Design gegen Design

Noch bis zum 12. Juni ist im MAK, dem Österreichischen Museum für angewandte Kunst in Wien, eine große Ausstellung über Josef Frank mit dem Titel “Against Design” – Gegen Design – zu sehen. Obwohl sie in nur einem Raum stattfindet, ist sie so dicht und voll, dass sie fast dreimal besucht werden muss, um wirklich alle Aspekte des Werks von Josef Frank zu entdecken. Das MAK bietet jeden Dienstag zwischen 18 und 22 Uhr freien Eintritt <3 – nehmt aber möglichst kleine Taschen mit, wenn nötig/möglich, die Schließfächer sind rar und die Garderobe kostenpflichtig.

Gleich vorausgeschickt: Das Architekturzentrum Wien öffnet am 14./15. Mai nochmal das Haus Beer von Josef Frank – diesmal auch die oberen Stockwerke.

So, aber jetzt zur Ausstellung. Sie versucht verschiedenste Aspekte von Josef Franks Gesamtwerk unter einen Hut zu bringen – Möbel, Häuser, Stoffe, Stadtplanung, Publikationen –  und mit einer Fülle an Ausstellungsstücken schafft sie es. Sie schafft es auch noch Bezüge anderer Architekt_innen auf Franks Werk auszustellen. So beim Überlegen jetzt frage ich mich, ob hier verschiedene Gruppen von Studierenden an jeweils einem Teil arbeiteten. Anyway.

Der Raum, der für die Ausstellung verwendet wird, ist im 1. Stock des MAK hinten und ein wenig schlecht ausgeschildert. Er befindet sich in einem neugebauten Zubau und ist eine Halle mit hoher Decke, deren Grundriss (ich erinnere mich nicht mehr, ob nur für diese Ausstellung oder prinzipiell) ein nach rechts gedrehtes “U” hat. Beim Reinkommen bietet sich also die Wahl an, nach rechts oder links zu gehen. Rechts steht eine verführerische Ansammlung von Möbeln, dahinter dann Wände mit Fotos von Franks Wohnung in Wien und Möbel aus einer Wohnung die er für eine Familie gestaltet hat – noch nicht in seinem Stil, eher klobig. Aber Franks Möbel, die aufgestellt sind – Hocker, Sessel, Tische, Kommoden, Kabinette, Sekretäre – sind sehr hübsch.

Möbel von Josef Frank im MAK in Wien

Diese Sicht ergibt sich von einem eingebauten offenen Gang, dessen Aufgänge nach Entwürfen Josef Franks gebaut sind und der heutigen Bauordnung nicht mehr entsprechen. Daher ist der Gang nicht rollstuhlgängig und auch nur auf eigene Gefahr zu betreten. Zum Nachdenken darüber regen Plakate an. Das Interessanteste für mich oben auf dem Gang waren Vergleiche zwischen den Sesseltypen Josef Franks und Darwins Untersuchungen von Finkenschnäbeln – an der Form eines Sesselbeins kann bestimmt werden, aus welcher Schaffensperiode von Frank ein Sessel stammt.

Vor allem die Tische hatten es mir angetan – ich fand, sie sahen von oben aus wie Seerosenblätter.

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Josef Frank propagierte ein “natürliches” Design, die Dinge sollten irgendwie organisch wachsen, auch Wohnungseinrichtungen. Später propagierte er dann ein “Accidental Design” – ein zufälliges Design. Aber irgendwie widerspricht sich das für mich – Design ist eben kein Zufall. Und das “historisch Gewachsene” basiert trotzdem auf Entwürfen unbekannter Personen, es ist eben nicht natürlich oder organisch gewachsen, egal ob ein Möbel jetzt quasi aus einem quergelegten Baumstamm besteht. Der Gedanke, dass ein quergelegter Baumstamm ein Möbel sein könnte beinhaltet schon so viele Konzepte und so viel Geschichte, dass Natürlichkeit oder organisches Wachstum ausgeschlossen werden müssen. Die Verwendung von botanischen Elementen zur Gestaltung von Inneneinrichtung_sgegenständen ist ebenfalls nicht natürlich oder organisch gewachsen, aber ich schweife ab.

Jedenfalls fand Josef Frank das moderne Design von Adolf Loos oder den Designer_innen und Architekt_innen des Bauhauses mit seinen einfachen Formen und Kanten nicht so toll.

Zeichnung von Josef Frank, Vergleich Bauhaus- und alltägliches Design

Sehr kichern musste ich über seine Karikatur des Bauhaus-Designs – und ich fragte mich, was denn wohl mein Vater (großer Fan von Loos und Bauhaus) dazu gesagt hätte. Und was er dazu gedacht hatte, dass Loos sexualisierte Gewalt gegen Kinder ausübte – eine Tafel in der Ausstellung wies darauf hin. #CN sexualisierte Gewalt gegen Kinder für die Texte in der ZEIT und Presse.

Josef Frank war auch als Stadtplaner tätig und in der Ausstellung sind Entwürfe für ein New Yorker Stadtviertel zu sehen und seine Vorschläge für die Gestaltung des Wiener Stephansplatzes nach dem 2. Weltkrieg. Mir hat dieser am Besten gefallen: Eine echte Piazza für Wien. Ist es leider nicht geworden.

Entwurf Josef Franks für den Stephansplatz in Wien

In der Ausstellung gibt es eine Vielzahl an Architekturmodellen (alle mit Fotoverbot belegt), die bestehende Häuser und Entwürfe für Fantasiehäuser von Josef Frank darstellen. Wie zu der Zeit Mode haben sie großzügige Balkone, Terassen, Innenhöfe, viel Licht, viel Luft … hach. Was sich nirgendwo findet, sind Informationen zu Franks Frau, Anna Regina Sebenius, einer gebürtigen Schwedin. Nach Schweden emigrieren die beiden 1933, wo Frank schon bekannt ist, da er davor schon Häuser für schwedische Freund_innen geplant und realisiert hat. Auch seine spätere Lebensgefährtin Dagmar Grill, Cousine von Anna Regina, kommt nur deshalb vor, weil er in Briefen an sie 13 Fantasiehäuser geplant hat, von denen kleine Modelle und Aquarelle zu sehen sind.

Mit einem Foto ist wenigstens Estrid Ericson vertreten – Künstlerin, Gründerin und Besitzerin der schwedischen Möbelfirma Svenskt Tenn. Sie hat in der deutschen Wikipedia einen Eintrag von genau 2 Zeilen und keinen in der englischen. Dabei war sie es, die Frank einen fixen Arbeitsplatz bei Svenskt Tenn anbot und sie war nicht einfach nur die Besitzerin der Firma, sondern instrumentelle Partnerin für Frank. In der Ausstellung gibt es nicht einmal eine Biografie von ihr.

Genauso unsichtbar gemacht wurde Estrid Ericons Einfluss auf Frank. Auf einer recht versteckten Tafel ist ein Bild des Schlafzimmers von Carl von Linné zu sehen, der die Wand mit botanischen Zeichnungen tapeziert hatte. Estrid tat es ihm nach und beklebte die ihr Bett kojenartig umgebenden Holzwände ebenso mit botanischen Drucken. Josef Frank beklebte dann Möbel mit solchen Drucken. Daneben ein mit Schlangenleder bezogenes Kabinett.

Möbel von Josef Frank für Svenskt Tenn

Josef Frank hatte auch selbst großes Interesse an Botanik und Biologie und so sind viele der Tapeten, Stoffe und Möbel, die er für Svenskt Tenn entwarf mit Pflanzen, Früchten und Vögeln dekoriert. Eine Auswahl der Stoffe ist im MAK zu sehen – die hätte ich ewig studieren können.

Stoffe von Josef Frank für Svenskt Tenn

Stoffe von Josef Frank für Svenskt Tenn

In der Mitte mein Lieblingsstoff – wie Rosenkohl!

Vorhänge aus Stoffen von Josef Frank für Svenskt Tenn

In der Ecke explodierte es vor Buntheit und innerlich schrie ich “HABEN WOLLEN!” Später sah ich mir dann die Preise auf der Website von Svenskt Tenn an. Also Lottogewinn. Allerdings werden die Stoffe im Siebdruckverfahren hergestellt, mit mehreren Durchgängen für jede Farbe, ich verstehe also, warum sie teuer sind.

Estrid Ericson war auch hier oft Ideengeberin. Der Salon BeLLeArTi in Wien ist für die Ausstellung eine Kooperation mit Svenskt Tenn eingegangen – dort waren weitere Möbel, Stoffe und ein damit ausgestattetes Apartment zu sehen. Gezeigt wurde unter anderem ein Stoff, dessen Motiv Estrid Ericson in Kreta gefunden hatte, ein minoisches Fresko mit blauem Vogel. Josef Frank machte dann daraus ein Stoffmuster.

Im Salon BeLLeArTi konnte ich die Möbel und Stoffe aus der Nähe und mit weniger Menschen sehen. Ein paar Einblicke:

Kissen mit von Josef Frank für Svenskt Tenn entworfenen Stoffen bezogen

Tapeten von Josef Frank für Svenskt Tenn

Tapeten

Stoffe von Josef Frank für Svenskt Tenn

Stoffe (zuoberst ein deutliches Beispiel von cultural appropriation von chinesischen bzw. japanischen Motiven)

Und näher an die Möbel kam ich auch. Dieses hat es mir besonders angetan – Josef Frank hat hier ein gängiges Motiv für – puh, ich assoziiiere alles Mögliche, Zäune, Bettgestelle, Schränke, Fensterrahmen, ja Kleidung bzw. Verzierungen für Lederhosen und Lodenjanker – genommen und ein Kabinett draus gemacht, bei dem es bei mir im Kopf nur “Waow! Wa-ha-uw!” macht.

Kabinett von Josef Frank für Svenskt Tenn

Kabinett von Josef Frank für Svenskt Tenn

Welchen Einfluss Estrid Ericson, Josef Frank und Svenskt Tenn auf schwedisches Design hatten, kann an den Ikea-Kollektionen abgelesen werden. Gerade gibt es so viele Stoffe mit botanischen Zeichnungen bzw. eine der PS-Kommoden verdankt ihr Design eindeutig folgender Kommode (auch wenn die von Frank viel schöner ist):

Kommode von Josef Frank für Svenskt Tenn

Ältere Version einer Kommode von Josef Frank für Svenskt Tenn

Kommode von Josef Frank für Svenskt Tenn

Heute erwerbbare Version der Kommode

Und das war’s. Ich würde nun zu gerne eine Ausstellung über Estrid Ericson sehen …

Edited wg. Wortdopplungen, Formulierungen.

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Ach Kunsthaus

Der Twitteraccount @womensart1, neu in meiner Timeline, tweetet spannende Kunst von Frauen und macht mir Lust auf den Besuch von Ausstellungen und Museen. Aber die Retrospektiven über Kunst von Frauen lassen auf sich warten – letztes Jahr wäre z.B. der 30. Todestag von Meret Oppenheim gewesen, aber nachdem es schon zu ihrem 100. Geburtstag im Jahr 2013 ein paar große Retrospektiven gab, braucht es ja nicht nochmal welche, klaro. Oder so. Ich würde ja auch mal gerne eine Ausstellung mit Werken der Frauen sehen, die in London an der Gründung der Royal Academy of Arts beteiligt waren – Mary Moser (kannte ich bis gestern gar nicht) und Angelika Kauffmann. Ach und viele mehr – es gibt so spannende textile Kunst, die von @womensart1 getweetet wird.

