Gastpost: Dieses Leben kann Spuren von Gewalt enthalten Teil 1

Heute gibt es einen Gastpost von @MikaMurstein

TW: häusliche/sexualisierte/ seelische Gewalt sind Themen dieses Blogposts. Bestimmte Begriffe verwende ich als Zitate, auch wenn ich diese Begriffe für bedenklich halte. Mir geht es darum, zu reflektieren, wie sehr diese Begriffe Vorstellungen zum Thema prägen, sowohl die Fremdwahrnehmung als auch die Eigenwahrnehmung, letztere nicht unbeeinflusst von Stigmatisierung. Dies ist keine Abrechnung mit meinem direkten Umfeld. Mir geht es um den gesellschaftlichen Umgang mit dieser Gewalt und warum es so erschwert wird über solche Erlebnisse zu sprechen. Denn nur durch das Sprechen kann eins die Verantwortung bei denen lassen, die sie tragen und den oft bis dahin selbstzerstörerischen Zirkel der Entwertung entkommen. Ich bitte dennoch jede_n zu prüfen, ob er_sie bereit ist einen Text zu lesen, indem ich einmal überhaupt keine Rücksicht nehmen will, der nicht ausgleicht oder schönt, der sogar meine eigenen Regeln verletzt, nämlich die Regel, Erlebnisse zu literarisieren, sie mit einem Mehrwert von Sinn und Schönheit anzureichern, damit sie erträglich sind und transformierbar/produktiv nutzbar sind. Dies hier ist einfach nur hässlich.

Dieses Leben kann Spuren von Gewalt enthalten

Aus allen meinen vergangenen Beziehungen gehe ich mit der Frage raus: Warum erwecke ich keine Empathie im anderen? Warum sollte ich das, was mir entgegen gebracht wird, eigentlich Liebe nennen? Und: Bin ich nicht liebens-wert?

Von mir wurde meist ein hohes Maß an Empathie, Reflektion, Fürsorge und ich nenn es mal “Kreativität” erwartet, am meisten von den Menschen, die am wenigsten im Stande waren, selbiges anzubieten.

Wenn ich das so sehe, wo kommt dann dieser Abwertungsgedanke her, ich sei nicht liebenswert, wenn ich nicht Empathie beim Anderen hervorrufe?

Es gibt jede Menge Spuren, die Gewalterfahrungen in meinem Leben hinterlassen haben.

Eine meiner ersten Kindheitserinnerungen ist das Bild, wo mein Vater meine Mutter schlägt und sie zu Boden geht. Ich werfe mich über sie, und vor Überraschung hält mein Vater dieses eine Mal inne.

Die häusliche Gewalt gegen meine Mutter und gegen einen meiner Brüder führte zur Scheidung meiner Eltern.

Ich habe früh versucht wie ein Seismograph die Empfindungen der Menschen in meinem Umfeld zu erfassen und zu deuten. Solange mir etwas verständlich erschien, so lange etwas erklärbar war, war es auf eine Art weniger angsteinflößend.

Mir wurden ab dem ca. 6. Lebensjahr von verschiedenen Menschen Kümmernisse mitgeteilt oder etwas später wurde ich nach meiner Meinung gefragt, sogar um Rat. Das gab mir eine besondere Stellung. Ich stellte das gar nicht in Frage.
Mir fällt es bis heute schwer, das Wort “Gewalt” auf das anzuwenden, was mir ab dem 9. Lebensjahr widerfahren ist. Vielleicht war der Begriff lange noch mit Bildern eines körperlichen Exzesses verbunden war. Das, was ich erlebte, kam äußerlich nicht so brutal daher, jedenfalls nicht so sehr im körperlichen Sinne.

Sätze des Täters (wenn er wütend war):
“Du bist hässlich, niemand (anders) wird dich wollen.”
“Man wird dir nicht glauben.”
“Man wird schlecht von dir denken.”
“… denn du hast Geschenke angenommen.”

Die Übergriffe passierten “nur” sporadisch. Zwischen meinem 9. Bis 11.Lebensjahr am Häufigsten, danach gab es in größeren Abständen noch ein paar Versuche.
Es beruhte weniger auf körperlichen Zwang, den braucht es auch nicht, wenn eins erst 9 oder 10 oder wie alt auch immer ist, Vertrauen zu der Person hatte, die plötzlich ihr Verhalten derart ändert, wenn schon eine Bindung besteht; wenn eins Schuldgefühle hat, weil dieser Mensch so wahnsinnig unglücklich ist und eins selber dagegen von ein paar Menschen geliebt und für etwas Besonderes gehalten wird.

Als Kind konnte ich mir Neid als Motiv am Besten vorstellen, denn der war mir schon mal entgegen geschlagen und ich empfand das schmerzhaft als trennend. Anders konnte ich es mir damals nicht erklären, heute weiß ich, wie hinfällig meine Bemühungen sind, “es” zu verstehen. Das ist nicht MEINE Aufgabe.

Es passierte nicht alles, was passieren kann; ob es daran lag, dass ich an dem Punkt, wo meine Angst am Größten war, wenn es über die anfänglichen und bestimmte Berührungen, die mich erst erstarren ließen, hinausging, wenn die Panik sich Bahn brach “Nein” sagte, zu weinen anfing, oder drohte zu schreien, ich weiß es nicht. Aus irgendeinem Grund hörte er dann, aber auch nicht ein bisschen eher, auf. Bis zum nächsten Mal, wo er mich mit Worten zu überreden versuchte, weiter zu gehen, immer wieder. Heute denke ich, dass er überzeugt davon war, nur die richtigen Knöpfe drücken zu müssen, dann würde ich schon wollen. Er guckte mich eingangs mit so einem flehenden Blick an. Dann erwartungsvoll; wenn er mich berührte und mir erklärte, was ich dabei empfinden müsste.

Die Frage, warum ich dieses Verhalten bei ihm auslöste, ist natürlich von Grund auf falsch, ich spürte das aber erst viel später.

Ich war schon Anfang 30, als ich dieses Thema zum ersten Mal mit einem Therapeuten bearbeiten wollte.

Er sagte: “Es handelt sich bei ihnen um einen minder schweren Fall von sexuellem Missbr**ch …”

Den Rest hörte ich nicht mehr. Ich war entsetzt, mir war schlecht, ich war wütend …

Ich selbst hatte es verharmlost, mir gesagt, dass anderen Schlimmeres widerfahren ist und ich hatte dabei auch eher nur die körperlichen Vorgänge bewertet.

Aber was bitte schön ist “minder schwer” an einem “sexuellem Missbr**ch”, der sich über Jahre hinzieht, bei dem eins Zerspringen will vor Angst, Mitleid, Schuldgefühl, Scham; der zwar in großen Abständen stattfand, aber dann das Vertrauen zu Nichte machte, welches ich mühsam wieder aufgebaut hatte???

Diese Versuche mich doch noch zu “allem” zu überreden ebbten erst wirklich ab als ich 15 war. Ich hatte mich dran gewöhnt, diese Dinge selber zu regeln, nachdem die einzige Person, der ich mich anvertraut hatte, mich nicht ausreichend zu schützen vermochte. Diese Person sprach ein paar Mal mit dem Grenzüberschreiter, er gelobte aufzuhören. Er tat es aber nicht.

Erst in meinen Zwanzigern sprach ich darüber.

Eine nicht so langjährige Freundin, die selbst einen sexuellen Übergriff erlebt hatte, meinte allen Ernstes, meine Erfahrungen seien nicht so schlimm, weil derjenige mich anscheinend “geliebt” habe. Klar, ist ja weniger schlimm dann …

WHAT THE FUCK? Ich wäre niemals auf die Idee gekommen, zu ihr zu sagen: Bei Dir war es ja nur einmal. Als ob das nicht reichte.

Ich habe schon immer diesen Wettbewerb darum, wer am meisten leidet, gehasst.

Der kulminierte zeitweilig auch in meiner Familie, obwohl uns ein seltsames Empfinden namens Gerechtigkeitssinn einte und wir uns außen mit Menschen solidarisierten und als hilfsbereit, etc, bezeichnet wurden. Also außen nicht so egozentrisch agierten wie innerhalb der Familie. Meine Mom hat Z.B. mehrmals andere ermutigt und unterstützt sich aus gewaltvollen Beziehungen zu befreien. Die Angst zu kurz zu kommen, oder das Gefühl nicht gesehen zu werden … es wird genug individuelle Gründe gegeben haben, die uns den Zusammenhalt im Innern teils erschwert haben …

Als ich 23 Jahre alt war, erzählte ich es zum ersten Mal jemensch “außerhalb”, wir kannten uns seit ein paar Monaten und ich befand mich in der Phase, die ich später ‘the seven years of loneliness‘ nennen würde, eine Zeit in der ich zwar nicht völlig verstummte, aber niemanden als Freund oder Freundin bezeichnete, damit es nichts zu verlieren gab. Die wichtigen Gespräche hatte ich mit Menschen, die sich im Transit befanden, nur eine gewisse Zeit am selben Ort aufhielten, und nichts von ihrem Transit-Status in meinem Leben musste ich auf mich beziehen.

Bis zu dem Moment als ich diesem Menschen davon erzählte; ich musste es einmal tun, ich musste sehen was passierte. Er zog sich zurück. Er nannte zwar andere Gründe für den Rückzug, aber ich denke, er wird sich gefragt haben, warum ich gerade ihm das erzählte, nur gab es dafür bloß einen Grund: Ich musste ausprobieren, ob ich es sagen kann.

Der dritte Mensch war die Person, die mir als beste Freundin in meiner Kindheit und Jugend zur Seite gestanden hat, ohne deren beruhigende Art ich ganz bestimmt verzweifelt wäre, die fast alles von mir wusste. Aber das eben nicht.

