Raus aus der Stadt

Gestern war ich in Garsten, beim Garstener Advent. Garsten liegt in Oberösterreich, bei Steyr und ich bin schon oft mit dem Zug durchgefahren auf dem Weg zur Sommerfrische bei der Königinmutter. Vom Zug gut sichtbar ist das riesige Stift, das seit 1851 ein Gefängnis ist, auch das ist vom Zug aus gut sichtbar. Bei der Einfahrt mit dem Auto wird es nicht weniger gruselig, nicht weil ich Angst vor den Insass_innen hätte, sondern weil Gefängnisse gewaltvolle, furchtbare Orte für Menschen sind. Auch wenn ich euch nun vom schönen Adventmarkt erzähle, mag ich das nicht ausblenden.

Jetzt aber zum schöneren Teil: In Garsten war ich mit einer ortskundigen Freundin unterwegs, die mir erst einmal die hübsche Bibliothek zeigte, denn aufgrund dieser hatten wir uns eigentlich kennengelernt. Ich habe in den Kinderbüchern gestöbert und gleich ein paar für meine nächsten Buchbesprechungen gefunden. Zuerst muss ich sie allerdings noch im System der Wiener Büchereien finden und in Ruhe nochmal anschauen.

Und dann gingen wir los. Zuerst in den Pfarrsaal, wo die handarbeitenden Garstner_innen Tisch um Tisch mit genähten, gestickten, gestrickten, gehäkelten und sonst noch gebastelten Sachen belegt hatten. Besonders beeindruckt war ich von den handgestrickten Trachtenzopfsocken, weil die unglaublich viel Arbeit sind. Später in der Volksschule, in der ebenfalls handgefertigte Dinge ausgestellt wurden, sah ich dann wohl eine der Sockenstrickerinnen am Spinnrad und hätte gerne mit ihr geredet, aber sie saß gleich bei einem Durchgang und war auch gerade in ein Gespräch vertieft.

Vom Pfarrsaal gingen wir dann auf den Markt hinaus, der den Ortskern in Beschlag nimmt und weitgehend frei von Autos ist. Der Fokus des Marktes liegt auf Handwerk und der Region, daher gab es viele Schauschmieden und einen Stand des Nationalparks Eisenwurzen. Vor der einen Schauschmiede gibt es ein Extrabrett für Kinder, damit die über die Brüstung des Standes schauen können. Auch werden traditionellerweise Baumstämme zu Balken zugehauen, aus denen dann Häuser bzw. Dachstühle für Kapellen etc. gemacht werden. Daneben gibt es eine große Vielfalt von Essensständen und die Luft duftet nach Maroni, Braterdäpfeln, Würsteln, Käse, Zuckerwatte, gebrannten Mandeln, Geselchtem, ach.

Auf dem Weg zum Bücherflohmarkt der Bibliothek und zur Volksschule kamen wir an einem Stand mit Alpakawolle und daraus gestrickten und gehäkelten Sachen vorbei, die auch drei Alpakas in einem Gehege hatten, die gestreichelt werden konnten. Sie mäh-määähten eher jämmerlich und taten mir leid. Alpakawolle streicheln ja bitte, Alpakas selber bitte auf der Weide lassen. Möh.

Gleich danach gingen wir durch eine Passage und dort war ein Stand mit Sachen aus Porzellan und Keramik, die mir ins Auge fielen.  Später besuchten wir den Stand noch einmal und ich plauderte mit der Frau, die ihn betrieb. Ich wollte eine Visitenkarte oder die URL ihrer Website, um zu sagen, woher ich die schönen Sachen hatte – hatte sie aber beides nicht. Dafür hat sie einen Brennofen auf dem Balkon, den sie allerdings nur betreiben kann, wenn es draußen warm ist, da die Balkontür für das Starkstromkabel offen bleiben muss.

Ich fand das cool. Gerade kürzlich hatte ich darüber nachgedacht, dass ich zwar viele Ideen für alles Mögliche habe, die ich aber selten und meist erst später ausführe und gleichzeitig Zweifel daran habe, ob die überhaupt so toll werden, wie ich mir das denke und ob die überhaupt Anklang finden und hier war eine Person, die einfach ihr Ding machte, ihre Ideen ausführte und die vor allem eines nicht wollte: Dass es zu ihrer Arbeit wurde. Ich sollte mir sie zum Vorbild nehmen, so wie ich gerade mit meinem Strickzeug hadere, weil ich wieder einmal viel zu viele Sachen für andere Leute geplant habe und mir damit unnötig Druck mache. Ich hätte jedenfalls gerne fast ihren gesamten Stand mitgenommen – auch ihre Schüsseln waren wunderschön, aber ihre feinen Porzellan- und Keramikanhänger und -schmuckstücke gefielen mir am Besten.

