Raus aus der Stadt

Gestern war ich in Garsten, beim Garstener Advent. Garsten liegt in Oberösterreich, bei Steyr und ich bin schon oft mit dem Zug durchgefahren auf dem Weg zur Sommerfrische bei der Königinmutter. Vom Zug gut sichtbar ist das riesige Stift, das seit 1851 ein Gefängnis ist, auch das ist vom Zug aus gut sichtbar. Bei der Einfahrt mit dem Auto wird es nicht weniger gruselig, nicht weil ich Angst vor den Insass_innen hätte, sondern weil Gefängnisse gewaltvolle, furchtbare Orte für Menschen sind. Auch wenn ich euch nun vom schönen Adventmarkt erzähle, mag ich das nicht ausblenden.

Jetzt aber zum schöneren Teil: In Garsten war ich mit einer ortskundigen Freundin unterwegs, die mir erst einmal die hübsche Bibliothek zeigte, denn aufgrund dieser hatten wir uns eigentlich kennengelernt. Ich habe in den Kinderbüchern gestöbert und gleich ein paar für meine nächsten Buchbesprechungen gefunden. Zuerst muss ich sie allerdings noch im System der Wiener Büchereien finden und in Ruhe nochmal anschauen.

Und dann gingen wir los. Zuerst in den Pfarrsaal, wo die handarbeitenden Garstner_innen Tisch um Tisch mit genähten, gestickten, gestrickten, gehäkelten und sonst noch gebastelten Sachen belegt hatten. Besonders beeindruckt war ich von den handgestrickten Trachtenzopfsocken, weil die unglaublich viel Arbeit sind. Später in der Volksschule, in der ebenfalls handgefertigte Dinge ausgestellt wurden, sah ich dann wohl eine der Sockenstrickerinnen am Spinnrad und hätte gerne mit ihr geredet, aber sie saß gleich bei einem Durchgang und war auch gerade in ein Gespräch vertieft.

Vom Pfarrsaal gingen wir dann auf den Markt hinaus, der den Ortskern in Beschlag nimmt und weitgehend frei von Autos ist. Der Fokus des Marktes liegt auf Handwerk und der Region, daher gab es viele Schauschmieden und einen Stand des Nationalparks Eisenwurzen. Vor der einen Schauschmiede gibt es ein Extrabrett für Kinder, damit die über die Brüstung des Standes schauen können. Auch werden traditionellerweise Baumstämme zu Balken zugehauen, aus denen dann Häuser bzw. Dachstühle für Kapellen etc. gemacht werden. Daneben gibt es eine große Vielfalt von Essensständen und die Luft duftet nach Maroni, Braterdäpfeln, Würsteln, Käse, Zuckerwatte, gebrannten Mandeln, Geselchtem, ach.

Auf dem Weg zum Bücherflohmarkt der Bibliothek und zur Volksschule kamen wir an einem Stand mit Alpakawolle und daraus gestrickten und gehäkelten Sachen vorbei, die auch drei Alpakas in einem Gehege hatten, die gestreichelt werden konnten. Sie mäh-määähten eher jämmerlich und taten mir leid. Alpakawolle streicheln ja bitte, Alpakas selber bitte auf der Weide lassen. Möh.

Gleich danach gingen wir durch eine Passage und dort war ein Stand mit Sachen aus Porzellan und Keramik, die mir ins Auge fielen.  Später besuchten wir den Stand noch einmal und ich plauderte mit der Frau, die ihn betrieb. Ich wollte eine Visitenkarte oder die URL ihrer Website, um zu sagen, woher ich die schönen Sachen hatte – hatte sie aber beides nicht. Dafür hat sie einen Brennofen auf dem Balkon, den sie allerdings nur betreiben kann, wenn es draußen warm ist, da die Balkontür für das Starkstromkabel offen bleiben muss.

