Lieder von der gebutterten Seite des Brotes

Was folgt, ist für Menschen, die die österreichische Twitteria (von mir Twötter genannt) nicht wenigstens am Rande verfolgen ungeheuer kryptisch. Irgendwann werden hoffentlich Historikerinnen* alles entwirren und erklären …

Twötter spielte heute den ersten Akt eines Stücks von Dürrenmatt (oder Karl Kraus, aber den hab ich nie gelesen). Die von mir sehr geschätzten Accounts @LisiMoosmann und @JohannaCzekay sollen “fake” sein (Stockfotos! Pseudonyme! Dings!) – und nach einigen Personen soll hinter beiden oder einem der Accounts die ebenfalls von mir geschätzte @karinkollerwp stecken.

Für mich ergeben sich mehrere Aspekte:

Es scheint unvorstellbar, dass es drei verschiedene, kluge, feministische Frauen gibt, dass diese drei Frauen oft der gleichen Meinung sind und dass sie sich gegenseitig austauschen und unterstützen. Mir ist es egal. Egal, ob die Accounts nun “fake” sind, dass hier Menschen unter Pseudonymen twittern, ob sie in Wirklichkeit älter, jünger sind, anders aussehen, ob sie nicht doch Männer sind, denn kluge Frauen, die unter Pseudonymen twittern, *müssen* eigentlich Männer sein. Ich folge ihnen, weil ich sie klug und spannend finde. Und ich schätze sie, weil sie im Gegensatz zu vielen eine sehr klare Sicht auf Twötter, die österreichische Politik, Wissenschafts- und Medienlandschaft haben.

Falls sie “böse Absichten” hatten (z.B. als Trolle, die sich Fakeaccounts zulegen, um Feministinnen* zu diskreditieren und ihnen zu schaden) – ich persönlich habe solche Verhaltensweisen an ihnen nie beobachtet und sie haben mir auch nie auf nur irgendeine Art und Weise geschadet, nein, sie haben mich immer unterstützt und ermutigt. Sollte tatsächlich nur eine Person hinter allen drei Accounts stecken – eine Meister_innen*leistung. Sollten es drei Personen sein, die jetzt lachend beim Wein zusammenhocken – santé.

Ich hatte immer den Eindruck, Lisi Moosmann, Johanna Czekay und Karin Koller haben kein Eisen im Feuer, d.h. sind in ihrem Broterwerb nicht vom Wohlwollen eben dieser Politik- und Medienlandschaft abhängig. Vielleicht sind Lisi und Johanna es doch und haben deshalb die Anonymität gewählt. Mir egal. Vielleicht haben sie ja sogar Zeitungskolumnen oder Nationalratssitze, Lobbyist_innenposten oder white male privilege – aber ich glaube eher nicht. Jedenfalls gibt ihnen das eine gewisse Freiheit, so frei wie sie als weiße, gesunde, akademisch gebildete, ökonomisch einigermaßen gesicherte, heterosexuelle, cisweiblich Gelesene im Internet sein können.

Twötter fühlt sich schon länger am Ego gekratzt, dass diese Unbekannten das Medien- und Politikgeschehen kommentieren, auf die mangels Chefredaktion, Parteivorstand und/oder bekannter Arbeitsstelle nicht der politische bzw. ökonomische Druck ausgeübt werden kann, der bei namentlich bekannten Personen bereits ausgeübt wurde. Ja, sie kommentieren. Fast täglich. Und zwar ohne den angeblich gebotenen Respekt. Skandal! So kann nicht mit Twötter umgesprungen werden, die zu Twötter gehörenden Personen sind Autoritätspersonen, zu denen besonders Frauen* höflich zu sein haben. So ist’s brav.

Nun ist Twötter böse, dass hier so offen auf seine Verfilzungen, Verflechtungen, Eitelkeiten und problematischen Handlungen bzw. Aussagen aufmerksam gemacht wurde. Und hämisch. Oh, all die Scheinheiligen, die bei Shitstorms gegen andere Frauen so gerne mitmachten oder schwiegen bzw. nachher die Täter_innen und ihre Taten gerne vergaßen oder ihnen großzügig vergaben, sie weiterhin gerne per #ff empfehlen, solange sie nur höflich sind.

