Nachlass

#CN Tod

Gerade habe ich das Flauschfleckchen des Katers und fast alle Spielmäuse in den Müll gelegt. Gelegt, ja. Trotzdem in den Müll. Seine Bürste legte ich in die Lade, wo der Bürsthandschuh ist. Seine Schüsselchen habe ich in einer Ecke des Vorratsschranks versteckt. Die Schaufel für die Katzenstreu liegt bei den anderen Schaufeln. Das Katzenklo ist gewaschen und wieder in seiner ursprünglichen Funktion – bequemer Wäschekorb – in Verwendung. Alles Katzenfutter ist in einem Sack, auch die umgefüllten Katzenkekse, für den Nachbarn der Königinmutter und seine Katzen. 

Alles tut weh. Das Waschen der Unterlagen und Heizungsabdeckungen und in die Transportkiste, die auch gewaschen werden muss, habe ich noch nicht einmal hineingeschaut. Im Moment lagere ich dort Karotten. Wohin mit dem ungeöffneten Sack Katzenstreu? Das Kratzbrett muss in den Müll. Die aus Wolle gestrickte und gern bespielte Maus wartet auf das Begräbnis. Ich warte auf Tauwetter.

Die wasserdichten Unterlagen langsam von den Betten und vom Sofa nehmen wollen. Staub saugen und die 10.000 Brösel, die der Kater überall verteilt hat, entfernen wollen. Nicht können. Die Unterlagen vom Fressplatz abwaschen wollen. Behalte ich die? Vielleicht. 

Heulen. Viel heulen. An den Kater denken. Heulen. Abwechselnd sofort eine andere Katze und nie wieder eine Katze wollen. Von Kätzchen träumen, die ich nicht haben möchte. Nicht schlafen können, nicht aufstehen können ohne die Rituale, den meckernden Kater, das sanfte Schnarchen. Leise die Lieder singen die helfen und die, die absolut nicht helfen. 

Überlegen, ob ich sein Bild vom Sperrbildschirm nehmen soll, denn da schaut er mich jedes Mal an. Mich erinnern, dass ich es fast nicht aushalte, Bilder von meinem Vater zu sehen. Katerbilder anschauen. Heulen. An die Gedichte denken, die ich vor 2 Jahren über den Kater schrieb und die mit dem alten Smartphone wohl gestorben sind. Im Bett liegen und nicht mehr können, nicht die Katzenkeksgläser abwaschen, nicht aufräumen, nichts. Katerförmiges Loch in mir.

Stille

#CN Tod

Die letzten Male musste ich bei der Tierärztin immer sehr lange warten. Heute waren keine Menschen im Wartezimmer. Nur eine Katze, die sich im Regal bei der Meerschweinchenstreu verkrochen hatte und sich jedes Mal duckte, wenn die Assistentin oder die Tierärztin vorbeikamen. 

Da saßen wir. Der Kater hatte zum ersten Mal seit Monaten nicht bei mir im Bett geschlafen. Und statt bis am Nachmittag zu warten, packte ich ihn gleich ein.

Als ich wieder raus kam, waren immer noch keine Leute da. Wie gut. Zuhause heulte ich erst einmal laut. 

Es ist Zeit

#CN Tod

“Es ist Zeit”, sagt etwas in mir, wenn ich meinen Kater ansehe. Herr Schnurrkringel möchte nicht mehr. Möchte nicht mehr zur Tierärztin, möchte nicht mehr Medikamente nehmen, möchte nicht mehr Fressen (obwohl heute noch gnadenhalber Thunfisch angenommen wurde), möchte nicht mehr Trinken. Seit ich von einem kurzen Besuch bei M. nachhause gekommen bin, liegt er an der Heizung und rührt sich kaum von dort weg.

Eigentlich wollte ich ihm noch einen schönen Frühling ermöglichen und ihn vor allem nicht bei der Tierärztin im Gefrierschrank lassen und warten bis der Boden bei der Königinmutter wieder aufgetaut ist. Aber er kotzt alle Schmerzmedikamente aus, auch sein Arthritismedikament, den Magenschutz … gerade die Antibiotika, von denen zwei verschiedene eh schon nicht gewirkt haben und seine Nierenmedikamente, die er seit dem Herbst jeden Tag braucht behält er bei sich. Aber er hasst es, wenn ich sie ihm gebe.

Die meisten Menschen, denen ich davon erzähle, fragen, wie alt er ist. Herr Schnurrkringel ist 15 1/2. Ist das alt für einen Kater? Oder ist er noch zu jung? Unsere letzte Katze wurde 23, aber sie war klein und zäh. Herr Schnurrkringel ist groß und zart. So zart. So nervös, so leicht zu ängstigen. Er mag keine lauten Geräusche, keine plötzlichen Geräusche, keine gehobenen Arme, keine Stangen, kein Geklapper, kein Geschiebe, den Staubsauger nicht und die Waschmaschine nicht und singen darf ich auch nicht.

So ein eigener Kater. Und dabei der beste Kater, der bravste. Bis er anfing aufs Sofa und aufs Bett zu pinkeln, der Blase wegen. Seit alles mit Inkontinenzunterlagen abgedeckt ist, pinkelt er nicht mehr aufs Sofa oder aufs Bett. Armer Lausbub. Wären es nur die Nieren, nur die Arthrose in der Hüfte, ich hätte es noch länger versucht, aber die Blasenentzündung verschwindet einfach nicht.

Ob er morgen noch etwas frisst? Wie ihn morgen einpacken? Wie das morgen überstehen? Wie schlafen? Aber ich muss ihn nur ansehen.

Ja, schon wieder Trauerarbeit

CN (Content note – Notiz zum Inhalt): Tod eines Elternteils

Ja, schon wieder! Sie geht nicht weg. Vor einiger Zeit schrieb ich an eine andere Person über das Hinwegkommen über Trauer:

Es wird nur … weniger oft. Nicht weniger intensiv. Aber irgendwann ist es dann nicht mehr ganz so fürchterlich schlimm.

Dann ist es nur noch fürchterlich schlimm. Dann nur noch fürchterlich. Usw. Aber es geht nie ganz weg, wie auch.

Aber Trauern ist notwendig und ok. Trauer verschleppen oder verdrängen zieht sie nur in die Länge & macht noch einsamer.

Irgendwann legt dann das Leben vielleicht genug schöne Tücher über die Trauer & mummelt sie weich ein.

Dann hält sie Winterschlaf bis zum nächsten Mal. Vielleicht wacht sie zwischendurch auf. Aber es ist ok. Trauer ist ok.

Ja, sie wacht zwischendurch auf, besonders wenn die Haut wegen anderen Dingen schon dünn ist. Je mehr andere Dinge an mir nagen, desto eher wacht sie auf, die Trauer. Da ist sie dann, springlebendig, leuchtend, pulsierend. Schmerzhaft, lästig, ungeplant. Wenn ich dann versuche, sie wieder einzumummeln, wächst sie und wächst sie, bis ich selbst alle Tücher wegreiße und sie anschreie: “Was zum Scheiß ist denn jetzt wieder?”

Meistens ist es eine Variante von “Dein Vater hat dich mal sehr geliebt, aber später warst bzw. jetzt bist du ihm nicht gut genug.” Diesmal sind es die Kinderbücher, die ich lese, solche mit meinem Namen im Titel, die er extra für mich ausgesucht und gekauft hat. Eigentlich will ich sie nur lesen, damit ich sie eventuell weiterempfehlen kann, aber der schiere Gedanke daran, dass mich mein Vater einmal so geschätzt und unterstützt hat, bringt mich so zum Heulen und zur Verzweiflung, denn ich bin heute immer noch nicht in einer Situation, die mein Vater akzeptiert hätte, in der er micht wieder geschätzt und unterstützt hätte. Aber wäre er je zufrieden gewesen?

Heute hatte ich zum ersten Mal den Gedanken, dass er der ist, der den Schaden hatte: Er hat seine Tochter nie glücklich gesehen, weil er jeden Weg den ich eingeschlagen habe als schlecht und nicht genügend definiert hat. Viele meiner Wege habe ich deshalb wieder aufgegeben. Dabei bin ich jetzt genauso geldlos wie als wenn ich doch Regisseurin geworden wäre. Oder “echte” Historikerin, so an der Uni. Dadurch dass ich ihm nie genug war, war ich ihm nie genug.

Zwischendurch hat er sich dann doch verraten, wenn er ja doch mit Genuss die Kuchenstücke aß, die ich ihm hinstellte, die gestrickten Sachen trug, die ich ihm schenkte, die Comics las, die ich un_absichtlich herumliegen ließ. Aber er hat so viel nicht gewusst von mir, wollte es nicht wissen, weil er mir immer nur Vorträge darüber hielt, was ich zu tun und zu lassen hatte.

Das war irgendwie sein Pech. Wir hätten es so schön haben können.

Und damit ist die Trauer mal wieder gelüftet. Denn die Frischluft braucht sie, damit sie dann nachher wieder in Tücher eingemummelt werden kann bis zum nächsten Mal.

a single oscillation

Ich habe diesen Text einmal, zweimal, Fragmente davon schon viele Male angefangen. Irgendwann muss er wohl raus, damit es einfach einmal festgehalten ist. Er ist @baum_glueck gewidmet, die* sich Texte von crazy cat ladies wünschte. Nun.

[CN: Depressionen, Tod eines Elternteils]

Dass ich über mein kinderloses Singlesein nachdenke, geschieht nicht erst seit ich fürchterlich heulen musste, weil mir plötzlich klarwurde, dass meine Mutter bald wegziehen würde und ich dann keine Familie mehr in Wien haben würde. Was nicht stimmt, denn da ist noch mein Onkel, meine Tante und andere Anverwandte, aber es ist doch nicht dasselbe. Ich werde alleine sein – und alle Menschen, die ich am meisten liebe werden Stunden brauchen, bis sie mich erreichen oder ich sie. Ja, ich habe Freund_innen. Es ist nicht dasselbe, vor allem auch, weil ich meinen Freund_innen einen “Ich will sie nicht belasten”-Modus gegenüber habe. Also freue ich mich, wenn sie Dinge mit mir unternehmen möchten oder mir Essen kochen, aber wenn ich etwas brauche, versuche ich alleine durchzukommen oder rufe meine Mutter an. So ist das.

Nein, ich denke schon viel länger darüber nach. Mindestens seit ich dieses Foto von mir gemacht habe:

https://41.media.tumblr.com/c823a77d4967488f7ce2a7f723b2f1a7/tumblr_mxpufozwTl1t00fydo3_1280.jpg

Das war im November 2013 und es war ohnehin schon ein schwieriges Jahr gewesen, aber dieses Foto hat mir den Rest gegeben. Denn ich fand mich perfekt. Ich hatte nie eine klare Vorstellung davon, wie ich aussehen würde, wenn ich einmal erwachsen und nicht mehr hässlich wäre, aber so. Genau so. Ich fand mich unglaublich schön. Und wie ein Schalter legte sich etwas in meinem Kopf um und verhinderte, dass ich diesen Moment genießen konnte. “Klick”, machte es und sofort spulte sich ein Programm ab … “Wenn du so schön bist, warum verliebt sich dann niemand in dich? Wenn du so schön bist, warum bist du nicht in einer Beziehung, hast Kinder, eine richtige Arbeit, ein Leben, so wie du es dir wünscht? Wie kannst du dir überhaupt anmaßen, dich schön zu finden?” Ich hatte keine Antworten. Ich habe noch immer keine Antworten.

Nun geht es mir – von der Reaktion auf den Schlaganfall meines Onkels abgesehen, die durch den oben beschriebenen Heulanfall wieder aufgelöst wurde – seit einigen Monaten eigentlich gut, wobei ich immer noch keine Ahnung habe, warum. Aber das Programm ist immer noch da, manchmal lauter, manchmal leiser. Ich oszilliere. Manchmal im Minutentakt. Manchmal bin ich wochenlang glücklich, ganz alleine, dann lese ich ein Buch, einen Comic, sehe einen Film, denke einfach nur nach und zack – warum liebt mich niemand? Umgekehrt geht es auch. Ich bin einsam und traurig und dann höre ich einem Paar zu, denke über irgendetwas nach und peng – jubiliere ich über mein Alleinsein.

Alles hat Vor- und Nachteile. Überall habe ich Grenzen, die ich nicht überschreiten möchte. Ich will nicht um jeden Preis eine Beziehung, ein Kind. Nicht um jeden Preis – obwohl ich mir immer Kinder gewünscht habe. Es schien so einfach, heiraten mit 26, das erste Kind mit 30, das zweite mit 32, wie meine Eltern, die sich ein Jahr nach Geburt des 2. Kindes trennten. Mir würde das nicht passieren. Mir passierte auch keine Beziehung bis ich 19 war, nur unglückliches Verliebtsein. Und wenn ich an die Beziehungen denke, die ich hatte, bin ich unschlüssig, ob ich die Erfahrungen lieber gemacht hätte oder nicht. Ich tendiere zu ja, aber das ist ohnehin hinfällig, weil es sich nicht mehr ändern lässt. Wenigsten weiß ich jetzt, was ich nicht will.

Das lange Alleinsein – mittlerweile bin ich seit 7 1/2 Jahren Single – hat mich hoffentlich immun gemacht dagegen, vor lauter Freude darüber geliebt zu werden alles aufzugeben, was mir wichtig ist, meine Grenzen, meine Bedürfnisse, meine Ziele. Ein bisschen hülfe hoffentlich auch der Feminismus(TM), aber manchmal bin ich mir da nicht so sicher. Ich denke schon, dass ich nein sagen könnte, 1999, 2000, 2004, 2007 sind schon so lange her. Manchmal habe ich Angst davor, es auszuprobieren, wieder alles zu tun, um geliebt zu werden und wieder irgendwelche Scherben, die zusammengeklebt vielleicht mich ergeben würden, aufzuklauben. Aber ich bin jetzt schon älter. Ich bin stur. Der Teil von mir, der schon öfter “Nein, ich will das nicht.” sagte, ist auch älter, definierter, mutiger geworden.

Und ich schwierig. Sage ich mir jedenfalls. Manchmal. So schwierig bin ich gar nicht, sage ich mir auch. So wie ich alle meine Freund_innen nicht belasten will mit mir, mit meinen Problemen, so will ich auch eine_n potentielle_n Partner_in nicht belasten (Ja, Partner_in, aber don’t assume without asking). Ich kann doch während meiner Magistraarbeit … während mein Vater im Sterben … während ich seine Wohnung auflöse … wenn es mir so schlecht geht … während meiner Magistraarbeit … wenn ich arbeitslos bin … wenn es mir nicht gut geht … nicht einen anderen Menschen mit meinen Problemen belasten. Dachte ich. Genauso wenig kann ich ein Kind haben, ohne fixen 40-Stunden-Job, mit meinen depressiven Phasen, mit meiner Unlust am Haushalt. Geht doch nicht. Kann ich doch einem Kind nicht antun. Aber es geht doch. Es ist nicht lustig, nein, es ist sehr anstrengend. Aber andere Menschen tun es.

Haben sich die etwas anderes vorgestellt? Ich wette, meine Mutter hat sich auch nicht vorgestellt, dass sie sich in ihrem Alter noch so um ihre Tochter kümmern muss, aber ich glaube, auch sie hat sich vieles nicht so vorgestellt wie es dann gekommen ist. Wenn ich mir vorstelle, was alles kommen könnte, will ich erst recht kein Kind. Von der Vorstellung einer Beziehung habe ich mich eben ohnehin größtenteils schon verabschiedet. Will ich gar nicht mehr, sage ich. Nur heimlich. Heimlich, heimlich heule ich in mein Kissen, weil ich niemanden habe zum Kuscheln, zum Händchen halten, zum öfter reden als alle zwei Wochen, zum Dinge tun. Würde mir ja schon reichen. Wenn ich nicht gerade Richtung “FASS MICH JA NIEMAND AN” oszilliere. Aber ich will nicht suchen. Ich will gefunden werden.

Die Kehrseite des KindnichtwertseinsundBeziehungschongarnicht ist … der pure Genuss des Alleinseins und oh, ist das schön. Die Beste sagte vor einiger Zeit: “Es ist ein gottverdammtes Privileg, meinen BH eine Woche lang am Boden liegen lassen zu können,” und das ist es. Und es ist so schön. Ich schulde keine_r Person Rechenschaft, ich muss nichts abstimmen, aushandeln, rückfragen, Kompromisse schließen noch und nöcher, keine Person aushalten, mich um nichts scheren, nicht anrufen, keinen Platz machen, mich nicht kümmern und plagen und die ganze unbezahlte und bezahlte Arbeit ist ganz allein für MICH, MICH, MICH. Ich muss mich nicht benehmen, anpassen, verstellen, zurücknehmen, anstrengen. Manchmal, wenn ich von der Arbeit nachhause komme, mich aufs Bett plumpsen lasse und erst einmal ausatmen muss, denke ich mir: “Wenn ich jetzt ein Kind hätte und/oder eine Beziehung, müsste ich jetzt …” und ich muss nicht und ich bin so froh. Ich kann essen wann und was ich will, schlafen gehen wann ich will, aufstehen wann ich will, anziehen was ich will und den Abwasch morgen machen – ein Großteil meines Alltagslebens hängt ganz allein von mir ab.

Und momentan vom Kater. Ich scherze manchmal über mein “Katze vs. Kind”-Spreadsheet, doch ich führe eines, ein mentales. Ab und zu, jedenfalls. Denke mir, dass Kinder irgendwann selbst aufs Klo gehen. Dass sie sich irgendwann selbst Essen machen. Dass sie *mir* irgendwann mal Essen machen könnten. Dass sie irgendwann verstehen, dass Medikamente gut gegen Krankheiten sein können. Aber dass Kinder wachsen, Kleider brauchen, in die Schule gehen müssen. Dass Kinder doch etwas mehr Aufmerksamkeit brauchen als Katzen. Dass es (leider?) ungewöhnlich ist, Kinder für die Hälfte des Jahres bei der Großmutter zu lassen. Aber Katzen ist es egal, ob ich ihnen vorlese oder vorsinge, sie mögen keine gestrickten Pullover und römische Ruinen sind für sie nur Lebensraum. Wenn sie träumen, erzählen sie mir nachher nicht, von was sie geträumt haben, was sie auf dem Schulweg erlebt haben oder dass ihnen etwas weh tut. Katzenhaare oder Kinderhaare? Katzenkiste oder Scheißwindel? Katzenkotze oder Kinderkotze? Katzenschnurren oder Kinderschnurren? Geht nicht beides?

Es ist für mich um einiges einfacher, an mehr Katzen zu kommen als an ein Kind. Für ein Kind brauche ich schließlich eine andere Person oder ich muss in die Niederlande oder nach Großbritannien reisen, weil dort auch Singlefrauen in die Samenbank gehen dürfen. Kostet halt Geld. Viel. Und doch erscheint mir das meistens einfacher als das mit einer anderen Person. (Ja, Kind in Pflege, Adoption, etc. – auch Möglichkeiten, aber als Singleperson ebenfalls nicht sehr einfach.) Nun ja. In ein paar Jahren ist die Kinderfrage endgültig erledigt. Manchmal träume ich davon, in zwei Jahren alle meine Bedingungen für ein Kind zu erfüllen, aber ich kann nicht einmal sagen, was im Herbst dieses Jahres sein wird. Also, ich kann es schon sagen. Ich kann mir Dinge fix vornehmen. Aber dann passiert jedes Mal etwas, das mich aus der Bahn wirft, etwas Schlimmes. Ich möchte das nicht. Also keine Pläne und die Träume versuche ich mir auch zu verkneifen, weil ich keine einzige Person mehr verlieren will. So ist das.

Sollte ich also kinderlos bleiben und weiterhin Single sein … nun, auch gut. Ich hab ja Nibling und da werden wohl noch weitere kommen. Und ich habe ein großartiges Vorbild – meine Tante, die mit immer mindestens zwei Katzen nun schon seit mehr als 20 Jahren alleine, quietschfidel und trotz Krebserkrankung rege in der Welt herumreist. Nun, ihre Pension werde ich wohl nicht kriegen, aber hey. Politisch aktiv, geistig rege, welt- und menschengewandt, Essen, Trinken, Mode genießend – so möchte ich auch über 70 werden. (Von den Tanten, die nicht so geworden sind, reden wir nicht, so wie die zu werden, vor dem habe ich Angst.) So wie es jetzt ist, ist es also überhaupt nicht schlecht. Es ist sogar ziemlich gut. Es könnte besser werden, aber nicht durch die Hinzufügung von “Partner_in” oder “Kind”. Also erst mal die massiven Veränderungen, die 2015 kommen, gut überstehen. Es ist noch Zeit und es ist gut.

Und wie komm ich da wieder runter?

[CN: Tod, Krankheit, Depression, Angst]

Gut. So geht es meinem Onkel. Großartig. Ich freue mich so sehr, für ihn, für seine Familie, für meine Mutter. Ich bin so froh. Wie komm ich jetzt wieder von dem Schreckensbaum runter, auf den ich geklettert bin? Auch die Königinmutter ist noch ganz zittrig, sagt sie. Kein Wunder. Erst auf dem Heimweg vom Spital erkenne ich, dass ich getriggert bin vom Spital, vom Besuch am Krankenbett. Das erklärt meinen unglaublich traurigen letzten Sonntag, der nur mit Schokolade und Katze kuscheln gerettet wurde. Das erklärt die unglaublich schmerzhaften Kopfschmerzen Montag und Dienstag, sonst reagiere ich nie so sensibel auf das Wetter. Die Königinmutter und ich träumen beide von meinem Vater. Es sind gute Träume, aber sie zeigen deutlich, woran uns das alles erinnert.

Damals, als mein Vater im Spital im Sterben lag … drei Wochen lang, nur drei Wochen, in Retrospektive erscheint es mir viel länger, da hab ich mir blitzschnell die Fähigkeit erarbeitet, meinen rasenden Gedanken einfach Einhalt zu gebieten und zu schlafen. “Aus jetzt!” sagte ich meinem Kopf und schlief. Mein Bruder hat mir zu Weihnachten gesagt, ich hätte ziemlich abgeklärt gewirkt in der Zeit und danach. Klaro. Emotionale Ausbrüche waren nicht erwünscht und nachher musste alles beendet, aufgelöst, abgegeben werden. In meinem Traum gab es die Bibliothek noch und die Glassammlung und erst beim Aufwachen erinnerte ich mich daran, dass es das alles nicht mehr gibt – oder nicht mehr in diesem Zusammenhang.

Ich habe alle Gefühle weggeschoben, alles totgemacht, damit das alles erledigbar war. Gab ja keine anderen, die das alles tun konnten. Dafür habe ich jetzt eine wunderschöne Lücke im Lebenslauf. “Vater gestorben” kann ich da ja nicht hineinschreiben. Aber die Gefühle kamen halt später heraus, in Form der bereits von früher bekannten Depression, aber noch heftiger als vorher. Es war nicht lustig. Es ist nicht lustig. Auch 2014 war nochmal ein Trauerjahr und vielleicht ist jetzt endlich gut damit, ich weiß es nicht.

Denn … meine Reaktion auf den Schlaganfall meines Onkels sind nicht Sturzbäche von Tränen. Es ist diese altbekannte Totheit aller Emotionen. Ich fühle nicht nichts – mein Körper zwingt mich, mit allerlei Tricks, Schmerzen zu fühlen … und traurig bin ich auch immer wieder. Aber … ich sehe da eine Totheit, selbst wenn mir Freundinnen* Dinge erzählen, auf die eine empathisch unterstützende Reaktion angemessen ist, selbst wenn die Beste weint, weil der Obdachlose, den sie nun seit Jahren fast jeden Tag gesehen hat, gestorben ist, da ist eine Kluft, die keine Emotionen zulässt.

Aber das ist nicht gut. Ich möchte das nicht. Ich möchte nicht später wieder ausbaden, dass ich jetzt alle Emotionen in irgendeinen Sack stopfe, aus dem sie in ein paar Monaten ausbrechen und mich überfluten. Darum bin seit einer Woche fast nicht auf Twitter, weil ich es grad nicht aushalte, weil ich meinen Emotionen winken, ihnen nachspüren, sie aufspüren, festhalten, festbinden muss. Da! Ich bin traurig! Ja! In der Flut der Nachrichten gehe ich unter, meine Haut ist gerade zu dünn, sie hat zu viele Löcher, in die alles reinfließt und eine Reaktion verlangt, Wut, Schmerz, Trauer. Aber in so schnellem Wechsel, dass ich gar nicht mehr spüre, was ich jetzt gerade empfinde. Alles kriegt einen Löffel Emotion, bis das, was vor meiner Nase, in meiner Familie geschieht, nichts mehr abkriegt, weil der Topf leer ist. Beziehungsweise ist es sehr viel leichter, überall einen Löffel Emotion dazu zu tun, als mir genau anzusehen, was gerade los ist mit mir. Weil – es ist ja ok. Er lebt ja noch. Es geht ihm gut. Ich kann runterkommen.

Also probiere ich das. Kontrolliere die emotionalen Reize, die ich mir gebe. Gehe nicht ins Kino, wo ich mich vor der großen Leinwand ohne Pausetaste nicht verstecken kann, obwohl ich die Retrospektive gerne sehen würde. Weil die nächsten Wellen kommen: Mein Geburtstag, der Geburtstag meines Vaters, sein Todestag. Die will ich überwintern und zwar gut. Ich will nicht zurück. Ich will nicht zurück in die Depression. Also weg. Weg von allem, zurück in das mit den schönsten, weichsten Strickwerken gefütterte Shoebox Castle, und die durchlässig gewordenen Grenzen zwischen mir und allem und allen anderen stopfen, Stich für Stich, Masche für Masche. Die Schutzhülle neu aufbauen, Stück für Stück. Und dann wieder rausschauen.

Riss in der Unsterblichkeitshülle

[CN Tod, Krankheit, Depressionen]

“Wir haben schon gespendet!” will ich sagen, da starb schon jemand in der Familie vor der Zeit, nein, ich will das nicht. Das soll nicht passieren. Meine Familie sollte doch jetzt unsterblich sein, bis ich selbst älter und gräuer bin und mich an den Gedanken gewöhnt habe.

Sieht zumindest im Augenblick so aus, als hätte mein Onkel, der mich seit meinen Kleinstkindesbeinen begleitet, gerade noch Glück gehabt. Ich könnte mich hineinfühlen in meine Mutter, aber ich kann das jetzt nicht. Vor drei Tagen hatte ich kurz Angst, dass mein Bruder gestorben sei, weil Nibling etwas länger schrie, im Morgengrauen.

Wenn mir solche Gedanken durch den Kopf zucken, schiebe ich sie weit weg, sie sind unerträglich. Nur so kann ich gerade atmen und so tun, als sei alles normal. Die Unsterblichkeitshülle, von der ich dachte, dass sie nach dem Tod meines Vaters doch sicherlich meine Familie umgibt, hat einen Riss. Was heißt, sie hat Löcher, sie ist aus Spitze, aus Papierspitze, und es regnet und stürmt.

Ich will das aber nicht. Also verstecke ich mich lieber wie ein im Raum schwebender Geist in meiner Timeline und versuche so zu tun als ob wenig wäre, aber ich weiß, wie sehr meine Mutter sich gerade zusammenreißt und ich habe Angst um sie. Ich selbst bin grad nur numb, da gibt es kein anderes Wort, und absichtlich so, damit die Panik nicht zu sehr an meinem Herz knabbert, das so unerwartet nachgewachsen ist und neu ausgetrieben hat. Ich wollte es doch wachsen sehen dieses Jahr.

Scheiße. Aber warum soll es uns anders gehen? Welches Recht habe ich auf eine unsterbliche Familie? Es bleibt mir nichts anderes übrig als zu warten …

Königinmutter

Wieder mal Pensées-style … [#CN Tod, Depression]

1. Vorgestern feierte die Königinmutter sehr verspätet ihren Geburtstag.

2. Viele Menschen, die kamen, habe ich seit Jahren nicht mehr gesehen.

3. Die Zeit vergeht.

4. Irgendwie werde ich mich mit dem Gedanken abfinden müssen, dass alle Menschen sterben werden, auch die, die ich sehr liebe.

5. Hoffentlich nicht bald.

6. Irritierend, dass mich alle danach fragten, was denn mein Bruder so macht, wie es Nibling so geht.

7. Ja, gut, was soll ich sagen. Sie sind nicht hier. Sie leben. Es scheint ihnen gut zu gehen. Nibling ist herzig. So.

8. Gleichzeitig habe ich kein Wort, das beschreibt, was ich gerade arbeite. Marketing? PR?

9. Arbeit und Studium scheint die meisten Leute zufriedenzustellen.

10. Ein paar Mal habe ich auch “feministisch aktiv” gesagt.

11. Später dachte ich daran, dass ich ein Buch schreiben sollte, einfach, damit ich sagen kann, ich schreibe eines. *kopfschüttel*

12. Natürlich habe ich gelogen, dass es mir gut geht. Das Wichtigste, was ich gerade mache, kann ich gar nicht sagen: Ich über_lebe.

13. Einfach so leben scheint nicht zu reichen.

14. Die Königinmutter hat sich Lobreden und/oder Lieder gewünscht.

15. Es haben tatsächlich Leute gesungen. Nach der Melodie von “Ich steh auf der Brücke und spucke in’ Kahn”. Nu ja.

16. Mein Onkel hat eine Rede gehalten. Ich wette, die Königinmutter wird darüber noch mit mir reden. Später erzählte er mir, dass mein Vater bei einer Weihnachtsfeier vor meiner Geburt den Baum nur mit roten Bändern und Kerzen schmückte, einen roten Stern für die Spitze bastelte, durch die Licht schien und es wurde eine Passage von Marx verlesen. Ich muss jetzt noch lachen.

17. Ich wusste, wenn ich singe, heule ich. Außerdem sind Lobreden peinlich und was ich der Königinmutter wirklich sagen will, hat mit dem über_leben zu tun und ich glaube, sie würde sich schrecken.

18. Aber ich wollte auch etwas tun. Also habe ich meine Tweets nach “Königinmutter” durchsucht und welche zusammengestellt.

19. Beim Vorlesen haben meine Hände so gezittert wie zuletzt im Frühling 2013, als ich vor 100 Unbekannten* einen Sessionvorschlag machte.

20. Ich hasse es, wenn meine Hände so zittern und es macht mir Angst, weil ich sie nicht kontrollieren kann.

Da aber die Tweets recht Anklang fanden (Onkel erstaunt: “Das war sehr witzig.”), hier:

Sophie und Agathe im Belvedere

Sie lagen in der Sonne wie Löwinnen. Wie die Löwinnen, die sie eigentlich waren. Es war ein Skandal.

Binnen weniger Stunden hatten sie eine beliebte Touristenattraktion Wiens besetzt. Kein Mensch hatte mehr Zutritt, Kugeln prallten an ihnen ab, das Denkmalamt verbot den Bombenabwurf. Die umliegenden Straßen und Häuser waren in Panik verlassen worden, Wien war leer wie im August. Hubschrauber von Fernsehstationen, eingeflogen mit riesigen Transportflugzeugen, kreisten über dem Park.

Jahrhundertelang hatte sie nur auf die Wand gestarrt. Sie konnte nicht einmal den Kopf wenden, um Sophie anzusehen. Sie konnte sich nicht umdrehen. Jahrhundertelang. Jahrhundertelang hatten sie sie angefasst an diesen Halbkugeln mit einer Murmel in der Mitte. Jahrhundertelang hatte sie nicht einen Laut von sich geben, nicht eine Miene verziehen, nicht eine Tatze dagegen heben können. Wie lange war der letzte Anstrich her? Davor war sie in Ehren ergraut, angewittert, eine Ruine, die mit der grauen Stadt verschmolz wenn es dämmerte. Doch mit dem rekonstruierten Parterregarten war der Anstrich gekommen, weiß strahlend und doch konnte sie nur weiterhin auf die Wand starren und nichts gegen das Anfassen tun.

Da kam schon wieder einer. Er umfasste eine Halbkugel und feixte zu seinem Begleiter hinüber. Überall die weiße Farbe, nur an den Halbkugeln war sie fast wieder so grau wie vorher, trat der Stein zutage. Wie sie das alles hasste. Wie sie diese Menschen hasste. Bahnte sich da ein tiefes Grollen in der Kehle an? Langsam – millimeterweise – schob sich eine neue Fläche in ihr Blickfeld. Der Kiesweg! Weiter, weiter, ein Rucksack aus blauem Plastik, Haare, Sonnenbrille, da, Haut! Augen, Nase, Mund, der breit grinste. Mit der Kraft von tausend Medusen starrte sie in seine Augen, doch er bemerkte es nicht. Aber Sophie bemerkte es. Und dann sah Agathe zu Sophie hinüber. Endlich. Wie lange hatte sie darauf gewartet. Sophie schaute zurück. Selbst wenn sie sich nur aus den Augenwinkeln sehen konnten, sie erfühlten ihren Hass, ihre Verzweiflung. Von jetzt an lagen sie auf der Lauer.

Es dauerte nicht lange. Wieder einer. “Fass beide an, hahaha!” rief ihm ein anderer zu. Agathe riss ihre Pranken hoch, legte sie ihm auf die Schultern und biss ihn in den Hals, bis das Blut spritzte. Als er zusammensackte, reckte sie den Kopf in die Höhe und brüllte. Sie brüllte so laut, dass es noch in der französischen Botschaft am anderen Ende des Belvederes zu hören war. Dann erhob sie sich von ihrem Sockel und sah Sophie endlich ganz an. Sophies Gesicht war das schönste, das sie je gesehen hatte. Auf ihm lag ein Lächeln und eine wilde Hoffnung. Langsam, langsam wendete Agathe wieder ihren Kopf und starrte den anderen an. Bleich, fast so weiß wie ihre Flanken war er. Sie holte aus und schlug ihm mit der Pratze ins Gesicht. Tot fiel er zu Boden.

Agathe drehte sich elegant auf dem Sockel und blickte die ganze Länge des Gartens hinunter. Sophie würde sich immer daran erinnern, wie Agathe dagestanden hatte, das Gesicht von der Sonne beleuchtet, das rote Blut, das ihr vom Mund auf die Brust triefte. Agathe trug es wie eine Schärpe. Unter ihrem Blick begannen sich ihre Schwestern zu regen. Sie schlugen mit dem Schweif, beugten, dehnten, streckten sich, machten sich zum Sprung vom Sockel bereit. Unter den Augen der lachenden Brunnenfrauen und Göttinnenstatuen hetzten sie die Grabscher durch den Park, töteten sie mit Nackenbissen, Prankenschlägen. Die anderen Menschen wurden wie Kätzchen zum Ausgang getragen.

Die Krähen ließen sich dankbar auf den Leichen nieder und verschwendeten keinen Blick auf das Sphingenrudel, das sich nach der Jagd herzlich begrüßte und mit einander vertraut machte. Sie spielten. Rutschten die abgeschliffene Auffahrt hinunter, badeten in den Teichen, rannten Slalom um die Buchsbäumchen oder zerfetzten sie, tanzten in den Kringeln des Parterregartens.

Nach zwei Wochen hatte sich, wie in Wien üblich, die Aufregung gelegt. Es war nichts zu machen. Niemand durfte den Garten des Belvederes je wieder betreten.

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Der Seelenluftballon

Eigentlich wollte ich schon lange einen Text darüber schreiben über dieses Gefühl, das ich manchmal habe. Dann kam Communeva und schrieb einen ausgezeichneten Text und ich dachte “Ach, mir geht’s ja in vielem genauso, da will ich nicht hinzufügen und mit meinem ablenken.” Dann kam #isjairre und damit auch die Posts von Hyperbole and a Half (Post 1 und Post 2) und die Zuschreibung “Depression – da fühlst du garnichts, NICHTS” und auch die Anstöße, sich selbst nicht zu pathologisieren (Ich hab noch keine Ahnung *was* ich da drüber denke. Lasst mir da ein bisschen Zeit, mir meine Meinung drüber zu bilden. Ein bisschen was hab ich schon eingeflochten, weil ich es einleuchtend finde.).

Hm. Jetzt sitz ich da und weiß nicht mehr, was es da ist, was ich habe, außer viele, vermischte Gefühle, die manchmal etwas miteinander zu tun haben, manchmal nicht, und die alle auf strukturelle Probleme zurückgeführt werden können – bis auf eines. Große Ahnungslosigkeit. Sag ich was, ist das falsch wenn ich das sage, was ist daran falsch? Gleichzeitig merken wie sehr ich alles RICHTIG machen will, um nur ja ja ja die Aufmerksamkeit und Zuneigung nicht zu verlieren, die mir entgegengebracht wird, wenn ich was so mache, wie es den Gemögten (ich leih mir jetzt dieses Wort von @theRosenblatts, weil es so schön ist) RICHTIG erscheint. Wo ist mein RICHTIG?

Vor lauter “aber das muss ich auch noch bedenken” zerzupft es mich in tausend Richtungen bis ich gar nicht mehr weiß, was ich eigentlich denke. Mein kühles Analyse-ich hat mich grad ein wenig im Stich gelassen. Manchmal mag ich mein kühles Analyse-ich auch nicht. Der letzte Post, der aus brennender Wut entstand (schon lang nicht mehr so wütend) – war der gut? War die Wut gut? Ich fühl sie noch in mir glimmern – endlich mal ein Gefühl, von dem ich nicht einen Schritt zurücktreten kann und “die andere Seite” betrachten kann. Ich kann das schon, nur will ich nicht.

Aber darum geht’s hier nicht. Hier geht’s auch darum, mich denen an die Seite zu stellen, die mutig genug waren, über ihre Begleiterscheinungen (hey, das Wort mag ich!) zu reden. In meinen #istjairre-Tweets konntet ihr ja lesen, wieviel ich internalisiert habe und mir selber nicht zugestehe, meine Begleiterscheinungen zu zeigen, damit ich die negativen Konsequenzen nicht erleben muss. Ist das klug, hier alles aufzuschreiben, wo mein Klarname im Impressum steht, klug zu twittern, wenn mein Klarname beim Namen steht? Manchmal wird mir schon mulmig. Manchmal überlege ich mir schon einen protected Account, ein neues Blog, den Namen zu ändern. Schon wieder zerrissen. Ist es zu spät? Was will ich eigentlich erreichen mit meinem Twittern und Schreiben? Wenn ich das wüsste … (abseits von Aufmerksamkeit & Anerkennung natürlich oder natch, wie die US-Amerikaner*innen gerne sagen & ich auch).

Anyway.

Ich habe eine Begleiterscheinung.

Schon lange. Wie bereits irgendwo dargelegt, zeigte sie sich zum ersten Mal, als die bestehende, patriarchalische Gesellschaftsordnung im Gymnasium endgültig gegen mich prallte und ich Mobbing ausgesetzt war. (Ich wollte schon “schwerstes” schreiben & rief mir dann in Erinnerung, dass ich es verglichen mit vielen anderen “leicht” hatte … *seufz*). Manchmal, wenn ich lese, welche Symptome depressive Kinder und Jugendliche zeigen, muss ich heulen, weil sie niemand bei mir erkannte. Weil niemand auf mich hörte. Weil keine Informationen ausgetauscht wurden, die vielleicht ein komplettes Bild von mir ergeben hätten, bei dem dann erkannt worden wäre, dass etwas los ist mit mir.

Egal. Ich habe überlebt. Mit neuen Begleiterscheinungen.

Das nächste wirklich schwere Mal war, als die mir von der Gesellschaft auferlegten und unreflektiert angenommenen Lebenspläne nicht so funktionierten, wie ich wollte. Ihr könnt es auch Liebeskummer nennen. Ich hatte auch schon vorher Liebeskummer, aber diesmal hatte alles endlich nach Plan gehen sollen. Wenigstens habe ich mich damals begonnen, von Plänen im allgemeinen zu verabschieden. Trotzdem wirken einige dieser Pläne nach, auch nach viel Reflektion und intellektuellem Anerkennen von verschiedenen Aspekten und allem. Ich schreibe keinem Menschen vor, Kinder haben zu müssen, aber ich wollte immer welche und mittlerweile hoffentlich aus den “richtigen” Gründen.

Dass das in meiner aktuellen Situation nicht geht und vielleicht nie gehen wird ist eine Begleiterscheinung. Manchmal tritt sie stärker in den Vordergrund, manchmal nicht. Ähnlich mit dem nicht in einer Partnerschaft sein. Aber das sind (nur?) Begleiterscheinungen der Begleiterscheinung, so wie mein Gewicht, mein Aussehen, mein Älterwerden immer wieder Begleiterscheinungen der ersten Begleiterscheinung sind (zur Erinnerung: Das Prallen der patriarchalischen Gesellschaftsordnung gegen mich).

All das wurde schließlich von dem Ereignis in den Schatten gestellt, das seither die meisten Gefühle auslöst: Der Tod meines Vaters. Seither sind die Begleiterscheinungen stärker, schlimmer, absoluter. Alles was mich an seinen Tod erinnert oder daraus resultiert(e) ist für mich extrem schwierig geworden. Am Einfachsten für mich ist es, mich nicht daran zu erinnern, dass es ihn je gegeben hat. Werde ich daran erinnert, werde ich traurig und beginne zu weinen. So ist das. Es hört auch nicht auf, so gerne ich möchte, dass es aufhört. Ich würde sehr gerne ein unverkrampftes Verhältnis zum Tod meines Vaters haben, aber tatsächlich geht das gerade nicht.

“Wir müssen alle einmal sterben.” Ja. Kann ich das gleich jetzt tun, damit es vorbei ist? Wenn sich mein Geist so weit von meinem Körper entfernt, dass ich sterben will (was ich euch hiermit zum ersten Mal überhaupt kundgetan habe), sehe ich vor mir meine Seele als einen großen weißen manchmal warm leuchtenden Ballon an einem Seil. (Vielleicht ist er aus Papier und wird von Feuer in die Luft gehoben. In der buddhistischen Tradition werden Papierdrachen als Seelen gesehen, die in den Himmel transportiert werden, aber in die stelle ich mich nicht, zumindest nicht bewusst.) Je weniger ich leben will, desto weiter steigt der Ballon auf, desto länger wird der Faden, desto dünner. Ich weiß, dass ich ihn nicht abreißen lassen darf, wegen euch, wegen meiner Familie, wegen den Menschen, die ich liebe, obwohl ich sie zum Teil gar nicht kenne.

Aber auch wegen mir. Aus purem Egoismus. Es gibt Dinge, die ich noch oder nochmal tun will, auf bestimmte Art und Weise, und die bestimmte Voraussetzungen haben, die ich erfüllen will. Und es ist mir egal, wenn es auch anders geht, ich will das so.

Also schaue ich, wie ich es schaffe, meinen Seelenballon wieder einzuholen. Da gibt es viele Möglichkeiten, die zum Teil herzlich wenig mit den Vorschreibungen zu tun haben, die mir die patriarchale Gesellschaftsordnung machen will, damit ich in ihr wieder funktioniere. Andere haben sehr viel damit zu tun. Ist mein plötzlich entfachter Aktivismus ein Teil davon? Oder ist einer meiner Teile, die so lange versteckt wurden, um den Normen zu entsprechen? Manchmal ist mir das auch egal, obwohl ich natürlich gerne die Option nehme, die das negativste Licht auf mich wirft.

Jedenfalls bin ich bei all dem nicht gefühllos. Da ist keine Leere. Manchmal ist da eine Völle, von der ich gerne hätte, dass sie eine Leere ist, weil ich nicht weiß, wo ich den Stöpsel finde, der aus der Badewanne so viel rauslässt, damit ich entspannt ein Bad nehmen kann, ohne das ganze Badezimmer zu überschwemmen. Oder wie ich die Verstopfung im Abfluss auflöse, damit ich mir die Hände waschen, wärmen oder kühlen kann, um sie nachher wieder abzutrocknen.

Ist das jetzt psychisch oder physisch? Ich habe keine Ahnung. Will ich das so genau wissen? Was ich gerne hätte: dass es nicht so wäre. Aber das spielt es wohl nicht. Der Seelenballon wird sich wieder entfernen, manchmal mehr, manchmal weniger. Ich will nicht immer allem Traurigen ausweichen. Ich will nicht nur “lustige” Bücher, Filme, Comics, Anime, Musik lesen, sehen, hören. Ich will die volle Bandbreite der Gefühle. Ohne dass über mein Mitfühlen, Nachfühlen gelächelt wird bzw. es nicht wahrgenommen wird, ohne dass ich mich selbst darüber ärgere.

Was ich mich seit meiner Schulzeit nicht traue, was ich mich jetzt noch und nicht mehr traue: “Kannst du mir helfen” zu sagen, Hilfe einzufordern. Drum bin ich froh, wenn mir jemand hilft, ohne dass ich fragen muss und wenn ich gerade kann, helfe ich auch, aber jetzt – gerade jetzt im Moment – ist das ein bisschen schwierig. Ich versuche es trotzdem. Manchmal zu viel (Übungsaufgaben: Nein sagen, keine Vorschläge machen).

Dadurch, dass auch ein Film oder ein Comic bewirken können, dass sich mein Seelenballon entfernt, habe ich gelernt, dass es unterschiedliche Merkmale für meine Begleiterscheinungen gibt. Oft bemerke ich sie zu spät. Oft entwickeln sie sich schleichend.

Wo ist der Unterschied, die Grenze zwischen “Meh, warum macht mir nie jemand Frühstück?” und “Ich kann nicht mehr für mich kochen?” Wo ist der Unterschied zwischen “Ich hasse Hausarbeit” und “Hilfe, ich lebe in einem Chaos, dass mich nur noch trauriger macht, weil ich es nicht schaffe, aufzuräumen?” Wo ist der Unterschied zwischen “Ah, ich weiß, dass meine Freund*innen gerade (aus völlig legitimen Gründen) beschäftigt sind, ich ruf mal besser nicht an” und “Ich kann gar nicht mehr anrufen, weil sie selbst mit ihren Begleiterscheinungen kämpfen und würden die denn überhaupt noch abheben, ich glaube die mögen mich nicht mehr”? Wo ist die Grenze zwischen “Ich liebe dieses Lied so, dass ich es dauernd hören kann” und “Ich kann nicht aufstehen, weil ich so traurig bin und dieses Lied versinnbildlicht meine Traurigkeit, spricht für mich aus, was ich nicht sagen kann und lindert dadurch alles ein bisschen.”

Es geht mir immer besser, wenn ich regelmäßig arbeite, mit Menschen, die ich mag und die mich mögen, denen ich mich verbunden fühle. Weil ich dann funktionieren muss. Und dann funktioniere ich auch, ich funktioniere ausgezeichnet, so sehr, dass niemand merkt, was los ist und ich einfach nur ein bisschen faul, chaotisch, langsam, unzuverlässig bin. Darum mag ich auch das Wort “funktionieren” nicht, weder für Beziehungen noch für irgendetwas.

Irgendwann hören die Begleiterscheinungen auch wieder auf, nehmen allmählich oder Knall auf Fall ab. Dieses Jahr hatte ich zwei schwere Phasen, einmal im Frühling, als ich an der Literaturrecherche für das Buch mit Texten meines Vaters beteiligt war. Wie hätte ich abwehren können? Wie hätte ich all die Emails, die aus der Buchproduktion resultierten abwehren können? (Weil Geld. Und Verpflichtung. *seufz*) Diesen Sommer hat mich die Hitze, die ich sonst hasse, gerettet. Hitze und Wasser, obwohl ich zweimal so echt von meinem Vater träumte, dass es mich tief verstörte.

Dann rückte die Buchpräsentation immer näher. Und als sie dann da – und ein wahres Heulfest für die meisten Frauen* – war, kamen noch eine Hasskampagne, zu wenig Schlaf, eine Reise und eine Erkältung dazu. (Ja, klar, ich hätte mich auch einfach aus der Aufarbeitung der Hasskampagne und der weiteren Unterstützung ziehen können. Aber so geht das nicht bei mir. Ich erwarte absolut keine Bewunderung dafür, dass ich es nicht tat. Wehe, ihr “bewundert” mich jetzt noch mehr dafür, dass ich es nicht tat.)

Aber wie ich bereits schrieb, gab’s dann mittendrin einen kleinen Knall. Die Begleiterscheinung ist jetzt nicht sofort vorbei, sie ist im Abklingen. Ich muss “nur” noch die Begleiterscheinungen der Begleiterscheinung aufarbeiten (Chaos, aufgeschobene To Dos). Auch das braucht Kraft. Und dann muss ich schauen, wie ich dieses Jahr Weihnachten und dann das, was danach kommt (darf ich nicht sagen, abgesehen von Geburtstagen und Todestag) überlebe. Vielleicht hilft dieses Jahr das Schreiben.

Irgendwann hätte ich dann gerne wieder so ein Jahr oder mehrere, wie ich es zweimal erlebt habe. Aus denen die schönsten Fotos von mir stammen. In denen ich mich am Wohlsten fühlte. Darum nehme ich jetzt viel auf mich. Darum habe ich das jetzt geschrieben.

Seelenballon wieder mal ein wenig eingeholt. Ganz ist er noch nicht wieder zurück.