#SamaritansRadar ist ein netzfeministisches Problem

[CN Suizid]

Update: Der SamaritansRadar wurde – nach eineinhalb Wochen ununterbrochenem Protest der mental health community, unterstützt von Datenschutzaktivist_innen (bzw. gibt es bei den Gruppen Überschneidungen) endlich abgedreht. Yay. Diese App und die Reaktion der Samaritans hat viele Menschen verunsichert, verletzt, dazu gebracht, ihre Accounts zu schließen oder ganz von Twitter wegzugehen. Die “Entschuldigung” ist kaum eine und die App ist sicher nicht vom Tisch: http://www.samaritans.org/news/samaritans-radar-announcement-friday-7-november (Gut gemacht kann sie ja wirklich hilfreich sein. Mit Einwilligung und opt-in und so.)

Ganz zu Ende ist es noch nicht. Adrian Short fragt, wer für die gesammelten Daten nun verantwortlich ist – die Samaritans sagten, sie seien es nicht, was falsch ist (siehe weiter unten) – und verlangt, dass die Daten gelöscht werden: https://adrianshort.org/samaritans-radar-closed/ Er hofft auch, dass “wir das nicht wieder tun müssen”, aber ich fürchte, doch, denn solche Apps werden nur zunehmen. Die Liste der Twitternamen bzw. Emailadressen der Personen, die die Samaritans kontaktierten, um vom Radar ausgenommen zu werden, sollte auch dringendst gelöscht werden.

Was #SamaritansRadar ist:

tl;dr: https://www.change.org/p/twitter-inc-shut-down-samaritans-radar

https://www.latentexistence.me.uk/samaritans-radar-and-twitters-public-problem/

https://adrianshort.org/samaritans-radar/

http://queercrip.tumblr.com/post/101382367792/a-tool-for-abusers-why-samaritans-radar-is-dangerous

Testbericht: http://queercrip.tumblr.com/post/101960264087/testing-samaritans-radar-false-negatives-and-spam

Samaritans Radar ist ein netzfeministisches, netzpolitisches, netzaktivistisches Problem, besonders für Personen, die auf Twitter bzw. online häufig zu Zielen von Bedrohungen, Belästigungen, Stalking, etc. werden.

Mit dieser App habe ich die Möglichkeit, den psychischen Zustand der Personen, denen ich auf Twitter folge zu überwachen, ohne dass diese das wissen, ohne ihr Einverständnis. Ich bekomme eine Verständigung, wenn sie bestimmte Phrasen oder Worte verwenden. Der Suchalgorithmus kann durch meine aktive Hilfe laufend verbessert werden. (EDIT: Es scheint sich – noch – um eine sehr simple Suche zu handeln: http://queercrip.tumblr.com/post/101960264087/testing-samaritans-radar-false-negatives-and-spam) Die App macht mir Vorschläge, wie ich Menschen, die depressiv oder suizidal sind, helfen kann.

Das heißt, wenn ich Böses im Sinn habe, folge ich einfach mit einem Tarnaccount der Person oder den Personen, die ich stalken möchte oder denen ich schaden möchte und kriege Emailbenachrichtigungen, wann es ihnen besonders schlecht geht. Dann kann ich nachtreten. Arbeitgeber_innen und religiöse Gemeinschaften z.B. freut dieses Wissen sicher auch.

Die einzige Möglichkeit, um Samaritans Radar zu entgehen, ist entweder den @samaritans eine “direct message” auf Twitter zu schicken, was offensichtlich nicht immer klappt, wenn ich ihnen nicht folge – oder ihnen ein Email zu schicken. Dann stehe ich wieder auf einer Liste. Eine Liste, von der ich nicht weiß, wo sie gespeichert wird, wer Zugriff hat, etc., etc., etc. Großartig.

Eine andere Möglichkeit ist, meinen Twitteraccount zu schließen, aber: Im Moment wird getestet, ob Samaritans Radar auch geschlossene Accounts überwacht – die ersten Tests scheinen darauf hinzudeuten. D.h. selbst wenn eine Person, der ich folge, ihren Account geschlossen hat, kann ich sie überwachen! Ohne dass sie es weiß, ohne dass sie eingewilligt hat. Natürlich können mich Personen blocken, wenn sie draufkommen, dass ich sie überwache. Aber es ist auf Twitter sehr leicht, einfach einen neuen Account anzulegen, der Person wieder zu folgen und sie weiter zu überwachen. Ja, selbst wenn die Person einen geschützten Account hat, dann muss ich halt etwas mehr Arbeit in meinen Tarnaccount stecken. Guckt euch mal #yourslipisshowing an – da haben 4chan-Typen über z.T. ein Jahr hinweg Arbeit in Accounts gesteckt, die vorgaben schwarze Aktivistinnen zu sein, um so Feminismus, antirassistische Arbeit, etc. zu diskreditieren.

Jetzt gibt es natürlich jede Menge Menschen, die sagen “Ja, was willst du, Twitter ist halt öffentlich.” Jein. Geschlossene Accounts, die scheinbar auch überwacht werden können – erste Tests haben das ergeben – sind nicht öffentlich. Wenn ich Personen zu einem geschlossenen Account zulasse, heißt das nicht, dass ich zustimme, dass diese Personen ohne mein Wissen und ohne meine Einwilligung meinen psychischen Zustand überwachen.

Als überwachte Person kann ich natürlich auf meine Wortwahl achten, Botschaften als Bilder tweeten, mich selbst zensieren … äh. Erinnert euch das an irgendwas? NSA? GHCQ? Wie nah das “Selbst wenn nur ein Mensch gerettet wird …” am “Selbst wenn nur ein_e Terrorist_in entdeckt wird” bzw. das “Wenn du nicht überwacht werden willst, dann … (halt doch die Klappe, zieh dich zurück, versuch diesen Umweg, verschlüssle, etc. etc. etc.) liegt, ist atemberaubend. Reinste abuser logic. Hallo, ICH WILL NICHT ÜBERWACHT WERDEN!

Hier sind ein paar Blogposts, die das Problem Privatheit/Öffentlichkeit ansprechen:

http://paulbernal.wordpress.com/2014/11/01/samaritans-radar-misunderstanding-privacy-and-publicness/

https://purplepersuasion.wordpress.com/2014/10/30/me-sam-and-his-magical-radar-booth/

https://adrianshort.org/unethical-twitter/

http://publicstrategist.com/2014/11/privacy-in-public/

Weiters, selbst wenn ihr auf dem “Twitter ist öffentlich”-Punkt beharren müsst (fragt euch mal, warum ihr so auf diesem Punkt beharrt, habt ihr schon mal eure Privilegien reflektiert?) – damit die App funktioniert, werden die Tweets gespeichert und wer auf diese Zugriff hat ist auch nicht klar: http://informationrightsandwrongs.com/2014/10/29/samaritans-radar-serious-privacy-concerns-raised/ Wie zynisch da dieses Statement auf der Website der Samaritans klingt: “No records – We don’t pass on what people tell us. Not even the name of someone that calls us. For some, we’re the only place they can turn to without fear of repercussions. For others that might worry about burdening friends or family, we offer a safe place to turn.” http://www.samaritans.org/about-us (Obwohl gesagt werden muss – die Personen, die die Arbeit an den Telefonen leisten haben mit der App nichts zu tun.)

https://adrianshort.org/samaritans-radar-must-close/ : “Samaritans Radar has demonstrated that the Samaritans as an organisation doesn’t have the ethics, the decency, the design skills, the social media skills or even the basic common sense to run a complex and sensitive project such as this.”

Selbst wenn ihr glaubt, dass euch Samaritans Radar nicht betrifft, weil ihr nie auf Englisch tweetet – das ist nur der Anfang. “Gut gemeinte” Überwachung, die den Betroffenen mehr schadet als hilft, wird nur zunehmen: http://www.theguardian.com/voluntary-sector-network/2014/nov/04/samaritans-radar-app-data-privacy?CMP=twt_gu Das ist extrem gefährlich, denn unter dem Deckmantel des “Wir tun doch was Gutes” können die schrecklichsten Dinge legitimiert werden.

Update: Die Samaritans haben nach Tagen der Stille ein neues Statement publiziert, das zum Heulen ist: http://www.samaritans.org/how-we-can-help-you/supporting-someone-online/samaritans-radar-update Besonders zum wütend schreien: “We condemn any behaviour which would constitute bullying or harassment of anyone using social media. If people experience this kind of behaviour as a result of the app or their support for the app, we would encourage them to report this immediately to Twitter, who take this issue very seriously.” – In welcher Parallelwelt leben die, dass sie glauben, Twitter würde Berichte von Bedrohungen, Stalking, etc. ernst nehmen?!

Hier Antworten auf das Statement:

https://adrianshort.org/samaritans-radar-4-nov-statment-response/

http://21stcenturyfix.org.uk/2014/11/an-organisation-wide-cry-for-help-perhaps/

Lieder von der gebutterten Seite des Brotes

Was folgt, ist für Menschen, die die österreichische Twitteria (von mir Twötter genannt) nicht wenigstens am Rande verfolgen ungeheuer kryptisch. Irgendwann werden hoffentlich Historikerinnen* alles entwirren und erklären …

Twötter spielte heute den ersten Akt eines Stücks von Dürrenmatt (oder Karl Kraus, aber den hab ich nie gelesen). Die von mir sehr geschätzten Accounts @LisiMoosmann und @JohannaCzekay sollen “fake” sein (Stockfotos! Pseudonyme! Dings!) – und nach einigen Personen soll hinter beiden oder einem der Accounts die ebenfalls von mir geschätzte @karinkollerwp stecken.

Für mich ergeben sich mehrere Aspekte:

Es scheint unvorstellbar, dass es drei verschiedene, kluge, feministische Frauen gibt, dass diese drei Frauen oft der gleichen Meinung sind und dass sie sich gegenseitig austauschen und unterstützen. Mir ist es egal. Egal, ob die Accounts nun “fake” sind, dass hier Menschen unter Pseudonymen twittern, ob sie in Wirklichkeit älter, jünger sind, anders aussehen, ob sie nicht doch Männer sind, denn kluge Frauen, die unter Pseudonymen twittern, *müssen* eigentlich Männer sein. Ich folge ihnen, weil ich sie klug und spannend finde. Und ich schätze sie, weil sie im Gegensatz zu vielen eine sehr klare Sicht auf Twötter, die österreichische Politik, Wissenschafts- und Medienlandschaft haben.

Falls sie “böse Absichten” hatten (z.B. als Trolle, die sich Fakeaccounts zulegen, um Feministinnen* zu diskreditieren und ihnen zu schaden) – ich persönlich habe solche Verhaltensweisen an ihnen nie beobachtet und sie haben mir auch nie auf nur irgendeine Art und Weise geschadet, nein, sie haben mich immer unterstützt und ermutigt. Sollte tatsächlich nur eine Person hinter allen drei Accounts stecken – eine Meister_innen*leistung. Sollten es drei Personen sein, die jetzt lachend beim Wein zusammenhocken – santé.

Ich hatte immer den Eindruck, Lisi Moosmann, Johanna Czekay und Karin Koller haben kein Eisen im Feuer, d.h. sind in ihrem Broterwerb nicht vom Wohlwollen eben dieser Politik- und Medienlandschaft abhängig. Vielleicht sind Lisi und Johanna es doch und haben deshalb die Anonymität gewählt. Mir egal. Vielleicht haben sie ja sogar Zeitungskolumnen oder Nationalratssitze, Lobbyist_innenposten oder white male privilege – aber ich glaube eher nicht. Jedenfalls gibt ihnen das eine gewisse Freiheit, so frei wie sie als weiße, gesunde, akademisch gebildete, ökonomisch einigermaßen gesicherte, heterosexuelle, cisweiblich Gelesene im Internet sein können.

Twötter fühlt sich schon länger am Ego gekratzt, dass diese Unbekannten das Medien- und Politikgeschehen kommentieren, auf die mangels Chefredaktion, Parteivorstand und/oder bekannter Arbeitsstelle nicht der politische bzw. ökonomische Druck ausgeübt werden kann, der bei namentlich bekannten Personen bereits ausgeübt wurde. Ja, sie kommentieren. Fast täglich. Und zwar ohne den angeblich gebotenen Respekt. Skandal! So kann nicht mit Twötter umgesprungen werden, die zu Twötter gehörenden Personen sind Autoritätspersonen, zu denen besonders Frauen* höflich zu sein haben. So ist’s brav.

Nun ist Twötter böse, dass hier so offen auf seine Verfilzungen, Verflechtungen, Eitelkeiten und problematischen Handlungen bzw. Aussagen aufmerksam gemacht wurde. Und hämisch. Oh, all die Scheinheiligen, die bei Shitstorms gegen andere Frauen so gerne mitmachten oder schwiegen bzw. nachher die Täter_innen und ihre Taten gerne vergaßen oder ihnen großzügig vergaben, sie weiterhin gerne per #ff empfehlen, solange sie nur höflich sind.

Aber Karin, Lisi und Johanna vergaßen die größten Täter_innen nicht und vergaben ihnen auch nicht, sondern legen täglich den Finger auf die Wunde und bohren hinein. Das schmerzt, ich kann es sehen, an der diebischen Freude derer, die nun glauben sie erwischt zu haben. Und da seid ihr noch erstaunt, ja bestürzt, dass sie Pseudonyme verwenden. Es ist halt ein Novum, dass plötzlich zurückgeredet wird, vor zwei, drei Jahren war Twötter anscheinend noch ein illustrer Kreis, der friedlich um sich selbst zirkelte. Dann kamen die bösen (möglichst noch feministischen!) Gfraster und machten alles kaputt.

Nun, Twötter, ich weiß, die Wirtschaft ist beschissen, einige von euch wollen noch Karriere machen, brauchen einen Job oder wollen ihre Anliegen durchsetzen. Ich verstehe das. Die Butter muss aufs Brot und wer das Brot buttert, sagt an. Aber seid euch dessen bewusst. Mir geht es streckenweise nicht anders, aber ich will seit fast 15 Jahren keine Journalistin mehr werden.

Was immer im 2. Akt kommt, Lisi, Karin, Johanna – ich bedanke mich für die bisherige Zeit, eure Solidarität und eure Freundschaft. Falls ihr euch für neue Profile, neue Plattformen entscheidet – ich würde es verstehen und euch arg vermissen. You know where to find me.

Königinmutter

Wieder mal Pensées-style … [#CN Tod, Depression]

1. Vorgestern feierte die Königinmutter sehr verspätet ihren Geburtstag.

2. Viele Menschen, die kamen, habe ich seit Jahren nicht mehr gesehen.

3. Die Zeit vergeht.

4. Irgendwie werde ich mich mit dem Gedanken abfinden müssen, dass alle Menschen sterben werden, auch die, die ich sehr liebe.

5. Hoffentlich nicht bald.

6. Irritierend, dass mich alle danach fragten, was denn mein Bruder so macht, wie es Nibling so geht.

7. Ja, gut, was soll ich sagen. Sie sind nicht hier. Sie leben. Es scheint ihnen gut zu gehen. Nibling ist herzig. So.

8. Gleichzeitig habe ich kein Wort, das beschreibt, was ich gerade arbeite. Marketing? PR?

9. Arbeit und Studium scheint die meisten Leute zufriedenzustellen.

10. Ein paar Mal habe ich auch “feministisch aktiv” gesagt.

11. Später dachte ich daran, dass ich ein Buch schreiben sollte, einfach, damit ich sagen kann, ich schreibe eines. *kopfschüttel*

12. Natürlich habe ich gelogen, dass es mir gut geht. Das Wichtigste, was ich gerade mache, kann ich gar nicht sagen: Ich über_lebe.

13. Einfach so leben scheint nicht zu reichen.

14. Die Königinmutter hat sich Lobreden und/oder Lieder gewünscht.

15. Es haben tatsächlich Leute gesungen. Nach der Melodie von “Ich steh auf der Brücke und spucke in’ Kahn”. Nu ja.

16. Mein Onkel hat eine Rede gehalten. Ich wette, die Königinmutter wird darüber noch mit mir reden. Später erzählte er mir, dass mein Vater bei einer Weihnachtsfeier vor meiner Geburt den Baum nur mit roten Bändern und Kerzen schmückte, einen roten Stern für die Spitze bastelte, durch die Licht schien und es wurde eine Passage von Marx verlesen. Ich muss jetzt noch lachen.

17. Ich wusste, wenn ich singe, heule ich. Außerdem sind Lobreden peinlich und was ich der Königinmutter wirklich sagen will, hat mit dem über_leben zu tun und ich glaube, sie würde sich schrecken.

18. Aber ich wollte auch etwas tun. Also habe ich meine Tweets nach “Königinmutter” durchsucht und welche zusammengestellt.

19. Beim Vorlesen haben meine Hände so gezittert wie zuletzt im Frühling 2013, als ich vor 100 Unbekannten* einen Sessionvorschlag machte.

20. Ich hasse es, wenn meine Hände so zittern und es macht mir Angst, weil ich sie nicht kontrollieren kann.

Da aber die Tweets recht Anklang fanden (Onkel erstaunt: “Das war sehr witzig.”), hier:

Hände hoch, hier ist die Feminismus-Polizei!

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feminist badge level 5

*klopfklopf*

Unschuldige Zivilgesellschaft: “Wer ist da?”

“Die Feminismus-Polizei! Aufmachen! Sofort!”

Unschuldige Zivilgesellschaft: “Aber wir haben doch gar nix getaaaaaaan!”

—————————–

Wieviele Monate ist das Twitkulturdebakel nun her? Am 7. Dezember werden es 2 Monate sein. In Social Media-Zeit ist das ein halbes Jahrhundert oder so. Wieviel Kraft und Nerven @OljaAlvir und mich die Hasskampagne gekostet hat.

Vielleicht die (für mich) absoluten Tiefpunkte nochmal zur Erinnerung: Uns wurden indirekt Nazimethoden vorgeworfen – und es gab keinen Widerspruch. Der Organisator des Events favorisierte einen Tweet in dem ich “faschistischer Abschaum” genannt wurde. Nachlesen könnt ihr das alles hier.

In den zwei Monaten seither habe ich mein Schlafdefizit aufgeholt, meine Nerven sind einigermaßen in ihren Ausgangszustand zurückgekehrt. Olja hatte noch länger mit Angriffen zu kämpfen, ihr wurden Freundschaften aufgekündigt, weil es für die Personen opportuner war, sich auf die nichtfeministische Seite zu stellen, diskutierte sie etwas auf Twitter, waren sofort diejenigen zur Stelle, die ihr die Kritik an der Twitkultur nicht verzeihen konnten.

Ich wurde nicht weiter behelligt, weil ich mich systemkonform brav und ruhig verhielt. Und auch der folgende Seitenhieb gilt nicht mir, sondern Olja. Oder vielleicht doch mir? Nach meinem Post hatte ich immerhin ca. 100 Follower_innen mehr. Ich fand das etwas creepy und es hatte unangenehme Auswirkungen (deutliche Zunahme von Mansplaining). Aber sie ließen sich nicht vertreiben und es wurden immer mehr, oh dear. Kürzlich bekam ich das erste Angebot, für eine Rechtsanwaltskanzlei (wohl gratis) Werbung zu machen. Look parents, I’ve made it on the internetz. *augenverdreh* Die Autorin* des Artikels hat übrigens mehr Follower_innen als Olja und ich zusammen. Aber we “did it all for the Twitter fame” (Zitat aus ironisch gemeintem Tweet von Olja).

Ich dachte, Twitkultur wäre old news. Alte Nachrichten stinken ja bekanntlich wie der Fisch, um den sie gewickelt werden. Aber nein. Es ist Advent, der Jahreswechsel naht, und einige fühlen sich bemüßigt, den Gestank nochmal aufzuwärmen (hoffentlich findet der Artikel keine Nachahmer_innen).

Mich erreicht ein Hinweis auf diesen Artikel und ich dachte mir nichts weiter, weil was hab ich mit irgendeinem der genannten Links zu tun.

Aber dann lese ich den Ursprung der Twitterkonversation, in die ich gezogen wurde, nochmal nach.

“Kinder, die auf Twitter schlimm waren”. Häh? Ich klicke auf den obersten Link in der Kompilation und finde endlich heraus, woher der Wind weht. Na Mahlzeit.

Falls ihr nicht auf den Link klicken wollt, hier die Zitate, auf die ich mich beziehe:

“Es gibt unterschiedliche Gründe, das Twitter-Service zu nutzen. Shameless Self Promotion ist einiger der häufigsten davon. Das ist nicht verwerflich, man sollte dabei aber einige Grundregeln der guten Twitter-Etikette beachten.”

Neben anderen Punkten steht unter der Überschrift “Die Sittenpolizei” dann:

“Frauenanteil auf öffentlichen Veranstaltungen, im TV, auf Literaturveranstaltungen (#twittkultur): wer unbedacht für eine Nicht-Gender-neutralisierte Sache oder Veranstaltung wirbt, läuft Gefahr, ins Visier der Feminismus-Polizei zu geraten. Die Sache an sich, für die hier mit harten Bandagen gekämpft wird, mag eine Gute sein, aber der Zweck heiligt eben doch nicht alle Mittel. Offen gelassen sei hier auch, ob die Absicht hinter diesen Tweets überhaupt der Sache dienen sollte – oder nur der Positionierung einzelner Twitterantinnen.”

Ich glaube, damit sind genug Feminismus-Bullshit-Bingofelder besetzt, um mal laut und herzlich “Bingo!” zu rufen.

Ich hatte es ja völlig verdrängt, zum Glück hat mich diese Aussage in der digitalista-Zusammenfassung daran erinnert: Feminist_innen sind “nur auf Aufmerksamkeit aus”. Shameless self promotion steht dahinter, wenn wir z.B. darum kämpfen, dass Frauen* bei öffentlichen Veranstaltungen, im Fernsehen, bei “Literaturveranstaltungen” (das war #twitkultur nicht ausschließlich) angemessen repräsentiert sind bzw. werden.

So wie bei allen anderen, die etwas in der Welt bewirken wollen, oder? Wie zum Beispiel Kommunikationsagenturen, die würden gerne Aufträge kriegen und Geld verdienen. Oder Journalist_innen. Oder Menschen, die Events veranstalten. Aber Feminist_innen sind eben irgendwie böse oder so, keine Ahnung, es muss echt voll schlimm sein, was die machen, also kann auf ihnen rumgehackt werden.

Dass das dann Aufmerksamkeit, Bonuspunkte und hartes Bargeld für die Feminismuskritiker_innen bringt, ist aber keine shameless self promotion, neeeeinnnn, NIE! Was es ist: Verinnerlichter Sexismus. Und mal wieder auf dem Rücken der Frauen* Geld verdienen. Sauber.

Aber die Kritik ist schon gerechtfertigt, weil wenn’s um Feminismus geht, da kämpfen wir schon mal mit “harten Bandagen”, zum Beispiel indem wir zu erklären versuchen, warum Frauen anders und ev. öfter angesprochen werden müssen, wenn Veranstaltungen “gender-neutralisiert” (höhö, wie LUSTIG) besetzt werden sollen. Warum es wichtig und sogar von Vorteil ist, ein Gleichgewicht herzustellen bzw. über die Genderbinarität hinauszugehen. Dafür werden wir beschimpft, zum Teil sexistisch, schlimme Kinder und Nazis genannt. Im Gegensatz zu unseren harten Bandagen sind das ja Kinkerlitzchen.

Was ein tone argument ist und warum das mit “der Sache” bei der Feminismus-Polizei nur auf Ärger und Augenverdrehen stößt, ist halt noch nicht Kommunikationsagenturen- oder gesellschaftlicher Mainstream, leider. Und wird es auch nie sein, wenn’s nach der patriarchalen Gesellschaftsordnung geht. Die Ironie, dass es “der Sache” des Feminismus mehr schadet, wenn der Feminismus mal wieder als kindisch, aufmerksamkeitsheischend, überzogen, unverhältnismäßig, gefährlich, mächtig, ja sogar als staatliche Institution stereotypisiert wird, lassen wir hier elegant beiseite.

Oder nicht. Was soll mit “Sittenpolizei” gemeint sein? Etwa … “political correctness”? Eigentlich ist die Sittenpolizei für den Erhalt der guten Sitten, so die Grundzüge, was damit gemeint ist, vermittelt Wikipedia. Sehr missverständlich irgendwie (Polizeistunde gibt’s keine auf Twitter). Also präziser: “Feminismus-Polizei”.

Ach lol. Hätten wir doch nur so viel staatlich legitimierte Macht. Wie viel besser diese Welt schon wäre. Wer nicht merkt, dass im Jahr 2013 überall auf der Welt Frauen immer noch darum kämpfen müssen, als vollwertige Menschen mit allen Rechten, die ihnen qua Menschenrechtserklärung und – wo es entsprechende Gesetze gibt – qua Gesetz zustehen, ist entweder innerhalb der patriarchalen Gesellschaftsordnung privilegiert oder hat sich mit ihr gut gestellt und profitiert von ihr. Das tut dieser Artikel.

Ohne Not hätte dieser Paragraph ausgelassen oder – gute Güte! – sogar feministisch formuliert werden können. So á la “Wer im Jahr 2013 bei seinen Veranstaltungen noch nicht auf eine diversere Besetzung (ja, es gibt noch mehr Diskriminierungen außer Sexismus, z.B. Rassismus, Ableismus, Klassismus, usw.) achtet, sollte sich nicht über Kritik/Shitstorms wundern, sondern mal seine Privilegien überdenken.”

Aber so halb ist ja auch dieser Artikel wieder “lustig” gemeint, gell? Deshalb setzen sich alle, die es immer noch nicht begriffen haben jetzt nochmal hin (speziell die Kommunikationsmanager_innen, da lernt ihr noch was für den nächsten Shitstorm) und schreibt das hundertmal ab:
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Quelle

Und jetzt Hände hoch! Sie sind verhaftet!

Der Seelenluftballon

Eigentlich wollte ich schon lange einen Text darüber schreiben über dieses Gefühl, das ich manchmal habe. Dann kam Communeva und schrieb einen ausgezeichneten Text und ich dachte “Ach, mir geht’s ja in vielem genauso, da will ich nicht hinzufügen und mit meinem ablenken.” Dann kam #isjairre und damit auch die Posts von Hyperbole and a Half (Post 1 und Post 2) und die Zuschreibung “Depression – da fühlst du garnichts, NICHTS” und auch die Anstöße, sich selbst nicht zu pathologisieren (Ich hab noch keine Ahnung *was* ich da drüber denke. Lasst mir da ein bisschen Zeit, mir meine Meinung drüber zu bilden. Ein bisschen was hab ich schon eingeflochten, weil ich es einleuchtend finde.).

Hm. Jetzt sitz ich da und weiß nicht mehr, was es da ist, was ich habe, außer viele, vermischte Gefühle, die manchmal etwas miteinander zu tun haben, manchmal nicht, und die alle auf strukturelle Probleme zurückgeführt werden können – bis auf eines. Große Ahnungslosigkeit. Sag ich was, ist das falsch wenn ich das sage, was ist daran falsch? Gleichzeitig merken wie sehr ich alles RICHTIG machen will, um nur ja ja ja die Aufmerksamkeit und Zuneigung nicht zu verlieren, die mir entgegengebracht wird, wenn ich was so mache, wie es den Gemögten (ich leih mir jetzt dieses Wort von @theRosenblatts, weil es so schön ist) RICHTIG erscheint. Wo ist mein RICHTIG?

Vor lauter “aber das muss ich auch noch bedenken” zerzupft es mich in tausend Richtungen bis ich gar nicht mehr weiß, was ich eigentlich denke. Mein kühles Analyse-ich hat mich grad ein wenig im Stich gelassen. Manchmal mag ich mein kühles Analyse-ich auch nicht. Der letzte Post, der aus brennender Wut entstand (schon lang nicht mehr so wütend) – war der gut? War die Wut gut? Ich fühl sie noch in mir glimmern – endlich mal ein Gefühl, von dem ich nicht einen Schritt zurücktreten kann und “die andere Seite” betrachten kann. Ich kann das schon, nur will ich nicht.

Aber darum geht’s hier nicht. Hier geht’s auch darum, mich denen an die Seite zu stellen, die mutig genug waren, über ihre Begleiterscheinungen (hey, das Wort mag ich!) zu reden. In meinen #istjairre-Tweets konntet ihr ja lesen, wieviel ich internalisiert habe und mir selber nicht zugestehe, meine Begleiterscheinungen zu zeigen, damit ich die negativen Konsequenzen nicht erleben muss. Ist das klug, hier alles aufzuschreiben, wo mein Klarname im Impressum steht, klug zu twittern, wenn mein Klarname beim Namen steht? Manchmal wird mir schon mulmig. Manchmal überlege ich mir schon einen protected Account, ein neues Blog, den Namen zu ändern. Schon wieder zerrissen. Ist es zu spät? Was will ich eigentlich erreichen mit meinem Twittern und Schreiben? Wenn ich das wüsste … (abseits von Aufmerksamkeit & Anerkennung natürlich oder natch, wie die US-Amerikaner*innen gerne sagen & ich auch).

Anyway.

Ich habe eine Begleiterscheinung.

Schon lange. Wie bereits irgendwo dargelegt, zeigte sie sich zum ersten Mal, als die bestehende, patriarchalische Gesellschaftsordnung im Gymnasium endgültig gegen mich prallte und ich Mobbing ausgesetzt war. (Ich wollte schon “schwerstes” schreiben & rief mir dann in Erinnerung, dass ich es verglichen mit vielen anderen “leicht” hatte … *seufz*). Manchmal, wenn ich lese, welche Symptome depressive Kinder und Jugendliche zeigen, muss ich heulen, weil sie niemand bei mir erkannte. Weil niemand auf mich hörte. Weil keine Informationen ausgetauscht wurden, die vielleicht ein komplettes Bild von mir ergeben hätten, bei dem dann erkannt worden wäre, dass etwas los ist mit mir.

Egal. Ich habe überlebt. Mit neuen Begleiterscheinungen.

Das nächste wirklich schwere Mal war, als die mir von der Gesellschaft auferlegten und unreflektiert angenommenen Lebenspläne nicht so funktionierten, wie ich wollte. Ihr könnt es auch Liebeskummer nennen. Ich hatte auch schon vorher Liebeskummer, aber diesmal hatte alles endlich nach Plan gehen sollen. Wenigstens habe ich mich damals begonnen, von Plänen im allgemeinen zu verabschieden. Trotzdem wirken einige dieser Pläne nach, auch nach viel Reflektion und intellektuellem Anerkennen von verschiedenen Aspekten und allem. Ich schreibe keinem Menschen vor, Kinder haben zu müssen, aber ich wollte immer welche und mittlerweile hoffentlich aus den “richtigen” Gründen.

Dass das in meiner aktuellen Situation nicht geht und vielleicht nie gehen wird ist eine Begleiterscheinung. Manchmal tritt sie stärker in den Vordergrund, manchmal nicht. Ähnlich mit dem nicht in einer Partnerschaft sein. Aber das sind (nur?) Begleiterscheinungen der Begleiterscheinung, so wie mein Gewicht, mein Aussehen, mein Älterwerden immer wieder Begleiterscheinungen der ersten Begleiterscheinung sind (zur Erinnerung: Das Prallen der patriarchalischen Gesellschaftsordnung gegen mich).

All das wurde schließlich von dem Ereignis in den Schatten gestellt, das seither die meisten Gefühle auslöst: Der Tod meines Vaters. Seither sind die Begleiterscheinungen stärker, schlimmer, absoluter. Alles was mich an seinen Tod erinnert oder daraus resultiert(e) ist für mich extrem schwierig geworden. Am Einfachsten für mich ist es, mich nicht daran zu erinnern, dass es ihn je gegeben hat. Werde ich daran erinnert, werde ich traurig und beginne zu weinen. So ist das. Es hört auch nicht auf, so gerne ich möchte, dass es aufhört. Ich würde sehr gerne ein unverkrampftes Verhältnis zum Tod meines Vaters haben, aber tatsächlich geht das gerade nicht.

“Wir müssen alle einmal sterben.” Ja. Kann ich das gleich jetzt tun, damit es vorbei ist? Wenn sich mein Geist so weit von meinem Körper entfernt, dass ich sterben will (was ich euch hiermit zum ersten Mal überhaupt kundgetan habe), sehe ich vor mir meine Seele als einen großen weißen manchmal warm leuchtenden Ballon an einem Seil. (Vielleicht ist er aus Papier und wird von Feuer in die Luft gehoben. In der buddhistischen Tradition werden Papierdrachen als Seelen gesehen, die in den Himmel transportiert werden, aber in die stelle ich mich nicht, zumindest nicht bewusst.) Je weniger ich leben will, desto weiter steigt der Ballon auf, desto länger wird der Faden, desto dünner. Ich weiß, dass ich ihn nicht abreißen lassen darf, wegen euch, wegen meiner Familie, wegen den Menschen, die ich liebe, obwohl ich sie zum Teil gar nicht kenne.

Aber auch wegen mir. Aus purem Egoismus. Es gibt Dinge, die ich noch oder nochmal tun will, auf bestimmte Art und Weise, und die bestimmte Voraussetzungen haben, die ich erfüllen will. Und es ist mir egal, wenn es auch anders geht, ich will das so.

Also schaue ich, wie ich es schaffe, meinen Seelenballon wieder einzuholen. Da gibt es viele Möglichkeiten, die zum Teil herzlich wenig mit den Vorschreibungen zu tun haben, die mir die patriarchale Gesellschaftsordnung machen will, damit ich in ihr wieder funktioniere. Andere haben sehr viel damit zu tun. Ist mein plötzlich entfachter Aktivismus ein Teil davon? Oder ist einer meiner Teile, die so lange versteckt wurden, um den Normen zu entsprechen? Manchmal ist mir das auch egal, obwohl ich natürlich gerne die Option nehme, die das negativste Licht auf mich wirft.

Jedenfalls bin ich bei all dem nicht gefühllos. Da ist keine Leere. Manchmal ist da eine Völle, von der ich gerne hätte, dass sie eine Leere ist, weil ich nicht weiß, wo ich den Stöpsel finde, der aus der Badewanne so viel rauslässt, damit ich entspannt ein Bad nehmen kann, ohne das ganze Badezimmer zu überschwemmen. Oder wie ich die Verstopfung im Abfluss auflöse, damit ich mir die Hände waschen, wärmen oder kühlen kann, um sie nachher wieder abzutrocknen.

Ist das jetzt psychisch oder physisch? Ich habe keine Ahnung. Will ich das so genau wissen? Was ich gerne hätte: dass es nicht so wäre. Aber das spielt es wohl nicht. Der Seelenballon wird sich wieder entfernen, manchmal mehr, manchmal weniger. Ich will nicht immer allem Traurigen ausweichen. Ich will nicht nur “lustige” Bücher, Filme, Comics, Anime, Musik lesen, sehen, hören. Ich will die volle Bandbreite der Gefühle. Ohne dass über mein Mitfühlen, Nachfühlen gelächelt wird bzw. es nicht wahrgenommen wird, ohne dass ich mich selbst darüber ärgere.

Was ich mich seit meiner Schulzeit nicht traue, was ich mich jetzt noch und nicht mehr traue: “Kannst du mir helfen” zu sagen, Hilfe einzufordern. Drum bin ich froh, wenn mir jemand hilft, ohne dass ich fragen muss und wenn ich gerade kann, helfe ich auch, aber jetzt – gerade jetzt im Moment – ist das ein bisschen schwierig. Ich versuche es trotzdem. Manchmal zu viel (Übungsaufgaben: Nein sagen, keine Vorschläge machen).

Dadurch, dass auch ein Film oder ein Comic bewirken können, dass sich mein Seelenballon entfernt, habe ich gelernt, dass es unterschiedliche Merkmale für meine Begleiterscheinungen gibt. Oft bemerke ich sie zu spät. Oft entwickeln sie sich schleichend.

Wo ist der Unterschied, die Grenze zwischen “Meh, warum macht mir nie jemand Frühstück?” und “Ich kann nicht mehr für mich kochen?” Wo ist der Unterschied zwischen “Ich hasse Hausarbeit” und “Hilfe, ich lebe in einem Chaos, dass mich nur noch trauriger macht, weil ich es nicht schaffe, aufzuräumen?” Wo ist der Unterschied zwischen “Ah, ich weiß, dass meine Freund*innen gerade (aus völlig legitimen Gründen) beschäftigt sind, ich ruf mal besser nicht an” und “Ich kann gar nicht mehr anrufen, weil sie selbst mit ihren Begleiterscheinungen kämpfen und würden die denn überhaupt noch abheben, ich glaube die mögen mich nicht mehr”? Wo ist die Grenze zwischen “Ich liebe dieses Lied so, dass ich es dauernd hören kann” und “Ich kann nicht aufstehen, weil ich so traurig bin und dieses Lied versinnbildlicht meine Traurigkeit, spricht für mich aus, was ich nicht sagen kann und lindert dadurch alles ein bisschen.”

Es geht mir immer besser, wenn ich regelmäßig arbeite, mit Menschen, die ich mag und die mich mögen, denen ich mich verbunden fühle. Weil ich dann funktionieren muss. Und dann funktioniere ich auch, ich funktioniere ausgezeichnet, so sehr, dass niemand merkt, was los ist und ich einfach nur ein bisschen faul, chaotisch, langsam, unzuverlässig bin. Darum mag ich auch das Wort “funktionieren” nicht, weder für Beziehungen noch für irgendetwas.

Irgendwann hören die Begleiterscheinungen auch wieder auf, nehmen allmählich oder Knall auf Fall ab. Dieses Jahr hatte ich zwei schwere Phasen, einmal im Frühling, als ich an der Literaturrecherche für das Buch mit Texten meines Vaters beteiligt war. Wie hätte ich abwehren können? Wie hätte ich all die Emails, die aus der Buchproduktion resultierten abwehren können? (Weil Geld. Und Verpflichtung. *seufz*) Diesen Sommer hat mich die Hitze, die ich sonst hasse, gerettet. Hitze und Wasser, obwohl ich zweimal so echt von meinem Vater träumte, dass es mich tief verstörte.

Dann rückte die Buchpräsentation immer näher. Und als sie dann da – und ein wahres Heulfest für die meisten Frauen* – war, kamen noch eine Hasskampagne, zu wenig Schlaf, eine Reise und eine Erkältung dazu. (Ja, klar, ich hätte mich auch einfach aus der Aufarbeitung der Hasskampagne und der weiteren Unterstützung ziehen können. Aber so geht das nicht bei mir. Ich erwarte absolut keine Bewunderung dafür, dass ich es nicht tat. Wehe, ihr “bewundert” mich jetzt noch mehr dafür, dass ich es nicht tat.)

Aber wie ich bereits schrieb, gab’s dann mittendrin einen kleinen Knall. Die Begleiterscheinung ist jetzt nicht sofort vorbei, sie ist im Abklingen. Ich muss “nur” noch die Begleiterscheinungen der Begleiterscheinung aufarbeiten (Chaos, aufgeschobene To Dos). Auch das braucht Kraft. Und dann muss ich schauen, wie ich dieses Jahr Weihnachten und dann das, was danach kommt (darf ich nicht sagen, abgesehen von Geburtstagen und Todestag) überlebe. Vielleicht hilft dieses Jahr das Schreiben.

Irgendwann hätte ich dann gerne wieder so ein Jahr oder mehrere, wie ich es zweimal erlebt habe. Aus denen die schönsten Fotos von mir stammen. In denen ich mich am Wohlsten fühlte. Darum nehme ich jetzt viel auf mich. Darum habe ich das jetzt geschrieben.

Seelenballon wieder mal ein wenig eingeholt. Ganz ist er noch nicht wieder zurück.

The Valley of Love and Delight

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Hä was? Ja … sorry, ich mag grad nicht einen der geplanten großen Blogposts abarbeiten. Dafür brauche ich mehr Zeit und Raum und alles. Also mal was dazwischen.

Heute haben @theRosenblatts auf ihrem Ein Blog von Vielen ein Video gepostet, und ich habe in meine Suppe geheult. Hühnersuppe mit Rotz und Wasser schmeckt recht gut. @theRosenblatts wird jetzt noch mehr zurückzucken (sorryyy), aber mir ist ein Teil dieses Videos vor ein paar Tagen im Kopf herumgeirrt und als ich die Melodie dann hörte, kamen die Tränen.

Nein, nicht Somewhere Over the Rainbow, obwohl auch sehr nett. Simple Gifts, eine Shakerhymne, sore abused but not yet dead (das ist aus einem anderen Lied, Text Maggie Holland, gesungen von June Tabor). Lest mal kurz im Wikipedia-Artikel, in der Originalkomposition steht nix von Lord of the Dance, das hat Sydney Carter dann 1966 dazugeschrieben. Naja, wenn ihr Wikipedia in diesem Punkt vertraut. Ist mir aber eigentlich ziemlich egal, was ihr denkt.

Mir geht es um die Zeilen

And when we find ourselves in the place just right,
‘Twill be in the valley of love and delight.

Wisst ihr, was mir diese Zeilen sagen? “Es ist alles ok. Hey, du bist genau da. Vielleicht nicht da, wo du hinwolltest, aber du bist genauuuu da in diesem Tal der Liebe und Freude. Schau mal. Das ist voll ok hier.” Weil in den letzten Monaten, im ganzen letzten halben Jahr war nix ok. Und in den letzten zwei, drei Wochen war alles noch viel weniger ok. Ich bin noch nicht dazugekommen, mich mit dieser neuen Anna anzufreunden, mich in ihr auszuprobieren, in ihr mal eine Nacht zu schlafen und zu schauen, was das eigentlich mit mir anstellt, dieses “Oh, hey, Menschen lesen mein Blog, lesen meine Tweets, wollen was von mir wissen, zitieren mich, fragen mich Dinge.” Fragen mich, ob ich was schreiben, anschauen, beurteilen, mitbesprechen, planen mag.

Weil HUCH! Ich bin das nicht gewöhnt. Ich hab euch ja schon ein bisschen was erzählt, aber viele Dinge nicht. Ich hab euch nicht erzählt, dass ich ein mutiges Kind war, schreibend, lesend, dichtend, zeichnend, malend, spielend, singend, strickend, planend, Regie führend, frech und konfrontationsbereit. Und dass mir dieses Kind dann gestohlen und kaputtgemacht wurde. Ganz “normaler” Schulalltag, in dem ich einfach nicht so war wie alle anderen reichte da schon.

Mit Abstand sehe ich, dass ich wohl mit meinem damals sehr burschikosen (Kurze Haare! Oft genderneutrale Kleidung!), furchtlosen Auftreten einen Platz in der Machthierarchie der Klasse beanspruchte, den andere einnehmen wollten, die dafür bereit waren, mich zum Schweigen zu bringen, mich auszuschließen, mich aktiv zu quälen. Irgendwann schreibe ich da noch mehr drüber, mir geht’s jetzt nicht um die Einzelheiten. Jedenfalls habe ich alles versucht zu verstecken, damit es überlebt, und bei manchen Dingen ist mir das offensichtlich doch gelungen.

Nachdem ich endlich dieser Schule entronnen war, ging ich freiwillig ein weiteres Jahr in die Schule, in die Schweiz, auf ein italienisches Kunstgymnasium, in einem schönen Teil von Zürich. Dort wurde ich wieder als Mensch wahrgenommen, mein Schreiben, mein Gestalten, mein Zeichnen, mein Aussehen wurde respektiert und als cool bezeichnet. Seit damals habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, die Folgen dieser 8 Jahre des Terrors zu bekämpfen und seitdem ich erkannt habe, was für ein Kind ich war, wieder zu diesem Kind zurückzufinden.

Das dauert aber ein bisschen. Und manchmal erschrecke ich mich selbst ein bisschen dabei mit meinem neuen alten Mut. Und manchmal mache ich komische Sachen, zum Beispiel Katzenohren aufsetzen, wenn ich hunderte fremde Leute treffen werde (weil ich dann verkleidet und nicht “ich” bin). Oder ich schreibe lange Blogposts über Dinge. Oder ich höre oder singe eben für die meisten von euch wahrscheinlich komische Lieder. Das ist mir auch ziemlich egal, ob die für euch komisch sind, es sind ja meine Lieder, nicht eure. Obwohl es eben manchmal doch auch eure sind und dann heule ich halt.

Jedenfalls hat’s jetzt grad einen Knall gegeben und ich sitze jetzt da, wo ich hingehöre und fühle mich ein bisschen besser, wenn auch erschöpft. Ich brauch noch ein bisschen Zeit, mich wieder ganz aufzurappeln und wieder so einzurichten wie ich das alles will, aber ich bin jetzt ein wenig zuversichtlicher.

Noch ein Hörtipp: @matahari_etc hat vor der Nationalratswahl Gustavs Version von “We shall overcome” getweetet, aber mir war mehr nach Joan Baez und da hörte ich sie in der zweiten Strophe “We shall be alright” singen. Ja, heftig geheult. Ich heule manchmal, wenn ihr es nicht seht. Meistens zu oder wegen Musik, weil sie die Tränen leichter raufholt.

Und ein Lesetipp auch noch: Geht/Ging mir in vielem genauso, in anderen Aspekten nicht so, aber lesen solltet ihr den Text von @communeva zu Depressionen unbedingt.

Über die Feigheit und die Angst. Reflektionen über meine digitale Präsenz

Nein, es liegt nicht nur daran, dass meine Mutter mir heute so beiläufig am Telefon erzählte, dass sie mich gegoogelt und meine Tweets gefunden hatte. Es liegt auch nicht nur an den gemischten Gefühlen, die bei mir aufkamen, als ich einen Austausch auf Twitter las zwischen @michelreimon, der einen Monat nur Frauen folgt (u.a. mir) und lamentierte, dass die Frauen fast nichts zum neuesten innenpolitischen Skandal Österreichs sagten, und @smsteinitz, die ihn darauf hinwies, dass eben weniger einflussreiche Frauen auf Twitter sind, weil es weniger einflussreiche Frauen gibt. (Ich habe auch nichts zu diesem Skandal gesagt, sondern darüber nachgedacht, warum ich nichts dazu gesagt habe.) Es liegt auch nicht nur daran, dass ich schon in einem Bewerbungsgespräch und am 2. Tag im neuen Job mit meiner Twitterpräsenz konfrontiert wurde, was mir unheimlich war, und kürzlich mit einer Freundin über Klarnamen geredet hatte.

Es liegt auch an meinen Überlegungen darüber, was ich eigentlich poste, worüber ich schreibe, worüber ich nicht schreibe, was ich von mir zeige und was ich von mir nicht zeige. An meinen Überlegungen, wer ich bin, welche Person aus mir spricht, was sie zu sagen hat und was sie sich nicht traut zu sagen.

Denn warum erlaube ich mir, mich auf Twitter und auf diesem Blog als die „Queen of Shoebox Castle“ zu bezeichnen? Ist das nicht … verrückt? Zeigt das nicht, dass ich wahnsinnig alleine bin? Wahnsinnig. Alleine. Wahnsinnig/alleine? Wenn ich das wüsste. Für mich ist diese Königin eine Kunstperson, eine Rolle, die ich aufsetze, um mein Leben ein bisschen glamouröser zu gestalten. Ich habe mehr Spaß mit ihr. Eigentlich stammt sie aus einer Idee zu einem Kinderbuch (ich habe dauernd Ideen für Kinderbücher). Aber ich hätte sie auch einfach in meiner Privatsphäre lassen können, oder? Nicht darüber reden können, dass ich mein Alltagsleben mit der Vorstellung behübsche, dass ich eine Königin bin. Königin eines sehr kleinen Landes, die in einem Schuhschachtelschloss lebt (mit Balkongarten). Nicht, dass ich das pausenlos tue. Nicht, dass ich jeden Tag von mir als Königin denke (warum eigentlich nicht?). Aber warum qualifiziere ich das jetzt?

Aber ich will das so. Ich will, dass ihr auch meine verrückten, fantasievollen Seiten kennenlernt. Ich will nicht so tun als sei ich 0815. Ich war nie 0815. Und ich habe dafür gebüßt und gelitten. Jetzt will ich mich nicht mehr verstecken und wollte es nie.

Das schreckt doch Arbeitgeber ab. Ich könnte das ja auch in der geschlossenen Anstalt Facebook machen (aber dort haben mich die meisten wirklich einmal persönlich getroffen). Ich könnte ja meinen Klarnamen weglöschen. Dieses Blog zeigt zum Beispiel meinen Klarnamen nicht und es ist auch nicht auf meinem Twitterprofil verlinkt (Korr.: Klarname wird doch gezeigt). Dabei stehen hier erst einmal Kochrezepte und Blumenfotos. Und in meiner Twittertimeline gibt es eine endlose Riege von Blumenfotos und Donaufotos und was weiß ich noch. Superspannend und unverfänglich, oder? Digitales Neobiedermeier in Reinstform.

Dabei ist da noch mehr. Ich will euch noch so viel mehr zeigen, aber ich habe Angst. Ich will euch meine Gedichte und Kinderbücher zeigen. Ich will euch zeigen, dass auch in meinem Kopf feministische und politische Gedanken herumjagen, aber ich habe weder Genderforschung noch Politikwissenschaft studiert (ok, Politikwissenschaft habe ich für zwei Semester studiert, aber das meiste wieder vergessen). Ich habe Geschichte studiert, dieses Studium, das von allem etwas hat und das auf alles angewendet werden kann. Kann. Ich habe es nicht auf alles angewendet. Ich habe mir meine eigenen Rosinen herausgepickt und weiß von ein paar Gebieten ein bisschen. Gut, von WanderhändlerInnen weiß ich sehr viel.

Aber da ist sie, diese Angst. Ich bin ja keine Fachfrau. Was, wenn ich etwas Dummes sage? Was, wenn ich falsch liege? Was, wenn ihr mich nicht mehr mögt?

Denn das ist, was mich daran hindert, alles zu zeigen, auch das Ernste und das Traurige, das Literarische und das noch Verrücktere. Ich habe im Gymnasium gelernt, dass ich „uncool“ bin, dass mich niemand mag, dass ich von Gemeinschaften nicht akzeptiert werde. Ich habe gelernt, erst einmal am Rand zu stehen und zu beobachten, ob mich die Gruppe akzeptiert oder nicht. Ich habe ein seltenes Talent darin, Menschen anzuziehen, aber selbst auf Menschen zugehen fällt mir schwer.

Dabei hat mein Vater, der zu mir meinte, ich sei „nicht ganz dumm“ und dem meine Leistungen nie genug waren, mir nicht ganz die Vorstellung nehmen können, dass ich intelligent bin und etwas zu sagen habe, auch wenn ich „nichts leiste“. Dabei hat mir diese Scheißschulzeit meine Liebe zu den Menschen nicht nehmen können. Wie stolz ich darauf bin, dass ich euch liebe und nicht alles und alle hasse! (Ist das jetzt der Prosecco, den ich gerade trinke, um meine Nerven zu beruhigen und vor dem ich mich schäme, weil mir eingetrichtert wurde, dass ich keinen Alkohol trinken darf, wenn ich ganz alleine bin?) Aber obwohl ich euch so liebe, ist meine erste Annahme immer, dass ihr mich nicht wahrnehmen werdet, mich nicht akzeptieren, nicht mögen und schon gar nicht lieben werdet.

Und besonders nicht, wenn ich feministisch oder politisch werde. Ich will euch nämlich nicht nerven. Ich will euch zum Lachen bringen, denn das ist der einfachste Weg, um Aufmerksamkeit zu erlangen. Dafür trage ich Katzenohren, Clownnasen, alles. Dabei möchte ich euch auch dazu bringen, mir zuzuhören, meine Texte zu lesen, darüber nachzudenken und sie vielleicht spannend oder sogar schön und klug zu finden.

Aber ich habe eben Angst davor. Ein Gebot meiner Kindheit und Jugend war, dass ich mich nie krümmen dürfte, nie bestechlich, nie korrupt sein, nie mit dem Strom schwimmen dürfte. Politisch denken, aber nicht in die Politik gehen dürfte. Feministisch denken und daher nicht femme sein dürfte. Aber damit eckte ich an. Damit war ich anders. Und ich lernte, diese Teile zu verstecken, damit ich nicht in Gefahr kam, euch durch meine Meinungen zu vergraulen. Band meine wilden Haare zusammen, trug Männerkleider, um weniger Angriffsfläche zu bieten.

Und dann später gab es das Gebot, ja nicht über Ernstes und Negatives zu reden, um nicht zu nerven oder traurig zu machen. Diese Gebote befolge ich fast automatisch – höchstens dass ich einmal über die Pinkifizierung von Graphic Novels schreibe. Ich habe Angst, mich aus diesen Fenstern zu lehnen.

Nach dem Abschluss des Gymnasiums ging ich noch ein Jahr freiwillig in die Schule, auf ein Kunstgymnasium in der Schweiz. Fremde Menschen, fremde Stadt, quasi fremdes Land. Doch dort wurde ich freundlich aufgenommen. Dort wurde mir gesagt, mein T-shirt sei cool (ich vergesse es dir nie, N.). Meine Kunst – damals noch tatsächlich Zeichnungen und Skulpturen – wurde für schön befunden. Dort fand ich das Internet und damit plötzlich Menschen, die meinen Körper nicht sahen, nicht sehen konnten, denn damals gab es für mich noch keine Möglichkeit, Bilder zu digitalisieren und allen zu zeigen, wie ich aussah (damit sie erschrecken und mich nicht mehr mögen konnten). Meine Persönlichkeit war es, die überzeugte. Die Möglichkeit mit den Bildern kam aber schnell und jung und schön wie ich war (ich sehe das jetzt auf diesen Bildern), fotografierte ich mich, zeigte ich mich.

In den letzten paar Jahren habe ich damit aufgehört. Oder mein Doppelkinn, meinen Körper möglichst kaschiert. Wenn ich das Kinn recke, das Foto gut zuschneide, könnt ihr gar nicht sehen, wie ich aussehe. Es gibt auch wenige Menschen, die wirklich gute Fotos von mir machen. Fotos, auf denen ich schön aussehe (wie ich finde). Die schönen Fotos zeige ich vielleicht. Die hässlichen Fotos verstecke ich vor euch allen, so gut es geht.

Heute früh, in einem Anfall von Wahnsinn, habe ich ein Foto von mir gemacht. In meinem rosa Kimono, den ich angezogen hatte, um den Prozess des Schreibens glamouröser zu machen. Eine Verkleidung. Ich verkleide mich gerne, denn dann bin ich nicht ich. Mit Katzenohren bin ich mutiger. „The Queen of Shoebox Castle in her writing habit“ – ein unabsichtlicher Scherz über Bilder von Frauen in ihren “riding habits”. Und vor dem Twittern dieses Fotos dachte ich darüber nach, ob ich es wagen könnte. Ob ich wirklich ein Foto von mir im frei zugänglichen Internet posten wollte, in dem ich nicht nur meinen komischen Schreibaufzug (und nein, ich mache das nicht jedes Mal, aber warum qualifiziere ich das jetzt schon wieder?) zeigte, sondern auch, dass ich meinen Spiegelschrank bekritzle, womit ich ihn bekritzle, dass im Hintergrund Bücherregale, Kisten mit Wolle, ein Setzkasten, Handcreme und Plastikfische sind, dass ich eine pinke Blume im Haar und pinke Socken trage.

Diese Angst vor dem uncool sein.

Und doch stützte ich selbstbewusst die Hand in die Taille, um euch die Ärmel des Kimonos zu zeigen. Und doch postete ich das Foto. Weil ich seit 1998 daran arbeite über diesen blöden Schatten, diese blöden Programme, diese Verletzungen und Verkrümmungen zu springen. Weil ich cool aussehe. Weil ich meine Kritzeleien und Plastikfische cool finde. Weil ich nicht verstecken will, wer ich bin. Auch nicht vor meiner Mutter, die dann vielleicht an mir Seiten entdeckt, über die wir nicht reden.

Ab jetzt also: Anna – feministisch, politisch, fantasievoll (denn das ist wohl mein main selling point, liebe ArbeitgeberInnen), mit Klarnamen. Und mit zitternden Händen, weil ich Angst davor habe, diesen Text zu veröffentlichen.

Und dabei immer der selbstironische Teil, der diesen Sturm im Wasserglas mit hochgezogener Augenbraue betrachtet und zynisch zerlegt. Und die Feministin, die den Kampf um die eigene Stimme beobachtet. Und die (eitle?) Historikerin, die sich für wichtig genug betrachtet, dass sie Quellen über ihr Leben zurücklassen will, weil sie hofft, dass auch in 100 Jahren noch Alltagsgeschichte betrieben wird. Und die Person, die nicht gerne lügt. Und die Person, die diesen Text und sich selbst und euch liebevoll betrachtet und heimlich liebt. Und das Kind, das euch gerne alle seine Spielzeuge zeigen will (richtig geschafft hab ich’s ja dann, wenn ich euch angstfrei meine Stofftiere zeigen kann, die ich aus ästhetischen Gründen – ja, wirklich – besitze).

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Portrait of Anna, the Queen of Shoebox Castle in her writing habit, ca. 2013.