Ich fand das cool. Gerade kürzlich hatte ich darüber nachgedacht, dass ich zwar viele Ideen für alles Mögliche habe, die ich aber selten und meist erst später ausführe und gleichzeitig Zweifel daran habe, ob die überhaupt so toll werden, wie ich mir das denke und ob die überhaupt Anklang finden und hier war eine Person, die einfach ihr Ding machte, ihre Ideen ausführte und die vor allem eines nicht wollte: Dass es zu ihrer Arbeit wurde. Ich sollte mir sie zum Vorbild nehmen, so wie ich gerade mit meinem Strickzeug hadere, weil ich wieder einmal viel zu viele Sachen für andere Leute geplant habe und mir damit unnötig Druck mache. Ich hätte jedenfalls gerne fast ihren gesamten Stand mitgenommen – auch ihre Schüsseln waren wunderschön, aber ihre feinen Porzellan- und Keramikanhänger und -schmuckstücke gefielen mir am Besten.

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Als nächstes wanderten wir durch die Volksschule. Viele der Aussteller_innen arbeiteten an weiteren Stücken – Keksausstechern, Wanderstäben, Glaskugeln, etc. Besonders gefallen haben mir die Glasmalerin, die Weihnachtskugeln mit Namen und Mustern bemalte und beglitzerte und der Stand der Blaudruckerei Wagner, einer der zwei Blaudruckereien in Österreich. Diese Druckerei ist im Mühlviertel und druckt auch zweifärbig. Die andere ist die Blaudruckerei Koo im Burgenland, über die ich schon einmal geschrieben habe. Aber es gab noch eine Menge anderer erstaunlicher Dinge, kunstvoll bemalte Lebkuchen, gedrechselte Holzschüsseln, Kugeln und Kreisel, “Explosionsboxen” – Papierschachteln, die beim Abnehmen des Deckels auseinanderfielen und ihr Innenleben preisgaben, z.B. ein Backherd mit Keksen im Lebkuchenhaus, gewebte Teppiche, gefilzte Hüte und Kleidung, Reisigbesen …

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Danach gingen wir in die Stiftskirche, die mir sehr bekannt vorkam, irgendwo hatte ich kürzlich eine Kirche mit ähnlichen barocken Verzierungen gesehen, aber mir fällt immer noch nicht ein, wo genau. Jedenfalls hat sie eine sehr schöne Tür und einen Altar, der mit getriebenem Silber verziert ist, umwerfend.

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Auch die Altarsäulen sind fantastisch, mit den kleinen Figuren auf den Ranken. Leider wollte die Smartphonekameras sie nicht so gut aufnehmen.

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Danach wanderten wir dann in die Neue Mittelschule, in der immer die Fotoausstellung des örtlichen Naturfreunde-Fotoclubs stattfindet. Dort waren auch Weihnachtsbäume zu sehen, die von verschiedenen örtlichen Volksschulen und Klassen der neuen Mittelschule geschmückt worden waren. Besonders gefielen mir der Duftbaum, der Wollbaum und der Recyclingbaum.

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Duftbaum der Volksschule Garsten

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“Wir arbeiten mit Filz” – Baum der Volksschule Aschach/Steyr

“Das Christkind liebt Recycling” – Neue Mittelschule Garsten

Schon beim Durchwandern und jetzt beim Schreiben nochmal wurde für mich überall die viele Arbeit sichtbar, die hinter dem Adventmarkt steckt. Wie viele Stunden saßen die Personen, die den Pfarrsaal mit Selbstgemachtem gefüllt hatten? Wer schmückte die Weihnachtsbäume, die in der Volksschule und anderswo standen? Wer machte die Torten für das Goldhaubenkaffee? Wieviele Leute da für Betreuung der Stände und Ausstellungen aus dem Ort organisiert waren – dank meiner Freundin blieben sie nicht irgendwelche Menschen, sondern ihre Verwandten, Kolleg_innen, Freund_innen. Die Musiker_innen, die sich hinsetzten und spielten, die Aussteller_innen, die an ihren Stücken arbeiteten, die Lehrer_innen und Kinder, die die Weihnachtsbäume vorbereiteten. Und dann noch die Menschen in der Vergangenheit – die, die die vielen lustigen und schönen Teile des Altars in der Stiftskirche fertigten, die Tür mit ihren Verzierungen schmiedeten, die Kirche renovierten und die Menschen, die unter den Nazis zum Bau der Staukraftwerke entlang der Enns gezwungen wurden …

