Gepflückt & in den Hut gelegt 2

Ha, so plante ich meine (regelmäßige) Linksammlung zu nennen. Es gab genau einen Post. Nu ja. Jetzt gibt es einen 2.

Dudu Kücükgöl hat ihre Großmutter in der Türkei besucht und sie und andere Bewohnerinnen des Dorfes zu den Kilim, in gemeinsamer Handarbeit hergestellten Teppichen, gefragt und welche Traditionen, persönlichen Geschichten und Erlebnisse damit verknüpft sind: http://www.dasbiber.at/users/dudu-k

Einer meiner heimlichen Lieblingscomics sind die Tagebuchcomics von Boum, die Boumeries, über ihren Alltag als Comiczeichnerin mit Vorliebe für Computerspiele, zwei Kindern und Partner. Ihre Schwangerschaften und die Auswirkungen auf sie selbst, die Umstände rund um die Geburten und das Leben mit den Kindern zeichnet sie sehr präzise, witzig und kritisch. Oft hält sie ihre Träume fest, die ca. zur Hälfte mit Klos zu tun haben. Vielleicht gefällt er euch ja auch: http://comics.boumerie.com/

Und in eigener Sache:

Ich habe mein altes Strickblog wiederbelebt und ihm ein neues Layout – ohne den schönen, aber für Menschen mit Insektenabneigung problematischen – Käfer verpasst. Mittlerweile trenne ich meine verschiedenen Interessen ungern voneinander, aber in diesem Fall der Bequemlichkeit und der historischen Tradition wegen schon. Die alten Posts sind in den Details manchmal problematisch, da ich sie lange vor Twitter und dem damit verbundenen Lernprozess was Feminismus, kulturelle Aneignung, Ableismus, etc. angeht geschrieben habe. Außerdem sind sie alle auf Englisch, aber wenn ihr nachlesen wollt, wie meine Diplomarbeit entstand (über das Thema steht nichts drin), was ich so gestrickt habe 2010, 2011 und wie es 2016 weitergeht, dann schaut hier vorbei: http://knittingcapricorn.blogspot.co.at/

Und auch auf Töchter Regalias sind die Schafe los und mehr – ich habe endlich angefangen, Kinderbücher zu besprechen, mittlerweile sind es schon einige Rezensionen. In der neuesten geht es um Nimitz, die nicht einschlafen kann und deshalb Schafe zählt. Nur das 108. Schaf kann nicht so hoch springen, dass es über das Bett kommt. Und dann? Lest nach: https://toechterregalias.wordpress.com/category/bucher/

 

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Zum Beispiel Luise

Der Twitteraccount @BitchFlicks, dem ich folge, fragte letztens, in welchem Film, bei dem eine Frau Regie führte, wir uns ganz repräsentiert sahen. Nun, für mich jetzt gibt es (noch) keinen solchen Film – und auch kein solches Buch und keinen Comic und kein Lied.

Aber es gab einmal ein Buch. Bei meinem Aufenthalt auf dem Land stöberte ich in der Kiste mit Fotos aus dem Fundus meines Vaters und fand dieses – aus einer Serie von drei Bildern.

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Hier bin ich ca. 6 Jahre alt, vielleicht ein wenig älter oder ein wenig jünger und lese wahrscheinlich zum ersten Mal “Das doppelte Lottchen” von Erich Kästner. Und wenn mich eine Figur in einem Buch jemals repräsentierte, dann war das Luise, die wilde Zwillingsschwester.

Als ich meiner Mutter einmal erzählte, dass dies mein Lieblingsbuch von Kästner sei, meinte sie, es wäre ihr zu seicht. Aha. Ausgerechnet das einzige Buch Kästners in dem zwei Mädchen die Hauptrolle spielen nahm sie als seicht wahr. Die Parallelen zwischen mir und Luise und dass mir deshalb das Buch so wichtig sein könnte, sah sie gar nicht.

Luise hatte wilde, blonde Locken – ich auch, wenn auch kurze. In meinen Bilderbüchern gab es nicht so viele Figuren mit blonden Locken. Ronja Räubertochter kam erst später, auch eine wichtige Identifikationsfigur, aber wenig mit der Realität verknüpft.

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Sie wohnte in Wien – und dorthin war meine Familie vor kurzem übersiedelt. Ich hatte zu dem Zeitpunkt kein einziges anderes Buch, in dem eine Figur in Wien wohnte – die von Christine Nöstlinger kamen erst später.

Luise aß für ihr Leben gern Süßes und besonders Palatschinken, die sie immer aß, wenn sie mit ihrem Vater ins Hotel Imperial ging. Meine arme Mutter mag süßes Essen gar nicht, weil ihr Bruder es sehr mochte und als sie klein waren, durfte er immer den Speiseplan bestimmen. Meine Großmutter machte also Palatschinken für meinen Bruder und mich und meine Mutter konnte auch manchmal dazu bewegt werden. Ach, Palatschinken. Muss ich bald wieder machen.

Noch etwas verband mich mit Luise: Sie haute andere Kinder. Manchmal gerechtfertigt, manchmal ungerechtfertigt. Ich prügelte mich mit meinem kleinen Bruder und meine Eltern unterbanden das nicht (würde ich heute unbedingt). Dabei blieb sie trotzdem eine sympathische Figur – auch das kommt in der Kinderliteratur selten vor (zurecht).

Ob bei all dem die Scheidung der Eltern der wichtigste Aspekt war, weiß ich nicht. Aber meine Eltern waren auch geschieden und ich hatte kein einziges anderes Buch, in dem solche Eltern vorkamen. Meine Eltern waren dabei noch spezieller, sie wohnten in Wien erst noch zusammen, dann in einem Haus, auf einer Etage, in zwei Wohnungen (wie im Doppelten Lottchen am Ende mit dem Atelier nebenan).

Aber egal wie sie wohnten, denn das war eher nebensächlich, sie waren den Eltern von Luise und Lotte ungeheuer ähnlich: Mein Vater, der große Künstler (Architekt, nicht Dirigent), meine Mutter, sehr beschäftigt mit ihrer Arbeit mit behinderten Kindern (nicht Journalistin). Es ist schon erkennbar: So privilegiert wie Luise aufwuchs, wuchs auch ich auf.

Nur ein Fräulein Gerlach gab es erst später, die Freundin meines Vaters zu der Zeit war sehr nett und interessierte sich sehr für meinen Bruder und mich.  Mein Bruder war auch nicht mein Zwilling, aber wir hatten doch zwillingsähnliche Eigenschaften. Dass meine Eltern sich wieder in einander verlieben würden, war sehr unwahrscheinlich, ich habe es mir auch nicht gewünscht. Und ich mag Katzen lieber als jeden Mops. So weit gingen die Parallelen zwischen mir und Luise doch nicht. Aber es gab genug. Und so hieß dann auch meine zweite Puppe Luise … und es ist ein schöner Name für ein Kind.

Authentizität, Präsenz, Absenz – Gedanken am Ende der Retrospektive

#CN graphische Beschreibungen

Gestern Abend ging die Retrospektive “Bilder der Befreiung – Liberation Footage – Atrocity Pictures” im Österreichischen Filmmuseum zu Ende, mit Nürnberg-Beweisfilmen, also einigen, die beim Prozess in Nürnberg Ende 1945 und Anfang 1946 gezeigt wurden. Der erste, “Nazi Concentration Camps” wurde von den Amerikanern erstellt und enthielt sehr viele Szenen, die ich jetzt schon zum dritten oder vierten Mal gesehen habe. Der Film war mit einer Narration unterlegt, die kurioserweise genau aussetzte, als es um die KZs in Mauthausen und Ebensee ging (ich hätte gerne das Diskussionspanel dazu gefragt), aber ich konnte sie ohne Probleme identifizieren.

Dann wurde der Film gezeigt, den die Sowjetunion für ihren Teil des Prozesses gestaltet hatte: Kinodokumenty o zverstvach nemecko-fašistskich zachvatčikov (Die von den deutsch-faschistischen Invasoren in der UdSSR verübten Gräueltaten). Auch in ihm waren Szenen enthalten, die ich in dem Film German Concentration Camps Factual Survey bereits gesehen hatte, aber die anderen Szenen waren komplett neu und entsetzlich. Ich hätte nicht gedacht, dass die anderen Filme an Grauenhaftigkeit noch überboten werden können, aber doch, ja. Vielleicht lag es auch am “Neuigkeitseffekt” und an der anderen Herangehensweise: In fast allen gezeigten amerikanischen und britischen Filmen blieben die Toten und die Überlebenden anonym.  Im sowjetischen Film bekamen sie Namen, Familien, Geschichten.

Hier wurde die ganze Breite der Verbrechen der Nazis in der Sowjetunion gezeigt – wahlloses Töten von Menschen in Städten und Dörfern, gezielte Ermordung von Bevölkerungen ganzer Orte, Exhumierungen von Massengräbern überall, Babi Jar, Majdanek, Ausschwitz, Entwicklung und Parallelität der Tötungsmethoden von Erschießungen zu den Gaswagen zum industrialisierten Massenmord. Toby Haggith, Leiter des Restaurationsprojektes des Factual-Survey-Films meinte am Sonntag, die sowjetischen Aufnahmen von Majdanek und Auschwitz seien abstrakter und weniger verstörend – mag sein. Vor lauter Leichen und Skeletten ist mir das gar nicht aufgefallen.

Nach diesem Film folgte eine Podiumsdiskussion, zwei Frauen*, drei Männer*, ein Moderator. Eigentlich hätte Toby Haggith noch einen weiteren Beweismittelfilm – den der Briten aus dem Bergen-Belsen-Prozess – zeigen und dazu etwas sagen sollen, aber er selbst war von dem sowjetischen Film so verstört (obwohl er ihn sicher bereits gesehen hatte), dass er beschloss, ihn nicht zu zeigen. Eine gute Entscheidung, fand ich. Jede Vorstellung in der Retrospektive hätte eigentlich so wie die allererste Vorstellung des Factual-Survey-Films auch einer Diskussion danach bedurft, einfach nur, um damit zurechtzukommen – aber der sowjetische Film hätte ganz dringend einer bedurft.

Doch zu einer guten Diskussion kam es nicht. Jeremy Hicks hatte den sowjetischen Film sehr tendenzös vorgestellt und stark betont, dass Teile davon vorher in Propagandafilmen verwendet wurden, dass nicht alles faktisch korrekt war, dass rekonstruierte Szenen nicht als solche ausgewiesen wurden und dass vor allem die sowjetischen Opfer des Holocaust benannt und die jüdischen Opfer nur einmal am Rande erwähnt wurden. Für mich war der Film allerdings so heftig, dass ich diese Abgrenzungen gar nicht im Kopf behalten konnte. Hicks wurde dafür in der Diskussion kritisiert, aber das führte dazu, dass mehr darüber gesprochen wurde, was “Propaganda” jetzt bedeutet (die britischen & amerikanischen Filme sind auch Propaganda) und wie es sich mit Rekonstruktionen verhält (eh ok).

