Liebe Haare, …

Vorletzten November machte ich ein Selfie von mir, das meine im Sommer etwas leichter gewordene Depression mit einem Knall sehr verstärkte. Alles, was mich vorher schon bedrückt hatte, was ich aber durch einen besonders schönen Sommer überwunden glaubte, legte sich wieder auf mich. Langsam kamen die Worte dafür und jetzt dürfen sie nach außen.

2014: Heute Morgen schaute ich in den Spiegel und verzog mein Gesicht. Ich will die weißen Schläfen nicht, die weißen Einsprengsel am Seitenscheitel nicht – noch nicht! Bitte wartet noch, liebe Haare, ich kann mich noch nicht damit abfinden, dass ihr ohne mein Zutun die Farbe wechselt. Dabei sollte ich daran gewöhnt sein.

Als Kind hatte ich hellblonde Haare. Wilde, hellblonde Locken, mit fotografischem Talent gesegnete Eltern. Mein Bruder hatte auch Locken, aber lange nicht so wilde. Sehe ich mir unsere Kinderbilder an, muss ich manchmal heulen, vor Gram über diese Kinder, die wir einmal waren und alles, was ihnen danach passierte. Einige hatte ich ständig vor Augen, sie hingen in der Wohnung meines Vaters bis nach seinem Tod, gleich bei der Gegensprechanlage, unter der er seine Schuhe auszog, in der Küche und in der Bibliothek. Mein Bruder auf dem Hüpfball. Mein Bruder, stolz einen ertauchten Stein herzeigend. Ich, erster Schultag. Ich, schaukelnd.

Hat er das Bild mit der schaukelnden Anna betrachtet, bevor er zu mir kam und mich befragte, warum ich keinen Sport machte, als Kind hätte ich doch so gerne geschaukelt? Hat er darüber sinniert, wie aus diesem Kind das ihm fremde Wesen wurde, dass da saß, tief getroffen, stumm und weiter verstummend, weil da noch keine Worte waren, keine Ahnung, nur dieses Gefühl von “So wie ich jetzt bin liebst du mich also nicht”, das schon lange dagewesen war und sich immer nur verstärken würde. “Ja, damals war ich auch noch glücklich, du Arsch”, das hätte ich vielleicht sagen können – aber ich traute mich nie auch nur irgendetwas zu erwidern, aus Angst, dass nach einem Streit der letzte Rest von Akzeptanz, der da ab und zu (für brave Leistung) noch durchblitzte, auch noch wegfallen würde (nie gelernt: Konflikte austragen).

Aber eigentlich geht es ja um meine Haare. Aber an jedem meiner Haare hängt (eine) Geschichte.

Bei meiner Mutter hängen Fotos von meinem Bruder und mir, bei der Gegensprechanlage, vor der sie ihre Schuhe an- und auszieht. Mein Bruder mit 12, beim Schuhe anziehen in England. Ich mit 14, auch in England, einen Pullover über den Haaren, den Riemen einer Tasche auf der Stirn. Ein anderes Foto, das wohl kurz davor oder danach gemacht wurde, zeigt mich in meinem Lieblingspulli, mit frei wehenden Haaren – es war eins der wenigen Fotos, auf denen ich mich damals schön fand. Aber dieses Foto hängt da nicht.

Andere Fotos in der Wohnung meiner Mutter, über dem Lehnsessel, über dem Küchentisch, zeigen meinen Bruder und mich, wie er mir Selbstverteidigungsgriffe beibringt, die ich schon längst wieder vergessen habe. Darunter Bilder vom Begräbnis unserer Großmutter, mit unseren Cousins und unserer Cousine, eins ernst, eins grimassierend. Über dem Küchentisch hängt ein Foto von der Maturafeier meines Bruders, er und ich, stolz, ich mit Hut. Von meiner Maturafeier gibt es keine Fotos. Noch ein Foto von uns zweien. Mein Bruder und meine Schwägerin. Ich, allein auf einem rosa Plastiksofa sitzend, mit Lippenstift und zusammengebundenen Haaren, nachdenklich, melancholisch.

Stillstand also in der einen Wohnung, Weiterleben in der anderen (zumindest bis 2011, denn damals saß ich auf dem rosa Sofa). Meine Mutter macht immer noch Fotos von mir, mit ihrem Smartphone. Fotos, auf denen ich fürchterlich aussehe, ihr Spezialtalent. Aber zurück zu meinen Haaren.

Die endgültige Sammlung aller Annainstanzen mit unterschiedlichsten Haaren habe natürlich ich selbst. Ich sehe sie mir selten an, denn wie gesagt: Tränen. Aber manchmal will ich wissen, wann sie denn von kurz zu nicht mehr kurz, länger, länger, länger, länger, halblang, kurz, halblang, kurz, halblang, kurz übergingen, von hellblond zu blond, zu dunkelblond, zu hellbraun, zu dunkelbraun, zu sehr dunkelbraun, zu weißen Schläfen zu – 2015 – immer deutlicher graumeliert.

Bis ich 11 Jahre alt war, hatte ich immer kurze Haare. Das war einfach so. Und es war gut so. Ich wünschte mir keine langen Haare, sie wurden die längste Zeit von meiner Mutter geschnitten und das war so unproblematisch, dass ich mich nicht mehr daran erinnere, oder nur lose, an die ganz scharfe Schere und das deshalb stillhalten müssen. Kurze Haare, keine Erinnerungen an das Waschen, Trocknen oder sonst etwas. Keine Gedanken an Haarklammern, Haarspangen, Haarreifen, sonstige Ornamente. Keine Gedanken an meine Haare – oder zumindest keine, an die ich mich erinnere.

Und dann kam ich ins Gymnasium. Und dort gab es keine Mädchen mit kurzen Haaren außer mir. Halblang, vielleicht, aber vor allem lang. Wallend. Keine Locken. Keine kurzen Haare. Anna, fremder Körper von Anfang an. Hat die größte Angst, deren Folgen zwar entdeckt, aber nicht richtig interpretiert, nicht besprochen, nicht gelöst werden. Die Angst bleibt also. Als Lösung präsentiert sich die Anpassung: Haare wachsen lassen, dann würde ich aussehen wie die anderen Mädchen und alles würde gut werden.

Haha.

Haha haha haha.

Meine Großeltern väterlicherseits kannte ich nicht. Ich kannte auch lange keine Fotos von ihnen, obwohl mein Vater sieben Fotoalben voller Bilder und Kommentare hortete, Bilder, die Geburt und Aufwachsen meiner Tanten und meines Vaters dokumentierten, fotografiert von meinem Großvater und meiner Großmutter, die selten auf den Bildern zu sehen ist. Kommentare vom Großvater. Erst als ich die Fotoalben einer Tante übergab, damit sie ins Museum kamen, sah ich sie mir an. Sie sagte mir auch, wie verletztend sie die Kommentare empfunden hatte.

Mein Großvater hatte lockige Haare, kurz. Meine Großmutter hatte immer streng zurückgekämmte und -gebundene Haare, ob glatt, wellig oder gelockt weiß ich gar nicht. Als Kinder hatten die meisten meiner Tanten und auch mein Vater lockige Haare. Mein Vater in seiner Jugend noch etwas länger, lockig, später immer kürzer, da ringelten sie sich nicht mehr. Die Tanten banden ihre Haare bald zu Zöpfen. Später trugen sie sie ausnahmslos kurz, in patenten Kurzhaarschnitten. Sie sehen sich alle sehr ähnlich. Ich sehe ihnen sehr ähnlich. Und als ich nicht mehr Kind und meinen Tanten länger ausgesetzt war, erlebte ich die Folgen ihrer eigenen Erziehung, die ich erst jetzt und nur in Teilen, kritisch analysieren kann. Str_eng. Und dabei so anders als die anderen str_engen Erziehungen, Kommunismus statt Religion. Ich wollte so nicht sein, so nicht aussehen, keine kurzen Haare haben. Meine armen Tanten.

Meine Großmutter mütterlicherseits war die einzige meiner Großeltern, die ich kannte. Sie hatte wellige Haare, hinten in einem Dutt zusammengefasst, die Wellen sorgfältig mit diesen Metallklammern nachgeformt. Wenn ich heute einen Seitenscheitel ziehe, denke ich an sie mit ihren Haarklammern, denn im nassen Zustand wellen sich meine Haare genauso und ich könnte die Wellen genauso mit Haarklammern fixieren, wenn ich wollte. Sie trug auch einen Seitenscheitel, hatte dunkle Haare, die zwar zunehmend ergrauten, aber vor allem dunkel blieben. Mein Großvater mütterlicherseits hatte schon früh schlohweiße Haare, sagt meine Mutter.

Die Locken meines Vaters sah ich also nur in meiner Kindheit. Die Locken meiner Cousins und Cousinen waren ganz anders als meine, weniger wild, viel wilder, festere Haare. Mein Onkel, Bruder meiner Mutter, hatte immer halblange Wallehaare, wellig, voluminös, zunehmend ergrauend. Die Haare meiner Mutter waren kurz, die längste Zeit. Als Kind blonde Zöpfe, als junge Frau blondgebleichte, lange, leicht gewellte Haare, nicht gerade, nicht stark gewellt, nicht lockig. Auf meiner Geburtsanzeige hat sie dunkelbraune Schäfchenlocken, die sie sich alle sechs Wochen in Basel legen ließ. Danach waren sie die längste Zeit kurz, blieben kurz, ab einer gewissen Zeit dann hennarot, dann zunehmend grau. Einmal ließ sie sich die Haare wachsen, sah trotz der grauen Haare mädchenhaft aus, ungewohnt. Warum eigentlich? Dann ließ sie sie wieder kurz schneiden, die Kinder, die sie betreute rissen zuviel daran.

Ich habe erst vor einem Monat festgestellt, dass ich zwar die starken Locken meiner Vaterseite habe, die feinen Haare und das schöne Weißwerden allerdings von meiner Mutterseite. Dabei dachte ich, ich hätte gar nichts von meiner Mutter, was so meinen Phänotyp betrifft. Stimmt aber nicht. Darum freue ich mich eigentlich auf meine weißen Haare. Aber müssen die jetzt schon kommen? Dabei sind sie schon seit 2008 da.

Also mit 11. Mit 11 ließ ich mir die Haare wachsen. Statt Anpassung stach ich aber immer mehr heraus. Die Haare wurden wild. Sie standen ab. Sie bauschten sich auf. Sie wurden ein Signal für alle in der Schule, selbst außerhalb der Klasse war ich bekannt, fiel auf. Nicht positiv. Verbale und physische Angriffe nahmen zu. Ich lernte, dass Platanensamen als Juckpulver verwendet werden können. Hatte ich meine Finger in eine Steckdose gesteckt? Nein. Ich hatte meine Haare nur gebürstet. So wie ich es vorher tat. So wie ich es lange Zeit tat, da ich nicht wusste, nicht lernte, mir niemand sagte, wie ich meine Haare denn anders behandeln könnte, damit sie nicht so aussahen, wie sie aussahen, damit ich nicht so viel Spott, so viel Gewalt abbekam.

Ich trug Haarreifen, aber die machten es auch nicht besser. In den Zeitschriften, die ich so las, damals, in der Bravo und im Girl! und in der Minnie gab es nie ein “Makeover” für ein Mädchen*, das so Haare hatte wie ich. Schlimmer wurde es, als wir mit 12 nach unseren Spezialisierungen sortiert und getrennt wurden. Ich verlor viele Freundinnen, fiel immer mehr aus dem Klassenverband heraus. Die Mobber_innen blieben. Blieben, blieben, einer ging, ein anderer kam dazu, neue Schüler_innen kamen in die Klasse, ich blieb am Rand.

Irgendwann waren die Haare endlich lang genug. Vielleicht, als ich 15 war? 16? Ich kann es nicht mehr sagen, diese Jahre wurden von meinen Eltern lange nicht so emsig dokumentiert, wie die ersten drei Jahre meiner Kindheit. Ihre Aufmerksamkeit lag ganz auf meinem Bruder, der ebenfalls Probleme in seiner Klasse hatte, aber bei ihm gaben die ihn schlecht behandelnden Lehrer den Ausschlag: Er wurde in die Schweiz verbannt, weil dort alles besser sei. Und dann litten wir alle fürchterlich. Meine Mutter, mein Bruder, und ich. Ich weiß nicht, ob mein Vater litt, er freute sich wohl über die plötzliche Stille am Frühstückstisch und sah meinen Bruder öfter als meine Mutter, die nicht einfach am Wochenende kurz in die Schweiz fahren konnte.

Die Haare waren also lang genug. Zuerst flocht ich mir Zöpfe, die ich dann mit einem Gummiband hinten zusammenhielt. Dann folgte eine lange Phase von Pferdeschwanz mit Haargummi, mein Vater nannte das meinen “Mozartzopf”, soooooo witzig. Dann fasste ich meine Haare zu einem Knödel zusammen, den ich mit einer Klammer zusammenhielt und so blieb das, lange, lange, lange, lange Zeit. Die Form der Klammern veränderte sich ab und zu (Trend Miniklammer: ein bisschen mitgemacht), weil die Dinger auch kaputtgingen, aber oh, die längste Zeit wurde geklammert, was das Zeug hielt, Alternativen gab es nicht. Bis 2004 zog ich mir nie einen Seitenscheitel.

Meine Mutter schnitt mir weiterhin die Haare, hinten gerade ab. Ein einziges Mal schickte mich mein Vater zu seiner Friseurin*, die* nicht wusste, wie Locken geschnitten werden sollen und auch nicht viel mehr machte als meine Mutter, außer, dass sie* mir vorne irgendeine komische Welle hineinbaute, die ich im Lift sofort zerstörte und wieder in einen Mittelscheitel verwandelte. Manchmal, wenn die langen Haare frisch gewaschen und luftgetrocknet waren (denn das hatte ich inzwischen gelernt, aber mehr nicht), ließ ich sie offen, fasste also die Seitensträhnen hinten zusammen, der Rest hing runter, das war für 2 Sekunden in und ging mit meinen Haaren, also hielt ich mich daran fest.

Dass meine Haare eigentlich schön waren, bemerkte ich erst später, auf den Fotos. Ich hasste sie. An Spaß mit meinen Haaren war nicht zu denken. Meine Haare nach meinen Vorstellungen zu gestalten wurde bestraft. Also bloß nichts riskieren. Dann begann ich von anderen Menschen fotografiert zu werden. Das erste Bild, auf dem ich mich schön und sexy fand, wurde am Ende des besten Schuljahres ever (an einer anderen Schule) von einer anderen Person gemacht. Diese Mitschüler_innen schleppten mich auf dem Schulausflug in Berlin in meine erste Disko, mit strahlend blauem Lidschatten, Wimperntusche und zwei Pferdeschwänzen. Meine beste Freundin und ich richteten unsere Kameras aufeinander. Zöpfe wurden als Option wiederentdeckt, die ab und zu ganz lustig aussahen.

Danach fotografierten mich meine Freunde. Anna, ganz unterschiedlich. Schließlich endlich so, wie ich mir das ungefähr vorstellte: Seitenscheitel, Blume im Haar. Aber meistens waren die Haare doch zusammengeklammert, weil praktisch, und im Alltag wurde die Anna mit Seitenscheitel und Blume im Haar nie ausgeführt.

Und dann waren die Haare egal. Gewaschen mussten sie werden, es war mühsam, es war schrecklich. Egal, wie die Haare aussahen, alles andere war so viel wichtiger. In dieser Zeit fiel mir auf, dass meine Schläfen grau geworden waren. Kam das von der Trauer, vom Stress? Dass die Haare dünner wurden kam sicher vom Stress, heute sind sie wieder “normal”. Aber grauer. Viel, viel mehr weiße Haare als 2009. Scheint in der Familie zu liegen. Ich ließ sie wachsen, die weißen Haare an den Schläfen waren noch nicht so auffällig. Ich ließ sie wachsen, nannte sie meine Prinzessinnenhaare, sie waren so lang wie noch nie. Dünn. Dünn waren sie.

2011 schnitt ich sie ab. Die Diplomarbeit war abgegeben. Zuerst schnitt meine Mutter, wieder gerade im Nacken, dann ging ich in den Salon. Und in den nächsten. Und in den nächsten. Locken schneiden ging jetzt, aber so, wie ich mir das vorstellte, nicht ganz. Dann landete ich endlich und jetzt? 2014 ließ ich mir die Haare so kurz schneiden, wie sie 1992 gewesen waren. Nur sahen sie anders aus. Kaum 5 Monate später und sie sind schon wieder so lang, dass sie mir fast zu lang sind. Das schnelle Haarwachstum hab ich auch von meiner Mutter.

Gefärbt werden sie auch seit 2011. Manchmal ist es mir zu anstrengend, dann wächst der Ansatz und meine Gefühle mischen sich. Ich will nicht mehr färben müssen, weil es so mühsam ist und in kürzester Zeit sind sie sowieso wieder gewachsen. Aber die weißen Haare will ich auch noch nicht. Sie passen meinem Gefühl nach noch nicht zu meinem Gefühl. Später. Später!

2015: Später ist jetzt. Statt die Haare zu färben, ließ ich sie wachsen und fluchte innerlich über meine “Zweifarbenhaare”, dabei hatten sie drei Farben. Heute wurden sie geschnitten und jetzt bleiben sie grau, bis sie so weiß sind, dass ich mir ohne Bleichmittel rosa Strähnen hineinfärben kann. Sehe ich jetzt älter aus? Ist das schlecht?

Manchmal bin ich traurig wegen den vielen Jahren, in denen ich meine Haare hasste. So viel vergeudete Zeit. Nun habe ich sie lieben gelernt, meine Haare. Nicht weil mir Menschen sagen, wie sehr sie mich um meine Locken beneiden. Nicht, weil sie gerne mit meinen Haaren spielen (bitte vorher fragen & eigentlich möchte ich das nicht). Nein, weil ich sie selbst schön finde, kurz oder lang.

Nein, Lookism ist nicht ok

Da ist Tag des Plastiksackerls (Plastiktüte) und eine Abgeordnete der deutschen Grünen sowie der Fraktionschef der deutschen Grünen posieren gemeinsam mit einem Stoffbeutel, auf dem “Bio macht schön” gedruckt ist. Das Foto wird via Facebook und Twitter verbreitet und gestern hatte ich dann eine Unterhaltung auf Twitter darüber, da eine Person einen Tweet des Fotos mit gehässigem Kommentar retweetet hatte. Denn gehässige Kommentare gab und gibt es zuhauf.

Schließlich fühlte ich mich motiviert, etwas generelles dazu zu sagen:

Dehumanisierung der Person, die kommentiert wird, meine ich damit: Die Person wird als weniger wert und weniger menschlich wahrgenommen, sie wird ein Objekt, ein Ding, ohne Gedanken, ohne Gefühle, ohne Geschichte. Die negativ kommentierende Person denkt von sich mehr wert zu sein als dieses schon nicht mehr menschliche Objekt, für das sie keine Empathie aufbringen muss, denn es ist ein Objekt und kein Mensch mehr.

In einem sozialen Kontext – sowohl on- als auch offline, kann ein negativer Kommentar über das Aussehen einer Person zu einer fürchterlichen Dynamik führen:

Eine Person sagt was, die andere setzt was drauf, immer mehr versuchen sich zu übertreffen, die Sprache wird immer härter, Sexismus, Rassismus, Klassismus, Heterosexismus, Cissexismus, Ableismus, etc., die dem ersten negativen Kommentar zugrundeliegen, ob bewusst oder unbewusst, kommen immer deutlicher, immer offener zum Vorschein.

Das habt ihr sicher schon gesehen und teilweile auch erlebt. Dieser erste Schritt kann zu einer Gewaltspirale führen, an deren Ende einerseits verletzte, traumatisierte, retraumatisierte Menschen stehen – und andererseits Menschen, die sich in ihren *istischen Vorurteilen und ihrem *istischen Verhalten bestätigt sehen. Sie werden also wieder negativ kommentieren und wieder Menschen verletzen.

Diese Konditionierung (durch Elternhaus, Umfeld, Medien, etc.) sitzt tief, auch bei mir. Aber daran lässt sich arbeiten, auf allen Ebenen: Bei mir, in der Filterbubble, bei der Kritik an Medien, die solche Aussagen tätigen und verbreiten, beim Engagement gegen lookism und Fatshaming.

Ich finde die Aussage “Bio macht schön” problematisch – denn sie verkennt, dass sich viele Menschen Bioprodukte nicht oder nicht durchgehend leisten können, qualifiziert sie als hässlich ab, wenn sie keine Bioprodukte kaufen und jagt ihnen Angst ein: “Iss bio, dann wirst du schön und du musst schön sein (wollen) und zwar so, wie die Gesellschaft das vorgibt, dann wird es dir besser gehen.” Den gängigen Schönheitsnormen nicht zu entsprechen hat ernsthafte Konsequenzen – und je marginalisierter die Person, desto ernster sind die Konsequenzen.

“Bio macht schön” spielt genau in die normativen Schönheitsvorstellungen hinein, die den zwei Politiker_innen nun um die Ohren gehauen werden. Ich hätte lieber Argumente statt griffiger Slogans – und Maßnahmen zur Armutsbekämpfung. Aber ich finde eben die Aussage und die dahinterstehenden Normen problematisch und kritisiere Aussage und Normen, nicht das Aussehen der Personen, die hinter der Aussage stehen.

Gestern bekam ich die Argumente: “Aber die sind doch Teil der herrschenden Klassen! Und das ist Satire (und die darf alles!)”

Richtig, das sind zwei Politiker_innen. Und Politiker_innen sollten durchaus etwas mehr nachdenken, bevor sie klassistische, normative Botschaften wie “Bio macht schön” verbreiten. Aber es sind auch zwei Menschen. Über ihr Aussehen zu spotten ist nicht Satire, sondern eine Aufrechterhaltung der bestehenden Schönheitsnormen. Zudem richten sich die Angriffe heftiger gegen die grüne Abgeordnete, denn Sexismus is alive and well.

Selbst *ismen und Normen zu kritisieren und sie aber gegen andere, “die da oben” oder auch gerne “die da unten” einzusetzen, ist Messen mit zweierlei Maß. Wenn ich den Anspruch habe, dass mein Aussehen nicht kritisiert werden soll, dass die Normierung und Hierarchisierung von Aussehen, Körperformen, Kleidungsstil, etc. aufhören soll, sollte ich diese Normierungen und Hierarchisierungen nicht selbst fortführen und unterstützen, sondern auf allen Ebenen bekämpfen.

Nochmal:

Die der anderen … und der eigenen.

Die Angst vor dem Sprung über den Schatten

[CN Mobbing & Auswirkungen, Selbstzweifel]

Als ich endlich mit dem Gymnasium fertig war, schwor ich mir, die beste Rache für das jahrelange Mobbing, das ich dort erlebte zu üben: Alle Komplexe, die ich aufgrund des Psychoterrors entwickelte, zu bekämpfen und zu besiegen und superawesome zu leben & sein. Daran arbeite ich noch jetzt. Beim Meta-Workshop vor dem Femcamp wurde mir leicht schwummrig, als Augenkontakt als Kriterium für ich weiß nicht mehr was genannt wurde. Wohlfühlen? Ein angenehmes Klima? Dass ein Workshop klappt?

Uaahhh. Augenkontakt. Uaaahhhh. Gruppensituationen und ich. Unbekannte Menschen auf einem Haufen und uaaahhh uahhh uahhh. Womöglich vor diesen Menschen auch noch etwas vortragen, Horror! Angst. Angst, dass ich nochmal an der Tafel heule, weil ich so lange verhöhnt werde, bis die Tränen kommen. Angst, dass ich als Außenseiterin eingeteilt, nicht wahr und nicht ernst genommen werde. So große Angst. Also Augenkontakt? Nur, wenn ich mich superawesome fühle. Dabei habe ich nach meiner Schulzeit nie mehr eine solche Situation erlebt, aber sagt das mal der Angst.

Beim Femcamp habe ich zwei Sessions gehalten, eine zu fat activism und eine zu crafting und Feminismus und beide waren für mich sehr spannend und sehr gut und laut Feedback für andere auch. Ich habe sogar am Diary Slam teilgenommen, als erste(!) gelesen, wenig vorbereitet – und war überhaupt nicht nervös! Nicht bei den Sessions, nicht beim Diary Slam. Das fällt mir jetzt erst auf. Als ich bei meinem zweiten Barcamp, dem Bibcamp in Nürnberg, verspätet, vor fast unbekannten Menschen, mit Katzenohren, einen Sessionvorschlag vorstellte, zitterten meine Hände so, dass ich kaum tweeten konnte. (Hielt mich aber nicht davon ab.)

Aber war meine fehlende Nervosität nicht einfach der Schlafmangel und der Femcamp- Effekt? Schließlich kannte ich bei den Sessions schon einige der Menschen, die in den Sessions saßen – und wenn ich Menschen kenne, bin ich weniger nervös. In einem queer_feministischen Kontext fühle ich mich auch meist wohl. Und ich war so konzentriert auf das Halten der Sessions bzw. Lesen, dass ich z.B. nicht bemerkte, wenn Personen vor mir vorbeiliefen (ist das gut oder schlecht?). Eigentlich sollte ich besonders meinen Diary Slam-Schattensprung feiern, aber mein Anspruch auf den Riesensprung zur brillianten, selbstsicheren Rednerin erdrückt alles.

Bei einer anderen Session besprachen wir zukünftige Strategien. Ich benannte ein paar, die ich erkannt hatte und insgeheim gerne durchführen würde, aber aus irgendwelchen Gründen gestehe ich mir die Kompetenz nicht zu (warum nicht?) und ich gestehe mir auch nicht zu, endlich vor den inneren Vorhang zu treten und zu sagen: Ich finde, das gehört so und so getan und ich möchte das machen und brauche eventuell Hilfe, aber ich will das tun. Ich gestehe mir nicht zu, die Initiative zu ergreifen, Vorschläge zu machen, Anführerin zu sein, Dinge durchzuführen, dahinter zu stehen. Zusätzlich befürchte ich, dass ich eingegangene Verpflichtungen #ausGründen nicht einhalten werden kann – aber wenn es mir wichtig und die Umgebung unterstützend ist und ich die Kraft und Zeit dazu habe, warum nicht?

Eine Angst ist sicher, durch die Überspringung dieses Schattens in eine Position zu kommen, in der mein Spaß am Mittelpunkt sein, mein Bedürfnis nach Bestätigung, meine Tendenz zu schnellen Meinungen und zu dominantem Redeverhalten (sowie Beharrlichkeit und Sturheit) nicht mehr durch die aufgezwungenen Komplexe gedämpft und gemäßigt werden, sondern sich im freien Lauf entfalten können. Ich habe familiäre Vorbilder, wie ich werden könnte. Ich will so nicht werden.

Aber warum sollte ich genau so werden? Ich bin doch ganz anders aufgewachsen und sozialisiert worden und lerne permanent dazu. Was könnte passieren, wenn ich es einfach wage, weitere Schritte in diese Richtung mache? Ich könnte mich verändern. Ich könnte etwas verändern, vielleicht. Warum nehme ich das nicht positiv an?

Und schließlich sprach ich gestern mit einem tollen Menschen, den ich im Workshop vor dem Femcamp wahrnahm, aber mit dem ich erst am Femcamp richtig in Kontakt trat. Wir sprachen über Anime und dass ich schon länger Rezensionen zu Anime schreiben will (etwas zwiegespalten zwischen “Aber dann gehören sie ja nicht mehr mir alleine!” /o\ und “Aber dann habe ich endlich Menschen, mit denen ich über Anime reden kann! \o/) und mich einfach nicht traue. Wir sprachen darüber, aber ich war schon zu müde und habe mir nicht alles gemerkt.

Hier ist es die Angst, keine Expertin zu sein und möglicherweise Fehler zu machen, auch ein bisschen, dass Anime, die ich mag, wegen problematischen Inhalten auf viel Gegenwind stoßen – aber noch größer ist die Angst, eine Rezension schlecht zu schreiben, dabei ist das genauso Übungssache.

Es ist wohl der Anspruch, Dinge aus dem Stand perfekt zu machen, ohne jede Übung. Sagt die Frau, die für ein Design ihr Strickstück auch sechs, sieben, achtmal auftrennt und geduldig wieder strickt. Hm. Ich vergesse zu oft, dass schon der Weg bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht nur eine Trainingsmontage war, sondern dass hinter mir Jahre der Übung, Jahre des über den Schatten Springens, Jahre des “Iiiiiiiiihhhh, ich hab ANGST, aber ich mach das jetzt!” liegen. Aber eines sehe ich: In meiner kleinen Angstblase mag ich nicht mehr sein. Ich bin traurig, wenn ich in ihr festsitze, anstatt aus ihr herauszutreten und bereue es dann nachher oft. Ich habe schon oft festgestellt, dass ich ein angstfreies Kind war, das keine Probleme hatte, für seine Volksschulklasse Gedichte und Theaterstücke zu schreiben und diese dann aufzuführen. Zu dem Gefühl möchte ich wieder zurück.

Es reicht schon aus … Ein Gespräch über Mobbing, Teil 3

Auf einen Blogpost von mir sprach mich eine liebe Bekannte an, die mir von dem Mobbing, dem sie ausgesetzt war erzählte, allerdings in Form eines geschützten Blogposts. Daraufhin kam mir die Idee, ein Gespräch mit ihr zu führen, in dem sie anonym und daher geschützt von ihren Erfahrungen berichten konnte. Es ist dieses Gespräch geworden – ein sehr langes, trauriges, schönes Gespräch. Aufgrund der Länge teile ich es in drei Teile. Hier geht’s zu Teil 1 und Teil 2.

[Triggerwarnung Mobbing, Sexismus, Bodyshaming]

A(nna): Und wie ist es mit den Folgen für dich persönlich? Als ich mit dem Gymnasium fertig war und an die Schweizer Kunstschule kam, an der ich ein freiwilliges 13. Schuljahr verbrachte und dort freundlich aufgenommen wurde, habe ich den Entschluss gefasst, mich von meinen Peinigern nicht unterkriegen zu lassen. Mein Erfolg – ein zufriedenes Leben zu führen, so wie es mir passt (das ist mittlerweile bei mir “Erfolg”) – würde meine Rache sein, nahm ich mir vor. Ich denke jetzt auch nicht mehr so oft an meine Schulzeit, weil ich mich nicht von ihr bestimmen lassen will (der Beginn meiner Zeit im Gymnasium ist auch schon über 20 Jahre her). Wie ist das bei dir?

Person A: Als es mir besser ging, erkannte ich einige meiner Peiniger*innen als Personen, die gar nicht im Recht waren, mich wegen meines Aussehens zu mobben. Ich erkannte, dass sie gar nicht die wunderschönen und perfekten Menschen waren, die ein Recht hatten, mich zu kritisieren, da keine Person, egal wie sie aussieht, das Recht hat, eine andere Person für ihr Aussehen zu diffamieren. Mein Erfolg war, dass ich versuchte, mich nicht mehr darum zu kümmern, wie ich aussah, endlich wieder in den Spiegel sehen konnte und langsam mit meinem Körper zufrieden war. Ich habe heute noch immer Minderwertigkeitkomplexe wegen meines Gesichts, meiner breiten Hüften und Schenkel, aber ich traue mich dennoch in Bikini und kurzen Hosen nach draußen.

Sonstige Folgen habe ich ja bereits angesprochen, ich fühle mich unwohl, wenn eine Person tuschelt, da ich immer automatisch davon ausgehe, dass es um mich geht (auch wenn das natürlich nicht der Fall ist. Ich weiß das, aber der Reflex ist da.). Ich hasse es, wenn andere Menschen lästern, vor allem, wenn die Person in Hörweite ist. Wenn unter 4 Augen mal etwas negatives über einen Menschen gesagt wird, ok, aber nicht so halblaut, dass sich die Person angesprochen fühlt und nicht sicher ist, ob jetzt von ihr geprochen wird.

A: Ich denke manchmal drüber nach, ob ich ohne das Mobbing auch zu so einer empathischen Person geworden wäre. Auch wenn ich in Einzelfällen nicht immer “nett” bin und noch viel lernen muss, hege ich doch eine große Sympathie für die Menschheit im Allgemeinen und mag es nicht, wenn andere alle Menschen als dumm oder Idioten oder Arschlöcher bezeichnen. Aber andererseits denke ich mir – musste ich erst leiden, um das Leid anderer Personen zu sehen und mitzufühlen? Das kann’s ja nicht sein. Ich war schon ein empathisches Kind, von daher hätte es dieses Leid nicht gebraucht. Niemand “braucht” sowas.

Person A: Ich glaube, ich weiß was du meinst. “Muss ich erst diskriminiert werden, um Diskriminierung zu sehen?” Ich war vor dem Mobbing ebenfalls ein freundliches Kind, das immer ein offenes Ohr für andere hatte und ihnen gern geholfen hat. Das tue ich auch heute noch gerne.

Ich denke, etwas selbst erlebt zu haben spielt eine große Rolle, ob ich mich in das Leid einer fremden Person einfühlen kann. Wir spüren es ja häufig unter allen möglichen Themen, sei es “Aufschrei”, in denen nicht betroffene Menschen Übergriffe herunterspielen, oder sei es, etwas weniger emotional, der NSA Skandal, der Frau Merkel erst aufrüttelte, als sie selbst betroffen war.

Demgegenüber muss ich aber sagen, dass es sehr wohl Personen gibt, die für andere Empathie empfinden, ganz ohne selbst diese Situation erlebt zu haben.

A: So sollte es eigentlich überhaupt sein, dann hätten wir viele Probleme nicht. Mir kam im Lauf unseres Gesprächs der Gedanke, ob vielleicht eine spätere Trennung der Kinder in die verschiedenen Schulzweige sinnvoller wäre. Also eine Gesamtschule, da wir beide aufgrund des Wechsels auf eine andere Schule aus unserem Zusammenhang gerissen wurden.

Person A: Es spricht viel für eine Gesamtschule, unter anderem aus dem genannten Grund der Klassengemeinschaft. Es gibt viele Probleme bei Übergängen in die nächste Schulart und eine Verzögerung der Trennung einer Klassengemeinschaft kann durchaus helfen, eine starke Klassengemeinschaft aufzubauen. Leider ist mit der Gesamtschule das Thema Mobbing nicht aus der Welt geschafft, da Mobbing bereits in der Grundschule (sogar im Kindergarten) beginnen kann.

A: Natürlich geht es leider nicht so einfach. Ich habe mich noch gar nicht so mit Anti-Mobbing-Maßnahmen beschäftigt, weil ich so verletzt war. Was würdest denn du für sinnvoll halten?

Person A: Sinnvoll ist es, die Lehrer*innen zu schulen, Mobbing zu erkennen. In einem freiwilligen Seminar in der Lehrausbildung kam eine Psychologin, die die angehenden Lehrer*innen in Gesprächsführung schulen sollte. Beim Thema “Mobbing” wurden in einem Rollenspiel genau die Mobbingmethoden wiederholt und auf mich angewandt, wie damals in meiner Schulzeit, ohne dass darüber reflektiert wurde.

Gemeinsam mit der Klasse mit dem Kind reden, eine*n Anführer*in ausmachen und im gemeinsamen Gespräch mit dem betroffenen Kind eine Lösung finden. In meinem Fall hat das damals leider nicht geholfen, ich möchte dieser Methode nicht ihre Wirkung absprechen, sicher kann es helfen, aber leider kann das betroffene Kind dabei wie eine Petze dastehen und noch mehr Ansehen verlieren.

Der Höhepunkt des Seminars war jedoch die Aussage, dass sich die meisten Kinder das Mobbing nur ausdenken, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich will nicht bestreiten, dass es das gibt, aber es wurde eher als der Normalfall dargestellt. Ich denke, wer meine Aussagen bisher las, kann sich in etwa vorstellen, wie ich mich in diesem Moment fühlte.

Ich bekam Zweifel. Hatte ich mir das etwa nur eingebildet? Hatte ich das falsch verstanden? Mir alles nur ausgedacht? Es schlimmer gemacht als es ist? Als ich mein Tagebuch las und mich daran erinnerte, konnte ich es aber nicht leugnen. Es gibt Episoden, die im genauen Wortlaut in meinem Kopf sind, die immer wieder hochkommen, sogar noch mehr als hier beschrieben. Ich bin mir recht sicher, dass ich mir diese 5 Jahre nicht eingebildet habe. Ich wünschte, es wäre so.

A: Wie schrecklich :( Klassisches Victimblaming bzw. Täter*innen-Opferumkehr. Und dann noch die Erfahrungen absprechen – wie kann so etwas nur unreflektiert weiterverbreitet werden?

Ich denke mir, dass echte Inklusion – also das Unterrichten von allen Kindern gemeinsam – und die ausdrückliche Betonung von liebevollem, wertschätzendem Umgang miteinander schon ganz früh sehr sehr wichtig ist. Aber da komme ich dann in Gebiete, wo ich mich zu wenig auskenne – ich will einfach nur, dass Mobbing endlich ganz verschwindet und auch Rassismus, Sexismus, Klassismus, Ageismus, Ableismus und alle Diskriminierungen, die ja eigentlich andauerndes Mobbing sind.

Person A: Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, was ich mir gewünscht habe, was ich gebraucht hätte. Jeder Mensch hat andere Bedürfnisse und kann anders das Mobbing überwinden, ich kann hier nur meine Vorschläge unterbreiten. Wenn mehr Personen etwas anderes dazu beitragen können, wäre ich sehr dankbar.

Ich wollte damals, dass eine Person das Mobbing bemerkt. Mir hat kein Mensch geglaubt, die Lehrer*innen haben es nicht bemerkt, da es eben in Pausen und Freistunden besonders schlimm war. Ich hätte am liebsten eine versteckte Kamera gehabt, um alles aufzuzeichnen. Natürlich will ich kein Kind verkabeln(!), aber eine genaue Beobachtung einer*s Lehrerin*s oder einer außenstehenden Person beim Verdacht auf Mobbing kann helfen

Was mir persönlich geholfen hätte, wäre einfach eine Person, egal ob Lehrer*in, Elternteil oder sonstwer, die mir (im Vertrauen) sagt: “Hey, ich bin bei dir. Wenn es dir schlecht geht, komm zu mir. Ich glaube an dich.”

A: Bei mir merkten es einige Lehrer*innen schon. Schließlich wurde ich an der Tafel zum Heulen gebracht. Aber es gab keine Konsequenzen. Meine Klassenlehrerin meinte bei der Maturafeier (Abifeier) zu mir und meinem Quäler: “Du und der X, ihr habt euch nie ganz verstanden, gell?” Ich hätte sie am Liebsten angeschrien. Wenn sie es doch gemerkt hat – warum hat sie nie etwas getan? Dass unsere Eltern uns so im Stich gelassen haben, finde ich auch ganz schlimm. Es sollte in den Schulen bei den Elternabenden Fortbildungen geben, wie Anzeichen von Depressionen und Mobbing zu erkennen sind und was getan werden kann.

Person A: Das sind alles wunderbare Maßnahmen, aber es ist oft weder Geld noch Zeit vorhanden. Die Schule und die Lehrer*innen sind mit Aufgaben überlastet und es gibt zu wenig Personal, wirklich umfassend helfen zu können. Natürlich möchte ich eine*n Lehrer*in, die sich Zeit nimmt und beobachten kann, aber es ist in der jetzigen Schule leider nicht möglich, allübergreifend solche Lösungen einzuführen.

A: Leider scheint das fast überall so zu sein :( Aber dass Mobbingprävention nicht mal in der Ausbildung verpflichtend ist und richtig gelehrt wird! *seufz*

Person A: In der Lehrer*innenbildung werden diagnostische Verfahren aufgezeigt, z.B Soziogramme, die zeigen, wie die Klasse aufgebaut ist. Gibt es Cliquen, Aussenseiter*innen, Ausgegrenzte, Klassenstars?

A: Aber dann ist es schon sehr spät. Besser wäre es, gleich von Anfang an eben daran zu arbeiten, dass Mobbing erst gar nicht entsteht. Aber da wären wir ja schon fast bei der Weltrevolution, leider.

Person A: Ich denke, dabei ist es wie mit einer Krankheit. Wir können versuchen, uns präventiv davor zu schützen, aber wenn etwas ausgebrochen ist, ist es vor allem wichtig, es zu diagnostizieren und zu behandeln.

A: Natürlich. Ich kann mir z.B. vorstellen, dass gleich in der Grundschule thematisiert wird, was Freundschaft, gegenseitiges Verständnis und so heißt. Dazu gibt es ja tausende Bücher, Spiele, etc.

Person A: In der Grundschule wird in den letzten Jahren viel Wert auf die sogenannten “emotionalen Kompetenzen” gelegt. Dabei geht es um Freundschaften, Empathie, Zusammenhalt, Toleranz, Akzeptanz, Familiensituationen und dergleichen. Natürlich muss dennoch ein straffer Lehrplan durchgezogen werden und viel bleibt auf der Strecke.

A: Sicher gibt es da auch das Problem, dass mit dem Übertritt in die nächste Schulstufe die emotionale Bildung komplett vernachlässigt wird.

Eine Frage hätte ich noch: Wie siehst du es mit dem “Vergeben”? Es gibt viele Menschen, die meinen, wir sollten denen vergeben, die uns Böses angetan haben, auch wenn es extreme Gewalt war. Ich für meinen Teil habe ein Problem damit. Vielleicht wenn die Personen, die mich gemobbt haben, ihre Schuld einsehen und mich ehrlich um Verzeihung bitten. Bis dahin versuche ich eigentlich, möglichst nicht an sie zu denken. Wie siehst du das?

Person A: Es gibt Menschen, denen ich nicht vergeben kann. Von den etwa 30 “aktiven” Mobber*innen sind das aber nur 2. Eine sehe ich nicht mehr, die andere wohnt in meiner Nähe, aber ich habe keinen Kontakt zu ihr und möchte auch keinen aufbauen.

Allerdings sind ein paar Mädchen (5, um genau zu sein) später auf mich zugekommen und haben sich aufrichtig bei mir entschuldigt. Mit ihnen hatte ich in den letzten Schuljahren dann in den Pausen und auf Feiern Kontakt und wurde auch nicht enttäuscht. Ich wollte bei ihnen nicht nachtragend sein, es hätte mir persönlich nichts gebracht.

Wenn eine Person um Vergebung bittet, sollte die Möglichkeit überdacht und nicht sofort abgelehnt werden. Aber ich verstehe es sehr gut, wenn ein*e Betroffene*r nicht vergeben kann oder will. Es kann wirklich sehr schwer sein.

A: Das finde ich einen guten Standpunkt. Damit sind wir vorläufig mal am Schluss angekommen. Bzw. könnten wir jetzt noch lange über den Einfluss der Medien und der patriarchalen Gesellschaftsstruktur etc. weiterreden, aber sparen wir uns das für ein anderes Mal auf :) Hast du noch Fragen an mich?

Person A: Hast du noch weitere Verbesserungsvorschläge?

A: Da muss ich überlegen. Allgemein wünsche ich mir, dass Mobbing ernster genommen wird, dass es mehr Aufklärung darüber gibt – es gibt ja dann auch Mobbing am Arbeitsplatz, etc. Dass akzeptiert wird, dass es sich dabei um schwerste psychische Gewalt handelt, die nicht so einfach übertaucht werden kann. Und dass Mobbingopfer immer schützenswert sind, so wie Opfer von physischer Gewalt und dass sie bei der Aufarbeitung der Folgen unterstützt werden.

Darum wollte ich ja (auch) mit dir darüber sprechen – um sichtbar zu machen, was geschieht, was für Folgen Mobbing hat, um Menschen damit zu konfrontieren und zu sensibilisieren. Hoffentlich hat es dich nicht zu sehr belastet, darüber zu sprechen, bei mir ist es ja doch schon länger her und ich versuche ja möglichst gegen die Folgen anzukämpfen.

Jedenfalls bin ich so ungeheuer froh, dass du noch da bist. Dass es dir gut geht und du darüber reden kannst. Trotz allem. Und du bist stark genug, dass du dich nicht von den Menschen abgewandt hast. Darüber bin ich froh.

Person A: Darüber bin ich auch sehr froh. Auch, dass du dich wieder freuen kannst und deine Peinigungen vergessen kannst. Ich hoffe wirklich, dass alle diskriminierten Menschen ihre Erfahrungen teilen und verarbeiten können und wir gemeinsam versuchen, die Diskriminierung einzudämmen. Danke für die Möglichkeit, meine Erfahrungen zu teilen. Vielleicht hilft es anderen Menschen, vielleicht stößt es zum Nachdenken an. Ich bin froh, dieses Interview geführt zu haben. Vielen herzlichen Dank für die Plattform, dein Zuhören und deine Erfahrungen!

A: Dafür ebenfalls vielen Dank und danke dafür, dass du mit mir gesprochen hast.

Es reicht schon aus … Ein Gespräch über Mobbing, Teil 2

Auf einen Blogpost von mir sprach mich eine liebe Bekannte an, die mir von dem Mobbing, dem sie ausgesetzt war erzählte, allerdings in Form eines geschützten Blogposts. Daraufhin kam mir die Idee, ein Gespräch mit ihr zu führen, in dem sie anonym und daher geschützt von ihren Erfahrungen berichten konnte. Es ist dieses Gespräch geworden – ein sehr langes, trauriges, schönes Gespräch. Aufgrund der Länge teile ich es in drei Teile. Hier geht’s zu Teil 1.

[Triggerwarnung Mobbing, Sexismus, Bodyshaming]

A(nna): Ich habe den Eindruck, du warst ein Einzelkind. Ich hatte ja zumindest meinen Bruder – bis er eben fortgeschickt wurde.

Person A: Meine Schwester kam zur Welt, als ich 9 Jahre alt war. Sie war noch so klein und ich habe sie furchtbar geliebt (das tu ich immer noch). Mir wäre nie in den Sinn gekommen, dass es an ihr lag, dass meine Eltern sich nicht um mich kümmerten, und das denke ich auch heute nicht. Aber vielleicht hatte es ein bisschen damit zu tun.

Das einzige, was mich jetzt, wo ich erwachsen bin und eigentlich reif sein müsste, manchmal auf unrechte Weise traurig macht, ist, dass sie von meinen Eltern jede Unterstützung erhält, die sie braucht, obwohl sie sich “nur” mal mit ihren Freundinnen streitet. Sie hatte nie diese Probleme, und ich bin so so froh, dass sie sie nie hatte, aber wenn sie schlecht über eine Person redet (in einem gewissen Maß) schreite ich ein und sage ihr, sie möge bitte aufhören. Sie hat in der 8. Klasse so viele Freund*innen und ist wirklich wunderhübsch und ich freue mich für sie, dass es ihr nie so gehen muss wie mir. Helfen konnte sie mir damals natürlich nicht, weil sie noch so klein war.

A: Meine Mutter war nach der Abreise meines Bruders natürlich sehr traurig – depressiv (die ganze Sache ist ein Thema für sich), da bekam ich natürlich auch weniger Aufmerksamkeit. Ich verstand mich mit den meisten meiner Lehrer*innen ganz gut und hatte eben die Schulbibliothek als Schutzraum und eben doch ein paar Freundinnen*, die aber ebenfalls Außenseiterinnen* waren.

Person A: Es gab ein Mädchen in meiner Klasse. Sie war keine Außenseiterin, aber sie gab sich manchmal mit mir ab, wenn die anderen sie nicht dafür ärgerten. Mit ihr war ich auf Klassenfahrten auf einem Zimmer und sie hat mich nie verraten. Sie war neutral. Das war angenehm, aber Freundschaft konnte man das wohl nicht nennen.

A: Ich erinnere mich an ein Fest, das ich veranstaltet habe, um mich mit der Klasse “gut” zu stellen, das natürlich katastrophal in die Hose ging (die Nachbarn riefen sogar die Polizei, weil einige darauf bestanden, im Hof zu übernachten). Hast du etwas Ähnliches gemacht?

Person A: Versuche, sich mit der Klasse gut zu stellen, habe ich einige unternommen. Sie waren leider nicht erfolgreich. Als ich in der fünften Klasse war, lief gerade die erste Staffel DSDS und wir schauten natürlich jede Folge. Ich hatte dann die erste CD, die sie herausbrachten, und brannte sie allen. Für einen Tag war dann alles gut, langfristig geholfen hat es nicht. Ich habe auch noch andere Dinge getan, meine Dinge verschenkt und versucht, ihnen zu gefallen. Zum Beispiel habe ich Songtexte aus der letzten Seite der Bravo akribisch abgeschrieben, um Freund*innen zu gewinnen, die das Lied gerade mochten (in Zeiten des Internets und der Songtextseiten, wo jede*r einen Kopierer zu Hause hat, klingt das wie das letzte Jahrhundert, aber es ist erst 12 Jahre her). :)

Was wohl am schlimmsten in die Hose ging, war ein Versuch, mich zu meinen Klassenkameradinnen zu setzen. Es gab einen bestimmten Ort, an dem sie saßen und mir wurde angeboten, mich dort auch niederlassen zu dürfen. Sie boten mir also an, mich zu dulden. Wenn: ich für sie jeden Mittag zum “Imbiss” laufe, ihr Mittagessen bezahle und mitbringe.

Zur Erklärung: Der Imbiss war im Speisesaal, in dem es auch Schulessen gab. Dort gab es Schnitzel, Nudelpfanne, Wiener Würstchen, Süßigkeiten, belegte Brötchen…. Für 5./6. Klässler*innen war es sehr schwer und mühsam, sich hindurch zu kämpfen, da sie einfach zu klein und schwach waren. Dementsprechend gingen alle dort ungern hin. Also sparte ich all mein Geld, drängelte mich durch, balancierte das Essen… um dann sogleich abgewiesen zu werden. Ich könne gleich wieder gehen. Ob ich denn wirklich geglaubt hätte, “etwas” wie ich dürfte dort sitzen? Wenn ich ihnen aber weiterhin alles bringe, würden sie mich vielleicht etwas besser behandeln, mal “einen Tag in der Woche nicht ärgern”. Ich habe es natürlich geglaubt.

A: :( Zum Glück gab’s das bei uns nicht. Wir hatten nur wenig Nachmittagsunterricht, eigentlich erst in der Oberstufe und da war’s nicht mehr so schlimm. Einige der Freundschaften, die ich hatte, waren auch Zweckgemeinschaften – ich musste lernen, dass manche eben doch zum Verrat fähig waren und trotzdem mit ihnen befreundet sein. Eine hinterging meine beste Freundin, die weggegangen war, redete schlecht über sie hinter ihrem Rücken, und wollte ihr die Schuld am Zerbrechen der Freundschaft zuschieben. Ich sprach natürlich mit meiner weggezogenen Freundin und erfuhr die Wahrheit, nachher wusste ich: Besser nicht auf die Person zählen, vor allem nicht mit Geheimnissen, und das hat sich dann auch bewahrheitet. Gab es bei dir Ähnliches?

Person A: Die Freundin, die sich am Anfang der 5. Klasse “auf ihre Klasse konzentrieren wollte”, hatte manchmal noch mit mir Kontakt. Vor allem in den Sommerferien trafen wir uns oft und spielten. In den Sommerferien des Übergangs der 6. zur 7. Klasse wurde bekannt, dass sie nun doch Französisch belegen würde und somit mit mir in eine Klasse kommen würde. Wir trafen uns bei mir und schauten einen Film, als ich sie darauf ansprach, wie froh ich wäre, sie endlich in meiner Klasse zu haben. Als Freundin, als Verbündete, als eine Person, die zu mir hielt.

Sie begann herumzudrucksen. Ob das denn ginge, aber sie würde sich ungern neben mich setzen und so fort. Bis sie dann sagte, sie möchte nicht mit mir in Verbindung gebracht werden, um ihren Ruf nicht zu gefährden. Ich müsse das doch am besten verstehen, wie es sei, nicht anerkannt zu werden. In der Schule würde sie nicht mit mir reden, sie würde auch mit den anderen beim Mobbing mitmachen, aber zu Hause könnten wir vielleicht wieder spielen.

Sie gab mir noch den Rat, den anderen immer zu sagen, wie toll sie doch waren, wie hübsch sie aussahen und wie gut sie gekleidet waren. Mit dieser Methode sei sie bisher gut zurechtgekommen.

Ich fühlte mich ungeheuer vor den Kopf gestoßen. Die einzige Freundin, die ich hatte, wollte nichts mit mir zu tun haben. Sie ging nach Hause.

Als das neue Schuljahr begann, stellte sie sich natürlich mit allen gut, praktischerweise gab es da ja auch noch ein paar Sachen von mir, die die anderen nicht wussten. Das kam bei ihnen natürlich sehr gut an und lehrte mich, dass ich keiner*m trauen kann.

A: Schrecklich, was sie dir angetan hat. :( Ich las ja so viel, als Kind schon, und hatte so hehre und noble Vorstellungen von Freundschaft. Sowas hätte … ich weiß nicht, was das mit mir angestellt hätte. Und du hast das überlebt, du Starke! Ich bin froh, dass du hier bist.

Person A: Ich habe als Kind auch viel gelesen, vor allem Harry Potter und ich habe Ron dafür gehasst, dass er immer eifersüchtig auf Harry war, obwohl er sein bester Freund war und ihm nichts getan hatte. Wenigstens in meinen Büchern sollten Freund*innen zusammenhalten, aber dieser blöde Ron… :)

A: Ich würde jetzt gerne über die Folgen reden, also mal die akuten, in der Situation. Ich habe mich total zurückgezogen – gab ja nur wenige, die mit mir etwas zu tun haben wollten, mich überhaupt einluden, sehr selten, Nachmittagsaktivitäten gab’s bis auf Klavierspielen keine (und das auch nicht sehr lange), ich hatte also vor allem Hobbies, bei denen ich alleine war, Lesen, Musik hören, Malen, Stricken, im Bett liegen und mich weit weg träumen, manchmal die Nachbar*innen zum Fernsehen besuchen. Ach ja, und Computer bekamen wir früh, also habe ich am Computer gespielt.

Person A: Ich war im Chor. Dort konnte ich zwar auch keine Freund*innen finden, da alle älter waren als ich, aber niemand hasste mich und so fühlte ich mich etwas geborgen. Ich habe ebenfalls viel gelesen, viel Playstation gespielt, wo ich stark sein konnte, stärker als im wahren Leben. Ich habe viel nachgedacht, was ich auch heute noch tue.

A: Ich habe aber auch meine Nägel und Nagelhäute gebissen, bis sie bluteten und schmerzten, mir an meinen zahlreichen Pickeln herumgequetscht und noch einige Handlungen, die ich heute als Trichotillomanie bezeichnen könnte. Und noch mehr, aber das kann ich nicht erzählen, weil so stigmatisiert. Einige dieser Handlungen bin ich bis heute nicht losgeworden.

Person A: Ich habe mich damals sehr oft in den Schlaf geweint. Ich musste soviele Tränen zurückhalten, in der Schule, um nicht schwach zu wirken, zu Hause, um meine Eltern nicht zu reizen. Ich hatte morgens Angst vor der Schule und nachmittags Angst vor zu Hause. Mein Schulweg war eine Mischung aus Sicherheit und dennoch wie ein Planke über dem Meer, und erst allein im Bett konnte ich alles herausweinen. Eine Folge ist auf jeden Fall, dass ich jetzt, wo ich von außen stark und witzig und lebenslustig wirke, in einem intimen Umfeld (allein, zu Hause, bei meinem Freund) leider sofort in Tränen ausbreche. Nicht in der Öffentlichkeit, aber sobald ich allein bin und es geht mir schlecht, kommen mir die Tränen, auch wenn es nicht will.

Zum Thema Selbstverletzung: Ich habe mich nie ger*tzt, da ich Angst hatte, die anderen würden mich noch mehr beschuldigen, dass ich nur Aufmerksamkeit wollte. Stattdessen habe ich mir die Fingernägel in die Haut gekrallt, meistens in die Oberschenkel, da der Schemrz zwar befreiend wirkte, aber es niemand sehen konnte.

A: Ja, Konfliktfähigkeit ohne Heulen kann ich auch noch nicht. Was ich absolut nicht aushalte, ist wenn sich jemand über mich lustig macht, besonders, wenn ich mich in einer Stresssituation befinde. Oder in eine neue Gruppe gehen, das ist total schwierig, zuerst bin ich immer unsicher, ob ich aufgenommen werde und halte mich zurück. Natürlich auch vor Gruppen sprechen, das ist sehr schwierig. Ich kriege immer noch ganz zittrige Hände.

Person A: Ich bin recht abgehärtet, was Witze über mich angeht. Wenn es um negative Aspekte meines Aussehens geht, bin ich in Situationen, in denen es mir schlecht geht, sehr empfindlich, kann es aber überspielen.

Wenn ich meinen Nachnamen, oder etwas das sich ähnlich anhört, in einer Konversation höre, schrecke ich automatisch zusammen und habe Angst. Genauso geht es mir mit anderen Spitznamen, die sie mir gaben. Ich habe Gott sei Dank die meisten verdrängt, einige stehen noch in meinem Tagebuch. Besonders erinnern kann ich mich an den Spitznamen “Schock”, was ein recht häufiges Wort ist. Wenn es eine*r sagt, denke ich sogleich, sie*er spricht von mir.

Vor Menschen meines Alters fällt es mir wahnsinnig schwer zu sprechen, vor älteren oder jüngeren (mindestens 5-10 Jahre Unterschied) mache ich es wahnsinng gerne und habe viel Spaß daran. In kurzlebigen Gruppen (z.B in einem Seminar) kann ich mich manchmal gut präsentieren, manchmal bin ich aber sehr schüchtern und traue mich nicht zu sprechen. Ich bin nicht sehr “mädchenhaft” wie es viele in meinen Studium sind, weder im Auftreten, im Aussehen oder im Verhalten und ecke dabei oft an. Mit Aussehen meine ich hauptsächlich meine Kleidung und Frisur, ich habe zwar eine sehr sterotyp “weibliche” Figur, aber ich kleide mich nicht modisch, sondern eher bequem und nach dem, was mir gefällt. Die Haare binde ich einfach nur zum Zopf oder stecke sie hoch.

A: Eine der Folgen des Mobbings ist für mich auch ein nachhaltig gestörtes Verhältnis zu Sport und Bewegung im Allgemeinen. Durch das Mobbing entwickelte ich eine große Unsicherheit meinem Körper gegenüber und natürlich wurde ich nie ins Team genommen – deshalb mag ich bis heute keine Gruppensportarten und fühle mich sehr unwohl, wenn ich z.B. in der Gruppe turnen, Kampfsport, Tai Chi oder sonstiges mache, selbst wenn ich es machen will. Erst jetzt entdecke ich langsam Bewegungen, die mir Spaß machen.

Person A: Ich habe vor allem ein gestörtes Verhältnis zum Klassensport. Wie bereits erwähnt, geschah ein Großteil des Mobbings in der Umkleidekabine und während des Sportunterrichts. Das “nicht-ins-Team-genommen-werden” kommt mir sehr bekannt vor. Ich hatte an Sportarten wie Tanz, Basketball und Volleyball früher immer viel Spaß, aber die Klassenkameradinnen sprachen mir jede ästhetische Bewegung ab und wollten nie mit mir in einem Team sein. Der Spaß am Schulsport war dadurch endgültig vorbei.

Nicht einmal bei unserer Abitur-Abschluss-Feier durfte ich mittanzen, da mir mal wieder die Fähigkeit dazu abgeprochen wurde, obwohl ich in unserem Ort in einer Tanzgruppe war und im Unterricht gute Noten im Tanzen bekam. Ich habe 3 Jahre in einem Freizeit-Volleyballverein mit meinen Freundinnen gespielt, machte mir aber immer sehr viele Gedanken über mein Aussehen, ob die Hose zu eng ist, irgendetwas “schwabbeln” könnte oder über meine Brüste gelacht werden würde.

Mich zu bewegen macht mir wirklich Spaß, wenn ich mit den richtigen Menschen trainiere oder mir selbst eine interessante Sportart aussuche, das musste ich erst lernen.

A: Dass ich nicht “sportlich” war, bekam ich auch immer zu hören und zu fühlen. Schwierig ist es für mich weiterhin, wenn es darum geht, neue Leute kennenzulernen oder Grenzen bei Freund*innen zu setzen, weil ich unbedingt gemocht werden will und dafür auch negatives Verhalten in Kauf nehme. Mittlerweile geht es mir da etwas besser damit, aber es ist immer noch sehr schwierig. Das wirkt sich auch auf die Arbeit aus, auf Bewerbungssituationen, Beziehungen. Mein erster Freund war nicht “der Beste” für mich, sondern einfach der erste, der mich mochte. Vorher war ich immer nur unglücklich verliebt. Wie ist das bei dir?

Person A: Mein erster Freund war wie gesagt einer der Gründe, warum ich überhaupt aus der Misere herauskam. Vorher gab es nur Schwärmereien für Jungs, die in meiner Klasse waren und mich behandelten wie alle anderen. Es gab eine kurze Episode, in der ich verkuppelt werden sollte, als ich mich aber nicht traute, denjenigen zu küssen, lief er angeekelt davon.

Mein erster Freund dagegen gab mir das Gefühl, hübsch und liebenswert zu sein, jemand zu sein, den man wirklich ehrlich mögen kann, ohne ihn zu hintergehen oder sein Vertrauen zu missbrauchen. Er war 5 Jahre älter als ich und er kam mir so gebildet und lebenserfahren vor, ich habe ihn richtig vergöttert. Wir waren 5 Monate zusammen, bevor er mit mir Schluss gemacht hat. Ich war am Boden zerstört und habe angefangen zu rauchen, obwohl ich zuvor noch nie eine Zigarette angefasst hatte.

Ich kam nicht von ihm los, da ich emotional von ihm abhängig war. Fast 2 Jahre lang rannte ich ihm noch hinterher, er ließ mich rankommen und ließ mich daraufhin wieder fallen. Ich stürzte mich in Beziehungen, da ich dachte, dass ich nur so etwas wert war, da ich jemanden brauchte, der mich schön fand, um mich selbst schön zu finden. Ich weiß nicht mehr genau, wann der Zeitpunkt kam, an dem ich ihn endlich loslassen konnte, aber ich fühlte mich danach viel besser.

Von jetzt betrachtet war er aber nicht ansatzweise so begehrenswert, wie ich ihn befunden habe. Er war ein Selbstdarsteller, der mich anlog, um sich zu profilieren, und ich unerfahrenes Mädchen habe ihm alles geglaubt. Es kam zwischen uns auch nie zum Gechlechtsverkehr, worüber ich im Nachhinein ehrlich froh bin.

A: Ich habe eben viel zu schnell nachgegeben, viel zu schnell geküsst und habe viel zu schnell mit meinem ersten Freund geschlafen, ohne darüber nachzudenken, ob ich das jetzt will. Aber das ist auch ein Thema, das jetzt den Rahmen sprengen würde.

Person A: Ich bekam von ihm meinen ersten Kuss, das war damals sehr bedeutend für mich. Daran habe ich glücklicherweise schöne Erinnerungen, ich fühlte mich nicht gezwungen, sondern war nur aufgeregt.

A: Schön :)

Weiter zu Teil 3.

Es reicht schon aus … Ein Gespräch über Mobbing, Teil 1

Auf einen Blogpost von mir sprach mich eine liebe Bekannte an, die mir von dem Mobbing, dem sie ausgesetzt war erzählte, allerdings in Form eines geschützten Blogposts. Daraufhin kam mir die Idee, ein Gespräch mit ihr zu führen, in dem sie anonym und daher geschützt von ihren Erfahrungen berichten konnte. Es ist dieses Gespräch geworden – ein sehr langes, trauriges, schönes Gespräch. Aufgrund der Länge teile ich es in drei Teile.

[Triggerwarnung Mobbing, Sexismus, Bodyshaming]

A(nna): Also was ich mir vorstelle ist, ich stelle dir Fragen und du kannst die Antworten hinschreiben und dran rumfeilen, wie es dir passt. Und manchmal schreibe ich auch was dazu. Wie möchtest du denn für das Interview heißen?

Person A: Ich denke noch. Belassen wir es erst einmal bei “Person A”.

A: Ok. Dann erzähle ich dir, warum ich das Interview führen wollte: Weil wir eine ähnliche Geschichte haben und weil es für mich so ungeheuer ist, dass selbst die kleinste Abweichung von der “Norm” ausreicht, damit sich eine Dynamik entwickelt, in der Kinder schwere psychische und physische Schäden davontragen können, die noch weit über die Schule hinausreichen. Bzw. – es gibt ja Methoden gegen Mobbing – warum kommen die nicht breiter zur Anwendung?

Das war jetzt viel. Sagt dir das so ungefähr zu? Ich meine, du und ich, wir sind ja nicht “Expertinnen” – aber wir können was über unsere Erfahrungen aussagen.

Person A: Ja, das sind gute Fragen. Wie du bereits gesagt hast, bin ich keine Expertin, aber es ist wahrscheinlich, dass ich in meinem (wie in fast jedem) Beruf später ebenfalls damit konfrontiert werde, solche “Konflikte” zu lösen, daher erscheint es mir gut, Probleme aufzuzeigen und Lösungsvorschläge zu diskutieren.

A: Ok, dann frage ich dich mal: Wie hat “es” bei dir angefangen – nehmen wir da als Bezeichnung “Mobbing” oder “Bullying”, was ist dir lieber? Ich spreche ja gerne auch von Psychoterror.

Person A: Es trifft eigentlich alles zu, bleiben wir beim Mobbing.

A: Ok. Wie hat das Mobbing bei dir angefangen?

Person A: Es waren mehrere Faktoren, die zusammengekommen sind. In der Grundschule war ich noch sehr beliebt, bzw. war unsere Klasse eine richtige Gemeinschaft, in der niemand ausgeschlossen wurde. Ich hatte dort viele Freundinnen und fühlte mich sehr wohl. In der 4. Klasse wechselten jedoch nur 2 weitere Mädchen aufs Gymnasium (und mit Jungs hatte ich damals nicht viel am Hut), die beide in andere Klassen kamen als ich. Darunter war auch eine meiner besten Freundinnen, die mir erklärte, sie müsse sich nun auf “ihre Klasse” konzentrieren und könne nicht mehr mit mir sprechen und spielen.

Also war ich ganz allein in einer neuen Klasse, in der ich kein anderes Kind kannte.

Dazu kam, dass ich seit meiner Kindheit eine Pollenallergie hatte, die durch eine Desensibilisierung (d.h., ich wurde den Allergenen bewusst in einer hohen Dosis ausgesetzt, damit sich mein Körper daran gewöhnt und in der Natur nicht so heftig reagiert) gelindert werden sollte. Leider traten dabei Nebenwirkungen auf. Ich bekam am ganzen Körper rote Pusteln, mal kleiner, mal größer, die fürchterlich juckten. Im Gesicht, an den Händen, auf dem Bauch, einfach überall.

Da es also kein Kind gab, das mich kannte und ich noch dazu aussah, als wäre ich ansteckend, ekelten sich die Schüler*innen vor mir und mieden mich. Wenn sie mir im Gang begegneten, riefen sie laut “Ihh”, sie wollten nicht neben mir sitzen, jede*r die*der es musste, rückte so weit wie möglich von mir weg. Gruppenarbeiten wollte keine*r mit mir durchführen, Sportunterricht, vor allem das Umkleiden davor, war der absolute Horror für mich. Hatte ich mich anfangs noch gerne gemeldet, wurde jede Bemerkung von mir betuschelt, sodass ich am Ende gar nicht mehr im Unterricht mitarbeitete. Um nicht als Streberin oder Versagerin dazustehen, versuchte ich, nicht besonders gut zu sein und meine Noten vor den anderen zu verstecken. In der Umkleidekabine beschimpften mich die Mädchen als fett und hässlich, ich hätte Cellulite (mit 10 Jahren, wohlbemerkt), sie versuchten, mich ohne BH zu fotografieren (einmal gelang es ihnen sogar) und zogen mich auf, weil ich ja zusätzlich zu meinem hässlichen Gesicht nichtmal Brüste hätte.

A: Wurde deine Allergie jemals von Lehrer*innenseite thematisiert? Also so Richtung “Person A hat eine Allergie, deshalb geschieht das und das, das ist ganz “normal”, etc.?

Person A: Nein, das war den Lehrer*innen völlig egal. Durch den emotionalen Stress wurden die Flecken und der Juckreiz noch größer, selbst als ich das Medikament nach wenigen Wochen absetzte. Die allergische Reaktion dauerte “nur” 9 Monate, das Mobbing hielt allerdings 5 Jahre an.

A: So lange! Wann hat es sich denn “gelegt” bzw. ist es so weit abgeklungen, dass es nicht mehr täglich vorkam?

Person A: Es geschahen noch ein paar Dinge, bis nach der 8. Klasse unsere Schule geschlossen werden musste und wir auf ein anderes Gymnasium wechseln mussten. Dabei wurden auch die Klassen neu gemischt. Über die Sommerferien sah ich dies als große Chance, neu anzufangen, da eine der “Alphawölfinnen” (es haben ALLE mitgemacht, nur eine von ihnen hat immer angefangen) vom Gymnasium in die Realschule wechselte und ich neu anfangen konnte. Natürlich kam es so, dass die drei anderen Anführerinnen in meine Klasse kamen und dort auf 3 Mädchen trafen, die genauso gestrickt waren und in mir, die sich noch dazu nie für Mode interessierte und mit 14 schlimmerweise auch immer noch keinen Freund hatte, eine Person fanden, die sich leicht heruntermachen ließ.

Herausgekommen bin ich aus der Sache dadurch, dass eine alte Bekannte aus meinem Ort in diesem Jahr Jugendweihe hatte, ich dort eingeladen war und so in ihren Freund*innenkreis aufgenommen wurde. Dort wurde ich zwar auch hintergangen und manchmal fertig gemacht, manchmal auch nur unter dem Deckmantel des Humors, aber immerhin hatte ich Menschen, zu denen ich nachmittags gehen konnte.

So traf ich auf meinen ersten Freund, und als ich den hatte, war es, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass ich wusste, dass mich jemand ehrlich hübsch und attraktiv finden konnte und mich wirklich mochte und somit selbstbewusster wurde, oder ob alleine die Tatsache, dass die anderen sahen: Hey, so eklig und frigide oder lesbisch kann die gar nicht sein, die hat einen Freund (Damit will ich keine anderen Menschen beleidigen! Ich finde es sexistisch und homophob, dass “frigide” und “lesbisch” als Schimpfworte verwendet werden.). Daraufhin war ich fast so etwas wie anerkannt, hatte keine Angst mehr, in die Schule zu gehen und konnte mir auch innerhalb der Schule einen kleinen Freundeskreis aufbauen.

In der 11. Klasse haben sich sogar einige bei mir entschuldigt, was ich auch angenommen habe. Andere sind nach der 10. Klasse vom Gymnasium abgegangen und so hatte ich in der Oberstufe meine Ruhe (bis auf 2-3 kleine Episoden).

A: Puh. Also waren es vor allem Mädchen, die dich quälten?

Person A: Es ging immer von den Mädchen aus, aber auch die Jungen haben mitgemacht. Je älter sie wurden, desto stärker mischten sie sich ein, vermutlich, um den anderen zu gefallen, Balzverhalten, ich kann es nur vermuten.

Ich kann mich erinnern, dass mir ein Junge, der hinter mir saß, seinen Füller an den Pullover hielt, woraufhin der Pulli versaut war (meine Mutter glaubte auch nicht, dass ich es nicht war), dass mich die Jungen oft schubsten und sich gerne über meine nicht vorhandenen Brüste und meine “ekligen” Leberflecken lustig machten.

A: Waren es nur Schüler*innen aus deiner Klasse oder auch aus anderen Klassen?

Person A: Es war nur meine Klasse, aber die anderen Klassen bekamen das natürlich auch mit und wollten dementsprechend nichts mit mir zu tun haben. Andererseits waren die Klassen so in sich geschlossen, dass wir kaum Möglichkeit hatten, uns zu verständigen. Ich hatte außerdem große Angst, auf andere zuzugehen.

Meine jetzige beste Freundin war in einer Parallelklasse und war auch ausgeschlossen, und ich konnte mich von damals nichtmal an sie erinnern.

A: Bei mir hat es wegen meiner Haare so richtig begonnen, als ich sie mir wachsen ließ. Nicht gleich nach dem Wechsel ans Gymnasium, aber so mit 11 oder 12.

Person A: Wegen deiner Haare? Was war damit?

A: Ja, die sind sehr lockig und ich ließ sie mir wachsen. Ich weiß auch nicht warum ich auf die Idee kam, vielleicht um wie ein “echtes Mädchen” auszusehen, denn Ablehnung und Ausgrenzung hatte ich in der Klasse von Anfang an erfahren, nur noch nicht so stark. Leider hatte ich keine Ahnung von Haarpflege bei Locken und bekam auch keine Unterstützung von zuhause, daher bürstete ich sie jeden Tag und sie standen nach allen Seiten ab. Das war natürlich ein Signal. “Hast du deine Finger in die Steckdose gesteckt?” und so weiter. Noch dazu hatte ich Pickel – nicht schwere Akne, aber keine andere Person hatte so starke Pickel, das fiel auch auf. Aber die Haare vor allem. Erst als ich sie endlich zusammenbinden konnte, begannen die Hänseleien abzunehmen.

Bei mir ging kam das eben auch von Schüler*innen aus anderen Klassen aus, zum Beispiel, wenn ich eine Freistunde in einer anderen Klasse verbringen musste, weil ich nicht am Religionsunterricht teilnahm. Auch ich habe sehr wenig von Mode verstanden, bzw. mich nicht drum gekümmert und sah dementsprechend anders aus als die Klasse, hatte auch keine Markenkleidung bzw. als ich mal eine Levi’s Jeans bekam, hat es auch nicht geholfen. Ich hörte auch ganz andere Musik, las andere Bücher, hatte keinen Fernseher.

Person A: Ich wollte irgendwann nicht mehr wie die anderen gekleidet sein, da es mir immer als “nachmachen” angerechnet wurde. Mit meinen Haaren hatte ich auch Probleme, da sie sehr dünn sind und in der Pubertät so fettig waren, dass sie nach 3 Stunden in der Schule aussahen wie seit Wochen nicht gewaschen. Sie wurden später mein Versteck vor den anderen. Heute kann ich es nicht mehr leiden, wenn sie mir im Gesicht hängen, ich denke, das ist ein gutes Zeichen. Ich will mich nicht verstecken.

A: Mich quälten vor allem zwei Jungen, die anderen – Mädchen und Jungen – spielten teils mit, teils auch nicht. Spötteleien, wenn ich mich im Unterricht meldete, zweimal habe ich an der Tafel geheult, der Lehrer tat nichts, aber ich habe ihn als sympathisch in Erinnerung, weil er drohte, den Anführer rauszuschicken, das war mehr als andere Lehrer*innen taten. Bei Gruppenarbeiten und im Sport war ich auch immer die Letzte, die “aufgerufen” wurde, bei den Klassenfahrten wollte niemand mich im Zimmer haben. Auch viel so “Fang den Ball – ach doch nicht”-Spiele im Sport und wenn es Gruppenspiele gab, dann machten sich alle über mich lustig. Aber auch einfach Nichtbeachtung, mit mir wurde nicht geredet, wenn dann nur spottend. Ich habe so vieles schon verdrängt.

Ich hatte – zum Glück – schon ein paar Freundinnen (keine Jungen), aber mit der Teilung in verschiedene Zweige als wir 13 waren, verschwanden die. Damals begann ich mich in der großen Pause in der Schulbibliothek zu verstecken, die ich zunächst nur besucht hatte, zu dem Zeitpunkt begann ich zu helfen. Die Pausen sind ja das Schlimmste – keine Lehrer*innen, die dich beschützen. Hast du dich auch versteckt?

Person A: Ganz genau. Ohne Lehrer*innen geriet alles außer Kontrolle, daher haben die Lehrer*innen auch nie etwas mitbekommen. Die Pausen, Sport- und Ausfallstunden waren für mich das Schlimmste. Ich habe mich nicht an einem so schönen Ort versteckt, ich versteckte mich auf der Toilette, die Schultasche auf dem Schoß und die Füße nach oben, wenn ein anderes Kind reinkam. Allerdings fiel ihnen das auch auf und sie begannen manchmal, mich zu suchen und unter die Kabinentüren zu sehen, wenn ich dort war.

Ich hatte ein paar Mädchen als Unterstützung, die eine Klasse über uns waren, bei ihnen durfte ich sitzen, aber sie waren oft nicht da. Als Freundinnen konnte ich sie zwar nicht bezeichnen, aber sie haben mir manchmal Obhut gegeben.

A: Und außerhalb der Schule? Einer meiner Peiniger wohnte genau neben mir, daher konnte ich ihm fast nicht entkommen, auf dem Schulweg, auf dem Heimweg. Er ist mir sogar in Geschäfte nachgelaufen und verkündete dort, ich sei Kleptomanin. Manchmal sprach er mit mir in der Straßenbahn, sobald ein anderes Kind dazukam, ignorierte er mich. Wie war das bei dir?

Person A: Ich traf einige alte Grundschulfreundinnen morgens am Bus, da die Realschule dort steht. Aber mit einer habe ich mich sehr zerstritten, ich weiß bis heute nicht warum, doch eines Tages bezeichnete sie mich per SMS als B*tch und der entsprechenden deutschen Übersetzung und ich hatte keine Ahnung, was los war. Jedes Gespräch ließ sie abblitzen, auf Entschuldigungen ging sie nicht ein.

In der Konfirmand*innengruppe traf ich auf einige ehemalige Kamerad*innen, nur waren dort auch zwei Jungs aus meiner Klasse, die schön alle Gerüchte und üblen Nachreden über mich verbreiteten.

A: Haben sich deine Eltern eingemischt? Meine gingen auf meine Berichte nicht ein, der Quälgeist der neben mir wohnte wurde mit “Der ist ein armes Scheidungskind” – was ich auch war – entschuldigt. Nur einmal gab es einen Elternsprechabend, weil der andere Junge über meinen Kopf hinweg sein Stanleymesser in den Papierkorb geworfen hatte und einen anderen Jungen bei einer Rauferei getreten hatte, als er schon am Boden lag. Aber als mein Bruder ebenfalls Probleme in der Schule bekam, wurde er von meinem Vater aus der Schule genommen und in die Schweiz geschickt.

Person A: Ohja, die Alphawölfin von der ich bereits sprach, war auch ein “armes Scheidungskind”. Totaler Mist, da es genug liebenswerte und freundliche Scheidungskinder gibt und das absolut keine Aussagekraft hat. Und es ist erst recht keine Entschuldigung.

Meine Eltern glaubten mir nicht, sahen die Schilderungen meist nur als Entschuldigungen “schlechter Noten” (= Dreien) an, da sie in solchen Situationen, in denen mich meine Eltern unter Druck setzten, besonders aus mir herausbrachen. Die Maßnahmen, die sie ergriffen, zählen leider zu den besonders traumatischen Dingen, die sich in mein Gedächtnis eingebrannt haben.

Einmal sollte ich alle anrufen und sie fragen, was sie an mir stört. Müßig, zu erwähnen, dass das die nächsten Wochen DER Brüller unter ihnen war. Als Antwort gaben sie übrigens einen Satz, der sich in mein Gehirn gebrannt hat: “Wenn wir lachen, brauchst du zu lange, um mitzulachen.”

Einmal fuhren sie mit mir zu der Anführerin und sprachen mit ihren Eltern und ich sollte mich mit ihr unterhalten. An diesem Tag war sie mir sogar ein bisschen sympathisch, aber letzendlich sagte sie, dass sie sich von ihren Eltern verlassen fühlt und das an mir auslassen muss, damit die anderen sie akzeptieren. Dieser Besuch wurde natürlich ausführlich in der Schule ausgewertet. “Die (Nachname) war mit ihren Eltern bei mir! Na, bringst du deine Eltern jetzt mit in die Schule?”

In der 7. Klasse gab es eine Versammlung in der Sporthalle mit dem Klassenlehrer, auf der einen Seite stand ich, auf der anderen der Rest der Klasse. Sie redeten und redeten, was ich besser machen müsste, um aufgenommen zu werden, ich traute mich nicht viel zu sagen, am Ende wurde ich “symbolisch” in ihre Mitte genommen… um nach der Stunde für diese Aktion wieder das Gespött für alle zu sein. Für den Lehrer war die Sache damit gegessen. Das war das letzte Mal, dass ich meinen Eltern etwas erzählt habe.

Die Versammlung wurde nur deshalb einberufen, weil ich in der Woche zuvor versucht hatte, mich vor meinen Eltern umzubringen. Sie schrien mich daraufhin nur an, ob ich denn verrückt wäre und zum Psychologen gehen müsste (eindeutig negativ, als Eingeständis, dass ich geistig “nicht klar” bin).

Meine Mutter legte mir außerdem noch nahe, dass ich selbst daran Schuld sei, dass die anderen mich nicht mochten, immerhin war ich ja so seltsam und wollte ja gar nicht dazugehören.

A: Das heißt, deine Eltern haben dich überhaupt nicht unterstützt, sondern nur alles schlimmer gemacht. Gab es irgendeine erwachsene Person, die dich geschützt, unterstützt, dir einfach nur positive Aufmerksamkeit und Zuneigung gegeben hat? Ich möchte am Liebsten in der Zeit zurückreisen und dich retten :(

Person A: Ich bin doch noch hier und es geht mir recht gut. Im Moment gerade nicht, aber den Rest der Zeit. :)

Nein, keine erwachsene Person war für mich da. Aber ich suchte Trost in etwas anderem. Es fällt mir fast schwerer darüber zu sprechen als über das Mobbing selbst, aber: Ich habe jede Nacht gebetet.

Es fällt mir nur schwer es zu sagen, weil die Meisten Religion und ihre Vertreter*innen als Geschwätz abtun, als Sekte, als Geldverschwendung (so wie jetzt), als Kindesmissbraucher, als Legitimationen für den Hass auf QLGTBI, als Einbildung und ich weiß nicht, was noch alles. Diese Kritik kann ich auch nachvollziehen, und Menschen, die so etwas tun oder solche Handlungsweise durch den Glauben legitimieren, sollten nicht in Schutz genommen werden.

Aber ohne das Gefühl, dass wenigstens Gott an meiner Seite ist, hätte ich nicht überleben können. Ich habe nie darauf gehofft, dass er mir hilft, ich habe ihm sogar oft gesagt, dass es ok ist, wenn er sich nicht um mich kümmert, weil es so vielen anderen Kindern schlecht geht, aber ich konnte es “ihm” abends erzählen, alles was ich auf dem Herzen hatte, ausformulieren und ein bisschen weniger schlimm machen, weil mir “jemand” zuhörte.

Ich bin heute kein religöser Mensch, ich gehe nicht in die Kirche, ich bete nicht mehr, ich würde niemals die Bibel auf jemanden negativ auslegen (da das auch gar nicht der Sinn der Bibel ist, alles wortgenau zu nehmen, aber das würde den Rahmen sprengen), aber dennoch weiß ich, wenn ich alleine bin und mich von allen verlassen fühle, dass ich eben nicht alleine bin.

A: Ich verstehe das. Ich weiß, dass es tröstend ist – du hattest sonst niemanden! Und auch sonst – ich verstehe, dass manche Menschen an Gott glauben (oder Götter), für mich zählt, wie sie andere behandeln. Und ich habe auch schon gebetet, wenn ich dachte, es geht nicht mehr, dabei bin ich ein “Heidenkind”. Ach … ich heule jetzt mal ne Runde.

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