Riss in der Unsterblichkeitshülle

[CN Tod, Krankheit, Depressionen]

“Wir haben schon gespendet!” will ich sagen, da starb schon jemand in der Familie vor der Zeit, nein, ich will das nicht. Das soll nicht passieren. Meine Familie sollte doch jetzt unsterblich sein, bis ich selbst älter und gräuer bin und mich an den Gedanken gewöhnt habe.

Sieht zumindest im Augenblick so aus, als hätte mein Onkel, der mich seit meinen Kleinstkindesbeinen begleitet, gerade noch Glück gehabt. Ich könnte mich hineinfühlen in meine Mutter, aber ich kann das jetzt nicht. Vor drei Tagen hatte ich kurz Angst, dass mein Bruder gestorben sei, weil Nibling etwas länger schrie, im Morgengrauen.

Wenn mir solche Gedanken durch den Kopf zucken, schiebe ich sie weit weg, sie sind unerträglich. Nur so kann ich gerade atmen und so tun, als sei alles normal. Die Unsterblichkeitshülle, von der ich dachte, dass sie nach dem Tod meines Vaters doch sicherlich meine Familie umgibt, hat einen Riss. Was heißt, sie hat Löcher, sie ist aus Spitze, aus Papierspitze, und es regnet und stürmt.

Ich will das aber nicht. Also verstecke ich mich lieber wie ein im Raum schwebender Geist in meiner Timeline und versuche so zu tun als ob wenig wäre, aber ich weiß, wie sehr meine Mutter sich gerade zusammenreißt und ich habe Angst um sie. Ich selbst bin grad nur numb, da gibt es kein anderes Wort, und absichtlich so, damit die Panik nicht zu sehr an meinem Herz knabbert, das so unerwartet nachgewachsen ist und neu ausgetrieben hat. Ich wollte es doch wachsen sehen dieses Jahr.

Scheiße. Aber warum soll es uns anders gehen? Welches Recht habe ich auf eine unsterbliche Familie? Es bleibt mir nichts anderes übrig als zu warten …

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Risotto

Risotto ist eines meiner Kindheitsgerichte. Mein Vater kochte immer dieselben Sachen: Risotto, Pasta oder Polenta mit Gemüsesugo, Gschwellti (im Dampf gekochte Kartoffeln) mit großen Stücken Schweizer Käse. Dazu gab es immer Salat. Er entwickelte auch eine feine, saure, klare Sellerie-Zucchinisuppe, für wenn wir Gäst*innen hatten, und dann gab es auch manchmal Raclette oder sehr selten Fondue.

Risotto, Sugo und Polenta sowie Italienisch und noch vieles mehr hatte er von Albertina, der italienischen Haushälterin seiner Eltern gelernt. Darum gab es bei uns zuhause sehr wenig “traditionelle” österreichische oder Schweizer Küche, auch meine Mutter lehnte sich stark an der italienischen Küche an. Sie kochte mehr mit Fleisch – für sich und meinen Bruder, solange ich Vegetarierin war – und süß für mich. Da wir von Kleinkindbeinen an in der Küche mithalfen – kein Puppengeschirr für uns, sondern richtiges, und scharfe Messer – konnten wir schnell selbst kochen und backen und taten es auch.

Jetzt, beim Kochen eines Zucchinirisottos dachte ich an meinen Vater und seine Kochkünste. Mit der Zeit entwickelte er das Schneiden von Gemüse zu einer meditativen Übung – wir hatten wenig Lust, uns an seine Milimetervorgaben zu halten, also schnitt er selbst. Was er wohl dazu gesagt hätte, dass ich die Zucchini mit dem Gemüsehobel ins Risotto gehobelt habe? Ich fürchte, das wäre nicht genehm gewesen. Musste das Risotto bis ca. in die Mitte der 90er immer gerührt werden – mit dem speziellen Kochlöffel der Großmutter, dessen Laffe schon um die Hälfte geschrumpft war – wurde es danach mit mehr Flüssigkeit versetzt und durfte zugedeckt vor sich hinköcheln. Ich hab meines gerade gerührt, den Löffel hat mein Bruder.

Ich aß mein Risotto am Liebsten immer zusammen mit dem Salat, ja, am Liebsten mit der Salatsauce (Hör auf, da schmeckst du ja nichts von dem was im Risotto drin ist! Doch!) und aus unerfindlichen Gründen schmeckte mir der Sugo lange nicht, also aß ich sehr lange meine Nudeln mit Ketchup. Als er mir begann zu schmecken, waren die großen Kochzeiten schon fast vorbei.

Als Dessert gab es sehr selten g’schwungne Nidel (steif geschlagenen Rahm) mit Ovomaltine. Da konnte es auch vorkommen, dass mein Vater uns einen Löffel klaute. Eigentlich liebte er Süßes, aber versagte es sich meistens. Als ich begann, Dinge zu backen, bekam er immer ein Stück und war wohl froh. Erst im Krankenhaus, auf dem Sterbebett, bat er um Schokolade, weil ihm das Essen so wenig schmeckte und bekam die feinste, alle brachten welche mit, er genoss sie und wir zehrten noch lange nachher von den angehäuften Vorräten.

Davor hatte er lange Zeit vieles nicht vertragen, die Chemotherapien und anderen Beschwerden ließen seinen Hang zur Askese noch größer werden. Gemüsereis mit Curry statt Risotto gab es dann.

Jetzt muss ich aufhören, ich sitze in der immer voller werdenden U-Bahn und heule ungern.

2 Stunden Zeit

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Die Knöpfe an der neuen Lieblingsjacke erweisen sich als brüchig, das Abendblau erweist sich als schön, zwei Stunden erweisen sich als zu kurz, um nachhause und wieder in die Stadt zu fahren. Was tun mit den abgebrochenen Knopfstunden?

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Die Nacht erweist sich als kalt, der Kopf erweist sich als müde, die Stadt erweist sich als ungeeignetes Pflaster für Spaziergänge mit offener Jacke. Die Nadel, die die Jacke verschließen sollte, liegt zuhause, der Gürtel, der die Jacke zusammenhalten könnte auch.

Die Straßenbahn erweist sich als informativ über Gebärmutteroperationen und Krankenhauskosten, meine Geduld erweist sich als kurz, die kalte Nacht erweist sich als bessere Option. Manchmal hält sich meine Neugier arg in Grenzen, die gestern bei Sonnenschein ausgetretenen Pfade sind willkommen.

Spazieren am Ring mit den Händen in den Jackentaschen erweist sich als angenehm, der Burggarten erweist sich als friedlich, die Straße erweist sich als laut. Durch die absichtlich eingestrickten Löcher des Schals, der mir heute Mittag viel zu heiß war, pfeift der Wind meinen Hals entlang.

Die Sterne erweisen sich als klein, der Mond erweist sich schon seit längerer Zeit als verschollen, meine Laune erweist sich als unbeschreiblich. Wie eine einsame Herberge scheint der beleuchtete Teil des imperialen Glashauses, der nun vor allem Schmetterlinge beherbergt.

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Der Himmel erweist sich dunkelviolettblaugrau, mein linker Fuß erweist sich immer noch als leicht schmerzhaft, Orion erweist mir die Ehre. Ich erkenne nur zwei Sternbilder verlässlich, dieses und den Großen Wagen.

Das Österreichische Filmmuseum erweist sich als Hort der Wärme, das Stilmittel erweist sich als ausgereizt, der Spaziergang erweist sich als zu Ende. Mein Buch wird in Kürze ausgelesen sein. Was tun?

Sophie und Agathe im Belvedere

Sie lagen in der Sonne wie Löwinnen. Wie die Löwinnen, die sie eigentlich waren. Es war ein Skandal.

Binnen weniger Stunden hatten sie eine beliebte Touristenattraktion Wiens besetzt. Kein Mensch hatte mehr Zutritt, Kugeln prallten an ihnen ab, das Denkmalamt verbot den Bombenabwurf. Die umliegenden Straßen und Häuser waren in Panik verlassen worden, Wien war leer wie im August. Hubschrauber von Fernsehstationen, eingeflogen mit riesigen Transportflugzeugen, kreisten über dem Park.

Jahrhundertelang hatte sie nur auf die Wand gestarrt. Sie konnte nicht einmal den Kopf wenden, um Sophie anzusehen. Sie konnte sich nicht umdrehen. Jahrhundertelang. Jahrhundertelang hatten sie sie angefasst an diesen Halbkugeln mit einer Murmel in der Mitte. Jahrhundertelang hatte sie nicht einen Laut von sich geben, nicht eine Miene verziehen, nicht eine Tatze dagegen heben können. Wie lange war der letzte Anstrich her? Davor war sie in Ehren ergraut, angewittert, eine Ruine, die mit der grauen Stadt verschmolz wenn es dämmerte. Doch mit dem rekonstruierten Parterregarten war der Anstrich gekommen, weiß strahlend und doch konnte sie nur weiterhin auf die Wand starren und nichts gegen das Anfassen tun.

Da kam schon wieder einer. Er umfasste eine Halbkugel und feixte zu seinem Begleiter hinüber. Überall die weiße Farbe, nur an den Halbkugeln war sie fast wieder so grau wie vorher, trat der Stein zutage. Wie sie das alles hasste. Wie sie diese Menschen hasste. Bahnte sich da ein tiefes Grollen in der Kehle an? Langsam – millimeterweise – schob sich eine neue Fläche in ihr Blickfeld. Der Kiesweg! Weiter, weiter, ein Rucksack aus blauem Plastik, Haare, Sonnenbrille, da, Haut! Augen, Nase, Mund, der breit grinste. Mit der Kraft von tausend Medusen starrte sie in seine Augen, doch er bemerkte es nicht. Aber Sophie bemerkte es. Und dann sah Agathe zu Sophie hinüber. Endlich. Wie lange hatte sie darauf gewartet. Sophie schaute zurück. Selbst wenn sie sich nur aus den Augenwinkeln sehen konnten, sie erfühlten ihren Hass, ihre Verzweiflung. Von jetzt an lagen sie auf der Lauer.

Es dauerte nicht lange. Wieder einer. “Fass beide an, hahaha!” rief ihm ein anderer zu. Agathe riss ihre Pranken hoch, legte sie ihm auf die Schultern und biss ihn in den Hals, bis das Blut spritzte. Als er zusammensackte, reckte sie den Kopf in die Höhe und brüllte. Sie brüllte so laut, dass es noch in der französischen Botschaft am anderen Ende des Belvederes zu hören war. Dann erhob sie sich von ihrem Sockel und sah Sophie endlich ganz an. Sophies Gesicht war das schönste, das sie je gesehen hatte. Auf ihm lag ein Lächeln und eine wilde Hoffnung. Langsam, langsam wendete Agathe wieder ihren Kopf und starrte den anderen an. Bleich, fast so weiß wie ihre Flanken war er. Sie holte aus und schlug ihm mit der Pratze ins Gesicht. Tot fiel er zu Boden.

Agathe drehte sich elegant auf dem Sockel und blickte die ganze Länge des Gartens hinunter. Sophie würde sich immer daran erinnern, wie Agathe dagestanden hatte, das Gesicht von der Sonne beleuchtet, das rote Blut, das ihr vom Mund auf die Brust triefte. Agathe trug es wie eine Schärpe. Unter ihrem Blick begannen sich ihre Schwestern zu regen. Sie schlugen mit dem Schweif, beugten, dehnten, streckten sich, machten sich zum Sprung vom Sockel bereit. Unter den Augen der lachenden Brunnenfrauen und Göttinnenstatuen hetzten sie die Grabscher durch den Park, töteten sie mit Nackenbissen, Prankenschlägen. Die anderen Menschen wurden wie Kätzchen zum Ausgang getragen.

Die Krähen ließen sich dankbar auf den Leichen nieder und verschwendeten keinen Blick auf das Sphingenrudel, das sich nach der Jagd herzlich begrüßte und mit einander vertraut machte. Sie spielten. Rutschten die abgeschliffene Auffahrt hinunter, badeten in den Teichen, rannten Slalom um die Buchsbäumchen oder zerfetzten sie, tanzten in den Kringeln des Parterregartens.

Nach zwei Wochen hatte sich, wie in Wien üblich, die Aufregung gelegt. Es war nichts zu machen. Niemand durfte den Garten des Belvederes je wieder betreten.

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Kein Berlinkrimi

Bei den flachen Stufen neben der S-Bahnbrücke zwischen den Museen am Ufer der Spree lag ein kleiner Finger und wartete darauf, gefunden zu werden.

Moment. Bei den ganzen Hunden, die hier vorbeikommen ist das völlig unmöglich.

Du kannst einer aber auch den besten Krimianfang verderben.

Wo hättest du denn die restlichen Körperteile verstreut?

Na, im Tiergarten. Da ist so viel Laub …

Im Tiergarten. Wo Millionen Touris und Berliner*innen täglich rumtrampeln.

Ist doch noch ganz frisch! Da finden dann eben die Touris die Leiche und …

Ja und wer soll das sein, die Leiche?

Ein … Polizist der auf dem Polizeimotorboot “Seeschwalbe” auf der Spree herumfährt.

Das sagst du nur, weil das Boot gerade vorbeigefahren ist.

Und warum wird er umgebracht?

Weil er immer den Bootsdienst kriegt, der sehr beliebt ist und ein anderer Polizist ist eifersüchtig.

Woher willst du denn wissen, dass der Bootsdienst beliebt ist, vielleicht ist der verhasst?

Möööööhhhhh …

Und warum muss es ein Polizist sein?

Eine Polizistin, das wäre doch voll klischeehaft …

Und ein Polizist wäre nicht klischeehaft?

Dann ist es halt irgendeine Person – ich weiß doch noch nicht!

Und wer erzählt die Geschichte, die Leiche? Wie originell, so gar nicht Sunset Boulevard.

Nein, die Person, die sie findet!

Und wer soll das sein?

Weiß ich auch noch nicht!

Sag mal, deine letzte Krimigeschichte hast du mit … 15 geschrieben und das war schon eine undurchsichtige Sache, warum glaubst du, dass du das jetzt kannst?

Ich …

Fotografier lieber noch ein bisschen Moos.

Möh …

Warum machst du das eigentlich?

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Die Geschichte von der Pottwalfrau im Vulkan

Für @nebengleis

Es war einmal eine Pottwalfrau, die lebte in einem Vulkan. Ihr könntet nun sagen: “Aber wie soll denn das gehen?! Der Vulkan verbrennt sie doch?” Tatsächlich lebte sie in einem Vulkan, der nicht ganz aus dem Meer aufgestiegen war und deshalb eine nette kleine Bucht bildete, mitten im Meer.

Der Pottwalfrau war manchmal etwas zu kalt, deshalb wohnte sie gerne über dem Vulkan, denn es sprudelten dort noch heiße Quellen. Eines Tages traf sie eine Grauwalfrau. Groß und rund war sie.

“Liebe Grauwalfrau, wieso bist du denn so groß und rund?”
“Ich bin schwanger, liebe Pottwalfrau.”
“Juhu! Aber solltest du da nicht im Süden sein?”
“Doch, aber leider habe ich die Aufbruchzeit meiner Herde verpasst und jetzt bin ich ganz allein. Da war so ein riesiger Krillschwarm, der schmeckte so gut!”
“Wie Tiefseetintenfisch?”
“Wahrscheinlich!”

Da sagte die Pottwalfrau: “Sag mal, liebe Grauwalfrau, möchest du vielleicht in meinem Vulkan wohnen? Dort ist es schön warm und geschützt! Ich gehe währenddessen auf Weltreise.” “Oh, das wäre ja wunderbar! Vielen Dank!”, sagte da die Grauwalfrau.

So zog die Grauwalfrau in den Vulkan und die Pottwalfrau ging auf Weltreise. Und als sie einmal um die Welt geschwommen war und wieder beim Vulkan ankam, konnte sie Grauwalfrau und Grauwalkind begrüßen.

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Alles Gute

(7.1.) Von der Überlegung ob Karotten für die Nuancierung eines Gemüseeintopfs wichtig sind und ob dieser auf Tomaten- oder Currybasis stattfinden soll zu einem Geburtstagsgedicht für mich selbst, zu einem Text, der dann als Zitat aus “Das Leben der Anderen” erkannt wird und wieder zurück. Nein, noch habe ich nicht Geburtstag, aber bald.
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Heute, de facto. Jetzt.

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Verstohlen schlüpft ein Jahr vorbei.
Verschweigen oder feiern?
Besonderes war nichts dabei,
Geschlüpft ist nichts aus Eiern,
Die ich vor hunderttausend Jahren
Gelegt habe im Geiste.
Mein kleines Schiff wird weiterfahren,
Noch ungesehen das Meiste.

Es ist also wieder ein Jahr vergangen. Eigentlich war es ein ziemlich okayes Jahr, as years go. Mal sehen, was das nächste bringt.

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Darum nehme ich jetzt endlich das von Nähdrescherin Zora Debrunner mir zugeworfene Blogstöckchen auf und schreibe.

1. worüber hast Du dich auf Twitter 2013 am meisten gefreut?
Die vielen Bibliothekar*innen aus aller Welt, #aufschrei und die vielen Formen des Widerstands gegen die herrschende Gesellschaftsordnung, die ich seither (kennen)gelernt habe, auch die vielen spannenden Menschen. Ausgezeichnete Texte, Musik, Bilder, Bücher, Filme, Kochrezepte, die ich über Twitter kennengelernt habe.

2. Worüber hast Du dich geärgert?
Über zu viele Dinge. Am meisten darüber wie Olja Alvir im #twitkultur-Shitstorm behandelt wurde, aber auch über andere hetero_sexistische, rassistische, klassistische, ableistische Aussagen und Ereignisse, die Gesellschaft im Allgemeinen, schlechte Zeitungsartikel und schlechten Wissenschaftsjournalismus.

3. Ganz ehrlich, was bedeutet Dir Facebook?
Eigentlich nichts mehr.

4. Welche Zeitschriften und Zeitungen liest Du?
Ab und zu Die Zeit, den Falter, eigentlich lese ich Nachrichten fast nur noch online.

5. Wie sehen Social Media in fünf Jahren aus?
Schwer zu sagen. Vielleicht gibt es dann eine Plattform, die unsere verschiedenen Accounts verbindet? Ein neues großes Netzwerk, das unsere Privatsphäre perfekt schützt?

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Tag fängt gut an. I approve.

Einmal Aarau und zurück

Im Föhnsturm im Bus zwischen verschneiten Bergen fahre ich von dem Ort an dem mein Bruder wohnt nach Aarau. Aarau liegt im Aargau, im Norden der Schweiz, zwischen Basel und Zürich, nahe an Deutschland. Der Aargau ist ein katholischer Kanton, berühmt für Konservativismus, Karotten und schlechten Autofahrstil.

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Aber ich bin in Aarau geboren und kann dem Schweizer Kantönligeist sowieso wenig abgewinnen. Rüeblitorte ist köstlich. Aarau liegt an der Aare und in den Ausläufern des Juragebirges, das dort eher aus hohen und nicht so hohen Hügeln besteht. Es hat eigene Traditionen, die angeblich Jahrhunderte alt sind, wie den Maienzug, der im Juli stattfindet, und die Bachfischet, ein Laternenumzug mit einem eigenen Lied in dem die Bewohner*innen der Nachbargemeinden verspottet werden: Fürio, de Bach brönnt, d’Suhrer händ ihn aazündt, d’Aarauer händ ihn g’lösche, Küttiger, Küttiger, riite uf de Frösche. Fragt mich nicht, was das alles bedeuten soll. Ich wohne dort nicht mehr.

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In Aarau liegen viele Familienmitglieder begraben – die Familienbegründer*innen, meine Großeltern und mein Vater, in einem lauschigen Friedhof. Also in einer Nische im Urnengang. Wenn ich den Weg vom Friedhof weitergehe, komme ich in das Quartier, in dem ich aufgewachsen bin, dem Zelgli. Aber dort gehe ich heute nicht hin und noch bin ich nicht dort.

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Noch bin ich in Sargans, am Bahnhof, ohne Ohrenringe, mit zerzaustem Haar. Der Berg, der normalerweise die Ankunft in der Schweiz symbolisiert, schimmert in der Morgensonne.

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Da kommt der Zug – es sind doch recht viele Menschen, die nach Zürich oder Basel wollen. Die Lok heißt “Historic”. Dieser Zug fährt sicher durch Aarau, bleibt aber dort nicht stehen, das wäre wohl zu einfach. Ich könnte auch schnell nach Basel und dann zurück, aber für Experimente fehlt leider die Zeit, um 11:05 bin ich verabredet.

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Ich bin verabredet um über meinen angeblich nicht mehr vorhandenen Bezug zu Aarau und zur Schweiz zu reden. Ich schaue in die Berge – nicht sehr hoch, sagt meine innere Schweizerin. Aber oben sind Felsen, also sind es Berge.

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Der Walensee, auch eine der wichtigen Marken bei Reisen ins Innere der Schweiz, kalt, tief, gefährlich, hat heute hohen Wellengang. Und doch gibt es Surfer, die den Föhnsturm nutzen. Schweizer Seen und ihr Blau.

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Vorbei geht es an Bunkern aus dem 2. Weltkrieg. Gerade habe ich mit meinem Bruder darüber gesprochen, dass ich ja auch zurückkehren könnte in die Schweiz, hier leben könnte. Es ist ja nicht so, als wäre es in Österreich anders, was das Einbunkern und die Ablehnung “fremder” Dinge betrifft. Aber die Bunker … und die fremdenfeindlichen Plakate, die ich später sehe …

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Schon sind wir am Zürichsee. Auch ein vielgeliebter Teil meiner Schweiz. Besuche in Rapperswil seit meiner Kindheit und ein wunderschönes Jahr in Zürich selbst. Nach meiner Matura in Wien verbrachte ich ein freiwilliges Jahr am Liceo Artistico in Zürich, um mein Italienisch zu verbessern und meine künstlerische Ader auszuleben. Tatsächlich erfuhr ich erst dort, wie es war, sich in einer Schule, einer Klasse wohlzufühlen.

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Und Rudern ging ich. Im Winter auf dem See, auf einem Surfbrett mit Ruderaufsatz. Ganz alleine. Rudern mit anderen Menschen hat mich nie interessiert. Als es wärmer wurde, lieh ich mir manchmal ein Fahrrad aus und radelte am Ufer entlang. Schon allein wegen dem See würde ich nach Zürich ziehen, wenn es nicht ganz unmöglich wäre, dort günstig zu wohnen.

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Wir fahren an unzähligen Schweizer Häusern vorbei. Es sind wohl die Fensterläden, die für mich “das” Schweizer Haus ausmachen. Mein Vater hätte mir sicher viel über die Architekturgeschichte der Schweiz erzählen können, aber wir haben nie darüber gesprochen. Vielleicht dachte er, wir würden sonst Architekt*innen werden wollen (als brotloser Beruf streng verboten). Aber da wir immer zu Besichtigungen aller möglichen Gebäude mitgenommen wurden, haben wir halt so gelernt. In drei Wochen schreibe ich eine Klausur über Bibliotheksbau und habe keine Angst davor. Ich freue mich sogar.

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Am Hauptbahnhof in Zürich suche ich nach einem Zug, der mich schneller nach Aarau bringt, aber es gibt keinen. Gut, ich nehme den Regio-Express und knipse vorher noch schnell das Landesmuseum, auch so ein Ding aus dem 19. Jahrhundert. Ich sitze im oberen Stock des Zuges und erinnere mich an das Märkische Museum in Berlin, über das ich endlich einen Blogpost schreiben sollte. 25 Minuten und ich werde da sein.

Lenzburg. Ich habe es verpasst, die Burg zu fotografieren. In der Schweiz gibt es quasi keinen Flecken, der nicht behaust, beackert oder sonst verwertet wird. Für reine Landschaft ist das Land zu klein und in den Tälern die Ackerfläche zu knapp. Der Wald wird seit Jahrhunderten (diesmal wirklich) bewirtschaftet. Die Almen, die Pässe, die Saumpfade – auch die Berge sind nicht unberührt. Gleich sind wir da. Ich sehe vertraute Hügel, Kirchen, Sendemasten.

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In Aarau empfangen mich die Tante und diese Tulpensitze. Es wird ein längeres Gespräch, aber nicht anstrengend. Danach laufen wir durch das Städtchen, über den Wochenmarkt, vorbei an der Buchhandlung meiner Kindheit und an der Statue des Urahns.
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Seiner Frau, die 13 Kinder gebar, wurde kein Denkmal erbaut.

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Und dann ins Café meiner Kindheit, wo nach dem Besuch in der Buchhandlung Gipfeli und Ovomaltine eingenommen wurden. Die Tuchlaube. Die Laube in der Tuch – Stoff – verkauft wurde. Die Spuren des Mittelalters und der frühen Neuzeit sind noch deutlich zu sehen.

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Um alles besser einzufangen zücke ich die richtige Kamera. Aber die Nähe des Atomkraftwerks (der Wolkenturm in der Mitte) will ich euch nicht vorenthalten. Ich war dort einmal im Kühlturm, auf Exkursion mit meiner Schweizer Schule. Es war feuchtwarm, neblig und zugig.

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Dann wird der Stand der Aare dokumentiert. In meiner Erinnerung fließt sie in die andere Richtung, aber tatsächlich fließt sie, aus Bern kommend, zum Rhein.

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Wieder hinauf in die Stadt. Vorbeistolpern am kurzen Stück des offenen Stadtbaches (der bei der Bachfischet besungen wird).

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Durch das Stadttor mit dem Turm.

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Die weiter oben erwähnten Fensterläden – an der Kantonsbibliothek.

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Wir nähern uns dem Friedhof.

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Und hier …

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stehen in Nischen Dosen mit Asche. In meiner Erinnerung war die Nische nicht so hoch oben, aber dann erinnere mich an die Leiter bei der Urnenbeisetzung. In der Nische ist die Dose, die ich aus dem Krematorium in Wien abgeholt habe. Die Urne war zu groß und passte nicht in die Nische. Sie sah auf dem Foto im Internet auch besser aus als in der Realität. Es gibt keine schönen, günstigen Urnen. Daher ist es nicht schlimm, dass nur die Dose in der Nische steht. Neben der Dose liegt ein Blatt der Pflanze, die mein Vater von einem Besuch aus Montenegro mitbrachte, in den 70ern. Alokasia. Eine äußerst wuchsfreudige Pflanze, schwer umzubringen. Vermehrt sich über Samen, Stecklinge, Teile des Strunkes. Sehr pittoresk. Alle Freunde* und Freundinnen* bekamen über die Jahre kleine Pflanzen. Bei der Urnenbeisetzung brachte ein Freund ein Blatt mit.

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Eine Vierteldrehung des Körpers entfernt liegen diese. So hat es sich mein Vater gewünscht.

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Ich weine. Ich erzähle. Ich wünsche mir. Es ist schwer. Dann gehe ich.

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Ich gehe die Feuerwanzen an den Bäumen fotografieren und dann haue ich ab.

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Denn ich habe eine Tageskarte für das gesamte Netz der SBB und die öffentlichen Verkehrsmittel in der Schweiz. Und ich will noch nicht zur Familienidylle unterm Weihnachtsbaum. Die nächsten zwei Tage gibt es kaum Fluchtmöglichkeiten. Ich nehme also schnell schnell den Zug nach Olten und dann den nach Basel. Die Taktung funktioniert perfekt. Eine Stunde gehört Basel mir. Schnell zum Münster und in den Rhein gespuckt.

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Also zuerst fahre ich in die falsche Richtung mit der Straßenbahn und dann gehe ich in die falsche Richtung. Egal. Beim Münster schnell noch im Kreuzgang verirrt und dann …

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schnell
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schnell
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schnell zum Bahnhof
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nur um zu erfahren, dass der Zug, den ich bis Sargans nehmen wollte, erst in einer Stunde fährt. Also steige ich halt in Zürich wieder um. Dafür sitze ich im TGV.

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Der Weg zurück ist wie der Weg hin. Nur ist es finster, ich sitze auf der falschen Seite für Fotos – und heute gibt es kein Abendrot. Der Föhn bricht langsam zusammen. Ich bin spät dran und habe keine Möglichkeit, meine Verspätung kundzutun.

Aber ich bin ruhig. Ein Chor singt mir alte englische Weihnachtslieder ins Ohr. Die CD mit den Liedern habe ich 1998 in Zürich gekauft. Es ist alles in Ordnung. Ich habe meinen Vater gesehen und er mich. Der Rest ist mir egal.
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Winternachtreise

Für @viennarightnow

Ich hätte ins Museum gehen sollen heute früh. Ich wäre glücklicher gewesen. Vielleicht hätte meine charmant zerstrubbelte Erscheinung auf eine ebenso charmant zerstrubbelte Person Eindruck gemacht und beim Wandeln durch die Räume wären wir uns immer wieder begegnet, hätten uns angelächelt und wären schließlich ins Gespräch gekommen, Meet-cute, Fernbeziehung Wien-Berlin oder sonstwo, happy end und alles.

Stattdessen saß ich nun in Zug, konnte schon seit geraumer Zeit nicht mehr schlafen und sah eine menschenleere Landschaft voller orange leuchtenden Lampen, im Hintergrund Windräder, deren rot blinkende Lichter der ganzen Szene etwas höllisches gaben, obwohl ich nicht an die Hölle glaube.

Zeitweise war Schnee zu sehen. Es schien mir unglaublich, wie wenig ich mich damit abgefunden hatte, dass es tatsächlich Winter war. Ich, die ich Winter immer gemocht hatte, die mit Kälte und Nässe gut zurecht kam und der immer noch wärmer war als allen anderen. Aber ich konnte es einfach nicht glauben, dass der Sommer, der so schön gewesen, endgültig vorbei war.

Mir fiel kein deutsches Wort ein für dieses Gefühl. Die englische Sprache hat uns Schadenfreude abgenommen, aber nichts gegeben, das “resentment” ausdrücken könnte und das französische “Ressentiment” kling viel zu fröhlich. Natürlich könnte ich auch sagen, dass ich meinen schweren Wintermantel hasse, aber es klänge gleichzeitig extrem und trivial. Nein, “resentment” war das richtige Wort – ein schwelendes Gefühl, das so dumpf war wie es sich anfühlte, wenn ich den Mantel trug. Dabei war der Mantel das letzte Weihnachtsgeschenk meines Vaters.

Der freundliche Nachtzugschaffner hatte mir ein ganzes Abteil für mich alleine gegeben, welch Luxus! Und trotzdem konnte ich nicht schlafen. Ich hatte vor mich hin gedämmert und versucht einzuschlafen, indem ich meine Gedanken zum Wandern zwang. Bei der letzten Reise konnte ich sie nicht vom Rasen abhalten, diesmal wanderten sie, auf schöne Pfade gezwungen, aber nicht die schönsten, denn sonst würde ich traurig, also gelang es mir nicht einzuschlafen. Oder vielleicht doch. Ein kurzes Traumstück in dem meine Mutter mir ihren neuen Wäschetrockner und ein Putzwägelchen zeigte, interpretierte ich als die Nachwehen der großen Waschmaschinentransportaktion von 2013.

Nach dem unbemerkten Überfahren der Grenze unterschieden sich die öden Lande  nur durch die Absenz von Schnee. Kein Blatt, keine Blume, kein Tier war zu sehen, nur kahle Äste, Lichter und Dunkelheit. Ich hätte heulen können, aber worüber? Gute Aussichten standen mir bevor. Croissants. Kakao. Möglicherweise noch ein wenig Schlaf. Freie Wahlmöglichkeit meiner Aktivitäten. Also kein Heulen und trotz der Isolation kein Gefühl der Einsamkeit. Ein einziger Knopfdruck und ich wäre wieder mit der weiten Welt verbunden, könnte meinen Gedanken in kürzerer Form Ausdruck geben und Widerhall finden.

Ich wusste selbst nicht, worauf ich wartete. Vielleicht auf den Sonnenaufgang, der erst viel später oder sogar nie erfolgen würde in diesen grauen Tagen. Immer noch blinkten Windräder in der Ferne. Dann die ersten Anzeichen von Wien. Die Überfahrt der Donau. Zuhause, dachte ich.

The Will Boutique

A curious name. I stepped into the shop and was greeted by a friendly salesperson. “What can I do for you today?”, they asked. I looked around, quickly, to find something to ask about. But the shop was bare. “What do you sell here?”, I asked.

“Wills”, they replied. “All kinds.” “So I could buy a guy called Will? Or set up my last will and testament? Or …” Suddenly I stopped talking. A thought had started a burning in my chest. I looked at the salesperson.

They were explaining something: “… can be arranged, but what do you want a guy named Will for? Of course we have everything you need for a will, but I sense you want something different.”

“Willpower”, I replied. I felt desperate and at the same time, drunkenly elated. Could it be this simple, to just buy it at a shop, take five drops every day, and just do things! It seemed incredible. It seemed impossible!

Later, I had the bottle tested and it was just a mix of salt and sugar water. But by then I had changed the world.