Die teilnehmenden Forscherinnen*, Leslie Swift, Archivarin* am United States Holocaust Museum, und Ulrike Weckel, Professorin für Fachjournalistik Geschichte an der Universität Gießen, kamen kaum zu Wort bzw. wurde ihnen ins Wort gefallen. Der Moderator redete gerne und viel und bei den Fragen aus dem Publikum wurden die Personen berücksichtigt, die ohnehin Zugang zu den Forscher_innen hatten – der Kurator* der Retrospektive, Ingo Zechner, und der Direktor* des Filmmuseums, Alexander Horwath.

Schade, denn am Anfang der Diskussion ging es um Präsenz und Absenz. Aus der Frage, wie weit diese Filme überhaupt als Beweismittel für die Verbrechen der Nazis dienen können entstand der Einwurf, dass viele der damals gefilmten Orte, Gebäude, etc. heute nur in Rekonstruktionen oder gar nicht erhalten sind – die Filme sind nun also Beweismittel für ihre damalige Präsenz und Authentizität und ihre heutige Absenz und die Authentizität der Rekonstruktionen. Und da ich mir schon seit Dienstag Gedanken über genau diese drei Begriffe – Präsenz, Absenz und Authentizität – mache und diese bei der Podiumsdiskussion nicht anbringen konnte (Grrrr!) mag ich sie hier noch ein wenig ausführen.

Ich habe also seit Sonntag eine Menge Filme gesehen. Auch wenn sich die Bilder oft wiederholten, da dieselben Szenen immer wieder verwendet wurden, waren sie doch in sehr unterschiedliche Kontexte eingebettet, die jeweils eine andere Auswirkung auf die Bilder hatten. Welche Auswirkungen das waren und wie sich die Filme voneinander unterschieden und was das (für mich) bedeutete, wurde mir erst mit diesem sich in Schichten überlagerndem Sehen klar.

Der Film am Sonntag – German Concentration Camps Factual Survey – war mit seiner Nüchternheit eine gute Grundlage für die darauf folgenden Filme. Die Art, wie er gezeigt wurde, mit einer Einführung und anschließenden Diskussion, die darauf abzielte, das Publikum mit den belastenden Bildern nicht allein zu lassen, war sehr angenehm.

Filme am Montag: Der Staff Film Report zeigte, wie eine Masse an Informationen straff und mit wenig Pathos vermittelt wurde – und mit welchem Aufwand die höheren Offiziere der US-Armee mit Informationen versorgt wurden. (Oh Rezeptionsgeschichte, bist du hier schon zu spät dran? Ich hätte ein paar Fragen.) Die Newsreels und Reedukations/Aufklärungsfilme zeigten, wie die Berichte über die befreiten Konzentrationslager die amerikanische und zum Teil die deutschsprachige Öffentlichkeit erreichten (wobei z.B. Bilder aus Majdanek und Berichte über Auschwitz schon 1944 bekannt wurden) und wie wichtig und stimmig der nüchterne Ton und Entscheidung gegen Filmmusik des Factual-Survey-Films war.

Die privaten Filme der Regisseure George Stevens und Sam Fuller hatten für mich zwei interessante Aspekte. Einerseits natürlich die Farbaufnahmen von Stevens und die Darstellung des Begräbnisrituals in Fullers Film – und andererseits den Gedanken, dass die Art, wie ich meinen Social-Media-Auftritt kuratiere (und ich würde sagen, viele andere auch) nicht neu ist, sondern, mit etwas Forschung, sicher schon einige Zeit in die Menschheitsgeschichte zurückverfolgt werden kann. Vielleicht erscheint das als ein “No na”-Schluss bzw. ist es eher umgekehrt: Social-Media-Verhalten baut auf schon dagewesenen, tradierten Verhaltensweisen (Codes, Tropen, etc.) auf, nur auf einer anderen Plattform (die Medien sind dieselben: Schrift, Fotografie, Zeichnungen, Film), nur wird das selten sichtbar.

Über Sam Fullers Film “The Big Red One“, den ich am Dienstag in der rekonstruierten Version gesehen habe, hätte ich gerne mit den Teilnehmer_innen der Diskussion gesprochen. Er hat mir – wie auch Fullers Amateuraufnahmen – nicht sehr zugesagt, obwohl viele Szenen durchaus eindrücklich sind. Der Film hat mich aber zu Überlegungen gebracht, was eigentlich der Zweck von Kriegsfilmen ist (Propaganda), dass die zensierten, geglätteten Kriegsfilme (sowohl alte als auch neue wie “Saving Private Ryan” oder “Band of Brothers”) auch ein weißes, heterosexuelles, cis-weibliches Publikum ansprechen sollen, während “The Big Red One” und ähnliche Filme (zu denen ich z.B. “Inglorious Basterds” zählen würde) definitiv nicht für dieses Publikum gedacht sind. Aber ist The Big Red One authentischer? Oder ist das Fullers persönlicher Stil?

Am Mittwoch ging es dann zunächst um die Kameramänner* des US Army Signal Corps, die viele der Aufnahmen, die in der Retrospektive gezeigt wurden, anfertigten und um die Filme, die sie von den KZ-Befreiungen aufnahmen, nur diesmal ohne Narration, ja, ohne Ton, ohne nachträglichen Schnitt. Von da stammen also die Bilder, die dann in den unterschiedlichsten Kontexten weiterverwendet wurden. Das Special Film Project 186 der US Army Air Force, das den Krieg in Farbfilm verewigen sollte, zeigt zum Teil dieselben Motive, zum Teil ganz neue, die erst durch die Farbe richtig identifizierbar werden. Bei einer Hochzeit in Frankreich in Farbe, auf den übergebliebenen Filmresten, bekommen die Kameramänner* für die Forschung endlich Gesichter.

Die danach gezeigten Farbaufnahmen Arthur Zegarts vom KZ Ebensee verstärken noch die Dissonanz der schon gesehenen Schwarz-Weiß-Bilder von den Alpen hinter dem Stacheldraht. Fröhliche Menschen in Lederhose und Dirndl, ein Gasthaus “Zum Tiroler”, Kirchen, Seen, Idylle. Eine Baumallee. Sie führt zum KZ-Eingang. Später werden ihr entlang die Toten bestattet. Hier werden die jüdischen Toten endlich sichtbar: Statt unter den bisher in den Filmen ubiquitären Holzkreuzen werden sie unter Holzdavidsternen bestattet. Weil dieser Film nicht offizielles Beweismittel ist, rückt er den Menschen nicht so ganz nah, sondern betrachtet sie respektvoll. Das Bild der nunmehr schön grün-grau-weißen Berge und dem blauen Himmel hinter dem elektrischen Stacheldrahtzaun bleibt grausig. (Neben mir sitzt ein Schriftsteller, der meinem Vater unglaublich ähnlich sieht und für seine Gedichte, die oft mit Bergen zu tun haben bekannt ist. Er wohnt auf der Alm. Er murmelt die Namen der Berge, die er im Film sieht. Was denkt er?)

Schließlich werden Amateur_innenfilme gezeigt. Sie zeigen nun die Präsenz von Menschen, die in den Hollywoodkriegsfilmen und in vielen der bisher gezeigten Filme absent sind: Schwarze Krankenwagenfahrer* und weibliches* medizinisches Personal. Ob es Untersuchungen zu Schwarzen Angehörigen der US-Armee und ihren Erinnerungen an den Holocaust gibt? (Hier eine Bibliographie des United States Holocaust Memorial Museum und hier ein Interview mit Floyd Dade, Angehöriger des 761st Tank Battalion, das das KZ-Außenlager Gunskirchen in Oberösterreich befreite.)

Wie Toby Haggith am Sonntag sagte: Factual Survey zeigt sehr viele Frauen*: Tote, Überlebende, Täterinnen*, Lastwagen- und Krankenwagenfahrerinnen*, medizinisches Personal. In den Aufnahmen von Beatrice Wachter, die in Feldspitälern arbeitete, tauchen sie wieder auf: Es sind schließlich sie und ihre Freundinnen*, die Schneeballschlachten veranstalten, in die Schweiz auf Besichtigungstour fahren, zum Appell antreten, 30, 40 Frauen*, die da in ihren Uniformen stehen.

Die Bilder aus Dachau in den Amateur_innenfilmen sind sich größtenteils so ähnlich, dass es fast scheint, als wären sie alle zur gleichen Zeit dort gewesen. Wurde einfach alles verfügbare medizinische Personal, das sich in der Gegend befand, nach Dachau gerufen? Aber es gibt auch Unterschiede: Plötzlich ist da eine Musikkapelle. Wo kommt sie her? Diese Gleichzeitigkeit wirft Fragen auf: Wie lange hat das Begraben aller Toten gedauert? Wie lange sind sie vorher noch dort gelegen, wo sie gefunden wurden? Was ist eigentlich mit der Kleidung, den Schuhen, den Haaren, den Brillen, etc., die den Menschen in den KZs geraubt wurden nach der Befreiung geschehen? Sind die jetzt alle in einem Museum? Wurden sie weiterverwendet? Wurden sie begraben?

Aus den vielen sich wiederholenden Bildern wurde am Donnerstag Beweismittel: Gegen KZ-Kommandaten*, gegen die SS, gegen die Hauptangeklagten. Die Prozessberichterstattung fand damals vor allem spannend, wie die Angeklagten auf den “Nazi Concentration Camps”-Film reagieren. Als der sowjetische Film gezeigt wird, ist die internationale Presse bereits größtenteils abgereist. Er gerät in Vergessenheit, wie vieles, was ich in den vergangenen Tagen gesehen habe. Sollte es nicht. Heute ist der 8. Mai, VE-Day, Tag der Befreiung. 70 Jahre ist das Ende des 2. Weltkrieges in Europa her und doch ist antifaschistisches Engagement in diesen Tagen wichtiger denn je. Nach dieser Retrospektive scheint mir das noch unglaublicher und schrecklicher.

This film is secret. Newsreels, reeducation, Hollywood amateurs

#CN graphische Beschreibungen

Eine Doppelvorstellung, wieder mit kurzen einführenden Vorträgen vor den Filmen, aber ohne ausleitender Fragesession. Diesmal sind es kurze Filme, die im April und Mai 1945 entstehen, ganz unterschiedlicher Art.

Erste Vorstellung: Newsreels and Reeducation. Den Auftakt macht einer der US-Amerikanischen “Staff Film Reports”, kurze Filme, die einen Überblick über die Geschehnisse an den verschiedenen Kriegsschauplätzen bieten. Das Zielpublikum sind höhere Offiziere, sie dienen der Strategieformulierung – und sie sind geheim. Jede Kriegswoche werden zehntausende Meter Film aus der ganzen Welt zu wenigen tausend Metern zusammengeschnitten, mit Musik unterlegt, Narration wird verfasst und eingefügt – was für eine Arbeit!

