Crafting & Feminismus beim Femcamp Wien

Die zweite Session, die ich am Femcamp hielt, ist für mich weitaus schwieriger zu beschreiben, als die erste. Ich habe kaum Links, die ich am Ende patent anhängen kann, wo ihr weiteres nachlesen könnt, nur sehr viele eigene Gedanken, die ich alle mal in Blogposts verpacken wollte … aber die kann ich jetzt nur anreißen.

Es ging und geht um … tja. Da ist schon meine erste Schwierigkeit. Ich habe “Crafting” als Begriff gewählt, um den negativen und gegenderten Assoziationen des Begriffs “Handarbeiten” zu entkommen. Crafting als Wort für das Erschaffen von Dingen mit den Händen ist aber im Englischen – so kommt es mir zumindest vor – genauso negativ und gegendert konnotiert. Do It Yourself (DIY) und Handwerk finde ich nicht immer passend und wird wiederum wenig mit textiler Arbeit konnotiert. Hand_arbeiten also? Und wenn mit den Füßen getöpfert wird? Und was ist mit der gegenderten, negativen Trennung zwischen “Kunst/art” und “Handwerk/arbeit/craft” (wenigstens dazu gibt es schon lange Diskurse)?

Mir persönlich gefällt “craft” als Begriff, in Ermangelung eines besseren. “A master of her craft” schwingt da wohl mit (und witchcraft auch ein bisschen).

Als zweite Frage stellt sich diese: Ist es überhaupt notwendig, die eigene “craft”, das eigene Hobby, die eigene kreative Tätigkeit aus (queer-)feministischer und/oder anderer Perspektive zu betrachten? Kann ich nicht einfach stricken, ohne zu überlegen warum und wieso und welche Hintergründe alles hat? Meine Antwort: Nein, notwendig ist es nicht. Es kann sehr erschöpfend sein, alles permanent auf seine Bedeutungen, Kontexte, Geschichte, Probleme abzuklopfen und ich verstehe das Bedürfnis nach quasi “Ruhebereichen”. Aber – ich und viele andere Menschen finden das sehr spannend, also fanden wir uns in dieser Session zusammen und redeten über verschiedene Aspekte unserer jeweiligen crafts.

Ich selbst gehe vor allem vom Stricken aus. In der Session waren aber auch Menschen, die häkeln, nähen, Möbel bauen und noch vieles anderes. Als erstes stellte ich den Punkt vor, dass ich Stricken – also die Aktivität ansich – nicht für feministisch halte, sondern, dass es für mich darauf ankommt, was daraus gemacht wird bzw. welche Motivation dahintersteckt. Dabei erwähnte ich Stickereien, die ich in der Ausstellung über den 1. Weltkrieg auf der Schallaburg gesehen hatte – kriegsbefürwortende und die Lebensmittelrationierung kritisierende:

wpid-20140426_111603.jpgwpid-20140426_115715.jpgÜber diese Brücke kamen wir zu Strickgraffiti bzw. Yarnbombing und den Strickistinnen, die in Wien bereits mehrere Aktionen veranstalteten, hier gleich ein paar Links zu ihnen und ihren Aktionen:

http://strickistinnen.blogspot.co.at/

http://maedchenmannschaft.net/strickismus-handarbeit-im-oeffentlichen-raum

/http://knitherstory.wordpress.com/19-marz-2011-2/

http://diestandard.at/1297820892316/100-Jahre-Frauentag-Sichtbar-gestrickt?_slide=1

Danach sprachen wir über den großen Themenkomplex “Selber machen”. Kleidung selbst zu machen befreit von Modediktaten und normativen Zuschreibungen. Für genderqueere, nonbinary oder Transpersonen ist oft selber machen der einzige Weg, zu z.B. Bindern oder wirklich passenden Smokings zu kommen. Andererseits halten Zuschreibungen auch in z.B. die Strickwelt Einzug: Strickmuster werden als “für Männer” und “für Frauen” designt und bezeichnet, sind für dicke Menschen anders als solche für dünne Menschen.

Aber wer kann sich eigentlich das Selbermachen leisten? Wo und unter welchen Umständen ist Selbermachen teurer als Kleidungsstücke zu kaufen? Ab wann war das so? Es geht also auch beim craften um Geld und Klasse. Für etliche Hobbies, also z.B. Stricken oder Nähen, wird sehr viel Geld und Zeit benötigt. Schon allein die Materialien, Maschinen und Werkzeuge kosten Geld, besonders wenn diese fair bezahlt und ökologisch einwandfrei sein sollen. Einerseits ist dann ein handgesponnener, mit Pflanzenfarben handgefärbter Strang Biowolle oder ein Stück Stoff aus Biobaumwolle schnell im hochpreisigen Bereich, andererseits wird da sehr viel Arbeit geleistet, die auch angemessen bezahlt werden sollte. Ähnliche Barrieren gibt es auch bei den Strickgruppen – teilnehmen können vor allem die, die Zeit haben, die Kinderbetreuung arrangieren und/oder zahlen können, Geld für Getränke etc. ausgeben können.

Andererseits führte eben der große Strickboom der beginnenden 2000er zu etlichen Gründungen – von Wollgeschäften, Spinnereien, Färbereien, Wolltierfarmen, Onlinemagazinen, eigenen Designfirmen – und Plattformen, die Social Media und Datenbanken vereinen, wie z.B. Ravelry (Stricken, Häkeln) oder Natron & Soda (Nähen). Falls nicht selbst gestrickt werden kann, gibt es Firmen bzw. Plattformen, wo ältere Menschen, meist Frauen*, auf Bestellung Socken, Mützen, etc. stricken. (Auch diese Entwicklung würde ich gerne noch kritischer beleuchten.)

Für mich waren und sind auch die Strick- und anderen Gruppen subversive Elemente, die Vereinsamung bzw. feste Freund_innenkreise durchbrechen, wo nicht nur über das Stricken oder Nähen, sondern auch über Arbeit, Politik, Beziehungen, Gesundheit, Kindererziehung, Bücher, Serien, etc. etc. etc. gesprochen wird und neue Netzwerke geknüpft werden. Dass ich überhaupt weiß, was Menstruationscups sind, verdanke ich dem ersten Strickforum, das ich besuchte. Zusätzlich bin ich der Meinung, dass crafting wohl mehr Frauen* ins Internet und zum Bloggen, digitalen Fotografieren, Besuchen von Foren, Erstellen von Websites, etc. gebracht hat, als jede “Frauen ins Internet”-Initiative.

Aber – diese ganzen Entwicklungen werden kaum untersucht. Ist ja “nur” Nähen, Stricken, was immer. Handarbeit. Frauenarbeit. Es gibt nicht einmal faktenbasierte historische Untersuchungen, wo Stricken denn jetzt wirklich herkam, wie es sich verbreitete, wie es ausgeübt wurde, was für Auswirkungen es hatte und hat, etc. Es gibt punktuelle Forschungen, meist über Orte bzw. Gemeinschaften, die ihre Wirtschaft auf das Stricken ausgerichtet haben, aber wie Stricken bis zu den Shetlandinseln kam … tja.

Von da schlugen wir den Bogen zur Dichotomie Handarbeit – Technik und sprachen darüber, dass Computer bzw. Computerprogramme sehr viel mit der Erfindung und Entwicklung der mechanischen Webstühle zu tun haben. Webmuster und später auch Strickmaschinen wurden mit Lochkarten programmiert. Möbelbauen und Programmieren wird als sehr komplex wahrgenommen und mit Anerkennung belohnt, während Nähen oder Stricken diese Anerkennung selten erleben. Eine Runde von “Aber Nähen ist voll komplex, ich könnte das nie” und “Nein, Stricken ist urschwierig” folgte – sowie die Feststellung, dass Strickanleitungen sehr wie Code aussehen und Schnittmuster komplexer sind als Möbelbau.

Und dann war die Session auch schon zu Ende. Aber wir vermerkten alle weiteren Redebedarf bzw. die Teilnahme an queer_feministischen Craftingrunden – daher werde ich mich gemeinsam mit anderen Teilnehmenden um die Gründung und monatliche Abhaltung einer solchen Runde kümmern. Ab September gehen wir es an.

Wenn ihr Seiten/Blogs kennt, wo solche Themen besprochen werden, schreibt sie mir bitte in die Comments, ich ergänze dann den Blogpost.

Vom Femcamp zum Fettcamp – Zur fat activism-Session

Yay Femcamp! Will ich dort Sessions halten? Zu welchem Thema? Soll ich lieber ein Thema nehmen, bei dem ich mich toll auskenne oder eines, bei dem ich persönlich betroffen bin und über das ich mit anderen reden möchte? Kann ich auch zwei Sessions abhalten oder nehme ich dann zu viel Raum ein? Fragen über Fragen. Am Ende hielt ich beide Sessions, die erste zu fat activism.

Fat activism ist ein Thema, das mich schon vor meiner aktiven feministischen Phase, vor meiner Anmeldung auf Twitter bewegt hat und da fat activism und fat acceptance immer wichtigere Themen im feministischen Kontext werden, wollte ich auf dem Femcamp gerne darüber reden. Ich hatte mich nicht sonderlich vorbereitet, sondern wollte vor allem mit anderen Menschen sprechen und wissen: Wie kamen die dicken (ich benutze lieber das Wort dick als fett) Menschen am Femcamp zum fat activism, was motiviert sie, was war für sie der Punkt bzw. die Inspiration dazu, sich gegen die negativen Zuschreibungen zu wehren, sich Raum zu nehmen, sich nicht mehr zu entschuldigen und das normative System, das dicke Menschen diskriminiert zu kritisieren und anzugreifen?

Vorher überlegte ich, ob ich die Session nur mit dicken Menschen abhalten wollte – denn wir sind zwar alle von bodyshaming betroffen, aber fatshaming ist ein eigener Aspekt davon. Ich entschied mich dann aber, eine offene Session abzuhalten, mit der Bemerkung, dass diese dickenzentriert sei. Im Nachhinein weiß ich nicht, ob ich die Session nochmals so wiederholen würde – ev. würde ich mich nochmals mit den Teilnehmer_innen* abstimmen, ob das auch wirklich alle wollen, wobei es in einer Gruppensituation bzw. vor Publikum schwierig ist zu sagen “Nein, das möchte ich nicht.” Andererseits kann in 45 Minuten nicht sehr viel besprochen, sondern immer nur angerissen werden – und für manche Menschen war es vielleicht das erste Mal, dass sie von fat activism hörten. Wieder andererseits sind dicke Menschen auch nicht dafür da, Erklärbär_innen* zu spielen … tja, das ist etwas, das wir noch besprechen können/sollten.

Ich sprach jedenfalls von der amerikanischen Journalistin Lesley Kinzel, die mich mit ihren fatshion-Strecken auf xoJane (als xoJane noch einigermaßen ok war) dazu inspirierte, Kleider zu tragen, und später auch von The Fat Nutritionist (ich glaube, ich habe beide schon auf diesem Blog erwähnt), aber auch von der Fatty Fashion Fun Challenge ( der Name fiel mir in der Session nur nicht ein) und davon, dass persönliche Begegnungen, z.B. mit Sassyheng mich bestärkten, mich nach meinem eigenen Geschmack und nicht nach gesellschaftlichen Konventionen zu kleiden.

Es wurde auch darüber gesprochen, wie es für dicke Menschen im Gesundheitssystem ist (nämlich schlimm). Nach der Session war da der dringende Wunsch, dass ein paar der dicken Teilnehmer_innen* noch länger und untereinander sprachen, was wir dann auch taten. Dabei entstanden Anknüpfungspunkte für Bekannt- und Freund_innen*schaften <3 – und die Idee eines Fettcamps, wo wir untereinander noch in viel größerer Breite & Tiefe über fat activism, fat acceptance, etc. sprechen können.

Für mich war es eine tolle Session – ich hoffe, für euch auch.

Weitere Links – keine vollständige Liste, Google ist hilfreich und das Internet ist groß:

Auf der Mädchenmannschaft werden immer wieder Artikel, Interviews, Links zu fat activism, fat acceptance, fatshion gepostet, hier ein paar davon, die mir selbst gut gefielen:
http://maedchenmannschaft.net/ich-bin-es-leid-moeglichst-viel-von-meinem-koerper-zu-verstecken/
http://maedchenmannschaft.net/das-politische-potential-von-fat-fashion/
Artikel über den #Fettcast: http://maedchenmannschaft.net/fettcast-2-fettenfeindliche-sprache-und-politische-selbstbezeichnungen/

Some Girls are Bigger than Others, das Blog von Alex, Modedesignerin*, Mitinitiatorin* der Fatty Fashion Fun Challenge

Reizende Rundungen, das Blog von Katrin, mit viel Mode <3

Informatives über thin privilege, was das ist, wann das gilt, etc: http://thisisthinprivilege.tumblr.com/faq#q1

Großartiger tumblr: http://fatbodypolitics.tumblr.com/

Und last, but not least und ganz wichtig – Shakesville, wo es auch um Feminismus, Antirassismus und vieles mehr geht.

Falls ihr weitere Lieblingslinks habt, könnt ihr sie gerne in den Kommentaren posten, ich ergänze dann.

Ergänzung aus den Comments: