Nachlass

#CN Tod

Gerade habe ich das Flauschfleckchen des Katers und fast alle Spielmäuse in den Müll gelegt. Gelegt, ja. Trotzdem in den Müll. Seine Bürste legte ich in die Lade, wo der Bürsthandschuh ist. Seine Schüsselchen habe ich in einer Ecke des Vorratsschranks versteckt. Die Schaufel für die Katzenstreu liegt bei den anderen Schaufeln. Das Katzenklo ist gewaschen und wieder in seiner ursprünglichen Funktion – bequemer Wäschekorb – in Verwendung. Alles Katzenfutter ist in einem Sack, auch die umgefüllten Katzenkekse, für den Nachbarn der Königinmutter und seine Katzen. 

Alles tut weh. Das Waschen der Unterlagen und Heizungsabdeckungen und in die Transportkiste, die auch gewaschen werden muss, habe ich noch nicht einmal hineingeschaut. Im Moment lagere ich dort Karotten. Wohin mit dem ungeöffneten Sack Katzenstreu? Das Kratzbrett muss in den Müll. Die aus Wolle gestrickte und gern bespielte Maus wartet auf das Begräbnis. Ich warte auf Tauwetter.

Die wasserdichten Unterlagen langsam von den Betten und vom Sofa nehmen wollen. Staub saugen und die 10.000 Brösel, die der Kater überall verteilt hat, entfernen wollen. Nicht können. Die Unterlagen vom Fressplatz abwaschen wollen. Behalte ich die? Vielleicht. 

Heulen. Viel heulen. An den Kater denken. Heulen. Abwechselnd sofort eine andere Katze und nie wieder eine Katze wollen. Von Kätzchen träumen, die ich nicht haben möchte. Nicht schlafen können, nicht aufstehen können ohne die Rituale, den meckernden Kater, das sanfte Schnarchen. Leise die Lieder singen die helfen und die, die absolut nicht helfen. 

Überlegen, ob ich sein Bild vom Sperrbildschirm nehmen soll, denn da schaut er mich jedes Mal an. Mich erinnern, dass ich es fast nicht aushalte, Bilder von meinem Vater zu sehen. Katerbilder anschauen. Heulen. An die Gedichte denken, die ich vor 2 Jahren über den Kater schrieb und die mit dem alten Smartphone wohl gestorben sind. Im Bett liegen und nicht mehr können, nicht die Katzenkeksgläser abwaschen, nicht aufräumen, nichts. Katerförmiges Loch in mir.

Stille

#CN Tod

Die letzten Male musste ich bei der Tierärztin immer sehr lange warten. Heute waren keine Menschen im Wartezimmer. Nur eine Katze, die sich im Regal bei der Meerschweinchenstreu verkrochen hatte und sich jedes Mal duckte, wenn die Assistentin oder die Tierärztin vorbeikamen. 

Da saßen wir. Der Kater hatte zum ersten Mal seit Monaten nicht bei mir im Bett geschlafen. Und statt bis am Nachmittag zu warten, packte ich ihn gleich ein.

Als ich wieder raus kam, waren immer noch keine Leute da. Wie gut. Zuhause heulte ich erst einmal laut. 

Es ist Zeit

#CN Tod

“Es ist Zeit”, sagt etwas in mir, wenn ich meinen Kater ansehe. Herr Schnurrkringel möchte nicht mehr. Möchte nicht mehr zur Tierärztin, möchte nicht mehr Medikamente nehmen, möchte nicht mehr Fressen (obwohl heute noch gnadenhalber Thunfisch angenommen wurde), möchte nicht mehr Trinken. Seit ich von einem kurzen Besuch bei M. nachhause gekommen bin, liegt er an der Heizung und rührt sich kaum von dort weg.

Eigentlich wollte ich ihm noch einen schönen Frühling ermöglichen und ihn vor allem nicht bei der Tierärztin im Gefrierschrank lassen und warten bis der Boden bei der Königinmutter wieder aufgetaut ist. Aber er kotzt alle Schmerzmedikamente aus, auch sein Arthritismedikament, den Magenschutz … gerade die Antibiotika, von denen zwei verschiedene eh schon nicht gewirkt haben und seine Nierenmedikamente, die er seit dem Herbst jeden Tag braucht behält er bei sich. Aber er hasst es, wenn ich sie ihm gebe.

Die meisten Menschen, denen ich davon erzähle, fragen, wie alt er ist. Herr Schnurrkringel ist 15 1/2. Ist das alt für einen Kater? Oder ist er noch zu jung? Unsere letzte Katze wurde 23, aber sie war klein und zäh. Herr Schnurrkringel ist groß und zart. So zart. So nervös, so leicht zu ängstigen. Er mag keine lauten Geräusche, keine plötzlichen Geräusche, keine gehobenen Arme, keine Stangen, kein Geklapper, kein Geschiebe, den Staubsauger nicht und die Waschmaschine nicht und singen darf ich auch nicht.

So ein eigener Kater. Und dabei der beste Kater, der bravste. Bis er anfing aufs Sofa und aufs Bett zu pinkeln, der Blase wegen. Seit alles mit Inkontinenzunterlagen abgedeckt ist, pinkelt er nicht mehr aufs Sofa oder aufs Bett. Armer Lausbub. Wären es nur die Nieren, nur die Arthrose in der Hüfte, ich hätte es noch länger versucht, aber die Blasenentzündung verschwindet einfach nicht.

Ob er morgen noch etwas frisst? Wie ihn morgen einpacken? Wie das morgen überstehen? Wie schlafen? Aber ich muss ihn nur ansehen.