Die Bilder aus den befreiten KZs sind hier nur eine Sequenz unter vielen. Zuerst wird ein Ausschnitt über die KZs gezeigt, dann ein ganzer Film, Nummer 53. Viele der Bilder kamen bereits im gestrigen Film vor, der sich auf eine Vielzahl von Materialien stützte. Im Staff Film Report Nr. 53 geht es um den Kampf gegen Japan auf Okinawa, Iwo Jima, einem Betonklotz vor Manila, Befreiung eines französischen Offizierslagers, in dem die Männer teilweise seit 1940 inhaftiert waren, die französische Flagge wird neben der amerikanischen gehisst. Dann folgen Sequenzen aus den befreiten KZs, dann Szenen der Befreiung von Bologna, dann von der konstituierenden UN-Konferenz in San Francisco.

Da sich zwischen diesem Film und den folgenden Newsreels so viele Szenen wiederholen, weiß ich nicht mehr ganz was in welchem Film gezeigt wird. Die Newsreels mit Narration von Ed Herlihy zielen auf Sensation ab – don’t look away! Es gilt, sich den grauenhaften Bildern zu stellen. Eisenhower beim Besuch im KZ Ohrdruf – er selbst wollte KZs besuchen, um Zeuge zu werden und später Zeugnis ablegen zu können. Er veranlasste auch aus demselben Grund, dass Delegationen von Geistlichen (Erzbischof von Canterbury) und Politikern die befreiten KZs besuchen. Was haben eigentlich diese Newsreel-Sequenzen mit der amerikanischen Bevölkerung gemacht?

Am Ende der ersten Vorstellung wird der Film “Death Mills” gezeigt – es gibt auch eine deutsche und eine jiddische Version. In dem ganzen Film wird kein einziges Mal erwähnt, dass vor allem Jüd_innen vom Morden der Nazis betroffen waren, stattdessen Kreuzsymbolik noch und nöcher. Dieser Film sollte ähnlichen Zwecken dienen wie der gestrige Film, “Memory of the Camps”, aber es dauerte einige Zeit, bis er im Jänner 1946 erschien. Wie gut Memory of the Camps konzipiert und restauriert wurde, zeigt sich durch den Kontrast mit diesem Film – hier gibt es dramatische Narration und fast pausenlos dramatische, schlechte Musik, viel weniger Frauen. Besonders erfolgreich war er nicht in seiner Mission.

Zweite Vorstellung: Hollywood-Amateure. Der Regisseur George C. Stevens meldet sich 1943 zum US Army Signal Corps und filmt, filmt, filmt. Neben den offiziellen Filmen macht er auch private Farbfilme mit einer 16mm-Kamera – ein solcher wird an diesem Abend gezeigt. Er ist einem Twitter- oder anderem Social Media-Feed vergleichbar oder diesem Blog. Kurze Szenen, Details, dann längere dokumentarische Sequenzen. Aus einem Transportlastwagen werden Zigarrenstummel geschaufelt, es ist ein größerer Haufen, ich bin baff und belustigt. So viele Zigarren!

Aufnahmen von Kampfslogans auf Jeeps, fröhliche Grillerei irgendwo, dann ein Schnitt, so rapide und brutal, wie selten ein Schnitt – Dachau. In Farbe. Noch obszöner. Noch grauenhafter. Leichen im Schnee. Der Kontrast zwischen Haut und Schnee. Die Augenfarben werden erkennbar. Die Uniformen haben nun Farben – hellgrau-blau gestreift, dunkelgraublau, armybraun. Die Flaggen der Nationalitäten in Dachau (hier sind exakt die Bilder bzw. Videoausschnitte zu sehen). Einige erkenne ich, bei anderen bin ich ratlos. Dann Schnitt. Am Ende wieder Grillen und Baden in der Salzach oder irgendeinem See. Der Kontrast zwischen den nackten, ausgemergelten Leichen und Körper der KZ-Insassen und den badenden Amerikanern. Später entsteht aus seinen offiziellen Farbfilmaufnahmen “D-Day to Berlin”, den ich bereits gesehen, aber anscheinend wieder vergessen habe – ich muss also seine Aufnahmen aus Dachau schon kennen, aber manchmal löscht mein Kopf Dinge (Nebeneffekt von Depression).

Darauf folgen Sam Fullers Filmaufnahmen, auch mit einer 16mm-Kamera gemacht, die ihm seine Mutter geschickt hat. Derselbe Mix aus dokumentarischen Sequenzen und Momentaufnahmen, manche davon in Farbe. Die Aufnahmen Fullers aus dem KZ-Außenlager Falkenau (heute Sokolov in Tschechien) hat er selbst geschnitten, sie erzählen eine Geschichte. Leichen aus dem KZ werden mit frischer Kleidung angezogen (von den Bewohnern Falkenaus, die, obwohl sich das KZ in Sichtweite des Ortes befand, beteuerten, sie hätten nichts gewusst), sie werden auf weiße Leintücher gelegt, es wird eine Ansprache gehalten (im Beisein der Überlebenden), dann werden sie durch den Ort zum Friedhof transportiert, wo sie bestattet werden, mit weißen Leintüchern bedeckt.

Danach … Aufnahmen von Bonn, lächelnde Frauen, ein Unterhaltungsabend mit einer tanzenden Frau und einem Jongleur, noch mehr lächelnde Frauen, die ihre Röcke heben, ein schwer verletzter deutscher Soldat, der versorgt wird, eine Frau im roten Kleid mit Plateauschuhen, eine Stadt in Belgien? Dazwischen amerikanische Soldaten, Freunde Fullers, die mit Waffen und Hakenkreuzfahnen posieren. Oft zielen sie mit den Waffen direkt in die Kamera, wir schauen in den Lauf und ich denke an phallische Bildersprache. Volleyballspiele. Aufräumarbeiten.

War bei den vorigen Filmen der Ton oft zu viel, fehlt er bei den Amateuraufnahmen gänzlich, was besonders bei Fullers späteren Aufnahmen immer schwieriger wird. Die gänzliche Absenz von Ton ist schwer aushaltbar. Der Kontrast in der Praxis zwischen Stevens und Fuller ist offensichtlich, besonders bei der Kameraführung. Morgen wird Fullers Film über seine Kriegserlebnisse – “The Big Red One” – gezeigt, ich bin gespannt, wieviel er aus seinen Aufnahmen übernommen hat und ob er ihren Stil auch übernommen hat. Fast allen Filmen der zwei Vorstellungen ist gemeinsam, dass die Aufnahmen der Befreiung der KZs eine Sequenz, ein Detail unter vielen sind, aber sie sind nicht beiläufig. Und sie wirken nach: Sam Fuller wird vom Amateur zum Filmschaffenden. Die Aufnahmen, die George Stevens von der Befreiung Dachaus und anderer KZs macht, verändern ihn nachhaltig. Er kann nicht darüber reden, weiß nicht, wie er darüber reden soll. Er dreht keinen lustigen Film mehr.

Memory of the Camps. German Concentration Camps Factual Survey

#CN graphische Beschreibungen

Im Österreichischen Filmmuseum läuft gerade eine sehr kleine Retrospektive von Filmen, die bei bzw. über die Befreiung der Konzentrationslager aufgenommen wurden, unter dem Titel “Bilder der Befreiung – Liberation Footage – Atrocity Pictures“, begleitend zu einer Konferenz. Heute war der erste Film zu sehen, “Memory of the Camps. German Concentration Camps Factual Survey“. Der Film ist insofern speziell, als er noch im April 1945 konzipiert und danach teilweise ausgeführt wurde – es gibt die Aufnahmen, ein Skript, das sie zusammenstellt, eine schriftliche Narration – aber er wurde nie geschnitten, nie fertiggestellt. Die Aufnahmen landeten im Imperial War Museum in London (mehr zum Film auf der dortigen Website).

2008 wurden die Aufnahmen erstmals in Wien gezeigt, seit einiger Zeit arbeitete das Museum an der Fertigstellung – und zur Berlinale 2014 wurde der fertiggestellte Film erstmals gezeigt. Es zeigte sich aber, dass der Film einer Einführung und einer Nachbereitung bedurfte, die nun eingefügt wurden – wobei die Nachbereitung nicht gezeigt wurde, da der Leiter des Projekts, Toby Haggith, im Filmmuseum für Fragen anwesend war. Der Film sollte *der* Film sein, der der deutschsprachigen Bevölkerung ihre Verbrechen vor Augen halten sollte, aber das wurde so dringend priorisiert, dass Newsreels und Rohaufnahmen verwendet wurden – und zum Teil wurde die Bevölkerung von Städten und Dörfern nahe der KZs auch in die KZs geführt bzw. musste Leichen begraben. Der Film kam also zu spät, deshalb verschwand er in der Versenkung.

“Memory of the Camps” ist sehr nüchtern, aber sehr graphisch. Er ist erst ab 18 Jahren freigegeben, weil die Kameras wirklich ganz genau auf die Leichenberge halten, ganz genau dokumentieren, wie die SS-Männer und -Frauen in Bergen-Belsen einzelne Leichen zu den Massengräbern schleppen. Egal wieviele verrottende Leichen ich bei irgendwelchen CSI- und CSI-ähnlichen Serien, in  Holocaust- und Kriegsfilmen bzw. -comics, auf Fotos oder sonstwo gesehen habe, diese hier sind echt, riesig auf der Kinoleinwand und noch so nahe am Leben, was alles nur noch entsetzlicher macht.

Als Grund für die genaue Dokumentation, die unzähligen Nahaufnahmen erklärte Toby Haggith (Leiter des Restaurationsprojekts), dass die Alliierten zuvor in Italien und Belgien zwar Lager gefunden hätten, Folterkammern, Folterinstrumente, aber keine Leichen. Hier waren sie nun, Beweise für die Verbrechen der Nazis. Die Aufnahmen der Roten Armee sind angeblich abstrakter und weniger verstörend, da die Menschen in Auschwitz und Majdanek von den Nazis auf Todesmärsche gezwungen wurden und die Nazis versuchten, die Krematorien und anderen Spuren des Holocaust zu vernichten, was ihnen aber nur teilweise gelang. Das werde ich in den nächsten Tagen überprüfen können.

Verwendet wurden Aufnahmen aus Bergen-Belsen, Buchenwald, Dachau, Auschwitz, Majdanek, Ebensee und Mauthausen – und gezeigt werden sollte der Film auch in Österreich, daher die Erwähnung dieser beiden letzten Lager. Im April 1945 konnte sich Österreich noch nicht ganz so überzeugend als “erstes Opfer” gerieren. In den letzten Jahren wurde im öffentlichen Diskurs über die KZ-Bordelle für die SS und bevorzugte Häftlinge gesprochen, die aus der Erinnerung_skultur ausgespart wurden – hier in diesem Film werden sie erwähnt. Überhaupt fokussiert dieser Film stark auf die Frauen, anscheinend im Gegensatz zu anderen Filmen in der Retrospektive.

Das Imperial War Museum hat sich entschieden, den Film so zu produzieren, wie er geplant war, mit dem Originaltext, ohne Korrekturen und ohne zusätzliche Erklärungen. Also sind manche Fakten Fakten von 1945/46 (genaue Zahlen z.B.) und auch die Sprache ist manchmal die von 1945, wenn es z.B. um Schwarze geht, die in den Konzentrationslagern umgebracht wurden – aber für den heutigen Forschungsstandpunkt erstaunlich, dass sie erwähnt werden, denn das wurden sie lange nicht. Auch liegt der Fokus seltsamerweise nicht sehr stark darauf, dass es vor allem Jüd_innen waren, die von den Nazis in den Konzentrationslagern eingesperrt und umgebracht wurden (angeblich politische Gründe).

Egal wieviel ich zu den Konzentrationslagern und zum Holocaust schon gelesen und gesehen habe, es trifft mich immer unvorbereitet. Ich lerne jedes Mal etwas Neues und verzweifle daran, dass ich diese Unmenge an Informationen nie ganz wissen werde. Dieser Film, diese ganze Reihe zeigt Bilder, wie ich sie im Schulunterricht und an der Uni nie zu Gesicht bekommen habe. Wir bekamen keinen einzigen Leichenberg zu Gesicht. Wir waren nie im KZ Ebensee – Stacheldraht direkt vor der Alpenkulisse. Das ergibt ein ganz anderes Bild als Mauthausen.

Wie bekämpften die Alliierten nach der Befreiung der KZs den Typhus? Mit DDT und heißem Waschen (gegen die Läuse), frischen Decken, dann wurden die Überlebenden in Krankenstationen transportiert, um dort zu gesunden. Es starben trotzdem noch viele. Ironischerweise waren diese Krankenstationen oft gut ausgestattete SS-Spitäler. Im KZ geborene Babies, überlebende Kleinkinder, Kinder, die ganz langsam essen, um ja nicht einen Tropfen zu vergeuden. Frische Kleidung aus den Geschäften der umliegenden Orte, heiße Duschen, ein Kamm. Wegen dem Typhus werden die Baracken in Bergen-Belsen verbrannt. Der Rauch zieht in großen Wolken. Ich denke “Hoffentlich haben sie alle Inschriften in den Baracken dokumentiert – ach, sicher nicht.”

Eine der Zuschauerinnen* sagt in der Diskussion danach, sie fühle nichts beim Anblick der Bilder, sie sei abgestumpft weil sie so viele Bilder gesehen habe. Ihr fehle die Täterperspektive. Auch ich hatte erwartet, dass mich die Bilder zu größeren Emotionsausbrüchen bringen würden, aber ich habe nicht geweint. Es ist ein Film mit emotionaler Wucht, aber keiner, der Emotionen instrumentalisiert. Es gibt keine pathetische Musik oder Narration. Viele Szenen sind still, ohne jedes Hintergrundgeräusch und das ist gut so. Es gibt keine Einzelschicksale, aber viele Gesichter. Und jede Szene wirft Fragen über Fragen über Fragen auf.

“Schlaflos” – zum Einschlafen

[CN: Geburt, sexuelle Gewalt, Rassismus, Tod, Blut, Knochen, Depression]

Ich wurde gebeten, doch die Ausstellung “Schlaflos” im 21er Haus, einem der 10.000 Museen für zeitgenössische Kunst in Wien, zu besuchen und davon zu berichten. Ich, dem Bett prinzipiell sehr zugeneigt und neugierig, denn der Hinweis auf die Ausstellung war schon durch meine Timeline gewandert, ging hin.

20150201_152028Nun.

Die Ausstellung hat sich eigentlich – so wie die meisten Museumsausstellungen – fast genau an mich gerichtet, also an eine weiße Bildungsbürgerin, nur, naja, sie war eher an weiße Bildungsbürger gerichtet. Trotzdem habe ich keinerlei Leitfaden, tieferes Konzept oder tiefere Zusammehänge ausfinding machen können. Ich frage mich seitdem, ob ich zu blöd bin, aber es gibt nur zwei Möglichkeiten: Leitfaden/Konzept/Zusammenhänge sind so obskur, dass ich sie nicht erkannt habe oder … die Ausstellung ist schlecht gemacht. Mittlerweile tendiere ich zur zweiten Möglichkeit.

Wenn … der Grundgedanke der Ausstellung eine Google-Bildersuche nach “Kunst”, “Bett” und den Schlagworten Geburt, Liebe, Krankheit, Tod, Politisch, Gewalt und Einsamkeit gewesen wäre …

Wenn … der Grundgedanke der Ausstellung eine Kooperation zwischen Kurator_innen zu den besagten Schlagworten – jede Person ist für ein Schlagwort zuständig oder jede Person trägt X Kunstwerke zu jedem Schlagwort bei – gewesen wäre …

Wenn … der Grundgedanke der Ausstellung eine große Menge an interessant angeordneten Exponaten gewesen wäre, …

dann …

wäre es eine bessere Ausstellung gewesen als die, die ich mir angesehen habe. Gut, es gibt ja auch die Möglichkeit, sich jedem Kontext, jeder Herstellung von Zusammenhängen zu verweigern. Aber es wurden Zusammenhänge hergestellt – Bett und Geburt, Liebe, Krankheit, Tod, Politisch, Gewalt und Einsamkeit. Nur innerhalb der Überthemen und dazwischen, an den Ecken, in den Nischen schepperte es vor … Beliebigkeit? Einem verborgenen Plan? Absichtlich konstruierten Zufallsfunden?

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich abwechselnd genervt, gelangweilt und betroffen war. Aber von vorn.

Die Ausstellung begann mit dem Themengebiet “Geburt”. Nein, zuerst: Das BETT! Begonnen wird mit einem Fließtext über die Kulturgeschichte und Bedeutung des Bettes, der unerwähnt lässt, dass jede Menge Kulturen nicht in einer Holzschachtel mit Matratze, Polster und Decke schlafen, sondern alle möglichen Variationen ersonnen haben. Netter unerwähnter Eurozentrismus. Wir schreiben 2015. This isn’t new, bold or different.

Danach kommen die Wiegen, “Symbol der Mutterbrust”. Hä? Ich dachte immer, Wiegen seien … Symbole des Uterus oder der wiegenden Arme. Hm. Auch verwend(et)en nicht alle Kulturen Wiegen, na egal. Also Wiegen. Eine schöne, nobliche von Thonet. Die kenne ich schon aus dem Museum Angewandter Kunst in Wien, ich würde zu der nicht Nein sagen, außer, dass sie riesig ist und sicher Rückenschmerzen verursacht.

20150201_143028Aber sie steht weit weg von allen anderen Wiegen. Warum eigentlich? Dabei gibt es noch: ein schiefes Kinderbett, ein Kinderbett mit Spiegel statt Matratze, eine Wiege aus Bronze (alles Kunst). Aha. Ein Foto von Juergen Teller zeigt ein Kind namens Ed, wie es ein japanisches Hotelzimmer zerlegt. Ah so. Es gibt in der ganzen Ausstellung viele Fotos von Teller, dessen Stil ich nicht mag.

Dann ein Bild eines neugeborenen Kindes von Lavinia Fontana (1552 – 1614), einer der ersten bzw. frühesten Malerinnen, die Aufnahme in die Uffizi in Florenz fanden. Gegenüber ein mittelalterliches Gemälde auf Holz von der Geburt Marias, die schon komplett im Kleid und mit langen Haaren und Heiligenschein aus ihrer Mutter Anna gekommen ist, scheint’s. Etliche Fotos von Babys auf väterlichen Bäuchen, ich muss an memyselfnchild_ denken.

Dann das “Geburtenbett” von Valie Export, dessen Tonspur schon vorher und von nun an die Ausstellung begleitete, zuerst nervig und unbehaglich, dann langsam immer vertrauter und schließlich wie ein Gitarrenriff klingend. Eine Geburt ist hier nicht zu sehen, alles ist verklausuliert oder verhüllt, ein großer Überhang von männlichen* Künstlern. Hm. Eins gelernt: In Wien gab’s auch einmal Säuglingswäschepakete. Könnten eigentlich wieder eingeführt werden.

Gut. Weiter in den großen Raum, in dem gut verteilt verschiedene Bettskulpturen stehen. An der Wand hängen ein paar Bilder. Ok. Ich finde keine der Skulpturen besonders auf- oder anregend. Aber eine finde ich berührend. Es ist diese:

20150201_135612“Kratz” von Urs Fischer erinnert mich an das Gefühl, wenn ich nachhause komme und mich erst einmal auf mein Bett werfe. Es scheint mir wie eine Person, die, getreten, zerronnen, zerstört, aber fast andächtig, tief erschöpft und traurig ins Bett kriecht oder vielleicht davor kniet und betet. Am liebsten hätte ich mich dazugelegt.

Ein paar weitere Dinge steht im großen Raum: “Liege für Hermann Schürrer” von Hans Kupelwieser und Franz West, die aussieht, als würde hier etwas abgetropft werden …

20150201_135643… und “Untitled (aus Leaving Home” von Sudarshan Shetty, der offensichtlich öfter mit Skeletten arbeitet. Hier bewundere ich aber vor allem die Maserung des Holzes.

20150201_135700In der Mitte des Raumes steht “Cama” von Los Carpinteros. Es sieht witzig aus, aber natürlich darf da nicht drauf rumgetobt werden. Es gibt überhaupt nichts zum Anfassen, Hinlegen oder sonst irgendwie haptisch erfahren. Dahinter ein Schüttgemälde von Hermann Nitsch.

20150201_135841Ich bin mehr als underwhelmed. Die Skulpturen stehen zwar alle so, dass bequem darum herumgegangen werden kann, aber viele davon sind für mich langweilig. Neben “Kratz” stehen vier Stockbetten, drei blaue, ein gelbes oder vielleicht umgekehrt, ich weiß es schon nicht mehr. Darauf liegen Bücher der Person, die die Skulptur konzipiert hat, ich glaube es war eine Frau, aber auch das habe ich schon vergessen. Ohne jeden Hinweis auf die Signifikanz der Bücher sehe ich nichts außer bunten Stockbetten, die mich auf keinste Weise ansprechen. So geht es mir mit den meisten Skulpturen.