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Als nächstes wanderten wir durch die Volksschule. Viele der Aussteller_innen arbeiteten an weiteren Stücken – Keksausstechern, Wanderstäben, Glaskugeln, etc. Besonders gefallen haben mir die Glasmalerin, die Weihnachtskugeln mit Namen und Mustern bemalte und beglitzerte und der Stand der Blaudruckerei Wagner, einer der zwei Blaudruckereien in Österreich. Diese Druckerei ist im Mühlviertel und druckt auch zweifärbig. Die andere ist die Blaudruckerei Koo im Burgenland, über die ich schon einmal geschrieben habe. Aber es gab noch eine Menge anderer erstaunlicher Dinge, kunstvoll bemalte Lebkuchen, gedrechselte Holzschüsseln, Kugeln und Kreisel, “Explosionsboxen” – Papierschachteln, die beim Abnehmen des Deckels auseinanderfielen und ihr Innenleben preisgaben, z.B. ein Backherd mit Keksen im Lebkuchenhaus, gewebte Teppiche, gefilzte Hüte und Kleidung, Reisigbesen …

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Danach gingen wir in die Stiftskirche, die mir sehr bekannt vorkam, irgendwo hatte ich kürzlich eine Kirche mit ähnlichen barocken Verzierungen gesehen, aber mir fällt immer noch nicht ein, wo genau. Jedenfalls hat sie eine sehr schöne Tür und einen Altar, der mit getriebenem Silber verziert ist, umwerfend.

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Auch die Altarsäulen sind fantastisch, mit den kleinen Figuren auf den Ranken. Leider wollte die Smartphonekameras sie nicht so gut aufnehmen.

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Danach wanderten wir dann in die Neue Mittelschule, in der immer die Fotoausstellung des örtlichen Naturfreunde-Fotoclubs stattfindet. Dort waren auch Weihnachtsbäume zu sehen, die von verschiedenen örtlichen Volksschulen und Klassen der neuen Mittelschule geschmückt worden waren. Besonders gefielen mir der Duftbaum, der Wollbaum und der Recyclingbaum.

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Duftbaum der Volksschule Garsten

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“Wir arbeiten mit Filz” – Baum der Volksschule Aschach/Steyr

“Das Christkind liebt Recycling” – Neue Mittelschule Garsten

Schon beim Durchwandern und jetzt beim Schreiben nochmal wurde für mich überall die viele Arbeit sichtbar, die hinter dem Adventmarkt steckt. Wie viele Stunden saßen die Personen, die den Pfarrsaal mit Selbstgemachtem gefüllt hatten? Wer schmückte die Weihnachtsbäume, die in der Volksschule und anderswo standen? Wer machte die Torten für das Goldhaubenkaffee? Wieviele Leute da für Betreuung der Stände und Ausstellungen aus dem Ort organisiert waren – dank meiner Freundin blieben sie nicht irgendwelche Menschen, sondern ihre Verwandten, Kolleg_innen, Freund_innen. Die Musiker_innen, die sich hinsetzten und spielten, die Aussteller_innen, die an ihren Stücken arbeiteten, die Lehrer_innen und Kinder, die die Weihnachtsbäume vorbereiteten. Und dann noch die Menschen in der Vergangenheit – die, die die vielen lustigen und schönen Teile des Altars in der Stiftskirche fertigten, die Tür mit ihren Verzierungen schmiedeten, die Kirche renovierten und die Menschen, die unter den Nazis zum Bau der Staukraftwerke entlang der Enns gezwungen wurden …

Irgendwie finde ich, dass der Adventmarkt viele Spannungsfelder sichtbar machte. Die Gratwanderung zwischen Traditionalismus, Konservativismus, Tradition, regionalem Leben, Ortsleben und seine Erhaltung, den Stellenwert und die heutigen Umstände von Handarbeit und Handwerk, die Geschichte und Strukturen, die allem unterliegen und uns alle umgeben – drum war der Garstener Adventmarkt für mich nicht nur einfach “Yay, Weihnachten”-schön, sondern unglaublich spannend.

 

Ach Kunsthaus

Der Twitteraccount @womensart1, neu in meiner Timeline, tweetet spannende Kunst von Frauen und macht mir Lust auf den Besuch von Ausstellungen und Museen. Aber die Retrospektiven über Kunst von Frauen lassen auf sich warten – letztes Jahr wäre z.B. der 30. Todestag von Meret Oppenheim gewesen, aber nachdem es schon zu ihrem 100. Geburtstag im Jahr 2013 ein paar große Retrospektiven gab, braucht es ja nicht nochmal welche, klaro. Oder so. Ich würde ja auch mal gerne eine Ausstellung mit Werken der Frauen sehen, die in London an der Gründung der Royal Academy of Arts beteiligt waren – Mary Moser (kannte ich bis gestern gar nicht) und Angelika Kauffmann. Ach und viele mehr – es gibt so spannende textile Kunst, die von @womensart1 getweetet wird.

Aber bevor ich hier die gesamte Timeline abbilde, schaut selbst nach. Ich will euch stattdessen ein paar Fotos von meinem Besuch im Kunsthaus Zürich zeigen, weil ich da gerade hinmöchte. Als ich dort war, gab es gerade eine Miró-Retrospektive. Seine abstrakten Bilder gefielen mir gut, die Frauenbilder weniger. Diese hier waren meine Lieblingsbilder – eigentlich eine Serie von drei Bildern (warum ich das 3. Bild nicht aufgenommen habe weiß ich nicht mehr), ich weiß auch den Titel nicht mehr, aber googlen hilft: Die Bilder heißen Malerei I, II und III und das fehlende Bild sieht so aus.

Malerei II von Joan Miro - rechts eine blaue Wolke, links zwei schwarze Arme und ein schwarzer Ball

Malerei III von Joan Miro, links eine blaue Wolke, rechts ein schwarzer Arm

Ich mochte daran besonders die blauen Wolken, die blaue Farbe, die Arme, die auch Wimpern sein könnten – und die perfekte Beleuchtung, die auf den Fotos noch sichtbarer wird.

Treppe ins Obergeschoß im Kunsthaus Zürich

Gang und Fenster im Kunsthaus Zürich

Obergeschoß und Oberlichte im Kunsthaus Zürich

Das Kunsthaus Zürich ist selbst ein Kunst_haus, es wurde 1910 eröffnet und der älteste Teil wurde im Jugendstil gebaut, mit einem deutlich nüchternen, geometrischen Schweizer Einschlag. Nächstes Jahr soll ein zweiter Erweiterungsbau fertig sein.

Winterlandschaft Kragero 1931 von Edvard Munch Kunsthaus Zürich

Die spätere Version der Winterlandschaft in Kragero von Edvard Munch aus dem Jahr 1931 war so schön still und blau. Die frühere ist von 1912 und hängt nicht in Zürich.

Vier bemalte Steine von Max Ernst im Kunsthaus Zürich

Vier bemalte Steine von Max Ernst.

Stillleben von Meret Oppenheim im Kunsthaus Zürich

Leider weiß ich den genauen Titel nicht mehr, aber dieses Objekt ist von Meret Oppenheim. Ich erinnerte mich danach intensiv an mein Jahr im Liceo Artistico in Zürich und an den Kunstgeschichteunterricht, in dem wir so spannende Essays schreiben mussten. Für eines durften wir uns zwei Postkarten von Kunstwerken aussuchen und sollten die Bilder dann vergleichen. Eines meiner Bild war ein Stillleben mit Pfirsichen. Irgendwo in der verschollenen Kiste mit den wichtigen Papieren sollte noch eines der Essays sein, jedenfalls das, das ich über “Pick up a Pin-up” von Man Ray geschrieben habe. Es gefiel meiner Lehrerin so gut. Ich war das gar nicht gewohnt. Heute traue ich mich fast nicht, einen Blogpost über einen Besuch in einem Museum zu schreiben – ein Essay über ein Kunstwerk … trotzdem habe ich Lust.

Bergziegen von Franz Marc im Kunsthaus Zürich

Bergziegen von Franz Marc. Mit denen hab ich noch was vor.

Aus Goethe in Italy von Cy Twombly im Kunsthaus Zürich

Aus Goethe in Italy von Cy Twombly im Kunsthaus Zürich

Zwei Bilder aus Cy Twomblys Zyklus “Goethe in Italy”. Ich sah erst die Bilder und fühlte mich von den Farben und Formen angezogen. Mit Cy Twombly hatte ich bis dahin nicht viel am Hut – wahrscheinlich einfach nicht genug von ihm gesehen.

Selbstporträt von Anna Waser im Kunsthaus Zürich

Mit 12 Jahren malte sie dieses Selbstporträt, Anna Waser, die erste namentlich bekannte Malerin der Schweiz. Alle anderen Werke bis auf ein paar Silberstiftzeichnungen, ihre Autobiografie, ihre Briefe sind verschollen. Ihre vielversprechende Karriere musste sie abbrechen, weil sie den Haushalt ihrer Eltern führen musste, nachdem ihre Mutter erkrankt war. 1913 veröffentlichte ihre Nachfahrin Maria Waser ein Buch über sie, das ihr hier online lesen könnt – allerdings in Frakturschrift.

2 Schmetterlinge und 8 Insekten von Magdalena van den Hecken im Kunsthaus Zürich

8 Insekten von Magdalena van den Hecken im Kunsthaus Zürich

Magdalena van den Hecken (Link zum Vrouwenlexikon auf Niederländisch) hat keinen Wikipediaeintrag, kein bekanntes Geburts- und kein bekanntes Sterbedatum und das Kunsthaus hat ihren Namen falsch geschrieben, nämlich van der Hecken. Tätig war sie “um 1635”, ihr Bruder und Vater waren ebenfalls Maler. “Gelegentlich” malte sie, steht in den dürftigen Infos. Bis ich “gelegentlich” mal so Miniaturen von Insekten male, muss ich erst mal ein paar Jahre üben, hallo. Die Miniaturen von “2 Schmetterlingen und 6 Insekten” sowie “8 Insekten” schmückten ein Kuriositätenkabinett.

 

Ich weiß nicht mehr, von welcher_m Künstler_in das ist. Es war eine Kiste, oben offen, mit diesen Öffnungen … wie ein Architekturmodell, ein besonders schönes. Mich faszinierten die Durchblicke und Texturen.

Im Eck dieses Raumes hing ein Bild von Mark Rothko, von dem ich vorher noch nie bewusst ein Bild wahrgenommen habe. Wie ein Blick aus einem Fenster auf ein schwarzes Meer, ein niedriger Horizont mit schwarzen Wolken verhangen. Es war so umwerfend und so schön, wenn auch so düster und traurig, aber es ließ sich einfach nicht fotografieren. Zum Glück haben andere Menschen bessere Kameras: Untitled [White, Blacks, Greys on Maroon]. Am nächsten Tag fuhr ich mit meiner Tante nach Basel zur Fondation Beyeler, wo ich noch eine Reihe anderer Rothkos sah und ja – ich mag Rothko.

Soweit das Kunsthaus. Es gab noch vieeel mehr, es ist ja doch trotz Platzmangel groß und auch verwinkelt und wunderschön zum Anschauen …

 

 

 

“Schlaflos” – zum Einschlafen

[CN: Geburt, sexuelle Gewalt, Rassismus, Tod, Blut, Knochen, Depression]

Ich wurde gebeten, doch die Ausstellung “Schlaflos” im 21er Haus, einem der 10.000 Museen für zeitgenössische Kunst in Wien, zu besuchen und davon zu berichten. Ich, dem Bett prinzipiell sehr zugeneigt und neugierig, denn der Hinweis auf die Ausstellung war schon durch meine Timeline gewandert, ging hin.

20150201_152028Nun.

Die Ausstellung hat sich eigentlich – so wie die meisten Museumsausstellungen – fast genau an mich gerichtet, also an eine weiße Bildungsbürgerin, nur, naja, sie war eher an weiße Bildungsbürger gerichtet. Trotzdem habe ich keinerlei Leitfaden, tieferes Konzept oder tiefere Zusammehänge ausfinding machen können. Ich frage mich seitdem, ob ich zu blöd bin, aber es gibt nur zwei Möglichkeiten: Leitfaden/Konzept/Zusammenhänge sind so obskur, dass ich sie nicht erkannt habe oder … die Ausstellung ist schlecht gemacht. Mittlerweile tendiere ich zur zweiten Möglichkeit.

Wenn … der Grundgedanke der Ausstellung eine Google-Bildersuche nach “Kunst”, “Bett” und den Schlagworten Geburt, Liebe, Krankheit, Tod, Politisch, Gewalt und Einsamkeit gewesen wäre …

Wenn … der Grundgedanke der Ausstellung eine Kooperation zwischen Kurator_innen zu den besagten Schlagworten – jede Person ist für ein Schlagwort zuständig oder jede Person trägt X Kunstwerke zu jedem Schlagwort bei – gewesen wäre …

Wenn … der Grundgedanke der Ausstellung eine große Menge an interessant angeordneten Exponaten gewesen wäre, …

dann …

wäre es eine bessere Ausstellung gewesen als die, die ich mir angesehen habe. Gut, es gibt ja auch die Möglichkeit, sich jedem Kontext, jeder Herstellung von Zusammenhängen zu verweigern. Aber es wurden Zusammenhänge hergestellt – Bett und Geburt, Liebe, Krankheit, Tod, Politisch, Gewalt und Einsamkeit. Nur innerhalb der Überthemen und dazwischen, an den Ecken, in den Nischen schepperte es vor … Beliebigkeit? Einem verborgenen Plan? Absichtlich konstruierten Zufallsfunden?

