Frantz heißt die Kanaille

Montag. Heute hatte ich nochmal einen Termin mit der Therapeutin, die für meine Station zuständig ist. Noch zweimal Schlafen, noch eineinhalb Tage Zeit für die Vorbereitungen. Ich stelle mir das ganze wie eine Schiffsreise vor, in einem Wolkenschiff hoch über den Dächern Wiens. Und wie bei einer Reise hoffe ich, dass ich nur vorher nervös bin und entspannt sein kann, sobald ich mein Bett gefunden habe und ordentlich eingecheckt bin.

Gerade habe ich drei Wollschals zum Packberg gelegt, damit ich kuschelige Dinge dabeihabe und allerlei Gewürze und Flüssigkeiten in kleine Gläser getan, damit ich daran riechen kann, wenn der Spitalsgeruch meine Nase betäubt hat oder das Essen – wenn ich denn dann essen darf – zu fad ist.

Eine durchsichtige Tasche, voll mit acht kleinen Gläsern, in die Gewürze und bunte Flüssigkeiten gefüllt wurden.

Meine Mutter hat meinem Vater und auch meinem Onkel und ihren Klient_innen oft solche Riechgläschen mitgebracht. Ich räume langsam alles vom Esstisch und verstaue diverse Dinge, die auf dem Sofa herumliegen. Plötzlich fällt mir siedend heiß ein, dass ich für einen Artikel, den ich erst noch schreiben muss, auch ein Foto brauche! Schnell schneide ich aus einer alten Zeitung eine Schneeflocke.

Eine Schneeflocke aus Papier liegt auf einem Stapel aus Büchern.

Ich leere mein Necessaire dreimal aus, weil ich mich nicht konzentrieren kann. Endlich komme ich drauf, dass ich die Zahnpasta vergessen habe. Meine Nerven flattern ein wenig. Was, es ist schon halb sechs? Immer wieder gehe ich meine To-Do-Liste durch, nur langsam kann ich Dinge abhaken.

Es ist Montag Abend. Ich schreibe schnell den Artikel und möchte laut singen, als ich zum Glück doch noch eine Anleitung für genau den Origamitannenbaum finde, der mir am Besten gefällt. Es sind die kleinen Dinge. Danach werde ich flipperig. Ich kann nicht mehr abschätzen, wie lange alles was noch zu tun ist dauern wird. Wird es morgen stressig oder geruhsam? Komme ich dazu, meine Nägel zu lackieren oder kann ich das doch einfach im Spital machen? Ich weiß ja nicht, ob am Mittwoch im Spital noch viel zu tun ist oder ob ich mich einfach langweile bis am nächsten Morgen. 

Aus, beschließe ich. Es ist Zeit für Essen, für einen Hollywoodschinken, der auf einem Ozeandampfer spielt. Alles andere kann warten. 

Begleitet von Filmen nähe ich endlich Augen auf die Puppe, die ich für Susu gestrickt habe, nach Jiji aus dem Film “Kiki’s kleiner Lieferservice“ von Hayao Miyazaki. Es ist ein bisschen schwierig, eine zweidimensionale Figur in drei Dimensionen zu übersetzen, aber mit ein bisschen Drücken und Quetschen geht’s. 

Eine gestrickte schwarze Katze mit großen Ohren und Augen und einer roten Masche um den Hals.

Dienstag. Ich wache nach zu wenig Schlaf und mühsamen Träumen verspannt auf. Wahrscheinlich habe ich meine Zähne fest zusammengebissen, mein Kiefer tut weh. In drei Stunden lese ich 25 kleinen Kindern vor.

Zwei Stunden später bin ich nervös und hungrig. Bis mir einfällt, dass ich einfach kalte Milch in den Kaffee tun kann, damit er schneller abkühlt, dauert es. Aber ich mache mir doch Frühstück und eile dann aus dem Haus. Ich vergesse meine Brille zu putzen. Ich vergesse ein Ding zu Hause, das ich noch erledigen sollte. Der Papiermüll ist voll und ich kann meine Altpapiertasche nicht ausleeren. Ich setze meine Kopfhörer auf und hülle mich in japanische Popmusik.

Die 25 Kinder lassen sich locker unterhalten. Auf dem Heimweg muss ich in der Straßenbahn fast heulen, denn meine Ärztinfreundin erklärt mir, dass ich auf der Intensivstation mein Smartphone sehr wahrscheinlich nicht haben werde. Aber … was mache ich dann dort? Anscheinend Schmerzen haben und viel schlafen wollen. Ich kann es mir gar nicht wirklich vorstellen. Jedenfalls habe ich nun wieder Angst. Ich möchte schnellstens zurück in mein flauschiges Zuhause. Dort liege ich nun auf dem Sofa und heule.

Aber weil Heulen den Frantz nicht zum Verschwinden bringt, mache ich mit meinen Vorbereitungen weiter und pinsle meine Zehennägel an. Dann mache ich einen großen Topf Erdäpfelpüree und dezimiere die eiserne umeboshi-Reserve ein wenig. Nun liege ich einfach ruhig auf dem Sofa, denke darüber nach, dass ich mir so bald als möglich nach der OP temporäre Tattoos auf den Bauch klatschen werde und mache mich daran, einen Blick auf die To-Do-Liste zu wagen.

Die Liste schrumpft. Ich habe alle Wollreste durchgesehen und die Stoffe, die ich zum Besticken verstaut hatte. Gemein finde ich, dass ich tatsächlich noch Geschirr abwaschen muss. Ich lese die lieben Emails, die mir eine Freundin schreibt und heule erneut, denn mein Onkel kündigt an, dass mich meine Tante morgen gleich im Spital besucht. Sie arbeitet dort und wird wohl auch auf der Intensivstation nach mir sehen. Ich räume die letzte Ladung Geschirr in die Spülmaschine und stelle mich dem Abwasch. 

Stunden und lange Telefongespräche später hat mein Smartphone die benötigte Musik und ich meine Fotos gesichert. So richtig habe ich immer noch keine Antworten auf meine Fragen, aber die kriege ich hoffentlich morgen. Gepackt ist noch nichts, aber ich habe nun Hunger und möchte erst einmal eine Pause, obwohl ich gerade sehe, dass ich ja noch die Wäsche zusammenlegen wollte. Also schnell die To-Do-Liste ergänzen. Alles liegen lassen wäre natürlich auch eine Option. 

Es ist Zeit, die letzte Nacht zu verschlafen. Auch meine Fingernägel sind nun lackiert, die letzten wichtigen Filme nochmal gesehen zur Stärkung und zum gut Träumen, die Taschen und der Rollkoffer sind gepackt. Plötzlich möchte ich statt Jiji lieber mein Nilpferd mitnehmen, aber das kann ich mir morgen noch überlegen.

Meine Familie hat mich nicht etwa angerufen oder so. 

Dafür bekomme ich morgen im Spital schon Besuch. Gut, ich versuche jetzt das mit diesem Schlafen.

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7 thoughts on “Frantz heißt die Kanaille

  1. Du wirkst sehr organisiert, ich bin beeindruckt. Ich denke ganz doll an dich, ich hoffe die Zeit ohne Smartphone dauert nur ganz kurz! ❤

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