Aber bevor ich hier die gesamte Timeline abbilde, schaut selbst nach. Ich will euch stattdessen ein paar Fotos von meinem Besuch im Kunsthaus Zürich zeigen, weil ich da gerade hinmöchte. Als ich dort war, gab es gerade eine Miró-Retrospektive. Seine abstrakten Bilder gefielen mir gut, die Frauenbilder weniger. Diese hier waren meine Lieblingsbilder – eigentlich eine Serie von drei Bildern (warum ich das 3. Bild nicht aufgenommen habe weiß ich nicht mehr), ich weiß auch den Titel nicht mehr, aber googlen hilft: Die Bilder heißen Malerei I, II und III und das fehlende Bild sieht so aus.

Malerei II von Joan Miro - rechts eine blaue Wolke, links zwei schwarze Arme und ein schwarzer Ball

Malerei III von Joan Miro, links eine blaue Wolke, rechts ein schwarzer Arm

Ich mochte daran besonders die blauen Wolken, die blaue Farbe, die Arme, die auch Wimpern sein könnten – und die perfekte Beleuchtung, die auf den Fotos noch sichtbarer wird.

Treppe ins Obergeschoß im Kunsthaus Zürich

Gang und Fenster im Kunsthaus Zürich

Obergeschoß und Oberlichte im Kunsthaus Zürich

Das Kunsthaus Zürich ist selbst ein Kunst_haus, es wurde 1910 eröffnet und der älteste Teil wurde im Jugendstil gebaut, mit einem deutlich nüchternen, geometrischen Schweizer Einschlag. Nächstes Jahr soll ein zweiter Erweiterungsbau fertig sein.

Winterlandschaft Kragero 1931 von Edvard Munch Kunsthaus Zürich

Die spätere Version der Winterlandschaft in Kragero von Edvard Munch aus dem Jahr 1931 war so schön still und blau. Die frühere ist von 1912 und hängt nicht in Zürich.

Vier bemalte Steine von Max Ernst im Kunsthaus Zürich

Vier bemalte Steine von Max Ernst.

Stillleben von Meret Oppenheim im Kunsthaus Zürich

Leider weiß ich den genauen Titel nicht mehr, aber dieses Objekt ist von Meret Oppenheim. Ich erinnerte mich danach intensiv an mein Jahr im Liceo Artistico in Zürich und an den Kunstgeschichteunterricht, in dem wir so spannende Essays schreiben mussten. Für eines durften wir uns zwei Postkarten von Kunstwerken aussuchen und sollten die Bilder dann vergleichen. Eines meiner Bild war ein Stillleben mit Pfirsichen. Irgendwo in der verschollenen Kiste mit den wichtigen Papieren sollte noch eines der Essays sein, jedenfalls das, das ich über “Pick up a Pin-up” von Man Ray geschrieben habe. Es gefiel meiner Lehrerin so gut. Ich war das gar nicht gewohnt. Heute traue ich mich fast nicht, einen Blogpost über einen Besuch in einem Museum zu schreiben – ein Essay über ein Kunstwerk … trotzdem habe ich Lust.

Bergziegen von Franz Marc im Kunsthaus Zürich

Bergziegen von Franz Marc. Mit denen hab ich noch was vor.

Aus Goethe in Italy von Cy Twombly im Kunsthaus Zürich

Aus Goethe in Italy von Cy Twombly im Kunsthaus Zürich

Zwei Bilder aus Cy Twomblys Zyklus “Goethe in Italy”. Ich sah erst die Bilder und fühlte mich von den Farben und Formen angezogen. Mit Cy Twombly hatte ich bis dahin nicht viel am Hut – wahrscheinlich einfach nicht genug von ihm gesehen.

Selbstporträt von Anna Waser im Kunsthaus Zürich

Mit 12 Jahren malte sie dieses Selbstporträt, Anna Waser, die erste namentlich bekannte Malerin der Schweiz. Alle anderen Werke bis auf ein paar Silberstiftzeichnungen, ihre Autobiografie, ihre Briefe sind verschollen. Ihre vielversprechende Karriere musste sie abbrechen, weil sie den Haushalt ihrer Eltern führen musste, nachdem ihre Mutter erkrankt war. 1913 veröffentlichte ihre Nachfahrin Maria Waser ein Buch über sie, das ihr hier online lesen könnt – allerdings in Frakturschrift.

2 Schmetterlinge und 8 Insekten von Magdalena van den Hecken im Kunsthaus Zürich

8 Insekten von Magdalena van den Hecken im Kunsthaus Zürich

Magdalena van den Hecken (Link zum Vrouwenlexikon auf Niederländisch) hat keinen Wikipediaeintrag, kein bekanntes Geburts- und kein bekanntes Sterbedatum und das Kunsthaus hat ihren Namen falsch geschrieben, nämlich van der Hecken. Tätig war sie “um 1635”, ihr Bruder und Vater waren ebenfalls Maler. “Gelegentlich” malte sie, steht in den dürftigen Infos. Bis ich “gelegentlich” mal so Miniaturen von Insekten male, muss ich erst mal ein paar Jahre üben, hallo. Die Miniaturen von “2 Schmetterlingen und 6 Insekten” sowie “8 Insekten” schmückten ein Kuriositätenkabinett.

 

Ich weiß nicht mehr, von welcher_m Künstler_in das ist. Es war eine Kiste, oben offen, mit diesen Öffnungen … wie ein Architekturmodell, ein besonders schönes. Mich faszinierten die Durchblicke und Texturen.

Im Eck dieses Raumes hing ein Bild von Mark Rothko, von dem ich vorher noch nie bewusst ein Bild wahrgenommen habe. Wie ein Blick aus einem Fenster auf ein schwarzes Meer, ein niedriger Horizont mit schwarzen Wolken verhangen. Es war so umwerfend und so schön, wenn auch so düster und traurig, aber es ließ sich einfach nicht fotografieren. Zum Glück haben andere Menschen bessere Kameras: Untitled [White, Blacks, Greys on Maroon]. Am nächsten Tag fuhr ich mit meiner Tante nach Basel zur Fondation Beyeler, wo ich noch eine Reihe anderer Rothkos sah und ja – ich mag Rothko.

Soweit das Kunsthaus. Es gab noch vieeel mehr, es ist ja doch trotz Platzmangel groß und auch verwinkelt und wunderschön zum Anschauen …

 

 

 

“Schlaflos” – zum Einschlafen

[CN: Geburt, sexuelle Gewalt, Rassismus, Tod, Blut, Knochen, Depression]

Ich wurde gebeten, doch die Ausstellung “Schlaflos” im 21er Haus, einem der 10.000 Museen für zeitgenössische Kunst in Wien, zu besuchen und davon zu berichten. Ich, dem Bett prinzipiell sehr zugeneigt und neugierig, denn der Hinweis auf die Ausstellung war schon durch meine Timeline gewandert, ging hin.

20150201_152028Nun.

Die Ausstellung hat sich eigentlich – so wie die meisten Museumsausstellungen – fast genau an mich gerichtet, also an eine weiße Bildungsbürgerin, nur, naja, sie war eher an weiße Bildungsbürger gerichtet. Trotzdem habe ich keinerlei Leitfaden, tieferes Konzept oder tiefere Zusammehänge ausfinding machen können. Ich frage mich seitdem, ob ich zu blöd bin, aber es gibt nur zwei Möglichkeiten: Leitfaden/Konzept/Zusammenhänge sind so obskur, dass ich sie nicht erkannt habe oder … die Ausstellung ist schlecht gemacht. Mittlerweile tendiere ich zur zweiten Möglichkeit.

Wenn … der Grundgedanke der Ausstellung eine Google-Bildersuche nach “Kunst”, “Bett” und den Schlagworten Geburt, Liebe, Krankheit, Tod, Politisch, Gewalt und Einsamkeit gewesen wäre …

Wenn … der Grundgedanke der Ausstellung eine Kooperation zwischen Kurator_innen zu den besagten Schlagworten – jede Person ist für ein Schlagwort zuständig oder jede Person trägt X Kunstwerke zu jedem Schlagwort bei – gewesen wäre …

Wenn … der Grundgedanke der Ausstellung eine große Menge an interessant angeordneten Exponaten gewesen wäre, …

dann …

wäre es eine bessere Ausstellung gewesen als die, die ich mir angesehen habe. Gut, es gibt ja auch die Möglichkeit, sich jedem Kontext, jeder Herstellung von Zusammenhängen zu verweigern. Aber es wurden Zusammenhänge hergestellt – Bett und Geburt, Liebe, Krankheit, Tod, Politisch, Gewalt und Einsamkeit. Nur innerhalb der Überthemen und dazwischen, an den Ecken, in den Nischen schepperte es vor … Beliebigkeit? Einem verborgenen Plan? Absichtlich konstruierten Zufallsfunden?

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich abwechselnd genervt, gelangweilt und betroffen war. Aber von vorn.

Die Ausstellung begann mit dem Themengebiet “Geburt”. Nein, zuerst: Das BETT! Begonnen wird mit einem Fließtext über die Kulturgeschichte und Bedeutung des Bettes, der unerwähnt lässt, dass jede Menge Kulturen nicht in einer Holzschachtel mit Matratze, Polster und Decke schlafen, sondern alle möglichen Variationen ersonnen haben. Netter unerwähnter Eurozentrismus. Wir schreiben 2015. This isn’t new, bold or different.

Danach kommen die Wiegen, “Symbol der Mutterbrust”. Hä? Ich dachte immer, Wiegen seien … Symbole des Uterus oder der wiegenden Arme. Hm. Auch verwend(et)en nicht alle Kulturen Wiegen, na egal. Also Wiegen. Eine schöne, nobliche von Thonet. Die kenne ich schon aus dem Museum Angewandter Kunst in Wien, ich würde zu der nicht Nein sagen, außer, dass sie riesig ist und sicher Rückenschmerzen verursacht.

20150201_143028Aber sie steht weit weg von allen anderen Wiegen. Warum eigentlich? Dabei gibt es noch: ein schiefes Kinderbett, ein Kinderbett mit Spiegel statt Matratze, eine Wiege aus Bronze (alles Kunst). Aha. Ein Foto von Juergen Teller zeigt ein Kind namens Ed, wie es ein japanisches Hotelzimmer zerlegt. Ah so. Es gibt in der ganzen Ausstellung viele Fotos von Teller, dessen Stil ich nicht mag.

Dann ein Bild eines neugeborenen Kindes von Lavinia Fontana (1552 – 1614), einer der ersten bzw. frühesten Malerinnen, die Aufnahme in die Uffizi in Florenz fanden. Gegenüber ein mittelalterliches Gemälde auf Holz von der Geburt Marias, die schon komplett im Kleid und mit langen Haaren und Heiligenschein aus ihrer Mutter Anna gekommen ist, scheint’s. Etliche Fotos von Babys auf väterlichen Bäuchen, ich muss an memyselfnchild_ denken.

Dann das “Geburtenbett” von Valie Export, dessen Tonspur schon vorher und von nun an die Ausstellung begleitete, zuerst nervig und unbehaglich, dann langsam immer vertrauter und schließlich wie ein Gitarrenriff klingend. Eine Geburt ist hier nicht zu sehen, alles ist verklausuliert oder verhüllt, ein großer Überhang von männlichen* Künstlern. Hm. Eins gelernt: In Wien gab’s auch einmal Säuglingswäschepakete. Könnten eigentlich wieder eingeführt werden.

Gut. Weiter in den großen Raum, in dem gut verteilt verschiedene Bettskulpturen stehen. An der Wand hängen ein paar Bilder. Ok. Ich finde keine der Skulpturen besonders auf- oder anregend. Aber eine finde ich berührend. Es ist diese:

20150201_135612“Kratz” von Urs Fischer erinnert mich an das Gefühl, wenn ich nachhause komme und mich erst einmal auf mein Bett werfe. Es scheint mir wie eine Person, die, getreten, zerronnen, zerstört, aber fast andächtig, tief erschöpft und traurig ins Bett kriecht oder vielleicht davor kniet und betet. Am liebsten hätte ich mich dazugelegt.

Ein paar weitere Dinge steht im großen Raum: “Liege für Hermann Schürrer” von Hans Kupelwieser und Franz West, die aussieht, als würde hier etwas abgetropft werden …

20150201_135643… und “Untitled (aus Leaving Home” von Sudarshan Shetty, der offensichtlich öfter mit Skeletten arbeitet. Hier bewundere ich aber vor allem die Maserung des Holzes.

20150201_135700In der Mitte des Raumes steht “Cama” von Los Carpinteros. Es sieht witzig aus, aber natürlich darf da nicht drauf rumgetobt werden. Es gibt überhaupt nichts zum Anfassen, Hinlegen oder sonst irgendwie haptisch erfahren. Dahinter ein Schüttgemälde von Hermann Nitsch.

20150201_135841Ich bin mehr als underwhelmed. Die Skulpturen stehen zwar alle so, dass bequem darum herumgegangen werden kann, aber viele davon sind für mich langweilig. Neben “Kratz” stehen vier Stockbetten, drei blaue, ein gelbes oder vielleicht umgekehrt, ich weiß es schon nicht mehr. Darauf liegen Bücher der Person, die die Skulptur konzipiert hat, ich glaube es war eine Frau, aber auch das habe ich schon vergessen. Ohne jeden Hinweis auf die Signifikanz der Bücher sehe ich nichts außer bunten Stockbetten, die mich auf keinste Weise ansprechen. So geht es mir mit den meisten Skulpturen.

Frustriert werfe ich die Hände in die Luft und gehe zum Bereich “Krankheit”. Jetzt beginnt es schlimm zu werden. Und ich meine nicht vom Ekelpotential her. Randomly mischt sich unter die verschiedenen Fotos – Krankenschwestern bei der Ausbildung 1942 (really?), Ruheraum in Baden-Baden oder sonst einem Bad (alle Betten mit rot abgedeckt, sieht gruselig aus), ein Lazarett aus dem 1. Weltkrieg (aber eh nur ein braves Gruppenbild) eine Karikatur aus 1934.

Eine antisemitische. Sagt mir dann der Katalog des Bildarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek, das die Karikatur sonst beherbergt. Wenn ihr sie euch ansehen wollt, hier der Link. Der Katalog sagt mir auch, dass hier Engelbert Dollfuß, der Bundeskanzler und Anführer der Austrofaschisten zu sehen ist, zusammen mit Emil Fey, Führer der austrofaschistischen Heimwehr und Vizekanzler, und Ernst Rüdiger Starhemberg, auch Heimwehrführer, später auch Vizekanzler. Sie beugen sich über das Bett der schlafenden “Austria” und hoffen, dass sie nicht aufwacht, während der jüdische Arzt garantiert, dass sie es nicht tun wird.

In der Ausstellung wird diese Karikatur in keinerlei Kontext gesetzt. Sie ist einfach da, gesagt wird nur, wer sie gezeichnet hat, nämlich Leopold Johann Dorfstätter, mit welchem Material auf welchem Medium, sowie der Titel. Warum ist diese Karikatur dort? Von allen Karikaturen, die “kranke” Staaten im Bett abbilden – und da gibt es viele, warum ausgerechnet diese? Was war da der Hintergedanke? Dass die Besucher_innen den Rassismus bzw. Antisemitismus ohnehin nicht erkennen werden?

Im hintersten Raum ist ein Krankenbett mit einer Wachsfigur drin, “Temporarily Placed” von Michal Elmgreen und Ingar Dragset. Sie sieht sehr real aus, die Person, die vor mir im Raum ist, erschaudert und geht schnell. Ich zucke mit den Achseln und drehe mich um.

20150201_140804Zuletzt komme ich an einer Installation von Douglas Gordon vorbei. Eine Frau erleidet einen Anfall und wird von zwei Männern auf dem Bett fixiert.

20150201_141123“Hysterical” heißt die Installation. Einige der Mitschauenden lachen. Mir wird grauenhaft und ich gehe zu den Räumen über den Tod.

Hier gibt es auch ein mittelalterliches Gemälde auf Holz, vom Tod Marias, die neben dem Bett Zuckerzeugs und getrocknete Früchte hat, in der Tapete/Wandbemalung/Wandbehang hinter ihr sind Tiere. Daneben hängen kleine Bilder aus einem “Ars moriendi”-Buch, von der Kunst zu sterben. Hmmm. Wie wird das denn besonders gut gemacht? Hier sind lauter Männer zu sehen, Männer auf dem Totenbett, Marcel Proust, Egon Schiele, Kronprinz Rudolf, Franz Lehar, Wilhelm III. von Preußen, der heilige Josef, ein alter Mann und ein namenloser “Erlöster”. Was für ein Zusammenhang besteht da? Geht es hier einfach nur um tote Männer in Betten?

An sichtbaren Frauen gibt es nur die mittelalterliche Maria, eine abstrakte sterbende Mutter und “Das tote Kind”, ein Mädchen, gemalt von Johanna Kampmann-Freund (1888-1940), einer jüdischen Malerin, die noch nicht einmal einen Wikipedia-Eintrag hat, dabei erhielt sie 1927 für das Bild “Hagar” den Staatspreis. Hier ihr Eintrag im Österreichischen Biographischen Lexikon.

Hm. Fehlt noch ein Raum im Erdgeschoß, “Liebe”. Hier geht’s aber um Sex. Vor allem Nackte, mittendrin etwas versteckt Fotos von Diane Arbus, die tatsächlich Paare fotografiert hat, die auf ihren Betten sitzen und keinen Sex haben. Eins der Paare ist sogar angezogen. Hier findet sich auch ein einziger japanischer Druck von Harunobu Suzuki, der angeblich ein Liebespaar beim Saketrinken zeigt, es ist … ein so underwhelming japanischer Druck, wie ich selten einen gesehen habe. Ernsthaft. Warum? Warum dieser Druck, warum dort, warum nicht ein anderer von den 100.000.000.000.000 japanischen Drucken, meinetwegen ein erotischer, wenn doch eh schon der ganze Raum voll davon ist. Aber das Paar im Druck ist angezogen. Nu ja. Hier hängt auch eine “Bordellszene”, ein Fresko aus Pompeii – und ernsthaft? Wenn wir schon von Bettkulturen reden bzw. sie zeigen oder was immer, nicht eine Darstellung eines römischen Schlafzimmers (da gibt’s nette Fresken), nein, schon wieder ein nackter Arsch? Ernsthaft?!

Ich notiere “SO. UNIMPRESSED.” in mein Notizheft.

Dann gehe ich hinauf in den ersten Stock.

20150201_150313Hier gibt es noch jede Menge Ausstellungsraum, alles gefüllt. Als fast erstes gerate ich an “Bed – Dots Obsession” von Yayoi Kusama. Sieht lustig aus, wie Anemonen am Meeresgrund, hat aber ziemlich ernste Hintergründe.

20150201_143557Daneben hängt Yoko Onos “Painting to be slept on”. “Hang it after sleeping on it for 100 nights” – häng es auf, nachdem du 100 Nächte drauf geschlafen hast – steht da. Wie es wohl aussehen würde, wenn …

20150201_143740Na gut, onwards. Ich bin jetzt bei “Politisch”. Da stirbt Cato im Bett, ein großes Ölbild, ein Foto von Winston Churchills Bett und dann – ein Stich von der (französischen) Königlichen Familie nach der Hinrichtung Ludwig des XVI., im Hintergrund ein Bett. Äh. Daneben ein Foto der Replik des Bettes von Marie Antoinette in Versailles. Warum?

Meine Nerven sind mittlerweile einmal über Mona Hatoums “Dormiente” gerieben worden.

20150201_144245Auch das ist eine Skulptur, die mir gefällt. Sie ist brutal und bitter, schrecklich in ihrer Einfachheit und Komplexität. So viele andere einfache Liegen und Betten in dieser Ausstellung, aber kaum eine kommt an diese heran.

Dann rolle ich die Augen an “Poison is a Woman’s Weapon” von Ryan Gander vorbei … (ich will auch Geld & Ruhm dafür, dass ich Frauen in Unterhosen & T-Shirts beim auf dem Bett hüpfen filme).

20150201_144454Und dann gerate ich an Tracey Emins “To meet my past”. Warum dieses Werk nicht bei “Politisch”  oder “Gewalt” steht – oder zusammen mit Yayoi Kusamas Bett in der großen Ausstellungshalle als Kontrapunkt zu den anderen Skulpturen dort … nun. Keine Ahnung.

“To meet my past” ist überall bestickt, mit Applikationen übersät. Es sieht auf den ersten Blick kuschelig aus, das Bett, aber beim Lesen gefriert das Herz. Warum ist das nicht – versteckt unter anderen harmlosen Betten – eines der Kernstücke dieser Ausstellung? Warum steht es in der Ecke, nicht einmal gut rundherum zugänglich? Schön versteckt, damit es nicht zu verstört, zwischen all den objektifizierten Frauen* im Rest der Ausstellung, steht auf einer Seite im Leintuch eingestickt: “I’m going to get you and when I do the whole fucking worlds going to know that you destroyed my childhood.”

20150201_14512520150201_14513820150201_144519Im letzten Bild, leider sehr unscharf: “I can not beleave I was afraid of Ghosts Tracey Emin 1969-1974”. Es erinnert mich an die Stick- oder Strickmusterflecke, die von ihren Herstellerinnen mit Namen und Jahreszahl signiert werden …

Es gibt jetzt ein Wort für meine Stimmung. “glum”. Wie wenn dir etwas auf dem Herzen sitzt. Aber das ist schnell wieder weg. Ich komme zum Thema “Einsamkeit” und … 10.000 nackte Frauen auf Betten. Äh. Ich notiere “fucking kidding me”. Sauer gehe ich zu “Gewalt” weiter, besichtige die Fotos von Lucinda Devlin, die Fotos von Hinrichtungsräumen in den USA macht. Dann biege ich um die Ecke und …

20150201_150034vor mir ist eines der berühmtesten Bilder, nein *das* berühmteste Bild von Artemisia Gentileschi, “Judith köpft Holofernes”. Dieses Bild. Hier. Hier in dieser Ausstellung, in diesem Kontext. Was hat ein verdammtes BETT mit diesem Bild zu tun, außer dass in dem Bild eines vorkommt?! Warum wird es hier in einem Eck verheizt, noch dazu unter der Rubrik “Gewalt”, in der es kein einziges Bild eines gewalttätigen Mannes gibt, aber dieses Bild und noch ein “Samson & Delila” von Max Liebermann – was soll das bedeuten? Ich finde es respektlos. Artemisia Gentileschi hat die Gewalt, die ihr angetan wurde, in ihren Gemälden verarbeitet. Sie sind nicht dazu da, “Schaut, da, gewalttätige Frauen, urarg!” darzustellen, ohne diesen Kontext dazu. Dieses Bild darf man nicht einfach so hinhängen, noch dazu mit einer Beleuchtung, die das Studieren von Details verunmöglicht, weil die Leinwand reflektiert.

Mir reicht es fast. Fast schmeiße ich alles hin und gehe. Ich gehe durch weitere Räume mit 10.000 nackten Frauen, die dort nur zu hängen scheinen, weil sie eben nackt und im Bett sind. So viel nackte Haut kann ich auch im Kunsthistorischen Museum sehen und dort ödet sie mich genauso an wie hier. Was hätte nicht aus diesem Thema gemacht werden können? Es gibt kein einziges Bett mit Menstruationsflecken, keine tatsächlich zu sehende Geburt, oh, das wäre wohl zu schockierend gewesen, zu real. Wie gut hätte Tracey Emins “My Bed” gepasst. Kein Verweis auf die Studentin, deren Abschlussarbeit es war, die Matratze aus ihrem Zimmer, auf der sie vergewaltigt wurde, überall hin mitzuschleppen, das wäre topaktuell gewesen.

Nur versteckt lässt sich herauslesen, wie schmerzvoll das Bett sein kann. Die Arbeiten von Frauen*, die genau das zeigen, sind in den 1. Stock verbannt und voneinander getrennt. Vielleicht sollte ich froh sein, dass überhaupt Werke von Künstlerinnen* gezeigt werden und ok, die Werke von Künstlerinnen*, zwischen denen sehr wohl ein Zusammenhang besteht, sind halt über die ganze Ausstellung verteilt, vielleicht soll sie das “normalisieren”. Aber das halte ich für eine denkbar ungeeignete Methode.

Lustvoll (jetzt von Sex abgesehen) am Bett ist nichts. Kein Kuscheln, kein Schlafen, kein ausgiebiges Verweilen, Lesen, Träumen. Auch nichts über die Banalität des Bettes oder ein Anklang von sozialen Fragen, da hätten die Bettgeher_innen gut gepasst. Für eine “Kulturgeschichte” reicht mir das nicht.

Überall fehlt der Kontext. Ohne meinen bildungsbürgerlichen Hintergrund hätte ich jede Menge Codes und Hinweise nicht mitgekriegt. Ich wette, ich habe jede Menge Codes und Hinweise nicht mitgekriegt. Ohne Kontext, ja, muss ich selbst einen herstellen, manchmal herbeiinterpretieren. Muss mir selbst einen Zusammenhang basteln, eine Geschichte durch die Ausstellung. Selbst mit ihren thematischen Überthemen schafft es die Ausstellung aber nicht, mir diesen Zusammenhang zu zeigen.

Die meisten Kunstwerke sind für mich nicht ästhetisch ansprechend genug, um mir wenigstens diesen Reiz zu geben. Mehr als einmal stehe ich kopfschüttelnd, die Hände ausbreitend da und sehe die Bedeutsamkeit nicht. Wäre die Ausstellung ohne das Wissen um Codes spröder oder weniger spröde? Bei jedem Überthema gibt es ja Kunst zum Thema. Reicht das schon? Am Ende wünsche ich mir, ich hätte selbst noch Exponate hinzufügen können, umräumen dürfen. Es gäbe so viel …

Frustriert und fadisiert geh ich.

20150201_150638Herwig Kempinger, Ohne Titel. (Das mag ich.)

The Anime Rainbow: Das war die Sommersaison 2014

Disclaimer Regeln & Ressourcen

CN – Da es diesmal Kurzreviews sind & es so viele Anime sind, vergesse ich sicher einiges, sorry! Ich habe auch einige Anime von der Liste gestrichen, entweder weil sie noch laufen (Shirogane no Ishi: Argevollen, Bishoujo Senshi Sailor Moon Crystal) oder weil sie Teil eines größeren Komplexes sind (Kuroshitsuji Book of Circus) dem ich einen eigenen Post widmen möchte oder beides (Sword Art Online II).

Aldnoah Zero [CN Tod, Objektifizierung, PTSD im Zusammenhang mit Krieg, Krieg, physische Gewalt, psychische Gewalt] – In letzter Zeit sind Anime mit gigantischen Robotern, die irgendwelche Gefahren (meist aus dem Weltall) abwehren sollen, wieder sehr populär. Hier geht es um einen Konflikt zwischen Mars und Erde, politische Verwicklungen, eine Prinzessin, wechselnde Loyalitäten … und nervendes Fanservice. In letzter Zeit sehr populär in der Richtung: langsames Hochwandern der Kameras von den Beinen sitzender oder liegender Mädchen* oder Frauen* bis ungefähr Nabelhöhe. So. Nervig. Positiv: Etwas weniger platt als andere Anime was die Storyline angeht (aber noch platt genug, insgesamt, leider), Frauen in Autoritätspositionen (Schiffskapitänin, Navigatorin, Offizierin). Spoiler (mit der Maus drüberfahren): Das Ende fand ich radikal (in an oldschool way), da quasi fast alle sterben, aber es gibt im Jänner ein Sequel … aber für Wiederauferstehung müsste schon sehr viel passieren. Also bin ich doch ein bisschen gespannt. Insgesamt: Ziemlich nö.

Ao Haru Ride [CN Tod eines Elternteils, Trauer, Übergriffigkeit, Sexismus, Femmefeindlichkeit] – Hm. Ein einigermaßen netter Shoujoanime, viel über soziale Position, vor allem von Mädchen*, ganz interessant in Hinblick auf die Navigation zwischen Femininität und ihren Konsequenzen (Ablehnung von den anderen Mädchen*, positive/negative Aufmerksamkeit von den Burschen*). “Love Polygon” wird diese Art von Setting genannt – alle sind verliebt, aber vor allem unglücklich, weil die geliebte Person in eine andere Person verliebt ist usw. Dazu noch ein Familiendrama, das allerdings sehr realistisch ist (selten). Spoiler: Was ich nicht mochte, [CN Übergriffigkeit] war die Szene in der die männliche Hauptfigur die weibliche Hauptfigur vor Übergriffen warnt, indem er selbst übergriffig agiert. Sie selbst reagiert mit sexueller Erregung, was sie auch (in Gedanken) ausspricht, was ich wieder positiv finde, denn Sex wird so selten thematisiert … aber irgendwie hätte das alles anders, also feministischer gelöst werden können. Insgesamt aber: Irgendwie cute, irgendwie analytischer sozialen Zwänge und Positionen gegenüber als andere Shoujoanime, nette Musik, nette Animation … würde ich doch empfehlen, aber vielleicht nicht als Einstieg.

Bakumatsu Rock [CN Tod, Heterosexismus, Cisseximus] – Ich weiß nicht, warum ich mir diesen Anime angesehen habe. Bzw. habe ich eine sehr gute Begründung, nämlich, dass mich interessiert, wie die Bakumatsu genannte Zeitperiode in Anime dargestellt wird. *nick nick* Eigentlich stimmt das ja sogar. Anyway! Ihr müsst ihn euch nicht ansehen. Hier wird eine Dichotomie zwischen “Rock” (gut) und “Heaven’s Song” (= Boy Bands, fast alle böse) aufgestellt, es geht irgendwie um “Hero Souls” und die Kontrolle über Japan bzw. freies Leben … Zielpublikum sind Mädchen*, aber warum sollten die sich eigentlich etwas ansehen, das ihre Interessen runtermacht? Naja, egal, also: Schlechte Musik, grauenhafte Computeranimation, Lustigmachen über die Transfrauenfigur … seht euch das nicht an.

Barakamon [CN physische Gewalt, Heterosexismus] – Ein beliebter Topos: Der lebensferne Künstler(TM), diesmal ein Kalligraph (es sind nie Künstlerinnen*), der sich aufgrund eines Misserfolgs und eines körperlichen Angriffs auf einen Juror aufs Land zurückzieht und dort von der “simplen” Landbevölkerung, allen voran den Dorfkindern, “mit der Lebensrealität konfrontiert” bzw. “inspiriert” wird. Bzw. in den letzten Jahren sehr beliebt: Anime, die sich um eine Kunst oder ein Handwerk drehen. Das kommt hier ziemlich zu kurz. Das Kinderensemble umfasst mehrere Altersstufen, vom Kindergartenkind bis zum Oberstufenschüler sind alle dabei und erfrischend wild, was wenigstens den creepy “erwachsener Mann inmitten von Kindern”-Trend ein wenig abwehrt. (Es gibt nämlich diesen Trend … Anime, deren Haupthandlung das Leben einer Gruppe von Mädchen* ist, die dann vom (angenommenen) cisheteromännlichen* Zielpublikum fetischisiert werden, siehe z.B. Hanamaru Youchien, Non Non Biyori u.ä. Supercreepy.) Vollkommen problematisch an Barakamon ist die Reaktion auf das Queerbaiting, nämlich offener Heterosexismus, der wohl … den komödiantischen Topos der Fujoshi aufbrechen soll? Insgesamt: Meh.

DRAMAtical Murder [CN nicht-konsensuales Küssen (aber nur kurz), physische Gewalt, Tod] – Hm. Auch so ein “Hier, Mädchen*, ein paar nett anzusehende Dudes mit unterschiedlichen Haarfarben” hier mal ganz ohne weibliche Hauptfigur, wie auch Bakumatsu Rock. Wird anscheinend immer mehr gepusht, dieses Genre – aber die Geschichte, Animation, Musik, Figuren sind so schlecht, dass sie eigentlich nicht anzuschauen sind. Manchmal frage ich mich, ob die Finanzkrise an diesen low value productions schuld ist (und an der Überzahl der “Boy meets Girl”-Anime, die auf ein männliches* Publikum abzielen). Ja, also es geht um die Zukunft und virtuelle Realität und ein böser Typ will alle hypnotisieren … baaaahhhhhhh. *seufz* Dazwischen angedeutet – Anziehung zwischen den Figuren und sogar ein Kuss. (Yay Fortschritt!)

Gekkan Shoujo Nozaki-kun [CN cartoonhafte physische Gewalt] – Mein absoluter Favorit diesen Sommer. Ich musste bei jeder Episode laut lachen. Ich liebe diesen Anime. Das Setting selbst ist eigentlich schon gut erprobt, Highschool Comedy plus Manga zeichnen, in der letzten Zeit nach Bakuman sehr beliebt, aber hier wird so viel auf den Kopf gestellt. Um das zu merken und wirklich zu schätzen, lohnt es sich allerdings, zuerst ähnliche “typische” Anime anzuschauen … aber nötig ist es nicht. Bespreche ich jedenfalls noch ausführlicher – große, große Empfehlung.

Glasslip – Sah zu Beginn nach Standardromanze (wieder mit Love Polygon) aus, wurde dann von Folge zu Folge undurchsichtiger, mit Visionen von “Fragmenten der Zukunft”, die aber nie erklärt werden, immer weniger Zusammenhängen und am Ende stand ein Gedanke: “Äh?” Ganz nett daran: Moderne Architektur im Alltag! Und ein bisschen klassische Musik. Und es gibt eine bisexuelle Figur, die mit eigenen Interessen, eigener Geschichte porträtiert wird. \o/Spoiler: Leider checkt die weibliche Hauptfigur es überhaupt nicht als sie von der bisexuellen Figur eine Liebeserklärung kriegt bzw. möglicherweise ignoriert sie sie absichtlich. :( Urteil: Nee.

Love Stage!! [CN sexuelle Übergriffigkeit, physische Gewalt] – Das ist nicht der erste Anime, der sich einer homosexuellen Liebesgeschichte zwischen zwei Cismännern widmet, aber sicher der expliziteste der Yaoi-Mainstreamanime, die ich bisher gesehen habe (Junjou Romantica habe ich mir noch nicht angeschaut, weil mir der Manga unsympathisch ist). Explizit daher, weil die beiden Hauptcharaktere, Ryouma und Izumi, offen ineinander verliebt sind (also Ryouma erst in Izumi, dann …) und Anziehung auch offen zeigen dürfen, wenn auch eine Person in den sexuell expliziteren Szenen nur als sparkly, pastellfarbene Silhoutte gezeigt wird. Es gibt hier, anders als in z.B. No. 6, auch keine Hintergrundgeschichte, sondern der Anime folgt der Beziehung zwischen Ryouma und Izumi, also einer klassischen Lovestory. Sie folgt einem gängigen Yaoi-Topos, aber um euch das jetzt alles zu erklären, müsste ich weit ausholen und ehrlich gesagt ist es mir zu heikel über Yaoi zu schreiben, weil ich mich erst langsam kritisch damit auseinandersetze, also lasse ich es. Ich kann auch nicht wirklich verorten, welche Bedeutung es hat, dass diese Anime auf diese Art und Weise produziert und gezeigt wurde. Falls ihr mehr dazu wissen wollt, kann ich euch nicht wirklich weiterhelfen, weil ich zu wenig weiß. Ich finde Love Stage!! ganz ok, ich lese auch den Manga, mag daran aber Rei x Shougo.

Nobunaga Concerto [CN Tod, Krieg, Tote, Blut, physische Gewalt] – Saburou, ein Schüler, wird plötzlich in die Zeit zurück versetzt, in der Oda Nobunaga lebte und nimmt seinen Platz ein. Der Anime folgt seiner Laufbahn und seinen Begegnungen mit anderen Zeitreisenden. Nicht besonders spannend, außer ihr plant eine Analyse von Anime, die in der Sengoku-Zeit spielen (was durchaus spannend wäre). Ganz lustig fand ich, dass Saburou das Raum-Zeit-Kontinuum egal ist und er sein Geschichtebuch konsultiert, bis es ihm geklaut wird.

Tokyo ESP [CN Tod, Krieg, Tote, extreme physische Gewalt, psychische Gewalt, Blut] – Hätte eigentlich ganz gut sein können, ohne die exzessive, unangenehme Sexualisierung der weiblichen Figuren. Erinnerte ein bisschen an X-Men – plötzlich haben einige Leute Superkräfte, mit denen sie umgehen müssen. Wenigstens gibt es wenig Schulszenen und es geht wirklich eher um Action, mit vielen weiblichen Figuren, aber auch den typischen “lustigen” Figuren, die überhaupt nicht lustig sind, wie z.B. den übergriffigen alten Mann (hier als Panda verkleidet). Es gibt die Bösen, gegen die die Guten kämpfen, alles sehr dramatisch, aber im Endeffekt alles sehr 0815, sexistisch und unnötig.

Tokyo Kushu/Tokyo Ghoul [CN Tod, extreme, explizit dargestellte physische Gewalt, psychische Gewalt, Blut, Organe, Kannibalismus, Folter] – Lange Zeit hielt ich Gewalt in Anime recht gut aus. Es sind ja “nur” animierte Figuren und obwohl die mich schon zum Schreien, Heulen, Herzschmerzen gebracht haben, sie sind nicht so real wie echte Schauspieler. In den letzten Jahren gibt es aber einen Trend von immer expliziteren Gewaltdarstellungen, die ich nicht mehr aushalte. Es ist zu grauenhaft und zu sadistisch und Tokyo Ghoul gehört zu diesen Anime. Die Story selbst ist sehr standardmäßig, Ähnlichkeit mit Kemonozume ist da, vor allem in der OP, aber außer der flüssigen Animation ist hier nichts Originelles zu sehen. Gleichzeitig lässen sich diese Stories um Menschenfresser (Kemonozume, Shingeki no Kyojin, in der jetztigen Saison Kiseijuu: Sei no Kakuritsu) wohl als Metaphern (z.B. für Kapitalismus, gesellschaftlichen Druck, u.ä.) verstehen und ihre Häufung und Popularität in den letzten 2 Jahren wird wohl kein Zufall sein. Aber mir dreht es langsam den Magen um :/ Angeblich ist der Manga besser und eine zweite Saison wird es auch geben (no na), aber … nix für mich.

Yami Shibai 2 [CN Horror – sorry, ich erinnere mich nicht mehr an die Details] – Anime mit sehr kurzen Folgen, immer über eine Gruselgeschichte, so á la “Dies ist die Geschichte über XPerson, die …” und dann passiert ihnen irgendetwas creepiges. Die erste Saison war tatsächlich sehr creepy, diese ist zwar auch creepy, aber weniger extrem. Trotzdem insgesamt eher meh.

Zankyou no Terror [CN physische Gewalt, Explosionen, psychische Gewalt, Terrorismus] – Diese Serie werde ich auch noch separat besprechen. Es geht um zwei Freunde, die Terroranschläge verüben, den Polizisten, der dem Ganzen auf dem Grund gehen will und Lisa, die per Zufall in die Sache verwickelt wird. Ich muss mir den Anime aber nochmal ansehen, um zu einem endgültigen Urteil zu kommen, aber insgesamt fand ich ihn recht interessant, aber wieder eigentlich auf bereits vorhandenen Geschichten aufgebaut, also nicht besonders neu, sondern ein bisschen zu vertraut. Nachdem klar wurde, worum es ging, war mir auch ein wenig fad. Aber mal sehen, was ich nach dem nochmaligen Ansehen denke. Gut daran: Kein Fanservice, abgeschlossene Geschichte, ungewöhnliche OP & ED.

So, jetzt darf ich endlich guten Gewissens mit der Herbstsaison beginnen! Jedenfalls so gut mein Gewissen sein kann, da ich noch 100 andere Dinge tun sollte. XD

The Anime Rainbow: Seirei no Moribito (Guardian of the Sacred Spirit)

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[CN physische Gewalt, Tod, Blut, eine Instanz wo ein Kind eine Ohrfeige kriegt, Höhe]

Ich wollte ja noch warten, bis ich das Rezensieren ein wenig mehr geübt habe, aber ich habe diesen Anime schon so oft empfohlen und jetzt scheint die Empfehlung langsam Runden zu ziehen, also kann ich gleich darüber schreiben. Seirei no Moribito ist einer meiner Lieblingsanime. Ich kann mich selten auf *ein* Lieblingsirgendwas einschränken, aber wenn ich müsste … es wäre dieser Anime. Es fällt mir schwer, adäquat auszudrücken, wie großartig dieser Anime ist, ich hoffe also, dass ihr ihn euch anseht, selbst wenn euch die Rezension nicht anspricht.

Für mich ist Seirei no Moribito einer der wenigen tatsächlich feministischen Anime. Er basiert auf der zwölfteiligen Romanserie “Moribito” von Nahoko Uehashi, von der 9 Bände auf Englisch übersetzt wurden. Leider verkaufte sich die Serie nicht so gut, daher wurde die Übersetzung eingestellt. Der Anime hat 26 Folgen und erzählt die Geschichte des ersten Bandes.

Die Hauptfigur von Seirei no Moribito ist Balsa, eine Speerkämpferin, die als Bodyguard arbeitet. Nach zweijähriger Abwesenheit kehrt sie zurück in die Hauptstadt des Yogo-Reiches, das in vielen Aspekten an ein historisches Japan (aber fragt mich nicht welche Epoche) angelehnt ist. Gleich bei ihrem Eintreffen rettet sie ein Mitglied der königlichen Familie – einen Jungen. Als Dank wird sie in den Palast eingeladen. In der Nacht wird sie von der zweiten Kaiserin, der Mutter des Prinzen, damit beauftragt, das Leben des Prinzen zu beschützen, denn es wurden bereits mehrere Anschläge auf ihn verübt. Balsa hat es sich aus einem wichtigen Grund zur Aufgabe gemacht, acht Leben zu retten und kann deshalb den Auftrag nicht ablehnen. Also ist sie von jetzt an für das Leben des Prinzen Chagum verantwortlich und der muss sich schnellstens an die “wirkliche Welt” außerhalb des Palastes gewöhnen.

In der Welt von Seirei no Moribito gibt es zwei Welten, die der Menschen und die der “Geister” (aber nicht im Sinne von Gespenst), die mit einander interagieren und von einander abhängen. Chagum wird deshalb verfolgt, weil sich in ihm das Ei eines Wassergeistes eingenistet hat und laut dem Gründungsmythos des Yogo-Reiches sind Wassergeister vom Kaiser zu töten. Allerdings gibt es im Yogo-Reich noch andere Mythen – die der ursprünglichen Bevölkerung – und die haben ganz andere Ansichten, was Wassergeister betrifft: Die sind nämlich wichtig für die Wasserversorgung der ganzen Welt. Aber unter welchen Bedingungen schlüpft das Wassergeistei? Das herauszufinden, Chagum dabei vor dem Zugriff des Kaisers und darüber hinaus zu beschützen und den Wassergeist sicher zum Schlüpfen zu bringen wird zur zentralen Motivation.

Balsa wird bei ihrer Aufgabe von vielen Personen unterstützt. Da ist ihr Jugendfreund, der Heiler Tanda, der sich immer um ihre Verletzungen gekümmert hat. Er geht bei der Schamanin Torogai in die Lehre, die mit der Welt der Geister kommuniziert (nein, nicht durch Trance, durch Tauchen). Tooya und Saya, zwei Jugendliche, die Balsa ihr Leben verdanken, unterstützen sie ebenfalls. Tooya ist ein begnadeter Händler und schlägt immer einen guten Deal heraus. Von kaiserlicher Seite gibt es auch eine Vielzahl von Personen, von denen einige Balsa entweder verfolgen oder versuchen herauszufinden, was denn jetzt wirklich los ist mit diesem Wassergeist.

Soweit klingt das simpel und nach einer typischen Fantasystory, aber genau das ist Seirei no Moribito nicht. Balsa ist 30. Ich sage das nochmal: Balsa ist 30. Eine dreißigjährige Hauptfigur, also die Figur, die im Zentrum einer Geschichte steht und deren Perspektive hauptsächlich eingenommen bzw. erzählt wird, ist in Anime so selten, dass mir beim überlegen vielleicht ca. 10 Anime eingefallen sind und selbst auf diese Zahl würde ich nicht schwören. Meine “completed”-Liste umfasst im Moment (etwas bereinigt) ca. 550 Anime und nein, natürlich sind das nicht alle Anime ever, aber es sind doch einige. Also das nur mal als Anfang.

Weiters ist ein Fokus von Seirei no Moribito Balsas Reflexionen über ihre Geschichte, ihren Vater und wie es für ihn gewesen sein muss, sie aufzuziehen – also über Elternschaft, denn mit Übernahme des Auftrags, Chagums Leben zu beschützen, wird sie zu seiner Mutter. Was Elternschaft für Balsa bedeutet und wie sie diese Rolle ausfüllt und welche Rolle_n sie dabei einnimmt, was das für sie bedeutet, das alles wird in Seirei no Moribito erkundet. Es ist selten, dass eine Frau gezeigt wird, die diese Rolle (aus Gründen) nicht einnehmen will. Es ist selten, dass gezeigt wird, dass Elternschaft auch für Frauen ein Lernprozess und eben nicht etwas “Naturgegebenes” ist – den Plot “Krieger muss Kind aufziehen” gibt es viel öfter.

Aber Seirei no Moribito geht noch viel weiter. Es ist so multidimensional, dass ich gar nicht alles beschreiben kann. Es macht sichtbar, was in anderen Serien als “normal” dargestellt und nicht in Frage gestellt wird. Zum Beispiel wird Balsas Aufgabe, 8 Leben zu retten,  kritisch beleuchtet: Wenn sie Menschen tötet, um ein spezifisches Leben zu retten, stellt sie dessen Wert über den Wert der Getöteten. Also kämpft Balsa so, dass sie Kampf zuerst einmal versucht auszuweichen. Wenn es sein muss, verletzt sie Menschen zwar, aber tötet sie nicht. Das ist ein großer Unterschied zu vielen anderen Geschichten.

Seirei no Moribito zeigt auch deutlich Klassenunterschiede, Rassismus, die Konsequenzen von Herrschaftsmythen und herrschaftlicher Geschichtsschreibung, das Machtgefälle zwischen Wissenschaft und “Volksmythen”, ökonomische Hintergründe, die Konsequenzen für die Umwelt haben, was wiederum Konsequenzen für die Interaktion zwischen der Menschenwelt und der Geisterwelt hat, etc. etc. etc. auf. Manchmal nur in Andeutungen, die erst nach wiederholtem Anschauen sichtbar werden und ja, ich habe die Serie wohl schon an die 20mal gesehen. Ich wette, beim neuerlichen Anschauen würde ich wieder neue Details bemerken.

Und Seirei no Moribito zeigt andere Geschlechterrollen. Balsa ist die Kriegerin – nun, kämpfende Frauen sind in Anime keine so große Seltenheit. Aber sie ist nicht nur eine Kampfmaschine, sondern besitzt umfassendes Wissen über eine Vielzahl von Dingen, die für das tägliche und für ihr spezifisches Überleben gebraucht werden – und weit darüber hinaus. Tanda ist der Heiler, der Caregiver, über weite Strecken auch der, der im Haus bleibt, der, der Essen zubereitet. Das ist sehr ungewöhnlich.

Torogai die Schamanin ist schon älter, aber sehr aktiv, körperlich, geistig. Sie isst mit großer Lust und überwintert lieber bei heißen Quellen, als mit Tanda, Balsa und Chagum glückliche Familie zu spielen, denn sie hatte schon eigene Kinder – ja! Das ist keine zölibatäre, asketische, “weise Frau”. So wie auch die Hauptfiguren viele verschiedene Aspekte haben, werden auch die Nebenfiguren in der Regel nicht eindimensional dargestellt. Sie haben Hintergründe, eigene Motivationen, äußere Zwänge, unter denen sie agieren.

Dafür, dass diese Serie so unglaublich voll erscheint – voll Figuren, voll Subtext, voll Plot, ist sie doch von der Erzählgeschwindigkeit überhaupt nicht hastig oder überstürzt. Alles entfaltet sich der Situation entsprechend. Es gibt keine “Filler”, also keine Episoden, die den Plot nicht vorantreiben bzw. den Charakter der Figuren nicht entwickeln – alles hat eine Bedeutung, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint, selbst die Musik. Dazu kommt eine großartige Animation und visuelle Gestaltung – gut gezeichnet, flüssige Bewegungen, kein Fanservice, die Computeranimation ist unauffällig (also zumindest für mich), wunderschöne Landschaftsbilder … *hust*, ich glaube ich habe heute noch nichts vor …

Fazit: Ein feministischer Fantasyanime mit einer großartigen Geschichte, großartig umgesetzt.

Nehmt ein anderes Bild!

In Teilen meiner Twitterblase wurde über das Unbehagen über dieses Bild [CN sexualisierter, als männlich lesbarer Körper, rassistische Karikatur] https:// twitter.com/yesallwomen/status/510516783686877184 gesprochen. @antiprodukt fragte: “Bin ich die einzige, die das “If male videogame characters were dressed like females” Bild als rassistische Karikatur wahrnimmt?” Es könnte sich dabei um eine sexualisierte Darstellung der Figur des Raiden aus Mortal Kombat handeln, aber ehrlich gesagt finde ich das nicht ganz – vielleicht ist es auch eine andere Figur.

Anyway, @antiprodukt ist nicht alleine bei ihrer Einschätzung. Als ich das Bild das erste Mal sah, schätzte ich es sofort als rassistische Karikatur ein, die das rassistische Stereotyp des “Mandingo” transportiert. Aber ich hielt erst mal den Mund. Das tut mir leid.

Hier zwei basic info-Links (leider nur auf Englisch, aber ich hab weiter unten was übersetzt):
http://thuyanhle.wordpress.com/2012/03/11/the-mandingo-theory/

[CN Abbildungen rassistischer Stereotypen] http://thisiswhitehistory.tumblr.com/post/44559573934/day-4-of-white-history-month-anti-black-racial
Übersetzung des relevanten Absatzes: Schwarze Frauen und Männer werden seit langem für hypersexuell, promiskuitiv und daher animalistisch, also tiergleich gehalten.
Das Mandingo-Stereotyp stellte Schwarze Männer als hypersexuelle Bestien dar, die sich nicht zurückhalten konnten (und gezielt Weiße Frauen bedrohten), mit “tierischen” (also übergroßen) Genitalien. Es wurde benutzt, um die Minderwertigkeit Schwarzer Menschen und die Notwendigkeit, Weiße Frauen zu beschützen zu belegen.

Dieses Stereotyp wird heute nicht nur in der Pornographie angewendet, wie der Artikel sagt, sondern eben auch durch solche Bilder (und andere Medien) transportiert. Es gibt bereits jede Menge Karikaturen und Bilder, die genau das Problem der sexuellen Objektifizierung von als weiblich lesbaren Körpern behandeln, ohne rassistische Karikaturen abzubilden. Und um auf die fehlende Repräsentation von Schwarzen Menschen (als spielbare Charaktere, also Held_innen, denn als Antagonist_innen bzw. Hintergrunddekorationen im Sinne der Feminist Frequency-Videos kommen sie schon vor – edited am 29.9.2014, danke für den Hinweis, @CarFreiTag) in Spielen hinzuweisen ist dieses Bild auch nicht geeignet.

Nein, Lookism ist nicht ok

Da ist Tag des Plastiksackerls (Plastiktüte) und eine Abgeordnete der deutschen Grünen sowie der Fraktionschef der deutschen Grünen posieren gemeinsam mit einem Stoffbeutel, auf dem “Bio macht schön” gedruckt ist. Das Foto wird via Facebook und Twitter verbreitet und gestern hatte ich dann eine Unterhaltung auf Twitter darüber, da eine Person einen Tweet des Fotos mit gehässigem Kommentar retweetet hatte. Denn gehässige Kommentare gab und gibt es zuhauf.

Schließlich fühlte ich mich motiviert, etwas generelles dazu zu sagen:

Dehumanisierung der Person, die kommentiert wird, meine ich damit: Die Person wird als weniger wert und weniger menschlich wahrgenommen, sie wird ein Objekt, ein Ding, ohne Gedanken, ohne Gefühle, ohne Geschichte. Die negativ kommentierende Person denkt von sich mehr wert zu sein als dieses schon nicht mehr menschliche Objekt, für das sie keine Empathie aufbringen muss, denn es ist ein Objekt und kein Mensch mehr.

In einem sozialen Kontext – sowohl on- als auch offline, kann ein negativer Kommentar über das Aussehen einer Person zu einer fürchterlichen Dynamik führen:

Eine Person sagt was, die andere setzt was drauf, immer mehr versuchen sich zu übertreffen, die Sprache wird immer härter, Sexismus, Rassismus, Klassismus, Heterosexismus, Cissexismus, Ableismus, etc., die dem ersten negativen Kommentar zugrundeliegen, ob bewusst oder unbewusst, kommen immer deutlicher, immer offener zum Vorschein.

Das habt ihr sicher schon gesehen und teilweile auch erlebt. Dieser erste Schritt kann zu einer Gewaltspirale führen, an deren Ende einerseits verletzte, traumatisierte, retraumatisierte Menschen stehen – und andererseits Menschen, die sich in ihren *istischen Vorurteilen und ihrem *istischen Verhalten bestätigt sehen. Sie werden also wieder negativ kommentieren und wieder Menschen verletzen.

Diese Konditionierung (durch Elternhaus, Umfeld, Medien, etc.) sitzt tief, auch bei mir. Aber daran lässt sich arbeiten, auf allen Ebenen: Bei mir, in der Filterbubble, bei der Kritik an Medien, die solche Aussagen tätigen und verbreiten, beim Engagement gegen lookism und Fatshaming.

Ich finde die Aussage “Bio macht schön” problematisch – denn sie verkennt, dass sich viele Menschen Bioprodukte nicht oder nicht durchgehend leisten können, qualifiziert sie als hässlich ab, wenn sie keine Bioprodukte kaufen und jagt ihnen Angst ein: “Iss bio, dann wirst du schön und du musst schön sein (wollen) und zwar so, wie die Gesellschaft das vorgibt, dann wird es dir besser gehen.” Den gängigen Schönheitsnormen nicht zu entsprechen hat ernsthafte Konsequenzen – und je marginalisierter die Person, desto ernster sind die Konsequenzen.

“Bio macht schön” spielt genau in die normativen Schönheitsvorstellungen hinein, die den zwei Politiker_innen nun um die Ohren gehauen werden. Ich hätte lieber Argumente statt griffiger Slogans – und Maßnahmen zur Armutsbekämpfung. Aber ich finde eben die Aussage und die dahinterstehenden Normen problematisch und kritisiere Aussage und Normen, nicht das Aussehen der Personen, die hinter der Aussage stehen.

Gestern bekam ich die Argumente: “Aber die sind doch Teil der herrschenden Klassen! Und das ist Satire (und die darf alles!)”

Richtig, das sind zwei Politiker_innen. Und Politiker_innen sollten durchaus etwas mehr nachdenken, bevor sie klassistische, normative Botschaften wie “Bio macht schön” verbreiten. Aber es sind auch zwei Menschen. Über ihr Aussehen zu spotten ist nicht Satire, sondern eine Aufrechterhaltung der bestehenden Schönheitsnormen. Zudem richten sich die Angriffe heftiger gegen die grüne Abgeordnete, denn Sexismus is alive and well.

Selbst *ismen und Normen zu kritisieren und sie aber gegen andere, “die da oben” oder auch gerne “die da unten” einzusetzen, ist Messen mit zweierlei Maß. Wenn ich den Anspruch habe, dass mein Aussehen nicht kritisiert werden soll, dass die Normierung und Hierarchisierung von Aussehen, Körperformen, Kleidungsstil, etc. aufhören soll, sollte ich diese Normierungen und Hierarchisierungen nicht selbst fortführen und unterstützen, sondern auf allen Ebenen bekämpfen.

Nochmal:

Die der anderen … und der eigenen.

Rants in Kurz und nicht so Kurz 2: Manpfehlungen

1. Als Zusatz zu “Mansplaining/Herrklären” habe ich gerade “Manpfehlung” festgesetzt. Das sind diese ungefragten Empfehlungen, die gerne auch einen beleidigenden Ton haben. Oder ungefragte “Verbesserungen” meines Begriffs von nicht-feministischer Seite. Als englische Version hat @sanczny “recomMANdation” vorgeschlagen <3.

Leider:

Gusch!

2. Offensichtlich noch nicht durchgedrungen: Cis_männer haben keinen Anspruch auf Erklärungen feministischer Praxen, Thesen, Aussagen, etc. Stattdessen können Cis_männer etwas ganz praktisch tun, um Feminismus(TM) und Feministinnen* zu unterstützen: Sich selbst informieren, selbst lernen, selbst Quellen suchen. Weitere Dinge auch z.B. siehe hier: http://m.xojane.com/issues/feminism-men-practical-steps
Das cis_männliche Gejammere darüber, dass sie keine Erklärungen kriegen, ist eine gängige Derailing-Technik, siehe auch: http://www.derailingfordummies.com/derail-using-education/ Nicht mit mir.

2. Zeitungen, die keine fundierten Artikel zu Ferguson veröffentlichen wollen, können von mir aus sofort eingestellt werden. Pro forma-Wortmeldungen mit social media entnommenen Memes reichen nicht!

 

3. Beim Nachsinnen über den österreichischen antifeministischen Sommer kam mir das Grausen. Ich würde eine gerade Linie von den Angriffen auf das Femcamp und seine Organisator_innen*, durch die Debatte über die “großen Töchter” in der Bundeshymne, den Brief von 800 Personen gegen das Binnen-I, die Verhaftung von Demonstrant_innen, die in Salzburg gegen eine Antiabtreibungsdemo protestierten bis zur SPÖ ziehen, die die in ihren Statuten festgesetzte Frauenquote und deren Bestimmungen außer Kraft gesetzt hat.

Die Angriffe auf das Femcamp und seine Organisator_innen*, die von einflussreichen Lobbyist_innen*, Medienmarketingmenschen und Journalist_innen* betrieben und unterstützt wurden, machten deutlich, dass in Österreich mit breitem Widerspruch gegen sexistisches Verhalten nicht gerechnet werden muss. Feminist_innen* und ihre Unterstützer_innen* haben in Österreich keine Macht.

Die Debatte um die in die österreichische Bundeshymne gesetzten “großen Töchter” zeigte, dass selbst die wirklich einfachsten feministischen Forderungen in Österreich keine breite Unterstützung finden. Ermutigt von dieser Debatte, die in 20.000 Hasskommentare auf der Seite der österreichischen Ministerin für Bildung und Frauen, Gabriele Heinisch-Hossek, mündete, schrieben 800 Personen einen offenen Brief gegen das Binnen-I.

Der Brief von 800 Personen gegen das Binnen-I und anderen cisgendergerechten Schreibweisen, der zunächst in einer Zeitschrift erschien, deren Herausgeberverein nachweislich Kontakte mit der rechtsextremen Szene hat (auch wenn dieses Erscheinen angeblich ein “Versehen” war) zeigte, dass etliche  Wissenschaftler_innen, Lehrer_innen, Schuldirektor_innen ebenfalls nicht einmal die Grundlagen des Feminismus kennen, geschweige denn unterstützen. Lehrer_innen. Schuldirektor_innen. An der Universität beschäftigte Wissenschaftler_innen. Sauber, sauber.

Bei einer Demonstration in Salzburg gegen die dort stattfindende Demonstration der Abtreibungsgegner_innen wurden schließlich Aktivist_innen festgenommen und einige davon wegen “Verhetzung” angezeigt. Komischerweise passiert das bei Naziparolen, Nazigrüßen, Nazidemoschildern, Naziparteiplakaten etc. extrem selten. Also ein weiterer und deutlicher Schritt in Richtung Kriminalisierung von feministischem Aktivismus. Wurde kaum medial thematisiert. In Österreich steht Abtreibung übrigens immer noch im Strafgesetzbuch.

Schließlich – die Nachbesetzung des Mandats der verstorbenen Nationalratspräsidentin Barbara Prammer. Laut SPÖ-Statuten sollte eine Frau nachrücken, um die Frauenquote (40% sollten es eigentlich sein) zu erhalten. Nix da. Wieso denn auch, Österreich ist es aber sowas von wurscht, da kann auf Frauenquoten gut verzichtet werden, wenn die mal politisch nicht opportun sind. Dass die Frau, die nachrücken sollte, Sonja Ablinger, noch dazu nicht immer einer Meinung mit ihrer Partei ist und deshalb von Parteiseite her möglichst nicht ins Parlament zurückgelassen werden will, kommt dann noch dazu.

Wir (mich eingeschlossen) schauen immer etwas verächtlich auf die Schweiz ob der späten Einführung des Frauenwahlrechts: Macht euch keine Illusionen darüber, wenn es im Rest Europas auch Volksabstimmungen darüber gegeben hätte (in der Schweiz gab es darüber nämlich einige, bis endlich ein Ja herauskam), hätten Frauen* in den meisten Ländern das Wahlrecht wohl auch erst in den 1970ern erhalten – oder eventuell noch gar nicht. In Österreich würde ich auf gar nicht tippen. Wenn ihr die Liste im Wikipediaartikel zu Frauenwahlrecht durchseht, seht ihr, wie wenig Abstimmungen es dazu gab. Und abstimmen durften dann meistens die Männer, nicht die Frauen – außer auf den Philippinen. Eine vollständigere Liste ist z.B. hier.

Was kommt als nächstes? Und wann sagen wir “Stopp!”?

The Anime Rainbow: Kokurikozaka kara (From Up On Poppy Hill)

Disclaimer Regeln & Ressourcen

[TW Tod eines Elternteils, Höhe, CN ableistische Sprache]

Der dritte Film, der für mich zu Momo e no Tegami und Gake no Ue no Ponyo passt, ist Kokurikozaka kara oder Coquelicot-zaka kara (From Up On Poppy Hill), ebenfalls aus dem Studio Ghibli. Das Screenplay stammt von Miyazaki Hayao, Regie führte allerdings sein Sohn, Miyazaki Goro.

Es ist 1963 und Tokyo bereitet sich auf die Olympischen Spiele vor. Umi – oder Meeru, wie sie von ihren Freund_innen genannt wird, wohnt in Yokohama, geht in die zweite Klasse der Oberstufe und ist ca. 16 Jahre alt. Neben der Schule macht sie einen großen Teil der Hausarbeit in einem Haushalt, der neben ihrer Großmutter und ihren zwei jüngeren Geschwistern noch drei Untermieterinnen* beherbergt. Jeden Morgen stellt sie ein Glas Wasser vor das Bild ihres verstorbenen Vaters und hisst das Flaggensignal, das er ihr (neben vielen anderen) beigebracht hat. Ja – schon wieder ein toter Vater, ein Schiffskapitän (und natürlich heule ich auch bei diesem Film).

An dem Tag ist jedoch in der Schule einiges los – die Schüler, die das alte Haus für ihre Clubs nutzen, veranstalten eine Aufsehen erregende Aktion, um auf den drohenden Abriss des Gebäudes aufmerksam zu machen. Ein Junge springt vom Dach des Hauses, Quartier Latin genannt, in ein kleines Schwimmbecken – und wird von Umi herausgefischt. Geht ein meet cute noch dramatischer? (Ich muss ja zugeben, ich habe eine Schwäche für kreative meet cutes). Richtig, Kokurikozaka kara ist ein Liebesfilm, mit einem Heteropaar. Daneben gibt es noch den Kampf um den Erhalt des alten Clubhauses, aber vor allem geht es um die sich entspinnende Romanze zwischen Umi und Shun, die jedoch recht bald auf ein schwerwiegendes Hindernis trifft.

Aber es ist ein charmanter Liebesfilm, mit interessanten Haupt- und Nebenfiguren. Die Untermieterinnen* in Umis Haus sind u.a. eine Ärztin und eine Malerin, Umis Mutter ist Universitätsprofessorin auf Reisen, Umis Schulfreundin zeigt den Burschen, wie eine Wand richtig verputzt wird – und als Umis Schwester fragt, ob der ältere Bruder des Burschen, für den sie sich interessiert, auch so klug ist, wird sie korrigiert: Es ist eine ältere Schwester, die Astrophysikerin ist.

Umi selbst ist die zentrale Kraft des Films – ihre Ideen, ihre Arbeit, ihr Auftreten sind es, die Klarheit schaffen, Resultate erzielen. Schon allein deswegen hege ich Ungeduldige große Sympathien für sie. Sie will später Ärztin werden. Shun ist attraktiv, enthusiastisch, wagemutig und athletisch – aber sein emotionales Innenleben wird nur in Zügen angedeutet. Heterosexuelle Liebe und das Heiraten wird allerdings sehr betont – Umis Großmutter hofft, dass Umi eine Person (impliziert: eine männliche Person) trifft, die ihr dann über den Verlust ihres Vaters hinweghelfen kann, Heirat wird als default erwartet.

Ein für mich interessanter Aspekt ist die Sichtbarmachung von Arbeit und den dafür benötigten Gegenständen, die für viele Ghiblifilme typisch ist. Umis Arbeit im Haus, die nötig ist, um in Abwesenheit der Mutter für den Lebensunterhalt zu sorgen, die Kochgeräte, Maschinen und die vielen Handgriffe, werden mit Aufmerksamkeit bedacht, die Verortungen und Kontextualisierungen ermöglicht. Wie sieht das Telefon aus? Die Wäsche wird also noch teilweise mit der Hand gewaschen – aber es gibt schon eine Wäschemangel. Gekocht wird mit Gas, der Reis wird mit einem kastenförmigen Holzmaß abgemessen, in den Haushalten gibt es Fernseher. Wie groß ist Umis Haus, wie groß ist Shuns Haus, wo liegen sie? Die Geschichte_n welcher Klasse_n werden hier (und in Ghiblifilmen allgemein) erzählt?

Untermalt wird der Film von japanischer Popmusik aus den 1960ern (bzw. Musik, die danach klingt), vor allem Ue no Muite Aruko, ein fröhlich klingendes Lied mit traurigem Text und – wenn ich Wikipedia in diesem Belang vertrauen darf mit politischem Hintergrund. Die Animation ist geradlinig, mit dem relativ typischen Ghiblilook, aber sehr viel weniger stilisiert bzw. karikierend als in Miyazaki Hayaos Filmen und großteils ohne seine “typischen” Gesichter. Anklänge an seine Filme finden sich jedoch, z.B. im Lachen Shuns bei einer Versammlung (Das Schloss im Himmel, wenn ich mich richtig erinnere, ev. auch Porco Rosso), in den bunten Glasfenstern, blühenden Büschen (Chihiros Reise ins Zauberland) und dem dreckigen Zustand des Quartier Latin (Das wandelnde Schloss).

Ich muss sagen, ich habe eine Schwäche für gute Liebesfilme, auch wenn sie mich meistens traurig machen. Spannende Figuren, ein fantastischer meet cute und ansprechende Animation – für eine Auszeit aus dem echten Leben versenke ich mich da gerne in die Welt von Kokurikozaka kara. Ich hoffe, euch gefällt der Film ebenso.

SPOILER – ACHTUNG SPOILER

b8fqmBevor ich mir Kokurikozaka kara zum zweiten Mal ansah, hatte ich ihn deutlich sexistischer in Erinnerung. Ja, da war doch die Universitätsprofessorin als Mutter, die Ärztin und die Malerin, aber Umi war doch bei der Schulzeitung nur für Hilfsdienste zuständig und beim Putzen des Hauses sah ich doch nur Mädchen*. Oder? Beim zweiten Mal sah ich genauer hin: Ja, Umi verfasst keine eigenen Texte für die Schulzeitung, aber es ist ihre Idee, das Quartier Latin zu putzen und zu restaurieren. Sie ist im Film diejenige, die es überhaupt wagt, das Quartier Latin zu betreten, das bis dahin von den Schülern dominiert wird. Unter ihrer Ägide wird es aufgeräumt und renoviert – und die Jungen* sind genauso am Schrubben, Abstauben, Malen, Beschriften, Renovieren beteiligt wie die Mädchen*, ja, die Mädchen* zeigen den Jungen*, wie das richtig gemacht wird (wobei – den Stern könnte ich weglassen, da im Film nicht einmal ansatzweise angedeutet wird, dass es außer Cis- und Heterosexualität noch andere Formen von Geschlecht und  Sexualität gibt).

Eine andere Szene, die komplexer ist, als auf den ersten Blick scheint, ist das Abschiedsessen für Hokuto Miki, die Ärztin, die in Umis Haus wohnt. Der Tisch ist geteilt – an einem Ende sitzen die Männer und Jungen und besprechen die Lage des Quartier Latin, am anderen Ende die Frauen und Mädchen und sprechen über Heirat, Umi serviert. Die Männer, so wie Hokuto Miki ehemalige Schüler der Schule, sind allerdings auf ihre dezidierte Einladung vor Ort, damit sich für Umi, Shun und die anderen Schüler_innen nützliche Verbindungen ergeben. Diese resultieren dann in Baumaterialien für die Renovierung.

Besonders spannend fand ich das – zuvor von mir übersehene – Verhalten des Präsidenten des Schulfonds, der das Sagen über den Abbruch des Quartier Latin hat. Da die Schuldirektion das neu renovierte Gebäude gar nicht ansehen will und auf dem Abriss beharrt, beschließen Shun und sein bester Freund, direkt zum Präsidenten zu gehen – und Umi soll auch mit. Als Shun und sein Freund schließlich ihre Forderungen vortragen können, hört der (grundsätzlich mit Schüler_innen* sympathisierende) Präsident sich diese zwar an, richtet dann aber sein Hauptaugenmerk auf Umi und fragt sie dezidiert nach ihrer Meinung. Und die ist es dann auch, die ihn aufhorchen lässt. Zwar fragt er sie auch nach ihrem Vater und nicht nach ihrer Mutter, aber die Frage nach Umis Meinung kommt zuerst. Auch als der Präsident dann das Quartier Latin besucht, gilt seine besondere Bestätigung Umi.

Warum betone ich das so? Weil es leider selten genug ist, dass die Heldinnen* in Anime direkt sagen, was sie fühlen, denken, wollen (gilt als peinlich bzw. unweiblich bzw. unhöflich), selten genug ist, dass es ihre Ideen, Pläne, Aktionen sind, die die Geschichte vorantreiben bzw. die Lösung bringen, selten genug, dass sie ernst genommen und bestätigt werden.

Auch interessant für mich ist die Solidarität zwischen den Schüler_innen*, wobei ich mich hier frage, wie idealisiert diese wohl ist. Zu Beginn des Films sind nicht alle Schüler* für den Erhalt des Quartier Latins – und die Schülerinnen* sind de facto von der Benutzung ausgeschlossen und interessieren sich daher nicht so sehr dafür. Bei einer Debatte zu Beginn des Films gibt es dann heftige Streitereien, doch als Lehrer* kommen, tun alle gemeinsam so als ob nichts wäre. Durch die Kampagne der Schulzeitung und des Kommitees wird die Schüler_innen*schaft politisiert und die Arbeit am Gebäude schafft Identifikation damit.

Der Film basiert auf einem Manga, mit gravierenden Differenzen, wie ich in diesem Blogpost (keine Spoiler, aber etwas verächtlicher Ton über Shoujomanga) las, über den ich heute stolperte, als ich Informationen über den Manga suchte. Die Handlung des Manga spielt, so der Blogpost, in den 80ern und der Protest (im Manga gegen Schuluniformen) ist ein Stratagem, um mehr Schulzeitungen zu verkaufen. In Kokurikozaka kara ist der Protest der Schüler_innen* ernst gemeint.

Ob durch die Versetzung in die frühen 60er genauso eine Entpolitisierung stattfindet, wie im Blogpost behauptet wird, darauf würde ich mich jetzt nicht festlegen – Proteste an den japanischen Universitäten gab es nämlich schon vor 1968 und ich hoffe, dass sich die Schüler_innen, die schon einen Erfolg gemeinsamer Arbeit und Organisation erleben konnten, auch an der Universität für ihre Rechte einsetzen würden/werden (aber sie sind ja fiktional). Weitere politische Anklänge, was z.B. das Ende des 2. Weltkriegs und Aspekte der Rolle Japans im Koreakrieg angeht sind z.B. dieser Sektion auf Wikipedia zu entnehmen. Langsam spiele ich echt mit dem Gedanken, zurück an die Uni zu gehen und die Geschichte Japans von Grund auf zu studieren … *seufz*

Für mich ist daher auch die Szene, in der der Präsident des Schulfonds im Quartier Latin empfangen wird, nicht ohne Spannungen – zwar singen alle brav ein Lied, aber wenn die Übersetzung des Liedtextes stimmt, singen die Schüler_innen* davon, dass sie zusammenhalten werden, auch wenn die Welt untergeht. Nun kann in verschiedene Richtungen argumentiert und interpretiert werden, aber ein Haus voller Schüler_innen*, die ihre demonstrieren, dass sie auf Worte Taten folgen lassen und subtil unterstreichen, dass sie sich nicht unterkriegen lassen werden – da ist es um einiges einfacher, nachzugeben und weiteren Protesten den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Die endgültige Aussage des Films, zumindest im Hinblick auf das Quartier Latin – “Das Alte beim Gang in die Zukunft nicht komplett aufgeben” – ist eine der oft vermittelten Botschaften von Filmen aus dem Studio Ghibli, nicht nur denen von Miyazaki Hayao. Wie diese Botschaft mit der Realität Japans zusammenpasst, nun, das ist auch so eine Frage …

The Anime Rainbow: Gake no Ue no Ponyo (Ponyo on the Cliff by the Sea)

DisclaimerRegeln & Ressourcen

[TW Meerestiere, Flutwellen, gefährliches Autofahren, Höhe, CN ableistische Sprache]

Gake no Ue no Ponyo sah ich mir gleich nach Momo e no Tegami an. Auch hier spielen das Meer, eine arbeitende Mutter und ein absenter Vater wichtige Rollen, wenn auch unterschiedlicher Größe.

Ponyo heißt zunächst einmal Brünhilde und ist ein Meerkind. Sie lebt mit ihren Schwestern* und ihrem Magiervater im Meer vor der Küste Japans. Allerdings darf sie nicht frei herumschwimmen, sondern soll im U-Boot ihres Vaters bleiben – da haut sie ab. Auf der Flucht gerät sie in ein Fischnetz, dann in eine Glasflasche, aus der sie schließlich von Sousuke gerettet wird.

Sousuke ist fünf Jahre alt und lebt mit seiner Mutter Lisa in einem Haus auf der Spitze einer Klippe. Aber keine Zeit! Lisa muss zur Arbeit und Sousuke in den Kindergarten, also in halsbrecherischem Tempo dorthin – Ponyo kommt im grünen Eimer mit. Das Tagesheim für alte Menschen, in dem Lisa arbeitet, liegt gleich neben Sousukes Kindergarten und Ponyo bringt gleich ein wenig Wirbel in beide hinein. Aber leider wird sie von ihrem Vater wieder eingefangen, was Sousuke sehr zum Weinen bringt.

Während Lisa und Sousuke sich mit der verlängerten Absenz von Kouichi, Ehemann, Vater, Schiffskapitän, herumschlagen, will Ponyo nicht mehr Brünhilde heißen und vor allem ein Mensch werden und mit Sousuke zusammensein. Mit Hilfe ihrer Schwestern* bricht sie erneut aus und gießt dabei das ganze Zauberelixier ihres Vaters ins Meer. Zusammengenommen ergibt das eine Explosion der marinen Flora und Fauna sowie einen rapiden Anstieg des Meeresspiegels – die Küste an der Lisa und Sousuke leben, wird überflutet. Lisa und Gran Manmare (Ponyos Mutter) to the rescue!

Für einen Kinderfilm – denn als ein solcher ist Ponyo konzipiert – ist das und was noch folgt ziemlich aufregend (darum würde ich ihn für Fünfjährige noch nicht empfehlen). Aber Ponyo ist nicht nur für Kinder. Da ist Lisa, die in jeder Szene, in der sie vorkommt, die Show stiehlt – hier ist nochmals eine arbeitende Mutter, die einen Vornamen und Gefühle hat und zeigt, rasant Auto fährt und Bier trinkt (ich sehe so viele Parallelen zur Königinmutter). Spannend finde ich auch die alten Frauen*, die das Tagesheim besuchen und wie liebevoll sie miteinander und mit Sousuke und Ponyo interagieren. Liebevoll ist tatsächlich der ganze Film, es wird umarmt, geknuddelt und geküsst, dass die <3 nur so sprühen.

Die Szenen in Ponyo sind atemberaubend und wunderschön – wenn Ponyo auf der Wasseroberfläche läuft, von Fisch zu Fisch hüpft, die Unterwasserwelten, das überschwemmte Land – alles in bunten, leuchtenden Farben, in einer Mischung zwischen poppigem Stil und Buntstiftstrichen (z.B. Gras, etc.), unterlegt mit Musik von Hisaishi Joe, der bisher die Musik für jeden Film von Miyazaki Hayao komponiert hat. Anklänge an Wagners Walkürenritt sind nicht zufällig (wie gesagt, Ponyo heißt zunächst Brünhilde), aber wenigstens nicht zu nahe dran (ich mag Wagner nicht).

Vergleichen lässt sich Gake no Ue no Ponyo von den Figuren und der Geschichte mit keinem anderen Film von Miyazaki Hayao. Natürlich gibt es typische Elemente – die Betonung des Umweltschutzes, die Vignettenhaftigkeit, die stillen Momente, die Liebesgeschichte, das Essen und Trinken mit Lust und Appetit – aber Ponyo ist eben nicht Mein Nachbar Totoro, nicht Mononoke Hime, nicht Howl’s Moving Castle, sondern ein eigener Film, der mir sehr viel Spaß macht.

Und diesmal gibt’s keine Spoiler (muss erst noch mehr über Ponyo nachdenken).

no spoilers