigene Kinder – ja! Das ist keine zölibatäre, asketische, “weise Frau”. So wie auch die Hauptfiguren viele verschiedene Aspekte haben, werden auch die Nebenfiguren in der Regel nicht eindimensional dargestellt. Sie haben Hintergründe, eigene Motivationen, äußere Zwänge, unter denen sie agieren.

Dafür, dass diese Serie so unglaublich voll erscheint – voll Figuren, voll Subtext, voll Plot, ist sie doch von der Erzählgeschwindigkeit überhaupt nicht hastig oder überstürzt. Alles entfaltet sich der Situation entsprechend. Es gibt keine “Filler”, also keine Episoden, die den Plot nicht vorantreiben bzw. den Charakter der Figuren nicht entwickeln – alles hat eine Bedeutung, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint, selbst die Musik. Dazu kommt eine großartige Animation und visuelle Gestaltung – gut gezeichnet, flüssige Bewegungen, kein Fanservice, die Computeranimation ist unauffällig (also zumindest für mich), wunderschöne Landschaftsbilder … *hust*, ich glaube ich habe heute noch nichts vor …

Fazit: Ein feministischer Fantasyanime mit einer großartigen Geschichte, großartig umgesetzt.

Lieder von der gebutterten Seite des Brotes

Was folgt, ist für Menschen, die die österreichische Twitteria (von mir Twötter genannt) nicht wenigstens am Rande verfolgen ungeheuer kryptisch. Irgendwann werden hoffentlich Historikerinnen* alles entwirren und erklären …

Twötter spielte heute den ersten Akt eines Stücks von Dürrenmatt (oder Karl Kraus, aber den hab ich nie gelesen). Die von mir sehr geschätzten Accounts @LisiMoosmann und @JohannaCzekay sollen “fake” sein (Stockfotos! Pseudonyme! Dings!) – und nach einigen Personen soll hinter beiden oder einem der Accounts die ebenfalls von mir geschätzte @karinkollerwp stecken.

Für mich ergeben sich mehrere Aspekte:

Es scheint unvorstellbar, dass es drei verschiedene, kluge, feministische Frauen gibt, dass diese drei Frauen oft der gleichen Meinung sind und dass sie sich gegenseitig austauschen und unterstützen. Mir ist es egal. Egal, ob die Accounts nun “fake” sind, dass hier Menschen unter Pseudonymen twittern, ob sie in Wirklichkeit älter, jünger sind, anders aussehen, ob sie nicht doch Männer sind, denn kluge Frauen, die unter Pseudonymen twittern, *müssen* eigentlich Männer sein. Ich folge ihnen, weil ich sie klug und spannend finde. Und ich schätze sie, weil sie im Gegensatz zu vielen eine sehr klare Sicht auf Twötter, die österreichische Politik, Wissenschafts- und Medienlandschaft haben.

Falls sie “böse Absichten” hatten (z.B. als Trolle, die sich Fakeaccounts zulegen, um Feministinnen* zu diskreditieren und ihnen zu schaden) – ich persönlich habe solche Verhaltensweisen an ihnen nie beobachtet und sie haben mir auch nie auf nur irgendeine Art und Weise geschadet, nein, sie haben mich immer unterstützt und ermutigt. Sollte tatsächlich nur eine Person hinter allen drei Accounts stecken – eine Meister_innen*leistung. Sollten es drei Personen sein, die jetzt lachend beim Wein zusammenhocken – santé.

Ich hatte immer den Eindruck, Lisi Moosmann, Johanna Czekay und Karin Koller haben kein Eisen im Feuer, d.h. sind in ihrem Broterwerb nicht vom Wohlwollen eben dieser Politik- und Medienlandschaft abhängig. Vielleicht sind Lisi und Johanna es doch und haben deshalb die Anonymität gewählt. Mir egal. Vielleicht haben sie ja sogar Zeitungskolumnen oder Nationalratssitze, Lobbyist_innenposten oder white male privilege – aber ich glaube eher nicht. Jedenfalls gibt ihnen das eine gewisse Freiheit, so frei wie sie als weiße, gesunde, akademisch gebildete, ökonomisch einigermaßen gesicherte, heterosexuelle, cisweiblich Gelesene im Internet sein können.