Aber Karin, Lisi und Johanna vergaßen die größten Täter_innen nicht und vergaben ihnen auch nicht, sondern legen täglich den Finger auf die Wunde und bohren hinein. Das schmerzt, ich kann es sehen, an der diebischen Freude derer, die nun glauben sie erwischt zu haben. Und da seid ihr noch erstaunt, ja bestürzt, dass sie Pseudonyme verwenden. Es ist halt ein Novum, dass plötzlich zurückgeredet wird, vor zwei, drei Jahren war Twötter anscheinend noch ein illustrer Kreis, der friedlich um sich selbst zirkelte. Dann kamen die bösen (möglichst noch feministischen!) Gfraster und machten alles kaputt.

Nun, Twötter, ich weiß, die Wirtschaft ist beschissen, einige von euch wollen noch Karriere machen, brauchen einen Job oder wollen ihre Anliegen durchsetzen. Ich verstehe das. Die Butter muss aufs Brot und wer das Brot buttert, sagt an. Aber seid euch dessen bewusst. Mir geht es streckenweise nicht anders, aber ich will seit fast 15 Jahren keine Journalistin mehr werden.

Was immer im 2. Akt kommt, Lisi, Karin, Johanna – ich bedanke mich für die bisherige Zeit, eure Solidarität und eure Freundschaft. Falls ihr euch für neue Profile, neue Plattformen entscheidet – ich würde es verstehen und euch arg vermissen. You know where to find me.

Advertisements

Carl Lutz und andere Vergessene

Gerade fahre ich mit der U2 nachhause von einer Diskussion über Carl Lutz im Jüdischen Museum Wien, moderiert von Charles Ritterband von der NZZ, mit Paul Lendvai, Journalist und Historiker, der mit seinen Eltern von Carl Lutz gerettet wurde, François Wisard, Leiter des Historischen Dienstes des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten, Ljiljana Radonic, Expertin für (trans)national-europäische Gedächtniskulturen in Bezug auf Nationalsozialismus, Holocaust und WWII, Universität Wien und Österreichische Akademie der Wissenschaften und nicht dem im Programm genannten Szabolics Szita, sondern einem Vertreter, dessen Namen ich mir leider nicht gemerkt habe, aber der ebenfalls vom Holocaust Memorial Center Budapest kam.

Carl Lutz war ein Schweizer aus einem Dorf im Appenzell (Außerrhoden, um genau zu sein), der in die USA auswanderte, um dort sein Glück zu machen, es nicht fand, sich aber dann in den Schweizer Konsulaten in u.a. Washington, DC von ganz unten hinaufarbeitete. In den 30ern war er in Jaffa (damals im Völkerbundsmandat Palästina) im Dienst der Deutschen stationiert und kam dann in den 40ern nach Budapest, eigentlich im Dienste der Briten, aber als Schweizer Diplomat. Als 1944 die ungarischen Juden nach Auschwitz deportiert wurden, rettete er durch Schutzpässe, Schutzbriefe, Schutzhäuser und persönliches Eingreifen tausende, ja zehntausende Leben. Er war dabei nicht ganz allein, sondern es war ein Team, auch seine Frau, Gertrud Lutz-Fankhauser, spätere UNICEF-Vizepräsidentin, und andere Schweizer Diplomaten halfen mit und er arbeitete mit dem jüdischen Untergrund und Raoul Wallenberg zusammen.

Die Diskussion drehte sich darum, ob er “vergessen” sei – ja, nein, es ergab sich ein differenziertes Bild. Einerseits wurde er in der Schweiz nicht in dem Ausmaß, in dem er es verdient hätte gewürdigt, was ihn sehr verbitterte, andererseits wurde er auf internationaler Ebene sehr wohl geehrt, u.a. in Yad Vashem als Gerechter der Völker. Andererseits kam er im großen Bergier-Bericht über die Schweiz im 2. Weltkrieg nur in einer Fußnote vor, es gibt in der Schweiz kein großes Denkmal, keine Straße, keinen Platz, der nach ihm benannt ist. Nach dem 2. Weltkrieg war er übrigens Konsul in Bregenz.

