Nehmt ein anderes Bild!

In Teilen meiner Twitterblase wurde über das Unbehagen über dieses Bild [CN sexualisierter, als männlich lesbarer Körper, rassistische Karikatur] https:// twitter.com/yesallwomen/status/510516783686877184 gesprochen. @antiprodukt fragte: “Bin ich die einzige, die das “If male videogame characters were dressed like females” Bild als rassistische Karikatur wahrnimmt?” Es könnte sich dabei um eine sexualisierte Darstellung der Figur des Raiden aus Mortal Kombat handeln, aber ehrlich gesagt finde ich das nicht ganz – vielleicht ist es auch eine andere Figur.

Anyway, @antiprodukt ist nicht alleine bei ihrer Einschätzung. Als ich das Bild das erste Mal sah, schätzte ich es sofort als rassistische Karikatur ein, die das rassistische Stereotyp des “Mandingo” transportiert. Aber ich hielt erst mal den Mund. Das tut mir leid.

Hier zwei basic info-Links (leider nur auf Englisch, aber ich hab weiter unten was übersetzt):
http://thuyanhle.wordpress.com/2012/03/11/the-mandingo-theory/

[CN Abbildungen rassistischer Stereotypen] http://thisiswhitehistory.tumblr.com/post/44559573934/day-4-of-white-history-month-anti-black-racial
Übersetzung des relevanten Absatzes: Schwarze Frauen und Männer werden seit langem für hypersexuell, promiskuitiv und daher animalistisch, also tiergleich gehalten.
Das Mandingo-Stereotyp stellte Schwarze Männer als hypersexuelle Bestien dar, die sich nicht zurückhalten konnten (und gezielt Weiße Frauen bedrohten), mit “tierischen” (also übergroßen) Genitalien. Es wurde benutzt, um die Minderwertigkeit Schwarzer Menschen und die Notwendigkeit, Weiße Frauen zu beschützen zu belegen.

Dieses Stereotyp wird heute nicht nur in der Pornographie angewendet, wie der Artikel sagt, sondern eben auch durch solche Bilder (und andere Medien) transportiert. Es gibt bereits jede Menge Karikaturen und Bilder, die genau das Problem der sexuellen Objektifizierung von als weiblich lesbaren Körpern behandeln, ohne rassistische Karikaturen abzubilden. Und um auf die fehlende Repräsentation von Schwarzen Menschen (als spielbare Charaktere, also Held_innen, denn als Antagonist_innen bzw. Hintergrunddekorationen im Sinne der Feminist Frequency-Videos kommen sie schon vor – edited am 29.9.2014, danke für den Hinweis, @CarFreiTag) in Spielen hinzuweisen ist dieses Bild auch nicht geeignet.

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Nein, Lookism ist nicht ok

Da ist Tag des Plastiksackerls (Plastiktüte) und eine Abgeordnete der deutschen Grünen sowie der Fraktionschef der deutschen Grünen posieren gemeinsam mit einem Stoffbeutel, auf dem “Bio macht schön” gedruckt ist. Das Foto wird via Facebook und Twitter verbreitet und gestern hatte ich dann eine Unterhaltung auf Twitter darüber, da eine Person einen Tweet des Fotos mit gehässigem Kommentar retweetet hatte. Denn gehässige Kommentare gab und gibt es zuhauf.

Schließlich fühlte ich mich motiviert, etwas generelles dazu zu sagen:

Dehumanisierung der Person, die kommentiert wird, meine ich damit: Die Person wird als weniger wert und weniger menschlich wahrgenommen, sie wird ein Objekt, ein Ding, ohne Gedanken, ohne Gefühle, ohne Geschichte. Die negativ kommentierende Person denkt von sich mehr wert zu sein als dieses schon nicht mehr menschliche Objekt, für das sie keine Empathie aufbringen muss, denn es ist ein Objekt und kein Mensch mehr.

In einem sozialen Kontext – sowohl on- als auch offline, kann ein negativer Kommentar über das Aussehen einer Person zu einer fürchterlichen Dynamik führen:

Eine Person sagt was, die andere setzt was drauf, immer mehr versuchen sich zu übertreffen, die Sprache wird immer härter, Sexismus, Rassismus, Klassismus, Heterosexismus, Cissexismus, Ableismus, etc., die dem ersten negativen Kommentar zugrundeliegen, ob bewusst oder unbewusst, kommen immer deutlicher, immer offener zum Vorschein.