Irgendwie finde ich, dass der Adventmarkt viele Spannungsfelder sichtbar machte. Die Gratwanderung zwischen Traditionalismus, Konservativismus, Tradition, regionalem Leben, Ortsleben und seine Erhaltung, den Stellenwert und die heutigen Umstände von Handarbeit und Handwerk, die Geschichte und Strukturen, die allem unterliegen und uns alle umgeben – drum war der Garstener Adventmarkt für mich nicht nur einfach “Yay, Weihnachten”-schön, sondern unglaublich spannend.

 

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Berlin, April 2014

“Wir kaufen Ihr Miethaus” klingt nach einer gefährlichen Drohung. Heute sah ich, dass in Moabit abgerissen und renoviert wurde. Gentrifizierung, ick hör dir trapsen.

In die falsche S-Bahn steigen und schon bin ich unterwegs ins Bauhausmuseum, mit Frühstückszwischenstopp in Charlottenburg, das mich anscheinend nicht loslassen will. Bourg de Charlotte, du alte Klette, ja, ich mag dich doch auch. Warum hat mir eigentlich niemand gesagt, dass es in Berlin ein Jugendstilmuseum gibt, das allerdings noch wegen Umbau geschlossen hat? Also erst mal Bauhaus.

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Als ich 1998 das erste Mal Berlin besuchte, mit meiner Schweizer Schulklasse, durften wir nicht alleine in Berlin herumfahren. Frau Anna Z., die mit 14 und 15 schon alleine in London herumgesaust war, stieg in einen Bus und fuhr alleine zum Bauhausmuseum und entgegen aller Befürchtungen starb sie nicht, sondern sah sich eine Ausstellung über die Textildesignerinnen* des Bauhauses an, denn das durften die Frauen* damals im Bauhaus.

15 Jahre waren es letzten Herbst. Stolz zeigte ich nachher meine Trophäen meinem Vater, damals noch analoge Fotos und die Postkarten aus dem Bauhausmuseum. Mit meiner Klasse wohnte ich in der Jugendherberge beim Tiergarten und eines Abends gingen wir aus, in den Tresor. Erster Club ever und das unschuldige, zum ersten Mal groß (von N.) geschminkte Annakind aus der Großstadt Wien war vom Stroboskopeffekt faszinierter als von dem blonden Jungen, der ihm zulächelte. Alles war in Momentaufnahmen zerhackt und meine Mitschüler*innen sahen großartig aus.

An der Haltestelle, an der wir aussteigen, um zu unserer Jugendherberge zu gelangen, sahen wir auf der Botschaftswiese hinter einem Zaun jeden Abend mehr Kaninchen …

Moderne Architektur, modernes Design erinnern mich natürlich an meinen Vater und nun sitze ich hier im Museum, belausche Franzosen beim Aufzeichnen der Maße des berühmten Schachspiels von Josef Hartwig und heule mal wieder. Atmen, Anna, Atmen. Wenigstens werden nun die Frauen*, die im Bauhaus wirkten, durchgängig prominenter hervorgestrichen. Eine Eulen- und eine Katzenstatue von Josef Hartwig wirken wie eine kleine Internetreferenz. Ich gehe jetzt. Taschentuch, Museumsshop. Hoppelhase aus Holz, Vorlegebesteck, das wie ein Spielzeug zum Zusammenbauen aus einem Rahmen herausgedrückt werden muss. Vielleicht lass ich es drin. Warum bin ich immer so verwirrt von der Freundlichkeit der Menschen hier? Warum erwarte ich, dass sie unfreundlich sind? (Wien, daran bist du schuld.)

Ich fahre an dem Rasenstück mit dem Zaun vorbei, wo die Kaninchen grasten, es liegt auf der anderen Seite des Kanals. Jetzt sind wir fast am Potsdamer Platz, bei Philharmonie und Gemäldesammlung, beide habe ich 1998 besucht, ich will aber zum Moritzplatz, um von dort mit der U-Bahn zur Weinmeisterstraße zu fahren. Ich mache Schlenker durch die Stadt, denn noch habe ich Zeit.

