Gepflückt & in den Hut gelegt 2

Ha, so plante ich meine (regelmäßige) Linksammlung zu nennen. Es gab genau einen Post. Nu ja. Jetzt gibt es einen 2.

Dudu Kücükgöl hat ihre Großmutter in der Türkei besucht und sie und andere Bewohnerinnen des Dorfes zu den Kilim, in gemeinsamer Handarbeit hergestellten Teppichen, gefragt und welche Traditionen, persönlichen Geschichten und Erlebnisse damit verknüpft sind: http://www.dasbiber.at/users/dudu-k

Einer meiner heimlichen Lieblingscomics sind die Tagebuchcomics von Boum, die Boumeries, über ihren Alltag als Comiczeichnerin mit Vorliebe für Computerspiele, zwei Kindern und Partner. Ihre Schwangerschaften und die Auswirkungen auf sie selbst, die Umstände rund um die Geburten und das Leben mit den Kindern zeichnet sie sehr präzise, witzig und kritisch. Oft hält sie ihre Träume fest, die ca. zur Hälfte mit Klos zu tun haben. Vielleicht gefällt er euch ja auch: http://comics.boumerie.com/

Und in eigener Sache:

Ich habe mein altes Strickblog wiederbelebt und ihm ein neues Layout – ohne den schönen, aber für Menschen mit Insektenabneigung problematischen – Käfer verpasst. Mittlerweile trenne ich meine verschiedenen Interessen ungern voneinander, aber in diesem Fall der Bequemlichkeit und der historischen Tradition wegen schon. Die alten Posts sind in den Details manchmal problematisch, da ich sie lange vor Twitter und dem damit verbundenen Lernprozess was Feminismus, kulturelle Aneignung, Ableismus, etc. angeht geschrieben habe. Außerdem sind sie alle auf Englisch, aber wenn ihr nachlesen wollt, wie meine Diplomarbeit entstand (über das Thema steht nichts drin), was ich so gestrickt habe 2010, 2011 und wie es 2016 weitergeht, dann schaut hier vorbei: http://knittingcapricorn.blogspot.co.at/

Und auch auf Töchter Regalias sind die Schafe los und mehr – ich habe endlich angefangen, Kinderbücher zu besprechen, mittlerweile sind es schon einige Rezensionen. In der neuesten geht es um Nimitz, die nicht einschlafen kann und deshalb Schafe zählt. Nur das 108. Schaf kann nicht so hoch springen, dass es über das Bett kommt. Und dann? Lest nach: https://toechterregalias.wordpress.com/category/bucher/

 

Ja, schon wieder Trauerarbeit

CN (Content note – Notiz zum Inhalt): Tod eines Elternteils

Ja, schon wieder! Sie geht nicht weg. Vor einiger Zeit schrieb ich an eine andere Person über das Hinwegkommen über Trauer:

Es wird nur … weniger oft. Nicht weniger intensiv. Aber irgendwann ist es dann nicht mehr ganz so fürchterlich schlimm.

Dann ist es nur noch fürchterlich schlimm. Dann nur noch fürchterlich. Usw. Aber es geht nie ganz weg, wie auch.

Aber Trauern ist notwendig und ok. Trauer verschleppen oder verdrängen zieht sie nur in die Länge & macht noch einsamer.

Irgendwann legt dann das Leben vielleicht genug schöne Tücher über die Trauer & mummelt sie weich ein.

Dann hält sie Winterschlaf bis zum nächsten Mal. Vielleicht wacht sie zwischendurch auf. Aber es ist ok. Trauer ist ok.

Ja, sie wacht zwischendurch auf, besonders wenn die Haut wegen anderen Dingen schon dünn ist. Je mehr andere Dinge an mir nagen, desto eher wacht sie auf, die Trauer. Da ist sie dann, springlebendig, leuchtend, pulsierend. Schmerzhaft, lästig, ungeplant. Wenn ich dann versuche, sie wieder einzumummeln, wächst sie und wächst sie, bis ich selbst alle Tücher wegreiße und sie anschreie: “Was zum Scheiß ist denn jetzt wieder?”

Meistens ist es eine Variante von “Dein Vater hat dich mal sehr geliebt, aber später warst bzw. jetzt bist du ihm nicht gut genug.” Diesmal sind es die Kinderbücher, die ich lese, solche mit meinem Namen im Titel, die er extra für mich ausgesucht und gekauft hat. Eigentlich will ich sie nur lesen, damit ich sie eventuell weiterempfehlen kann, aber der schiere Gedanke daran, dass mich mein Vater einmal so geschätzt und unterstützt hat, bringt mich so zum Heulen und zur Verzweiflung, denn ich bin heute immer noch nicht in einer Situation, die mein Vater akzeptiert hätte, in der er micht wieder geschätzt und unterstützt hätte. Aber wäre er je zufrieden gewesen?

Heute hatte ich zum ersten Mal den Gedanken, dass er der ist, der den Schaden hatte: Er hat seine Tochter nie glücklich gesehen, weil er jeden Weg den ich eingeschlagen habe als schlecht und nicht genügend definiert hat. Viele meiner Wege habe ich deshalb wieder aufgegeben. Dabei bin ich jetzt genauso geldlos wie als wenn ich doch Regisseurin geworden wäre. Oder “echte” Historikerin, so an der Uni. Dadurch dass ich ihm nie genug war, war ich ihm nie genug.

Zwischendurch hat er sich dann doch verraten, wenn er ja doch mit Genuss die Kuchenstücke aß, die ich ihm hinstellte, die gestrickten Sachen trug, die ich ihm schenkte, die Comics las, die ich un_absichtlich herumliegen ließ. Aber er hat so viel nicht gewusst von mir, wollte es nicht wissen, weil er mir immer nur Vorträge darüber hielt, was ich zu tun und zu lassen hatte.

Das war irgendwie sein Pech. Wir hätten es so schön haben können.

Und damit ist die Trauer mal wieder gelüftet. Denn die Frischluft braucht sie, damit sie dann nachher wieder in Tücher eingemummelt werden kann bis zum nächsten Mal.

Space Pirate Cat Queen of the 13th Dimension und das verschwundene Frühstück

In einer anderen Dimension …

… der 13., um genau zu sein …

… ist Shoebox Castle ein Shoebox Spaceship und die Königin die Weltraumkatzenpiratenkönigin. Der Kater ist ihr trusty sidekick, Space Pirate Cat.

Ein neues Abenteuer beginnt:

Space Pirate Cat Queen und das verschwundene Frühstück

imageEines Morgens machte sich die Weltraumkatzenpiratenkönigin Frühstück. Dabei entdeckte sie endlich, dass sie das Instantporridge ins heiße Wasser rühren sollte und nicht das Wasser ins Porridge, egal ob das so auf der Packung stand oder nicht.

“Quäk!”
Jäh wurden ihre Gedanken über dieses Porridgeparadox unterbrochen.
“Quäk! Quäk!”
“Ja, Space Pirate Cat, was ist denn?”
“QUÄK!”
“Ja-haa!”

Die Weltraumkatzenpiratenkönigin ließ ihr Porridge in Ruhe und ging in die Shoebox-Spaceship-Biosphäre. Space Pirate Cat war dort und hüpfte quäkend auf einem großen Alarmknopf herum.

“Was ist los, Space Pirate Cat, warum willst du Alarm schlagen? Der Knopf funktioniert doch gar nicht.”
“Aber wir haben eine Löwenzahnalieninvasion!”
“Was? Das ist ja … köstlich! Schnell, ich mache uns Löwenzahnalienknospensalat zum Frühstück. Nur so können wir sie an der Ausbreitung hindern!”
“Aber ich mag keine Löwenzahnaliens!”
“Du bist ja auch eine Katze.”
“Ach so.”

Gesagt, getan, die Weltraumkatzenpiratenkönigin wanderte in die Kombüse von Shoebox Spaceship und begann, sie aufs Schrecklichste zu verwüsten.