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich abwechselnd genervt, gelangweilt und betroffen war. Aber von vorn.

Die Ausstellung begann mit dem Themengebiet “Geburt”. Nein, zuerst: Das BETT! Begonnen wird mit einem Fließtext über die Kulturgeschichte und Bedeutung des Bettes, der unerwähnt lässt, dass jede Menge Kulturen nicht in einer Holzschachtel mit Matratze, Polster und Decke schlafen, sondern alle möglichen Variationen ersonnen haben. Netter unerwähnter Eurozentrismus. Wir schreiben 2015. This isn’t new, bold or different.

Danach kommen die Wiegen, “Symbol der Mutterbrust”. Hä? Ich dachte immer, Wiegen seien … Symbole des Uterus oder der wiegenden Arme. Hm. Auch verwend(et)en nicht alle Kulturen Wiegen, na egal. Also Wiegen. Eine schöne, nobliche von Thonet. Die kenne ich schon aus dem Museum Angewandter Kunst in Wien, ich würde zu der nicht Nein sagen, außer, dass sie riesig ist und sicher Rückenschmerzen verursacht.

20150201_143028Aber sie steht weit weg von allen anderen Wiegen. Warum eigentlich? Dabei gibt es noch: ein schiefes Kinderbett, ein Kinderbett mit Spiegel statt Matratze, eine Wiege aus Bronze (alles Kunst). Aha. Ein Foto von Juergen Teller zeigt ein Kind namens Ed, wie es ein japanisches Hotelzimmer zerlegt. Ah so. Es gibt in der ganzen Ausstellung viele Fotos von Teller, dessen Stil ich nicht mag.

Dann ein Bild eines neugeborenen Kindes von Lavinia Fontana (1552 – 1614), einer der ersten bzw. frühesten Malerinnen, die Aufnahme in die Uffizi in Florenz fanden. Gegenüber ein mittelalterliches Gemälde auf Holz von der Geburt Marias, die schon komplett im Kleid und mit langen Haaren und Heiligenschein aus ihrer Mutter Anna gekommen ist, scheint’s. Etliche Fotos von Babys auf väterlichen Bäuchen, ich muss an memyselfnchild_ denken.

Dann das “Geburtenbett” von Valie Export, dessen Tonspur schon vorher und von nun an die Ausstellung begleitete, zuerst nervig und unbehaglich, dann langsam immer vertrauter und schließlich wie ein Gitarrenriff klingend. Eine Geburt ist hier nicht zu sehen, alles ist verklausuliert oder verhüllt, ein großer Überhang von männlichen* Künstlern. Hm. Eins gelernt: In Wien gab’s auch einmal Säuglingswäschepakete. Könnten eigentlich wieder eingeführt werden.

Gut. Weiter in den großen Raum, in dem gut verteilt verschiedene Bettskulpturen stehen. An der Wand hängen ein paar Bilder. Ok. Ich finde keine der Skulpturen besonders auf- oder anregend. Aber eine finde ich berührend. Es ist diese:

20150201_135612“Kratz” von Urs Fischer erinnert mich an das Gefühl, wenn ich nachhause komme und mich erst einmal auf mein Bett werfe. Es scheint mir wie eine Person, die, getreten, zerronnen, zerstört, aber fast andächtig, tief erschöpft und traurig ins Bett kriecht oder vielleicht davor kniet und betet. Am liebsten hätte ich mich dazugelegt.

Ein paar weitere Dinge steht im großen Raum: “Liege für Hermann Schürrer” von Hans Kupelwieser und Franz West, die aussieht, als würde hier etwas abgetropft werden …

20150201_135643… und “Untitled (aus Leaving Home” von Sudarshan Shetty, der offensichtlich öfter mit Skeletten arbeitet. Hier bewundere ich aber vor allem die Maserung des Holzes.

20150201_135700In der Mitte des Raumes steht “Cama” von Los Carpinteros. Es sieht witzig aus, aber natürlich darf da nicht drauf rumgetobt werden. Es gibt überhaupt nichts zum Anfassen, Hinlegen oder sonst irgendwie haptisch erfahren. Dahinter ein Schüttgemälde von Hermann Nitsch.

20150201_135841Ich bin mehr als underwhelmed. Die Skulpturen stehen zwar alle so, dass bequem darum herumgegangen werden kann, aber viele davon sind für mich langweilig. Neben “Kratz” stehen vier Stockbetten, drei blaue, ein gelbes oder vielleicht umgekehrt, ich weiß es schon nicht mehr. Darauf liegen Bücher der Person, die die Skulptur konzipiert hat, ich glaube es war eine Frau, aber auch das habe ich schon vergessen. Ohne jeden Hinweis auf die Signifikanz der Bücher sehe ich nichts außer bunten Stockbetten, die mich auf keinste Weise ansprechen. So geht es mir mit den meisten Skulpturen.

Frustriert werfe ich die Hände in die Luft und gehe zum Bereich “Krankheit”. Jetzt beginnt es schlimm zu werden. Und ich meine nicht vom Ekelpotential her. Randomly mischt sich unter die verschiedenen Fotos – Krankenschwestern bei der Ausbildung 1942 (really?), Ruheraum in Baden-Baden oder sonst einem Bad (alle Betten mit rot abgedeckt, sieht gruselig aus), ein Lazarett aus dem 1. Weltkrieg (aber eh nur ein braves Gruppenbild) eine Karikatur aus 1934.

Eine antisemitische. Sagt mir dann der Katalog des Bildarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek, das die Karikatur sonst beherbergt. Wenn ihr sie euch ansehen wollt, hier der Link. Der Katalog sagt mir auch, dass hier Engelbert Dollfuß, der Bundeskanzler und Anführer der Austrofaschisten zu sehen ist, zusammen mit Emil Fey, Führer der austrofaschistischen Heimwehr und Vizekanzler, und Ernst Rüdiger Starhemberg, auch Heimwehrführer, später auch Vizekanzler. Sie beugen sich über das Bett der schlafenden “Austria” und hoffen, dass sie nicht aufwacht, während der jüdische Arzt garantiert, dass sie es nicht tun wird.

In der Ausstellung wird diese Karikatur in keinerlei Kontext gesetzt. Sie ist einfach da, gesagt wird nur, wer sie gezeichnet hat, nämlich Leopold Johann Dorfstätter, mit welchem Material auf welchem Medium, sowie der Titel. Warum ist diese Karikatur dort? Von allen Karikaturen, die “kranke” Staaten im Bett abbilden – und da gibt es viele, warum ausgerechnet diese? Was war da der Hintergedanke? Dass die Besucher_innen den Rassismus bzw. Antisemitismus ohnehin nicht erkennen werden?

Im hintersten Raum ist ein Krankenbett mit einer Wachsfigur drin, “Temporarily Placed” von Michal Elmgreen und Ingar Dragset. Sie sieht sehr real aus, die Person, die vor mir im Raum ist, erschaudert und geht schnell. Ich zucke mit den Achseln und drehe mich um.

20150201_140804Zuletzt komme ich an einer Installation von Douglas Gordon vorbei. Eine Frau erleidet einen Anfall und wird von zwei Männern auf dem Bett fixiert.

20150201_141123“Hysterical” heißt die Installation. Einige der Mitschauenden lachen. Mir wird grauenhaft und ich gehe zu den Räumen über den Tod.

Hier gibt es auch ein mittelalterliches Gemälde auf Holz, vom Tod Marias, die neben dem Bett Zuckerzeugs und getrocknete Früchte hat, in der Tapete/Wandbemalung/Wandbehang hinter ihr sind Tiere. Daneben hängen kleine Bilder aus einem “Ars moriendi”-Buch, von der Kunst zu sterben. Hmmm. Wie wird das denn besonders gut gemacht? Hier sind lauter Männer zu sehen, Männer auf dem Totenbett, Marcel Proust, Egon Schiele, Kronprinz Rudolf, Franz Lehar, Wilhelm III. von Preußen, der heilige Josef, ein alter Mann und ein namenloser “Erlöster”. Was für ein Zusammenhang besteht da? Geht es hier einfach nur um tote Männer in Betten?

An sichtbaren Frauen gibt es nur die mittelalterliche Maria, eine abstrakte sterbende Mutter und “Das tote Kind”, ein Mädchen, gemalt von Johanna Kampmann-Freund (1888-1940), einer jüdischen Malerin, die noch nicht einmal einen Wikipedia-Eintrag hat, dabei erhielt sie 1927 für das Bild “Hagar” den Staatspreis. Hier ihr Eintrag im Österreichischen Biographischen Lexikon.

Hm. Fehlt noch ein Raum im Erdgeschoß, “Liebe”. Hier geht’s aber um Sex. Vor allem Nackte, mittendrin etwas versteckt Fotos von Diane Arbus, die tatsächlich Paare fotografiert hat, die auf ihren Betten sitzen und keinen Sex haben. Eins der Paare ist sogar angezogen. Hier findet sich auch ein einziger japanischer Druck von Harunobu Suzuki, der angeblich ein Liebespaar beim Saketrinken zeigt, es ist … ein so underwhelming japanischer Druck, wie ich selten einen gesehen habe. Ernsthaft. Warum? Warum dieser Druck, warum dort, warum nicht ein anderer von den 100.000.000.000.000 japanischen Drucken, meinetwegen ein erotischer, wenn doch eh schon der ganze Raum voll davon ist. Aber das Paar im Druck ist angezogen. Nu ja. Hier hängt auch eine “Bordellszene”, ein Fresko aus Pompeii – und ernsthaft? Wenn wir schon von Bettkulturen reden bzw. sie zeigen oder was immer, nicht eine Darstellung eines römischen Schlafzimmers (da gibt’s nette Fresken), nein, schon wieder ein nackter Arsch? Ernsthaft?!

Ich notiere “SO. UNIMPRESSED.” in mein Notizheft.

Dann gehe ich hinauf in den ersten Stock.

20150201_150313Hier gibt es noch jede Menge Ausstellungsraum, alles gefüllt. Als fast erstes gerate ich an “Bed – Dots Obsession” von Yayoi Kusama. Sieht lustig aus, wie Anemonen am Meeresgrund, hat aber ziemlich ernste Hintergründe.

20150201_143557Daneben hängt Yoko Onos “Painting to be slept on”. “Hang it after sleeping on it for 100 nights” – häng es auf, nachdem du 100 Nächte drauf geschlafen hast – steht da. Wie es wohl aussehen würde, wenn …

20150201_143740Na gut, onwards. Ich bin jetzt bei “Politisch”. Da stirbt Cato im Bett, ein großes Ölbild, ein Foto von Winston Churchills Bett und dann – ein Stich von der (französischen) Königlichen Familie nach der Hinrichtung Ludwig des XVI., im Hintergrund ein Bett. Äh. Daneben ein Foto der Replik des Bettes von Marie Antoinette in Versailles. Warum?

Meine Nerven sind mittlerweile einmal über Mona Hatoums “Dormiente” gerieben worden.

20150201_144245Auch das ist eine Skulptur, die mir gefällt. Sie ist brutal und bitter, schrecklich in ihrer Einfachheit und Komplexität. So viele andere einfache Liegen und Betten in dieser Ausstellung, aber kaum eine kommt an diese heran.

Dann rolle ich die Augen an “Poison is a Woman’s Weapon” von Ryan Gander vorbei … (ich will auch Geld & Ruhm dafür, dass ich Frauen in Unterhosen & T-Shirts beim auf dem Bett hüpfen filme).

20150201_144454Und dann gerate ich an Tracey Emins “To meet my past”. Warum dieses Werk nicht bei “Politisch”  oder “Gewalt” steht – oder zusammen mit Yayoi Kusamas Bett in der großen Ausstellungshalle als Kontrapunkt zu den anderen Skulpturen dort … nun. Keine Ahnung.

“To meet my past” ist überall bestickt, mit Applikationen übersät. Es sieht auf den ersten Blick kuschelig aus, das Bett, aber beim Lesen gefriert das Herz. Warum ist das nicht – versteckt unter anderen harmlosen Betten – eines der Kernstücke dieser Ausstellung? Warum steht es in der Ecke, nicht einmal gut rundherum zugänglich? Schön versteckt, damit es nicht zu verstört, zwischen all den objektifizierten Frauen* im Rest der Ausstellung, steht auf einer Seite im Leintuch eingestickt: “I’m going to get you and when I do the whole fucking worlds going to know that you destroyed my childhood.”

20150201_14512520150201_14513820150201_144519Im letzten Bild, leider sehr unscharf: “I can not beleave I was afraid of Ghosts Tracey Emin 1969-1974”. Es erinnert mich an die Stick- oder Strickmusterflecke, die von ihren Herstellerinnen mit Namen und Jahreszahl signiert werden …

Es gibt jetzt ein Wort für meine Stimmung. “glum”. Wie wenn dir etwas auf dem Herzen sitzt. Aber das ist schnell wieder weg. Ich komme zum Thema “Einsamkeit” und … 10.000 nackte Frauen auf Betten. Äh. Ich notiere “fucking kidding me”. Sauer gehe ich zu “Gewalt” weiter, besichtige die Fotos von Lucinda Devlin, die Fotos von Hinrichtungsräumen in den USA macht. Dann biege ich um die Ecke und …

20150201_150034vor mir ist eines der berühmtesten Bilder, nein *das* berühmteste Bild von Artemisia Gentileschi, “Judith köpft Holofernes”. Dieses Bild. Hier. Hier in dieser Ausstellung, in diesem Kontext. Was hat ein verdammtes BETT mit diesem Bild zu tun, außer dass in dem Bild eines vorkommt?! Warum wird es hier in einem Eck verheizt, noch dazu unter der Rubrik “Gewalt”, in der es kein einziges Bild eines gewalttätigen Mannes gibt, aber dieses Bild und noch ein “Samson & Delila” von Max Liebermann – was soll das bedeuten? Ich finde es respektlos. Artemisia Gentileschi hat die Gewalt, die ihr angetan wurde, in ihren Gemälden verarbeitet. Sie sind nicht dazu da, “Schaut, da, gewalttätige Frauen, urarg!” darzustellen, ohne diesen Kontext dazu. Dieses Bild darf man nicht einfach so hinhängen, noch dazu mit einer Beleuchtung, die das Studieren von Details verunmöglicht, weil die Leinwand reflektiert.

Mir reicht es fast. Fast schmeiße ich alles hin und gehe. Ich gehe durch weitere Räume mit 10.000 nackten Frauen, die dort nur zu hängen scheinen, weil sie eben nackt und im Bett sind. So viel nackte Haut kann ich auch im Kunsthistorischen Museum sehen und dort ödet sie mich genauso an wie hier. Was hätte nicht aus diesem Thema gemacht werden können? Es gibt kein einziges Bett mit Menstruationsflecken, keine tatsächlich zu sehende Geburt, oh, das wäre wohl zu schockierend gewesen, zu real. Wie gut hätte Tracey Emins “My Bed” gepasst. Kein Verweis auf die Studentin, deren Abschlussarbeit es war, die Matratze aus ihrem Zimmer, auf der sie vergewaltigt wurde, überall hin mitzuschleppen, das wäre topaktuell gewesen.

Nur versteckt lässt sich herauslesen, wie schmerzvoll das Bett sein kann. Die Arbeiten von Frauen*, die genau das zeigen, sind in den 1. Stock verbannt und voneinander getrennt. Vielleicht sollte ich froh sein, dass überhaupt Werke von Künstlerinnen* gezeigt werden und ok, die Werke von Künstlerinnen*, zwischen denen sehr wohl ein Zusammenhang besteht, sind halt über die ganze Ausstellung verteilt, vielleicht soll sie das “normalisieren”. Aber das halte ich für eine denkbar ungeeignete Methode.

Lustvoll (jetzt von Sex abgesehen) am Bett ist nichts. Kein Kuscheln, kein Schlafen, kein ausgiebiges Verweilen, Lesen, Träumen. Auch nichts über die Banalität des Bettes oder ein Anklang von sozialen Fragen, da hätten die Bettgeher_innen gut gepasst. Für eine “Kulturgeschichte” reicht mir das nicht.

Überall fehlt der Kontext. Ohne meinen bildungsbürgerlichen Hintergrund hätte ich jede Menge Codes und Hinweise nicht mitgekriegt. Ich wette, ich habe jede Menge Codes und Hinweise nicht mitgekriegt. Ohne Kontext, ja, muss ich selbst einen herstellen, manchmal herbeiinterpretieren. Muss mir selbst einen Zusammenhang basteln, eine Geschichte durch die Ausstellung. Selbst mit ihren thematischen Überthemen schafft es die Ausstellung aber nicht, mir diesen Zusammenhang zu zeigen.

Die meisten Kunstwerke sind für mich nicht ästhetisch ansprechend genug, um mir wenigstens diesen Reiz zu geben. Mehr als einmal stehe ich kopfschüttelnd, die Hände ausbreitend da und sehe die Bedeutsamkeit nicht. Wäre die Ausstellung ohne das Wissen um Codes spröder oder weniger spröde? Bei jedem Überthema gibt es ja Kunst zum Thema. Reicht das schon? Am Ende wünsche ich mir, ich hätte selbst noch Exponate hinzufügen können, umräumen dürfen. Es gäbe so viel …

Frustriert und fadisiert geh ich.

20150201_150638Herwig Kempinger, Ohne Titel. (Das mag ich.)