The Anime Rainbow: Das war die Sommersaison 2014

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CN – Da es diesmal Kurzreviews sind & es so viele Anime sind, vergesse ich sicher einiges, sorry! Ich habe auch einige Anime von der Liste gestrichen, entweder weil sie noch laufen (Shirogane no Ishi: Argevollen, Bishoujo Senshi Sailor Moon Crystal) oder weil sie Teil eines größeren Komplexes sind (Kuroshitsuji Book of Circus) dem ich einen eigenen Post widmen möchte oder beides (Sword Art Online II).

Aldnoah Zero [CN Tod, Objektifizierung, PTSD im Zusammenhang mit Krieg, Krieg, physische Gewalt, psychische Gewalt] – In letzter Zeit sind Anime mit gigantischen Robotern, die irgendwelche Gefahren (meist aus dem Weltall) abwehren sollen, wieder sehr populär. Hier geht es um einen Konflikt zwischen Mars und Erde, politische Verwicklungen, eine Prinzessin, wechselnde Loyalitäten … und nervendes Fanservice. In letzter Zeit sehr populär in der Richtung: langsames Hochwandern der Kameras von den Beinen sitzender oder liegender Mädchen* oder Frauen* bis ungefähr Nabelhöhe. So. Nervig. Positiv: Etwas weniger platt als andere Anime was die Storyline angeht (aber noch platt genug, insgesamt, leider), Frauen in Autoritätspositionen (Schiffskapitänin, Navigatorin, Offizierin). Spoiler (mit der Maus drüberfahren): Das Ende fand ich radikal (in an oldschool way), da quasi fast alle sterben, aber es gibt im Jänner ein Sequel … aber für Wiederauferstehung müsste schon sehr viel passieren. Also bin ich doch ein bisschen gespannt. Insgesamt: Ziemlich nö.

Ao Haru Ride [CN Tod eines Elternteils, Trauer, Übergriffigkeit, Sexismus, Femmefeindlichkeit] – Hm. Ein einigermaßen netter Shoujoanime, viel über soziale Position, vor allem von Mädchen*, ganz interessant in Hinblick auf die Navigation zwischen Femininität und ihren Konsequenzen (Ablehnung von den anderen Mädchen*, positive/negative Aufmerksamkeit von den Burschen*). “Love Polygon” wird diese Art von Setting genannt – alle sind verliebt, aber vor allem unglücklich, weil die geliebte Person in eine andere Person verliebt ist usw. Dazu noch ein Familiendrama, das allerdings sehr realistisch ist (selten). Spoiler: Was ich nicht mochte, [CN Übergriffigkeit] war die Szene in der die männliche Hauptfigur die weibliche Hauptfigur vor Übergriffen warnt, indem er selbst übergriffig agiert. Sie selbst reagiert mit sexueller Erregung, was sie auch (in Gedanken) ausspricht, was ich wieder positiv finde, denn Sex wird so selten thematisiert … aber irgendwie hätte das alles anders, also feministischer gelöst werden können. Insgesamt aber: Irgendwie cute, irgendwie analytischer sozialen Zwänge und Positionen gegenüber als andere Shoujoanime, nette Musik, nette Animation … würde ich doch empfehlen, aber vielleicht nicht als Einstieg.

Bakumatsu Rock [CN Tod, Heterosexismus, Cisseximus] – Ich weiß nicht, warum ich mir diesen Anime angesehen habe. Bzw. habe ich eine sehr gute Begründung, nämlich, dass mich interessiert, wie die Bakumatsu genannte Zeitperiode in Anime dargestellt wird. *nick nick* Eigentlich stimmt das ja sogar. Anyway! Ihr müsst ihn euch nicht ansehen. Hier wird eine Dichotomie zwischen “Rock” (gut) und “Heaven’s Song” (= Boy Bands, fast alle böse) aufgestellt, es geht irgendwie um “Hero Souls” und die Kontrolle über Japan bzw. freies Leben … Zielpublikum sind Mädchen*, aber warum sollten die sich eigentlich etwas ansehen, das ihre Interessen runtermacht? Naja, egal, also: Schlechte Musik, grauenhafte Computeranimation, Lustigmachen über die Transfrauenfigur … seht euch das nicht an.

Barakamon [CN physische Gewalt, Heterosexismus] – Ein beliebter Topos: Der lebensferne Künstler(TM), diesmal ein Kalligraph (es sind nie Künstlerinnen*), der sich aufgrund eines Misserfolgs und eines körperlichen Angriffs auf einen Juror aufs Land zurückzieht und dort von der “simplen” Landbevölkerung, allen voran den Dorfkindern, “mit der Lebensrealität konfrontiert” bzw. “inspiriert” wird. Bzw. in den letzten Jahren sehr beliebt: Anime, die sich um eine Kunst oder ein Handwerk drehen. Das kommt hier ziemlich zu kurz. Das Kinderensemble umfasst mehrere Altersstufen, vom Kindergartenkind bis zum Oberstufenschüler sind alle dabei und erfrischend wild, was wenigstens den creepy “erwachsener Mann inmitten von Kindern”-Trend ein wenig abwehrt. (Es gibt nämlich diesen Trend … Anime, deren Haupthandlung das Leben einer Gruppe von Mädchen* ist, die dann vom (angenommenen) cisheteromännlichen* Zielpublikum fetischisiert werden, siehe z.B. Hanamaru Youchien, Non Non Biyori u.ä. Supercreepy.) Vollkommen problematisch an Barakamon ist die Reaktion auf das Queerbaiting, nämlich offener Heterosexismus, der wohl … den komödiantischen Topos der Fujoshi aufbrechen soll? Insgesamt: Meh.

DRAMAtical Murder [CN nicht-konsensuales Küssen (aber nur kurz), physische Gewalt, Tod] – Hm. Auch so ein “Hier, Mädchen*, ein paar nett anzusehende Dudes mit unterschiedlichen Haarfarben” hier mal ganz ohne weibliche Hauptfigur, wie auch Bakumatsu Rock. Wird anscheinend immer mehr gepusht, dieses Genre – aber die Geschichte, Animation, Musik, Figuren sind so schlecht, dass sie eigentlich nicht anzuschauen sind. Manchmal frage ich mich, ob die Finanzkrise an diesen low value productions schuld ist (und an der Überzahl der “Boy meets Girl”-Anime, die auf ein männliches* Publikum abzielen). Ja, also es geht um die Zukunft und virtuelle Realität und ein böser Typ will alle hypnotisieren … baaaahhhhhhh. *seufz* Dazwischen angedeutet – Anziehung zwischen den Figuren und sogar ein Kuss. (Yay Fortschritt!)

Gekkan Shoujo Nozaki-kun [CN cartoonhafte physische Gewalt] – Mein absoluter Favorit diesen Sommer. Ich musste bei jeder Episode laut lachen. Ich liebe diesen Anime. Das Setting selbst ist eigentlich schon gut erprobt, Highschool Comedy plus Manga zeichnen, in der letzten Zeit nach Bakuman sehr beliebt, aber hier wird so viel auf den Kopf gestellt. Um das zu merken und wirklich zu schätzen, lohnt es sich allerdings, zuerst ähnliche “typische” Anime anzuschauen … aber nötig ist es nicht. Bespreche ich jedenfalls noch ausführlicher – große, große Empfehlung.

Glasslip – Sah zu Beginn nach Standardromanze (wieder mit Love Polygon) aus, wurde dann von Folge zu Folge undurchsichtiger, mit Visionen von “Fragmenten der Zukunft”, die aber nie erklärt werden, immer weniger Zusammenhängen und am Ende stand ein Gedanke: “Äh?” Ganz nett daran: Moderne Architektur im Alltag! Und ein bisschen klassische Musik. Und es gibt eine bisexuelle Figur, die mit eigenen Interessen, eigener Geschichte porträtiert wird. \o/Spoiler: Leider checkt die weibliche Hauptfigur es überhaupt nicht als sie von der bisexuellen Figur eine Liebeserklärung kriegt bzw. möglicherweise ignoriert sie sie absichtlich. :( Urteil: Nee.

Love Stage!! [CN sexuelle Übergriffigkeit, physische Gewalt] – Das ist nicht der erste Anime, der sich einer homosexuellen Liebesgeschichte zwischen zwei Cismännern widmet, aber sicher der expliziteste der Yaoi-Mainstreamanime, die ich bisher gesehen habe (Junjou Romantica habe ich mir noch nicht angeschaut, weil mir der Manga unsympathisch ist). Explizit daher, weil die beiden Hauptcharaktere, Ryouma und Izumi, offen ineinander verliebt sind (also Ryouma erst in Izumi, dann …) und Anziehung auch offen zeigen dürfen, wenn auch eine Person in den sexuell expliziteren Szenen nur als sparkly, pastellfarbene Silhoutte gezeigt wird. Es gibt hier, anders als in z.B. No. 6, auch keine Hintergrundgeschichte, sondern der Anime folgt der Beziehung zwischen Ryouma und Izumi, also einer klassischen Lovestory. Sie folgt einem gängigen Yaoi-Topos, aber um euch das jetzt alles zu erklären, müsste ich weit ausholen und ehrlich gesagt ist es mir zu heikel über Yaoi zu schreiben, weil ich mich erst langsam kritisch damit auseinandersetze, also lasse ich es. Ich kann auch nicht wirklich verorten, welche Bedeutung es hat, dass diese Anime auf diese Art und Weise produziert und gezeigt wurde. Falls ihr mehr dazu wissen wollt, kann ich euch nicht wirklich weiterhelfen, weil ich zu wenig weiß. Ich finde Love Stage!! ganz ok, ich lese auch den Manga, mag daran aber Rei x Shougo.

Nobunaga Concerto [CN Tod, Krieg, Tote, Blut, physische Gewalt] – Saburou, ein Schüler, wird plötzlich in die Zeit zurück versetzt, in der Oda Nobunaga lebte und nimmt seinen Platz ein. Der Anime folgt seiner Laufbahn und seinen Begegnungen mit anderen Zeitreisenden. Nicht besonders spannend, außer ihr plant eine Analyse von Anime, die in der Sengoku-Zeit spielen (was durchaus spannend wäre). Ganz lustig fand ich, dass Saburou das Raum-Zeit-Kontinuum egal ist und er sein Geschichtebuch konsultiert, bis es ihm geklaut wird.

Tokyo ESP [CN Tod, Krieg, Tote, extreme physische Gewalt, psychische Gewalt, Blut] – Hätte eigentlich ganz gut sein können, ohne die exzessive, unangenehme Sexualisierung der weiblichen Figuren. Erinnerte ein bisschen an X-Men – plötzlich haben einige Leute Superkräfte, mit denen sie umgehen müssen. Wenigstens gibt es wenig Schulszenen und es geht wirklich eher um Action, mit vielen weiblichen Figuren, aber auch den typischen “lustigen” Figuren, die überhaupt nicht lustig sind, wie z.B. den übergriffigen alten Mann (hier als Panda verkleidet). Es gibt die Bösen, gegen die die Guten kämpfen, alles sehr dramatisch, aber im Endeffekt alles sehr 0815, sexistisch und unnötig.

Tokyo Kushu/Tokyo Ghoul [CN Tod, extreme, explizit dargestellte physische Gewalt, psychische Gewalt, Blut, Organe, Kannibalismus, Folter] – Lange Zeit hielt ich Gewalt in Anime recht gut aus. Es sind ja “nur” animierte Figuren und obwohl die mich schon zum Schreien, Heulen, Herzschmerzen gebracht haben, sie sind nicht so real wie echte Schauspieler. In den letzten Jahren gibt es aber einen Trend von immer expliziteren Gewaltdarstellungen, die ich nicht mehr aushalte. Es ist zu grauenhaft und zu sadistisch und Tokyo Ghoul gehört zu diesen Anime. Die Story selbst ist sehr standardmäßig, Ähnlichkeit mit Kemonozume ist da, vor allem in der OP, aber außer der flüssigen Animation ist hier nichts Originelles zu sehen. Gleichzeitig lässen sich diese Stories um Menschenfresser (Kemonozume, Shingeki no Kyojin, in der jetztigen Saison Kiseijuu: Sei no Kakuritsu) wohl als Metaphern (z.B. für Kapitalismus, gesellschaftlichen Druck, u.ä.) verstehen und ihre Häufung und Popularität in den letzten 2 Jahren wird wohl kein Zufall sein. Aber mir dreht es langsam den Magen um :/ Angeblich ist der Manga besser und eine zweite Saison wird es auch geben (no na), aber … nix für mich.

Yami Shibai 2 [CN Horror – sorry, ich erinnere mich nicht mehr an die Details] – Anime mit sehr kurzen Folgen, immer über eine Gruselgeschichte, so á la “Dies ist die Geschichte über XPerson, die …” und dann passiert ihnen irgendetwas creepiges. Die erste Saison war tatsächlich sehr creepy, diese ist zwar auch creepy, aber weniger extrem. Trotzdem insgesamt eher meh.

Zankyou no Terror [CN physische Gewalt, Explosionen, psychische Gewalt, Terrorismus] – Diese Serie werde ich auch noch separat besprechen. Es geht um zwei Freunde, die Terroranschläge verüben, den Polizisten, der dem Ganzen auf dem Grund gehen will und Lisa, die per Zufall in die Sache verwickelt wird. Ich muss mir den Anime aber nochmal ansehen, um zu einem endgültigen Urteil zu kommen, aber insgesamt fand ich ihn recht interessant, aber wieder eigentlich auf bereits vorhandenen Geschichten aufgebaut, also nicht besonders neu, sondern ein bisschen zu vertraut. Nachdem klar wurde, worum es ging, war mir auch ein wenig fad. Aber mal sehen, was ich nach dem nochmaligen Ansehen denke. Gut daran: Kein Fanservice, abgeschlossene Geschichte, ungewöhnliche OP & ED.

So, jetzt darf ich endlich guten Gewissens mit der Herbstsaison beginnen! Jedenfalls so gut mein Gewissen sein kann, da ich noch 100 andere Dinge tun sollte. XD

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The Anime Rainbow: Seirei no Moribito (Guardian of the Sacred Spirit)

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[CN physische Gewalt, Tod, Blut, eine Instanz wo ein Kind eine Ohrfeige kriegt, Höhe]

Ich wollte ja noch warten, bis ich das Rezensieren ein wenig mehr geübt habe, aber ich habe diesen Anime schon so oft empfohlen und jetzt scheint die Empfehlung langsam Runden zu ziehen, also kann ich gleich darüber schreiben. Seirei no Moribito ist einer meiner Lieblingsanime. Ich kann mich selten auf *ein* Lieblingsirgendwas einschränken, aber wenn ich müsste … es wäre dieser Anime. Es fällt mir schwer, adäquat auszudrücken, wie großartig dieser Anime ist, ich hoffe also, dass ihr ihn euch anseht, selbst wenn euch die Rezension nicht anspricht.

Für mich ist Seirei no Moribito einer der wenigen tatsächlich feministischen Anime. Er basiert auf der zwölfteiligen Romanserie “Moribito” von Nahoko Uehashi, von der 9 Bände auf Englisch übersetzt wurden. Leider verkaufte sich die Serie nicht so gut, daher wurde die Übersetzung eingestellt. Der Anime hat 26 Folgen und erzählt die Geschichte des ersten Bandes.

Die Hauptfigur von Seirei no Moribito ist Balsa, eine Speerkämpferin, die als Bodyguard arbeitet. Nach zweijähriger Abwesenheit kehrt sie zurück in die Hauptstadt des Yogo-Reiches, das in vielen Aspekten an ein historisches Japan (aber fragt mich nicht welche Epoche) angelehnt ist. Gleich bei ihrem Eintreffen rettet sie ein Mitglied der königlichen Familie – einen Jungen. Als Dank wird sie in den Palast eingeladen. In der Nacht wird sie von der zweiten Kaiserin, der Mutter des Prinzen, damit beauftragt, das Leben des Prinzen zu beschützen, denn es wurden bereits mehrere Anschläge auf ihn verübt. Balsa hat es sich aus einem wichtigen Grund zur Aufgabe gemacht, acht Leben zu retten und kann deshalb den Auftrag nicht ablehnen. Also ist sie von jetzt an für das Leben des Prinzen Chagum verantwortlich und der muss sich schnellstens an die “wirkliche Welt” außerhalb des Palastes gewöhnen.

In der Welt von Seirei no Moribito gibt es zwei Welten, die der Menschen und die der “Geister” (aber nicht im Sinne von Gespenst), die mit einander interagieren und von einander abhängen. Chagum wird deshalb verfolgt, weil sich in ihm das Ei eines Wassergeistes eingenistet hat und laut dem Gründungsmythos des Yogo-Reiches sind Wassergeister vom Kaiser zu töten. Allerdings gibt es im Yogo-Reich noch andere Mythen – die der ursprünglichen Bevölkerung – und die haben ganz andere Ansichten, was Wassergeister betrifft: Die sind nämlich wichtig für die Wasserversorgung der ganzen Welt. Aber unter welchen Bedingungen schlüpft das Wassergeistei? Das herauszufinden, Chagum dabei vor dem Zugriff des Kaisers und darüber hinaus zu beschützen und den Wassergeist sicher zum Schlüpfen zu bringen wird zur zentralen Motivation.

Balsa wird bei ihrer Aufgabe von vielen Personen unterstützt. Da ist ihr Jugendfreund, der Heiler Tanda, der sich immer um ihre Verletzungen gekümmert hat. Er geht bei der Schamanin Torogai in die Lehre, die mit der Welt der Geister kommuniziert (nein, nicht durch Trance, durch Tauchen). Tooya und Saya, zwei Jugendliche, die Balsa ihr Leben verdanken, unterstützen sie ebenfalls. Tooya ist ein begnadeter Händler und schlägt immer einen guten Deal heraus. Von kaiserlicher Seite gibt es auch eine Vielzahl von Personen, von denen einige Balsa entweder verfolgen oder versuchen herauszufinden, was denn jetzt wirklich los ist mit diesem Wassergeist.

Soweit klingt das simpel und nach einer typischen Fantasystory, aber genau das ist Seirei no Moribito nicht. Balsa ist 30. Ich sage das nochmal: Balsa ist 30. Eine dreißigjährige Hauptfigur, also die Figur, die im Zentrum einer Geschichte steht und deren Perspektive hauptsächlich eingenommen bzw. erzählt wird, ist in Anime so selten, dass mir beim überlegen vielleicht ca. 10 Anime eingefallen sind und selbst auf diese Zahl würde ich nicht schwören. Meine “completed”-Liste umfasst im Moment (etwas bereinigt) ca. 550 Anime und nein, natürlich sind das nicht alle Anime ever, aber es sind doch einige. Also das nur mal als Anfang.

Weiters ist ein Fokus von Seirei no Moribito Balsas Reflexionen über ihre Geschichte, ihren Vater und wie es für ihn gewesen sein muss, sie aufzuziehen – also über Elternschaft, denn mit Übernahme des Auftrags, Chagums Leben zu beschützen, wird sie zu seiner Mutter. Was Elternschaft für Balsa bedeutet und wie sie diese Rolle ausfüllt und welche Rolle_n sie dabei einnimmt, was das für sie bedeutet, das alles wird in Seirei no Moribito erkundet. Es ist selten, dass eine Frau gezeigt wird, die diese Rolle (aus Gründen) nicht einnehmen will. Es ist selten, dass gezeigt wird, dass Elternschaft auch für Frauen ein Lernprozess und eben nicht etwas “Naturgegebenes” ist – den Plot “Krieger muss Kind aufziehen” gibt es viel öfter.

Aber Seirei no Moribito geht noch viel weiter. Es ist so multidimensional, dass ich gar nicht alles beschreiben kann. Es macht sichtbar, was in anderen Serien als “normal” dargestellt und nicht in Frage gestellt wird. Zum Beispiel wird Balsas Aufgabe, 8 Leben zu retten,  kritisch beleuchtet: Wenn sie Menschen tötet, um ein spezifisches Leben zu retten, stellt sie dessen Wert über den Wert der Getöteten. Also kämpft Balsa so, dass sie Kampf zuerst einmal versucht auszuweichen. Wenn es sein muss, verletzt sie Menschen zwar, aber tötet sie nicht. Das ist ein großer Unterschied zu vielen anderen Geschichten.

Seirei no Moribito zeigt auch deutlich Klassenunterschiede, Rassismus, die Konsequenzen von Herrschaftsmythen und herrschaftlicher Geschichtsschreibung, das Machtgefälle zwischen Wissenschaft und “Volksmythen”, ökonomische Hintergründe, die Konsequenzen für die Umwelt haben, was wiederum Konsequenzen für die Interaktion zwischen der Menschenwelt und der Geisterwelt hat, etc. etc. etc. auf. Manchmal nur in Andeutungen, die erst nach wiederholtem Anschauen sichtbar werden und ja, ich habe die Serie wohl schon an die 20mal gesehen. Ich wette, beim neuerlichen Anschauen würde ich wieder neue Details bemerken.

Und Seirei no Moribito zeigt andere Geschlechterrollen. Balsa ist die Kriegerin – nun, kämpfende Frauen sind in Anime keine so große Seltenheit. Aber sie ist nicht nur eine Kampfmaschine, sondern besitzt umfassendes Wissen über eine Vielzahl von Dingen, die für das tägliche und für ihr spezifisches Überleben gebraucht werden – und weit darüber hinaus. Tanda ist der Heiler, der Caregiver, über weite Strecken auch der, der im Haus bleibt, der, der Essen zubereitet. Das ist sehr ungewöhnlich.

Torogai die Schamanin ist schon älter, aber sehr aktiv, körperlich, geistig. Sie isst mit großer Lust und überwintert lieber bei heißen Quellen, als mit Tanda, Balsa und Chagum glückliche Familie zu spielen, denn sie hatte schon eigene Kinder – ja! Das ist keine zölibatäre, asketische, “weise Frau”. So wie auch die Hauptfiguren viele verschiedene Aspekte haben, werden auch die Nebenfiguren in der Regel nicht eindimensional dargestellt. Sie haben Hintergründe, eigene Motivationen, äußere Zwänge, unter denen sie agieren.

Dafür, dass diese Serie so unglaublich voll erscheint – voll Figuren, voll Subtext, voll Plot, ist sie doch von der Erzählgeschwindigkeit überhaupt nicht hastig oder überstürzt. Alles entfaltet sich der Situation entsprechend. Es gibt keine “Filler”, also keine Episoden, die den Plot nicht vorantreiben bzw. den Charakter der Figuren nicht entwickeln – alles hat eine Bedeutung, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint, selbst die Musik. Dazu kommt eine großartige Animation und visuelle Gestaltung – gut gezeichnet, flüssige Bewegungen, kein Fanservice, die Computeranimation ist unauffällig (also zumindest für mich), wunderschöne Landschaftsbilder … *hust*, ich glaube ich habe heute noch nichts vor …

Fazit: Ein feministischer Fantasyanime mit einer großartigen Geschichte, großartig umgesetzt.

The Anime Rainbow: Nodame Cantabile

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[CN für die Rezension: Benennung von sexuell übergriffigem Verhalten, Heterosexismus, Cissexismus, Gewalt, Sexismus]

[TW Heterosexismus, Cissexismus, Sexismus, sexuelle Übergriffigkeit, körperliche Gewalt (scherzhaft), körperliche Gewalt (ernsthaft), Objektifizierung, Flugzeugunglück, CN Fatshaming, ableistische Sprache, Klassismus]

Nodame Cantabile hat drei Staffeln, Nodame Cantabile, Paris Hen und Finale und insgesamt 45 Episoden (plus zwei OVAs und ein Special). Einerseits ist Nodame Cantabile dem Genre “Karriereanime” zuzuordnen, es wird also der karrieremäßige Aufstieg von in diesem Fall zwei Hauptfiguren und einem größeren Ensemble verfolgt., andererseits ist Nodame Cantabile ein humoristischer Anime und zeigt leider die allerschrecklichsten Seiten dieses Genres.

Es gibt also

  • den sexuell übergriffigen alten Mann (Warum ist das “lustig”? Warummmm?),
  • die homosexuelle Figur (Absatz editiert am 5.10.)  – (Oft ist diese Person eine Transfrau oder eine Dragqueen, deren Verhalten und Begehren vor allem am Beginn der Serie als belustigend und abstoßend dargestellt wird (in anderen Serien wird es das die ganze Zeit). In Nodame Cantabile hat Okuyama Masumi, anders als in anderen “lustigen” Anime, eine Hintergrundgeschichte, ein eigenes Leben, ist ausgezeichnete* Perkussionistin und ist definitiv ein wichtiger Teil des Ensembles.  Später kommt ein schwuler Mann vor, dessen Begehren ebenso als belustigend und abstoßend dargestellt wird, aber er bleibt eine Randfigur. Schließlich gibt es noch eine Szene in der potentiell lesbisches Begehren als abstoßend dargestellt wird),
  • Objektifizierung (BH-Größen scheinen sehr wichtig zu sein, aber da das Zielpublikum als weiblich* angenommen wird, ist Nodame Cantabile bei weitem nicht so extrem wie andere Anime und richtet sich in den meisten Fällen nach der female gaze),
  • Sexismus & Festlegung sexistischer Normen (Frauen sollen gepflegt, nett, elegant sein und sich auch so verhalten, Makeup tragen, aber nicht zu viel, “gehören” einem Mann … etc. etc. etc.),
  • die “spaßhafte” Gewalt, bei der auch Blut spritzt (wie Tom & Jerry, nur mit Menschen und je nachdem Blut),
  • Klassismus,
  • Fatshaming
  • und sicher noch mehr problematische Dinge.

Aber. Noda Megumi oder Nodame, die Hauptfigur der Serie, ist eine so wunderbar untypische Hauptfigur. Ihre Wohnung ist ein Chaos, sie legt keinen Wert auf Körperpflege oder stereotyp “feminine” Kleidung, sie kann nicht kochen, sie singt Scherzlieder über Fürze und Katzenscheiße, mag Anime und Manga, sie bringt ihr Begehren für Chiaki Shinichi, den Protagonisten, mehr als deutlich und auf für weibliche Animefiguren sehr untypische Art und Weise zum Ausdruck – und in diesem Anime wird Begehren, Küssen, Sex endlich einmal (wenn auch je nachdem nur in den dezentesten Ansätzen) thematisiert (nein, das ist nicht immer so) . Nodame bleibt auch so – es gibt hier kein Riesenmakeover und alle temporären Änderungen halten nicht lange. Es ist Chiaki, der trotz aller seiner Widerstände für Nodame aufräumt, ihre Kleidung wäscht, sie pflegt, ihr Essen kocht.

Schon allein diese Umkehr, die ich sonst in nur einigen wenigen Anime und fast nie auf diese Weise gesehen habe, hat mir Nodame Cantabile ans Herz wachsen lassen. Was noch dazukommt: In Nodame Cantabile geht es um klassische Musik, die ich gerne mag und der Anime spielt endlich einmal an einer Universität statt an einer Schule (yes! 20jährige! Juhu! *heul* Wenn’s mal mehr als eine Handvoll Anime über 30jährige Frauen gäbe …).

Chiaki stammt aus einer reichen, musikalischen Familie und will Dirigent werden, kann aber #ausGründen Japan nicht verlassen. Nodames Vater ist Seetangbauer, ihre Mutter ist schneiderisch begabte Hausfrau und sie will eigentlich nur einen Uniabschluss, damit sie Lehrerin werden kann. Chiaki entdeckt, wie gut sie Klavier spielen kann und so geht es dann darum, dass er und viele andere versuchen, Nodame darin zu unterstützen, Pianistin zu werden. Gleichzeitig bringt Nodame auf ihre Art Chiaki dazu, seine arrogantes Arschlochverhalten zu ändern, d.h. er unterstützt sie mit Reproduktionsarbeit, seinem kulturellen Wissen und seinen Verbindungen, sie unterstützt ihn bei der emotionalen Arbeit.

Dass sie es ist, die ihn bei der emotionalen Arbeit unterstützt, kann zwar auch problematisch gesehen werden, aber in den meisten Anime unterstützt die weibliche Figur den Protagonisten in diesem Bereich ohne gleichzeitig in ihren eigenen Bestrebungen eine ähnliche Unterstützung zu enthalten, sollte sie denn eigene Wünsche und Ziele haben, die außerhalb “Beziehung mit Protagonist” liegen – wenn ihr überhaupt so viel Raum, Hintergrundgeschichte und Charakter zugestanden wird. Auch wird das Machtgefälle, das zwischen Chiakis und Nodames Hintergrund besteht, thematisiert und Nodame weist Chiaki darauf hin, wenn er vergisst, dass sie nicht aus einem Oberschichthaushalt stammt und ihr der “Bildungskanon” fehlt, da sie von ihrer Familie dahingehend keine Unterstützung erhalten hat. Nodame entwickelt ihre eigenen Bilder und Vorstellungen, die auch (von Chiaki) als gleichrangig akzeptiert werden.

Dazwischen gibt es klassische Musik, wobei auch Werke von Komponisten (nein, keine Frauen*, was dachtet ihr?) des 20 Jahrhundert vorkommen (untypisch). Immer wieder kommen die Charaktere in Wettbewerbssituationen, was natürlich die Spannung erhöht (vergleichbar mit Sportanime). Und es gibt eben die Liebesgeschichte zwischen Chiaki und Nodame, die weder einfach noch spannungsfrei ist. In den Konzertszenen ist die Computeranimation manchmal seeehr deutlich zu sehen, aber im großen und ganzen ist die Animation ok, nicht sehr detailreich, aber nett anzusehen (Chiaki-senpai! Kyaaa! *hust*).

Ich kann euch also Nodame Cantabile nicht guten Gewissens empfehlen. Ich kann euch Nodame Cantabile aber auch nicht nicht empfehlen. Wenn ihr klassische Musik mögt und ein Paradebeispiel für einen humoristischen Anime sucht und nicht die fadeste, 1000mal wiederholte, androzentristische Geschichte sehen wollt (denn meistens sind solche humoristischen Anime für cismännliche Zuschauer gemacht), dann seht euch Nodame Cantabile an. Falls das eher nichts für euch ist – Geduld, es kommen noch weitere Rezensionen ;)

no spoilers

The Anime Rainbow: Kokurikozaka kara (From Up On Poppy Hill)

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[TW Tod eines Elternteils, Höhe, CN ableistische Sprache]

Der dritte Film, der für mich zu Momo e no Tegami und Gake no Ue no Ponyo passt, ist Kokurikozaka kara oder Coquelicot-zaka kara (From Up On Poppy Hill), ebenfalls aus dem Studio Ghibli. Das Screenplay stammt von Miyazaki Hayao, Regie führte allerdings sein Sohn, Miyazaki Goro.

Es ist 1963 und Tokyo bereitet sich auf die Olympischen Spiele vor. Umi – oder Meeru, wie sie von ihren Freund_innen genannt wird, wohnt in Yokohama, geht in die zweite Klasse der Oberstufe und ist ca. 16 Jahre alt. Neben der Schule macht sie einen großen Teil der Hausarbeit in einem Haushalt, der neben ihrer Großmutter und ihren zwei jüngeren Geschwistern noch drei Untermieterinnen* beherbergt. Jeden Morgen stellt sie ein Glas Wasser vor das Bild ihres verstorbenen Vaters und hisst das Flaggensignal, das er ihr (neben vielen anderen) beigebracht hat. Ja – schon wieder ein toter Vater, ein Schiffskapitän (und natürlich heule ich auch bei diesem Film).

An dem Tag ist jedoch in der Schule einiges los – die Schüler, die das alte Haus für ihre Clubs nutzen, veranstalten eine Aufsehen erregende Aktion, um auf den drohenden Abriss des Gebäudes aufmerksam zu machen. Ein Junge springt vom Dach des Hauses, Quartier Latin genannt, in ein kleines Schwimmbecken – und wird von Umi herausgefischt. Geht ein meet cute noch dramatischer? (Ich muss ja zugeben, ich habe eine Schwäche für kreative meet cutes). Richtig, Kokurikozaka kara ist ein Liebesfilm, mit einem Heteropaar. Daneben gibt es noch den Kampf um den Erhalt des alten Clubhauses, aber vor allem geht es um die sich entspinnende Romanze zwischen Umi und Shun, die jedoch recht bald auf ein schwerwiegendes Hindernis trifft.

Aber es ist ein charmanter Liebesfilm, mit interessanten Haupt- und Nebenfiguren. Die Untermieterinnen* in Umis Haus sind u.a. eine Ärztin und eine Malerin, Umis Mutter ist Universitätsprofessorin auf Reisen, Umis Schulfreundin zeigt den Burschen, wie eine Wand richtig verputzt wird – und als Umis Schwester fragt, ob der ältere Bruder des Burschen, für den sie sich interessiert, auch so klug ist, wird sie korrigiert: Es ist eine ältere Schwester, die Astrophysikerin ist.

Umi selbst ist die zentrale Kraft des Films – ihre Ideen, ihre Arbeit, ihr Auftreten sind es, die Klarheit schaffen, Resultate erzielen. Schon allein deswegen hege ich Ungeduldige große Sympathien für sie. Sie will später Ärztin werden. Shun ist attraktiv, enthusiastisch, wagemutig und athletisch – aber sein emotionales Innenleben wird nur in Zügen angedeutet. Heterosexuelle Liebe und das Heiraten wird allerdings sehr betont – Umis Großmutter hofft, dass Umi eine Person (impliziert: eine männliche Person) trifft, die ihr dann über den Verlust ihres Vaters hinweghelfen kann, Heirat wird als default erwartet.

Ein für mich interessanter Aspekt ist die Sichtbarmachung von Arbeit und den dafür benötigten Gegenständen, die für viele Ghiblifilme typisch ist. Umis Arbeit im Haus, die nötig ist, um in Abwesenheit der Mutter für den Lebensunterhalt zu sorgen, die Kochgeräte, Maschinen und die vielen Handgriffe, werden mit Aufmerksamkeit bedacht, die Verortungen und Kontextualisierungen ermöglicht. Wie sieht das Telefon aus? Die Wäsche wird also noch teilweise mit der Hand gewaschen – aber es gibt schon eine Wäschemangel. Gekocht wird mit Gas, der Reis wird mit einem kastenförmigen Holzmaß abgemessen, in den Haushalten gibt es Fernseher. Wie groß ist Umis Haus, wie groß ist Shuns Haus, wo liegen sie? Die Geschichte_n welcher Klasse_n werden hier (und in Ghiblifilmen allgemein) erzählt?

Untermalt wird der Film von japanischer Popmusik aus den 1960ern (bzw. Musik, die danach klingt), vor allem Ue no Muite Aruko, ein fröhlich klingendes Lied mit traurigem Text und – wenn ich Wikipedia in diesem Belang vertrauen darf mit politischem Hintergrund. Die Animation ist geradlinig, mit dem relativ typischen Ghiblilook, aber sehr viel weniger stilisiert bzw. karikierend als in Miyazaki Hayaos Filmen und großteils ohne seine “typischen” Gesichter. Anklänge an seine Filme finden sich jedoch, z.B. im Lachen Shuns bei einer Versammlung (Das Schloss im Himmel, wenn ich mich richtig erinnere, ev. auch Porco Rosso), in den bunten Glasfenstern, blühenden Büschen (Chihiros Reise ins Zauberland) und dem dreckigen Zustand des Quartier Latin (Das wandelnde Schloss).

Ich muss sagen, ich habe eine Schwäche für gute Liebesfilme, auch wenn sie mich meistens traurig machen. Spannende Figuren, ein fantastischer meet cute und ansprechende Animation – für eine Auszeit aus dem echten Leben versenke ich mich da gerne in die Welt von Kokurikozaka kara. Ich hoffe, euch gefällt der Film ebenso.

SPOILER – ACHTUNG SPOILER

b8fqmBevor ich mir Kokurikozaka kara zum zweiten Mal ansah, hatte ich ihn deutlich sexistischer in Erinnerung. Ja, da war doch die Universitätsprofessorin als Mutter, die Ärztin und die Malerin, aber Umi war doch bei der Schulzeitung nur für Hilfsdienste zuständig und beim Putzen des Hauses sah ich doch nur Mädchen*. Oder? Beim zweiten Mal sah ich genauer hin: Ja, Umi verfasst keine eigenen Texte für die Schulzeitung, aber es ist ihre Idee, das Quartier Latin zu putzen und zu restaurieren. Sie ist im Film diejenige, die es überhaupt wagt, das Quartier Latin zu betreten, das bis dahin von den Schülern dominiert wird. Unter ihrer Ägide wird es aufgeräumt und renoviert – und die Jungen* sind genauso am Schrubben, Abstauben, Malen, Beschriften, Renovieren beteiligt wie die Mädchen*, ja, die Mädchen* zeigen den Jungen*, wie das richtig gemacht wird (wobei – den Stern könnte ich weglassen, da im Film nicht einmal ansatzweise angedeutet wird, dass es außer Cis- und Heterosexualität noch andere Formen von Geschlecht und  Sexualität gibt).

Eine andere Szene, die komplexer ist, als auf den ersten Blick scheint, ist das Abschiedsessen für Hokuto Miki, die Ärztin, die in Umis Haus wohnt. Der Tisch ist geteilt – an einem Ende sitzen die Männer und Jungen und besprechen die Lage des Quartier Latin, am anderen Ende die Frauen und Mädchen und sprechen über Heirat, Umi serviert. Die Männer, so wie Hokuto Miki ehemalige Schüler der Schule, sind allerdings auf ihre dezidierte Einladung vor Ort, damit sich für Umi, Shun und die anderen Schüler_innen nützliche Verbindungen ergeben. Diese resultieren dann in Baumaterialien für die Renovierung.

Besonders spannend fand ich das – zuvor von mir übersehene – Verhalten des Präsidenten des Schulfonds, der das Sagen über den Abbruch des Quartier Latin hat. Da die Schuldirektion das neu renovierte Gebäude gar nicht ansehen will und auf dem Abriss beharrt, beschließen Shun und sein bester Freund, direkt zum Präsidenten zu gehen – und Umi soll auch mit. Als Shun und sein Freund schließlich ihre Forderungen vortragen können, hört der (grundsätzlich mit Schüler_innen* sympathisierende) Präsident sich diese zwar an, richtet dann aber sein Hauptaugenmerk auf Umi und fragt sie dezidiert nach ihrer Meinung. Und die ist es dann auch, die ihn aufhorchen lässt. Zwar fragt er sie auch nach ihrem Vater und nicht nach ihrer Mutter, aber die Frage nach Umis Meinung kommt zuerst. Auch als der Präsident dann das Quartier Latin besucht, gilt seine besondere Bestätigung Umi.

Warum betone ich das so? Weil es leider selten genug ist, dass die Heldinnen* in Anime direkt sagen, was sie fühlen, denken, wollen (gilt als peinlich bzw. unweiblich bzw. unhöflich), selten genug ist, dass es ihre Ideen, Pläne, Aktionen sind, die die Geschichte vorantreiben bzw. die Lösung bringen, selten genug, dass sie ernst genommen und bestätigt werden.

Auch interessant für mich ist die Solidarität zwischen den Schüler_innen*, wobei ich mich hier frage, wie idealisiert diese wohl ist. Zu Beginn des Films sind nicht alle Schüler* für den Erhalt des Quartier Latins – und die Schülerinnen* sind de facto von der Benutzung ausgeschlossen und interessieren sich daher nicht so sehr dafür. Bei einer Debatte zu Beginn des Films gibt es dann heftige Streitereien, doch als Lehrer* kommen, tun alle gemeinsam so als ob nichts wäre. Durch die Kampagne der Schulzeitung und des Kommitees wird die Schüler_innen*schaft politisiert und die Arbeit am Gebäude schafft Identifikation damit.

Der Film basiert auf einem Manga, mit gravierenden Differenzen, wie ich in diesem Blogpost (keine Spoiler, aber etwas verächtlicher Ton über Shoujomanga) las, über den ich heute stolperte, als ich Informationen über den Manga suchte. Die Handlung des Manga spielt, so der Blogpost, in den 80ern und der Protest (im Manga gegen Schuluniformen) ist ein Stratagem, um mehr Schulzeitungen zu verkaufen. In Kokurikozaka kara ist der Protest der Schüler_innen* ernst gemeint.

Ob durch die Versetzung in die frühen 60er genauso eine Entpolitisierung stattfindet, wie im Blogpost behauptet wird, darauf würde ich mich jetzt nicht festlegen – Proteste an den japanischen Universitäten gab es nämlich schon vor 1968 und ich hoffe, dass sich die Schüler_innen, die schon einen Erfolg gemeinsamer Arbeit und Organisation erleben konnten, auch an der Universität für ihre Rechte einsetzen würden/werden (aber sie sind ja fiktional). Weitere politische Anklänge, was z.B. das Ende des 2. Weltkriegs und Aspekte der Rolle Japans im Koreakrieg angeht sind z.B. dieser Sektion auf Wikipedia zu entnehmen. Langsam spiele ich echt mit dem Gedanken, zurück an die Uni zu gehen und die Geschichte Japans von Grund auf zu studieren … *seufz*

Für mich ist daher auch die Szene, in der der Präsident des Schulfonds im Quartier Latin empfangen wird, nicht ohne Spannungen – zwar singen alle brav ein Lied, aber wenn die Übersetzung des Liedtextes stimmt, singen die Schüler_innen* davon, dass sie zusammenhalten werden, auch wenn die Welt untergeht. Nun kann in verschiedene Richtungen argumentiert und interpretiert werden, aber ein Haus voller Schüler_innen*, die ihre demonstrieren, dass sie auf Worte Taten folgen lassen und subtil unterstreichen, dass sie sich nicht unterkriegen lassen werden – da ist es um einiges einfacher, nachzugeben und weiteren Protesten den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Die endgültige Aussage des Films, zumindest im Hinblick auf das Quartier Latin – “Das Alte beim Gang in die Zukunft nicht komplett aufgeben” – ist eine der oft vermittelten Botschaften von Filmen aus dem Studio Ghibli, nicht nur denen von Miyazaki Hayao. Wie diese Botschaft mit der Realität Japans zusammenpasst, nun, das ist auch so eine Frage …

The Anime Rainbow: Gake no Ue no Ponyo (Ponyo on the Cliff by the Sea)

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[TW Meerestiere, Flutwellen, gefährliches Autofahren, Höhe, CN ableistische Sprache]

Gake no Ue no Ponyo sah ich mir gleich nach Momo e no Tegami an. Auch hier spielen das Meer, eine arbeitende Mutter und ein absenter Vater wichtige Rollen, wenn auch unterschiedlicher Größe.

Ponyo heißt zunächst einmal Brünhilde und ist ein Meerkind. Sie lebt mit ihren Schwestern* und ihrem Magiervater im Meer vor der Küste Japans. Allerdings darf sie nicht frei herumschwimmen, sondern soll im U-Boot ihres Vaters bleiben – da haut sie ab. Auf der Flucht gerät sie in ein Fischnetz, dann in eine Glasflasche, aus der sie schließlich von Sousuke gerettet wird.

Sousuke ist fünf Jahre alt und lebt mit seiner Mutter Lisa in einem Haus auf der Spitze einer Klippe. Aber keine Zeit! Lisa muss zur Arbeit und Sousuke in den Kindergarten, also in halsbrecherischem Tempo dorthin – Ponyo kommt im grünen Eimer mit. Das Tagesheim für alte Menschen, in dem Lisa arbeitet, liegt gleich neben Sousukes Kindergarten und Ponyo bringt gleich ein wenig Wirbel in beide hinein. Aber leider wird sie von ihrem Vater wieder eingefangen, was Sousuke sehr zum Weinen bringt.

Während Lisa und Sousuke sich mit der verlängerten Absenz von Kouichi, Ehemann, Vater, Schiffskapitän, herumschlagen, will Ponyo nicht mehr Brünhilde heißen und vor allem ein Mensch werden und mit Sousuke zusammensein. Mit Hilfe ihrer Schwestern* bricht sie erneut aus und gießt dabei das ganze Zauberelixier ihres Vaters ins Meer. Zusammengenommen ergibt das eine Explosion der marinen Flora und Fauna sowie einen rapiden Anstieg des Meeresspiegels – die Küste an der Lisa und Sousuke leben, wird überflutet. Lisa und Gran Manmare (Ponyos Mutter) to the rescue!

Für einen Kinderfilm – denn als ein solcher ist Ponyo konzipiert – ist das und was noch folgt ziemlich aufregend (darum würde ich ihn für Fünfjährige noch nicht empfehlen). Aber Ponyo ist nicht nur für Kinder. Da ist Lisa, die in jeder Szene, in der sie vorkommt, die Show stiehlt – hier ist nochmals eine arbeitende Mutter, die einen Vornamen und Gefühle hat und zeigt, rasant Auto fährt und Bier trinkt (ich sehe so viele Parallelen zur Königinmutter). Spannend finde ich auch die alten Frauen*, die das Tagesheim besuchen und wie liebevoll sie miteinander und mit Sousuke und Ponyo interagieren. Liebevoll ist tatsächlich der ganze Film, es wird umarmt, geknuddelt und geküsst, dass die <3 nur so sprühen.

Die Szenen in Ponyo sind atemberaubend und wunderschön – wenn Ponyo auf der Wasseroberfläche läuft, von Fisch zu Fisch hüpft, die Unterwasserwelten, das überschwemmte Land – alles in bunten, leuchtenden Farben, in einer Mischung zwischen poppigem Stil und Buntstiftstrichen (z.B. Gras, etc.), unterlegt mit Musik von Hisaishi Joe, der bisher die Musik für jeden Film von Miyazaki Hayao komponiert hat. Anklänge an Wagners Walkürenritt sind nicht zufällig (wie gesagt, Ponyo heißt zunächst Brünhilde), aber wenigstens nicht zu nahe dran (ich mag Wagner nicht).

Vergleichen lässt sich Gake no Ue no Ponyo von den Figuren und der Geschichte mit keinem anderen Film von Miyazaki Hayao. Natürlich gibt es typische Elemente – die Betonung des Umweltschutzes, die Vignettenhaftigkeit, die stillen Momente, die Liebesgeschichte, das Essen und Trinken mit Lust und Appetit – aber Ponyo ist eben nicht Mein Nachbar Totoro, nicht Mononoke Hime, nicht Howl’s Moving Castle, sondern ein eigener Film, der mir sehr viel Spaß macht.

Und diesmal gibt’s keine Spoiler (muss erst noch mehr über Ponyo nachdenken).

no spoilers

The Anime Rainbow: Momo e no Tegami (A Letter to Momo)

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[TW Tod eines Elternteils, Springen aus großer Höhe, CN Übergriffigkeit, ableistische Sprache]

Vor Kurzem sah ich mir drei Animefilme nacheinander an und fand, dass sie alle zusammenpassten, denn das Meer spielte in allen dreien eine Rolle. Alle drei lösen auch ein gewisses sommerliches Gefühl aus, auch wenn die typischen japanischen Hochsommerattribute (Sonnenblumen, Zikaden) nicht groß in Erscheinen treten. Momo e no Tegami ist der erste der drei Filme, die ich euch vorstellen möchte.

Miaura Momo, die Protagonistin* zieht mit ihrer Mutter Ikuko nach Shiojima (jima = Insel), eine fiktionelle Insel in der Seto-Inlandsee zu den Großeltern. Die Begeisterung steht ihr richtig ins Gesicht geschrieben – eine neue Umgebung, lauter fremde Menschen, ein altes Haus. Erst nach einiger Zeit erfahren wir schließlich, dass Momos Vater gestorben ist – und dass sie sich vor seinem Tod mit ihm gestritten hat. Nun hat sie einen Brief von ihm, in dem nur “Liebe Momo” steht und große Schuldgefühle.

Ikuko dagegen scheint bemüht, sich rasch einzuleben und beginnt eine Ausbildung zur Pflegerin. Da die Schule noch nicht begonnen hat, ist Momo oft alleine und muss auf den Telefonanschluss und Pakete warten. Dabei findet sie ein altes Buch mit Abbildungen von Youkai (japanische Fabel/Geisterwesen, die kommen in vielen Anime vor) und beobachtet seitdem immer sonderbarere Geschehnisse, merkwürdige Geräusche und Schatten, die beginnen, sie und Ikuko zu verfolgen. Schließlich nehmen die Youkai Gestalt an – drei als männlich lesbare Figuren, die Momo in allerlei Schwierigkeiten verwickeln. Gleichzeitig versucht Momo langsam Freund_innenschaften vor Ort zu knüpfen, die Insel zu erkunden und herauszufinden, was ihr Vater denn in dem Brief schreiben wollte.

Also ich muss bei dem Film jedes Mal sehr heulen (kein Wunder). Trotzdem sehe ich ihn mir manchmal gerne an. Trotz der fantastischen Figuren geht es auch um die Beziehung zwischen Momo und Ikuko – selten genug in Anime, wo es schon ein Wunder ist, wenn Eltern überhaupt präsent sind (grob geschätzt haben mindestens die Hälfte aller Hauptprotagonist_innen in Anime aus verschiedensten Gründen keine Eltern oder diese sind nicht präsent). Auch dass Ikuko als eigenständige Person dargestellt wird – mit Emotionen, gesundheitlichen Problemen und Beruf – ist selten genug.

Momo ist sehr eigenständig, manchmal etwas schüchtern, aber sehr bestimmt, so in diesem Alter zwischen zehn und dreizehn, zwischen Anhänglichkeit und Ablösung – und der Tod ihres Vaters ist eine schwere Bürde für sie. Durch die Erlebnisse mit den drei Youkai, aber auch mit den Kindern des Ortes beginnt sie, ihren neuen Lebensort mit allen Sinnen zu erkunden und neue Verbindungen zu knüpfen. Und endlich gibt es einmal keine Liebesgeschichte – sondern es geht um das emotionale Verhältnis zwischen Eltern und Kindern.

Farblich ist der Film vom Blau des Meeres und des Himmels, dem Grün der Hügel und dem Grau der alten Häuser bestimmt – es ist wirklich schwer, sich dem sommerlichen Eindruck zu entziehen. Es ist die Gelegenheit, einen anderen Teil von Japan zu sehen (die allermeisten Anime spielen in Tokyo): Auf der fiktionellen Insel sind die Hügel im Terassenbau mit Mandarinenbäumen bepflanzt, es gibt Zitronenyokan und das Meer mit vielen kleinen Inseln.

Der Soundtrack ist angenehm, aber nicht besonders einprägsam. Bei der Animation ist der Computeranteil für meinen Geschmack teilweise etwas zu deutlich zu sehen, vor allem bei den Außenansichten der Häuser oder der Fähre, aber trotzdem ist er nicht störend. Vor allem der emotionale Ausdruck der Charaktere ist sehr sorgsam gestaltet und das ist das Besondere an diesem Film. Durch die eher feinen Linien ergibt sich ein realistischerer Ausdruck für die meisten Charaktere.

Beim nochmaligen Ansehen entpuppt sich für mich auch das Verhalten eben dieser drei Youkai als etwas problematisch, weil grenzverletzend. Möglicherweise lese ich hier aber zu viel hinein und kulturelle Codes nicht richtig. Ich habe in anderen Anime schon viel Schlimmeres gesehen und nehme an, die Intention ist einerseits ein lustiger Effekt und andererseits, Momo aus ihrer Trauerkomfortzone zu bringen. Trotzdem die [CN] oben. (Mehr dazu in der Spoilerpassage.)

Ich mag Momo e no Tegami. Okiura Hiroyuki, der Regisseur, hat sieben Jahre für diesen Film gebraucht. Sein letzter, Jin-Roh (auch den werde ich euch vorstellen), ist Momo e no Tegami fast diametral entgegengesetzt und auch sonst sind die Filme und Serien, an denen er mitgearbeitet hat eher im dystopischen Science Fiction-Bereich anzusiedeln. Aber Momo e no Tegami ist genauso komplex, mit fein gezeichneten Figuren – und das sommerliche Gefühl, die fantastischen Elemente und das Wechseln zwischen ernsten und haarsträubenden Sequenzen umgeben meistervoll eine (mir) nahegehende Geschichte über Tod und Trauer.

SPOILER – ACHTUNG SPOILER

b8fqmBesonders schätze ich an Momo e no Tegami den allerersten Teil, wo noch nicht klar ist, warum Momo eigentlich so wenig begeistert vom Umzug ist. Beim nochmaligen Anschauen gewinnen kleine Details an Bedeutung und die lange Unklarheit verstärkt den emotionalen Aspekt – es ist für mich trotzdem jedes Mal ein Schock, wenn klar wird, dass Momos Vater gestorben ist. Danach geht der Film eigentlich eher konventionell weiter – Konflikte, Notfall, Rettung, Konfliktlösung, Katharsis – aber die Interaktionen zwischen den Figuren machen ihn spannend.

Ein Beispiel dafür ist das Verhältnis zwischen Ikuko und ihren Eltern. Am Anfang ist es so distanziert, dass ich mich fragte, ob es ihre Eltern oder ihre Großeltern sind – oder ob sie überhaupt verwandt sind. Erst spät im Film, als Ikuko einen Asthmaanfall hat, kommt ihre Mutter ihr körperlich nahe, streichelt ihren Rücken, um sie zu beruhigen. Für mich zeigt das, dass Ikuko alle Kraft braucht, um weiterzumachen und eine Berührung wohl ihre ganzen Bemühungen zunichte machen würde.

Viele Elemente erinnern mich stark an Filme von Miyazaki Hayao, darum fühlt sich der Film wohl auch so vertraut für mich an. Es gibt Wildschweine und Kodama wie in Prinzessin Mononoke, am Ende tun sich alle Youkai, die auf der Insel wohnen zusammen, um Momo vor Wind und Regen zu beschützen – irgendwie kommen da starke Erinnerungen an den Katzenbus aus Mein Nachbar Totoro auf. In Mein Nachbar Totoro hat die Mutter eine ungenannte Krankheit (wahrscheinlich Tuberkulose) – Ikuko leidet an Asthma, das lange nicht mehr auftrat, aber durch die Trauer und den Stress wieder akut wird.

Etwas, das ich an Miyazakis Filmen schätze, kommt hier aber nur in verkürzter und abgewandelter Form vor: Fast völlig stille Szenen, ja fast Stillleben, in denen Blumen oder Tiere oder auch nur die Raumeinrichtung im Vordergrund steht. In Momo e no Tegami gibt es zwar solche Szenen, aber sie sind sehr kurz bzw. enthalten sie die sich bewegenden Hauptfiguren oder andere sich schnell bewegende Elemente. Es kommt also keine Ruhe in den Film, der Szenenwechsel ist schnell, wenn auch nicht hektisch.

So wie in Mein Nachbar Totoro, die Totorofiguren (groß, mittel, klein) den Vater und die zwei Mädchen wiederspiegeln, sind die drei Youkaifiguren auch als Spiegelungen von Momos Familie vor dem Tod des Vaters denkbar. Die drei Youkai sind auch als Momos innere Impulse interpretierbar. Das kleinste Wesen folgt ihrer Mutter zur Arbeit, während Momo sich alleingelassen fühlt. Das mittlere Wesen klaut den Handspiegel der Mutter. Und das größte Wesen ist jenes, das die Verbindung zwischen Momo und ihrem Vater herstellt und sich auch am stärksten um sie kümmert.

Weiter oben habe ich ja die problematische Übergriffigkeit der Youkai-Figuren angesprochen. Ich finde allerdings das Spannungsverhältnis Grobheit (fart jokes meh) – Trauer interessant, da dadurch der Film nicht völlig ins Traurige und dadurch Spirituelle oder nach Innen gekehrte tritt. Durch die Interaktion mit den Youkai interagiert Momo auch mit ihrer Umwelt, sie rennt durch den Ort, sie erklimmt Hügel, sie wird ins Wasser gestoßen, alles sehr körperlich, als wollten sie Momo an die diesseitige Welt knüpfen. Der Sprung ins Wasser von der Brücke, den sich Momo lange nicht zutraut, erinnert mich stark an letzten Sommer, in dem ich Wasserkontakt absolut genoss und als sehr erneuernd empfand.

Jedenfalls entdecke ich beim Anschauen jedes Mal etwas Neues … und das macht einen guten Film für mich aus.

The Anime Rainbow: Juuni Kokuki (The Twelve Kingdoms)

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[TW physical, mental, emotional abuse, Suizid, Gewalt, Krieg, Tod, Tote, CN  Sexismus, Ageismus, Feudalismus, ableistische Sprache]

Mit welchem Anime beginne ich? Mit einem alten oder einem neuen? Einem, der mir sehr am Herzen liegt oder eher einem, bei dem ich etwas weniger überschwänglich berichten kann? Soll ich alphabetisch oder thematisch vorgehen? Die Auswahl schien schier unmöglich, aber dann beim Stöbern purzelte ich über Juuni Kokuki, verlässlicher Favorit. Also los.

Juuni Kokuki basiert auf einer Buchserie von Ono Fuyumi, die teilweise auch auf Deutsch übersetzt wurde. Ich habe sie allerdings noch nicht gelesen. Der Anime hat 45 Folgen, die in vier unterschiedlich lange Teile unterteilt sind. Recap-Episoden, also Zusammenfassungen, sind die Episoden 14, 21 und 45.

Youko möchte doch nur ein braves Mädchen sein. Stattdessen fühlt sie sich fremd und eckt überall an. Ihre rötlichen Haare führen zum Konflikt zuhause und in der Schule, dabei sind sie nicht gefärbt (gefärbte Haare sind im Allgemeinen gegen die Schulregeln und sind mit Bereitschaft zu weiteren Regelverstößen, Gewalt und Kriminalität konnotiert). Sie ist Klassensprecherin, aber beliebt ist sie nicht und wirkliche Freund_innen* hat sie auch keine. Nur ihr Freund aus Kindertagen, Asano, steht ihr bei. Der interessiert sich aber eher für Yuka, ebenfalls eine Außenseiterin, die am liebsten Fantasybücher liest.

Eines Tages steht plötzlich ein junger Mann mit langen blonden Haaren vor Youko, mitten im Klassenzimmer. Er geht auf sie zu, kniet nieder und schwört, dass er den Posten vor ihrem Thron nie verlassen wird. Youko akzeptiert unwillig, da sie gewohnt ist auf Druck nachzugeben – dann zersplittern alle Fenster und die Klasse wird verwüstet. Nach der Flucht aufs Dach muss Youko gegen Monster kämpfen und wird schließlich mit Asano und Yuka durch ein Portal in eine andere Welt gebracht.

In dieser komplett fremden Welt müssen sich die drei erst einmal zurechtfinden, dabei werden sie festgenommen, verfolgt, angegriffen, verletzt, voneinander getrennt. Alle drei müssen ihre eigene Reise durchmachen, vor allem Youko. Geplagt von Visionen, auf sich allein gestellt, verliert sie langsam ihr Vertrauen in andere und entdeckt ihre dunklen Seiten. Schließlich entdeckt sie auch ihre innere Stärke – aber wird sie sich auch entscheiden, ihrem Auftrag zu folgen und Königin zu werden? Und wie geht es danach weiter?

Klingt nicht besonders originell? Richtig, die Geschichte von der plötzlichen Reise in ein anderes Land ist alt. Was die Qualität von Juuni Kokuki ausmacht ist die Umsetzung und die Charakterisierung. Hier gibt es kein ultimatives magisches Böse, das bekämpft werden muss, Youkos Auftrag ist, eine gute Königin zu werden. Dabei lässt sich Juuni Kokuki Zeit. Charaktere, die in anderen Anime ohne nähere Erklärungen oder mit einer sehr kurzen Hintergrundgeschichte plötzlich zur Heldin gestoßen wären und ihr nur um die Handlung zu befördern aus unerfindlichen Gründen aus persönlicher Sympathie verbunden wären, bekommen in Juuni Kokuki genug Raum und Zeit für eigene Entwicklungen, mit ausgedehnten Hintergründen und eigenen Fragen und Problemen bekommen.

In den Grenzen der quasi-historischen, feudalen Fantasiewelt der zwölf König_innenreiche gibt es zwar Gött_innen und Magie, die Serie ist allerdings sehr realitätsbezogen und genau das und die spannende Handlung macht sie so faszinierend. Es geht um Landwirtschaft, bürokratische Verwaltung, Bildung (und Bildungsbarrieren), Arbeit, Bewegungsfreiheit, Armut, Flucht, Gesundheit, Not, Krieg, politische Intrigen, Tyrannei, Widerstand. Daher auch die Triggerwarnungen, denn obwohl wenig Blut gezeigt wird und die Serie Gewalt und ihre Folgen nicht zelebriert, werden sie doch gezeigt.

In Juuni Kokuki kommen Königinnen*, Ministerinnen*, hohe Beamtinnen* und sogar ein weiblicher* General vor und ihr Anspruch auf ihre Position und Macht sowie ihre Fähigkeiten werden nicht allgemein angezweifelt. Soldatinnen* gibt es aber zumindest auf den ersten Blick keine und die meisten Charaktere in Machtpositionen. z.B. Provinzgouverneure sind doch von Männern* besetzt. Die weiblichen* Charaktere sind allerdings eigenständige Individuen, auch brutal, gemein, gewalttätig, wütend, schüchtern, störrisch, eitel, verzweifelt, etc. etc. sein, anstatt immer nur “nett”.

Später wird Youkos Geschichte von anderen Geschichten mit männlichen* Hauptfiguren unterbrochen, die aber in die Rahmenhandlung eingebettet sind. Der Fokus liegt nicht auf den charakterlichen Entwicklungen der männlichen* Charaktere, ihr Innenleben wird weniger gezeigt – sie sind hier die “supporting” Charaktere, deren Handlungen und Erzählungen der Entwicklungen der Frauen* dienen. Dabei wird dieser Anime als Seinen – also für Männer* ab 16/18 – definiert. Leider ist die Serie auch sehr heteronormativ, obwohl die Umstände in der Welt der zwölf König_innenreiche eigentlich Raum für alle Geschlechter und Beziehungen offen lassen würden. Gleichzeitig gibt es aber, soweit ich mich erinnere, keinen offenen Hetero- oder Cissexismus.

Was die Gestaltung angeht: Die Animation ist gut und flüssig, das Characterdesign ist für Anime eher naturalistisch (also keine übermäßig langen Arme und Beine, keine besonders großen Augen) und im großen und ganzen haben auch die weiblichen* Charaktere individuelle Gesichter (nein, das ist nicht immer so). Die Farben sind eher gedeckt als leuchtend – visuell spannend ist eher die Welt ansich. Die Musik in der OP-Sequenz finde ich auch cool, ansonsten fällt der Soundtrack nicht besonders auf.

Was ich an Juuni Kokuki mag: Statt ruckzuck durch Magie und Abkürzungen zur glorreichen Königin zu werden, entwickelt sich Youko über die Zeit hinweg und kommt graduell zu ihren eigenen Entscheidungen. So geht es vielen Charakteren, vor allem den weiblichen*. Auch die “bösen” Charaktere haben ihre eigenen Motivationen. Anstatt ein magisches Abenteuer mit humoristischen Einschlägen zu sein (die mag ich auch!), ist die Serie ernst und handfest, dabei spannend und dramatisch. Die Fantasiewelt ist (bis zu einem gewissen Grad) durchdacht und fantastisch ausgestattet – und ich sehe sie mir gerne wieder an.

SPOILER – ACHTUNG SPOILER

b8fqm

Hier also noch ein paar Details und Gedanken zu Juuni Kokuki.

Zur Kosmologie von Juuni Kokuki: In der Welt der zwölf König_innenreiche Gött_innen und eine Hauptgottheit (ich erinnere mich gerade nicht an den Namen), die die Welt und alles in ihr, sowie alle Regeln geschaffen hat. Die König_innen werden durch diese Gottheit bestimmt und durch die “Kirin” – Einhörner, die sich auch in Menschen verwandeln können – ausgesucht (sie “spüren das einfach”). Jedes Reich hat idealerweise eine_n Kirin und eine_n König_in, die sich gegenseitig ergänzen und unterstützen.

Es ist allerdings schwer, die König_innenwürde abzulehnen, denn dann würde die_der Kirin krank werden und sterben und die_der König_in auch. Ein Reich ohne König_in oder mit eine_r_m tyrannischen König_in verwandelt sich noch dazu in eine von Naturkatastrophen geplagte Einöde, in der Monster umherziehen und die Menschen anfallen. Je besser ein König_innenreich regiert wird, desto besser geht es der Bevölkerung – und das ist das Ziel. Eigentlich haftet also die_der König_in mit dem eigenen Leben für das Wohl der Bevölkerung – leider geht das aber nicht per Blitzschlag, sondern zuerst müssen eine Menge Menschen sterben. Andererseits gibt es in einem besonders schlimmen Fall einen Umsturz, der von der allmächtigen Gottheit nicht bestraft wird.

Von daher ist aber die Wahl, vor die Youko gestellt wird – Königin werden oder sterben bzw. die Menschen in ihrem Reich sterben lassen – eine unfaire. Abdanken ist auch eine Option, aber dann würde ihr Reich weiter vor sich hin verwüsten und noch mehr Menschen sterben. Aber mit ihren Zweifeln scheint Youko eine Ausnahme zu sein – die meisten Menschen freuen sich darüber, gewählt zu werden bzw. versuchen sie auch die König_innenwürde mit Tricks zu erreichen (klappt nicht, weil Magie). Andererseits gibt es auch Menschen, die an diesen göttlichen Fügungen zweifeln und sich dagegen stemmen. Dadurch, dass die Serie ein Ende hat, bleiben etliche Fragen ungelöst. Für mich machen diese ungelösten Fragen auch einen Reiz aus.

Ein anderer theoretisch spannender Aspekt ist, wie die Fortpflanzung in der Welt der zwölf König_innenreiche geschieht: Dort wachsen Kinder auf Bäumen, in eiförmigen Kapseln. Auch alle anderen Lebewesen, Tiere und Pflanzen, wachsen in solchen Kapseln auf Bäumen. Ich frage mich ja, wie das mit Mikroben, Bakterien, Insekten usw. ist, aber da hört dann die Realitätsnähe auf. Jedenfalls muss eine Person, um ein Kind zu bekommen (im Anime ist es eben ein Heteropaar) an den Ast eines Baumes, der Kinder trägt, ein selbstgewebtes Band binden und wenn der Wunsch in Erfüllung geht, wächst an der Stelle eine Kapsel. Beim Weben des Bandes denkt die Person/das Paar fest an das Kind das sie sich wünsch_t_en.

Also ist Sex rein fakultativ, es braucht keine Verhütung und alle Menschen, die sich das wünschen könnten ein Kind bekommen. Theoretisch. Sex wird fast gänzlich ausgespart, eher wird noch Verliebtheit gezeigt oder angedeutet, aber auch die steht absolut nicht im Vordergrund. Offen lesbische, schwule, bisexuelle, queere oder Trans*personen und ihr Leben werden nicht gezeigt, leider. Das hat wohl mit der cisheteronormativen Gesellschaft und dem angenommenen Zielpublikum – eben Cisheteromänner – zu tun.

Das klingt jetzt vielleicht nicht so positiv. Aber ich mag Juuni Kokuki, denn es gibt so eine große Bandbreite an Rollen. Sehr spannend finde ich das Verhältnis zwischen Youko und Yuka. Youko möchte am liebsten wieder nachhause und fühlt sich absolut nicht zur Königin berufen. Es ist eigentlich die Wahl “Tod oder Leben” bzw. auch das Bestärken und Zureden der Personen, mit denen sie in Juuni Kokuki Freund_innenschaft bzw. Bekanntschaft schließt, die sie schließlich dazu bringen, Königin zu werden. Yuka hingegen, die ja gerne Fantasybücher liest, ist anfangs überglücklich in einer anderen Welt zu sein, da sie sich das immer gewünscht hat. Für sie ist es ihre Heldinnengeschichte, die sich aber nicht so entwickelt, wie sie sich das vorgestellt hat.

Nach ihrer Krönung hat Youko Probleme mit ihren Beamt_innen, die sie wegen ihrer Jugend und ihrer Herkunft aus Japan nicht für voll nehmen. Sie taucht unter und besucht in einem Dorf die Schule bei einem berühmten Lehrer (aber das weiß sie vorher nicht). Die Provinz, in der das Dorf ist, wird von einem brutalen, ausbeuterischen Gouverneur regiert den Youko selbst eingesetzt hat, aus Unwissenheit und weil sie ihre alten Gewohnheiten eben nicht ruckzuck ablegen kann. Als Youko das bemerkt, schließt sie sich der Widerstandsbewegung an und trifft dort auf Suzu und Shoukei, zwei Mädchen*, die im gleichen Alter wie Youko sind (mehr oder weniger). Diese sind aus ganz anderen König_innenreichen aufgebrochen, mit unterschiedlichen Motivationen, um Youko zu treffen. Auch sie machen auf ihren Reisen Entwicklungen durch – und werden am Ende Youkos Freundinnen* und Unterstützerinnen* an ihrem Hof, was cool ist, denn der ist eben etwas zu männerdominiert. Also geht es auch um das Knüpfen neuer Netzwerke.

Weiter oben habe ich ja schon angemerkt, dass sich die Kirin in Menschen verwandeln können. Es gibt noch mehr solche Personen, Hankyou genannt, die zum Teil Diskriminierungen erleben, nicht zur Schule und Universität gehen dürfen, offiziell nicht arbeiten dürfen. Das wird in jedem Reich unterschiedlich gehandhabt. Youkos schließt Freund_innenschaft mit Rakushun, einem Hankyou, der in seiner Tierform aussieht wie ein Riesensiebenschläfer.

Ebenfalls in manchen König_innenreichen von Diskriminierungen betroffen sind Menschen, die aus Japan (und eventuell auch China, aber die treten nie in Erscheinung) durch Portale in die Welt der zwölf König_innenreiche kommen. Da die Sprache der König_innenreiche eine andere ist, müssen sie diese erst erlernen, was nicht immer gelingt. Youko, Yuka und Asano treffen zu verschiedenen Zeiten (und nicht alle gemeinsam) auf Menschen aus verschiedenen Zeitperioden. Suzu, die Youkos Freundin wird, stammt aus dem Japan des frühen 20. Jahrhunderts – sie wird von ihren Eltern verkauft und auf dem Weg in die Stadt durch ein Portal gerissen. Ein Soldat aus dem 2. Weltkrieg ist auch in einem der König_innenreiche gelandet und hat noch nicht von der japanischen Niederlage gehört.

Besonders spannend finde ich die dritte japanische Person, auf die Youko und Yuka zu unterschiedlichen Zeiten treffen, ein nunmehriger Lehrer, der bei den Studierendenunruhen der späten 1960er unter einer Barrikade durchkrabbelte und dabei in der anderen Welt landete. Die Studierendenunruhen werden selten, aber doch in Anime erwähnt, auf verschiedene Art und Weise, aber worum es eigentlich ging und was damals geschah, wird nie explizit erklärt. Ich frage mich, was ihr Vorkommen bedeutet (manchmal positiv, manchmal negativ – kann das reine Erwähntwerden aber neutral sein?) und was es über die Autor_innen aussagt, die sie erwähnen.

Ich habe noch viele andere Gedanken zu dieser Serie, aber ich hör jetzt auf, weil schon wieder so lang! (Vielleicht dann in den Kommentaren.)

The Anime Rainbow: Regeln & Ressourcen

Nun möchte ich ein paar Regeln zum Aufbau meiner Rezensionen und allgemein aufstellen, wichtige Websites verlinken und ein paar Begriffe erklären.

My Rezensionen, my rules

1. Am Anfang jeder Rezension werde ich meinen Disclaimer-Post und diesen Post verlinken.

2. Gleich danach werde ich die Triggerwarnungen und ev. Content Notes einbauen. Da Triggerwarnungen aber auch Spoiler enthalten, werde ich sie so gestalten, dass ich [TW] schreibe und dann die Trigger dahinter in weißer Schrift, so dass ihr mit dem Mauspfeil drüber fahren und sie lesen könnt. Also so: [TW hier stehen dann die Triggerwarnungen, CN hier stehen dann die Content Notes].

Ich werde mit Sicherheit bei den Triggerwarnungen Fehler machen, Triggersituationen nicht erkennen, mich nicht daran erinnern, da ich nicht alle Anime nochmal anschauen kann. Ich bitte euch im Vornhinein um Verzeihung und nehme gerne Ergänzungen an.

3. Für jeden Anime gilt [CN ableistische Sprache]. Es gibt auch im Japanischen Bestrebungen, rassistische, sexistische, ableistische und klassistische Worte nicht mehr zu benutzen, was als “political correctness” oder “kotobagari” diffamiert wird. Dazu siehe diesen nicht sehr guten tvtropes-Artikel [CN ableistische Sprache], der gleichlautend mit dem Wikipediaartikel ist. Ich hab auch ein Buch gefunden, das näher auf “kotobagari” eingeht, nämlich “Linguistic Stereotyping and Minority Groups in Japan” von Nanette Gottlieb [CN N-Wort] aber muss es erst lesen. Wie das mit den diffizileren ableistischen Beleidigungen ist, weiß ich leider nicht.

Mit meiner [CN ableistische Sprache] meine ich aber die Untertitel, die Worte, die im Japanischen ableistisch sein könnten (ich weiß aber eben nicht, ob sie es auch sind) in definitiv ableistische Beleidigungen im Englischen übersetzen. Da ich nie Anime mit deutschen Untertiteln sehe, kann ich euch da nichts dazu sagen, aber ich vermute es ist ähnlich.

4. Spoiler. Ich werde eine Rezension immer mit einem spoilerfreien Teil beginnen, dann ein großes “HERE BE SPOILERS” darunter setzen und danach mit Spoilern weiterschreiben. Wenn ihr also die Spoiler nicht lesen wollt, hört dann auf und kommt später wieder.

5. Anime sind Produkte einer patriarchalen, hetero- und cissexistischen, ableistischen, klassistischen, rassistischen Gesellschaft (und noch ein paar andere ismen, aber für das befragt Japaner_innen* und/oder Japanolog_innen*). Sie sind nicht die heiß ersehnte Lösung für -ismen-freien Medienkonsum, sondern haben ihre eigenen Probleme. Meine Rezensionen sind Empfehlungen, kein Pflichtprogramm.

6. Für die Kommentare gilt, was allgemein für dieses Blog gilt: Kommentare werden moderiert, Hatespeech, persönliche Beleidigungen, Herrklärungen und Manpfehlungen werden gelöscht, außer ich möchte daran ein Exempel statuieren.

Die für mich wichtigsten Websites sind:

AniDB.net – Datenbank mit Angaben zu Anime. Name, “airing date” (wann der Anime zuerst gezeigt wurde), Kategorien, Schlagworte, kurze und lange Kritiken, Foren und vieles mehr sind hier an einem Ort versammelt. Um die Seite für reine Recherche zu benutzen, müsst ihr euch nicht anmelden.

Sehr praktisch an dieser Seite: Wenn ihr nicht wisst, was eine Kategorie bzw. ein Schlagwort bedeutet, fahrt mit dem Mauspfeil drüber und es wird eine Beschreibung angezeigt. Wenn euch eine Kategorie bzw. ein in den Schlagworten (tags) enthaltenes Gebiet besonders interessiert (in meinem Fall z.B. Geschichte), könnt ihr darauf klicken und erhaltet eine ganze Liste von damit getaggten Anime. Der wichtigste Filter ist “No synonyms”, da ihr sonst alle Titeleinträge in verschiedenen Sprachen zu einem Anime seht, was die Liste sehr verlängert. Der andere wichtige Filter ist “over 18” – je nachdem ob ihr bewusst Pornos vermeiden oder suchen wollt.

Ich benutze AniDB vor allem zur Recherche und um neue Anime zu entdecken, eben über die Kategorien und Schlagworte. Um zu verzeichnen, welche Anime ich bereits gesehen habe und welche ich noch sehen will, ist mir das System irgendwie zu komplex und zu unübersichtlich.

MyAnimeList – Hier erfasse ich die Anime, die ich bereits gesehen habe oder noch sehen möchte. Es gibt einige solche Plattformen, ich kann euch aber nicht sagen, welche die beste ist. Suchen könnt ihr wohl auf den meisten ohne Anmeldung, eure Anime bzw. Manga könnt ihr nur mit Anmeldung verzeichnen. Ich mag MyAnimeList wegen dem zurückhaltenden Design und der oft ausführlichen und hilfreichen Kritiken. Zusätzlich können dort auch gelesene/zu lesende Manga verzeichnet werden, nach Personen (Sprecher_innen, Regisseur_innen, etc.) kann gesucht werden, es gibt Foren, Gruppen und vieles mehr.

Auf dem persönlichen Profil können je fünf Lieblingsanime und -manga und zehn Lieblingscharaktere angegeben werden und dort kann gesehen werden, wieviel Lebenszeit schon mit dem Schauen von Anime verbracht wurde – wobei wiederholtes Sehen einer Serie nicht verzeichnet wird. Nein, ich sage euch nicht, wie ich dort heiße. *hust*

Grundbegriffe (nicht alphabetisch).

Solche Listen gibt es sicher 1000x im Internet, ihr könnt auch gerne googlen, ich will hier einfach auch noch meinen Senf dazugeben und ein paar für mich wichtige Dinge festlegen.

Medium:

Anime – animierte/Zeichentrick-Film oder Fernsehserie

Manga – japanischer Comic oder Comic im Manga-Stil.

Zielpublikum. Die meisten Anime richten sich an Jugendliche. Es gibt auch solche für die ganze Familie (heißt de facto für Kinder) und solche für ein älteres Publikum, aber die meisten Mainstreamanime richten sich an Jugendliche zwischen 12 und 16 und das wird deutlich am Alter der Protagonist_innen* und an den gängigen Szenarien sichtbar.

Allerdings lässt sich nicht immer auf den ersten (und manchmal nicht einmal auf den zweiten) Blick sagen, an welches Publikum eine Serie gerichtet ist. Zum Beispiel sind viele Serien mit rein weiblicher* Besetzung an ein männliches* Publikum gerichtet und einige der feministischsten Serien die ich kenne richten sich ebenfalls an ein männliches* Publikum (ja, Cismänner sind auch in Japan die Norm).

Für die Zielgruppen gibt es eigene Bezeichnungen:

Shoujo – bedeutet tatsächlich “Mädchen”. Diese Anime haben Mädchen bis ca. 16 als Zielgruppe, meistens spielen Liebe und Freundschaft eine wichtige Rolle und die Anime sind gerne in Pastellfarben gehalten, mit Glitzer-, Seifenblasen- und Blumeneffekten (hach!), aber nicht ausschließlich. Sailor Moon ist eins von vielen Beispielen.

Shounen – bedeutet “Junge”. Diese Anime sind *nicht* in Pastellfarben gehalten. Meistens geht es um Action, Konflikte, Kampf – Pokemon ist z.B. ein Shounen-Anime.

Josei – die Kategorie für “erwachsene” Frauen*, allerdings sehr elastisch, von 16 bis … hm. Ich habe erst sehr wenige Anime für Frauen über 30 gesehen, für Frauen* über 40 … bisher gar keine.Auch hier geht es stark um Liebe und Beziehungen, denn für alles andere gibt es die nächste Kategorie:

Seinen – die Kategorie für “erwachsene” Männer*, auch elastisch (ab 16/18 aufwärts). Die meisten Anime, die etwas ernstere Themen und Szenarien haben, fallen in diese Kategorie (Androzentrismus ahoi!). Viele Anime, die ich mir ansehe fallen in diese Kategorie. Aber wie bereits gesagt: Vom reinen Label kann nicht 100% auf den Inhalt geschlossen werden.

Mina/Minna – Anime für die ganze Familie, d.h. solche, die auch Kinder ansehen können

Struktur:

Saison – Es gibt vier Saisonen im Animejahr, die jeweils ca. 13 Wochen dauern. Winter (Beginn meist Anfang Januar), Frühling (Beginn meist im April), Sommer (Beginn meist Anfang Juli) und Herbst (Beginn meist Anfang Oktober). Gleichzeitig wende ich Saison auch an, um erste, zweite, etc. Saison eines Anime zu beschreiben.

EP (Episode) – Eine Animeepsiode ist meistens 25 Minuten lang. Es gibt auch Serien, deren Episoden 5 oder 10 Minuten lang sind und einer meiner räzenten Lieblingsanime wird jetzt in einstündigen Episoden nochmal gezeigt.

OP – Von “Opening” – die Introsequenz einer Serie, ziemlich garantiert mit Musik unterlegt. Standardmäßig dauern sie eineinhalb Minuten. Manchmal kommt davor ein kurzer Rückblick, manchmal schon eine erste Szene – manchmal fällt sie weg. Bei den älteren Serien kommt aber meistens erst die OP.

ED – Von “Ending” – der Abspann einer Serie, ebenfalls ziemlich garantiert mit Musik unterlegt. Danach folgt manchmal noch ein kurzer Sketch, eine wichtige Szene oder eine Vorschau auf die nächste Folge, die mehr oder weniger umfangreich sein kann. Fällt auch manchmal weg.

Gute OPs und EDs (musikalisch meine ich) können eine Serie für mich aus dem Pool der Vergesslichkeit retten und gute Serien noch besser machen.

Recap – Episoden, in denen bisherige Ereignisse zusammengefasst werden. Unendlich langweilig.

Filler – Besonders in langen Actionserien beliebt, Episoden in denen nichts geschieht, das die Hauptgeschichte weitertreibt. Oft ein Besuch am Meer.

Japanische Namen – Im Japanischen kommt der Nachname vor dem Vornamen und diese Schreibweise werde ich auch beibehalten. Wann wer wen mit Nachnamen plus verschiedenen Endungen angesprochen wird könnt ihr auf Wikipedia nachlesen.

Weitere Begriffe ergänze ich nach meinem eigenen Gefühl, ich empfehle ansonsten Google.

 

Beyond Sailormoon: Come ride the anime rainbow!

Aaaah, Anime. Sailormoon kennt ihr vielleicht, vielleicht auch Filme aus dem Studio Ghibli. Vielleicht kennt ihr Neon Genesis Evangelion, Ghost in the Shell oder Lady Oscar. Vielleicht kennt ihr noch viel mehr, vielleicht sagt euch der Begriff “Anime” auch überhaupt nichts. Anime sind japanische Animations-, also Zeichentrickfilme oder -fernsehserien. Manchmal basieren sie auf Manga – japanischen Comics, manchmal auf Büchern, manchmal auf Computerspielen. Es gibt viele, viele Anime und jede Saison kommen ca. 15-20 neue dazu. Und da will ich euch ein paar daraus vorstellen.

Disclaimer: Ich kann kein Japanisch. Durch langjähriges Schauen von Anime verstehe ich mittlerweile eine Anzahl von Worten, Regeln und Redewendungen, ich kann auch mit schrecklichem österreichischem Akzent ein paar Worte sagen, aber ich kann keine Sätze bilden, ich kann die Grammatik nicht. Ich kann keine der japanischen Schriften lesen. Ich habe auch nicht Japanologie studiert und war noch nie in Japan. Ich hätte gerne die Zeit für das alles – und vor allem die Zeit für ein gründliches Studium der japanischen Geschichte, aber tja. Später hoffentlich mal. Ich habe auch lange Anime nicht aus der kritischen feministischen Perspektive gesehen, aus der ich sie heute betrachte – und meine Perspektive ist noch dazu weiß, europäisch, bildungsbürgerlich und abled.

Soll heißen: Ich werde Fehler machen. Ich kann nicht alle kulturellen Codes decodieren. alle signifikanten Botschaften und Zitate mitbekommen und schon gar nicht einschätzen, ob hinter etwas politische Aussagen stehen oder nicht, außer sie sind wirklich sehr offensichtlich und selbst dann werde ich meistens nur sehr wenig davon verstehen. Ich kann daher und sowieso nicht garantieren, dass ich alle problematischen Aspekte, alle potentiell triggernden Situationen benennen kann. Dafür bitte ich euch gleich einmal vorneweg um Verzeihung.

Ich will und kann nicht jeden Anime nochmal schauen und tiefgehend analysieren (würde ich schon tun, allein die Zeit & das Geld fehlen), sondern vor allem meine persönliche Meinung zu Anime schreiben, euch erzählen, was ich an einem bestimmten Anime besonders mag oder nicht mag, aufschreiben, was mir aufgefallen ist, Theorien aufstellen – und mit euch darüber plaudern, manchmal länger, manchmal kürzer.

Angefangen mit dem Schauen von Anime habe ich in den frühen 90ern, als mein Bruder und ich bei unseren Nachbarn Fernsehen durften, zuhause hatten wir kein Gerät. Wir wussten damals nicht, was Anime waren und hielten z.B. “Perrine”, “Niklas, ein Junge aus Flandern” oder “Heidi” für französische Serien. Diese Serien befanden wir aber für langweilig und schauten lieber Cartoon Network. Nur an zwei Serien erinnere ich mich, die für mich bedeutend waren: “Sailormoon” (Ausstrahlungsbeginn Mitte der 90er) und noch viel mehr “Lady Oscar” (dazu später so viel mehr). Ein paar Folgen von “Ranma 1/2” sah ich auch, aber das war lange nicht so faszinierend.

Ich sah diese Serien aber nicht regelmäßig. Erst als ich 1998 für ein Jahr in die Schweiz ging und dort in eine WG zog, kam ich dazu, fast täglich Sailormoon zu schauen (und Buffy the Vampire Slayer). Mein Bruder schenkte mir damals den ersten Band des Sailormoonmangas und ich legte mir eine kleine Sammlung der damals erhältlichen Serien, die mir gefielen, an: Ranma 1/2 und Inuyasha (letzteres auf Englisch) von Takahashi Rumiko, Magic Knight Rayearth und Wish von CLAMP (ein Autorinnen*kollektiv), aber auch Dominion – Tank Police von Shirow Masamune, dem Schöpfer von Ghost in the Shell.

In den frühen Nullerjahren sah ich dann “Prinzessin Mononoke”, “Mein Nachbar Totoro”, “Grave of the Fireflies”, “Haibane Renmei” und die erste Version von “Full Metal Alchemist” mit meinem damaligen Freund. “Chihiros Reise ins Zauberland” sah ich dann in Wien im Kino, aber das blieben sporadische Erlebnisse. Schließlich gelangte ich an die restlichen Filme des Studio Ghibli und 2007 empfahl mir mein Bruder weitere Serien, über die ich mich weiter hantelte und meine Animewelt explodierte. Mittlerweile nenne ich meine Animeleidenschaft “The Anime Rainbow” und habe das Gefühl, ich bin etwa im letzten Drittel des für mich Sehenswerten angekommen. Aber wie gesagt, jede Saison kommen neue Serien heraus – und Überraschungen erlebe ich immer wieder. Es gibt also kein wirkliches Ende …

In einem separaten Post erkläre ich ein paar Regeln, z.B. zum Aufbau meiner Rezensionen (Triggerwarnungen, Spoiler und so) und ein paar Grundbegriffe. Ich mache das, damit ich diese zwei Posts dann immer verlinken kann.