Es waren die Weihnachtstage, ich war im neuen Zuhause meiner Mom zu Besuch, aber in der Gegend, wo ich aufgewachsen bin. Ich dachte erst, ich hätte Grippe, weil ich so viel kotzen musste. Da sich das aber in nach der Rückkehr in meine Wahlheimat schnell legte, konnte es durchaus andere Ursachen gehabt haben als einen Virus.

Während dieser “kranken” Tage erzählte ich es endlich der Jugendfreundin. Und sie war so erschrocken und sagte nur: “Er wollte Dir bestimmt nicht weh tun.”

Ich hatte die nächsten 6 Monate Alpträume. Eigentlich nur einen, und den auf Endlosschleife. Der Täter zwingt mich zu dem, was er damals nicht “vollständig” bekam, nur bin ich erwachsen, und wehre mich heftig und kann mich nicht befreien. Während das passiert tritt eine Gestalt in den Türrahmen, und sieht angewidert auf die Szene, sieht MICH angewidert an, es ist die Person, in die ich damals verliebt war und ich konnte auch im Traum nicht begreifen, dass die Person es nicht verhinderte, nicht erkannte, was passiert, nicht die Tat, sondern mich verachtete. Das “durchlebte” ich wenige Monate vor meinem Abi auf dem zweiten Bildungsweg. Was das heißt, brauche ich, glaube ich, nicht noch ausführlicher beschreiben.

Der erste FESTE Partner im Erwachsenenalter, mit Mitte Zwanzig, der diese Geschichte erfuhr, glaubte mich “erschlossen” zu haben, als müsse ich in erster Linie mit Sexualität Probleme haben, und da ich so froh war, dass die flashbacks ausblieben, während wir uns nahe waren, nährte das wohl seinen Glauben. Konnte ja nichts mit mir und meiner Art damit umzugehen zu tun haben, dass ich immer daran festgehalten habe, dass es auch anders sein kann und mich gefragt habe, wie ich das denn erleben will, was ich sexuell und überhaupt für Nähe will. Sex war nie das Problem. Also Happy End? Alles verarbeitet? Nein.

Mein Bedürfnis sehr bestimmt in meiner Sexualität zu sein, wurde weniger als Stärke gesehen, wurde mehrmals als “unweiblich” aufgefasst. Als ein Infrage-Stellen der Männlichkeit meines Partners. Ich habe mich stets gefragt, wie eins mit einem Menschen zusammen sein kann, dem eins vorwirft nicht genug dies oder das zu sein oder zu viel davon, zu wenig der Norm entsprechend, aber dennoch nicht von diesem Menschen lässt. Tat mir jemensch konsequent nicht gut, hatte ich mich getäuscht, genug gekämpft, nun ja, dann bin ich gegangen, während selbst derjenige, der mir explizit den Mangel an weiblichen Verhalten unterstellte, nicht loslassen wollte, zuerst einmal.

Das haut in die Kerbe, ich sei nicht richtig, so wie ich bin. Womöglich ist es auf, na was wohl, zurückzuführen … If I am really damaged goods, why do you keep on wanting me?

Wenn ich für eine Sache Gespür entwickelt habe, dann dafür, was ich will und was ich nicht will. Wo meine Grenzen sind. Und ausgerechnet das stört?

Then … I am better off alone.

Einmal durchwühlte ich mit einem Kommilitonen (der natürlich meine Geschichte nicht kannte) den Karteikasten mit den Kärtchen, auf denen alle älteren Diplomarbeiten aufgeführt waren. Er erzählte, von einem Freund, dessen Diplomarbeit sich auch hier befinden müsste. Der Freund habe über sexuellen Missbr**ch in seiner Diplomarbeit geschrieben. Der Arme sei mit einer Frau zusammen, die das erlebt habe. Das sei doch ungeheuer schrecklich und “Seelenmord” … mit jemanden zusammen sein, der das durchlebt hat, sein Freund tue ihm leid.

Ich war so unglaublich wütend. Diese Begriffe waren an sich schon so schlimm und falsch, und wurden inflationär benutzt, als wenn die Leute wüssten, wovon sie redeten. Ich bin kein Zombie, ich fühle viel zu viel. Und ich denke, ich bin nicht die einzige. Stigmatisierung ist in sich so gewaltvoll. Der Diskurs den Nicht-Betroffene über Betroffene führen..

Es war 1998 oder ’99 – ich kam aus dem Kino, rief einen Freund an, aus der Telefonzelle, wollte ihm mitteilen, dass ich einen total wichtigen Film gesehen hatte, aber mir war so schlecht und er verstand das als Botschaft, dass der Film nicht gut sein könnte, und wollte ihn lieber nicht sehen.

Es handelte sich um den ersten Dogma-Film überhaupt: “Das Fest” von Thomas Vinterberg

(Ich konzentriere mich nur auf einige grob skizzierte Ausschnitte mit der Hauptfigur im Fokus, ich will nicht den ganzen Film nacherzählen, dafür ist er viel zu ergiebig und es würde ihm auch nicht gerecht, wenn ich es versuchte, ich habe den Film zuletzt vor vielen Jahren zum wiederholtem Mal gesehen, die Reihenfolge der Details würde ich durcheinander werfen.)

Mit scheinbar unsteter Handkamera (dennoch ist keine der Einstellungen zufällig), wird der 60. Geburtstag des Familienpatriarchen Helge festgehalten. Es sind zahlreiche Gäste erschienen, die große Verwandtschaft und die Geschäftsfreunde.

Die Handkamera, fängt mal diesen, mal jenen Charakter ein, ist aber parteilich bei Christian, dem ältesten Sohn von Helge, dessen nervöse Reaktionen auf den Vater (selbst ein noch so kurzes Zucken während der anfänglichen Geburtstagszeremonie zeigt die Kamera wie im Vorbeigehen, ohne dass es sich im Gedächtnis verflüchtigt) ankündigen, dass etwas passieren wird.

Christian hat zwei Reden vorbereitet für den Vater, der Vater solle doch zwischen zwei verschiedenfarbigen Karten wählen. Die verschiedenfarbigen Karten spielen auf die sexuelle Misshandlung an, die Christian und seine Zwillingsschwester durch den Vater zugefügt wurden. Der Vater ließ die beiden Kinder Karten wählen, und je nachdem, stand eine Karte für den Jungen oder das Mädchen.

Als Christian die Sache nach einer gewöhnlichen Einleitung beim Namen nennt, herrscht Irritation, auch die die Schwester und der jüngere Bruder wollen es nicht glauben, der Rest der Anwesenden hält Christian vermutlich für überspannt, wissen doch alle, dass er in der Psychiatrie war.

Und dann noch der Verlust der Zwillingsschwester, die sich einige Zeit vor dem Familienfest, das Leben nahm.

Erst mal machen alle weiter mit dem Feiern, als sei nichts geschehen. Es wäre doch zu unbequem, dem ganzen Glauben zu schenken. Nachdem der Vater auf Christians Psychiatrieaufenthalt angespielt hat, setzt sich dieser wieder hin. Irgendwann klopft er zum zweiten Mal gegen das Glas um seine Rede fortzuführen. Dieses Mal wird er hinaus bugsiert, er soll sich abregen, der jüngere Bruder, der als Kind ins Internat abgeschoben wurde, und im Glauben lebte, die Zwillinge würden ihm vorgezogen, geht am meisten gegen Christian vor.

Die ältere Schwester, die sich anfangs genau wie alle anderen gegen das Geäußerte wehrt, erfasst so nach und nach, das es wirklich passiert ist. Sie ist diejenige, die den Abschiedsbrief der verstorbenen Schwester findet, der das, was Christian dem Vater vorwirft, bestätigt. Sie will den Fund geheim halten. Erst als sich neue Allianzen abzuzeichnen beginnen, wird auch sie mit ihrem Begleiter, einem man of color, “gedisst”, indem die Gesellschaft fröhlich ein rassistisches Lied anstimmt.

Christian schafft es derweil, wieder in das Gebäude zu gelangen, stellt sich wieder vor die versammelte Gesellschaft und will seine Rede fortführen. Rabiat wird er daran gehindert, diesmal nicht nur ausgesperrt, sondern geknebelt an einem Baum auf dem Grundstück festgebunden.

Derweil versteckt sein einzig klarer Verbündeter, der Koch auf dem Herrschaftssitz, sein Freund aus Kindertagen, die Autoschlüssel aller Gäste, damit diese nicht einfach fortfahren können, sondern doch noch Christians Rede zuhören müssen.

Dann kommt der Moment, wo Christian erneut vor alle Anwesenden tritt, diesmal gelingt es keinem ihn daran zu hindern, dass er den Vater fragt, warum er das getan hat, bis dieser die Taten zugibt indem er sagt: “Weil ihr nicht mehr wert ward” BOOM

Die Wahrheit, und keine_r kommt mehr drum rum, keine_r kann sagen, habe ich nicht gehört, nicht gewusst, nicht verstanden.

Am Ende des Films, am Tag nach der großen Feier, darf der Vater nicht am Tisch mit seinen Gästen sitzen, die Geschwister sind jetzt eine Allianz, der Vater wird ausgeladen. Eine vollzogene Ächtung, für den Moment zumindest. Während einige ihre entdeckte Stärke gegen den Vater nun abfeiern, wie Christians jüngerer Bruder Mikael, fängt die Kamera am Ende Christians Gesichtsausdruck ein. Er sieht verloren aus.

Es war schrecklich. Und es war groß. Es war wahr. Es war eine Genugtuung, das auf der Leinwand zu sehen. Das fast Unsagbare wurde ausgesprochen. Meine erste wirkliche Erleichterung. Durch einen Film. Immer noch unfassbar.