Twötter fühlt sich schon länger am Ego gekratzt, dass diese Unbekannten das Medien- und Politikgeschehen kommentieren, auf die mangels Chefredaktion, Parteivorstand und/oder bekannter Arbeitsstelle nicht der politische bzw. ökonomische Druck ausgeübt werden kann, der bei namentlich bekannten Personen bereits ausgeübt wurde. Ja, sie kommentieren. Fast täglich. Und zwar ohne den angeblich gebotenen Respekt. Skandal! So kann nicht mit Twötter umgesprungen werden, die zu Twötter gehörenden Personen sind Autoritätspersonen, zu denen besonders Frauen* höflich zu sein haben. So ist’s brav.

Nun ist Twötter böse, dass hier so offen auf seine Verfilzungen, Verflechtungen, Eitelkeiten und problematischen Handlungen bzw. Aussagen aufmerksam gemacht wurde. Und hämisch. Oh, all die Scheinheiligen, die bei Shitstorms gegen andere Frauen so gerne mitmachten oder schwiegen bzw. nachher die Täter_innen und ihre Taten gerne vergaßen oder ihnen großzügig vergaben, sie weiterhin gerne per #ff empfehlen, solange sie nur höflich sind.

Aber Karin, Lisi und Johanna vergaßen die größten Täter_innen nicht und vergaben ihnen auch nicht, sondern legen täglich den Finger auf die Wunde und bohren hinein. Das schmerzt, ich kann es sehen, an der diebischen Freude derer, die nun glauben sie erwischt zu haben. Und da seid ihr noch erstaunt, ja bestürzt, dass sie Pseudonyme verwenden. Es ist halt ein Novum, dass plötzlich zurückgeredet wird, vor zwei, drei Jahren war Twötter anscheinend noch ein illustrer Kreis, der friedlich um sich selbst zirkelte. Dann kamen die bösen (möglichst noch feministischen!) Gfraster und machten alles kaputt.

Nun, Twötter, ich weiß, die Wirtschaft ist beschissen, einige von euch wollen noch Karriere machen, brauchen einen Job oder wollen ihre Anliegen durchsetzen. Ich verstehe das. Die Butter muss aufs Brot und wer das Brot buttert, sagt an. Aber seid euch dessen bewusst. Mir geht es streckenweise nicht anders, aber ich will seit fast 15 Jahren keine Journalistin mehr werden.

Was immer im 2. Akt kommt, Lisi, Karin, Johanna – ich bedanke mich für die bisherige Zeit, eure Solidarität und eure Freundschaft. Falls ihr euch für neue Profile, neue Plattformen entscheidet – ich würde es verstehen und euch arg vermissen. You know where to find me.

Nein, Lookism ist nicht ok

Da ist Tag des Plastiksackerls (Plastiktüte) und eine Abgeordnete der deutschen Grünen sowie der Fraktionschef der deutschen Grünen posieren gemeinsam mit einem Stoffbeutel, auf dem “Bio macht schön” gedruckt ist. Das Foto wird via Facebook und Twitter verbreitet und gestern hatte ich dann eine Unterhaltung auf Twitter darüber, da eine Person einen Tweet des Fotos mit gehässigem Kommentar retweetet hatte. Denn gehässige Kommentare gab und gibt es zuhauf.

Schließlich fühlte ich mich motiviert, etwas generelles dazu zu sagen:

Dehumanisierung der Person, die kommentiert wird, meine ich damit: Die Person wird als weniger wert und weniger menschlich wahrgenommen, sie wird ein Objekt, ein Ding, ohne Gedanken, ohne Gefühle, ohne Geschichte. Die negativ kommentierende Person denkt von sich mehr wert zu sein als dieses schon nicht mehr menschliche Objekt, für das sie keine Empathie aufbringen muss, denn es ist ein Objekt und kein Mensch mehr.

In einem sozialen Kontext – sowohl on- als auch offline, kann ein negativer Kommentar über das Aussehen einer Person zu einer fürchterlichen Dynamik führen:

Eine Person sagt was, die andere setzt was drauf, immer mehr versuchen sich zu übertreffen, die Sprache wird immer härter, Sexismus, Rassismus, Klassismus, Heterosexismus, Cissexismus, Ableismus, etc., die dem ersten negativen Kommentar zugrundeliegen, ob bewusst oder unbewusst, kommen immer deutlicher, immer offener zum Vorschein.

Das habt ihr sicher schon gesehen und teilweile auch erlebt. Dieser erste Schritt kann zu einer Gewaltspirale führen, an deren Ende einerseits verletzte, traumatisierte, retraumatisierte Menschen stehen – und andererseits Menschen, die sich in ihren *istischen Vorurteilen und ihrem *istischen Verhalten bestätigt sehen. Sie werden also wieder negativ kommentieren und wieder Menschen verletzen.

Diese Konditionierung (durch Elternhaus, Umfeld, Medien, etc.) sitzt tief, auch bei mir. Aber daran lässt sich arbeiten, auf allen Ebenen: Bei mir, in der Filterbubble, bei der Kritik an Medien, die solche Aussagen tätigen und verbreiten, beim Engagement gegen lookism und Fatshaming.

Ich finde die Aussage “Bio macht schön” problematisch – denn sie verkennt, dass sich viele Menschen Bioprodukte nicht oder nicht durchgehend leisten können, qualifiziert sie als hässlich ab, wenn sie keine Bioprodukte kaufen und jagt ihnen Angst ein: “Iss bio, dann wirst du schön und du musst schön sein (wollen) und zwar so, wie die Gesellschaft das vorgibt, dann wird es dir besser gehen.” Den gängigen Schönheitsnormen nicht zu entsprechen hat ernsthafte Konsequenzen – und je marginalisierter die Person, desto ernster sind die Konsequenzen.

“Bio macht schön” spielt genau in die normativen Schönheitsvorstellungen hinein, die den zwei Politiker_innen nun um die Ohren gehauen werden. Ich hätte lieber Argumente statt griffiger Slogans – und Maßnahmen zur Armutsbekämpfung. Aber ich finde eben die Aussage und die dahinterstehenden Normen problematisch und kritisiere Aussage und Normen, nicht das Aussehen der Personen, die hinter der Aussage stehen.

Gestern bekam ich die Argumente: “Aber die sind doch Teil der herrschenden Klassen! Und das ist Satire (und die darf alles!)”

Richtig, das sind zwei Politiker_innen. Und Politiker_innen sollten durchaus etwas mehr nachdenken, bevor sie klassistische, normative Botschaften wie “Bio macht schön” verbreiten. Aber es sind auch zwei Menschen. Über ihr Aussehen zu spotten ist nicht Satire, sondern eine Aufrechterhaltung der bestehenden Schönheitsnormen. Zudem richten sich die Angriffe heftiger gegen die grüne Abgeordnete, denn Sexismus is alive and well.

Selbst *ismen und Normen zu kritisieren und sie aber gegen andere, “die da oben” oder auch gerne “die da unten” einzusetzen, ist Messen mit zweierlei Maß. Wenn ich den Anspruch habe, dass mein Aussehen nicht kritisiert werden soll, dass die Normierung und Hierarchisierung von Aussehen, Körperformen, Kleidungsstil, etc. aufhören soll, sollte ich diese Normierungen und Hierarchisierungen nicht selbst fortführen und unterstützen, sondern auf allen Ebenen bekämpfen.

Nochmal:

Die der anderen … und der eigenen.

Rants in Kurz und nicht so Kurz 2: Manpfehlungen

1. Als Zusatz zu “Mansplaining/Herrklären” habe ich gerade “Manpfehlung” festgesetzt. Das sind diese ungefragten Empfehlungen, die gerne auch einen beleidigenden Ton haben. Oder ungefragte “Verbesserungen” meines Begriffs von nicht-feministischer Seite. Als englische Version hat @sanczny “recomMANdation” vorgeschlagen <3.

Leider:

Gusch!

2. Offensichtlich noch nicht durchgedrungen: Cis_männer haben keinen Anspruch auf Erklärungen feministischer Praxen, Thesen, Aussagen, etc. Stattdessen können Cis_männer etwas ganz praktisch tun, um Feminismus(TM) und Feministinnen* zu unterstützen: Sich selbst informieren, selbst lernen, selbst Quellen suchen. Weitere Dinge auch z.B. siehe hier: http://m.xojane.com/issues/feminism-men-practical-steps
Das cis_männliche Gejammere darüber, dass sie keine Erklärungen kriegen, ist eine gängige Derailing-Technik, siehe auch: http://www.derailingfordummies.com/derail-using-education/ Nicht mit mir.

2. Zeitungen, die keine fundierten Artikel zu Ferguson veröffentlichen wollen, können von mir aus sofort eingestellt werden. Pro forma-Wortmeldungen mit social media entnommenen Memes reichen nicht!

 

3. Beim Nachsinnen über den österreichischen antifeministischen Sommer kam mir das Grausen. Ich würde eine gerade Linie von den Angriffen auf das Femcamp und seine Organisator_innen*, durch die Debatte über die “großen Töchter” in der Bundeshymne, den Brief von 800 Personen gegen das Binnen-I, die Verhaftung von Demonstrant_innen, die in Salzburg gegen eine Antiabtreibungsdemo protestierten bis zur SPÖ ziehen, die die in ihren Statuten festgesetzte Frauenquote und deren Bestimmungen außer Kraft gesetzt hat.

Die Angriffe auf das Femcamp und seine Organisator_innen*, die von einflussreichen Lobbyist_innen*, Medienmarketingmenschen und Journalist_innen* betrieben und unterstützt wurden, machten deutlich, dass in Österreich mit breitem Widerspruch gegen sexistisches Verhalten nicht gerechnet werden muss. Feminist_innen* und ihre Unterstützer_innen* haben in Österreich keine Macht.

Die Debatte um die in die österreichische Bundeshymne gesetzten “großen Töchter” zeigte, dass selbst die wirklich einfachsten feministischen Forderungen in Österreich keine breite Unterstützung finden. Ermutigt von dieser Debatte, die in 20.000 Hasskommentare auf der Seite der österreichischen Ministerin für Bildung und Frauen, Gabriele Heinisch-Hossek, mündete, schrieben 800 Personen einen offenen Brief gegen das Binnen-I.

Der Brief von 800 Personen gegen das Binnen-I und anderen cisgendergerechten Schreibweisen, der zunächst in einer Zeitschrift erschien, deren Herausgeberverein nachweislich Kontakte mit der rechtsextremen Szene hat (auch wenn dieses Erscheinen angeblich ein “Versehen” war) zeigte, dass etliche  Wissenschaftler_innen, Lehrer_innen, Schuldirektor_innen ebenfalls nicht einmal die Grundlagen des Feminismus kennen, geschweige denn unterstützen. Lehrer_innen. Schuldirektor_innen. An der Universität beschäftigte Wissenschaftler_innen. Sauber, sauber.

Bei einer Demonstration in Salzburg gegen die dort stattfindende Demonstration der Abtreibungsgegner_innen wurden schließlich Aktivist_innen festgenommen und einige davon wegen “Verhetzung” angezeigt. Komischerweise passiert das bei Naziparolen, Nazigrüßen, Nazidemoschildern, Naziparteiplakaten etc. extrem selten. Also ein weiterer und deutlicher Schritt in Richtung Kriminalisierung von feministischem Aktivismus. Wurde kaum medial thematisiert. In Österreich steht Abtreibung übrigens immer noch im Strafgesetzbuch.

Schließlich – die Nachbesetzung des Mandats der verstorbenen Nationalratspräsidentin Barbara Prammer. Laut SPÖ-Statuten sollte eine Frau nachrücken, um die Frauenquote (40% sollten es eigentlich sein) zu erhalten. Nix da. Wieso denn auch, Österreich ist es aber sowas von wurscht, da kann auf Frauenquoten gut verzichtet werden, wenn die mal politisch nicht opportun sind. Dass die Frau, die nachrücken sollte, Sonja Ablinger, noch dazu nicht immer einer Meinung mit ihrer Partei ist und deshalb von Parteiseite her möglichst nicht ins Parlament zurückgelassen werden will, kommt dann noch dazu.

Wir (mich eingeschlossen) schauen immer etwas verächtlich auf die Schweiz ob der späten Einführung des Frauenwahlrechts: Macht euch keine Illusionen darüber, wenn es im Rest Europas auch Volksabstimmungen darüber gegeben hätte (in der Schweiz gab es darüber nämlich einige, bis endlich ein Ja herauskam), hätten Frauen* in den meisten Ländern das Wahlrecht wohl auch erst in den 1970ern erhalten – oder eventuell noch gar nicht. In Österreich würde ich auf gar nicht tippen. Wenn ihr die Liste im Wikipediaartikel zu Frauenwahlrecht durchseht, seht ihr, wie wenig Abstimmungen es dazu gab. Und abstimmen durften dann meistens die Männer, nicht die Frauen – außer auf den Philippinen. Eine vollständigere Liste ist z.B. hier.

Was kommt als nächstes? Und wann sagen wir “Stopp!”?