Der Frantz, der Oasch

CN Tod, Verletzung, Krankheit, Gewicht

Es ist Anfang Februar. Herr Schnurrkringel möchte nicht mehr fressen und trinken. Ich lasse ihn einschläfern. Es geht mir schlecht. Was für ein Scheißjahr, denke ich. Das reicht aber jetzt, denke ich.

Irgendwie raffe ich mich wieder auf. Es wird Frühling. Frühling ist schön. Auf Twitter postet ein Bekannter ein Bild von einer ihm zugelaufenen Katze, die sechs Kätzchen geboren hat. Eines ist schwarz. Ich frage ihn, ob er die Kätzchen hergibt. Wenn das schwarze Kätzchen ein Kater ist, ist es meiner, sage ich.

Es ist ein Kater. Ich suche mir einen Namen aus, den Namen einer Figur aus einem meiner Lieblingsbücher. Auf Japanisch bedeutet der Name “heilen“ und “reparieren“ sagen mir meine Japanisch sprechenden Lieben. Online nenne ich ihn Susu, nach den susuwatari, den Rußbällchen aus den Filmen von Hayao Miyazaki, doch bald heißt er vor allem Herr Baby.

Aber noch habe ich ihn nicht. Noch habe ich vor allem ein nervöses Bauchgefühl, denn ich hab mich noch nie als Erwachsene um ein Kätzchen gekümmert. Ich hole ihn ab. Er ist ein Schatz.

Zwei Tage nach seiner Ankunft kriegt der Schatz Durchfall. Er frisst nicht mehr, ich muss ihm alle paar Stunden mit der Spritze Aufbaubrei geben. Bald jede halbe Stunde, denn zu viel Brei auf einmal verträgt er nicht. Ich schlafe kaum, esse wenig, viel zu schnell, kriege Stressbauchkrämpfe, nehme ab. Im Schlafmangelstress zerhäcksle ich mir mit dem Pürierstab den linken Zeigefinger. Ich habe Glück und verletze keine Sehne. Was für ein Scheißjahr, denke ich. Das war’s jetzt aber, denke ich. Susus Durchfall wird langsam besser. Er frisst wieder selbst.

Ich komme endlich wieder zum langsamen Kochen und koche ein köstliches Ragout mit Champignons, Tomaten, Rindfleisch, Zwiebeln. Danach kriege ich Bauchschmerzen. Ich trinke Tee und nehme bewährte Salbeitropfen. Am nächsten Tag sind die Schmerzen noch da und werden stärker. Ich habe niemanden, der auf Susu aufpasst. Ich nehme ein Ibuprofen und lege mich mit der Wärmeflasche ins Bett.

Am Abend rufe ich bei der neuen Gesundheitsnummer der Stadt Wien an. Dann rufe ich meine Mutter an, die sich auf den Weg nach Wien macht. Kurz darauf fahre ich das erste Mal mit der Rettung, sitze das erste Mal in der Notaufnahme eines Krankenhauses. Ich habe Gastritis. Was für ein Scheißjahr, denke ich. Das war’s jetzt aber, denke ich. 

Ich darf erst einmal nur Schonkost essen. Ich nehme weiter ab, Susu nimmt zu und wächst jeden Tag. Manchmal tränen ihm die Augen, manchmal niest er, manchmal hustet er. Ich kriege Magensäureblocker, er kriegt Augen- und Nasentropfen, Vitaminpulver und -pasten. Ich frage mich, ob er eine unterliegende Krankheit hat. Wird schon nichts sein.

Susu fährt das erste Mal mit im Auto, für ein Wochenende aufs Land. Er ist ungeheuer brav und ungeheuer charmant mit allen. Ich gehe auf Anraten meines Hausarztes zur Ultraschalluntersuchung. Wird schon nichts sein. Die Ärztin findet ein Ding. Ich soll zur Computertomographie. Mein Hausarzt schickt mich zur Magnetresonanztomographie. Wird schon nichts sein. Es ist aber ein Ding, ob in oder an der Bauchspeicheldrüse ist immer noch nicht ganz klar. Ok? 

Mein Hausarzt schickt mich zum Facharzt, der eigentlich nur einen Termin im Allgemeinen Krankenhaus ausmacht. Ein Endosonogramm und eine transgastrische Biopsie – durch den Magen. Ich werde über Nacht im Krankenhaus bleiben müssen. Ich bitte meine Mutter, Susu zu hüten. Wird schon nichts sein.

Anfang August bemerke ich, dass Susus linkes Auge irgendwie trüb ist. Die Tierärztin verschreibt eine Salbe, das Auge trübt sich weiter, plötzlich ist etwas im Glaskörper, das aussieht, wie eine Wolke. Die Tierärztin verschreibt Tabletten und fährt auf Urlaub. Wird schon nichts sein.

Susus Auge wird aber nicht besser. Nach Anrufen bei verschiedenen Stellen gehe ich mit ihm zur Ausweichtierärztin, Bluttests machen. Hoffentlich ist es was einfaches. Die Tierärztin hält Rücksprache: Es ist FIP, Feline Infektiöse Peritonitis, eine der Katzenkrankheiten ohne Impfung, ohne Heilung. Aber sie muss ja nicht gleich ausbrechen. Was für ein Scheißjahr, denke ich. Das reicht jetzt aber wirklich (bitte bitte), denke ich.

Die FIP bricht aber aus. Herr Baby atmet schwer und ruckartig, verweigert Futter & Trinken. Scheiße. Ich gehe zur Tierärztin und lasse ihn einschläfern. Reicht das jetzt? Mir reicht es zumindest. Was für ein extrem beschissenes Jahr.

Aber es geht weiter, irgendwie. Ich gehe ins Krankenhaus, bekomme meine erste Narkose, träume von Susu, heule beim Aufwachen fürchterlich und kann mich lange nicht beruhigen. Sonst ist der Aufenthalt problemlos. Ich gehe nachhause und warte auf das Resultat. Wird schon nichts sein.

Es ist aber was, ein Frantz-Tumor, benannt nach seiner Entdeckerin, Virginia Kneeland Frantz, ausgesprochen selten, eigentlich gutartig, außer er bildet Metastasen. Meiner ist noch klein. Ich bin erst mal baff. Was für ein Scheißjahr. Hat das alles immer noch nicht gereicht?

Eine Woche später habe ich den Termin zur Besprechung der Operation. Ich erfahre, dass mir nicht nur der Tumor, sondern wohl auch ein Stück der Bauchspeicheldrüse und meine Milz entfernt werden wird. Das können sie aber erst während der OP wirklich sagen. Ich muss für mindestens 12 Tage ins Krankenhaus, mitten im Oktober.

Hä? Aber … wie? Wiiiiieeeeeee??? Aber … hab ich dann nachher vielleicht Diabetes?! Ja. Bzw. muss ich für immer meine Ernährung umstellen. Wenn die Milz entfernt wird, ist auch mein Immunsystem nicht mehr dasselbe. Häääää??? Ja. Dafür wahrscheinlich keine Chemo und die Prognose nach einer OP ist gut.

Aber es ist immer ein klein wenig schlimmer als erhofft, wenn auch nie ganz schlimm. Immer noch ein Glück im Unglück (wie ich diese Phrase mittlerweile hasse). Ich bin eigentlich noch immer baff. Scheinbar reicht es noch nicht und langsam krieg ich Angst. Was für ein Scheißjahr.

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Nachlass

#CN Tod

Gerade habe ich das Flauschfleckchen des Katers und fast alle Spielmäuse in den Müll gelegt. Gelegt, ja. Trotzdem in den Müll. Seine Bürste legte ich in die Lade, wo der Bürsthandschuh ist. Seine Schüsselchen habe ich in einer Ecke des Vorratsschranks versteckt. Die Schaufel für die Katzenstreu liegt bei den anderen Schaufeln. Das Katzenklo ist gewaschen und wieder in seiner ursprünglichen Funktion – bequemer Wäschekorb – in Verwendung. Alles Katzenfutter ist in einem Sack, auch die umgefüllten Katzenkekse, für den Nachbarn der Königinmutter und seine Katzen. 

Alles tut weh. Das Waschen der Unterlagen und Heizungsabdeckungen und in die Transportkiste, die auch gewaschen werden muss, habe ich noch nicht einmal hineingeschaut. Im Moment lagere ich dort Karotten. Wohin mit dem ungeöffneten Sack Katzenstreu? Das Kratzbrett muss in den Müll. Die aus Wolle gestrickte und gern bespielte Maus wartet auf das Begräbnis. Ich warte auf Tauwetter.

Die wasserdichten Unterlagen langsam von den Betten und vom Sofa nehmen wollen. Staub saugen und die 10.000 Brösel, die der Kater überall verteilt hat, entfernen wollen. Nicht können. Die Unterlagen vom Fressplatz abwaschen wollen. Behalte ich die? Vielleicht. 

Heulen. Viel heulen. An den Kater denken. Heulen. Abwechselnd sofort eine andere Katze und nie wieder eine Katze wollen. Von Kätzchen träumen, die ich nicht haben möchte. Nicht schlafen können, nicht aufstehen können ohne die Rituale, den meckernden Kater, das sanfte Schnarchen. Leise die Lieder singen die helfen und die, die absolut nicht helfen. 

Überlegen, ob ich sein Bild vom Sperrbildschirm nehmen soll, denn da schaut er mich jedes Mal an. Mich erinnern, dass ich es fast nicht aushalte, Bilder von meinem Vater zu sehen. Katerbilder anschauen. Heulen. An die Gedichte denken, die ich vor 2 Jahren über den Kater schrieb und die mit dem alten Smartphone wohl gestorben sind. Im Bett liegen und nicht mehr können, nicht die Katzenkeksgläser abwaschen, nicht aufräumen, nichts. Katerförmiges Loch in mir.

Stille

#CN Tod

Die letzten Male musste ich bei der Tierärztin immer sehr lange warten. Heute waren keine Menschen im Wartezimmer. Nur eine Katze, die sich im Regal bei der Meerschweinchenstreu verkrochen hatte und sich jedes Mal duckte, wenn die Assistentin oder die Tierärztin vorbeikamen. 

Da saßen wir. Der Kater hatte zum ersten Mal seit Monaten nicht bei mir im Bett geschlafen. Und statt bis am Nachmittag zu warten, packte ich ihn gleich ein.

Als ich wieder raus kam, waren immer noch keine Leute da. Wie gut. Zuhause heulte ich erst einmal laut. 

Es ist Zeit

#CN Tod

“Es ist Zeit”, sagt etwas in mir, wenn ich meinen Kater ansehe. Herr Schnurrkringel möchte nicht mehr. Möchte nicht mehr zur Tierärztin, möchte nicht mehr Medikamente nehmen, möchte nicht mehr Fressen (obwohl heute noch gnadenhalber Thunfisch angenommen wurde), möchte nicht mehr Trinken. Seit ich von einem kurzen Besuch bei M. nachhause gekommen bin, liegt er an der Heizung und rührt sich kaum von dort weg.

Eigentlich wollte ich ihm noch einen schönen Frühling ermöglichen und ihn vor allem nicht bei der Tierärztin im Gefrierschrank lassen und warten bis der Boden bei der Königinmutter wieder aufgetaut ist. Aber er kotzt alle Schmerzmedikamente aus, auch sein Arthritismedikament, den Magenschutz … gerade die Antibiotika, von denen zwei verschiedene eh schon nicht gewirkt haben und seine Nierenmedikamente, die er seit dem Herbst jeden Tag braucht behält er bei sich. Aber er hasst es, wenn ich sie ihm gebe.

Die meisten Menschen, denen ich davon erzähle, fragen, wie alt er ist. Herr Schnurrkringel ist 15 1/2. Ist das alt für einen Kater? Oder ist er noch zu jung? Unsere letzte Katze wurde 23, aber sie war klein und zäh. Herr Schnurrkringel ist groß und zart. So zart. So nervös, so leicht zu ängstigen. Er mag keine lauten Geräusche, keine plötzlichen Geräusche, keine gehobenen Arme, keine Stangen, kein Geklapper, kein Geschiebe, den Staubsauger nicht und die Waschmaschine nicht und singen darf ich auch nicht.

So ein eigener Kater. Und dabei der beste Kater, der bravste. Bis er anfing aufs Sofa und aufs Bett zu pinkeln, der Blase wegen. Seit alles mit Inkontinenzunterlagen abgedeckt ist, pinkelt er nicht mehr aufs Sofa oder aufs Bett. Armer Lausbub. Wären es nur die Nieren, nur die Arthrose in der Hüfte, ich hätte es noch länger versucht, aber die Blasenentzündung verschwindet einfach nicht.

Ob er morgen noch etwas frisst? Wie ihn morgen einpacken? Wie das morgen überstehen? Wie schlafen? Aber ich muss ihn nur ansehen.

Ja, schon wieder Trauerarbeit

CN (Content note – Notiz zum Inhalt): Tod eines Elternteils

Ja, schon wieder! Sie geht nicht weg. Vor einiger Zeit schrieb ich an eine andere Person über das Hinwegkommen über Trauer:

Es wird nur … weniger oft. Nicht weniger intensiv. Aber irgendwann ist es dann nicht mehr ganz so fürchterlich schlimm.

Dann ist es nur noch fürchterlich schlimm. Dann nur noch fürchterlich. Usw. Aber es geht nie ganz weg, wie auch.

Aber Trauern ist notwendig und ok. Trauer verschleppen oder verdrängen zieht sie nur in die Länge & macht noch einsamer.

Irgendwann legt dann das Leben vielleicht genug schöne Tücher über die Trauer & mummelt sie weich ein.

Dann hält sie Winterschlaf bis zum nächsten Mal. Vielleicht wacht sie zwischendurch auf. Aber es ist ok. Trauer ist ok.

Ja, sie wacht zwischendurch auf, besonders wenn die Haut wegen anderen Dingen schon dünn ist. Je mehr andere Dinge an mir nagen, desto eher wacht sie auf, die Trauer. Da ist sie dann, springlebendig, leuchtend, pulsierend. Schmerzhaft, lästig, ungeplant. Wenn ich dann versuche, sie wieder einzumummeln, wächst sie und wächst sie, bis ich selbst alle Tücher wegreiße und sie anschreie: “Was zum Scheiß ist denn jetzt wieder?”

Meistens ist es eine Variante von “Dein Vater hat dich mal sehr geliebt, aber später warst bzw. jetzt bist du ihm nicht gut genug.” Diesmal sind es die Kinderbücher, die ich lese, solche mit meinem Namen im Titel, die er extra für mich ausgesucht und gekauft hat. Eigentlich will ich sie nur lesen, damit ich sie eventuell weiterempfehlen kann, aber der schiere Gedanke daran, dass mich mein Vater einmal so geschätzt und unterstützt hat, bringt mich so zum Heulen und zur Verzweiflung, denn ich bin heute immer noch nicht in einer Situation, die mein Vater akzeptiert hätte, in der er micht wieder geschätzt und unterstützt hätte. Aber wäre er je zufrieden gewesen?

Heute hatte ich zum ersten Mal den Gedanken, dass er der ist, der den Schaden hatte: Er hat seine Tochter nie glücklich gesehen, weil er jeden Weg den ich eingeschlagen habe als schlecht und nicht genügend definiert hat. Viele meiner Wege habe ich deshalb wieder aufgegeben. Dabei bin ich jetzt genauso geldlos wie als wenn ich doch Regisseurin geworden wäre. Oder “echte” Historikerin, so an der Uni. Dadurch dass ich ihm nie genug war, war ich ihm nie genug.

Zwischendurch hat er sich dann doch verraten, wenn er ja doch mit Genuss die Kuchenstücke aß, die ich ihm hinstellte, die gestrickten Sachen trug, die ich ihm schenkte, die Comics las, die ich un_absichtlich herumliegen ließ. Aber er hat so viel nicht gewusst von mir, wollte es nicht wissen, weil er mir immer nur Vorträge darüber hielt, was ich zu tun und zu lassen hatte.

Das war irgendwie sein Pech. Wir hätten es so schön haben können.

Und damit ist die Trauer mal wieder gelüftet. Denn die Frischluft braucht sie, damit sie dann nachher wieder in Tücher eingemummelt werden kann bis zum nächsten Mal.

a single oscillation

Ich habe diesen Text einmal, zweimal, Fragmente davon schon viele Male angefangen. Irgendwann muss er wohl raus, damit es einfach einmal festgehalten ist. Er ist @baum_glueck gewidmet, die* sich Texte von crazy cat ladies wünschte. Nun.

[CN: Depressionen, Tod eines Elternteils]

Dass ich über mein kinderloses Singlesein nachdenke, geschieht nicht erst seit ich fürchterlich heulen musste, weil mir plötzlich klarwurde, dass meine Mutter bald wegziehen würde und ich dann keine Familie mehr in Wien haben würde. Was nicht stimmt, denn da ist noch mein Onkel, meine Tante und andere Anverwandte, aber es ist doch nicht dasselbe. Ich werde alleine sein – und alle Menschen, die ich am meisten liebe werden Stunden brauchen, bis sie mich erreichen oder ich sie. Ja, ich habe Freund_innen. Es ist nicht dasselbe, vor allem auch, weil ich meinen Freund_innen einen “Ich will sie nicht belasten”-Modus gegenüber habe. Also freue ich mich, wenn sie Dinge mit mir unternehmen möchten oder mir Essen kochen, aber wenn ich etwas brauche, versuche ich alleine durchzukommen oder rufe meine Mutter an. So ist das.

Nein, ich denke schon viel länger darüber nach. Mindestens seit ich dieses Foto von mir gemacht habe:

https://41.media.tumblr.com/c823a77d4967488f7ce2a7f723b2f1a7/tumblr_mxpufozwTl1t00fydo3_1280.jpg

Das war im November 2013 und es war ohnehin schon ein schwieriges Jahr gewesen, aber dieses Foto hat mir den Rest gegeben. Denn ich fand mich perfekt. Ich hatte nie eine klare Vorstellung davon, wie ich aussehen würde, wenn ich einmal erwachsen und nicht mehr hässlich wäre, aber so. Genau so. Ich fand mich unglaublich schön. Und wie ein Schalter legte sich etwas in meinem Kopf um und verhinderte, dass ich diesen Moment genießen konnte. “Klick”, machte es und sofort spulte sich ein Programm ab … “Wenn du so schön bist, warum verliebt sich dann niemand in dich? Wenn du so schön bist, warum bist du nicht in einer Beziehung, hast Kinder, eine richtige Arbeit, ein Leben, so wie du es dir wünscht? Wie kannst du dir überhaupt anmaßen, dich schön zu finden?” Ich hatte keine Antworten. Ich habe noch immer keine Antworten.

Nun geht es mir – von der Reaktion auf den Schlaganfall meines Onkels abgesehen, die durch den oben beschriebenen Heulanfall wieder aufgelöst wurde – seit einigen Monaten eigentlich gut, wobei ich immer noch keine Ahnung habe, warum. Aber das Programm ist immer noch da, manchmal lauter, manchmal leiser. Ich oszilliere. Manchmal im Minutentakt. Manchmal bin ich wochenlang glücklich, ganz alleine, dann lese ich ein Buch, einen Comic, sehe einen Film, denke einfach nur nach und zack – warum liebt mich niemand? Umgekehrt geht es auch. Ich bin einsam und traurig und dann höre ich einem Paar zu, denke über irgendetwas nach und peng – jubiliere ich über mein Alleinsein.

Alles hat Vor- und Nachteile. Überall habe ich Grenzen, die ich nicht überschreiten möchte. Ich will nicht um jeden Preis eine Beziehung, ein Kind. Nicht um jeden Preis – obwohl ich mir immer Kinder gewünscht habe. Es schien so einfach, heiraten mit 26, das erste Kind mit 30, das zweite mit 32, wie meine Eltern, die sich ein Jahr nach Geburt des 2. Kindes trennten. Mir würde das nicht passieren. Mir passierte auch keine Beziehung bis ich 19 war, nur unglückliches Verliebtsein. Und wenn ich an die Beziehungen denke, die ich hatte, bin ich unschlüssig, ob ich die Erfahrungen lieber gemacht hätte oder nicht. Ich tendiere zu ja, aber das ist ohnehin hinfällig, weil es sich nicht mehr ändern lässt. Wenigsten weiß ich jetzt, was ich nicht will.

Das lange Alleinsein – mittlerweile bin ich seit 7 1/2 Jahren Single – hat mich hoffentlich immun gemacht dagegen, vor lauter Freude darüber geliebt zu werden alles aufzugeben, was mir wichtig ist, meine Grenzen, meine Bedürfnisse, meine Ziele. Ein bisschen hülfe hoffentlich auch der Feminismus(TM), aber manchmal bin ich mir da nicht so sicher. Ich denke schon, dass ich nein sagen könnte, 1999, 2000, 2004, 2007 sind schon so lange her. Manchmal habe ich Angst davor, es auszuprobieren, wieder alles zu tun, um geliebt zu werden und wieder irgendwelche Scherben, die zusammengeklebt vielleicht mich ergeben würden, aufzuklauben. Aber ich bin jetzt schon älter. Ich bin stur. Der Teil von mir, der schon öfter “Nein, ich will das nicht.” sagte, ist auch älter, definierter, mutiger geworden.

Und ich schwierig. Sage ich mir jedenfalls. Manchmal. So schwierig bin ich gar nicht, sage ich mir auch. So wie ich alle meine Freund_innen nicht belasten will mit mir, mit meinen Problemen, so will ich auch eine_n potentielle_n Partner_in nicht belasten (Ja, Partner_in, aber don’t assume without asking). Ich kann doch während meiner Magistraarbeit … während mein Vater im Sterben … während ich seine Wohnung auflöse … wenn es mir so schlecht geht … während meiner Magistraarbeit … wenn ich arbeitslos bin … wenn es mir nicht gut geht … nicht einen anderen Menschen mit meinen Problemen belasten. Dachte ich. Genauso wenig kann ich ein Kind haben, ohne fixen 40-Stunden-Job, mit meinen depressiven Phasen, mit meiner Unlust am Haushalt. Geht doch nicht. Kann ich doch einem Kind nicht antun. Aber es geht doch. Es ist nicht lustig, nein, es ist sehr anstrengend. Aber andere Menschen tun es.

Haben sich die etwas anderes vorgestellt? Ich wette, meine Mutter hat sich auch nicht vorgestellt, dass sie sich in ihrem Alter noch so um ihre Tochter kümmern muss, aber ich glaube, auch sie hat sich vieles nicht so vorgestellt wie es dann gekommen ist. Wenn ich mir vorstelle, was alles kommen könnte, will ich erst recht kein Kind. Von der Vorstellung einer Beziehung habe ich mich eben ohnehin größtenteils schon verabschiedet. Will ich gar nicht mehr, sage ich. Nur heimlich. Heimlich, heimlich heule ich in mein Kissen, weil ich niemanden habe zum Kuscheln, zum Händchen halten, zum öfter reden als alle zwei Wochen, zum Dinge tun. Würde mir ja schon reichen. Wenn ich nicht gerade Richtung “FASS MICH JA NIEMAND AN” oszilliere. Aber ich will nicht suchen. Ich will gefunden werden.

Die Kehrseite des KindnichtwertseinsundBeziehungschongarnicht ist … der pure Genuss des Alleinseins und oh, ist das schön. Die Beste sagte vor einiger Zeit: “Es ist ein gottverdammtes Privileg, meinen BH eine Woche lang am Boden liegen lassen zu können,” und das ist es. Und es ist so schön. Ich schulde keine_r Person Rechenschaft, ich muss nichts abstimmen, aushandeln, rückfragen, Kompromisse schließen noch und nöcher, keine Person aushalten, mich um nichts scheren, nicht anrufen, keinen Platz machen, mich nicht kümmern und plagen und die ganze unbezahlte und bezahlte Arbeit ist ganz allein für MICH, MICH, MICH. Ich muss mich nicht benehmen, anpassen, verstellen, zurücknehmen, anstrengen. Manchmal, wenn ich von der Arbeit nachhause komme, mich aufs Bett plumpsen lasse und erst einmal ausatmen muss, denke ich mir: “Wenn ich jetzt ein Kind hätte und/oder eine Beziehung, müsste ich jetzt …” und ich muss nicht und ich bin so froh. Ich kann essen wann und was ich will, schlafen gehen wann ich will, aufstehen wann ich will, anziehen was ich will und den Abwasch morgen machen – ein Großteil meines Alltagslebens hängt ganz allein von mir ab.

Und momentan vom Kater. Ich scherze manchmal über mein “Katze vs. Kind”-Spreadsheet, doch ich führe eines, ein mentales. Ab und zu, jedenfalls. Denke mir, dass Kinder irgendwann selbst aufs Klo gehen. Dass sie sich irgendwann selbst Essen machen. Dass sie *mir* irgendwann mal Essen machen könnten. Dass sie irgendwann verstehen, dass Medikamente gut gegen Krankheiten sein können. Aber dass Kinder wachsen, Kleider brauchen, in die Schule gehen müssen. Dass Kinder doch etwas mehr Aufmerksamkeit brauchen als Katzen. Dass es (leider?) ungewöhnlich ist, Kinder für die Hälfte des Jahres bei der Großmutter zu lassen. Aber Katzen ist es egal, ob ich ihnen vorlese oder vorsinge, sie mögen keine gestrickten Pullover und römische Ruinen sind für sie nur Lebensraum. Wenn sie träumen, erzählen sie mir nachher nicht, von was sie geträumt haben, was sie auf dem Schulweg erlebt haben oder dass ihnen etwas weh tut. Katzenhaare oder Kinderhaare? Katzenkiste oder Scheißwindel? Katzenkotze oder Kinderkotze? Katzenschnurren oder Kinderschnurren? Geht nicht beides?

Es ist für mich um einiges einfacher, an mehr Katzen zu kommen als an ein Kind. Für ein Kind brauche ich schließlich eine andere Person oder ich muss in die Niederlande oder nach Großbritannien reisen, weil dort auch Singlefrauen in die Samenbank gehen dürfen. Kostet halt Geld. Viel. Und doch erscheint mir das meistens einfacher als das mit einer anderen Person. (Ja, Kind in Pflege, Adoption, etc. – auch Möglichkeiten, aber als Singleperson ebenfalls nicht sehr einfach.) Nun ja. In ein paar Jahren ist die Kinderfrage endgültig erledigt. Manchmal träume ich davon, in zwei Jahren alle meine Bedingungen für ein Kind zu erfüllen, aber ich kann nicht einmal sagen, was im Herbst dieses Jahres sein wird. Also, ich kann es schon sagen. Ich kann mir Dinge fix vornehmen. Aber dann passiert jedes Mal etwas, das mich aus der Bahn wirft, etwas Schlimmes. Ich möchte das nicht. Also keine Pläne und die Träume versuche ich mir auch zu verkneifen, weil ich keine einzige Person mehr verlieren will. So ist das.

Sollte ich also kinderlos bleiben und weiterhin Single sein … nun, auch gut. Ich hab ja Nibling und da werden wohl noch weitere kommen. Und ich habe ein großartiges Vorbild – meine Tante, die mit immer mindestens zwei Katzen nun schon seit mehr als 20 Jahren alleine, quietschfidel und trotz Krebserkrankung rege in der Welt herumreist. Nun, ihre Pension werde ich wohl nicht kriegen, aber hey. Politisch aktiv, geistig rege, welt- und menschengewandt, Essen, Trinken, Mode genießend – so möchte ich auch über 70 werden. (Von den Tanten, die nicht so geworden sind, reden wir nicht, so wie die zu werden, vor dem habe ich Angst.) So wie es jetzt ist, ist es also überhaupt nicht schlecht. Es ist sogar ziemlich gut. Es könnte besser werden, aber nicht durch die Hinzufügung von “Partner_in” oder “Kind”. Also erst mal die massiven Veränderungen, die 2015 kommen, gut überstehen. Es ist noch Zeit und es ist gut.

Und wie komm ich da wieder runter?

[CN: Tod, Krankheit, Depression, Angst]

Gut. So geht es meinem Onkel. Großartig. Ich freue mich so sehr, für ihn, für seine Familie, für meine Mutter. Ich bin so froh. Wie komm ich jetzt wieder von dem Schreckensbaum runter, auf den ich geklettert bin? Auch die Königinmutter ist noch ganz zittrig, sagt sie. Kein Wunder. Erst auf dem Heimweg vom Spital erkenne ich, dass ich getriggert bin vom Spital, vom Besuch am Krankenbett. Das erklärt meinen unglaublich traurigen letzten Sonntag, der nur mit Schokolade und Katze kuscheln gerettet wurde. Das erklärt die unglaublich schmerzhaften Kopfschmerzen Montag und Dienstag, sonst reagiere ich nie so sensibel auf das Wetter. Die Königinmutter und ich träumen beide von meinem Vater. Es sind gute Träume, aber sie zeigen deutlich, woran uns das alles erinnert.

Damals, als mein Vater im Spital im Sterben lag … drei Wochen lang, nur drei Wochen, in Retrospektive erscheint es mir viel länger, da hab ich mir blitzschnell die Fähigkeit erarbeitet, meinen rasenden Gedanken einfach Einhalt zu gebieten und zu schlafen. “Aus jetzt!” sagte ich meinem Kopf und schlief. Mein Bruder hat mir zu Weihnachten gesagt, ich hätte ziemlich abgeklärt gewirkt in der Zeit und danach. Klaro. Emotionale Ausbrüche waren nicht erwünscht und nachher musste alles beendet, aufgelöst, abgegeben werden. In meinem Traum gab es die Bibliothek noch und die Glassammlung und erst beim Aufwachen erinnerte ich mich daran, dass es das alles nicht mehr gibt – oder nicht mehr in diesem Zusammenhang.

Ich habe alle Gefühle weggeschoben, alles totgemacht, damit das alles erledigbar war. Gab ja keine anderen, die das alles tun konnten. Dafür habe ich jetzt eine wunderschöne Lücke im Lebenslauf. “Vater gestorben” kann ich da ja nicht hineinschreiben. Aber die Gefühle kamen halt später heraus, in Form der bereits von früher bekannten Depression, aber noch heftiger als vorher. Es war nicht lustig. Es ist nicht lustig. Auch 2014 war nochmal ein Trauerjahr und vielleicht ist jetzt endlich gut damit, ich weiß es nicht.

Denn … meine Reaktion auf den Schlaganfall meines Onkels sind nicht Sturzbäche von Tränen. Es ist diese altbekannte Totheit aller Emotionen. Ich fühle nicht nichts – mein Körper zwingt mich, mit allerlei Tricks, Schmerzen zu fühlen … und traurig bin ich auch immer wieder. Aber … ich sehe da eine Totheit, selbst wenn mir Freundinnen* Dinge erzählen, auf die eine empathisch unterstützende Reaktion angemessen ist, selbst wenn die Beste weint, weil der Obdachlose, den sie nun seit Jahren fast jeden Tag gesehen hat, gestorben ist, da ist eine Kluft, die keine Emotionen zulässt.

Aber das ist nicht gut. Ich möchte das nicht. Ich möchte nicht später wieder ausbaden, dass ich jetzt alle Emotionen in irgendeinen Sack stopfe, aus dem sie in ein paar Monaten ausbrechen und mich überfluten. Darum bin seit einer Woche fast nicht auf Twitter, weil ich es grad nicht aushalte, weil ich meinen Emotionen winken, ihnen nachspüren, sie aufspüren, festhalten, festbinden muss. Da! Ich bin traurig! Ja! In der Flut der Nachrichten gehe ich unter, meine Haut ist gerade zu dünn, sie hat zu viele Löcher, in die alles reinfließt und eine Reaktion verlangt, Wut, Schmerz, Trauer. Aber in so schnellem Wechsel, dass ich gar nicht mehr spüre, was ich jetzt gerade empfinde. Alles kriegt einen Löffel Emotion, bis das, was vor meiner Nase, in meiner Familie geschieht, nichts mehr abkriegt, weil der Topf leer ist. Beziehungsweise ist es sehr viel leichter, überall einen Löffel Emotion dazu zu tun, als mir genau anzusehen, was gerade los ist mit mir. Weil – es ist ja ok. Er lebt ja noch. Es geht ihm gut. Ich kann runterkommen.

Also probiere ich das. Kontrolliere die emotionalen Reize, die ich mir gebe. Gehe nicht ins Kino, wo ich mich vor der großen Leinwand ohne Pausetaste nicht verstecken kann, obwohl ich die Retrospektive gerne sehen würde. Weil die nächsten Wellen kommen: Mein Geburtstag, der Geburtstag meines Vaters, sein Todestag. Die will ich überwintern und zwar gut. Ich will nicht zurück. Ich will nicht zurück in die Depression. Also weg. Weg von allem, zurück in das mit den schönsten, weichsten Strickwerken gefütterte Shoebox Castle, und die durchlässig gewordenen Grenzen zwischen mir und allem und allen anderen stopfen, Stich für Stich, Masche für Masche. Die Schutzhülle neu aufbauen, Stück für Stück. Und dann wieder rausschauen.

Riss in der Unsterblichkeitshülle

[CN Tod, Krankheit, Depressionen]

“Wir haben schon gespendet!” will ich sagen, da starb schon jemand in der Familie vor der Zeit, nein, ich will das nicht. Das soll nicht passieren. Meine Familie sollte doch jetzt unsterblich sein, bis ich selbst älter und gräuer bin und mich an den Gedanken gewöhnt habe.

Sieht zumindest im Augenblick so aus, als hätte mein Onkel, der mich seit meinen Kleinstkindesbeinen begleitet, gerade noch Glück gehabt. Ich könnte mich hineinfühlen in meine Mutter, aber ich kann das jetzt nicht. Vor drei Tagen hatte ich kurz Angst, dass mein Bruder gestorben sei, weil Nibling etwas länger schrie, im Morgengrauen.

Wenn mir solche Gedanken durch den Kopf zucken, schiebe ich sie weit weg, sie sind unerträglich. Nur so kann ich gerade atmen und so tun, als sei alles normal. Die Unsterblichkeitshülle, von der ich dachte, dass sie nach dem Tod meines Vaters doch sicherlich meine Familie umgibt, hat einen Riss. Was heißt, sie hat Löcher, sie ist aus Spitze, aus Papierspitze, und es regnet und stürmt.

Ich will das aber nicht. Also verstecke ich mich lieber wie ein im Raum schwebender Geist in meiner Timeline und versuche so zu tun als ob wenig wäre, aber ich weiß, wie sehr meine Mutter sich gerade zusammenreißt und ich habe Angst um sie. Ich selbst bin grad nur numb, da gibt es kein anderes Wort, und absichtlich so, damit die Panik nicht zu sehr an meinem Herz knabbert, das so unerwartet nachgewachsen ist und neu ausgetrieben hat. Ich wollte es doch wachsen sehen dieses Jahr.

Scheiße. Aber warum soll es uns anders gehen? Welches Recht habe ich auf eine unsterbliche Familie? Es bleibt mir nichts anderes übrig als zu warten …

Königinmutter

Wieder mal Pensées-style … [#CN Tod, Depression]

1. Vorgestern feierte die Königinmutter sehr verspätet ihren Geburtstag.

2. Viele Menschen, die kamen, habe ich seit Jahren nicht mehr gesehen.

3. Die Zeit vergeht.

4. Irgendwie werde ich mich mit dem Gedanken abfinden müssen, dass alle Menschen sterben werden, auch die, die ich sehr liebe.

5. Hoffentlich nicht bald.

6. Irritierend, dass mich alle danach fragten, was denn mein Bruder so macht, wie es Nibling so geht.

7. Ja, gut, was soll ich sagen. Sie sind nicht hier. Sie leben. Es scheint ihnen gut zu gehen. Nibling ist herzig. So.

8. Gleichzeitig habe ich kein Wort, das beschreibt, was ich gerade arbeite. Marketing? PR?

9. Arbeit und Studium scheint die meisten Leute zufriedenzustellen.

10. Ein paar Mal habe ich auch “feministisch aktiv” gesagt.

11. Später dachte ich daran, dass ich ein Buch schreiben sollte, einfach, damit ich sagen kann, ich schreibe eines. *kopfschüttel*

12. Natürlich habe ich gelogen, dass es mir gut geht. Das Wichtigste, was ich gerade mache, kann ich gar nicht sagen: Ich über_lebe.

13. Einfach so leben scheint nicht zu reichen.

14. Die Königinmutter hat sich Lobreden und/oder Lieder gewünscht.

15. Es haben tatsächlich Leute gesungen. Nach der Melodie von “Ich steh auf der Brücke und spucke in’ Kahn”. Nu ja.

16. Mein Onkel hat eine Rede gehalten. Ich wette, die Königinmutter wird darüber noch mit mir reden. Später erzählte er mir, dass mein Vater bei einer Weihnachtsfeier vor meiner Geburt den Baum nur mit roten Bändern und Kerzen schmückte, einen roten Stern für die Spitze bastelte, durch die Licht schien und es wurde eine Passage von Marx verlesen. Ich muss jetzt noch lachen.

17. Ich wusste, wenn ich singe, heule ich. Außerdem sind Lobreden peinlich und was ich der Königinmutter wirklich sagen will, hat mit dem über_leben zu tun und ich glaube, sie würde sich schrecken.

18. Aber ich wollte auch etwas tun. Also habe ich meine Tweets nach “Königinmutter” durchsucht und welche zusammengestellt.

19. Beim Vorlesen haben meine Hände so gezittert wie zuletzt im Frühling 2013, als ich vor 100 Unbekannten* einen Sessionvorschlag machte.

20. Ich hasse es, wenn meine Hände so zittern und es macht mir Angst, weil ich sie nicht kontrollieren kann.

Da aber die Tweets recht Anklang fanden (Onkel erstaunt: “Das war sehr witzig.”), hier:

Sophie und Agathe im Belvedere

Sie lagen in der Sonne wie Löwinnen. Wie die Löwinnen, die sie eigentlich waren. Es war ein Skandal.

Binnen weniger Stunden hatten sie eine beliebte Touristenattraktion Wiens besetzt. Kein Mensch hatte mehr Zutritt, Kugeln prallten an ihnen ab, das Denkmalamt verbot den Bombenabwurf. Die umliegenden Straßen und Häuser waren in Panik verlassen worden, Wien war leer wie im August. Hubschrauber von Fernsehstationen, eingeflogen mit riesigen Transportflugzeugen, kreisten über dem Park.

Jahrhundertelang hatte sie nur auf die Wand gestarrt. Sie konnte nicht einmal den Kopf wenden, um Sophie anzusehen. Sie konnte sich nicht umdrehen. Jahrhundertelang. Jahrhundertelang hatten sie sie angefasst an diesen Halbkugeln mit einer Murmel in der Mitte. Jahrhundertelang hatte sie nicht einen Laut von sich geben, nicht eine Miene verziehen, nicht eine Tatze dagegen heben können. Wie lange war der letzte Anstrich her? Davor war sie in Ehren ergraut, angewittert, eine Ruine, die mit der grauen Stadt verschmolz wenn es dämmerte. Doch mit dem rekonstruierten Parterregarten war der Anstrich gekommen, weiß strahlend und doch konnte sie nur weiterhin auf die Wand starren und nichts gegen das Anfassen tun.

Da kam schon wieder einer. Er umfasste eine Halbkugel und feixte zu seinem Begleiter hinüber. Überall die weiße Farbe, nur an den Halbkugeln war sie fast wieder so grau wie vorher, trat der Stein zutage. Wie sie das alles hasste. Wie sie diese Menschen hasste. Bahnte sich da ein tiefes Grollen in der Kehle an? Langsam – millimeterweise – schob sich eine neue Fläche in ihr Blickfeld. Der Kiesweg! Weiter, weiter, ein Rucksack aus blauem Plastik, Haare, Sonnenbrille, da, Haut! Augen, Nase, Mund, der breit grinste. Mit der Kraft von tausend Medusen starrte sie in seine Augen, doch er bemerkte es nicht. Aber Sophie bemerkte es. Und dann sah Agathe zu Sophie hinüber. Endlich. Wie lange hatte sie darauf gewartet. Sophie schaute zurück. Selbst wenn sie sich nur aus den Augenwinkeln sehen konnten, sie erfühlten ihren Hass, ihre Verzweiflung. Von jetzt an lagen sie auf der Lauer.

Es dauerte nicht lange. Wieder einer. “Fass beide an, hahaha!” rief ihm ein anderer zu. Agathe riss ihre Pranken hoch, legte sie ihm auf die Schultern und biss ihn in den Hals, bis das Blut spritzte. Als er zusammensackte, reckte sie den Kopf in die Höhe und brüllte. Sie brüllte so laut, dass es noch in der französischen Botschaft am anderen Ende des Belvederes zu hören war. Dann erhob sie sich von ihrem Sockel und sah Sophie endlich ganz an. Sophies Gesicht war das schönste, das sie je gesehen hatte. Auf ihm lag ein Lächeln und eine wilde Hoffnung. Langsam, langsam wendete Agathe wieder ihren Kopf und starrte den anderen an. Bleich, fast so weiß wie ihre Flanken war er. Sie holte aus und schlug ihm mit der Pratze ins Gesicht. Tot fiel er zu Boden.

Agathe drehte sich elegant auf dem Sockel und blickte die ganze Länge des Gartens hinunter. Sophie würde sich immer daran erinnern, wie Agathe dagestanden hatte, das Gesicht von der Sonne beleuchtet, das rote Blut, das ihr vom Mund auf die Brust triefte. Agathe trug es wie eine Schärpe. Unter ihrem Blick begannen sich ihre Schwestern zu regen. Sie schlugen mit dem Schweif, beugten, dehnten, streckten sich, machten sich zum Sprung vom Sockel bereit. Unter den Augen der lachenden Brunnenfrauen und Göttinnenstatuen hetzten sie die Grabscher durch den Park, töteten sie mit Nackenbissen, Prankenschlägen. Die anderen Menschen wurden wie Kätzchen zum Ausgang getragen.

Die Krähen ließen sich dankbar auf den Leichen nieder und verschwendeten keinen Blick auf das Sphingenrudel, das sich nach der Jagd herzlich begrüßte und mit einander vertraut machte. Sie spielten. Rutschten die abgeschliffene Auffahrt hinunter, badeten in den Teichen, rannten Slalom um die Buchsbäumchen oder zerfetzten sie, tanzten in den Kringeln des Parterregartens.

Nach zwei Wochen hatte sich, wie in Wien üblich, die Aufregung gelegt. Es war nichts zu machen. Niemand durfte den Garten des Belvederes je wieder betreten.

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