Frustriert werfe ich die Hände in die Luft und gehe zum Bereich “Krankheit”. Jetzt beginnt es schlimm zu werden. Und ich meine nicht vom Ekelpotential her. Randomly mischt sich unter die verschiedenen Fotos – Krankenschwestern bei der Ausbildung 1942 (really?), Ruheraum in Baden-Baden oder sonst einem Bad (alle Betten mit rot abgedeckt, sieht gruselig aus), ein Lazarett aus dem 1. Weltkrieg (aber eh nur ein braves Gruppenbild) eine Karikatur aus 1934.

Eine antisemitische. Sagt mir dann der Katalog des Bildarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek, das die Karikatur sonst beherbergt. Wenn ihr sie euch ansehen wollt, hier der Link. Der Katalog sagt mir auch, dass hier Engelbert Dollfuß, der Bundeskanzler und Anführer der Austrofaschisten zu sehen ist, zusammen mit Emil Fey, Führer der austrofaschistischen Heimwehr und Vizekanzler, und Ernst Rüdiger Starhemberg, auch Heimwehrführer, später auch Vizekanzler. Sie beugen sich über das Bett der schlafenden “Austria” und hoffen, dass sie nicht aufwacht, während der jüdische Arzt garantiert, dass sie es nicht tun wird.

In der Ausstellung wird diese Karikatur in keinerlei Kontext gesetzt. Sie ist einfach da, gesagt wird nur, wer sie gezeichnet hat, nämlich Leopold Johann Dorfstätter, mit welchem Material auf welchem Medium, sowie der Titel. Warum ist diese Karikatur dort? Von allen Karikaturen, die “kranke” Staaten im Bett abbilden – und da gibt es viele, warum ausgerechnet diese? Was war da der Hintergedanke? Dass die Besucher_innen den Rassismus bzw. Antisemitismus ohnehin nicht erkennen werden?

Im hintersten Raum ist ein Krankenbett mit einer Wachsfigur drin, “Temporarily Placed” von Michal Elmgreen und Ingar Dragset. Sie sieht sehr real aus, die Person, die vor mir im Raum ist, erschaudert und geht schnell. Ich zucke mit den Achseln und drehe mich um.

20150201_140804Zuletzt komme ich an einer Installation von Douglas Gordon vorbei. Eine Frau erleidet einen Anfall und wird von zwei Männern auf dem Bett fixiert.

20150201_141123“Hysterical” heißt die Installation. Einige der Mitschauenden lachen. Mir wird grauenhaft und ich gehe zu den Räumen über den Tod.

Hier gibt es auch ein mittelalterliches Gemälde auf Holz, vom Tod Marias, die neben dem Bett Zuckerzeugs und getrocknete Früchte hat, in der Tapete/Wandbemalung/Wandbehang hinter ihr sind Tiere. Daneben hängen kleine Bilder aus einem “Ars moriendi”-Buch, von der Kunst zu sterben. Hmmm. Wie wird das denn besonders gut gemacht? Hier sind lauter Männer zu sehen, Männer auf dem Totenbett, Marcel Proust, Egon Schiele, Kronprinz Rudolf, Franz Lehar, Wilhelm III. von Preußen, der heilige Josef, ein alter Mann und ein namenloser “Erlöster”. Was für ein Zusammenhang besteht da? Geht es hier einfach nur um tote Männer in Betten?

An sichtbaren Frauen gibt es nur die mittelalterliche Maria, eine abstrakte sterbende Mutter und “Das tote Kind”, ein Mädchen, gemalt von Johanna Kampmann-Freund (1888-1940), einer jüdischen Malerin, die noch nicht einmal einen Wikipedia-Eintrag hat, dabei erhielt sie 1927 für das Bild “Hagar” den Staatspreis. Hier ihr Eintrag im Österreichischen Biographischen Lexikon.

Hm. Fehlt noch ein Raum im Erdgeschoß, “Liebe”. Hier geht’s aber um Sex. Vor allem Nackte, mittendrin etwas versteckt Fotos von Diane Arbus, die tatsächlich Paare fotografiert hat, die auf ihren Betten sitzen und keinen Sex haben. Eins der Paare ist sogar angezogen. Hier findet sich auch ein einziger japanischer Druck von Harunobu Suzuki, der angeblich ein Liebespaar beim Saketrinken zeigt, es ist … ein so underwhelming japanischer Druck, wie ich selten einen gesehen habe. Ernsthaft. Warum? Warum dieser Druck, warum dort, warum nicht ein anderer von den 100.000.000.000.000 japanischen Drucken, meinetwegen ein erotischer, wenn doch eh schon der ganze Raum voll davon ist. Aber das Paar im Druck ist angezogen. Nu ja. Hier hängt auch eine “Bordellszene”, ein Fresko aus Pompeii – und ernsthaft? Wenn wir schon von Bettkulturen reden bzw. sie zeigen oder was immer, nicht eine Darstellung eines römischen Schlafzimmers (da gibt’s nette Fresken), nein, schon wieder ein nackter Arsch? Ernsthaft?!

Ich notiere “SO. UNIMPRESSED.” in mein Notizheft.

Dann gehe ich hinauf in den ersten Stock.

20150201_150313Hier gibt es noch jede Menge Ausstellungsraum, alles gefüllt. Als fast erstes gerate ich an “Bed – Dots Obsession” von Yayoi Kusama. Sieht lustig aus, wie Anemonen am Meeresgrund, hat aber ziemlich ernste Hintergründe.

20150201_143557Daneben hängt Yoko Onos “Painting to be slept on”. “Hang it after sleeping on it for 100 nights” – häng es auf, nachdem du 100 Nächte drauf geschlafen hast – steht da. Wie es wohl aussehen würde, wenn …

20150201_143740Na gut, onwards. Ich bin jetzt bei “Politisch”. Da stirbt Cato im Bett, ein großes Ölbild, ein Foto von Winston Churchills Bett und dann – ein Stich von der (französischen) Königlichen Familie nach der Hinrichtung Ludwig des XVI., im Hintergrund ein Bett. Äh. Daneben ein Foto der Replik des Bettes von Marie Antoinette in Versailles. Warum?

Meine Nerven sind mittlerweile einmal über Mona Hatoums “Dormiente” gerieben worden.

20150201_144245Auch das ist eine Skulptur, die mir gefällt. Sie ist brutal und bitter, schrecklich in ihrer Einfachheit und Komplexität. So viele andere einfache Liegen und Betten in dieser Ausstellung, aber kaum eine kommt an diese heran.

Dann rolle ich die Augen an “Poison is a Woman’s Weapon” von Ryan Gander vorbei … (ich will auch Geld & Ruhm dafür, dass ich Frauen in Unterhosen & T-Shirts beim auf dem Bett hüpfen filme).

20150201_144454Und dann gerate ich an Tracey Emins “To meet my past”. Warum dieses Werk nicht bei “Politisch”  oder “Gewalt” steht – oder zusammen mit Yayoi Kusamas Bett in der großen Ausstellungshalle als Kontrapunkt zu den anderen Skulpturen dort … nun. Keine Ahnung.

“To meet my past” ist überall bestickt, mit Applikationen übersät. Es sieht auf den ersten Blick kuschelig aus, das Bett, aber beim Lesen gefriert das Herz. Warum ist das nicht – versteckt unter anderen harmlosen Betten – eines der Kernstücke dieser Ausstellung? Warum steht es in der Ecke, nicht einmal gut rundherum zugänglich? Schön versteckt, damit es nicht zu verstört, zwischen all den objektifizierten Frauen* im Rest der Ausstellung, steht auf einer Seite im Leintuch eingestickt: “I’m going to get you and when I do the whole fucking worlds going to know that you destroyed my childhood.”

20150201_14512520150201_14513820150201_144519Im letzten Bild, leider sehr unscharf: “I can not beleave I was afraid of Ghosts Tracey Emin 1969-1974”. Es erinnert mich an die Stick- oder Strickmusterflecke, die von ihren Herstellerinnen mit Namen und Jahreszahl signiert werden …

Es gibt jetzt ein Wort für meine Stimmung. “glum”. Wie wenn dir etwas auf dem Herzen sitzt. Aber das ist schnell wieder weg. Ich komme zum Thema “Einsamkeit” und … 10.000 nackte Frauen auf Betten. Äh. Ich notiere “fucking kidding me”. Sauer gehe ich zu “Gewalt” weiter, besichtige die Fotos von Lucinda Devlin, die Fotos von Hinrichtungsräumen in den USA macht. Dann biege ich um die Ecke und …

20150201_150034vor mir ist eines der berühmtesten Bilder, nein *das* berühmteste Bild von Artemisia Gentileschi, “Judith köpft Holofernes”. Dieses Bild. Hier. Hier in dieser Ausstellung, in diesem Kontext. Was hat ein verdammtes BETT mit diesem Bild zu tun, außer dass in dem Bild eines vorkommt?! Warum wird es hier in einem Eck verheizt, noch dazu unter der Rubrik “Gewalt”, in der es kein einziges Bild eines gewalttätigen Mannes gibt, aber dieses Bild und noch ein “Samson & Delila” von Max Liebermann – was soll das bedeuten? Ich finde es respektlos. Artemisia Gentileschi hat die Gewalt, die ihr angetan wurde, in ihren Gemälden verarbeitet. Sie sind nicht dazu da, “Schaut, da, gewalttätige Frauen, urarg!” darzustellen, ohne diesen Kontext dazu. Dieses Bild darf man nicht einfach so hinhängen, noch dazu mit einer Beleuchtung, die das Studieren von Details verunmöglicht, weil die Leinwand reflektiert.

Mir reicht es fast. Fast schmeiße ich alles hin und gehe. Ich gehe durch weitere Räume mit 10.000 nackten Frauen, die dort nur zu hängen scheinen, weil sie eben nackt und im Bett sind. So viel nackte Haut kann ich auch im Kunsthistorischen Museum sehen und dort ödet sie mich genauso an wie hier. Was hätte nicht aus diesem Thema gemacht werden können? Es gibt kein einziges Bett mit Menstruationsflecken, keine tatsächlich zu sehende Geburt, oh, das wäre wohl zu schockierend gewesen, zu real. Wie gut hätte Tracey Emins “My Bed” gepasst. Kein Verweis auf die Studentin, deren Abschlussarbeit es war, die Matratze aus ihrem Zimmer, auf der sie vergewaltigt wurde, überall hin mitzuschleppen, das wäre topaktuell gewesen.

Nur versteckt lässt sich herauslesen, wie schmerzvoll das Bett sein kann. Die Arbeiten von Frauen*, die genau das zeigen, sind in den 1. Stock verbannt und voneinander getrennt. Vielleicht sollte ich froh sein, dass überhaupt Werke von Künstlerinnen* gezeigt werden und ok, die Werke von Künstlerinnen*, zwischen denen sehr wohl ein Zusammenhang besteht, sind halt über die ganze Ausstellung verteilt, vielleicht soll sie das “normalisieren”. Aber das halte ich für eine denkbar ungeeignete Methode.

Lustvoll (jetzt von Sex abgesehen) am Bett ist nichts. Kein Kuscheln, kein Schlafen, kein ausgiebiges Verweilen, Lesen, Träumen. Auch nichts über die Banalität des Bettes oder ein Anklang von sozialen Fragen, da hätten die Bettgeher_innen gut gepasst. Für eine “Kulturgeschichte” reicht mir das nicht.

Überall fehlt der Kontext. Ohne meinen bildungsbürgerlichen Hintergrund hätte ich jede Menge Codes und Hinweise nicht mitgekriegt. Ich wette, ich habe jede Menge Codes und Hinweise nicht mitgekriegt. Ohne Kontext, ja, muss ich selbst einen herstellen, manchmal herbeiinterpretieren. Muss mir selbst einen Zusammenhang basteln, eine Geschichte durch die Ausstellung. Selbst mit ihren thematischen Überthemen schafft es die Ausstellung aber nicht, mir diesen Zusammenhang zu zeigen.

Die meisten Kunstwerke sind für mich nicht ästhetisch ansprechend genug, um mir wenigstens diesen Reiz zu geben. Mehr als einmal stehe ich kopfschüttelnd, die Hände ausbreitend da und sehe die Bedeutsamkeit nicht. Wäre die Ausstellung ohne das Wissen um Codes spröder oder weniger spröde? Bei jedem Überthema gibt es ja Kunst zum Thema. Reicht das schon? Am Ende wünsche ich mir, ich hätte selbst noch Exponate hinzufügen können, umräumen dürfen. Es gäbe so viel …

Frustriert und fadisiert geh ich.

20150201_150638Herwig Kempinger, Ohne Titel. (Das mag ich.)

Riss in der Unsterblichkeitshülle

[CN Tod, Krankheit, Depressionen]

“Wir haben schon gespendet!” will ich sagen, da starb schon jemand in der Familie vor der Zeit, nein, ich will das nicht. Das soll nicht passieren. Meine Familie sollte doch jetzt unsterblich sein, bis ich selbst älter und gräuer bin und mich an den Gedanken gewöhnt habe.

Sieht zumindest im Augenblick so aus, als hätte mein Onkel, der mich seit meinen Kleinstkindesbeinen begleitet, gerade noch Glück gehabt. Ich könnte mich hineinfühlen in meine Mutter, aber ich kann das jetzt nicht. Vor drei Tagen hatte ich kurz Angst, dass mein Bruder gestorben sei, weil Nibling etwas länger schrie, im Morgengrauen.

Wenn mir solche Gedanken durch den Kopf zucken, schiebe ich sie weit weg, sie sind unerträglich. Nur so kann ich gerade atmen und so tun, als sei alles normal. Die Unsterblichkeitshülle, von der ich dachte, dass sie nach dem Tod meines Vaters doch sicherlich meine Familie umgibt, hat einen Riss. Was heißt, sie hat Löcher, sie ist aus Spitze, aus Papierspitze, und es regnet und stürmt.

Ich will das aber nicht. Also verstecke ich mich lieber wie ein im Raum schwebender Geist in meiner Timeline und versuche so zu tun als ob wenig wäre, aber ich weiß, wie sehr meine Mutter sich gerade zusammenreißt und ich habe Angst um sie. Ich selbst bin grad nur numb, da gibt es kein anderes Wort, und absichtlich so, damit die Panik nicht zu sehr an meinem Herz knabbert, das so unerwartet nachgewachsen ist und neu ausgetrieben hat. Ich wollte es doch wachsen sehen dieses Jahr.

Scheiße. Aber warum soll es uns anders gehen? Welches Recht habe ich auf eine unsterbliche Familie? Es bleibt mir nichts anderes übrig als zu warten …

The Anime Rainbow: Das war die Sommersaison 2014

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CN – Da es diesmal Kurzreviews sind & es so viele Anime sind, vergesse ich sicher einiges, sorry! Ich habe auch einige Anime von der Liste gestrichen, entweder weil sie noch laufen (Shirogane no Ishi: Argevollen, Bishoujo Senshi Sailor Moon Crystal) oder weil sie Teil eines größeren Komplexes sind (Kuroshitsuji Book of Circus) dem ich einen eigenen Post widmen möchte oder beides (Sword Art Online II).

Aldnoah Zero [CN Tod, Objektifizierung, PTSD im Zusammenhang mit Krieg, Krieg, physische Gewalt, psychische Gewalt] – In letzter Zeit sind Anime mit gigantischen Robotern, die irgendwelche Gefahren (meist aus dem Weltall) abwehren sollen, wieder sehr populär. Hier geht es um einen Konflikt zwischen Mars und Erde, politische Verwicklungen, eine Prinzessin, wechselnde Loyalitäten … und nervendes Fanservice. In letzter Zeit sehr populär in der Richtung: langsames Hochwandern der Kameras von den Beinen sitzender oder liegender Mädchen* oder Frauen* bis ungefähr Nabelhöhe. So. Nervig. Positiv: Etwas weniger platt als andere Anime was die Storyline angeht (aber noch platt genug, insgesamt, leider), Frauen in Autoritätspositionen (Schiffskapitänin, Navigatorin, Offizierin). Spoiler (mit der Maus drüberfahren): Das Ende fand ich radikal (in an oldschool way), da quasi fast alle sterben, aber es gibt im Jänner ein Sequel … aber für Wiederauferstehung müsste schon sehr viel passieren. Also bin ich doch ein bisschen gespannt. Insgesamt: Ziemlich nö.

Ao Haru Ride [CN Tod eines Elternteils, Trauer, Übergriffigkeit, Sexismus, Femmefeindlichkeit] – Hm. Ein einigermaßen netter Shoujoanime, viel über soziale Position, vor allem von Mädchen*, ganz interessant in Hinblick auf die Navigation zwischen Femininität und ihren Konsequenzen (Ablehnung von den anderen Mädchen*, positive/negative Aufmerksamkeit von den Burschen*). “Love Polygon” wird diese Art von Setting genannt – alle sind verliebt, aber vor allem unglücklich, weil die geliebte Person in eine andere Person verliebt ist usw. Dazu noch ein Familiendrama, das allerdings sehr realistisch ist (selten). Spoiler: Was ich nicht mochte, [CN Übergriffigkeit] war die Szene in der die männliche Hauptfigur die weibliche Hauptfigur vor Übergriffen warnt, indem er selbst übergriffig agiert. Sie selbst reagiert mit sexueller Erregung, was sie auch (in Gedanken) ausspricht, was ich wieder positiv finde, denn Sex wird so selten thematisiert … aber irgendwie hätte das alles anders, also feministischer gelöst werden können. Insgesamt aber: Irgendwie cute, irgendwie analytischer sozialen Zwänge und Positionen gegenüber als andere Shoujoanime, nette Musik, nette Animation … würde ich doch empfehlen, aber vielleicht nicht als Einstieg.

Bakumatsu Rock [CN Tod, Heterosexismus, Cisseximus] – Ich weiß nicht, warum ich mir diesen Anime angesehen habe. Bzw. habe ich eine sehr gute Begründung, nämlich, dass mich interessiert, wie die Bakumatsu genannte Zeitperiode in Anime dargestellt wird. *nick nick* Eigentlich stimmt das ja sogar. Anyway! Ihr müsst ihn euch nicht ansehen. Hier wird eine Dichotomie zwischen “Rock” (gut) und “Heaven’s Song” (= Boy Bands, fast alle böse) aufgestellt, es geht irgendwie um “Hero Souls” und die Kontrolle über Japan bzw. freies Leben … Zielpublikum sind Mädchen*, aber warum sollten die sich eigentlich etwas ansehen, das ihre Interessen runtermacht? Naja, egal, also: Schlechte Musik, grauenhafte Computeranimation, Lustigmachen über die Transfrauenfigur … seht euch das nicht an.

Barakamon [CN physische Gewalt, Heterosexismus] – Ein beliebter Topos: Der lebensferne Künstler(TM), diesmal ein Kalligraph (es sind nie Künstlerinnen*), der sich aufgrund eines Misserfolgs und eines körperlichen Angriffs auf einen Juror aufs Land zurückzieht und dort von der “simplen” Landbevölkerung, allen voran den Dorfkindern, “mit der Lebensrealität konfrontiert” bzw. “inspiriert” wird. Bzw. in den letzten Jahren sehr beliebt: Anime, die sich um eine Kunst oder ein Handwerk drehen. Das kommt hier ziemlich zu kurz. Das Kinderensemble umfasst mehrere Altersstufen, vom Kindergartenkind bis zum Oberstufenschüler sind alle dabei und erfrischend wild, was wenigstens den creepy “erwachsener Mann inmitten von Kindern”-Trend ein wenig abwehrt. (Es gibt nämlich diesen Trend … Anime, deren Haupthandlung das Leben einer Gruppe von Mädchen* ist, die dann vom (angenommenen) cisheteromännlichen* Zielpublikum fetischisiert werden, siehe z.B. Hanamaru Youchien, Non Non Biyori u.ä. Supercreepy.) Vollkommen problematisch an Barakamon ist die Reaktion auf das Queerbaiting, nämlich offener Heterosexismus, der wohl … den komödiantischen Topos der Fujoshi aufbrechen soll? Insgesamt: Meh.

DRAMAtical Murder [CN nicht-konsensuales Küssen (aber nur kurz), physische Gewalt, Tod] – Hm. Auch so ein “Hier, Mädchen*, ein paar nett anzusehende Dudes mit unterschiedlichen Haarfarben” hier mal ganz ohne weibliche Hauptfigur, wie auch Bakumatsu Rock. Wird anscheinend immer mehr gepusht, dieses Genre – aber die Geschichte, Animation, Musik, Figuren sind so schlecht, dass sie eigentlich nicht anzuschauen sind. Manchmal frage ich mich, ob die Finanzkrise an diesen low value productions schuld ist (und an der Überzahl der “Boy meets Girl”-Anime, die auf ein männliches* Publikum abzielen). Ja, also es geht um die Zukunft und virtuelle Realität und ein böser Typ will alle hypnotisieren … baaaahhhhhhh. *seufz* Dazwischen angedeutet – Anziehung zwischen den Figuren und sogar ein Kuss. (Yay Fortschritt!)

Gekkan Shoujo Nozaki-kun [CN cartoonhafte physische Gewalt] – Mein absoluter Favorit diesen Sommer. Ich musste bei jeder Episode laut lachen. Ich liebe diesen Anime. Das Setting selbst ist eigentlich schon gut erprobt, Highschool Comedy plus Manga zeichnen, in der letzten Zeit nach Bakuman sehr beliebt, aber hier wird so viel auf den Kopf gestellt. Um das zu merken und wirklich zu schätzen, lohnt es sich allerdings, zuerst ähnliche “typische” Anime anzuschauen … aber nötig ist es nicht. Bespreche ich jedenfalls noch ausführlicher – große, große Empfehlung.

Glasslip – Sah zu Beginn nach Standardromanze (wieder mit Love Polygon) aus, wurde dann von Folge zu Folge undurchsichtiger, mit Visionen von “Fragmenten der Zukunft”, die aber nie erklärt werden, immer weniger Zusammenhängen und am Ende stand ein Gedanke: “Äh?” Ganz nett daran: Moderne Architektur im Alltag! Und ein bisschen klassische Musik. Und es gibt eine bisexuelle Figur, die mit eigenen Interessen, eigener Geschichte porträtiert wird. \o/Spoiler: Leider checkt die weibliche Hauptfigur es überhaupt nicht als sie von der bisexuellen Figur eine Liebeserklärung kriegt bzw. möglicherweise ignoriert sie sie absichtlich. :( Urteil: Nee.

Love Stage!! [CN sexuelle Übergriffigkeit, physische Gewalt] – Das ist nicht der erste Anime, der sich einer homosexuellen Liebesgeschichte zwischen zwei Cismännern widmet, aber sicher der expliziteste der Yaoi-Mainstreamanime, die ich bisher gesehen habe (Junjou Romantica habe ich mir noch nicht angeschaut, weil mir der Manga unsympathisch ist). Explizit daher, weil die beiden Hauptcharaktere, Ryouma und Izumi, offen ineinander verliebt sind (also Ryouma erst in Izumi, dann …) und Anziehung auch offen zeigen dürfen, wenn auch eine Person in den sexuell expliziteren Szenen nur als sparkly, pastellfarbene Silhoutte gezeigt wird. Es gibt hier, anders als in z.B. No. 6, auch keine Hintergrundgeschichte, sondern der Anime folgt der Beziehung zwischen Ryouma und Izumi, also einer klassischen Lovestory. Sie folgt einem gängigen Yaoi-Topos, aber um euch das jetzt alles zu erklären, müsste ich weit ausholen und ehrlich gesagt ist es mir zu heikel über Yaoi zu schreiben, weil ich mich erst langsam kritisch damit auseinandersetze, also lasse ich es. Ich kann auch nicht wirklich verorten, welche Bedeutung es hat, dass diese Anime auf diese Art und Weise produziert und gezeigt wurde. Falls ihr mehr dazu wissen wollt, kann ich euch nicht wirklich weiterhelfen, weil ich zu wenig weiß. Ich finde Love Stage!! ganz ok, ich lese auch den Manga, mag daran aber Rei x Shougo.

Nobunaga Concerto [CN Tod, Krieg, Tote, Blut, physische Gewalt] – Saburou, ein Schüler, wird plötzlich in die Zeit zurück versetzt, in der Oda Nobunaga lebte und nimmt seinen Platz ein. Der Anime folgt seiner Laufbahn und seinen Begegnungen mit anderen Zeitreisenden. Nicht besonders spannend, außer ihr plant eine Analyse von Anime, die in der Sengoku-Zeit spielen (was durchaus spannend wäre). Ganz lustig fand ich, dass Saburou das Raum-Zeit-Kontinuum egal ist und er sein Geschichtebuch konsultiert, bis es ihm geklaut wird.

Tokyo ESP [CN Tod, Krieg, Tote, extreme physische Gewalt, psychische Gewalt, Blut] – Hätte eigentlich ganz gut sein können, ohne die exzessive, unangenehme Sexualisierung der weiblichen Figuren. Erinnerte ein bisschen an X-Men – plötzlich haben einige Leute Superkräfte, mit denen sie umgehen müssen. Wenigstens gibt es wenig Schulszenen und es geht wirklich eher um Action, mit vielen weiblichen Figuren, aber auch den typischen “lustigen” Figuren, die überhaupt nicht lustig sind, wie z.B. den übergriffigen alten Mann (hier als Panda verkleidet). Es gibt die Bösen, gegen die die Guten kämpfen, alles sehr dramatisch, aber im Endeffekt alles sehr 0815, sexistisch und unnötig.

Tokyo Kushu/Tokyo Ghoul [CN Tod, extreme, explizit dargestellte physische Gewalt, psychische Gewalt, Blut, Organe, Kannibalismus, Folter] – Lange Zeit hielt ich Gewalt in Anime recht gut aus. Es sind ja “nur” animierte Figuren und obwohl die mich schon zum Schreien, Heulen, Herzschmerzen gebracht haben, sie sind nicht so real wie echte Schauspieler. In den letzten Jahren gibt es aber einen Trend von immer expliziteren Gewaltdarstellungen, die ich nicht mehr aushalte. Es ist zu grauenhaft und zu sadistisch und Tokyo Ghoul gehört zu diesen Anime. Die Story selbst ist sehr standardmäßig, Ähnlichkeit mit Kemonozume ist da, vor allem in der OP, aber außer der flüssigen Animation ist hier nichts Originelles zu sehen. Gleichzeitig lässen sich diese Stories um Menschenfresser (Kemonozume, Shingeki no Kyojin, in der jetztigen Saison Kiseijuu: Sei no Kakuritsu) wohl als Metaphern (z.B. für Kapitalismus, gesellschaftlichen Druck, u.ä.) verstehen und ihre Häufung und Popularität in den letzten 2 Jahren wird wohl kein Zufall sein. Aber mir dreht es langsam den Magen um :/ Angeblich ist der Manga besser und eine zweite Saison wird es auch geben (no na), aber … nix für mich.

Yami Shibai 2 [CN Horror – sorry, ich erinnere mich nicht mehr an die Details] – Anime mit sehr kurzen Folgen, immer über eine Gruselgeschichte, so á la “Dies ist die Geschichte über XPerson, die …” und dann passiert ihnen irgendetwas creepiges. Die erste Saison war tatsächlich sehr creepy, diese ist zwar auch creepy, aber weniger extrem. Trotzdem insgesamt eher meh.

Zankyou no Terror [CN physische Gewalt, Explosionen, psychische Gewalt, Terrorismus] – Diese Serie werde ich auch noch separat besprechen. Es geht um zwei Freunde, die Terroranschläge verüben, den Polizisten, der dem Ganzen auf dem Grund gehen will und Lisa, die per Zufall in die Sache verwickelt wird. Ich muss mir den Anime aber nochmal ansehen, um zu einem endgültigen Urteil zu kommen, aber insgesamt fand ich ihn recht interessant, aber wieder eigentlich auf bereits vorhandenen Geschichten aufgebaut, also nicht besonders neu, sondern ein bisschen zu vertraut. Nachdem klar wurde, worum es ging, war mir auch ein wenig fad. Aber mal sehen, was ich nach dem nochmaligen Ansehen denke. Gut daran: Kein Fanservice, abgeschlossene Geschichte, ungewöhnliche OP & ED.

So, jetzt darf ich endlich guten Gewissens mit der Herbstsaison beginnen! Jedenfalls so gut mein Gewissen sein kann, da ich noch 100 andere Dinge tun sollte. XD

The Anime Rainbow: Seirei no Moribito (Guardian of the Sacred Spirit)

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[CN physische Gewalt, Tod, Blut, eine Instanz wo ein Kind eine Ohrfeige kriegt, Höhe]

Ich wollte ja noch warten, bis ich das Rezensieren ein wenig mehr geübt habe, aber ich habe diesen Anime schon so oft empfohlen und jetzt scheint die Empfehlung langsam Runden zu ziehen, also kann ich gleich darüber schreiben. Seirei no Moribito ist einer meiner Lieblingsanime. Ich kann mich selten auf *ein* Lieblingsirgendwas einschränken, aber wenn ich müsste … es wäre dieser Anime. Es fällt mir schwer, adäquat auszudrücken, wie großartig dieser Anime ist, ich hoffe also, dass ihr ihn euch anseht, selbst wenn euch die Rezension nicht anspricht.

Für mich ist Seirei no Moribito einer der wenigen tatsächlich feministischen Anime. Er basiert auf der zwölfteiligen Romanserie “Moribito” von Nahoko Uehashi, von der 9 Bände auf Englisch übersetzt wurden. Leider verkaufte sich die Serie nicht so gut, daher wurde die Übersetzung eingestellt. Der Anime hat 26 Folgen und erzählt die Geschichte des ersten Bandes.

Die Hauptfigur von Seirei no Moribito ist Balsa, eine Speerkämpferin, die als Bodyguard arbeitet. Nach zweijähriger Abwesenheit kehrt sie zurück in die Hauptstadt des Yogo-Reiches, das in vielen Aspekten an ein historisches Japan (aber fragt mich nicht welche Epoche) angelehnt ist. Gleich bei ihrem Eintreffen rettet sie ein Mitglied der königlichen Familie – einen Jungen. Als Dank wird sie in den Palast eingeladen. In der Nacht wird sie von der zweiten Kaiserin, der Mutter des Prinzen, damit beauftragt, das Leben des Prinzen zu beschützen, denn es wurden bereits mehrere Anschläge auf ihn verübt. Balsa hat es sich aus einem wichtigen Grund zur Aufgabe gemacht, acht Leben zu retten und kann deshalb den Auftrag nicht ablehnen. Also ist sie von jetzt an für das Leben des Prinzen Chagum verantwortlich und der muss sich schnellstens an die “wirkliche Welt” außerhalb des Palastes gewöhnen.

In der Welt von Seirei no Moribito gibt es zwei Welten, die der Menschen und die der “Geister” (aber nicht im Sinne von Gespenst), die mit einander interagieren und von einander abhängen. Chagum wird deshalb verfolgt, weil sich in ihm das Ei eines Wassergeistes eingenistet hat und laut dem Gründungsmythos des Yogo-Reiches sind Wassergeister vom Kaiser zu töten. Allerdings gibt es im Yogo-Reich noch andere Mythen – die der ursprünglichen Bevölkerung – und die haben ganz andere Ansichten, was Wassergeister betrifft: Die sind nämlich wichtig für die Wasserversorgung der ganzen Welt. Aber unter welchen Bedingungen schlüpft das Wassergeistei? Das herauszufinden, Chagum dabei vor dem Zugriff des Kaisers und darüber hinaus zu beschützen und den Wassergeist sicher zum Schlüpfen zu bringen wird zur zentralen Motivation.

Balsa wird bei ihrer Aufgabe von vielen Personen unterstützt. Da ist ihr Jugendfreund, der Heiler Tanda, der sich immer um ihre Verletzungen gekümmert hat. Er geht bei der Schamanin Torogai in die Lehre, die mit der Welt der Geister kommuniziert (nein, nicht durch Trance, durch Tauchen). Tooya und Saya, zwei Jugendliche, die Balsa ihr Leben verdanken, unterstützen sie ebenfalls. Tooya ist ein begnadeter Händler und schlägt immer einen guten Deal heraus. Von kaiserlicher Seite gibt es auch eine Vielzahl von Personen, von denen einige Balsa entweder verfolgen oder versuchen herauszufinden, was denn jetzt wirklich los ist mit diesem Wassergeist.

Soweit klingt das simpel und nach einer typischen Fantasystory, aber genau das ist Seirei no Moribito nicht. Balsa ist 30. Ich sage das nochmal: Balsa ist 30. Eine dreißigjährige Hauptfigur, also die Figur, die im Zentrum einer Geschichte steht und deren Perspektive hauptsächlich eingenommen bzw. erzählt wird, ist in Anime so selten, dass mir beim überlegen vielleicht ca. 10 Anime eingefallen sind und selbst auf diese Zahl würde ich nicht schwören. Meine “completed”-Liste umfasst im Moment (etwas bereinigt) ca. 550 Anime und nein, natürlich sind das nicht alle Anime ever, aber es sind doch einige. Also das nur mal als Anfang.

Weiters ist ein Fokus von Seirei no Moribito Balsas Reflexionen über ihre Geschichte, ihren Vater und wie es für ihn gewesen sein muss, sie aufzuziehen – also über Elternschaft, denn mit Übernahme des Auftrags, Chagums Leben zu beschützen, wird sie zu seiner Mutter. Was Elternschaft für Balsa bedeutet und wie sie diese Rolle ausfüllt und welche Rolle_n sie dabei einnimmt, was das für sie bedeutet, das alles wird in Seirei no Moribito erkundet. Es ist selten, dass eine Frau gezeigt wird, die diese Rolle (aus Gründen) nicht einnehmen will. Es ist selten, dass gezeigt wird, dass Elternschaft auch für Frauen ein Lernprozess und eben nicht etwas “Naturgegebenes” ist – den Plot “Krieger muss Kind aufziehen” gibt es viel öfter.

Aber Seirei no Moribito geht noch viel weiter. Es ist so multidimensional, dass ich gar nicht alles beschreiben kann. Es macht sichtbar, was in anderen Serien als “normal” dargestellt und nicht in Frage gestellt wird. Zum Beispiel wird Balsas Aufgabe, 8 Leben zu retten,  kritisch beleuchtet: Wenn sie Menschen tötet, um ein spezifisches Leben zu retten, stellt sie dessen Wert über den Wert der Getöteten. Also kämpft Balsa so, dass sie Kampf zuerst einmal versucht auszuweichen. Wenn es sein muss, verletzt sie Menschen zwar, aber tötet sie nicht. Das ist ein großer Unterschied zu vielen anderen Geschichten.

Seirei no Moribito zeigt auch deutlich Klassenunterschiede, Rassismus, die Konsequenzen von Herrschaftsmythen und herrschaftlicher Geschichtsschreibung, das Machtgefälle zwischen Wissenschaft und “Volksmythen”, ökonomische Hintergründe, die Konsequenzen für die Umwelt haben, was wiederum Konsequenzen für die Interaktion zwischen der Menschenwelt und der Geisterwelt hat, etc. etc. etc. auf. Manchmal nur in Andeutungen, die erst nach wiederholtem Anschauen sichtbar werden und ja, ich habe die Serie wohl schon an die 20mal gesehen. Ich wette, beim neuerlichen Anschauen würde ich wieder neue Details bemerken.

Und Seirei no Moribito zeigt andere Geschlechterrollen. Balsa ist die Kriegerin – nun, kämpfende Frauen sind in Anime keine so große Seltenheit. Aber sie ist nicht nur eine Kampfmaschine, sondern besitzt umfassendes Wissen über eine Vielzahl von Dingen, die für das tägliche und für ihr spezifisches Überleben gebraucht werden – und weit darüber hinaus. Tanda ist der Heiler, der Caregiver, über weite Strecken auch der, der im Haus bleibt, der, der Essen zubereitet. Das ist sehr ungewöhnlich.

Torogai die Schamanin ist schon älter, aber sehr aktiv, körperlich, geistig. Sie isst mit großer Lust und überwintert lieber bei heißen Quellen, als mit Tanda, Balsa und Chagum glückliche Familie zu spielen, denn sie hatte schon eigene Kinder – ja! Das ist keine zölibatäre, asketische, “weise Frau”. So wie auch die Hauptfiguren viele verschiedene Aspekte haben, werden auch die Nebenfiguren in der Regel nicht eindimensional dargestellt. Sie haben Hintergründe, eigene Motivationen, äußere Zwänge, unter denen sie agieren.

Dafür, dass diese Serie so unglaublich voll erscheint – voll Figuren, voll Subtext, voll Plot, ist sie doch von der Erzählgeschwindigkeit überhaupt nicht hastig oder überstürzt. Alles entfaltet sich der Situation entsprechend. Es gibt keine “Filler”, also keine Episoden, die den Plot nicht vorantreiben bzw. den Charakter der Figuren nicht entwickeln – alles hat eine Bedeutung, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint, selbst die Musik. Dazu kommt eine großartige Animation und visuelle Gestaltung – gut gezeichnet, flüssige Bewegungen, kein Fanservice, die Computeranimation ist unauffällig (also zumindest für mich), wunderschöne Landschaftsbilder … *hust*, ich glaube ich habe heute noch nichts vor …

Fazit: Ein feministischer Fantasyanime mit einer großartigen Geschichte, großartig umgesetzt.

Lieder von der gebutterten Seite des Brotes

Was folgt, ist für Menschen, die die österreichische Twitteria (von mir Twötter genannt) nicht wenigstens am Rande verfolgen ungeheuer kryptisch. Irgendwann werden hoffentlich Historikerinnen* alles entwirren und erklären …

Twötter spielte heute den ersten Akt eines Stücks von Dürrenmatt (oder Karl Kraus, aber den hab ich nie gelesen). Die von mir sehr geschätzten Accounts @LisiMoosmann und @JohannaCzekay sollen “fake” sein (Stockfotos! Pseudonyme! Dings!) – und nach einigen Personen soll hinter beiden oder einem der Accounts die ebenfalls von mir geschätzte @karinkollerwp stecken.

Für mich ergeben sich mehrere Aspekte:

Es scheint unvorstellbar, dass es drei verschiedene, kluge, feministische Frauen gibt, dass diese drei Frauen oft der gleichen Meinung sind und dass sie sich gegenseitig austauschen und unterstützen. Mir ist es egal. Egal, ob die Accounts nun “fake” sind, dass hier Menschen unter Pseudonymen twittern, ob sie in Wirklichkeit älter, jünger sind, anders aussehen, ob sie nicht doch Männer sind, denn kluge Frauen, die unter Pseudonymen twittern, *müssen* eigentlich Männer sein. Ich folge ihnen, weil ich sie klug und spannend finde. Und ich schätze sie, weil sie im Gegensatz zu vielen eine sehr klare Sicht auf Twötter, die österreichische Politik, Wissenschafts- und Medienlandschaft haben.

Falls sie “böse Absichten” hatten (z.B. als Trolle, die sich Fakeaccounts zulegen, um Feministinnen* zu diskreditieren und ihnen zu schaden) – ich persönlich habe solche Verhaltensweisen an ihnen nie beobachtet und sie haben mir auch nie auf nur irgendeine Art und Weise geschadet, nein, sie haben mich immer unterstützt und ermutigt. Sollte tatsächlich nur eine Person hinter allen drei Accounts stecken – eine Meister_innen*leistung. Sollten es drei Personen sein, die jetzt lachend beim Wein zusammenhocken – santé.

Ich hatte immer den Eindruck, Lisi Moosmann, Johanna Czekay und Karin Koller haben kein Eisen im Feuer, d.h. sind in ihrem Broterwerb nicht vom Wohlwollen eben dieser Politik- und Medienlandschaft abhängig. Vielleicht sind Lisi und Johanna es doch und haben deshalb die Anonymität gewählt. Mir egal. Vielleicht haben sie ja sogar Zeitungskolumnen oder Nationalratssitze, Lobbyist_innenposten oder white male privilege – aber ich glaube eher nicht. Jedenfalls gibt ihnen das eine gewisse Freiheit, so frei wie sie als weiße, gesunde, akademisch gebildete, ökonomisch einigermaßen gesicherte, heterosexuelle, cisweiblich Gelesene im Internet sein können.

Twötter fühlt sich schon länger am Ego gekratzt, dass diese Unbekannten das Medien- und Politikgeschehen kommentieren, auf die mangels Chefredaktion, Parteivorstand und/oder bekannter Arbeitsstelle nicht der politische bzw. ökonomische Druck ausgeübt werden kann, der bei namentlich bekannten Personen bereits ausgeübt wurde. Ja, sie kommentieren. Fast täglich. Und zwar ohne den angeblich gebotenen Respekt. Skandal! So kann nicht mit Twötter umgesprungen werden, die zu Twötter gehörenden Personen sind Autoritätspersonen, zu denen besonders Frauen* höflich zu sein haben. So ist’s brav.

Nun ist Twötter böse, dass hier so offen auf seine Verfilzungen, Verflechtungen, Eitelkeiten und problematischen Handlungen bzw. Aussagen aufmerksam gemacht wurde. Und hämisch. Oh, all die Scheinheiligen, die bei Shitstorms gegen andere Frauen so gerne mitmachten oder schwiegen bzw. nachher die Täter_innen und ihre Taten gerne vergaßen oder ihnen großzügig vergaben, sie weiterhin gerne per #ff empfehlen, solange sie nur höflich sind.

Aber Karin, Lisi und Johanna vergaßen die größten Täter_innen nicht und vergaben ihnen auch nicht, sondern legen täglich den Finger auf die Wunde und bohren hinein. Das schmerzt, ich kann es sehen, an der diebischen Freude derer, die nun glauben sie erwischt zu haben. Und da seid ihr noch erstaunt, ja bestürzt, dass sie Pseudonyme verwenden. Es ist halt ein Novum, dass plötzlich zurückgeredet wird, vor zwei, drei Jahren war Twötter anscheinend noch ein illustrer Kreis, der friedlich um sich selbst zirkelte. Dann kamen die bösen (möglichst noch feministischen!) Gfraster und machten alles kaputt.

Nun, Twötter, ich weiß, die Wirtschaft ist beschissen, einige von euch wollen noch Karriere machen, brauchen einen Job oder wollen ihre Anliegen durchsetzen. Ich verstehe das. Die Butter muss aufs Brot und wer das Brot buttert, sagt an. Aber seid euch dessen bewusst. Mir geht es streckenweise nicht anders, aber ich will seit fast 15 Jahren keine Journalistin mehr werden.

Was immer im 2. Akt kommt, Lisi, Karin, Johanna – ich bedanke mich für die bisherige Zeit, eure Solidarität und eure Freundschaft. Falls ihr euch für neue Profile, neue Plattformen entscheidet – ich würde es verstehen und euch arg vermissen. You know where to find me.