Die Statue im Waldeckpark trug den ganzen Winter einen gelben Schal, jetzt trägt sie ein schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift “Wonderwaffel”, Werbung also. Die Zierkirschenbäume beim Moritzplatz blühen. Ein Besuch in meinem Lieblingsbuchladen, wo ich immer Tee und Zuspruch bekomme und Bücher erwerbe, die nicht auf dem Plan standen. Hundt Hammer Stein heißt sie. Jetzt habe ich noch ein Buch von Zadie Smith, ihr erstes (White Teeth), eines von Teju Cole, eines über einen Enterich, der ein Ei findet. Vielleicht lese ich es Nibling vor, in zwei, drei Jahren. Am Samstag kommt dann noch ein Buch von Chimimanda Ngozi Adichie dazu, als gäbe es in Wien keine Buchhandlungen. Naja, bisher keine in der ich Tee und Zuspruch kriege.

Zurück nach Kreuzberg. Ich nehme am liebsten den M29, weil der mich direkt vor dem Café abliefert, zu dem ich will. Und nachher bringt er mich wieder zurück, normalerweise fast direkt vor die Charlottenburger Hosteltür, diesmal wenigstens zur U2, die mich zur Turmstraße bringt. Diese Illusion, sich langsam auszukennen. Ein bisschen halt.

Berlin.

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Winternachtreise

Für @viennarightnow

Ich hätte ins Museum gehen sollen heute früh. Ich wäre glücklicher gewesen. Vielleicht hätte meine charmant zerstrubbelte Erscheinung auf eine ebenso charmant zerstrubbelte Person Eindruck gemacht und beim Wandeln durch die Räume wären wir uns immer wieder begegnet, hätten uns angelächelt und wären schließlich ins Gespräch gekommen, Meet-cute, Fernbeziehung Wien-Berlin oder sonstwo, happy end und alles.

Stattdessen saß ich nun in Zug, konnte schon seit geraumer Zeit nicht mehr schlafen und sah eine menschenleere Landschaft voller orange leuchtenden Lampen, im Hintergrund Windräder, deren rot blinkende Lichter der ganzen Szene etwas höllisches gaben, obwohl ich nicht an die Hölle glaube.

Zeitweise war Schnee zu sehen. Es schien mir unglaublich, wie wenig ich mich damit abgefunden hatte, dass es tatsächlich Winter war. Ich, die ich Winter immer gemocht hatte, die mit Kälte und Nässe gut zurecht kam und der immer noch wärmer war als allen anderen. Aber ich konnte es einfach nicht glauben, dass der Sommer, der so schön gewesen, endgültig vorbei war.

Mir fiel kein deutsches Wort ein für dieses Gefühl. Die englische Sprache hat uns Schadenfreude abgenommen, aber nichts gegeben, das “resentment” ausdrücken könnte und das französische “Ressentiment” kling viel zu fröhlich. Natürlich könnte ich auch sagen, dass ich meinen schweren Wintermantel hasse, aber es klänge gleichzeitig extrem und trivial. Nein, “resentment” war das richtige Wort – ein schwelendes Gefühl, das so dumpf war wie es sich anfühlte, wenn ich den Mantel trug. Dabei war der Mantel das letzte Weihnachtsgeschenk meines Vaters.

Der freundliche Nachtzugschaffner hatte mir ein ganzes Abteil für mich alleine gegeben, welch Luxus! Und trotzdem konnte ich nicht schlafen. Ich hatte vor mich hin gedämmert und versucht einzuschlafen, indem ich meine Gedanken zum Wandern zwang. Bei der letzten Reise konnte ich sie nicht vom Rasen abhalten, diesmal wanderten sie, auf schöne Pfade gezwungen, aber nicht die schönsten, denn sonst würde ich traurig, also gelang es mir nicht einzuschlafen. Oder vielleicht doch. Ein kurzes Traumstück in dem meine Mutter mir ihren neuen Wäschetrockner und ein Putzwägelchen zeigte, interpretierte ich als die Nachwehen der großen Waschmaschinentransportaktion von 2013.

Nach dem unbemerkten Überfahren der Grenze unterschieden sich die öden Lande  nur durch die Absenz von Schnee. Kein Blatt, keine Blume, kein Tier war zu sehen, nur kahle Äste, Lichter und Dunkelheit. Ich hätte heulen können, aber worüber? Gute Aussichten standen mir bevor. Croissants. Kakao. Möglicherweise noch ein wenig Schlaf. Freie Wahlmöglichkeit meiner Aktivitäten. Also kein Heulen und trotz der Isolation kein Gefühl der Einsamkeit. Ein einziger Knopfdruck und ich wäre wieder mit der weiten Welt verbunden, könnte meinen Gedanken in kürzerer Form Ausdruck geben und Widerhall finden.

Ich wusste selbst nicht, worauf ich wartete. Vielleicht auf den Sonnenaufgang, der erst viel später oder sogar nie erfolgen würde in diesen grauen Tagen. Immer noch blinkten Windräder in der Ferne. Dann die ersten Anzeichen von Wien. Die Überfahrt der Donau. Zuhause, dachte ich.

Frauen* hat es nie gegeben. Feministische Geschichtsschreibung – Teil 2

Zweiter Teil meines Berichts vom Betriebsausflug am 1. Oktober zum “Brot”-Teil der Niederösterreichischen Landesausstellung 2013 mit dem Thema “Brot und Wein” im Urgeschichtemuseum Aspern an der Zaya.

Auch hier gilt: Dadurch dass sich die binäre Geschlechterordnung (Frau – Mann) auch in der Geschichtsforschung noch fest hält, bin ich diesmal etwas kreativ mit den Gendersternchen und hänge sie nicht überall an, um sichtbar zu machen, wann in binären Kategorien gedacht wird, wobei aber auch immer Fehler passieren können.

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Nachdem ich das Bild getweetet hatte, über das ich im 1. Teil geschrieben habe, war ich voller Zucker und Selbstzufriedenheit. Das war’s jetzt, dachte ich. Feministische Aktion für heute erledigt. Ach, wenn es nur so gewesen wäre.

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This is what a feminist historian full of sugar and self-righteousness looks like.

Die Ausstellung behandelt das Thema “Brot” und seine Geschichte. Gleich zu Beginn entdeckte ich, dass es in der Ausstellung Gratis-WLAN gab, um die QR-Codes auf den Ausstellungsplakaten auslesen zu können – yay! Aber das reicht nicht. Bilder konnte ich über das WLAN leider keine tweeten. Eigentlich ist auch Fotografieren nicht erlaubt, aber … ich sag da jetzt nichts dazu, das ist ein anderer Rant.

Im ersten Raum wurden Werbungs- und Verkaufsmethoden mit steinzeitlichen Jäger-Sammler-Klischees verbunden. Blöd nur, dass Menschen in Europa zu verschiedenen Zeiten sesshaft wurden, manche gaben die Sesshaftigkeit auch (zeitweise) wieder auf, gejagt und gesammelt wurde und wird immer von allen, die sonst nicht satt wurden und werden, und wenn von der Steinzeit auf heute und von heute auf die Steinzeit geschlossen wird, sollten das besser Menschen tun, die sich wirklich sehr, sehr, sehr gut mit diesem Bereich auskennen. Verkürzte Darstellungen und Klischees zementieren nur die patriarchale Geschlechterordnung, indem sie sie mit angeblichen Fakten untermauern.

Danach kamen wir zu einer Wand, die verdeutlichen soll, was Steinzeitmenschen schon alles entdeckt und entwickelt hatten, bevor sie sesshaft wurden. Hier ist deutlich zu lesen, dass es in der Steinzeit keine Frauen* gab. Oder vielleicht wurden Frauen* nie sesshaft und ziehen immer noch als Jägerinnen* und Sammlerinnen* herum? Haben sich alle Frauen* mit der Sesshaftigkeit magisch in Männer verwandelt? Das wird es wohl gewesen sein …

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Nach dieser Wand habe ich dann nicht mehr auf alles aufgepasst, außer auf die krassesten Aussagen unseres Führers* durch die Ausstellung. Dass ich wirklich viel Neues zu sehen kriege dachte ich mir sowieso nicht, ein paar schöne Objekte vielleicht und wieder mal eine Lektion darin, wie Ausstellungen nicht mehr gemacht gehören.

Wir kamen zur Statuette der “Venus von Falkenstein” aus der jungsteinzeitlichen Lengyel-Kultur, die “unserem Schönheitsideal mehr entspricht” (Aussage des Führers*) als die Venus von Villendorf (die hat dafür einen eigenen Wikipedia-Eintrag):

Warum müssen die immer alle “Venus” heißen, selbst heute noch, wo längst andere Begriffe gefunden werden könnten? Und warum müssen steinzeitliche Frauen*statuetten um der “modernen Vermittlung” willen fatshaming ausgesetzt sein? (Und warum gibt es zu fatshaming noch keinen eigenen Wikipedia-Eintrag?)

Bei dieser Tafel über die Bedeutung des Getreideanbaus wurde dann deutlich, dass Frauen* noch nie etwas entwickelt oder erfunden haben, ganz, ganz sicher nie nie nie. Und überhaupt sind Frauen* für die Entwicklung der Menschheit völlig unerheblich:

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Im selben Raum hingen auch aus dem Zusammenhang gerissene Zitate von Archäologen. Natürlich, Archäologinnen* gibt es auch nicht. Leider habe ich die nicht fotografiert. Aber in diesem Text über steinzeitliche Kriege wird alles klar: Wissenschaftlerinnen* gibt es einfach nicht auf dieser Welt:

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Weitere Highlights:

  • Singlehaushalte sind gleichzeitig Schuld an der heutigen Warenvielfalt und daran, dass frühere Herstellungsmethoden fast völlig verschwunden sind.
  • Früher war alles besser™.
  • Und dann kicherten noch alle über die Skulptur der thailändischen Reisgöttin Mae Posop (Link zur Google-Bildersuche), die “wie aus dem Kitschladen” aussah, weil es ja furchtbar lustig ist, sich über andere Religionen und ihre Kulturgüter lustig zu machen.

Bei der aus ihrem Zusammenhang gerissenen Holzstatue einer Frau* aus dem Alten Ägypten, die wahrscheinlich Mehl mahlt, frage ich mich, ob sie nicht eher dabei ist, ihren Kopf gegen die Wand zu donnern.

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Warum wurde diese Statue stellvertretend für etliche ägyptische Reliefs und Malereien genommen, auf denen Männer* und Frauen* gemeinsam bei der Erzeugung von Nahrungsmitteln zu sehen sind? Weil sie leicht aus einem anderen Museum auszuleihen war? Warum ist sie genau auf diese Art und Weise ausgestellt?

Im Ausstellungsraum zur Neuzeit gab es dann auch nie Bäckerinnen* und Müllerinnen*. Und auf diesem Bild sind “fliegende Gebäckhändler” zu sehen, d.h. Männer (weil Frauen* gibt es laut Bildtext auf diesem Bild keine und Männer* auch nicht), die Gebäck in der Stadt und auf dem Land in den Straßen und von Tür zu Tür verkauften:

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Danach wurde ich dann gerügt, dass ich nicht mehr fotografieren sollte – ich habe mich nicht daran gehalten. Ich habe aber auch nicht weiter dokumentiert oder aufgepasst. Ich habe nur noch einen bösen Kommentar im Gästebuch hinterlassen (Monierung der nicht geschlechtergerechten Sprache und “Geschichtsbild wie aus den 1950er-Jahren”) und habe mich nach draußen verzogen.

Ich fasse zusammen: Frauen* gab es nie in der Geschichte. Zumindest in dieser Art von Geschichte, die schon längst Geschichte sein sollte. Schönstes Stück der Ausstellung war diese Ritzzeichnung aus der Römerzeit, gefunden in Burgneudorf, Burgenland, die je nach Interpretation entweder zwei kleine Mädchen* oder eine erwachsene Frau* und ein Mädchen* oder ein Mädchen* und einen Buben* darstellt:

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Gelesen wurden die Namen in der Ausstellung als “Petronia” und “Julia”. Auch wenn nicht mehr festgestellt werden kann, ob zwei Mädchen* diese Zeichnungen in die Wände ritzten, wo bitte bleibt meine Kinderbuchreihe “Julia & Petronia, sgraffiti artists”? Schreiben wir uns weiterhin eigenhändig in die Geschichte ein. Es tut sonst niemand für uns.

Berlin gemischt

Berlin ist so überlagert.

Ich sagte auf Twitter: Wie Berlin war, darüber denke ich seit gestern nach. Schön, spannend, lustig, interessant, belebt, neu, faszinierend, toll …

Und vertraut. Aus Gerhard Seyfrieds Comics. Aus vielen, vielen Büchern. Warum der “Tauentzien” (die Tauentzienstraße) mir so vertraut klingt, ich weiß es nicht.

Dann sagte ich noch: aber Berlin ist auch immer traurig, belastend, nervig, fremd, voll, verstörend, anstrengend, erschreckend, wehmütig …

Anstatt in ein Museum zu gehen, setzte ich mich in den Bus. Den Kurfürstendamm entlang, an James Cagney’s “Kurfürstendamm” aus One, Two, Three (bitte nur im Original ansehen) denkend. Einmal den Botanischen Garten umrundet, aber nicht hineingegangen. Nächster Bus zur Endstelle Turmstraße, noch ein Bus nach Pankow, eine Straßenbahn zur Björnson-, eine zur Warschauer Straße, halb um die Stadt.

Ob West oder Ost, die Häuser waren sich ähnlich. Backstein, Jugendstil, Naziarchitektur, 60er Jahre, ganz neu nur im Zentrum. Wie, wenn ich an Billy Wilder’s A Foreign Affair (nur im Original ansehen) denke, wo Luftaufnahmen von Berlin 1945 zu sehen sind, wie kann es sein, dass noch so viele alte Häuser stehen? Die Straßen waren sich auch ähnlich, ähnlicher als gedacht. Eine App, die mir mehr über diese Häuser sagen würde, wenn ich auf sie ziele …

Beim Starren auf die vielen Stadtpläne immer wieder Orte, die belastet sind. Wannsee. Kann man dort eigentlich wirklich Schwimmen gehen?

Plötzensee. Sowohl mein Großvater väterlicherseits als auch meine Großcousine mütterlicherseits sangen einen populären Schlager, der so ging:

“Du bist verrückt mein Kind,
du musst nach Berlin.
Da wo die Verrückten sind,
da gehörst du hin.

Du bist verrückt mein Kind,
du musst nach Plötzensee.
Da wo die Verrückten sind,
am grünen Strand der Spree.”

Danach wurden in Plötzensee Menschen hingerichtet.

Der Bahnhof Friedrichstraße war auch vor Kurzem anders geworden. Auf die Kinderverschickungen und Todeszüge macht eine Skulptur vor dem Bahnhof aufmerksam, die hatte ich schon im Oktober gesehen. Aber hier noch eine Schicht mehr:

Gedenktafeln, Stolpersteine finden sich auch in Wien (zu wenige). Aber Berlin ist trauriger, Schicht über Schicht über Schicht.

Ich habe kein einziges Foto gemacht bei dieser Reise um die halbe Stadt. So wie in Wien war es in den Außenbezirken ruhig, aber mein Fehler war, mir eine Touristenattraktion im Stadtzentrum bei Sonnenschein ansehen zu wollen. Es war eine so niedere Mauer. Das mach ich dann erst im Winter wieder. Und haltet euch vom Alexanderplatz fern, dieser Umsteigehölle.

Erst am Abend kam ein Wetter auf, das ungefähr ausdrückte, wie mir zumute war. Ach was soll das noch werden, mit mir und Berlin?

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Foto Anna Zschokke CC BY-NC-SA 3.0