Ein solches Denkmal und eine Straße gibt es allerdings in Budapest. Kritik an der ungarischen Vergangenheitsbewältigung und an der Regierung Orbans kam allerdings nur von österreichischer Seite – verständlich, denn der ungarische Historiker musste ja schließlich nach dieser Veranstaltung wieder dorthin zurückkehren (dass das nicht mitbedacht wurde …).

Es war jedenfalls sehr spannend, tatsächlichen Expert_innen zuzuhören. Sie kannten ihre Fakten, ergänzten einander und – ließen Ljiljana Radonic das Wort und sie sogar ausreden. So ergab sich ein differenziertes Bild von Carl Lutz und seinen Aktivitäten und seinem Leben – Paul Lendvai meinte, es würde Stoff für einen großen Roman ergeben. Als Buch über Carl Lutz wurde übrigens das von Theo Tschuy, Carl Lutz und die Juden von Budapest (1995) empfohlen.

So oft die Rolle von Carl Lutz als einer, der sich entschieden hatte zu helfen, etwas zu tun, sich gegen die Nazis und Pfeilkreuzler zu stellen, betont wurde – die Brücke zu heute, zu den im Mittelmeer ertrinkenden, im Irak und in Syrien massakrierten, in Wiener Neustadt der Fluchthilfe angeklagten Menschen, zu abgelehnten, brennenden Flüchtlingsheimen überall, Hetze in der Zeitung, dem neuen Islamgesetz in Österreich wurde nicht geschlagen. Paul Lendvai erwähnte zwar die Schweizer Masseneinwanderungsinitiative, aber nur unter dem Aspekt, dass sich 100 Schweizer Intellektuelle kürzlich nochmals dagegen aussprachen. Vielleicht ist das der Grund, warum Carl Lutz nicht groß geehrt wird: Er hatte sich entschieden und gehandelt, seine Kompetenzen weit überschritten, auch gegen Vorschriften und Gesetze. Heute …

Jedenfalls findet seit dem 8. und bis zum 23. Oktober  in Wien das Jüdische Filmfestival statt, bei dem neben vielen anderen spannenden Filmen ein Dokumentarfilm über Carl Lutz zu sehen ist und zwar am 21.10. um 16:30 im De France-Kino.

Daneben empfehle ich “Gentleman’s Agreement” (mit Gregory Peck), auch wenn an dem Film einiges kritisiert werden muss.

Und spannend finde ich auch:

Erschlagt mich, ich verrate nichts! – Dokumentarfilm über die österreichische Widerstandskämpferin Käthe Sasso, die bereits gegen den Austrofaschismus aktiv war

Gett – Der Prozess der Viviane Amsalem – Über den mühsamen Kampf um die Scheidung

Regina – erste Rabbinerin

50 Children: The Rescue Mission of Mr. and Mrs. Kraus – Ein jüdisches Ehepaar aus Philadelphia rettet 1939 50 jüdische Kinder aus Wien

Die papierene Brücke – Ruth Beckermann spürt ihrer Familiengeschichte nach

Vortrag über Antisemitismus im Zeichentrickfilm und Comic

Fred Bondi, l’homme chanceux

Rants in Kurz und nicht so Kurz 2: Manpfehlungen

1. Als Zusatz zu “Mansplaining/Herrklären” habe ich gerade “Manpfehlung” festgesetzt. Das sind diese ungefragten Empfehlungen, die gerne auch einen beleidigenden Ton haben. Oder ungefragte “Verbesserungen” meines Begriffs von nicht-feministischer Seite. Als englische Version hat @sanczny “recomMANdation” vorgeschlagen <3.

Leider:

Gusch!

2. Offensichtlich noch nicht durchgedrungen: Cis_männer haben keinen Anspruch auf Erklärungen feministischer Praxen, Thesen, Aussagen, etc. Stattdessen können Cis_männer etwas ganz praktisch tun, um Feminismus(TM) und Feministinnen* zu unterstützen: Sich selbst informieren, selbst lernen, selbst Quellen suchen. Weitere Dinge auch z.B. siehe hier: http://m.xojane.com/issues/feminism-men-practical-steps
Das cis_männliche Gejammere darüber, dass sie keine Erklärungen kriegen, ist eine gängige Derailing-Technik, siehe auch: http://www.derailingfordummies.com/derail-using-education/ Nicht mit mir.

2. Zeitungen, die keine fundierten Artikel zu Ferguson veröffentlichen wollen, können von mir aus sofort eingestellt werden. Pro forma-Wortmeldungen mit social media entnommenen Memes reichen nicht!

 

3. Beim Nachsinnen über den österreichischen antifeministischen Sommer kam mir das Grausen. Ich würde eine gerade Linie von den Angriffen auf das Femcamp und seine Organisator_innen*, durch die Debatte über die “großen Töchter” in der Bundeshymne, den Brief von 800 Personen gegen das Binnen-I, die Verhaftung von Demonstrant_innen, die in Salzburg gegen eine Antiabtreibungsdemo protestierten bis zur SPÖ ziehen, die die in ihren Statuten festgesetzte Frauenquote und deren Bestimmungen außer Kraft gesetzt hat.

Die Angriffe auf das Femcamp und seine Organisator_innen*, die von einflussreichen Lobbyist_innen*, Medienmarketingmenschen und Journalist_innen* betrieben und unterstützt wurden, machten deutlich, dass in Österreich mit breitem Widerspruch gegen sexistisches Verhalten nicht gerechnet werden muss. Feminist_innen* und ihre Unterstützer_innen* haben in Österreich keine Macht.

Die Debatte um die in die österreichische Bundeshymne gesetzten “großen Töchter” zeigte, dass selbst die wirklich einfachsten feministischen Forderungen in Österreich keine breite Unterstützung finden. Ermutigt von dieser Debatte, die in 20.000 Hasskommentare auf der Seite der österreichischen Ministerin für Bildung und Frauen, Gabriele Heinisch-Hossek, mündete, schrieben 800 Personen einen offenen Brief gegen das Binnen-I.

Der Brief von 800 Personen gegen das Binnen-I und anderen cisgendergerechten Schreibweisen, der zunächst in einer Zeitschrift erschien, deren Herausgeberverein nachweislich Kontakte mit der rechtsextremen Szene hat (auch wenn dieses Erscheinen angeblich ein “Versehen” war) zeigte, dass etliche  Wissenschaftler_innen, Lehrer_innen, Schuldirektor_innen ebenfalls nicht einmal die Grundlagen des Feminismus kennen, geschweige denn unterstützen. Lehrer_innen. Schuldirektor_innen. An der Universität beschäftigte Wissenschaftler_innen. Sauber, sauber.

Bei einer Demonstration in Salzburg gegen die dort stattfindende Demonstration der Abtreibungsgegner_innen wurden schließlich Aktivist_innen festgenommen und einige davon wegen “Verhetzung” angezeigt. Komischerweise passiert das bei Naziparolen, Nazigrüßen, Nazidemoschildern, Naziparteiplakaten etc. extrem selten. Also ein weiterer und deutlicher Schritt in Richtung Kriminalisierung von feministischem Aktivismus. Wurde kaum medial thematisiert. In Österreich steht Abtreibung übrigens immer noch im Strafgesetzbuch.

Schließlich – die Nachbesetzung des Mandats der verstorbenen Nationalratspräsidentin Barbara Prammer. Laut SPÖ-Statuten sollte eine Frau nachrücken, um die Frauenquote (40% sollten es eigentlich sein) zu erhalten. Nix da. Wieso denn auch, Österreich ist es aber sowas von wurscht, da kann auf Frauenquoten gut verzichtet werden, wenn die mal politisch nicht opportun sind. Dass die Frau, die nachrücken sollte, Sonja Ablinger, noch dazu nicht immer einer Meinung mit ihrer Partei ist und deshalb von Parteiseite her möglichst nicht ins Parlament zurückgelassen werden will, kommt dann noch dazu.

Wir (mich eingeschlossen) schauen immer etwas verächtlich auf die Schweiz ob der späten Einführung des Frauenwahlrechts: Macht euch keine Illusionen darüber, wenn es im Rest Europas auch Volksabstimmungen darüber gegeben hätte (in der Schweiz gab es darüber nämlich einige, bis endlich ein Ja herauskam), hätten Frauen* in den meisten Ländern das Wahlrecht wohl auch erst in den 1970ern erhalten – oder eventuell noch gar nicht. In Österreich würde ich auf gar nicht tippen. Wenn ihr die Liste im Wikipediaartikel zu Frauenwahlrecht durchseht, seht ihr, wie wenig Abstimmungen es dazu gab. Und abstimmen durften dann meistens die Männer, nicht die Frauen – außer auf den Philippinen. Eine vollständigere Liste ist z.B. hier.

Was kommt als nächstes? Und wann sagen wir “Stopp!”?

Ein perfides Spiel mit der Wahrheit

Danke an @somlu1968 für Überlegungen und Recherche.

Kurz nach dem Posten meiner Replik auf den unsäglichen Artikel auf SpiegelOnline, als ich sah, wie mein Text retweetet und gefavt wurde, dachte ich mir schon: “War das klug? Jetzt kriegt er noch mehr Aufmerksamkeit.”

Spät am Abend sprach ich dann mit @SchwarzeTage über dieses perfide Spiel. Ein schlechter sexistischer “satirischer” Artikel wird geschrieben, wo ein Mann um Sympathie wirbt, weil ihm “die Frauen” das Leben ruiniert haben. Dafür wird er bezahlt. Dem Artikel liegt die Berechnung zugrunde, dass eine heftige Diskussion ausbricht, denn solcher Sexismus und Klassismus kann nicht unwidersprochen bleiben.

Warum nicht? Warum müssen “wir” widersprechen? Es gibt tausende solche Artikel, jeden Tag kommen neue dazu. Damit erzeugen sie ein Klima, in dem solche Artikel als witzig wahrgenommen werden. In dem es ok ist, Scheitern an Strukturen “den Frauen” oder anderen diskriminierten Gruppen anzulasten. Damit ist so ein Artikel Teil der sexistischen Kultur (Rape Culture), in der Frauen immer an allem Schuld sind. Willkommen im Patriarchat.

Der in dem Artikel reproduzierte (wenn auch “satirisch” interpretierbare – siehe weiter unten im Text) Klassismus wird übrigens nur von Betroffenen* und sensibilisierten Personen wahrgenommen. “Was ist daran klassistisch,” wurde ich gefragt.

Jedenfalls drückt der Artikel auf Knöpfe und löst damit Reaktionen aus. Denn nun bekommt der Artikel viel mehr Aufmerksamkeit als er jemals verdient hat. Klicks, Kommentare, Blogposts, Tweets. Alles mündet in Geld für SpiegelOnline – Klickrate, Verweildauer, Kommentarrate haben Auswirkungen auf Kosten für Werbeanzeigen, durch die sich Medien finanzieren. Für einen kurzen Artikel, der auf Kosten von Frauen* geschrieben wurde, erledigen jetzt vor allem Frauen* und Verbündete* die Werbearbeit, unbezahlt, versteht sich.

Solche perfiden Provokationen – Knopfdruck – Aufregung – Aufmerksamkeit – Geld – sind nichts Neues. Es macht mich so wütend, dass Menschen und Konzerne dieses Mittel auf die leichtfertigste Art und Weise einsetzen, um auf dem Rücken der Diskriminierten* Geld zu scheffeln. Wie viele ausgezeichnete Journalist*innen können kaum von ihrer Arbeit leben? Wieviele sind darauf angewiesen, gratis zu arbeiten, um nur einen Fuß ins Mediengeschäft zu kriegen? Wieviele verlassen dieses Feld oder kommen erst gar nicht rein, obwohl wir ihre Stimmen dringend brauchen?

Ich wollte hier abstrakt über die Mechanismen der Medien schreiben und nicht persönlich werden. Aber eine einfache Suche im Internet ergibt, dass der Autor des Uni-Loser-Textes Identitäten und Herkunftsgeschichten annimmt und ablegt (gerne im Rahmen von “Satire”) wie es ihm passt, und damit erfolgreich ist.

Link zum SpiegelOnline-Artikel – aus studiertem Hause
Link zu “Polemik” (Satire) in der Badischen Zeitung – angeblicher (sicher satirisch) Sohn eines Rübenbauers
Link zu Artikel in der taz – Großvater war Pfarrer

Was soll ich da eigentlich noch glauben? Welchen Medien soll ich da vertrauen? Und warum kriegt so ein Journalist weiterhin Geld, Raum für seine Lügen, Arbeit?

Was für ein Sittenbild. Aber stillhalten geht auch nicht.

https://twitter.com/SchwarzeTage/status/383369442165796864

Bis wir das Patriarchat zerschlagen haben.

Volvic-Mädchen an die Macht

@Sassyheng hat gestern einen tollen Text über einen Typen geschrieben, dem eine junge Frau eine falsche Telefonnummer gegeben hat und der dann erbost über den Feminismus wetterte, der “den jungen Frauen™ das Gefühl gebe, sie bräuchten keinen Mann und es sei okay, single zu sein.” (Hier zitiere ich @sassyheng, die den Typen aber recht wörtlich zitiert.)

Heute las ich dann die Fortsetzung im Unispiegel online. Da schreibt ein junger Mann über seine erfolglosen Studienversuche, der seinen Text den “Frauen, die fast mein Leben zerstört haben” widmet. Wer sind diese schrecklichen Menschen? “Frau E. und die Volvic-Mädchen.” Volvic-Mädchen? “Jene Studentinnen, die in den Uni-Bibliotheken dieses Landes sitzen, stundenlang, tagelang.”

Das sind dann auch die, die systematisch benachteiligt werden, weniger bezahlt kriegen, es schwieriger haben, einen Job zu finden und Karriere zu machen, verurteilt werden, egal ob sie Kinder haben (wollen) oder nicht, ach ihr kennt ja das alles schon. Nun, diese bösen Frauen™ haben dem armen Mann sogar schon von zwei Studienversuchen abgehalten. Durch ihre bloße Präsenz bzw. Unwilligkeit, ihm alles haarklein zu erklären.

Oh boy. Wie können sie es wagen, die Frauen™ und die bösen Bibliotheken, die ihre Bücher zurückhaben wollen (na klar, sind auch schon von Frauen™ unterwandert, außer in den Machtpositionen) und das ganze Universitätssystem, ihm nicht pausenlos alles vorzukauen, nachzutragen, für ihn abzuholen und Platz zu machen?

Ich nehme mal an, er wollte “witzig” sein (beliebteste Ausrede ever). Wie schön, dass er es sich leisten kann, drei verschiedene Studien zu beginnen. Der Klassismus lässt sich hier fast greifen. Viele können es sich nicht mal leisten, ein Studium anzufangen und/oder werden aus rassistischen, sexistischen oder anderen diskriminierenden Gründen nicht zu den Bildungswegen zugelassen, die zum Studium führen.

Disclosure hier: Ich habe zweimal die Studienrichtung gewechselt und war vorher eher mangelhaft über verschiedene Ausbildungswege informiert. Ich brauchte aus verschiedenen Gründen lange für mein schließlich gewähltes Studium, das ich vor mehr als zwei Jahren abschloss. Letztes Jahr habe ich ein weiteres Studium begonnen. Meine Eltern haben mich die ganze Zeit finanziell unterstützt, auch wenn ich nebenher arbeite(te). Privilege, I haz it. In buckets.

Nachdem der junge Mann sein erstes Studium abbrach, weil er die Hörsäle nicht fand und niemand über seine Witze lachte, versaute ihm Frau E., die für ihn schlimmer als der Teufel ist, angeblich sein zweites Studium.

Nun, auch ich habe schon zur Genüge über unzulängliche Berufswahlinformation vor dem Studium, nichtvorhandene Leitsysteme in Gebäuden und die undurchsichtige Informationspolitik von Universitäten, meiner Studienrichtung und anderen Institutionen gerantet. Die Öffnungszeiten! Die Unmöglichkeit, mir klipp und klar zu sagen, welche Papiere ich für was brauchte. Warum ging das nicht alles digital? Etc etc etc. Habe ich immer alles rechtzeitig abgeholt, gebracht, zurückgegeben? Nein. Habe ich deswegen den Frauen™ oder den Männern™ die Schuld gegeben? Nein.

Mittlerweile hat sich die Universität Wien stark verbessert, was gewisse online nachlesbare Informationen angeht (Berliner Humboldt-Uni, bei dir geht noch was), Services, zu denen Student*innen mit Fragen kommen konnten gab es immer. Heute sind sie noch besser als früher. Und wenn ich im Prüfungsreferat säße und jahrein, jahraus immer neue ahnungslose Student*innen vor mir hätte, die mir zum Teil noch so kommen wie dieser Typ, wäre ich auch oft schlecht aufgelegt (und würde mich stark für eine optimale Gestaltung der online erhältlichen Informationen einsetzen, aber nun ja).

Wie ich von @sassyheng höre, ist Frau E. übrigens außer in informationsresistenten Fällen, streng, aber fair, und setzt sich für die Student*innen ein, wenn diese nicht dabei sind.

Und die Volvic-Mädchen, aus denen später im Text dankenswerterweise wenigstens “Frauen mit Volvic-Flaschen” geworden sind? Ihr Anblick erinnert den Mann an sein eigenes Unvermögen, verursacht ihm “ein schlechtes Gewissen”. Also raus mit den Frauen aus der Uni, wir halten ja die Männer vom Studieren ab, wie können wir das nur wagen!

Es gibt wohl nur wenige Menschen, die sich nicht ab und zu unsicher und ungenügend finden. Manche verinnerlichen diese Unsicherheit, andere suchen Sündenböcke. Hier hat jemand die Schuldigen gefunden: Die Frauen. Auf die kann mann immer noch ungestraft hinhauen, kriegt Sympathien, Artikel werden veröffentlicht und gelobt. Wir erwarten stündlich den Bookdeal: “Ich vs. die Volvic-Mädchen” (copyright @digiom).

Das ist doch alles zum Kotzen.

Hihi, ich hab “Hoden” getweetet. Sample Size, Sexismus und Sensationsjournalismus

Alle nochmal schnell über das Wort “Hoden” lachen … uuuund jetzt bitte den Humor abgeben, die Garderobe ist da drüben links.

Ich lese einen Tweet. Diesen:

Ich schaue mir das Gespräch an.

Ich widerspreche noch freundlich:

Und Julia Pühringer legt schon den Finger auf die brennendste Wunde:

Wir diskutierten noch ein wenig, dann dachte ich, das wäre es jetzt gewesen. Ahahahaha, nein. Wir sind auf Twitter:

Wenigstens ein bisschen kritisch:

Ironisch gemeint?

Und hier gab’s dann #Twitterrage:

Ich bin mir sicher, ich würde noch mehr Tweets finden, allein, ich will nicht. Ich bin mir sicher, es wird mir noch mehr Links zu dieser Studie in die Timeline spülen. Bitte bitte nicht.

Ob wohlgemeint, ob lustig, satirisch – so verbreitet sich eine Studie, die ausgemachter Quatsch ist, so verbreitet sich schlechter Wissenschaftsjournalismus, so verbreiten sich Stereotype, so wird eine sexistische Kultur, in der Männer die sich um Kinder kümmern als unmännlich gelten, legitimiert und erhalten.

Der Artikel selbst erschien in den “Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America (PNAS)”, ist aber leider nicht Open Access, sondern nur die “Significance” und der Abstract sind zu lesen.

Hier meine Kritik in vier Punkten:

1) Sample size, sample size, sample size

Wieviele Männer an der Studie teilnahmen, da sind sich die Artikel nicht einig. 55 oder doch 70? Wenigstens scheinen nicht nur weiße Männer befragt worden zu sein. Ihre Hoden wurden per MRI auf ihre Größe untersucht und dann wurden sowohl sie als auch ihre Partnerinnen befragt. Ihnen wurden Bilder ihrer Kinder gezeigt und dabei wurden ihre Gehirne ebenfalls per MRI durchleuchtet, um die Gehirnaktivität festzustellen.

Aber ob 70 oder 55, verglichen mit 3,5 Milliarden(!) Männern ist das keine ernstzunehmende, repräsentative Aussage. Noch dazu – wenn man den Berichterstattungen irgendwie trauen kann – wurden nur Väter von kleinen Kindern untersucht. Vaterschaft kann durchaus länger dauern. Oder erst nach dem Kleinkindalter beginnen.

ETA: Nicht unbedingt Klarheit in den sample size (55, 60, 69, 70?) bringt dieser differenziertere Artikel von Spiegel Online, der besonders am Ende sehr gut die Schleißigkeit der Studie und die Ahnungslosigkeit der Forscher*innen, wie diese Studie zu interpretieren ist, offenbart. (Danke @book_bat für den Hinweis und Link!)

Ob gleichgeschlechtliche Paare ebenfalls an der Untersuchung teilnahmen? Trans*frauen? Gab es denn eine Kontrollgruppe mit Männern, die keine Väter sind? (Wahrscheinlich ist die Antwort auf diese Fragen “Nein”.)

Aber da geht’s doch um Hoden! Hoden sind doch zum Kichern!

Stellen wir uns also keine Fragen zu sample size und den Kriterien, unter denen diese Studie durchgeführt wurde. Denken wir nicht daran, dass Wissenschaft, ihre Methoden und ihre Absichten kritisch zu hinterfragen sind. Und denken wir nicht daran, dass besonders naturwissenschaftliche Studien erst dann echte Gültigkeit erlangen, wenn sie mehrmals mit denselben Ergebnissen repliziert wurden.

2) Biologistische Argumente für sozial konstruiertes Verhalten

Nehmen wir mal 70 Männer, die Kinder haben und untersuchen ihre Hoden, ihre Hirne, ihre Reaktionen und befragen wir sie noch ein bisschen. Eltern hatten sicher alle. Aber waren auch beide Elternteile präsent? Waren die Väter präsent und engagiert? Wie erlebten sie ihr Familienleben? Welche Männlichkeitsbilder wurden ihnen vorgelebt? Welche Vorstellungen haben sie von Vaterschaft? Welche Ansichten haben sie generell und besonders zur Stellung von Männern* und Frauen* in der Gesellschaft? (Und sind sie für Gendergap oder Gendersternchen?)

Zu welchen Eltern Menschen werden hat sehr viel mit ihren Familiengeschichten, ihrer eigenen Erziehung, ihren persönlichen Erlebnissen zu tun. Wie Kinder erzogen werden, ist eine persönliche Entscheidung. Genausowenig wie Frauen automatisch und durch biologische Faktoren gute Mütter sind, genausowenig sind Männer aufgrund biologischer Faktoren schlechte Väter.

3) Sexismus

Leider gilt in unserer sexistischen Gesellschaft immer noch, dass Männer für Kinderbetreuung und -erziehung nicht so geeignet und wichtig sind wie Frauen. Diese Studie und die Verbreitung dieser Studie untermauert dieses Vorurteil. Wie schon Julia Pühringer sagte: “Da sagen dann alle ‘Kann nicht, hab große Hoden.'”

Gleichzeitig werden in der Studie und in den Berichten darüber kleine Hoden und niedriger Testosteronspiegel mit Kinderpflege assoziiert, die mit Frauen assoziiert wird und Frauen werden in unserer Gesellschaft immer noch als das schlechtere, schwachere Geschlecht stereotypisiert. Männer mit großen Hoden und hohem Testosteronspiegel werden in der Studie und den Berichten – und Männer in unserer Gesellschaft allgemein – als potent und damit mächtig dargestellt: “‘Wir kommen zu der Einschätzung, dass Männer mit größeren Hoden eher für die Zeugung gemacht sind – und folglich weniger für die Kinderpflege'”, sagte nun Rilling,” steht bei nachrichten.at.

Was für ein ausgemachter Quatsch. Was gilt ist was derselbe Herr Riling im New Scientist sagt: “Most fathers choose how involved they are in their child’s upbringing,” obwohl ich ihn da auf “all” korrigieren würde. Engagement oder kein Engagement – die Wahl besteht. Auch “unbewusstes” Fortschreiben von sexistischen Strukturen ist eine Wahl.

4) Seriöser Wissenschaftsjournalismus

Seriöser Wissenschaftsjournalismus wäre es gewesen, wenn die Journalist*innen genau diese und andere Aspekte, auf die ich nicht gekommen bin, aufgeworfen und kritisch berichtet hätten. Aber sexism sells, bestehende Strukturen kritisieren kostet Zeit und Nerven. Und dann erst die Kommentare.

Und so wird das nun weiter und weiter und weiter getragen, auch nochmal extra verkürzt auf Twitter. Und da soll ich mich nicht aufregen, sondern drüber lachen (und damit nicht mehr drüber nachdenken, meine unbequeme Meinung dazu nicht sgen und überhaupt still sein).

Ich lache dann, wenn unsere Gesellschaft nicht mehr sexistisch ist.