“Kapitänin! Was suchst du?”, rief die Smutje.
“Die Sojasauce! Wo zum Barte der Weltraumkatzenpiratenköniginmutter ist sie hingekommen?”
“Sojasauce ist aus. Wir haben nur noch Weißweinessig und wenn du hier so Chaos machst, musst du alles wieder aufräumen.”
“Ich will das aber nicht.”
“Na, dann mach nicht so Chaos.”
“Na gut. Gibt’s wenigstens sonst noch was, das ich über meine Löwenzahnalienknospen tun könnte?”
“Gomasio.”
“Nehm ich.”

Leicht grummelig wanderte die Weltraumkatzenpiratenkönigin zurück zu ihrem Kapitäninnenbett, quartierte sich dort mit Porridge, Löwenzahnalienknospen und Kieler Blümchentee ein und begann zu essen und zu trinken. Dann vereinbarte sie eine Kaperfahrt mit dem Kapitän einer verbündeten Flotte und streichelte dabei Space Pirate Cat, wie das Weltraumkatzenpiratenköniginnen eben so tun. Wozu haben Weltraumkatzenpiratinnenköniginnen sonst Katzen?

Als die Weltraumkatzenpiratinnenkönigin aber aufstand, um sich für die Tagesarbeit fertig zu machen, verspürte sie aber plötzlich großen Hunger. Dabei hatte sie doch gerade gefrühstückt: Porridge, Löwenzahnalienknospen und Kieler Blümchentee. Das konnte doch nicht einfach so weg sein? Aber so war es: Das Frühstück war verschwunden, zurück blieb nur ein leeres Gefühl in ihrem Magen.

Wie wird es weitergehen? Lässt sich das Frühstück wiederfinden oder die Situation anders lösen? Lest weiter in “Space Pirate Cat Queen und die Riesenschnake”!

Ich verstehe absichtlich Bahnhof

Es ist 7 Uhr. Ich wache auf und setze mich an die Bewerbung, die ich gestern Abend erfolgreich mit Abwaschen, Comiclesen und Gedanken über die Gesetzmäßigkeiten der Prokrastination verschleppt habe. Ich habe keine großen Hoffnungen, meine Haltung ist die einer Person, die sich im Ich werde mich (Es wird sich) nie mehr (eine Person in mich) verlieben eine gemütliche 5-Zimmer-Wohnung mit Balkon eingerichtet hat.

Kurz spiele ich mit dem Gedanken, einmal zumindest am Anfang einer Bewerbung ehrlich zu schreiben was ich mir denke und tippe es sogar, das ist ja kathartisch, aber es lohnt sich nicht, vielleicht bewerbe ich mich ja wieder einmal dort. Ach Geld.

Nachher gehe ich ins Bad, wo mir der Wäscheberg beim Zähneputzen wie ein Hund an die Beine fällt, als wolle er mir etwas sagen, aber ich bin so in Überlegungen vertieft, warum mir nie Kalender geschenkt werden sollten, dass ich absichtlich Bahnhof verstehe und ihn brutal wieder in sein Behältnis zurückstopfe.

Mit einiger Nostalgie erinnerte ich mich also an den Literaturkalender, den mir mein Onkel schenkte, der drei Jahre nie über Februar hinauskam, denn ein Februarblatt enthielt ein Zitat eines deutschen Schriftstellers, von dem ich noch nie gehört hatte. Er war per Schreibstipendium in Rom und sollte ein Werk vollenden, aber lieber ging er im Forum Romanum spazieren, sammelte dort Tonscherben und fragte sich, was Volsinii heißen könnte. Das kam mir seelenverwandt vor. Irgendwo ist dieses Blatt noch, der Rest des Kalenders landete ungelesen im Altpapier.

Ohrlöcher, Nasenbohrlöcher. Ohrringe, Augenringe, Fingerringe. Dass ich keine Ringe tragen kann habe ich von meinem Vater, sagt meine Mutter. Aber ich habe Ringe, die ich kaufte als ich noch jung war und nicht wusste, dass mein Vater mit Ringen rang. Dass ich die Hände meines Vaters habe, die mir manchmal, im Dunkeln, im Wasser, im Sonnenlicht durchaus schön erscheinen. Die Ringe könnte ich ja verschenken oder warten, bis die Niblinge (sicher kommt da noch mindestens ein Kind) alt genug sind, um durch meine Schmuckkästchen zu graben, wie ich auch.

Zum nautischen Kleid und dem maritimen Schmuck mische ich passende Metaphern. Ich fühle mich wie ein Schiff ohne Anker, ein Fisch ohne Hafen, in einem uferlosen Meer sowieso. Stelle mir vor wie mein Smartphone, mit dem einzigen Kalender, den ich tatsächlich benutze, zerspringt wie Sand am Meer. Wird jetzt natürlich passieren. Das Gefühl kommt mir bekannt vor, aber es ist sicher nur weil ich eine Bewerbung zum Frühstück aß.

Um am Monument meiner übergroßen Bravheit zu basteln, bekomme ich aber doch Frühstück vom Bäcker und denke mir, dass ich doch irgendwann alt genug sein muss für ein Kaffeeherstellding und eine kleine Bratpfanne für knuspriges, aber innen flüssiges Spiegelei, roten Lippenstift und weiße Haare. Spätestens nach dem nächsten Umzug.

Ich gehe raus, es ist kalt, der Mond als blasse zunehmende Ahnung noch am Himmel und so brav brav brav wie ich bin, werde ich nicht sehr zu spät in die Arbeit kommen, außer, dass ich es aus Trotz provoziere, den Gstettnweg nehme, vorsichtig, damit mir kein einziger Gedankenkrümel aus dem Kopf fällt. Da hat jemand zwei perfekte Bögen auf den Weg gesprayt, die zuerst wie Lichtreflexe aussehen, wie Mondsicheln. Kurz davor ein verblassendes Hakenkreuz, ach meine reizende Nachbarschaft.

Es ist hell und kalt und blau. Ich nehme absichtlich den längsten Weg zur Arbeit, um zu schreiben und google jetzt gleich Volsinii, “eine der bedeutendsten und ältesten Städte des etruskischen Zwölfstädtebundes”. (Zitat Wikipediaartikel) (Weitere Googleergebnisse: Es war übrigens ein Zitat von Peter Rühmkorf, der “Was heißt hier Volsinii? Bewegte Szenen aus dem klassischen Wirtschaftsleben” geschrieben hat. Ich wette, wenn ich es lese, wird alles entzaubert.)

Königinmutter

Wieder mal Pensées-style … [#CN Tod, Depression]

1. Vorgestern feierte die Königinmutter sehr verspätet ihren Geburtstag.

2. Viele Menschen, die kamen, habe ich seit Jahren nicht mehr gesehen.

3. Die Zeit vergeht.

4. Irgendwie werde ich mich mit dem Gedanken abfinden müssen, dass alle Menschen sterben werden, auch die, die ich sehr liebe.

5. Hoffentlich nicht bald.

6. Irritierend, dass mich alle danach fragten, was denn mein Bruder so macht, wie es Nibling so geht.

7. Ja, gut, was soll ich sagen. Sie sind nicht hier. Sie leben. Es scheint ihnen gut zu gehen. Nibling ist herzig. So.

8. Gleichzeitig habe ich kein Wort, das beschreibt, was ich gerade arbeite. Marketing? PR?

9. Arbeit und Studium scheint die meisten Leute zufriedenzustellen.

10. Ein paar Mal habe ich auch “feministisch aktiv” gesagt.

11. Später dachte ich daran, dass ich ein Buch schreiben sollte, einfach, damit ich sagen kann, ich schreibe eines. *kopfschüttel*

12. Natürlich habe ich gelogen, dass es mir gut geht. Das Wichtigste, was ich gerade mache, kann ich gar nicht sagen: Ich über_lebe.

13. Einfach so leben scheint nicht zu reichen.

14. Die Königinmutter hat sich Lobreden und/oder Lieder gewünscht.

15. Es haben tatsächlich Leute gesungen. Nach der Melodie von “Ich steh auf der Brücke und spucke in’ Kahn”. Nu ja.

16. Mein Onkel hat eine Rede gehalten. Ich wette, die Königinmutter wird darüber noch mit mir reden. