Raus aus der Stadt

Gestern war ich in Garsten, beim Garstener Advent. Garsten liegt in Oberösterreich, bei Steyr und ich bin schon oft mit dem Zug durchgefahren auf dem Weg zur Sommerfrische bei der Königinmutter. Vom Zug gut sichtbar ist das riesige Stift, das seit 1851 ein Gefängnis ist, auch das ist vom Zug aus gut sichtbar. Bei der Einfahrt mit dem Auto wird es nicht weniger gruselig, nicht weil ich Angst vor den Insass_innen hätte, sondern weil Gefängnisse gewaltvolle, furchtbare Orte für Menschen sind. Auch wenn ich euch nun vom schönen Adventmarkt erzähle, mag ich das nicht ausblenden.

Jetzt aber zum schöneren Teil: In Garsten war ich mit einer ortskundigen Freundin unterwegs, die mir erst einmal die hübsche Bibliothek zeigte, denn aufgrund dieser hatten wir uns eigentlich kennengelernt. Ich habe in den Kinderbüchern gestöbert und gleich ein paar für meine nächsten Buchbesprechungen gefunden. Zuerst muss ich sie allerdings noch im System der Wiener Büchereien finden und in Ruhe nochmal anschauen.

Und dann gingen wir los. Zuerst in den Pfarrsaal, wo die handarbeitenden Garstner_innen Tisch um Tisch mit genähten, gestickten, gestrickten, gehäkelten und sonst noch gebastelten Sachen belegt hatten. Besonders beeindruckt war ich von den handgestrickten Trachtenzopfsocken, weil die unglaublich viel Arbeit sind. Später in der Volksschule, in der ebenfalls handgefertigte Dinge ausgestellt wurden, sah ich dann wohl eine der Sockenstrickerinnen am Spinnrad und hätte gerne mit ihr geredet, aber sie saß gleich bei einem Durchgang und war auch gerade in ein Gespräch vertieft.

Vom Pfarrsaal gingen wir dann auf den Markt hinaus, der den Ortskern in Beschlag nimmt und weitgehend frei von Autos ist. Der Fokus des Marktes liegt auf Handwerk und der Region, daher gab es viele Schauschmieden und einen Stand des Nationalparks Eisenwurzen. Vor der einen Schauschmiede gibt es ein Extrabrett für Kinder, damit die über die Brüstung des Standes schauen können. Auch werden traditionellerweise Baumstämme zu Balken zugehauen, aus denen dann Häuser bzw. Dachstühle für Kapellen etc. gemacht werden. Daneben gibt es eine große Vielfalt von Essensständen und die Luft duftet nach Maroni, Braterdäpfeln, Würsteln, Käse, Zuckerwatte, gebrannten Mandeln, Geselchtem, ach.

Auf dem Weg zum Bücherflohmarkt der Bibliothek und zur Volksschule kamen wir an einem Stand mit Alpakawolle und daraus gestrickten und gehäkelten Sachen vorbei, die auch drei Alpakas in einem Gehege hatten, die gestreichelt werden konnten. Sie mäh-määähten eher jämmerlich und taten mir leid. Alpakawolle streicheln ja bitte, Alpakas selber bitte auf der Weide lassen. Möh.

Gleich danach gingen wir durch eine Passage und dort war ein Stand mit Sachen aus Porzellan und Keramik, die mir ins Auge fielen.  Später besuchten wir den Stand noch einmal und ich plauderte mit der Frau, die ihn betrieb. Ich wollte eine Visitenkarte oder die URL ihrer Website, um zu sagen, woher ich die schönen Sachen hatte – hatte sie aber beides nicht. Dafür hat sie einen Brennofen auf dem Balkon, den sie allerdings nur betreiben kann, wenn es draußen warm ist, da die Balkontür für das Starkstromkabel offen bleiben muss.

Ich fand das cool. Gerade kürzlich hatte ich darüber nachgedacht, dass ich zwar viele Ideen für alles Mögliche habe, die ich aber selten und meist erst später ausführe und gleichzeitig Zweifel daran habe, ob die überhaupt so toll werden, wie ich mir das denke und ob die überhaupt Anklang finden und hier war eine Person, die einfach ihr Ding machte, ihre Ideen ausführte und die vor allem eines nicht wollte: Dass es zu ihrer Arbeit wurde. Ich sollte mir sie zum Vorbild nehmen, so wie ich gerade mit meinem Strickzeug hadere, weil ich wieder einmal viel zu viele Sachen für andere Leute geplant habe und mir damit unnötig Druck mache. Ich hätte jedenfalls gerne fast ihren gesamten Stand mitgenommen – auch ihre Schüsseln waren wunderschön, aber ihre feinen Porzellan- und Keramikanhänger und -schmuckstücke gefielen mir am Besten.

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Als nächstes wanderten wir durch die Volksschule. Viele der Aussteller_innen arbeiteten an weiteren Stücken – Keksausstechern, Wanderstäben, Glaskugeln, etc. Besonders gefallen haben mir die Glasmalerin, die Weihnachtskugeln mit Namen und Mustern bemalte und beglitzerte und der Stand der Blaudruckerei Wagner, einer der zwei Blaudruckereien in Österreich. Diese Druckerei ist im Mühlviertel und druckt auch zweifärbig. Die andere ist die Blaudruckerei Koo im Burgenland, über die ich schon einmal geschrieben habe. Aber es gab noch eine Menge anderer erstaunlicher Dinge, kunstvoll bemalte Lebkuchen, gedrechselte Holzschüsseln, Kugeln und Kreisel, “Explosionsboxen” – Papierschachteln, die beim Abnehmen des Deckels auseinanderfielen und ihr Innenleben preisgaben, z.B. ein Backherd mit Keksen im Lebkuchenhaus, gewebte Teppiche, gefilzte Hüte und Kleidung, Reisigbesen …

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Danach gingen wir in die Stiftskirche, die mir sehr bekannt vorkam, irgendwo hatte ich kürzlich eine Kirche mit ähnlichen barocken Verzierungen gesehen, aber mir fällt immer noch nicht ein, wo genau. Jedenfalls hat sie eine sehr schöne Tür und einen Altar, der mit getriebenem Silber verziert ist, umwerfend.

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Auch die Altarsäulen sind fantastisch, mit den kleinen Figuren auf den Ranken. Leider wollte die Smartphonekameras sie nicht so gut aufnehmen.

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Danach wanderten wir dann in die Neue Mittelschule, in der immer die Fotoausstellung des örtlichen Naturfreunde-Fotoclubs stattfindet. Dort waren auch Weihnachtsbäume zu sehen, die von verschiedenen örtlichen Volksschulen und Klassen der neuen Mittelschule geschmückt worden waren. Besonders gefielen mir der Duftbaum, der Wollbaum und der Recyclingbaum.

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Duftbaum der Volksschule Garsten

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“Wir arbeiten mit Filz” – Baum der Volksschule Aschach/Steyr

“Das Christkind liebt Recycling” – Neue Mittelschule Garsten

Schon beim Durchwandern und jetzt beim Schreiben nochmal wurde für mich überall die viele Arbeit sichtbar, die hinter dem Adventmarkt steckt. Wie viele Stunden saßen die Personen, die den Pfarrsaal mit Selbstgemachtem gefüllt hatten? Wer schmückte die Weihnachtsbäume, die in der Volksschule und anderswo standen? Wer machte die Torten für das Goldhaubenkaffee? Wieviele Leute da für Betreuung der Stände und Ausstellungen aus dem Ort organisiert waren – dank meiner Freundin blieben sie nicht irgendwelche Menschen, sondern ihre Verwandten, Kolleg_innen, Freund_innen. Die Musiker_innen, die sich hinsetzten und spielten, die Aussteller_innen, die an ihren Stücken arbeiteten, die Lehrer_innen und Kinder, die die Weihnachtsbäume vorbereiteten. Und dann noch die Menschen in der Vergangenheit – die, die die vielen lustigen und schönen Teile des Altars in der Stiftskirche fertigten, die Tür mit ihren Verzierungen schmiedeten, die Kirche renovierten und die Menschen, die unter den Nazis zum Bau der Staukraftwerke entlang der Enns gezwungen wurden …

Irgendwie finde ich, dass der Adventmarkt viele Spannungsfelder sichtbar machte. Die Gratwanderung zwischen Traditionalismus, Konservativismus, Tradition, regionalem Leben, Ortsleben und seine Erhaltung, den Stellenwert und die heutigen Umstände von Handarbeit und Handwerk, die Geschichte und Strukturen, die allem unterliegen und uns alle umgeben – drum war der Garstener Adventmarkt für mich nicht nur einfach “Yay, Weihnachten”-schön, sondern unglaublich spannend.

 

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Design gegen Design

Noch bis zum 12. Juni ist im MAK, dem Österreichischen Museum für angewandte Kunst in Wien, eine große Ausstellung über Josef Frank mit dem Titel “Against Design” – Gegen Design – zu sehen. Obwohl sie in nur einem Raum stattfindet, ist sie so dicht und voll, dass sie fast dreimal besucht werden muss, um wirklich alle Aspekte des Werks von Josef Frank zu entdecken. Das MAK bietet jeden Dienstag zwischen 18 und 22 Uhr freien Eintritt <3 – nehmt aber möglichst kleine Taschen mit, wenn nötig/möglich, die Schließfächer sind rar und die Garderobe kostenpflichtig.

Gleich vorausgeschickt: Das Architekturzentrum Wien öffnet am 14./15. Mai nochmal das Haus Beer von Josef Frank – diesmal auch die oberen Stockwerke.

So, aber jetzt zur Ausstellung. Sie versucht verschiedenste Aspekte von Josef Franks Gesamtwerk unter einen Hut zu bringen – Möbel, Häuser, Stoffe, Stadtplanung, Publikationen –  und mit einer Fülle an Ausstellungsstücken schafft sie es. Sie schafft es auch noch Bezüge anderer Architekt_innen auf Franks Werk auszustellen. So beim Überlegen jetzt frage ich mich, ob hier verschiedene Gruppen von Studierenden an jeweils einem Teil arbeiteten. Anyway.

Der Raum, der für die Ausstellung verwendet wird, ist im 1. Stock des MAK hinten und ein wenig schlecht ausgeschildert. Er befindet sich in einem neugebauten Zubau und ist eine Halle mit hoher Decke, deren Grundriss (ich erinnere mich nicht mehr, ob nur für diese Ausstellung oder prinzipiell) ein nach rechts gedrehtes “U” hat. Beim Reinkommen bietet sich also die Wahl an, nach rechts oder links zu gehen. Rechts steht eine verführerische Ansammlung von Möbeln, dahinter dann Wände mit Fotos von Franks Wohnung in Wien und Möbel aus einer Wohnung die er für eine Familie gestaltet hat – noch nicht in seinem Stil, eher klobig. Aber Franks Möbel, die aufgestellt sind – Hocker, Sessel, Tische, Kommoden, Kabinette, Sekretäre – sind sehr hübsch.

Möbel von Josef Frank im MAK in Wien

Diese Sicht ergibt sich von einem eingebauten offenen Gang, dessen Aufgänge nach Entwürfen Josef Franks gebaut sind und der heutigen Bauordnung nicht mehr entsprechen. Daher ist der Gang nicht rollstuhlgängig und auch nur auf eigene Gefahr zu betreten. Zum Nachdenken darüber regen Plakate an. Das Interessanteste für mich oben auf dem Gang waren Vergleiche zwischen den Sesseltypen Josef Franks und Darwins Untersuchungen von Finkenschnäbeln – an der Form eines Sesselbeins kann bestimmt werden, aus welcher Schaffensperiode von Frank ein Sessel stammt.

Vor allem die Tische hatten es mir angetan – ich fand, sie sahen von oben aus wie Seerosenblätter.

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Josef Frank propagierte ein “natürliches” Design, die Dinge sollten irgendwie organisch wachsen, auch Wohnungseinrichtungen. Später propagierte er dann ein “Accidental Design” – ein zufälliges Design. Aber irgendwie widerspricht sich das für mich – Design ist eben kein Zufall. Und das “historisch Gewachsene” basiert trotzdem auf Entwürfen unbekannter Personen, es ist eben nicht natürlich oder organisch gewachsen, egal ob ein Möbel jetzt quasi aus einem quergelegten Baumstamm besteht. Der Gedanke, dass ein quergelegter Baumstamm ein Möbel sein könnte beinhaltet schon so viele Konzepte und so viel Geschichte, dass Natürlichkeit oder organisches Wachstum ausgeschlossen werden müssen. Die Verwendung von botanischen Elementen zur Gestaltung von Inneneinrichtung_sgegenständen ist ebenfalls nicht natürlich oder organisch gewachsen, aber ich schweife ab.

Jedenfalls fand Josef Frank das moderne Design von Adolf Loos oder den Designer_innen und Architekt_innen des Bauhauses mit seinen einfachen Formen und Kanten nicht so toll.

Zeichnung von Josef Frank, Vergleich Bauhaus- und alltägliches Design

Sehr kichern musste ich über seine Karikatur des Bauhaus-Designs – und ich fragte mich, was denn wohl mein Vater (großer Fan von Loos und Bauhaus) dazu gesagt hätte. Und was er dazu gedacht hatte, dass Loos sexualisierte Gewalt gegen Kinder ausübte – eine Tafel in der Ausstellung wies darauf hin. #CN sexualisierte Gewalt gegen Kinder für die Texte in der ZEIT und Presse.

Josef Frank war auch als Stadtplaner tätig und in der Ausstellung sind Entwürfe für ein New Yorker Stadtviertel zu sehen und seine Vorschläge für die Gestaltung des Wiener Stephansplatzes nach dem 2. Weltkrieg. Mir hat dieser am Besten gefallen: Eine echte Piazza für Wien. Ist es leider nicht geworden.

Entwurf Josef Franks für den Stephansplatz in Wien

In der Ausstellung gibt es eine Vielzahl an Architekturmodellen (alle mit Fotoverbot belegt), die bestehende Häuser und Entwürfe für Fantasiehäuser von Josef Frank darstellen. Wie zu der Zeit Mode haben sie großzügige Balkone, Terassen, Innenhöfe, viel Licht, viel Luft … hach. Was sich nirgendwo findet, sind Informationen zu Franks Frau, Anna Regina Sebenius, einer gebürtigen Schwedin. Nach Schweden emigrieren die beiden 1933, wo Frank schon bekannt ist, da er davor schon Häuser für schwedische Freund_innen geplant und realisiert hat. Auch seine spätere Lebensgefährtin Dagmar Grill, Cousine von Anna Regina, kommt nur deshalb vor, weil er in Briefen an sie 13 Fantasiehäuser geplant hat, von denen kleine Modelle und Aquarelle zu sehen sind.

Mit einem Foto ist wenigstens Estrid Ericson vertreten – Künstlerin, Gründerin und Besitzerin der schwedischen Möbelfirma Svenskt Tenn. Sie hat in der deutschen Wikipedia einen Eintrag von genau 2 Zeilen und keinen in der englischen. Dabei war sie es, die Frank einen fixen Arbeitsplatz bei Svenskt Tenn anbot und sie war nicht einfach nur die Besitzerin der Firma, sondern instrumentelle Partnerin für Frank. In der Ausstellung gibt es nicht einmal eine Biografie von ihr.

Genauso unsichtbar gemacht wurde Estrid Ericons Einfluss auf Frank. Auf einer recht versteckten Tafel ist ein Bild des Schlafzimmers von Carl von Linné zu sehen, der die Wand mit botanischen Zeichnungen tapeziert hatte. Estrid tat es ihm nach und beklebte die ihr Bett kojenartig umgebenden Holzwände ebenso mit botanischen Drucken. Josef Frank beklebte dann Möbel mit solchen Drucken. Daneben ein mit Schlangenleder bezogenes Kabinett.

Möbel von Josef Frank für Svenskt Tenn

Josef Frank hatte auch selbst großes Interesse an Botanik und Biologie und so sind viele der Tapeten, Stoffe und Möbel, die er für Svenskt Tenn entwarf mit Pflanzen, Früchten und Vögeln dekoriert. Eine Auswahl der Stoffe ist im MAK zu sehen – die hätte ich ewig studieren können.

Stoffe von Josef Frank für Svenskt Tenn

Stoffe von Josef Frank für Svenskt Tenn

In der Mitte mein Lieblingsstoff – wie Rosenkohl!

Vorhänge aus Stoffen von Josef Frank für Svenskt Tenn

In der Ecke explodierte es vor Buntheit und innerlich schrie ich “HABEN WOLLEN!” Später sah ich mir dann die Preise auf der Website von Svenskt Tenn an. Also Lottogewinn. Allerdings werden die Stoffe im Siebdruckverfahren hergestellt, mit mehreren Durchgängen für jede Farbe, ich verstehe also, warum sie teuer sind.

Estrid Ericson war auch hier oft Ideengeberin. Der Salon BeLLeArTi in Wien ist für die Ausstellung eine Kooperation mit Svenskt Tenn eingegangen – dort waren weitere Möbel, Stoffe und ein damit ausgestattetes Apartment zu sehen. Gezeigt wurde unter anderem ein Stoff, dessen Motiv Estrid Ericson in Kreta gefunden hatte, ein minoisches Fresko mit blauem Vogel. Josef Frank machte dann daraus ein Stoffmuster.

Im Salon BeLLeArTi konnte ich die Möbel und Stoffe aus der Nähe und mit weniger Menschen sehen. Ein paar Einblicke:

Kissen mit von Josef Frank für Svenskt Tenn entworfenen Stoffen bezogen

Tapeten von Josef Frank für Svenskt Tenn

Tapeten

Stoffe von Josef Frank für Svenskt Tenn

Stoffe (zuoberst ein deutliches Beispiel von cultural appropriation von chinesischen bzw. japanischen Motiven)

Und näher an die Möbel kam ich auch. Dieses hat es mir besonders angetan – Josef Frank hat hier ein gängiges Motiv für – puh, ich assoziiiere alles Mögliche, Zäune, Bettgestelle, Schränke, Fensterrahmen, ja Kleidung bzw. Verzierungen für Lederhosen und Lodenjanker – genommen und ein Kabinett draus gemacht, bei dem es bei mir im Kopf nur “Waow! Wa-ha-uw!” macht.

Kabinett von Josef Frank für Svenskt Tenn

Kabinett von Josef Frank für Svenskt Tenn

Welchen Einfluss Estrid Ericson, Josef Frank und Svenskt Tenn auf schwedisches Design hatten, kann an den Ikea-Kollektionen abgelesen werden. Gerade gibt es so viele Stoffe mit botanischen Zeichnungen bzw. eine der PS-Kommoden verdankt ihr Design eindeutig folgender Kommode (auch wenn die von Frank viel schöner ist):

Kommode von Josef Frank für Svenskt Tenn

Ältere Version einer Kommode von Josef Frank für Svenskt Tenn

Kommode von Josef Frank für Svenskt Tenn

Heute erwerbbare Version der Kommode

Und das war’s. Ich würde nun zu gerne eine Ausstellung über Estrid Ericson sehen …

Edited wg. Wortdopplungen, Formulierungen.

Ach Kunsthaus

Der Twitteraccount @womensart1, neu in meiner Timeline, tweetet spannende Kunst von Frauen und macht mir Lust auf den Besuch von Ausstellungen und Museen. Aber die Retrospektiven über Kunst von Frauen lassen auf sich warten – letztes Jahr wäre z.B. der 30. Todestag von Meret Oppenheim gewesen, aber nachdem es schon zu ihrem 100. Geburtstag im Jahr 2013 ein paar große Retrospektiven gab, braucht es ja nicht nochmal welche, klaro. Oder so. Ich würde ja auch mal gerne eine Ausstellung mit Werken der Frauen sehen, die in London an der Gründung der Royal Academy of Arts beteiligt waren – Mary Moser (kannte ich bis gestern gar nicht) und Angelika Kauffmann. Ach und viele mehr – es gibt so spannende textile Kunst, die von @womensart1 getweetet wird.

Aber bevor ich hier die gesamte Timeline abbilde, schaut selbst nach. Ich will euch stattdessen ein paar Fotos von meinem Besuch im Kunsthaus Zürich zeigen, weil ich da gerade hinmöchte. Als ich dort war, gab es gerade eine Miró-Retrospektive. Seine abstrakten Bilder gefielen mir gut, die Frauenbilder weniger. Diese hier waren meine Lieblingsbilder – eigentlich eine Serie von drei Bildern (warum ich das 3. Bild nicht aufgenommen habe weiß ich nicht mehr), ich weiß auch den Titel nicht mehr, aber googlen hilft: Die Bilder heißen Malerei I, II und III und das fehlende Bild sieht so aus.

Malerei II von Joan Miro - rechts eine blaue Wolke, links zwei schwarze Arme und ein schwarzer Ball

Malerei III von Joan Miro, links eine blaue Wolke, rechts ein schwarzer Arm

Ich mochte daran besonders die blauen Wolken, die blaue Farbe, die Arme, die auch Wimpern sein könnten – und die perfekte Beleuchtung, die auf den Fotos noch sichtbarer wird.

Treppe ins Obergeschoß im Kunsthaus Zürich

Gang und Fenster im Kunsthaus Zürich

Obergeschoß und Oberlichte im Kunsthaus Zürich

Das Kunsthaus Zürich ist selbst ein Kunst_haus, es wurde 1910 eröffnet und der älteste Teil wurde im Jugendstil gebaut, mit einem deutlich nüchternen, geometrischen Schweizer Einschlag. Nächstes Jahr soll ein zweiter Erweiterungsbau fertig sein.

Winterlandschaft Kragero 1931 von Edvard Munch Kunsthaus Zürich

Die spätere Version der Winterlandschaft in Kragero von Edvard Munch aus dem Jahr 1931 war so schön still und blau. Die frühere ist von 1912 und hängt nicht in Zürich.

Vier bemalte Steine von Max Ernst im Kunsthaus Zürich

Vier bemalte Steine von Max Ernst.

Stillleben von Meret Oppenheim im Kunsthaus Zürich

Leider weiß ich den genauen Titel nicht mehr, aber dieses Objekt ist von Meret Oppenheim. Ich erinnerte mich danach intensiv an mein Jahr im Liceo Artistico in Zürich und an den Kunstgeschichteunterricht, in dem wir so spannende Essays schreiben mussten. Für eines durften wir uns zwei Postkarten von Kunstwerken aussuchen und sollten die Bilder dann vergleichen. Eines meiner Bild war ein Stillleben mit Pfirsichen. Irgendwo in der verschollenen Kiste mit den wichtigen Papieren sollte noch eines der Essays sein, jedenfalls das, das ich über “Pick up a Pin-up” von Man Ray geschrieben habe. Es gefiel meiner Lehrerin so gut. Ich war das gar nicht gewohnt. Heute traue ich mich fast nicht, einen Blogpost über einen Besuch in einem Museum zu schreiben – ein Essay über ein Kunstwerk … trotzdem habe ich Lust.

Bergziegen von Franz Marc im Kunsthaus Zürich

Bergziegen von Franz Marc. Mit denen hab ich noch was vor.

Aus Goethe in Italy von Cy Twombly im Kunsthaus Zürich

Aus Goethe in Italy von Cy Twombly im Kunsthaus Zürich

Zwei Bilder aus Cy Twomblys Zyklus “Goethe in Italy”. Ich sah erst die Bilder und fühlte mich von den Farben und Formen angezogen. Mit Cy Twombly hatte ich bis dahin nicht viel am Hut – wahrscheinlich einfach nicht genug von ihm gesehen.

Selbstporträt von Anna Waser im Kunsthaus Zürich

Mit 12 Jahren malte sie dieses Selbstporträt, Anna Waser, die erste namentlich bekannte Malerin der Schweiz. Alle anderen Werke bis auf ein paar Silberstiftzeichnungen, ihre Autobiografie, ihre Briefe sind verschollen. Ihre vielversprechende Karriere musste sie abbrechen, weil sie den Haushalt ihrer Eltern führen musste, nachdem ihre Mutter erkrankt war. 1913 veröffentlichte ihre Nachfahrin Maria Waser ein Buch über sie, das ihr hier online lesen könnt – allerdings in Frakturschrift.

2 Schmetterlinge und 8 Insekten von Magdalena van den Hecken im Kunsthaus Zürich

8 Insekten von Magdalena van den Hecken im Kunsthaus Zürich

Magdalena van den Hecken (Link zum Vrouwenlexikon auf Niederländisch) hat keinen Wikipediaeintrag, kein bekanntes Geburts- und kein bekanntes Sterbedatum und das Kunsthaus hat ihren Namen falsch geschrieben, nämlich van der Hecken. Tätig war sie “um 1635”, ihr Bruder und Vater waren ebenfalls Maler. “Gelegentlich” malte sie, steht in den dürftigen Infos. Bis ich “gelegentlich” mal so Miniaturen von Insekten male, muss ich erst mal ein paar Jahre üben, hallo. Die Miniaturen von “2 Schmetterlingen und 6 Insekten” sowie “8 Insekten” schmückten ein Kuriositätenkabinett.

 

Ich weiß nicht mehr, von welcher_m Künstler_in das ist. Es war eine Kiste, oben offen, mit diesen Öffnungen … wie ein Architekturmodell, ein besonders schönes. Mich faszinierten die Durchblicke und Texturen.

Im Eck dieses Raumes hing ein Bild von Mark Rothko, von dem ich vorher noch nie bewusst ein Bild wahrgenommen habe. Wie ein Blick aus einem Fenster auf ein schwarzes Meer, ein niedriger Horizont mit schwarzen Wolken verhangen. Es war so umwerfend und so schön, wenn auch so düster und traurig, aber es ließ sich einfach nicht fotografieren. Zum Glück haben andere Menschen bessere Kameras: Untitled [White, Blacks, Greys on Maroon]. Am nächsten Tag fuhr ich mit meiner Tante nach Basel zur Fondation Beyeler, wo ich noch eine Reihe anderer Rothkos sah und ja – ich mag Rothko.

Soweit das Kunsthaus. Es gab noch vieeel mehr, es ist ja doch trotz Platzmangel groß und auch verwinkelt und wunderschön zum Anschauen …

 

 

 

Aus der Schatzkammer der Königin Folge 1: esca

Nachdem meine Ohrringe und anderen Schmuckstücke immer wieder Anklang finden, plane ich, sie euch der Reihe nach vorzustellen – und wenn möglich auch wo ich sie erworben habe.

Ich beginne dabei mit meinem Lieblingslabel esca. esca, das ist ein Geschwister-Design-Trio, Phillip, Christina und Christoph, alle drei aus gestalterischen Richtungen kommend – z.B. Produktgestaltung von Keramik (Christina) und Werbegrafik (Christoph). Als Kinder haben sie schon viel gebastelt, seit 2007 Jahren gestalten sie nun Kleidungsstücke, Taschen, Schmuck und andere Accessoires.

Ich weiß nicht mehr wann ich das erste Mal auf ihr Geschäft in der Langen Gasse 19, 1080 Wien, aufmerksam geworden bin, war es schon 2008 oder 2009 oder erst 2010? Mir waren die schönen Ketten im Schaufenster aufgefallen und auch ein gewisser Pulli mit einer Elster, also ging ich hin und kaufte mir meine erste esca-Kette, das Schiff mit dem Anker, ein Design, das ich immer noch genial finde.

Schiffkette

Mein erstes Stück von esca – ich liebe den angehängten Anker, der beim Tragen auf- und wieder abtaucht.

Als ich dann 2011 meine Ohrlöcher stechen ließ, kamen Fischohrringe dazu, oft meine go-to-Ohrringe für wenn ich schwarz trage, ein kleiner weißer Ansteckhase, der lange keinen Platz fand, aber kürzlich hat er sich auf einem schwarzen Pulli heimisch eingerichtet, dann die passende Brosche zu den Fischohrringen, dann die schönste Quallenkette, Ankerohrringe und eine Schiffbrosche. Ach, und wunderhübsche Weihnachtsbaumanhänger. Dazwischen immer wieder Geschenke für Freundinnen, weil es bei esca so schöne Katzenohrringe gibt.

Fischohrringe und die dazupassende Brosche - gehören zu meinen Lieblingsohrringen.

Fischohrringe und die dazupassende Brosche – sie gehören zu meinen Lieblingsohrringen.

Da ich für eine Kolumne Fotos von der aktuellen Kollektion benötigte, fragte ich bei esca an, ob ich die Fotos gleich im Geschäft machen und vielleicht gleich noch ein Interview mit ihnen führen dürfte. Freundlicherweise haben sie zugestimmt und so habe ich mich mit Christina und Christoph unterhalten.

Hasenanstecker, klein, aber ein feines Detail.

Hasenanstecker, klein, aber ein feines Detail.

Anna: Wie lange gibt es euch denn eigentlich schon?

Christoph: Mein Bruder und meine Schwester haben vor ungefähr zehn Jahren mit Webdesign begonnen.

Christina: Den Shop so wie er hier ist, gibt es jetzt seit Dezember 2007, da haben wir eröffnet.

Anna: Das kommt ungefähr hin in meiner Erinnerung. Das heißt, ihr seid drei Geschwister?

Christoph: Genau.

Christina: Mein anderer Bruder ist auch dabei, der ist meistens am Vormittag da, weil er die Kinder vom Kindergarten abholt und betreut. Mit ihm habe ich eigentlich begonnen. Wir haben ursprünglich mit Webdesign angefangen, auch Druckgraphiken und solche Dinge, Folder usw. Dann (zu Christoph) bist du dazugekommen.

Christoph: Genau, da hab ich eigentlich meinen Bruder ersetzt, der Zivildienst machen musste und da haben wir irgendwann einmal festgestellt, dass wir gerne unsere eigenen Grafiken in der Hand halten würden und Probeshirts drucken lassen. Dann haben wir uns relativ schnell die erste Presse gekauft mit Flock- und Flexdruckverfahren und haben unsere eigenen Shirts in Kleinserien hergestellt.

Schiffsbrosche für wenn ich keine Kette tragen will - nur zum Anker bräuchte ich jetzt eigentlich noch farblich passende Ohrringe.

Schiffsbrosche für wenn ich keine Kette tragen will – nur zum Anker bräuchte ich jetzt eigentlich noch farblich passende Ohrringe.

Anna: Habt ihr einen eigenen Lasercutter für den Schmuck?

Christoph: Den lassen wir großteils in Deutschland anfertigen.

Christina: Genau, die Acrylsachen in Deutschland, die Holzdinge und Lasergravur bei den Brettchen und so machen wir in Wien bei der Laserbox, die sind da eigentlich ganz fix

Anna: Das heißt, der Schmuck ist aus Acryl?

Christoph: Genau. Wir verwenden hauptsächlich Acrylglas oder Holz für den Schmuck

Christina: Wobei wir jetzt mit dem Holz weitermachen wollen, damit es auch ein bisschen zu den ganzen fair produzierten und Biobaumwollshirts passt, das ist irgendwie das bessere Material, nicht so farbenfroh, aber es kommt immer darauf an, wie man es gravieren kann und so.

Anna: Ja, Holz erlaubt auch durch die verschiedenen Brennungsstufen mehr Schattierungen, das ist schon ganz cool.

Christina: Das stimmt, es funktioniert auch besser zum Gravieren.

Anna: Ich habe mir auch die Dachsköpfe angesehen, weil ich mir dachte: „Das ist neu.“

Christina: Bei den Dachsköpfen funktioniert das mit dem Acrylglas auch, es schneidet nur nicht ganz so sauber an den Kanten.

Besagter Dachskopf als Kette - im Geschäft fotografiert.

Besagter Dachskopf als Kette – im Geschäft fotografiert.

Anna: Ich wollte euch fragen – die Inspiration für die gegenwärtige Kollektion ist relativ offensichtlich, aber am Anfang habt ihr mit Hirschgeweihen und Schiffen gearbeitet, ich erinnere mich auch an Haie und die Hasen waren schon früh da – was hat euch inspiriert?

Christina: Ganz ursprünglich hatten wir eine Männchenserie, eine comicartige …

Christoph: … dann haben wir kreuz und quer geschossen und haben dann beschlossen, wir machen jetzt eine Linie, die wir durchziehen.

Christina: Wobei, diese Wasserlinie gibt es schon auch, die ist dann meistens saisonal, also, dass wir sie im Sommer dann wieder herauskramen oder adaptieren …

Anna: Ich habe mich sehr über die Qualle gefreut.

Christina: Christoph hat dann drei „Gentlemen of the Sea“ gemacht, einen Heilbutt, eine Seeschwalbe und – was war das dritte?

Christoph: Der Oktopus.

Christina: Oh, der Oktopus. Also, die Meer- und Wassermotive sind halt Sommermotive, beziehungsweise kommt es auch aus der Richtung, dass Christoph sehr gerne fischt, sehr viele Fischer- und Segelfreunde hat …

Christoph: Und Tauchen. Sehr wasseraffin, das Ganze.

Qualle

Wasseraffin bin ich eben auch – hier ist meine wunderhübsche Quallenkette von esca.

Anna: Und wie seid ihr dann auf die Märchen gekommen?

Christoph: Das war eigentlich ein reiner Zufall, ich habe gelesen, dass im nächsten Jahr das Gebrüder-Grimm-Jahr ist, das war 2013 und da habe ich mich hingesetzt und beschlossen, das Rotkäppchen zu gestalten. Das hat relativ lange gedauert, weil immer wieder irgendetwas nicht gepasst hat, wo man sich manchmal einfach verrennt und enorm viel Zeit braucht, so ein Motiv zu entwickeln. Aber dann, wie es dann da war, hat es eigentlich so viel Anklang gefunden, dass wir beschlossen haben, eine ganze Serie zu gestalten, mit Hänsel und Gretel usw.

Rotkäppchen-Windlichter in Kooperation mit feine dinge

Rotkäppchen-Windlichter in Kooperation mit feinedinge*, fotografiert im Geschäft.

Christina: Wobei aufgrund der ganzen Recherche für die Gestaltung kommst du einfach auf diese alten Bücher und da sind einfach extrem schöne Stiche und Drucke drin.

Anna: Ja, ich habe mir beim Schreiben der Kolumne gedacht: „Hm, was ist das für ein Märchen, das kenn ich gar nicht.“ Da sind auch ein paar obskure dabei, aber was ich an euch wirklich schätze, ist, dass ihr die Essenz herauszieht und einen Wiedererkennungseffekt habt – und zwar so einfach (von der Gestaltung her), das liebe ich sehr.

Christoph: Das ist das Schwierige. Du möchtest dann nicht 5000 Details auf einem Shirt haben, sondern es zusammenschmelzen, damit jemand, der das Märchen wenigstens ansatzweise kennt sagt: „Ah, das ist jetzt Blaubart!“

Christina: Hurleburlebutz!

Anna: Das habe ich z.B. überhaupt nicht gekannt, auch „Die treuen Tiere“ haben mir überhaupt nichts gesagt.

Christina: Das ist auch ein sehr schräges Märchen, wenn man sich das durchliest, die lassen sich nicht so gut wiedergeben.

Christoph: Es sind teilweise recht offene Geschichten, der Handlungsstrang ist ein bisschen verworren.

Die sechs Schwäne mit Verstärkung - fotografiert im Shop.

Die sechs Schwäne mit Verstärkung – fotografiert im Shop.

Anna: Was mögt ihr eigentlich selbst gerne? Welche eurer Stücke tragt ihr am liebsten, habt ihr zuhause eine eigene Kollektion?

Christoph: Ich mache mir schon oft Sonderfarben.

Christina: Weil die Farben, die wir oft wollen, dann nicht so großen Anklang finden.

Christoph: Es ist oft so, dass man selber einen anderen Geschmack hat, dass die Mehrheit – also gerade die Männer – lieber dezentere Farben tragen und ich habe schon ganz gerne manchmal etwas Schwarz-Weiß-Neonpinkes.

Anna: Ich würde mich für etwas Schwarz-Weiß-Neonpinkes sofort begeistern.

Christina: Die anderen Männer nicht, das ist ja das. Wir probieren manchmal etwas, eine Krake in Schwarz-Weiß-Neonpink, das hat bei Männern überhaupt nicht funktioniert.

Christoph: Ja, stimmt.

Christina (zu Christoph): Du hast sehr viel Wassermotive, das muss ich schon sagen. (Christoph trägt ein dunkelgraues T-shirt mit zwei schwarzen Oktopustentakeln.) Aber Rotkäppchen hat glaube ich jeder von uns?

Christoph: Ich bin auch ein großer Fan von den Tierköpfen, es ist manchmal ganz nett, wenn man unterm Sakko dann noch einen Gag hat.

Das Hurleburlebutz-Kleid mit Dachskopftasche - fotografiert im Shop.

Hurleburlebutz-Kleid mit Dachskopftasche – fotografiert im Shop.

Anna: Ich habe mich gefragt, ab welchem Zeitpunkt ihr erfolgreich wurdet, gab es einen Punkt, an dem ihr „in“ wart und ist es dann wieder abgeflacht?

Christoph: Ich würde sagen, seit der Märchenkollektion wird es stetig mehr, der Bekanntheitsgrad wird höher und es finden doch sehr viele Leute gut. Am Anfang, als wir noch so kreuz und quer geschossen haben, gab es immer wieder einmal ein T-Shirt, das gefiel und aufgekauft wurde, aber seit wir eine Linie gefunden haben, ist doch der Anklang bei weitem größer.

Christina: Gleichzeitig hatten die anderen auch sehr viele Schwarz-Weiß-T-Shirts mit Sprüchen und da haben wir unsere Sache weitergemacht mit den Märchen, das ist schon ein bisschen ein Kontrast, wenn jeder gerade die Schwarz-Weiß-Shirts hat, wenn da doch ein Motiv drauf ist.

Anna: Ich mag halt keine Sprüche, zum Beispiel.

Beide: Wir auch nicht.

Christina: Beziehungsweise sind wir auch schlecht beim Texten, deswegen täte ich mir schwer, irgendwelche Sprüche auf Shirts zu drucken.

Anna: Ich würde wahrscheinlich Lieblingswörter draufdrucken, aber ich finde das dann so definierend, während ein Bild viel mehrdeutiger ist. Habt ihr irgendwelche Marketingstrategien? Ich habe gesehen, dass ihr jetzt im 7. Bezirk in vielen Boutiquen vertreten seid und ihr seid immer beim Feschmarkt und solchen Sachen dabei, aber …

Christina: Wir kommen eher aus dem Gestalterischen, nicht aus der wirtschaftlichen Richtung. Unser Ziel ist im Moment, dass wir nicht nur in Wien Shops finden, die uns vertreiben, sondern auch in anderen Bundesländern zumindest. Über Dawanda funktioniert es ganz gut.

Christoph: Wir haben Dawanda und Etsy momentan und wollen es doch noch weiter fächern – man muss halt immer erst aussortieren, welche Shopsysteme sind gut, wie sind die Konditionen usw. und vor allem in welchen Nationen wird es dann hauptsächlich gekauft, wegen den Versandkosten.

Anna: Ich habe auch festgestellt, auf Dawanda habt ihr gar nicht alle eure Sachen eingestellt, ich nehme an, ihr testet auch dort, was sich verkauft und was nicht?

Christina: Genau. Es ist ein extremer Aufwand von allem immer Fotos zu machen, alles immer reinzustellen, dann haben wir eine Phase wo einer von uns fünf oder zehn Shirts reinstellt, aber …

Christoph: Wir lassen es dann auch auslaufen, wir haben sicher jedes Motiv schon einmal auf Dawanda stehen gehabt, nur die, die sich nicht gut verkauft haben, haben wir dann eingestellt, weil du zahlst auf Dawanda pro Stück –

Christina: Für die Einstellung, für drei Monate –

Christoph: Wenn ich das Shirt nie verkauft habe, dann werde ich es nicht noch mal auf Dawanda einstellen. Manche Sachen verkaufen sich zum Beispiel besser auf Märkten und manche besser hier im Shop und manche online. Zum Beispiel der Blaubart ist am Markt super, im Shop selber wird er meistens zwar angeschaut, aber so, dass die Leute dann auch sagen: „Den möchte ich jetzt anziehen,“ ist es dann nicht. Da ist das Publikum auch anders.

Zum Blaubartshirt perfekt passende Ketten und Ohrringe - im Shop fotografiert.

Zum Blaubartshirt perfekt passende Ketten und Ohrringe – im Shop fotografiert.

Anna: Kann ich bei euch auch eigene Kleidung mitbringen und sagen: „Ich möchte da gerne was draufhaben?“

Christoph: Ja. Das ist an und für sich kein Problem.

Anna: Ich habe nämlich in eurer Sommerkollektion die gestreiften T-Shirts mit dem Schiff gesehen und hatte davor dieselbe Idee, nur für mich, für ein Kleid.

Christoph: Die hatten wir auch einmal für Herren und Damen, aber ich weiß nicht, ob die noch produziert werden, diese Streifenshirts.

Christina: Das war vor zwei Jahren, bei dem einem waren sie dann aus und bei dem anderen hat das mit dem Nachliefern sehr lange gedauert.

Christoph: Das ist dann immer sehr schwierig, wenn eine Farbe, die wir sehr gern haben, eingestellt wird. Wenn man nicht selber produziert, muss man sich mit dem begnügen, was die Hersteller anbieten.

Ankerohrringe, damit sich die Schiffe nicht so allein fühlen.

Ankerohrringe, damit sich die Schiffe nicht so allein fühlen.

Anna: Habt ihr schon Pläne für die nächste Kollektion?

Christoph: Wir werden die Märchenkollektion weiterhin ausbauen. Eine große neue Schiene ist momentan nicht in Planung, sondern dass wir das mit den Tierköpfen und den Märchen weiter verfolgen.

Christina: Und dann ist da der Marketingplan. Auch in Wien sind wir nur im 7. Bezirk vertreten. Christoph hat vor Jahren bei Disaster Clothing angefangen, bevor wir den Shop hatten, die anderen haben wir über Märkte kennengelernt oder sie sind an uns herangetreten, also haben wir den 7. ziemlich abgedeckt, aber sonst müssen wir noch schauen. Wir möchten auch eigene Teile herstellen, bei den Kleidern und Röcken haben wir selbst den Schnitt gemacht, mit Schnittbogen gemeinsam. Wir haben auch an Krawatten gedacht, die aus einem Stoff nähen zu lassen.

Christoph: Bei den Kleinserien müssen wir halt immer schauen, wie rentiert sich das, kriege ich das an den Markt. Natürlich würde es sich erst rentieren, wenn du viele Abnehmer hast und das in einer größeren Produktion machen lässt, nur ist es dann wieder schwierig nachhaltig und fair zu wirtschaften, weil du möchtest es ja dann auch nicht irgendwo in Asien mit Kinderarbeit machen lassen.

Anna: Wo werden denn die Kleider produziert?

Christina: Also der Stoff ist über Lebenskleidung bestellt, das andere läuft eben über Schnittbogen, die haben eine Kooperation mit einer Mitarbeiterin in Bulgarien, die selber hin und herfährt und dort Näherinnen hat.

Weihnachtsbaumschmuck, den ich gleich zu Kettenanhängern umfunktioniert habe.

Weihnachtsbaumschmuck, den ich gleich zu Kettenanhängern umfunktioniert habe.

Anna: Gibt es irgendwas, was ihr selbst gern noch erzählen möchtet?

Beide: Nicht wirklich.

Anna: Dann herzlichen Dank für das Interview!

http://www.esca.at/

de.dawanda.com/shop/esca

Am Ende des Interviews durfte ich mir eine Brosche aussuchen - nun habe ich eine Walfrau.

Am Ende des Interviews durfte ich mir eine Brosche aussuchen – nun habe ich eine Walfrau. Vielen Dank, esca!

Die Stoffe auf den Fotos von meinen Schmuckstücken stammen alle aus der Berliner Filiale von Frau Tulpe.

“Schlaflos” – zum Einschlafen

[CN: Geburt, sexuelle Gewalt, Rassismus, Tod, Blut, Knochen, Depression]

Ich wurde gebeten, doch die Ausstellung “Schlaflos” im 21er Haus, einem der 10.000 Museen für zeitgenössische Kunst in Wien, zu besuchen und davon zu berichten. Ich, dem Bett prinzipiell sehr zugeneigt und neugierig, denn der Hinweis auf die Ausstellung war schon durch meine Timeline gewandert, ging hin.

20150201_152028Nun.

Die Ausstellung hat sich eigentlich – so wie die meisten Museumsausstellungen – fast genau an mich gerichtet, also an eine weiße Bildungsbürgerin, nur, naja, sie war eher an weiße Bildungsbürger gerichtet. Trotzdem habe ich keinerlei Leitfaden, tieferes Konzept oder tiefere Zusammehänge ausfinding machen können. Ich frage mich seitdem, ob ich zu blöd bin, aber es gibt nur zwei Möglichkeiten: Leitfaden/Konzept/Zusammenhänge sind so obskur, dass ich sie nicht erkannt habe oder … die Ausstellung ist schlecht gemacht. Mittlerweile tendiere ich zur zweiten Möglichkeit.

Wenn … der Grundgedanke der Ausstellung eine Google-Bildersuche nach “Kunst”, “Bett” und den Schlagworten Geburt, Liebe, Krankheit, Tod, Politisch, Gewalt und Einsamkeit gewesen wäre …

Wenn … der Grundgedanke der Ausstellung eine Kooperation zwischen Kurator_innen zu den besagten Schlagworten – jede Person ist für ein Schlagwort zuständig oder jede Person trägt X Kunstwerke zu jedem Schlagwort bei – gewesen wäre …

Wenn … der Grundgedanke der Ausstellung eine große Menge an interessant angeordneten Exponaten gewesen wäre, …

dann …

wäre es eine bessere Ausstellung gewesen als die, die ich mir angesehen habe. Gut, es gibt ja auch die Möglichkeit, sich jedem Kontext, jeder Herstellung von Zusammenhängen zu verweigern. Aber es wurden Zusammenhänge hergestellt – Bett und Geburt, Liebe, Krankheit, Tod, Politisch, Gewalt und Einsamkeit. Nur innerhalb der Überthemen und dazwischen, an den Ecken, in den Nischen schepperte es vor … Beliebigkeit? Einem verborgenen Plan? Absichtlich konstruierten Zufallsfunden?

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich abwechselnd genervt, gelangweilt und betroffen war. Aber von vorn.

Die Ausstellung begann mit dem Themengebiet “Geburt”. Nein, zuerst: Das BETT! Begonnen wird mit einem Fließtext über die Kulturgeschichte und Bedeutung des Bettes, der unerwähnt lässt, dass jede Menge Kulturen nicht in einer Holzschachtel mit Matratze, Polster und Decke schlafen, sondern alle möglichen Variationen ersonnen haben. Netter unerwähnter Eurozentrismus. Wir schreiben 2015. This isn’t new, bold or different.

Danach kommen die Wiegen, “Symbol der Mutterbrust”. Hä? Ich dachte immer, Wiegen seien … Symbole des Uterus oder der wiegenden Arme. Hm. Auch verwend(et)en nicht alle Kulturen Wiegen, na egal. Also Wiegen. Eine schöne, nobliche von Thonet. Die kenne ich schon aus dem Museum Angewandter Kunst in Wien, ich würde zu der nicht Nein sagen, außer, dass sie riesig ist und sicher Rückenschmerzen verursacht.

20150201_143028Aber sie steht weit weg von allen anderen Wiegen. Warum eigentlich? Dabei gibt es noch: ein schiefes Kinderbett, ein Kinderbett mit Spiegel statt Matratze, eine Wiege aus Bronze (alles Kunst). Aha. Ein Foto von Juergen Teller zeigt ein Kind namens Ed, wie es ein japanisches Hotelzimmer zerlegt. Ah so. Es gibt in der ganzen Ausstellung viele Fotos von Teller, dessen Stil ich nicht mag.

Dann ein Bild eines neugeborenen Kindes von Lavinia Fontana (1552 – 1614), einer der ersten bzw. frühesten Malerinnen, die Aufnahme in die Uffizi in Florenz fanden. Gegenüber ein mittelalterliches Gemälde auf Holz von der Geburt Marias, die schon komplett im Kleid und mit langen Haaren und Heiligenschein aus ihrer Mutter Anna gekommen ist, scheint’s. Etliche Fotos von Babys auf väterlichen Bäuchen, ich muss an memyselfnchild_ denken.

Dann das “Geburtenbett” von Valie Export, dessen Tonspur schon vorher und von nun an die Ausstellung begleitete, zuerst nervig und unbehaglich, dann langsam immer vertrauter und schließlich wie ein Gitarrenriff klingend. Eine Geburt ist hier nicht zu sehen, alles ist verklausuliert oder verhüllt, ein großer Überhang von männlichen* Künstlern. Hm. Eins gelernt: In Wien gab’s auch einmal Säuglingswäschepakete. Könnten eigentlich wieder eingeführt werden.

Gut. Weiter in den großen Raum, in dem gut verteilt verschiedene Bettskulpturen stehen. An der Wand hängen ein paar Bilder. Ok. Ich finde keine der Skulpturen besonders auf- oder anregend. Aber eine finde ich berührend. Es ist diese:

20150201_135612“Kratz” von Urs Fischer erinnert mich an das Gefühl, wenn ich nachhause komme und mich erst einmal auf mein Bett werfe. Es scheint mir wie eine Person, die, getreten, zerronnen, zerstört, aber fast andächtig, tief erschöpft und traurig ins Bett kriecht oder vielleicht davor kniet und betet. Am liebsten hätte ich mich dazugelegt.

Ein paar weitere Dinge steht im großen Raum: “Liege für Hermann Schürrer” von Hans Kupelwieser und Franz West, die aussieht, als würde hier etwas abgetropft werden …

20150201_135643… und “Untitled (aus Leaving Home” von Sudarshan Shetty, der offensichtlich öfter mit Skeletten arbeitet. Hier bewundere ich aber vor allem die Maserung des Holzes.

20150201_135700In der Mitte des Raumes steht “Cama” von Los Carpinteros. Es sieht witzig aus, aber natürlich darf da nicht drauf rumgetobt werden. Es gibt überhaupt nichts zum Anfassen, Hinlegen oder sonst irgendwie haptisch erfahren. Dahinter ein Schüttgemälde von Hermann Nitsch.

20150201_135841Ich bin mehr als underwhelmed. Die Skulpturen stehen zwar alle so, dass bequem darum herumgegangen werden kann, aber viele davon sind für mich langweilig. Neben “Kratz” stehen vier Stockbetten, drei blaue, ein gelbes oder vielleicht umgekehrt, ich weiß es schon nicht mehr. Darauf liegen Bücher der Person, die die Skulptur konzipiert hat, ich glaube es war eine Frau, aber auch das habe ich schon vergessen. Ohne jeden Hinweis auf die Signifikanz der Bücher sehe ich nichts außer bunten Stockbetten, die mich auf keinste Weise ansprechen. So geht es mir mit den meisten Skulpturen.

Frustriert werfe ich die Hände in die Luft und gehe zum Bereich “Krankheit”. Jetzt beginnt es schlimm zu werden. Und ich meine nicht vom Ekelpotential her. Randomly mischt sich unter die verschiedenen Fotos – Krankenschwestern bei der Ausbildung 1942 (really?), Ruheraum in Baden-Baden oder sonst einem Bad (alle Betten mit rot abgedeckt, sieht gruselig aus), ein Lazarett aus dem 1. Weltkrieg (aber eh nur ein braves Gruppenbild) eine Karikatur aus 1934.

Eine antisemitische. Sagt mir dann der Katalog des Bildarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek, das die Karikatur sonst beherbergt. Wenn ihr sie euch ansehen wollt, hier der Link. Der Katalog sagt mir auch, dass hier Engelbert Dollfuß, der Bundeskanzler und Anführer der Austrofaschisten zu sehen ist, zusammen mit Emil Fey, Führer der austrofaschistischen Heimwehr und Vizekanzler, und Ernst Rüdiger Starhemberg, auch Heimwehrführer, später auch Vizekanzler. Sie beugen sich über das Bett der schlafenden “Austria” und hoffen, dass sie nicht aufwacht, während der jüdische Arzt garantiert, dass sie es nicht tun wird.

In der Ausstellung wird diese Karikatur in keinerlei Kontext gesetzt. Sie ist einfach da, gesagt wird nur, wer sie gezeichnet hat, nämlich Leopold Johann Dorfstätter, mit welchem Material auf welchem Medium, sowie der Titel. Warum ist diese Karikatur dort? Von allen Karikaturen, die “kranke” Staaten im Bett abbilden – und da gibt es viele, warum ausgerechnet diese? Was war da der Hintergedanke? Dass die Besucher_innen den Rassismus bzw. Antisemitismus ohnehin nicht erkennen werden?

Im hintersten Raum ist ein Krankenbett mit einer Wachsfigur drin, “Temporarily Placed” von Michal Elmgreen und Ingar Dragset. Sie sieht sehr real aus, die Person, die vor mir im Raum ist, erschaudert und geht schnell. Ich zucke mit den Achseln und drehe mich um.

20150201_140804Zuletzt komme ich an einer Installation von Douglas Gordon vorbei. Eine Frau erleidet einen Anfall und wird von zwei Männern auf dem Bett fixiert.

20150201_141123“Hysterical” heißt die Installation. Einige der Mitschauenden lachen. Mir wird grauenhaft und ich gehe zu den Räumen über den Tod.

Hier gibt es auch ein mittelalterliches Gemälde auf Holz, vom Tod Marias, die neben dem Bett Zuckerzeugs und getrocknete Früchte hat, in der Tapete/Wandbemalung/Wandbehang hinter ihr sind Tiere. Daneben hängen kleine Bilder aus einem “Ars moriendi”-Buch, von der Kunst zu sterben. Hmmm. Wie wird das denn besonders gut gemacht? Hier sind lauter Männer zu sehen, Männer auf dem Totenbett, Marcel Proust, Egon Schiele, Kronprinz Rudolf, Franz Lehar, Wilhelm III. von Preußen, der heilige Josef, ein alter Mann und ein namenloser “Erlöster”. Was für ein Zusammenhang besteht da? Geht es hier einfach nur um tote Männer in Betten?

An sichtbaren Frauen gibt es nur die mittelalterliche Maria, eine abstrakte sterbende Mutter und “Das tote Kind”, ein Mädchen, gemalt von Johanna Kampmann-Freund (1888-1940), einer jüdischen Malerin, die noch nicht einmal einen Wikipedia-Eintrag hat, dabei erhielt sie 1927 für das Bild “Hagar” den Staatspreis. Hier ihr Eintrag im Österreichischen Biographischen Lexikon.

Hm. Fehlt noch ein Raum im Erdgeschoß, “Liebe”. Hier geht’s aber um Sex. Vor allem Nackte, mittendrin etwas versteckt Fotos von Diane Arbus, die tatsächlich Paare fotografiert hat, die auf ihren Betten sitzen und keinen Sex haben. Eins der Paare ist sogar angezogen. Hier findet sich auch ein einziger japanischer Druck von Harunobu Suzuki, der angeblich ein Liebespaar beim Saketrinken zeigt, es ist … ein so underwhelming japanischer Druck, wie ich selten einen gesehen habe. Ernsthaft. Warum? Warum dieser Druck, warum dort, warum nicht ein anderer von den 100.000.000.000.000 japanischen Drucken, meinetwegen ein erotischer, wenn doch eh schon der ganze Raum voll davon ist. Aber das Paar im Druck ist angezogen. Nu ja. Hier hängt auch eine “Bordellszene”, ein Fresko aus Pompeii – und ernsthaft? Wenn wir schon von Bettkulturen reden bzw. sie zeigen oder was immer, nicht eine Darstellung eines römischen Schlafzimmers (da gibt’s nette Fresken), nein, schon wieder ein nackter Arsch? Ernsthaft?!

Ich notiere “SO. UNIMPRESSED.” in mein Notizheft.

Dann gehe ich hinauf in den ersten Stock.

20150201_150313Hier gibt es noch jede Menge Ausstellungsraum, alles gefüllt. Als fast erstes gerate ich an “Bed – Dots Obsession” von Yayoi Kusama. Sieht lustig aus, wie Anemonen am Meeresgrund, hat aber ziemlich ernste Hintergründe.

20150201_143557Daneben hängt Yoko Onos “Painting to be slept on”. “Hang it after sleeping on it for 100 nights” – häng es auf, nachdem du 100 Nächte drauf geschlafen hast – steht da. Wie es wohl aussehen würde, wenn …

20150201_143740Na gut, onwards. Ich bin jetzt bei “Politisch”. Da stirbt Cato im Bett, ein großes Ölbild, ein Foto von Winston Churchills Bett und dann – ein Stich von der (französischen) Königlichen Familie nach der Hinrichtung Ludwig des XVI., im Hintergrund ein Bett. Äh. Daneben ein Foto der Replik des Bettes von Marie Antoinette in Versailles. Warum?

Meine Nerven sind mittlerweile einmal über Mona Hatoums “Dormiente” gerieben worden.

20150201_144245Auch das ist eine Skulptur, die mir gefällt. Sie ist brutal und bitter, schrecklich in ihrer Einfachheit und Komplexität. So viele andere einfache Liegen und Betten in dieser Ausstellung, aber kaum eine kommt an diese heran.

Dann rolle ich die Augen an “Poison is a Woman’s Weapon” von Ryan Gander vorbei … (ich will auch Geld & Ruhm dafür, dass ich Frauen in Unterhosen & T-Shirts beim auf dem Bett hüpfen filme).

20150201_144454Und dann gerate ich an Tracey Emins “To meet my past”. Warum dieses Werk nicht bei “Politisch”  oder “Gewalt” steht – oder zusammen mit Yayoi Kusamas Bett in der großen Ausstellungshalle als Kontrapunkt zu den anderen Skulpturen dort … nun. Keine Ahnung.

“To meet my past” ist überall bestickt, mit Applikationen übersät. Es sieht auf den ersten Blick kuschelig aus, das Bett, aber beim Lesen gefriert das Herz. Warum ist das nicht – versteckt unter anderen harmlosen Betten – eines der Kernstücke dieser Ausstellung? Warum steht es in der Ecke, nicht einmal gut rundherum zugänglich? Schön versteckt, damit es nicht zu verstört, zwischen all den objektifizierten Frauen* im Rest der Ausstellung, steht auf einer Seite im Leintuch eingestickt: “I’m going to get you and when I do the whole fucking worlds going to know that you destroyed my childhood.”

20150201_14512520150201_14513820150201_144519Im letzten Bild, leider sehr unscharf: “I can not beleave I was afraid of Ghosts Tracey Emin 1969-1974”. Es erinnert mich an die Stick- oder Strickmusterflecke, die von ihren Herstellerinnen mit Namen und Jahreszahl signiert werden …

Es gibt jetzt ein Wort für meine Stimmung. “glum”. Wie wenn dir etwas auf dem Herzen sitzt. Aber das ist schnell wieder weg. Ich komme zum Thema “Einsamkeit” und … 10.000 nackte Frauen auf Betten. Äh. Ich notiere “fucking kidding me”. Sauer gehe ich zu “Gewalt” weiter, besichtige die Fotos von Lucinda Devlin, die Fotos von Hinrichtungsräumen in den USA macht. Dann biege ich um die Ecke und …

20150201_150034vor mir ist eines der berühmtesten Bilder, nein *das* berühmteste Bild von Artemisia Gentileschi, “Judith köpft Holofernes”. Dieses Bild. Hier. Hier in dieser Ausstellung, in diesem Kontext. Was hat ein verdammtes BETT mit diesem Bild zu tun, außer dass in dem Bild eines vorkommt?! Warum wird es hier in einem Eck verheizt, noch dazu unter der Rubrik “Gewalt”, in der es kein einziges Bild eines gewalttätigen Mannes gibt, aber dieses Bild und noch ein “Samson & Delila” von Max Liebermann – was soll das bedeuten? Ich finde es respektlos. Artemisia Gentileschi hat die Gewalt, die ihr angetan wurde, in ihren Gemälden verarbeitet. Sie sind nicht dazu da, “Schaut, da, gewalttätige Frauen, urarg!” darzustellen, ohne diesen Kontext dazu. Dieses Bild darf man nicht einfach so hinhängen, noch dazu mit einer Beleuchtung, die das Studieren von Details verunmöglicht, weil die Leinwand reflektiert.

Mir reicht es fast. Fast schmeiße ich alles hin und gehe. Ich gehe durch weitere Räume mit 10.000 nackten Frauen, die dort nur zu hängen scheinen, weil sie eben nackt und im Bett sind. So viel nackte Haut kann ich auch im Kunsthistorischen Museum sehen und dort ödet sie mich genauso an wie hier. Was hätte nicht aus diesem Thema gemacht werden können? Es gibt kein einziges Bett mit Menstruationsflecken, keine tatsächlich zu sehende Geburt, oh, das wäre wohl zu schockierend gewesen, zu real. Wie gut hätte Tracey Emins “My Bed” gepasst. Kein Verweis auf die Studentin, deren Abschlussarbeit es war, die Matratze aus ihrem Zimmer, auf der sie vergewaltigt wurde, überall hin mitzuschleppen, das wäre topaktuell gewesen.

Nur versteckt lässt sich herauslesen, wie schmerzvoll das Bett sein kann. Die Arbeiten von Frauen*, die genau das zeigen, sind in den 1. Stock verbannt und voneinander getrennt. Vielleicht sollte ich froh sein, dass überhaupt Werke von Künstlerinnen* gezeigt werden und ok, die Werke von Künstlerinnen*, zwischen denen sehr wohl ein Zusammenhang besteht, sind halt über die ganze Ausstellung verteilt, vielleicht soll sie das “normalisieren”. Aber das halte ich für eine denkbar ungeeignete Methode.

Lustvoll (jetzt von Sex abgesehen) am Bett ist nichts. Kein Kuscheln, kein Schlafen, kein ausgiebiges Verweilen, Lesen, Träumen. Auch nichts über die Banalität des Bettes oder ein Anklang von sozialen Fragen, da hätten die Bettgeher_innen gut gepasst. Für eine “Kulturgeschichte” reicht mir das nicht.

Überall fehlt der Kontext. Ohne meinen bildungsbürgerlichen Hintergrund hätte ich jede Menge Codes und Hinweise nicht mitgekriegt. Ich wette, ich habe jede Menge Codes und Hinweise nicht mitgekriegt. Ohne Kontext, ja, muss ich selbst einen herstellen, manchmal herbeiinterpretieren. Muss mir selbst einen Zusammenhang basteln, eine Geschichte durch die Ausstellung. Selbst mit ihren thematischen Überthemen schafft es die Ausstellung aber nicht, mir diesen Zusammenhang zu zeigen.

Die meisten Kunstwerke sind für mich nicht ästhetisch ansprechend genug, um mir wenigstens diesen Reiz zu geben. Mehr als einmal stehe ich kopfschüttelnd, die Hände ausbreitend da und sehe die Bedeutsamkeit nicht. Wäre die Ausstellung ohne das Wissen um Codes spröder oder weniger spröde? Bei jedem Überthema gibt es ja Kunst zum Thema. Reicht das schon? Am Ende wünsche ich mir, ich hätte selbst noch Exponate hinzufügen können, umräumen dürfen. Es gäbe so viel …

Frustriert und fadisiert geh ich.

20150201_150638Herwig Kempinger, Ohne Titel. (Das mag ich.)

Die Königin macht Ferien 8: Regenmacherin

Am Donnerstag sagte ich: “Wenn’s am Sonntag regnet, möchte ich in die Kunsthalle.” Nun, es regnet. Es tröpfelt leise und irgendwo platscht Wasser so herunter, als würde jemand mit wenig Wasser duschen.

Also in die Kunsthalle. Die hat eigentlich quasi geschlossen, nur im Kubus sind Sonderausstellungen. Das steht aber weder auf der Website noch außen dran. Aber nun waren wir ja mal da, also gingen wir auch hinein.

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Es gab eine Ausstellung über Kunst aus und über Hamburg und eine über Honoré Daumier und Henri Toulouse-Lautrec.

In der Ausstellung “Lichtwark heute” gefielen mir vor allem die Werke von Jill Baroff. Ihre “Tide Drawings” halten den Wasserstand an verschiedenen Orten, z.B. an der Elbemündung fest, indem Kreise auf japanisches Gambipapier gedruckt werden, die dann auf ein Trägerpapier übertragen werden. Dabei entstehen auch Unregelmäßigkeiten, die von weitem aussehen wie breite Tuschepinselstriche. Ein Bild bestand aus zusammengeknüllten Streifen – wunderschön!

Über die entsetzten Gesichter in dieser Karikatur Honoré Daumiers musste ich sehr lachen. Der Titel lautet “Les Bas Bleus” – Die Blaustrümpfe. In der Unterschrift steht folgendes:
Die Szene spielt im Odeontheater (im Parterre) nach einem Stück, das großen Gefallen gefunden hat, also wird nach dem Autor gerufen.
Die Frau* sagt: “Meine Herren, ihre Ungeduld soll befriedigt werden … Sie wünschen den Autor dieses bemerkenswerten Werkes kennenzulernen, das einen so großen und, ich muss es sagen, verdienten Erfolg erhalten hat … dieser Autor … bin ich!”
Im Seitenscheitel, in der Brille, im Kleid erkannte ich mich wieder.

In einer Installation entstand dann: And I … was never here.

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Im Museumsshop ärgerte ich mich über diese Comics – nur 2! über Künstlerinnen* und die waren auch noch schlecht gezeichnet, schlecht gemacht, machten sich über Künstlerinnen lustig … GRRRR!!!

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Und im Café, das wir danach aufsuchten, standen schöne Nelken auf dem Tisch.
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Danach, tja. Dings. Dann Packen, dem Hupen lauschen, schlafen.

Die Königin macht Ferien 2: Strickzeug her, aber dalli!

[CN unabsichtliche kleine körperliche Verletzungen, Folgeschmerzen]

Hitze in der Nacht und am Morgen, weil die Vorhänge vorgezogen wurden. Kühle Dusche, Schwalben aus dem Badezimmerfenster beobachten. In der Gemeinschaftsküche dann eine Entdeckung, die zu makabren Gedanken verleitet, aber ich mag euch nicht damit behelligen.

Beim Packen dachte ich, ich bräuchte kein Strickzeug. Aber jetzt fehlt es mir, besonders da ich nicht wie sonst andauernd mit dem Internet verbunden bin. Ich will auch das Stachelige der Nadeln, das Weiche der Wolle, die Insichgekehrtheit des Strickens, die mir trotzdem den Blick auf die Umwelt erlaubt (soll heißen, ich kann Stricken ohne dauernd hinzusehen). Außerdem brauche ich Strickzeug für die kommenden Zugfahrten.

Schmerzen im Daumen, Schmerzen im Bauch. Die im Daumen haben sich lange nicht mehr gemeldet – dort hatte ich mich einmal beim Gemüseraffeln verletzt, später an einer anderen Stelle dann mit den Zacken einer Klarsichtfolienpackung. Seitdem ist mein rechter Daumen mein “Wetterdaumen”, aber ganz zuverlässig ist er nicht und manchmal denke ich mir, es hat mehr mit meinem Kopf und meinem momentanen Schmerzempfinden zu tun. Als mich die Schmerzen im Daumen im Februar vom Einschlafen abhielten, kaufte mir meine Mutter eine starke Schmerzsalbe. Ich habe sie noch nie verwendet, denn nach der Übergabe der Salbe hatte ich bis jetzt keine Schmerzen im Daumen mehr. Natürlich habe ich die Salbe jetzt nicht dabei. Die Schmerzen im Bauch sind die seit einiger Zeit üblichen Krämpfe am 3. Tag der Periode, sie erinnern mich daran, endlich einen Blogpost über sie zu schreiben.

Und jetzt schau ich mal aus dem Fenster der Straßenbahn. Leise drohe ich Daumen und Bauch mit Schmerztabletten.

Beim Betrachten einer Werbung für die Straßenreinigung fällt mir der Mann ein, den ich heute morgen beim Flicken eines Stücks Berliner Pflaster beobachtete. Mit einem kleinen Haufen dieser kleinen, unregelmäßig behauen und verlegten Steine, etwas Berliner Sand und einem kleinen Hammer klopfte er die Steine fest.

Mit der Straßenbahn fahre ich bis nach Pankow (Kirche) und die Berlinliebe überfällt mich. Die Häuser! Der Wollladen! Tiefe Beruhigung und milde Euphorie tritt ein.

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Danach bog ich in die Seitengasse ab und sah zwei Häuser, die mich sehr zum Lachen brachten. Sie sahen aus, als hätte jemand die Hausdekorationen aus einem Katalog bestellt, die gefielen, egal ob sie zusammenpassten oder nicht. Eventuell handelt es sich auch um missglückte Renovierungsversuche. Ein paar Details des ersten Hauses …

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Und vom zweiten Haus …

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Und ein drittes, sehr schönes Haus:

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Durch eine Gasse, in der sich die einander gegenüber liegenden Häuser immer sehr ähnlich sahen, kam ich wieder zurück zur Straßenbahnstation. Kurz davor befand sich ein Verkaufsstand mit duftenden Erdbeeren. Musste sein. Es beginnt zu tröpfeln.

Mit einem Kilo Erdbeeren und zunehmendem Regen ging es Richtung Rosenthal. Ich unterdrückte sämtliche Schreie, die mir angesichts der teils schönen, teils kitschigen kleinen Villen und Wohnhäuser entfahren wollen, drehe die Runde und fahre bis zur Friedrichsstraße zurück, um meine Erdbeeren mit Internet und Strom im Grimmzentrum zu essen. Selfies were made.

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Bevor ich eine Freundin treffe, stöbere ich im Kulturkaufhaus Dussmann nach schönen Alphabetbüchern für Nibling, aber nix. Dafür eine definitive und eine eventuelle Buchempfehlung (dazu später).

Fast hätte ich danach einen größeren Ohrringraub begangen. *seufz* Ich begnügte mich mit Frozen Yoghurt und Wollaufwickeln, bis ich Tante Tulpe in die Hände fiel, wo ich morgen nochmal hin muss (offenen Auges ins Verderben).

Essen mit der Freundin, plaudern, spazieren, Mauerpark, leichter Regen wieder. 20 Meter vor dem letzten Lokal ist eine Station der Straßenbahn, die mich direkt nachhause bringt.

Crafting & Feminismus beim Femcamp Wien

Die zweite Session, die ich am Femcamp hielt, ist für mich weitaus schwieriger zu beschreiben, als die erste. Ich habe kaum Links, die ich am Ende patent anhängen kann, wo ihr weiteres nachlesen könnt, nur sehr viele eigene Gedanken, die ich alle mal in Blogposts verpacken wollte … aber die kann ich jetzt nur anreißen.

Es ging und geht um … tja. Da ist schon meine erste Schwierigkeit. Ich habe “Crafting” als Begriff gewählt, um den negativen und gegenderten Assoziationen des Begriffs “Handarbeiten” zu entkommen. Crafting als Wort für das Erschaffen von Dingen mit den Händen ist aber im Englischen – so kommt es mir zumindest vor – genauso negativ und gegendert konnotiert. Do It Yourself (DIY) und Handwerk finde ich nicht immer passend und wird wiederum wenig mit textiler Arbeit konnotiert. Hand_arbeiten also? Und wenn mit den Füßen getöpfert wird? Und was ist mit der gegenderten, negativen Trennung zwischen “Kunst/art” und “Handwerk/arbeit/craft” (wenigstens dazu gibt es schon lange Diskurse)?

Mir persönlich gefällt “craft” als Begriff, in Ermangelung eines besseren. “A master of her craft” schwingt da wohl mit (und witchcraft auch ein bisschen).

Als zweite Frage stellt sich diese: Ist es überhaupt notwendig, die eigene “craft”, das eigene Hobby, die eigene kreative Tätigkeit aus (queer-)feministischer und/oder anderer Perspektive zu betrachten? Kann ich nicht einfach stricken, ohne zu überlegen warum und wieso und welche Hintergründe alles hat? Meine Antwort: Nein, notwendig ist es nicht. Es kann sehr erschöpfend sein, alles permanent auf seine Bedeutungen, Kontexte, Geschichte, Probleme abzuklopfen und ich verstehe das Bedürfnis nach quasi “Ruhebereichen”. Aber – ich und viele andere Menschen finden das sehr spannend, also fanden wir uns in dieser Session zusammen und redeten über verschiedene Aspekte unserer jeweiligen crafts.

Ich selbst gehe vor allem vom Stricken aus. In der Session waren aber auch Menschen, die häkeln, nähen, Möbel bauen und noch vieles anderes. Als erstes stellte ich den Punkt vor, dass ich Stricken – also die Aktivität ansich – nicht für feministisch halte, sondern, dass es für mich darauf ankommt, was daraus gemacht wird bzw. welche Motivation dahintersteckt. Dabei erwähnte ich Stickereien, die ich in der Ausstellung über den 1. Weltkrieg auf der Schallaburg gesehen hatte – kriegsbefürwortende und die Lebensmittelrationierung kritisierende:

wpid-20140426_111603.jpgwpid-20140426_115715.jpgÜber diese Brücke kamen wir zu Strickgraffiti bzw. Yarnbombing und den Strickistinnen, die in Wien bereits mehrere Aktionen veranstalteten, hier gleich ein paar Links zu ihnen und ihren Aktionen:

http://strickistinnen.blogspot.co.at/

http://maedchenmannschaft.net/strickismus-handarbeit-im-oeffentlichen-raum

/http://knitherstory.wordpress.com/19-marz-2011-2/

http://diestandard.at/1297820892316/100-Jahre-Frauentag-Sichtbar-gestrickt?_slide=1

Danach sprachen wir über den großen Themenkomplex “Selber machen”. Kleidung selbst zu machen befreit von Modediktaten und normativen Zuschreibungen. Für genderqueere, nonbinary oder Transpersonen ist oft selber machen der einzige Weg, zu z.B. Bindern oder wirklich passenden Smokings zu kommen. Andererseits halten Zuschreibungen auch in z.B. die Strickwelt Einzug: Strickmuster werden als “für Männer” und “für Frauen” designt und bezeichnet, sind für dicke Menschen anders als solche für dünne Menschen.

Aber wer kann sich eigentlich das Selbermachen leisten? Wo und unter welchen Umständen ist Selbermachen teurer als Kleidungsstücke zu kaufen? Ab wann war das so? Es geht also auch beim craften um Geld und Klasse. Für etliche Hobbies, also z.B. Stricken oder Nähen, wird sehr viel Geld und Zeit benötigt. Schon allein die Materialien, Maschinen und Werkzeuge kosten Geld, besonders wenn diese fair bezahlt und ökologisch einwandfrei sein sollen. Einerseits ist dann ein handgesponnener, mit Pflanzenfarben handgefärbter Strang Biowolle oder ein Stück Stoff aus Biobaumwolle schnell im hochpreisigen Bereich, andererseits wird da sehr viel Arbeit geleistet, die auch angemessen bezahlt werden sollte. Ähnliche Barrieren gibt es auch bei den Strickgruppen – teilnehmen können vor allem die, die Zeit haben, die Kinderbetreuung arrangieren und/oder zahlen können, Geld für Getränke etc. ausgeben können.

Andererseits führte eben der große Strickboom der beginnenden 2000er zu etlichen Gründungen – von Wollgeschäften, Spinnereien, Färbereien, Wolltierfarmen, Onlinemagazinen, eigenen Designfirmen – und Plattformen, die Social Media und Datenbanken vereinen, wie z.B. Ravelry (Stricken, Häkeln) oder Natron & Soda (Nähen). Falls nicht selbst gestrickt werden kann, gibt es Firmen bzw. Plattformen, wo ältere Menschen, meist Frauen*, auf Bestellung Socken, Mützen, etc. stricken. (Auch diese Entwicklung würde ich gerne noch kritischer beleuchten.)

Für mich waren und sind auch die Strick- und anderen Gruppen subversive Elemente, die Vereinsamung bzw. feste Freund_innenkreise durchbrechen, wo nicht nur über das Stricken oder Nähen, sondern auch über Arbeit, Politik, Beziehungen, Gesundheit, Kindererziehung, Bücher, Serien, etc. etc. etc. gesprochen wird und neue Netzwerke geknüpft werden. Dass ich überhaupt weiß, was Menstruationscups sind, verdanke ich dem ersten Strickforum, das ich besuchte. Zusätzlich bin ich der Meinung, dass crafting wohl mehr Frauen* ins Internet und zum Bloggen, digitalen Fotografieren, Besuchen von Foren, Erstellen von Websites, etc. gebracht hat, als jede “Frauen ins Internet”-Initiative.

Aber – diese ganzen Entwicklungen werden kaum untersucht. Ist ja “nur” Nähen, Stricken, was immer. Handarbeit. Frauenarbeit. Es gibt nicht einmal faktenbasierte historische Untersuchungen, wo Stricken denn jetzt wirklich herkam, wie es sich verbreitete, wie es ausgeübt wurde, was für Auswirkungen es hatte und hat, etc. Es gibt punktuelle Forschungen, meist über Orte bzw. Gemeinschaften, die ihre Wirtschaft auf das Stricken ausgerichtet haben, aber wie Stricken bis zu den Shetlandinseln kam … tja.

Von da schlugen wir den Bogen zur Dichotomie Handarbeit – Technik und sprachen darüber, dass Computer bzw. Computerprogramme sehr viel mit der Erfindung und Entwicklung der mechanischen Webstühle zu tun haben. Webmuster und später auch Strickmaschinen wurden mit Lochkarten programmiert. Möbelbauen und Programmieren wird als sehr komplex wahrgenommen und mit Anerkennung belohnt, während Nähen oder Stricken diese Anerkennung selten erleben. Eine Runde von “Aber Nähen ist voll komplex, ich könnte das nie” und “Nein, Stricken ist urschwierig” folgte – sowie die Feststellung, dass Strickanleitungen sehr wie Code aussehen und Schnittmuster komplexer sind als Möbelbau.

Und dann war die Session auch schon zu Ende. Aber wir vermerkten alle weiteren Redebedarf bzw. die Teilnahme an queer_feministischen Craftingrunden – daher werde ich mich gemeinsam mit anderen Teilnehmenden um die Gründung und monatliche Abhaltung einer solchen Runde kümmern. Ab September gehen wir es an.

Wenn ihr Seiten/Blogs kennt, wo solche Themen besprochen werden, schreibt sie mir bitte in die Comments, ich ergänze dann den Blogpost.

Ein Film und der Seelenluftballon fliegt

“I giorni contati”, ein Film von Elio Petri aus dem Jahr 1962, handelt von einem römischen Installateur, Cesare Conversi. Auf der Heimfahrt von der Arbeit wacht der Mann, der vor ihm in der Straßenbahn sitzt, nicht mehr auf.

Obwohl Cesare schon vorher mit dem Tod konfrontiert war – seine Frau ist bereits gestorben – ist es erst der Tod dieses Mannes, der genauso gut er hätte sein können, der ihn aus der Bahn wirft.

“Wann werde ich sterben?” wird zur wichtigsten Frage Cesares, aber eine Antwort findet er nicht. “War das alles?”, “Was soll ich denn jetzt tun?”, “Was ist der Sinn des Lebens?” … Cesare hört auf zu arbeiten, sucht nach einem anderen Leben, nach Sinn, aber auch auf diese Fragen findet er keine Antworten.

Er versucht, seine entfremdete Seele wieder an die Welt, an die Menschen anzubinden, aber es gelingt ihm nicht, und findet überall nur Vergangenheit, Zerfall, Todessymbole. Er besucht seinen Geburtsort und findet nur Öde und Leere – die grünen Hügel wirken im Schwarzweißfilm wie eine Wüste. Rom ist teils übervoll, teils menschenleer, mit riesigen Scherbenhaufen, Friedhöfen, modernen Bauten, antikisierenden Statuen.

Bei einem Strandbesuch entfernt Cesare sich von seinen Freunden, diese befürchten schon, dass er ertrunken ist. Beim späteren Picknick entsetzt Cesare seine Freunde mit der Vorstellung, dass sie alle schon Gespenster seien. Kunst, Liebe, Sex, Naturwissenschaft, Medizin, Gerechtigkeit, Verbrechen, Reiselust, Vergangenheit, Zukunft, nichts kann Cesare im Leben halten.

In einer Szene kurz vor Ende des Films soll ihm der Arm gebrochen werden, damit er durch Versicherungsbetrug zu Geld kommt. Doch im letzten Moment macht er einen Rückzieher – unsere Angst vor dem schmerzhaften Tod.

Der Film ist ein Meisterwerk – aber nicht schön. Die Bildsprache ist ästhetisch ohne zu ästhetisieren. Dabei ist er voll Symbolik, besonders der Zebrastreifen kehrt als Motiv immer wieder, Kreuzungen, Ampeln, die “Avanti” sagen. Das Ziel ist die Entfremdung des Publikums. Konsequent wird Cesare und dem Publikum die Sinnfindung verweigert. Nichts hält die Seelenluftballons im Hier und Jetzt.

Als ich den Film Anfang 2012 im Österreichischen Filmmuseum sah, war ich tief beeindruckt, besonders weil mich die anderen Filme Elio Petris überhaupt nicht ansprachen. Ihr Blick war auf die Art männlich, in die ich mich absolut nicht hineinfühlen kann, weil sie mir komplett fremd ist. Die damals ebenfalls gezeigten Filme von Giuseppe de Santis haben mir viel besser gefallen.

Aber dieser Film ist anders. Für mich ist er universal menschlich. Denn er drückt genau die Entfremdung, die ich manchmal seit dem Tod meines Vaters verspüre aus. Timtimsia hat in ihrem Comic “Death Note” dieses Gefühl auch aufgezeichnet.

Und gerade weil er mich so beeindruckt hat, wollte ich den Film unbedingt noch einmal sehen, als ich erfuhr, dass es in Berlin gerade eine Elio Petri-Retrospektive gibt. Als hätte er auf mich gewartet. Dabei führt Berlin jedes Mal ein wenig zum Wegfliegen des Seelenluftballons. Aber diesmal wusste ich schon, was passieren würde und jetzt genieße ich dieses Gefühl gerade.