Das habt ihr sicher schon gesehen und teilweile auch erlebt. Dieser erste Schritt kann zu einer Gewaltspirale führen, an deren Ende einerseits verletzte, traumatisierte, retraumatisierte Menschen stehen – und andererseits Menschen, die sich in ihren *istischen Vorurteilen und ihrem *istischen Verhalten bestätigt sehen. Sie werden also wieder negativ kommentieren und wieder Menschen verletzen.

Diese Konditionierung (durch Elternhaus, Umfeld, Medien, etc.) sitzt tief, auch bei mir. Aber daran lässt sich arbeiten, auf allen Ebenen: Bei mir, in der Filterbubble, bei der Kritik an Medien, die solche Aussagen tätigen und verbreiten, beim Engagement gegen lookism und Fatshaming.

Ich finde die Aussage “Bio macht schön” problematisch – denn sie verkennt, dass sich viele Menschen Bioprodukte nicht oder nicht durchgehend leisten können, qualifiziert sie als hässlich ab, wenn sie keine Bioprodukte kaufen und jagt ihnen Angst ein: “Iss bio, dann wirst du schön und du musst schön sein (wollen) und zwar so, wie die Gesellschaft das vorgibt, dann wird es dir besser gehen.” Den gängigen Schönheitsnormen nicht zu entsprechen hat ernsthafte Konsequenzen – und je marginalisierter die Person, desto ernster sind die Konsequenzen.

“Bio macht schön” spielt genau in die normativen Schönheitsvorstellungen hinein, die den zwei Politiker_innen nun um die Ohren gehauen werden. Ich hätte lieber Argumente statt griffiger Slogans – und Maßnahmen zur Armutsbekämpfung. Aber ich finde eben die Aussage und die dahinterstehenden Normen problematisch und kritisiere Aussage und Normen, nicht das Aussehen der Personen, die hinter der Aussage stehen.

Gestern bekam ich die Argumente: “Aber die sind doch Teil der herrschenden Klassen! Und das ist Satire (und die darf alles!)”

Richtig, das sind zwei Politiker_innen. Und Politiker_innen sollten durchaus etwas mehr nachdenken, bevor sie klassistische, normative Botschaften wie “Bio macht schön” verbreiten. Aber es sind auch zwei Menschen. Über ihr Aussehen zu spotten ist nicht Satire, sondern eine Aufrechterhaltung der bestehenden Schönheitsnormen. Zudem richten sich die Angriffe heftiger gegen die grüne Abgeordnete, denn Sexismus is alive and well.

Selbst *ismen und Normen zu kritisieren und sie aber gegen andere, “die da oben” oder auch gerne “die da unten” einzusetzen, ist Messen mit zweierlei Maß. Wenn ich den Anspruch habe, dass mein Aussehen nicht kritisiert werden soll, dass die Normierung und Hierarchisierung von Aussehen, Körperformen, Kleidungsstil, etc. aufhören soll, sollte ich diese Normierungen und Hierarchisierungen nicht selbst fortführen und unterstützen, sondern auf allen Ebenen bekämpfen.

Nochmal:

Die der anderen … und der eigenen.

Rants in Kurz und nicht so Kurz 2: Manpfehlungen

1. Als Zusatz zu “Mansplaining/Herrklären” habe ich gerade “Manpfehlung” festgesetzt. Das sind diese ungefragten Empfehlungen, die gerne auch einen beleidigenden Ton haben. Oder ungefragte “Verbesserungen” meines Begriffs von nicht-feministischer Seite. Als englische Version hat @sanczny “recomMANdation” vorgeschlagen <3.

Leider:

Gusch!

2. Offensichtlich noch nicht durchgedrungen: Cis_männer haben keinen Anspruch auf Erklärungen feministischer Praxen, Thesen, Aussagen, etc. Stattdessen können Cis_männer etwas ganz praktisch tun, um Feminismus(TM) und Feministinnen* zu unterstützen: Sich selbst informieren, selbst lernen, selbst Quellen suchen. Weitere Dinge auch z.B. siehe hier: http://m.xojane.com/issues/feminism-men-practical-steps
Das cis_männliche Gejammere darüber, dass sie keine Erklärungen kriegen, ist eine gängige Derailing-Technik, siehe auch: http://www.derailingfordummies.com/derail-using-education/ Nicht mit mir.

2. Zeitungen, die keine fundierten Artikel zu Ferguson veröffentlichen wollen, können von mir aus sofort eingestellt werden. Pro forma-Wortmeldungen mit social media entnommenen Memes reichen nicht!

 

3. Beim Nachsinnen über den österreichischen antifeministischen Sommer kam mir das Grausen. Ich würde eine gerade Linie von den Angriffen auf das Femcamp und seine Organisator_innen*, durch die Debatte über die “großen Töchter” in der Bundeshymne, den Brief von 800 Personen gegen das Binnen-I, die Verhaftung von Demonstrant_innen, die in Salzburg gegen eine Antiabtreibungsdemo protestierten bis zur SPÖ ziehen, die die in ihren Statuten festgesetzte Frauenquote und deren Bestimmungen außer Kraft gesetzt hat.

Die Angriffe auf das Femcamp und seine Organisator_innen*, die von einflussreichen Lobbyist_innen*, Medienmarketingmenschen und Journalist_innen* betrieben und unterstützt wurden, machten deutlich, dass in Österreich mit breitem Widerspruch gegen sexistisches Verhalten nicht gerechnet werden muss. Feminist_innen* und ihre Unterstützer_innen* haben in Österreich keine Macht.

Die Debatte um die in die österreichische Bundeshymne gesetzten “großen Töchter” zeigte, dass selbst die wirklich einfachsten feministischen Forderungen in Österreich keine breite Unterstützung finden. Ermutigt von dieser Debatte, die in 20.000 Hasskommentare auf der Seite der österreichischen Ministerin für Bildung und Frauen, Gabriele Heinisch-Hossek, mündete, schrieben 800 Personen einen offenen Brief gegen das Binnen-I.

Der Brief von 800 Personen gegen das Binnen-I und anderen cisgendergerechten Schreibweisen, der zunächst in einer Zeitschrift erschien, deren Herausgeberverein nachweislich Kontakte mit der rechtsextremen Szene hat (auch wenn dieses Erscheinen angeblich ein “Versehen” war) zeigte, dass etliche  Wissenschaftler_innen, Lehrer_innen, Schuldirektor_innen ebenfalls nicht einmal die Grundlagen des Feminismus kennen, geschweige denn unterstützen. Lehrer_innen. Schuldirektor_innen. An der Universität beschäftigte Wissenschaftler_innen. Sauber, sauber.

Bei einer Demonstration in Salzburg gegen die dort stattfindende Demonstration der Abtreibungsgegner_innen wurden schließlich Aktivist_innen festgenommen und einige davon wegen “Verhetzung” angezeigt. Komischerweise passiert das bei Naziparolen, Nazigrüßen, Nazidemoschildern, Naziparteiplakaten etc. extrem selten. Also ein weiterer und deutlicher Schritt in Richtung Kriminalisierung von feministischem Aktivismus. Wurde kaum medial thematisiert. In Österreich steht Abtreibung übrigens immer noch im Strafgesetzbuch.

Schließlich – die Nachbesetzung des Mandats der verstorbenen Nationalratspräsidentin Barbara Prammer. Laut SPÖ-Statuten sollte eine Frau nachrücken, um die Frauenquote (40% sollten es eigentlich sein) zu erhalten. Nix da. Wieso denn auch, Österreich ist es aber sowas von wurscht, da kann auf Frauenquoten gut verzichtet werden, wenn die mal politisch nicht opportun sind. Dass die Frau, die nachrücken sollte, Sonja Ablinger, noch dazu nicht immer einer Meinung mit ihrer Partei ist und deshalb von Parteiseite her möglichst nicht ins Parlament zurückgelassen werden will, kommt dann noch dazu.

Wir (mich eingeschlossen) schauen immer etwas verächtlich auf die Schweiz ob der späten Einführung des Frauenwahlrechts: Macht euch keine Illusionen darüber, wenn es im Rest Europas auch Volksabstimmungen darüber gegeben hätte (in der Schweiz gab es darüber nämlich einige, bis endlich ein Ja herauskam), hätten Frauen* in den meisten Ländern das Wahlrecht wohl auch erst in den 1970ern erhalten – oder eventuell noch gar nicht. In Österreich würde ich auf gar nicht tippen. Wenn ihr die Liste im Wikipediaartikel zu Frauenwahlrecht durchseht, seht ihr, wie wenig Abstimmungen es dazu gab. Und abstimmen durften dann meistens die Männer, nicht die Frauen – außer auf den Philippinen. Eine vollständigere Liste ist z.B. hier.

Was kommt als nächstes? Und wann sagen wir “Stopp!”?

Rants in Kurz 1

Die Struktur hab ich von Karin Kollers Pensées geklaut.

1. Ich rede auf Twitter ab und zu über Breitmachmacker, also Menschen, meist als Cismänner gelesene, die in öffentlichen Verkehrsmitteln mehr Platz einnehmen als für sie notwendig. Ich zähle ja immer, wieviele Sitze belegt werden – Meister* können ja bis zu 4 Sitze belegen, große Meister* in entsprechend gestalteten Verkehrsmitteln bis zu 6. Was mich aber auch nervt ist lautes Gehen. Mädchen* & Frauen* werden dann gerne u.a. “Trampel” genannt, body- und/oder fatshaming ausgesetzt. Manchen Typen fällt nicht mal ein, etwas leichter aufzutreten, wenn sie Schlafende stören oder Teetassen zum Klirren bringen.

2. Mich nerven von mir als Cismänner gelesene Menschen, die auf Twitter mit leicht anlassigen Tweets Texte zu z.B. Diskriminierungsformen fordern und dann jammern, dass ihnen “Hass” entgegenschlägt. Bei den basics (“Was ist ableism?”) tut’s ja echt Google (und darüber hinaus auch noch). Aber es folgt wieder Frauen*arbeit, schließlich wollen wir ja a) alle mitnehmen, b) nett sein, c) fühlen uns verpflichtet aufzuklären (Reihung hier keine Wertung), also schicken wir Links und gehen nicht auf das Gejammer ein. Ich mag da aber jetzt nicht mehr mitspielen.

3. Zu dem Thema lest auch noch mehr auf sancznys Blog.

4. Österreich füllt sein Sommerloch gerade mit antifeministischem Backlash.

5. Die Uni Wien hat 153 Denkmäler & Tafeln von Wissenschaftlern in ihrem Arkadenhof. Eine Tafel feiert die Dichterin Marie Ebner-Eschenbach. In der Mitte des Hofes ist eine Musenstatue, die – Kunstprojekt “Der Muse reicht’s!” – einen langen Schatten wirft. Mir reicht das nicht. Angeblich ist für die 650-Jahrfeier nächstes Jahr mehr geplant. Ich will 50/50-Repräsentation & nicht nur Naturwissenschaftlerinnen*, bitte. (Obwohl, bei dem geringen Frauenanteil würde es sowieso nicht genug Naturwissenschaftlerinnen* für 50/50 geben.)

6. Was immer passiert wird dann wahrscheinlich als großer Fortschritt verkauft. Nein, das ist ein Mindestmaß! Aber von Österreich sind kein kühnes Voranschreiten, keine großen Gesten zu erwarten (siehe z.B. verpasste Chance Elise-Richter-Ring), stattdessen wird hier darum gestritten, ob die “großen Töchter”, unter höhnischer Medienbegleitung in die Bundeshymne hineinreklamiert (Hymnen & Nationalismus eh abzulehnen) in der Hymne bleiben dürfen und bestärkt von der sich an der Frauenministerin entladenden Reaktion kommen 800 Menschen, darunter in den Medien als wichtig & wissend verkaufte Persönlichkeiten und fordern auf Initiative einer Gruppe mit Kontakten & personellen Überschneidungen mit der rechtsextremen Szene die Abschaffung der geschlechtergerechten Sprache (von _ und * oder x haben sie noch nichts gehört, die sind noch beim Binnen-I und Schrägstrichen).

7. Orrrrrrrrr!

8. Schließlich: Wenn ihr damit Mühe habt, “gegen” etwas zu sein, egal was, dann … seid ihr wohl auch nicht gegen Umweltverschmutzung, Waljagd, Krebs, Urwaldabholzung, Armut und Krieg. Und auch nicht gegen Gewalt, obwohl ihr seid doch sicher gegen *jede* Art von Gewalt. Oh großes Augenrollen.

9. Grumpfiges Ende so far.