Die Geburtstagsgesellschaft, die immer weiter macht, egal welche Ereignisse eintreten, steht für mich nicht nur für eine Feiertagsrunde, sondern für die Gesellschaft schlechthin, für die meisten Leute, die lieber nichts wissen wollen, was ihr Verhältnis zum Mächtigen trüben, verkomplizieren würde. Vielleicht reicht es schon, dass es unbequem werden könnte. “Die Gesellschaft” spielt für mich keine Nebenrolle.

Ich kann nicht wissen, warum der Täter, mit mir das machte, was er nun mal gemacht hat. Er hätte wohl niemals so ehrlich darauf geantwortet, nämlich, dass es ihm egal sei, dass ich das nicht wolle, egal, dass es mich verletzt, dass ich in seinen Augen nicht mehr wert bin.

Ich habe als Erwachsene ein paar Mal versucht mit ihm darüber zu sprechen. ICH wollte VERSTEHEN. Wir gingen einen Feldweg entlang, mir war mulmig zumute, und er antwortete schnell auf meine Frage, ich solle nicht denken, er hätte sich keine Hilfe geholt. Er sagte nicht, was für Hilfe, ob er damit Therapie meinte, oder was überhaupt und wieso fragte er nicht, wie es mir damit geht, ob ich Hilfe bei der Verarbeitung hatte. Danach hatte ich keine weitere Gelegenheit mehr, noch mal nachzuhaken.

Von einer ins Vertrauen gezogenen Person in meiner Abwesenheit gefragt, wie er so viele Jahre danach darüber dächte, meinte er nur: Er wisse, dass ich ihm verziehen hätte.

Seltsam nur dass er mich nie um Verzeihung gebeten hatte, wie sollte ich das denn da bitte verziehen haben???

War daran mein nahezu vorauseilendes Verständnis schuld, machte es etwa andere faul und träge, dass ich mir zu erklären versuchte, warum sie sich so oder so mir gegenüber verhielten?

Dennoch ist meine Wut über die, die es bagatellisierten, nicht hören wollten, die nichts gemerkt haben wollten, oft nicht viel geringer als die Wut auf den Täter.

Einmal wurde mir gesagt, das seien olle Kamellen.

Kamellen reimt sich auf Bagatellen.

In der letzten Strophe: WUT

Warum dies geschieht, ist nicht vom Opfer zu beantworten, sondern von allen.

Täter basteln sich Rationalisierungen, die ihre Taten rechtfertigen. Die Gesellschaft lässt diese viel zu oft gelten. Täter fühlen sich so bestätigt in ihrer Wahrnehmung.

Ächtung[1] – nee, wieso?

Abwertung des Opfers, viel bequemer.

Welche Karte/Ansprache/Aussprache darf es denn sein?

Die, wo “olle Kamellen” drauf steht?

Oder die mit dem Titel “dieses Leben könnte Spuren von Gewalt enthalten”?


[1]  Es geht mir um die Ächtung der Verhaltensweisen des Täters, nicht um die totale Exklusion

Es reicht schon aus … Ein Gespräch über Mobbing, Teil 3

Auf einen Blogpost von mir sprach mich eine liebe Bekannte an, die mir von dem Mobbing, dem sie ausgesetzt war erzählte, allerdings in Form eines geschützten Blogposts. Daraufhin kam mir die Idee, ein Gespräch mit ihr zu führen, in dem sie anonym und daher geschützt von ihren Erfahrungen berichten konnte. Es ist dieses Gespräch geworden – ein sehr langes, trauriges, schönes Gespräch. Aufgrund der Länge teile ich es in drei Teile. Hier geht’s zu Teil 1 und Teil 2.

[Triggerwarnung Mobbing, Sexismus, Bodyshaming]

A(nna): Und wie ist es mit den Folgen für dich persönlich? Als ich mit dem Gymnasium fertig war und an die Schweizer Kunstschule kam, an der ich ein freiwilliges 13. Schuljahr verbrachte und dort freundlich aufgenommen wurde, habe ich den Entschluss gefasst, mich von meinen Peinigern nicht unterkriegen zu lassen. Mein Erfolg – ein zufriedenes Leben zu führen, so wie es mir passt (das ist mittlerweile bei mir “Erfolg”) – würde meine Rache sein, nahm ich mir vor. Ich denke jetzt auch nicht mehr so oft an meine Schulzeit, weil ich mich nicht von ihr bestimmen lassen will (der Beginn meiner Zeit im Gymnasium ist auch schon über 20 Jahre her). Wie ist das bei dir?

Person A: Als es mir besser ging, erkannte ich einige meiner Peiniger*innen als Personen, die gar nicht im Recht waren, mich wegen meines Aussehens zu mobben. Ich erkannte, dass sie gar nicht die wunderschönen und perfekten Menschen waren, die ein Recht hatten, mich zu kritisieren, da keine Person, egal wie sie aussieht, das Recht hat, eine andere Person für ihr Aussehen zu diffamieren. Mein Erfolg war, dass ich versuchte, mich nicht mehr darum zu kümmern, wie ich aussah, endlich wieder in den Spiegel sehen konnte und langsam mit meinem Körper zufrieden war. Ich habe heute noch immer Minderwertigkeitkomplexe wegen meines Gesichts, meiner breiten Hüften und Schenkel, aber ich traue mich dennoch in Bikini und kurzen Hosen nach draußen.

Sonstige Folgen habe ich ja bereits angesprochen, ich fühle mich unwohl, wenn eine Person tuschelt, da ich immer automatisch davon ausgehe, dass es um mich geht (auch wenn das natürlich nicht der Fall ist. Ich weiß das, aber der Reflex ist da.). Ich hasse es, wenn andere Menschen lästern, vor allem, wenn die Person in Hörweite ist. Wenn unter 4 Augen mal etwas negatives über einen Menschen gesagt wird, ok, aber nicht so halblaut, dass sich die Person angesprochen fühlt und nicht sicher ist, ob jetzt von ihr geprochen wird.

A: Ich denke manchmal drüber nach, ob ich ohne das Mobbing auch zu so einer empathischen Person geworden wäre. Auch wenn ich in Einzelfällen nicht immer “nett” bin und noch viel lernen muss, hege ich doch eine große Sympathie für die Menschheit im Allgemeinen und mag es nicht, wenn andere alle Menschen als dumm oder Idioten oder Arschlöcher bezeichnen. Aber andererseits denke ich mir – musste ich erst leiden, um das Leid anderer Personen zu sehen und mitzufühlen? Das kann’s ja nicht sein. Ich war schon ein empathisches Kind, von daher hätte es dieses Leid nicht gebraucht. Niemand “braucht” sowas.

Person A: Ich glaube, ich weiß was du meinst. “Muss ich erst diskriminiert werden, um Diskriminierung zu sehen?” Ich war vor dem Mobbing ebenfalls ein freundliches Kind, das immer ein offenes Ohr für andere hatte und ihnen gern geholfen hat. Das tue ich auch heute noch gerne.

Ich denke, etwas selbst erlebt zu haben spielt eine große Rolle, ob ich mich in das Leid einer fremden Person einfühlen kann. Wir spüren es ja häufig unter allen möglichen Themen, sei es “Aufschrei”, in denen nicht betroffene Menschen Übergriffe herunterspielen, oder sei es, etwas weniger emotional, der NSA Skandal, der Frau Merkel erst aufrüttelte, als sie selbst betroffen war.

Demgegenüber muss ich aber sagen, dass es sehr wohl Personen gibt, die für andere Empathie empfinden, ganz ohne selbst diese Situation erlebt zu haben.

A: So sollte es eigentlich überhaupt sein, dann hätten wir viele Probleme nicht. Mir kam im Lauf unseres Gesprächs der Gedanke, ob vielleicht eine spätere Trennung der Kinder in die verschiedenen Schulzweige sinnvoller wäre. Also eine Gesamtschule, da wir beide aufgrund des Wechsels auf eine andere Schule aus unserem Zusammenhang gerissen wurden.

Person A: Es spricht viel für eine Gesamtschule, unter anderem aus dem genannten Grund der Klassengemeinschaft. Es gibt viele Probleme bei Übergängen in die nächste Schulart und eine Verzögerung der Trennung einer Klassengemeinschaft kann durchaus helfen, eine starke Klassengemeinschaft aufzubauen. Leider ist mit der Gesamtschule das Thema Mobbing nicht aus der Welt geschafft, da Mobbing bereits in der Grundschule (sogar im Kindergarten) beginnen kann.

A: Natürlich geht es leider nicht so einfach. Ich habe mich noch gar nicht so mit Anti-Mobbing-Maßnahmen beschäftigt, weil ich so verletzt war. Was würdest denn du für sinnvoll halten?

Person A: Sinnvoll ist es, die Lehrer*innen zu schulen, Mobbing zu erkennen. In einem freiwilligen Seminar in der Lehrausbildung kam eine Psychologin, die die angehenden Lehrer*innen in Gesprächsführung schulen sollte. Beim Thema “Mobbing” wurden in einem Rollenspiel genau die Mobbingmethoden wiederholt und auf mich angewandt, wie damals in meiner Schulzeit, ohne dass darüber reflektiert wurde.

Gemeinsam mit der Klasse mit dem Kind reden, eine*n Anführer*in ausmachen und im gemeinsamen Gespräch mit dem betroffenen Kind eine Lösung finden. In meinem Fall hat das damals leider nicht geholfen, ich möchte dieser Methode nicht ihre Wirkung absprechen, sicher kann es helfen, aber leider kann das betroffene Kind dabei wie eine Petze dastehen und noch mehr Ansehen verlieren.

Der Höhepunkt des Seminars war jedoch die Aussage, dass sich die meisten Kinder das Mobbing nur ausdenken, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich will nicht bestreiten, dass es das gibt, aber es wurde eher als der Normalfall dargestellt. Ich denke, wer meine Aussagen bisher las, kann sich in etwa vorstellen, wie ich mich in diesem Moment fühlte.

Ich bekam Zweifel. Hatte ich mir das etwa nur eingebildet? Hatte ich das falsch verstanden? Mir alles nur ausgedacht? Es schlimmer gemacht als es ist? Als ich mein Tagebuch las und mich daran erinnerte, konnte ich es aber nicht leugnen. Es gibt Episoden, die im genauen Wortlaut in meinem Kopf sind, die immer wieder hochkommen, sogar noch mehr als hier beschrieben. Ich bin mir recht sicher, dass ich mir diese 5 Jahre nicht eingebildet habe. Ich wünschte, es wäre so.

A: Wie schrecklich :( Klassisches Victimblaming bzw. Täter*innen-Opferumkehr. Und dann noch die Erfahrungen absprechen – wie kann so etwas nur unreflektiert weiterverbreitet werden?

Ich denke mir, dass echte Inklusion – also das Unterrichten von allen Kindern gemeinsam – und die ausdrückliche Betonung von liebevollem, wertschätzendem Umgang miteinander schon ganz früh sehr sehr wichtig ist. Aber da komme ich dann in Gebiete, wo ich mich zu wenig auskenne – ich will einfach nur, dass Mobbing endlich ganz verschwindet und auch Rassismus, Sexismus, Klassismus, Ageismus, Ableismus und alle Diskriminierungen, die ja eigentlich andauerndes Mobbing sind.

Person A: Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, was ich mir gewünscht habe, was ich gebraucht hätte. Jeder Mensch hat andere Bedürfnisse und kann anders das Mobbing überwinden, ich kann hier nur meine Vorschläge unterbreiten. Wenn mehr Personen etwas anderes dazu beitragen können, wäre ich sehr dankbar.

Ich wollte damals, dass eine Person das Mobbing bemerkt. Mir hat kein Mensch geglaubt, die Lehrer*innen haben es nicht bemerkt, da es eben in Pausen und Freistunden besonders schlimm war. Ich hätte am liebsten eine versteckte Kamera gehabt, um alles aufzuzeichnen. Natürlich will ich kein Kind verkabeln(!), aber eine genaue Beobachtung einer*s Lehrerin*s oder einer außenstehenden Person beim Verdacht auf Mobbing kann helfen

Was mir persönlich geholfen hätte, wäre einfach eine Person, egal ob Lehrer*in, Elternteil oder sonstwer, die mir (im Vertrauen) sagt: “Hey, ich bin bei dir. Wenn es dir schlecht geht, komm zu mir. Ich glaube an dich.”

A: Bei mir merkten es einige Lehrer*innen schon. Schließlich wurde ich an der Tafel zum Heulen gebracht. Aber es gab keine Konsequenzen. Meine Klassenlehrerin meinte bei der Maturafeier (Abifeier) zu mir und meinem Quäler: “Du und der X, ihr habt euch nie ganz verstanden, gell?” Ich hätte sie am Liebsten angeschrien. Wenn sie es doch gemerkt hat – warum hat sie nie etwas getan? Dass unsere Eltern uns so im Stich gelassen haben, finde ich auch ganz schlimm. Es sollte in den Schulen bei den Elternabenden Fortbildungen geben, wie Anzeichen von Depressionen und Mobbing zu erkennen sind und was getan werden kann.

Person A: Das sind alles wunderbare Maßnahmen, aber es ist oft weder Geld noch Zeit vorhanden. Die Schule und die Lehrer*innen sind mit Aufgaben überlastet und es gibt zu wenig Personal, wirklich umfassend helfen zu können. Natürlich möchte ich eine*n Lehrer*in, die sich Zeit nimmt und beobachten kann, aber es ist in der jetzigen Schule leider nicht möglich, allübergreifend solche Lösungen einzuführen.

A: Leider scheint das fast überall so zu sein :( Aber dass Mobbingprävention nicht mal in der Ausbildung verpflichtend ist und richtig gelehrt wird! *seufz*

Person A: In der Lehrer*innenbildung werden diagnostische Verfahren aufgezeigt, z.B Soziogramme, die zeigen, wie die Klasse aufgebaut ist. Gibt es Cliquen, Aussenseiter*innen, Ausgegrenzte, Klassenstars?

A: Aber dann ist es schon sehr spät. Besser wäre es, gleich von Anfang an eben daran zu arbeiten, dass Mobbing erst gar nicht entsteht. Aber da wären wir ja schon fast bei der Weltrevolution, leider.

Person A: Ich denke, dabei ist es wie mit einer Krankheit. Wir können versuchen, uns präventiv davor zu schützen, aber wenn etwas ausgebrochen ist, ist es vor allem wichtig, es zu diagnostizieren und zu behandeln.

A: Natürlich. Ich kann mir z.B. vorstellen, dass gleich in der Grundschule thematisiert wird, was Freundschaft, gegenseitiges Verständnis und so heißt. Dazu gibt es ja tausende Bücher, Spiele, etc.

Person A: In der Grundschule wird in den letzten Jahren viel Wert auf die sogenannten “emotionalen Kompetenzen” gelegt. Dabei geht es um Freundschaften, Empathie, Zusammenhalt, Toleranz, Akzeptanz, Familiensituationen und dergleichen. Natürlich muss dennoch ein straffer Lehrplan durchgezogen werden und viel bleibt auf der Strecke.

A: Sicher gibt es da auch das Problem, dass mit dem Übertritt in die nächste Schulstufe die emotionale Bildung komplett vernachlässigt wird.

Eine Frage hätte ich noch: Wie siehst du es mit dem “Vergeben”? Es gibt viele Menschen, die meinen, wir sollten denen vergeben, die uns Böses angetan haben, auch wenn es extreme Gewalt war. Ich für meinen Teil habe ein Problem damit. Vielleicht wenn die Personen, die mich gemobbt haben, ihre Schuld einsehen und mich ehrlich um Verzeihung bitten. Bis dahin versuche ich eigentlich, möglichst nicht an sie zu denken. Wie siehst du das?

Person A: Es gibt Menschen, denen ich nicht vergeben kann. Von den etwa 30 “aktiven” Mobber*innen sind das aber nur 2. Eine sehe ich nicht mehr, die andere wohnt in meiner Nähe, aber ich habe keinen Kontakt zu ihr und möchte auch keinen aufbauen.

Allerdings sind ein paar Mädchen (5, um genau zu sein) später auf mich zugekommen und haben sich aufrichtig bei mir entschuldigt. Mit ihnen hatte ich in den letzten Schuljahren dann in den Pausen und auf Feiern Kontakt und wurde auch nicht enttäuscht. Ich wollte bei ihnen nicht nachtragend sein, es hätte mir persönlich nichts gebracht.

Wenn eine Person um Vergebung bittet, sollte die Möglichkeit überdacht und nicht sofort abgelehnt werden. Aber ich verstehe es sehr gut, wenn ein*e Betroffene*r nicht vergeben kann oder will. Es kann wirklich sehr schwer sein.

A: Das finde ich einen guten Standpunkt. Damit sind wir vorläufig mal am Schluss angekommen. Bzw. könnten wir jetzt noch lange über den Einfluss der Medien und der patriarchalen Gesellschaftsstruktur etc. weiterreden, aber sparen wir uns das für ein anderes Mal auf :) Hast du noch Fragen an mich?

Person A: Hast du noch weitere Verbesserungsvorschläge?

A: Da muss ich überlegen. Allgemein wünsche ich mir, dass Mobbing ernster genommen wird, dass es mehr Aufklärung darüber gibt – es gibt ja dann auch Mobbing am Arbeitsplatz, etc. Dass akzeptiert wird, dass es sich dabei um schwerste psychische Gewalt handelt, die nicht so einfach übertaucht werden kann. Und dass Mobbingopfer immer schützenswert sind, so wie Opfer von physischer Gewalt und dass sie bei der Aufarbeitung der Folgen unterstützt werden.

Darum wollte ich ja (auch) mit dir darüber sprechen – um sichtbar zu machen, was geschieht, was für Folgen Mobbing hat, um Menschen damit zu konfrontieren und zu sensibilisieren. Hoffentlich hat es dich nicht zu sehr belastet, darüber zu sprechen, bei mir ist es ja doch schon länger her und ich versuche ja möglichst gegen die Folgen anzukämpfen.

Jedenfalls bin ich so ungeheuer froh, dass du noch da bist. Dass es dir gut geht und du darüber reden kannst. Trotz allem. Und du bist stark genug, dass du dich nicht von den Menschen abgewandt hast. Darüber bin ich froh.

Person A: Darüber bin ich auch sehr froh. Auch, dass du dich wieder freuen kannst und deine Peinigungen vergessen kannst. Ich hoffe wirklich, dass alle diskriminierten Menschen ihre Erfahrungen teilen und verarbeiten können und wir gemeinsam versuchen, die Diskriminierung einzudämmen. Danke für die Möglichkeit, meine Erfahrungen zu teilen. Vielleicht hilft es anderen Menschen, vielleicht stößt es zum Nachdenken an. Ich bin froh, dieses Interview geführt zu haben. Vielen herzlichen Dank für die Plattform, dein Zuhören und deine Erfahrungen!

A: Dafür ebenfalls vielen Dank und danke dafür, dass du mit mir gesprochen hast.

Es reicht schon aus … Ein Gespräch über Mobbing, Teil 2

Auf einen Blogpost von mir sprach mich eine liebe Bekannte an, die mir von dem Mobbing, dem sie ausgesetzt war erzählte, allerdings in Form eines geschützten Blogposts. Daraufhin kam mir die Idee, ein Gespräch mit ihr zu führen, in dem sie anonym und daher geschützt von ihren Erfahrungen berichten konnte. Es ist dieses Gespräch geworden – ein sehr langes, trauriges, schönes Gespräch. Aufgrund der Länge teile ich es in drei Teile. Hier geht’s zu Teil 1.

[Triggerwarnung Mobbing, Sexismus, Bodyshaming]

A(nna): Ich habe den Eindruck, du warst ein Einzelkind. Ich hatte ja zumindest meinen Bruder – bis er eben fortgeschickt wurde.

Person A: Meine Schwester kam zur Welt, als ich 9 Jahre alt war. Sie war noch so klein und ich habe sie furchtbar geliebt (das tu ich immer noch). Mir wäre nie in den Sinn gekommen, dass es an ihr lag, dass meine Eltern sich nicht um mich kümmerten, und das denke ich auch heute nicht. Aber vielleicht hatte es ein bisschen damit zu tun.

Das einzige, was mich jetzt, wo ich erwachsen bin und eigentlich reif sein müsste, manchmal auf unrechte Weise traurig macht, ist, dass sie von meinen Eltern jede Unterstützung erhält, die sie braucht, obwohl sie sich “nur” mal mit ihren Freundinnen streitet. Sie hatte nie diese Probleme, und ich bin so so froh, dass sie sie nie hatte, aber wenn sie schlecht über eine Person redet (in einem gewissen Maß) schreite ich ein und sage ihr, sie möge bitte aufhören. Sie hat in der 8. Klasse so viele Freund*innen und ist wirklich wunderhübsch und ich freue mich für sie, dass es ihr nie so gehen muss wie mir. Helfen konnte sie mir damals natürlich nicht, weil sie noch so klein war.

A: Meine Mutter war nach der Abreise meines Bruders natürlich sehr traurig – depressiv (die ganze Sache ist ein Thema für sich), da bekam ich natürlich auch weniger Aufmerksamkeit. Ich verstand mich mit den meisten meiner Lehrer*innen ganz gut und hatte eben die Schulbibliothek als Schutzraum und eben doch ein paar Freundinnen*, die aber ebenfalls Außenseiterinnen* waren.

Person A: Es gab ein Mädchen in meiner Klasse. Sie war keine Außenseiterin, aber sie gab sich manchmal mit mir ab, wenn die anderen sie nicht dafür ärgerten. Mit ihr war ich auf Klassenfahrten auf einem Zimmer und sie hat mich nie verraten. Sie war neutral. Das war angenehm, aber Freundschaft konnte man das wohl nicht nennen.

A: Ich erinnere mich an ein Fest, das ich veranstaltet habe, um mich mit der Klasse “gut” zu stellen, das natürlich katastrophal in die Hose ging (die Nachbarn riefen sogar die Polizei, weil einige darauf bestanden, im Hof zu übernachten). Hast du etwas Ähnliches gemacht?

Person A: Versuche, sich mit der Klasse gut zu stellen, habe ich einige unternommen. Sie waren leider nicht erfolgreich. Als ich in der fünften Klasse war, lief gerade die erste Staffel DSDS und wir schauten natürlich jede Folge. Ich hatte dann die erste CD, die sie herausbrachten, und brannte sie allen. Für einen Tag war dann alles gut, langfristig geholfen hat es nicht. Ich habe auch noch andere Dinge getan, meine Dinge verschenkt und versucht, ihnen zu gefallen. Zum Beispiel habe ich Songtexte aus der letzten Seite der Bravo akribisch abgeschrieben, um Freund*innen zu gewinnen, die das Lied gerade mochten (in Zeiten des Internets und der Songtextseiten, wo jede*r einen Kopierer zu Hause hat, klingt das wie das letzte Jahrhundert, aber es ist erst 12 Jahre her). :)

Was wohl am schlimmsten in die Hose ging, war ein Versuch, mich zu meinen Klassenkameradinnen zu setzen. Es gab einen bestimmten Ort, an dem sie saßen und mir wurde angeboten, mich dort auch niederlassen zu dürfen. Sie boten mir also an, mich zu dulden. Wenn: ich für sie jeden Mittag zum “Imbiss” laufe, ihr Mittagessen bezahle und mitbringe.

Zur Erklärung: Der Imbiss war im Speisesaal, in dem es auch Schulessen gab. Dort gab es Schnitzel, Nudelpfanne, Wiener Würstchen, Süßigkeiten, belegte Brötchen…. Für 5./6. Klässler*innen war es sehr schwer und mühsam, sich hindurch zu kämpfen, da sie einfach zu klein und schwach waren. Dementsprechend gingen alle dort ungern hin. Also sparte ich all mein Geld, drängelte mich durch, balancierte das Essen… um dann sogleich abgewiesen zu werden. Ich könne gleich wieder gehen. Ob ich denn wirklich geglaubt hätte, “etwas” wie ich dürfte dort sitzen? Wenn ich ihnen aber weiterhin alles bringe, würden sie mich vielleicht etwas besser behandeln, mal “einen Tag in der Woche nicht ärgern”. Ich habe es natürlich geglaubt.

A: :( Zum Glück gab’s das bei uns nicht. Wir hatten nur wenig Nachmittagsunterricht, eigentlich erst in der Oberstufe und da war’s nicht mehr so schlimm. Einige der Freundschaften, die ich hatte, waren auch Zweckgemeinschaften – ich musste lernen, dass manche eben doch zum Verrat fähig waren und trotzdem mit ihnen befreundet sein. Eine hinterging meine beste Freundin, die weggegangen war, redete schlecht über sie hinter ihrem Rücken, und wollte ihr die Schuld am Zerbrechen der Freundschaft zuschieben. Ich sprach natürlich mit meiner weggezogenen Freundin und erfuhr die Wahrheit, nachher wusste ich: Besser nicht auf die Person zählen, vor allem nicht mit Geheimnissen, und das hat sich dann auch bewahrheitet. Gab es bei dir Ähnliches?

Person A: Die Freundin, die sich am Anfang der 5. Klasse “auf ihre Klasse konzentrieren wollte”, hatte manchmal noch mit mir Kontakt. Vor allem in den Sommerferien trafen wir uns oft und spielten. In den Sommerferien des Übergangs der 6. zur 7. Klasse wurde bekannt, dass sie nun doch Französisch belegen würde und somit mit mir in eine Klasse kommen würde. Wir trafen uns bei mir und schauten einen Film, als ich sie darauf ansprach, wie froh ich wäre, sie endlich in meiner Klasse zu haben. Als Freundin, als Verbündete, als eine Person, die zu mir hielt.

Sie begann herumzudrucksen. Ob das denn ginge, aber sie würde sich ungern neben mich setzen und so fort. Bis sie dann sagte, sie möchte nicht mit mir in Verbindung gebracht werden, um ihren Ruf nicht zu gefährden. Ich müsse das doch am besten verstehen, wie es sei, nicht anerkannt zu werden. In der Schule würde sie nicht mit mir reden, sie würde auch mit den anderen beim Mobbing mitmachen, aber zu Hause könnten wir vielleicht wieder spielen.

Sie gab mir noch den Rat, den anderen immer zu sagen, wie toll sie doch waren, wie hübsch sie aussahen und wie gut sie gekleidet waren. Mit dieser Methode sei sie bisher gut zurechtgekommen.

Ich fühlte mich ungeheuer vor den Kopf gestoßen. Die einzige Freundin, die ich hatte, wollte nichts mit mir zu tun haben. Sie ging nach Hause.

Als das neue Schuljahr begann, stellte sie sich natürlich mit allen gut, praktischerweise gab es da ja auch noch ein paar Sachen von mir, die die anderen nicht wussten. Das kam bei ihnen natürlich sehr gut an und lehrte mich, dass ich keiner*m trauen kann.

A: Schrecklich, was sie dir angetan hat. :( Ich las ja so viel, als Kind schon, und hatte so hehre und noble Vorstellungen von Freundschaft. Sowas hätte … ich weiß nicht, was das mit mir angestellt hätte. Und du hast das überlebt, du Starke! Ich bin froh, dass du hier bist.

Person A: Ich habe als Kind auch viel gelesen, vor allem Harry Potter und ich habe Ron dafür gehasst, dass er immer eifersüchtig auf Harry war, obwohl er sein bester Freund war und ihm nichts getan hatte. Wenigstens in meinen Büchern sollten Freund*innen zusammenhalten, aber dieser blöde Ron… :)

A: Ich würde jetzt gerne über die Folgen reden, also mal die akuten, in der Situation. Ich habe mich total zurückgezogen – gab ja nur wenige, die mit mir etwas zu tun haben wollten, mich überhaupt einluden, sehr selten, Nachmittagsaktivitäten gab’s bis auf Klavierspielen keine (und das auch nicht sehr lange), ich hatte also vor allem Hobbies, bei denen ich alleine war, Lesen, Musik hören, Malen, Stricken, im Bett liegen und mich weit weg träumen, manchmal die Nachbar*innen zum Fernsehen besuchen. Ach ja, und Computer bekamen wir früh, also habe ich am Computer gespielt.

Person A: Ich war im Chor. Dort konnte ich zwar auch keine Freund*innen finden, da alle älter waren als ich, aber niemand hasste mich und so fühlte ich mich etwas geborgen. Ich habe ebenfalls viel gelesen, viel Playstation gespielt, wo ich stark sein konnte, stärker als im wahren Leben. Ich habe viel nachgedacht, was ich auch heute noch tue.

A: Ich habe aber auch meine Nägel und Nagelhäute gebissen, bis sie bluteten und schmerzten, mir an meinen zahlreichen Pickeln herumgequetscht und noch einige Handlungen, die ich heute als Trichotillomanie bezeichnen könnte. Und noch mehr, aber das kann ich nicht erzählen, weil so stigmatisiert. Einige dieser Handlungen bin ich bis heute nicht losgeworden.

Person A: Ich habe mich damals sehr oft in den Schlaf geweint. Ich musste soviele Tränen zurückhalten, in der Schule, um nicht schwach zu wirken, zu Hause, um meine Eltern nicht zu reizen. Ich hatte morgens Angst vor der Schule und nachmittags Angst vor zu Hause. Mein Schulweg war eine Mischung aus Sicherheit und dennoch wie ein Planke über dem Meer, und erst allein im Bett konnte ich alles herausweinen. Eine Folge ist auf jeden Fall, dass ich jetzt, wo ich von außen stark und witzig und lebenslustig wirke, in einem intimen Umfeld (allein, zu Hause, bei meinem Freund) leider sofort in Tränen ausbreche. Nicht in der Öffentlichkeit, aber sobald ich allein bin und es geht mir schlecht, kommen mir die Tränen, auch wenn es nicht will.

Zum Thema Selbstverletzung: Ich habe mich nie ger*tzt, da ich Angst hatte, die anderen würden mich noch mehr beschuldigen, dass ich nur Aufmerksamkeit wollte. Stattdessen habe ich mir die Fingernägel in die Haut gekrallt, meistens in die Oberschenkel, da der Schemrz zwar befreiend wirkte, aber es niemand sehen konnte.

A: Ja, Konfliktfähigkeit ohne Heulen kann ich auch noch nicht. Was ich absolut nicht aushalte, ist wenn sich jemand über mich lustig macht, besonders, wenn ich mich in einer Stresssituation befinde. Oder in eine neue Gruppe gehen, das ist total schwierig, zuerst bin ich immer unsicher, ob ich aufgenommen werde und halte mich zurück. Natürlich auch vor Gruppen sprechen, das ist sehr schwierig. Ich kriege immer noch ganz zittrige Hände.

Person A: Ich bin recht abgehärtet, was Witze über mich angeht. Wenn es um negative Aspekte meines Aussehens geht, bin ich in Situationen, in denen es mir schlecht geht, sehr empfindlich, kann es aber überspielen.

Wenn ich meinen Nachnamen, oder etwas das sich ähnlich anhört, in einer Konversation höre, schrecke ich automatisch zusammen und habe Angst. Genauso geht es mir mit anderen Spitznamen, die sie mir gaben. Ich habe Gott sei Dank die meisten verdrängt, einige stehen noch in meinem Tagebuch. Besonders erinnern kann ich mich an den Spitznamen “Schock”, was ein recht häufiges Wort ist. Wenn es eine*r sagt, denke ich sogleich, sie*er spricht von mir.

Vor Menschen meines Alters fällt es mir wahnsinnig schwer zu sprechen, vor älteren oder jüngeren (mindestens 5-10 Jahre Unterschied) mache ich es wahnsinng gerne und habe viel Spaß daran. In kurzlebigen Gruppen (z.B in einem Seminar) kann ich mich manchmal gut präsentieren, manchmal bin ich aber sehr schüchtern und traue mich nicht zu sprechen. Ich bin nicht sehr “mädchenhaft” wie es viele in meinen Studium sind, weder im Auftreten, im Aussehen oder im Verhalten und ecke dabei oft an. Mit Aussehen meine ich hauptsächlich meine Kleidung und Frisur, ich habe zwar eine sehr sterotyp “weibliche” Figur, aber ich kleide mich nicht modisch, sondern eher bequem und nach dem, was mir gefällt. Die Haare binde ich einfach nur zum Zopf oder stecke sie hoch.

A: Eine der Folgen des Mobbings ist für mich auch ein nachhaltig gestörtes Verhältnis zu Sport und Bewegung im Allgemeinen. Durch das Mobbing entwickelte ich eine große Unsicherheit meinem Körper gegenüber und natürlich wurde ich nie ins Team genommen – deshalb mag ich bis heute keine Gruppensportarten und fühle mich sehr unwohl, wenn ich z.B. in der Gruppe turnen, Kampfsport, Tai Chi oder sonstiges mache, selbst wenn ich es machen will. Erst jetzt entdecke ich langsam Bewegungen, die mir Spaß machen.

Person A: Ich habe vor allem ein gestörtes Verhältnis zum Klassensport. Wie bereits erwähnt, geschah ein Großteil des Mobbings in der Umkleidekabine und während des Sportunterrichts. Das “nicht-ins-Team-genommen-werden” kommt mir sehr bekannt vor. Ich hatte an Sportarten wie Tanz, Basketball und Volleyball früher immer viel Spaß, aber die Klassenkameradinnen sprachen mir jede ästhetische Bewegung ab und wollten nie mit mir in einem Team sein. Der Spaß am Schulsport war dadurch endgültig vorbei.

Nicht einmal bei unserer Abitur-Abschluss-Feier durfte ich mittanzen, da mir mal wieder die Fähigkeit dazu abgeprochen wurde, obwohl ich in unserem Ort in einer Tanzgruppe war und im Unterricht gute Noten im Tanzen bekam. Ich habe 3 Jahre in einem Freizeit-Volleyballverein mit meinen Freundinnen gespielt, machte mir aber immer sehr viele Gedanken über mein Aussehen, ob die Hose zu eng ist, irgendetwas “schwabbeln” könnte oder über meine Brüste gelacht werden würde.

Mich zu bewegen macht mir wirklich Spaß, wenn ich mit den richtigen Menschen trainiere oder mir selbst eine interessante Sportart aussuche, das musste ich erst lernen.

A: Dass ich nicht “sportlich” war, bekam ich auch immer zu hören und zu fühlen. Schwierig ist es für mich weiterhin, wenn es darum geht, neue Leute kennenzulernen oder Grenzen bei Freund*innen zu setzen, weil ich unbedingt gemocht werden will und dafür auch negatives Verhalten in Kauf nehme. Mittlerweile geht es mir da etwas besser damit, aber es ist immer noch sehr schwierig. Das wirkt sich auch auf die Arbeit aus, auf Bewerbungssituationen, Beziehungen. Mein erster Freund war nicht “der Beste” für mich, sondern einfach der erste, der mich mochte. Vorher war ich immer nur unglücklich verliebt. Wie ist das bei dir?

Person A: Mein erster Freund war wie gesagt einer der Gründe, warum ich überhaupt aus der Misere herauskam. Vorher gab es nur Schwärmereien für Jungs, die in meiner Klasse waren und mich behandelten wie alle anderen. Es gab eine kurze Episode, in der ich verkuppelt werden sollte, als ich mich aber nicht traute, denjenigen zu küssen, lief er angeekelt davon.

Mein erster Freund dagegen gab mir das Gefühl, hübsch und liebenswert zu sein, jemand zu sein, den man wirklich ehrlich mögen kann, ohne ihn zu hintergehen oder sein Vertrauen zu missbrauchen. Er war 5 Jahre älter als ich und er kam mir so gebildet und lebenserfahren vor, ich habe ihn richtig vergöttert. Wir waren 5 Monate zusammen, bevor er mit mir Schluss gemacht hat. Ich war am Boden zerstört und habe angefangen zu rauchen, obwohl ich zuvor noch nie eine Zigarette angefasst hatte.

Ich kam nicht von ihm los, da ich emotional von ihm abhängig war. Fast 2 Jahre lang rannte ich ihm noch hinterher, er ließ mich rankommen und ließ mich daraufhin wieder fallen. Ich stürzte mich in Beziehungen, da ich dachte, dass ich nur so etwas wert war, da ich jemanden brauchte, der mich schön fand, um mich selbst schön zu finden. Ich weiß nicht mehr genau, wann der Zeitpunkt kam, an dem ich ihn endlich loslassen konnte, aber ich fühlte mich danach viel besser.

Von jetzt betrachtet war er aber nicht ansatzweise so begehrenswert, wie ich ihn befunden habe. Er war ein Selbstdarsteller, der mich anlog, um sich zu profilieren, und ich unerfahrenes Mädchen habe ihm alles geglaubt. Es kam zwischen uns auch nie zum Gechlechtsverkehr, worüber ich im Nachhinein ehrlich froh bin.

A: Ich habe eben viel zu schnell nachgegeben, viel zu schnell geküsst und habe viel zu schnell mit meinem ersten Freund geschlafen, ohne darüber nachzudenken, ob ich das jetzt will. Aber das ist auch ein Thema, das jetzt den Rahmen sprengen würde.

Person A: Ich bekam von ihm meinen ersten Kuss, das war damals sehr bedeutend für mich. Daran habe ich glücklicherweise schöne Erinnerungen, ich fühlte mich nicht gezwungen, sondern war nur aufgeregt.

A: Schön :)

Weiter zu Teil 3.

Es reicht schon aus … Ein Gespräch über Mobbing, Teil 1

Auf einen Blogpost von mir sprach mich eine liebe Bekannte an, die mir von dem Mobbing, dem sie ausgesetzt war erzählte, allerdings in Form eines geschützten Blogposts. Daraufhin kam mir die Idee, ein Gespräch mit ihr zu führen, in dem sie anonym und daher geschützt von ihren Erfahrungen berichten konnte. Es ist dieses Gespräch geworden – ein sehr langes, trauriges, schönes Gespräch. Aufgrund der Länge teile ich es in drei Teile.

[Triggerwarnung Mobbing, Sexismus, Bodyshaming]

A(nna): Also was ich mir vorstelle ist, ich stelle dir Fragen und du kannst die Antworten hinschreiben und dran rumfeilen, wie es dir passt. Und manchmal schreibe ich auch was dazu. Wie möchtest du denn für das Interview heißen?

Person A: Ich denke noch. Belassen wir es erst einmal bei “Person A”.

A: Ok. Dann erzähle ich dir, warum ich das Interview führen wollte: Weil wir eine ähnliche Geschichte haben und weil es für mich so ungeheuer ist, dass selbst die kleinste Abweichung von der “Norm” ausreicht, damit sich eine Dynamik entwickelt, in der Kinder schwere psychische und physische Schäden davontragen können, die noch weit über die Schule hinausreichen. Bzw. – es gibt ja Methoden gegen Mobbing – warum kommen die nicht breiter zur Anwendung?

Das war jetzt viel. Sagt dir das so ungefähr zu? Ich meine, du und ich, wir sind ja nicht “Expertinnen” – aber wir können was über unsere Erfahrungen aussagen.

Person A: Ja, das sind gute Fragen. Wie du bereits gesagt hast, bin ich keine Expertin, aber es ist wahrscheinlich, dass ich in meinem (wie in fast jedem) Beruf später ebenfalls damit konfrontiert werde, solche “Konflikte” zu lösen, daher erscheint es mir gut, Probleme aufzuzeigen und Lösungsvorschläge zu diskutieren.

A: Ok, dann frage ich dich mal: Wie hat “es” bei dir angefangen – nehmen wir da als Bezeichnung “Mobbing” oder “Bullying”, was ist dir lieber? Ich spreche ja gerne auch von Psychoterror.

Person A: Es trifft eigentlich alles zu, bleiben wir beim Mobbing.

A: Ok. Wie hat das Mobbing bei dir angefangen?

Person A: Es waren mehrere Faktoren, die zusammengekommen sind. In der Grundschule war ich noch sehr beliebt, bzw. war unsere Klasse eine richtige Gemeinschaft, in der niemand ausgeschlossen wurde. Ich hatte dort viele Freundinnen und fühlte mich sehr wohl. In der 4. Klasse wechselten jedoch nur 2 weitere Mädchen aufs Gymnasium (und mit Jungs hatte ich damals nicht viel am Hut), die beide in andere Klassen kamen als ich. Darunter war auch eine meiner besten Freundinnen, die mir erklärte, sie müsse sich nun auf “ihre Klasse” konzentrieren und könne nicht mehr mit mir sprechen und spielen.

Also war ich ganz allein in einer neuen Klasse, in der ich kein anderes Kind kannte.

Dazu kam, dass ich seit meiner Kindheit eine Pollenallergie hatte, die durch eine Desensibilisierung (d.h., ich wurde den Allergenen bewusst in einer hohen Dosis ausgesetzt, damit sich mein Körper daran gewöhnt und in der Natur nicht so heftig reagiert) gelindert werden sollte. Leider traten dabei Nebenwirkungen auf. Ich bekam am ganzen Körper rote Pusteln, mal kleiner, mal größer, die fürchterlich juckten. Im Gesicht, an den Händen, auf dem Bauch, einfach überall.

Da es also kein Kind gab, das mich kannte und ich noch dazu aussah, als wäre ich ansteckend, ekelten sich die Schüler*innen vor mir und mieden mich. Wenn sie mir im Gang begegneten, riefen sie laut “Ihh”, sie wollten nicht neben mir sitzen, jede*r die*der es musste, rückte so weit wie möglich von mir weg. Gruppenarbeiten wollte keine*r mit mir durchführen, Sportunterricht, vor allem das Umkleiden davor, war der absolute Horror für mich. Hatte ich mich anfangs noch gerne gemeldet, wurde jede Bemerkung von mir betuschelt, sodass ich am Ende gar nicht mehr im Unterricht mitarbeitete. Um nicht als Streberin oder Versagerin dazustehen, versuchte ich, nicht besonders gut zu sein und meine Noten vor den anderen zu verstecken. In der Umkleidekabine beschimpften mich die Mädchen als fett und hässlich, ich hätte Cellulite (mit 10 Jahren, wohlbemerkt), sie versuchten, mich ohne BH zu fotografieren (einmal gelang es ihnen sogar) und zogen mich auf, weil ich ja zusätzlich zu meinem hässlichen Gesicht nichtmal Brüste hätte.

A: Wurde deine Allergie jemals von Lehrer*innenseite thematisiert? Also so Richtung “Person A hat eine Allergie, deshalb geschieht das und das, das ist ganz “normal”, etc.?

Person A: Nein, das war den Lehrer*innen völlig egal. Durch den emotionalen Stress wurden die Flecken und der Juckreiz noch größer, selbst als ich das Medikament nach wenigen Wochen absetzte. Die allergische Reaktion dauerte “nur” 9 Monate, das Mobbing hielt allerdings 5 Jahre an.

A: So lange! Wann hat es sich denn “gelegt” bzw. ist es so weit abgeklungen, dass es nicht mehr täglich vorkam?

Person A: Es geschahen noch ein paar Dinge, bis nach der 8. Klasse unsere Schule geschlossen werden musste und wir auf ein anderes Gymnasium wechseln mussten. Dabei wurden auch die Klassen neu gemischt. Über die Sommerferien sah ich dies als große Chance, neu anzufangen, da eine der “Alphawölfinnen” (es haben ALLE mitgemacht, nur eine von ihnen hat immer angefangen) vom Gymnasium in die Realschule wechselte und ich neu anfangen konnte. Natürlich kam es so, dass die drei anderen Anführerinnen in meine Klasse kamen und dort auf 3 Mädchen trafen, die genauso gestrickt waren und in mir, die sich noch dazu nie für Mode interessierte und mit 14 schlimmerweise auch immer noch keinen Freund hatte, eine Person fanden, die sich leicht heruntermachen ließ.

Herausgekommen bin ich aus der Sache dadurch, dass eine alte Bekannte aus meinem Ort in diesem Jahr Jugendweihe hatte, ich dort eingeladen war und so in ihren Freund*innenkreis aufgenommen wurde. Dort wurde ich zwar auch hintergangen und manchmal fertig gemacht, manchmal auch nur unter dem Deckmantel des Humors, aber immerhin hatte ich Menschen, zu denen ich nachmittags gehen konnte.

So traf ich auf meinen ersten Freund, und als ich den hatte, war es, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass ich wusste, dass mich jemand ehrlich hübsch und attraktiv finden konnte und mich wirklich mochte und somit selbstbewusster wurde, oder ob alleine die Tatsache, dass die anderen sahen: Hey, so eklig und frigide oder lesbisch kann die gar nicht sein, die hat einen Freund (Damit will ich keine anderen Menschen beleidigen! Ich finde es sexistisch und homophob, dass “frigide” und “lesbisch” als Schimpfworte verwendet werden.). Daraufhin war ich fast so etwas wie anerkannt, hatte keine Angst mehr, in die Schule zu gehen und konnte mir auch innerhalb der Schule einen kleinen Freundeskreis aufbauen.

In der 11. Klasse haben sich sogar einige bei mir entschuldigt, was ich auch angenommen habe. Andere sind nach der 10. Klasse vom Gymnasium abgegangen und so hatte ich in der Oberstufe meine Ruhe (bis auf 2-3 kleine Episoden).

A: Puh. Also waren es vor allem Mädchen, die dich quälten?

Person A: Es ging immer von den Mädchen aus, aber auch die Jungen haben mitgemacht. Je älter sie wurden, desto stärker mischten sie sich ein, vermutlich, um den anderen zu gefallen, Balzverhalten, ich kann es nur vermuten.

Ich kann mich erinnern, dass mir ein Junge, der hinter mir saß, seinen Füller an den Pullover hielt, woraufhin der Pulli versaut war (meine Mutter glaubte auch nicht, dass ich es nicht war), dass mich die Jungen oft schubsten und sich gerne über meine nicht vorhandenen Brüste und meine “ekligen” Leberflecken lustig machten.

A: Waren es nur Schüler*innen aus deiner Klasse oder auch aus anderen Klassen?

Person A: Es war nur meine Klasse, aber die anderen Klassen bekamen das natürlich auch mit und wollten dementsprechend nichts mit mir zu tun haben. Andererseits waren die Klassen so in sich geschlossen, dass wir kaum Möglichkeit hatten, uns zu verständigen. Ich hatte außerdem große Angst, auf andere zuzugehen.

Meine jetzige beste Freundin war in einer Parallelklasse und war auch ausgeschlossen, und ich konnte mich von damals nichtmal an sie erinnern.

A: Bei mir hat es wegen meiner Haare so richtig begonnen, als ich sie mir wachsen ließ. Nicht gleich nach dem Wechsel ans Gymnasium, aber so mit 11 oder 12.

Person A: Wegen deiner Haare? Was war damit?

A: Ja, die sind sehr lockig und ich ließ sie mir wachsen. Ich weiß auch nicht warum ich auf die Idee kam, vielleicht um wie ein “echtes Mädchen” auszusehen, denn Ablehnung und Ausgrenzung hatte ich in der Klasse von Anfang an erfahren, nur noch nicht so stark. Leider hatte ich keine Ahnung von Haarpflege bei Locken und bekam auch keine Unterstützung von zuhause, daher bürstete ich sie jeden Tag und sie standen nach allen Seiten ab. Das war natürlich ein Signal. “Hast du deine Finger in die Steckdose gesteckt?” und so weiter. Noch dazu hatte ich Pickel – nicht schwere Akne, aber keine andere Person hatte so starke Pickel, das fiel auch auf. Aber die Haare vor allem. Erst als ich sie endlich zusammenbinden konnte, begannen die Hänseleien abzunehmen.

Bei mir ging kam das eben auch von Schüler*innen aus anderen Klassen aus, zum Beispiel, wenn ich eine Freistunde in einer anderen Klasse verbringen musste, weil ich nicht am Religionsunterricht teilnahm. Auch ich habe sehr wenig von Mode verstanden, bzw. mich nicht drum gekümmert und sah dementsprechend anders aus als die Klasse, hatte auch keine Markenkleidung bzw. als ich mal eine Levi’s Jeans bekam, hat es auch nicht geholfen. Ich hörte auch ganz andere Musik, las andere Bücher, hatte keinen Fernseher.

Person A: Ich wollte irgendwann nicht mehr wie die anderen gekleidet sein, da es mir immer als “nachmachen” angerechnet wurde. Mit meinen Haaren hatte ich auch Probleme, da sie sehr dünn sind und in der Pubertät so fettig waren, dass sie nach 3 Stunden in der Schule aussahen wie seit Wochen nicht gewaschen. Sie wurden später mein Versteck vor den anderen. Heute kann ich es nicht mehr leiden, wenn sie mir im Gesicht hängen, ich denke, das ist ein gutes Zeichen. Ich will mich nicht verstecken.

A: Mich quälten vor allem zwei Jungen, die anderen – Mädchen und Jungen – spielten teils mit, teils auch nicht. Spötteleien, wenn ich mich im Unterricht meldete, zweimal habe ich an der Tafel geheult, der Lehrer tat nichts, aber ich habe ihn als sympathisch in Erinnerung, weil er drohte, den Anführer rauszuschicken, das war mehr als andere Lehrer*innen taten. Bei Gruppenarbeiten und im Sport war ich auch immer die Letzte, die “aufgerufen” wurde, bei den Klassenfahrten wollte niemand mich im Zimmer haben. Auch viel so “Fang den Ball – ach doch nicht”-Spiele im Sport und wenn es Gruppenspiele gab, dann machten sich alle über mich lustig. Aber auch einfach Nichtbeachtung, mit mir wurde nicht geredet, wenn dann nur spottend. Ich habe so vieles schon verdrängt.

Ich hatte – zum Glück – schon ein paar Freundinnen (keine Jungen), aber mit der Teilung in verschiedene Zweige als wir 13 waren, verschwanden die. Damals begann ich mich in der großen Pause in der Schulbibliothek zu verstecken, die ich zunächst nur besucht hatte, zu dem Zeitpunkt begann ich zu helfen. Die Pausen sind ja das Schlimmste – keine Lehrer*innen, die dich beschützen. Hast du dich auch versteckt?

Person A: Ganz genau. Ohne Lehrer*innen geriet alles außer Kontrolle, daher haben die Lehrer*innen auch nie etwas mitbekommen. Die Pausen, Sport- und Ausfallstunden waren für mich das Schlimmste. Ich habe mich nicht an einem so schönen Ort versteckt, ich versteckte mich auf der Toilette, die Schultasche auf dem Schoß und die Füße nach oben, wenn ein anderes Kind reinkam. Allerdings fiel ihnen das auch auf und sie begannen manchmal, mich zu suchen und unter die Kabinentüren zu sehen, wenn ich dort war.

Ich hatte ein paar Mädchen als Unterstützung, die eine Klasse über uns waren, bei ihnen durfte ich sitzen, aber sie waren oft nicht da. Als Freundinnen konnte ich sie zwar nicht bezeichnen, aber sie haben mir manchmal Obhut gegeben.

A: Und außerhalb der Schule? Einer meiner Peiniger wohnte genau neben mir, daher konnte ich ihm fast nicht entkommen, auf dem Schulweg, auf dem Heimweg. Er ist mir sogar in Geschäfte nachgelaufen und verkündete dort, ich sei Kleptomanin. Manchmal sprach er mit mir in der Straßenbahn, sobald ein anderes Kind dazukam, ignorierte er mich. Wie war das bei dir?

Person A: Ich traf einige alte Grundschulfreundinnen morgens am Bus, da die Realschule dort steht. Aber mit einer habe ich mich sehr zerstritten, ich weiß bis heute nicht warum, doch eines Tages bezeichnete sie mich per SMS als B*tch und der entsprechenden deutschen Übersetzung und ich hatte keine Ahnung, was los war. Jedes Gespräch ließ sie abblitzen, auf Entschuldigungen ging sie nicht ein.

In der Konfirmand*innengruppe traf ich auf einige ehemalige Kamerad*innen, nur waren dort auch zwei Jungs aus meiner Klasse, die schön alle Gerüchte und üblen Nachreden über mich verbreiteten.

A: Haben sich deine Eltern eingemischt? Meine gingen auf meine Berichte nicht ein, der Quälgeist der neben mir wohnte wurde mit “Der ist ein armes Scheidungskind” – was ich auch war – entschuldigt. Nur einmal gab es einen Elternsprechabend, weil der andere Junge über meinen Kopf hinweg sein Stanleymesser in den Papierkorb geworfen hatte und einen anderen Jungen bei einer Rauferei getreten hatte, als er schon am Boden lag. Aber als mein Bruder ebenfalls Probleme in der Schule bekam, wurde er von meinem Vater aus der Schule genommen und in die Schweiz geschickt.

Person A: Ohja, die Alphawölfin von der ich bereits sprach, war auch ein “armes Scheidungskind”. Totaler Mist, da es genug liebenswerte und freundliche Scheidungskinder gibt und das absolut keine Aussagekraft hat. Und es ist erst recht keine Entschuldigung.

Meine Eltern glaubten mir nicht, sahen die Schilderungen meist nur als Entschuldigungen “schlechter Noten” (= Dreien) an, da sie in solchen Situationen, in denen mich meine Eltern unter Druck setzten, besonders aus mir herausbrachen. Die Maßnahmen, die sie ergriffen, zählen leider zu den besonders traumatischen Dingen, die sich in mein Gedächtnis eingebrannt haben.

Einmal sollte ich alle anrufen und sie fragen, was sie an mir stört. Müßig, zu erwähnen, dass das die nächsten Wochen DER Brüller unter ihnen war. Als Antwort gaben sie übrigens einen Satz, der sich in mein Gehirn gebrannt hat: “Wenn wir lachen, brauchst du zu lange, um mitzulachen.”

Einmal fuhren sie mit mir zu der Anführerin und sprachen mit ihren Eltern und ich sollte mich mit ihr unterhalten. An diesem Tag war sie mir sogar ein bisschen sympathisch, aber letzendlich sagte sie, dass sie sich von ihren Eltern verlassen fühlt und das an mir auslassen muss, damit die anderen sie akzeptieren. Dieser Besuch wurde natürlich ausführlich in der Schule ausgewertet. “Die (Nachname) war mit ihren Eltern bei mir! Na, bringst du deine Eltern jetzt mit in die Schule?”

In der 7. Klasse gab es eine Versammlung in der Sporthalle mit dem Klassenlehrer, auf der einen Seite stand ich, auf der anderen der Rest der Klasse. Sie redeten und redeten, was ich besser machen müsste, um aufgenommen zu werden, ich traute mich nicht viel zu sagen, am Ende wurde ich “symbolisch” in ihre Mitte genommen… um nach der Stunde für diese Aktion wieder das Gespött für alle zu sein. Für den Lehrer war die Sache damit gegessen. Das war das letzte Mal, dass ich meinen Eltern etwas erzählt habe.

Die Versammlung wurde nur deshalb einberufen, weil ich in der Woche zuvor versucht hatte, mich vor meinen Eltern umzubringen. Sie schrien mich daraufhin nur an, ob ich denn verrückt wäre und zum Psychologen gehen müsste (eindeutig negativ, als Eingeständis, dass ich geistig “nicht klar” bin).

Meine Mutter legte mir außerdem noch nahe, dass ich selbst daran Schuld sei, dass die anderen mich nicht mochten, immerhin war ich ja so seltsam und wollte ja gar nicht dazugehören.

A: Das heißt, deine Eltern haben dich überhaupt nicht unterstützt, sondern nur alles schlimmer gemacht. Gab es irgendeine erwachsene Person, die dich geschützt, unterstützt, dir einfach nur positive Aufmerksamkeit und Zuneigung gegeben hat? Ich möchte am Liebsten in der Zeit zurückreisen und dich retten :(

Person A: Ich bin doch noch hier und es geht mir recht gut. Im Moment gerade nicht, aber den Rest der Zeit. :)

Nein, keine erwachsene Person war für mich da. Aber ich suchte Trost in etwas anderem. Es fällt mir fast schwerer darüber zu sprechen als über das Mobbing selbst, aber: Ich habe jede Nacht gebetet.

Es fällt mir nur schwer es zu sagen, weil die Meisten Religion und ihre Vertreter*innen als Geschwätz abtun, als Sekte, als Geldverschwendung (so wie jetzt), als Kindesmissbraucher, als Legitimationen für den Hass auf QLGTBI, als Einbildung und ich weiß nicht, was noch alles. Diese Kritik kann ich auch nachvollziehen, und Menschen, die so etwas tun oder solche Handlungsweise durch den Glauben legitimieren, sollten nicht in Schutz genommen werden.

Aber ohne das Gefühl, dass wenigstens Gott an meiner Seite ist, hätte ich nicht überleben können. Ich habe nie darauf gehofft, dass er mir hilft, ich habe ihm sogar oft gesagt, dass es ok ist, wenn er sich nicht um mich kümmert, weil es so vielen anderen Kindern schlecht geht, aber ich konnte es “ihm” abends erzählen, alles was ich auf dem Herzen hatte, ausformulieren und ein bisschen weniger schlimm machen, weil mir “jemand” zuhörte.

Ich bin heute kein religöser Mensch, ich gehe nicht in die Kirche, ich bete nicht mehr, ich würde niemals die Bibel auf jemanden negativ auslegen (da das auch gar nicht der Sinn der Bibel ist, alles wortgenau zu nehmen, aber das würde den Rahmen sprengen), aber dennoch weiß ich, wenn ich alleine bin und mich von allen verlassen fühle, dass ich eben nicht alleine bin.

A: Ich verstehe das. Ich weiß, dass es tröstend ist – du hattest sonst niemanden! Und auch sonst – ich verstehe, dass manche Menschen an Gott glauben (oder Götter), für mich zählt, wie sie andere behandeln. Und ich habe auch schon gebetet, wenn ich dachte, es geht nicht mehr, dabei bin ich ein “Heidenkind”. Ach … ich heule jetzt mal ne Runde.

Weiter zu Teil 2.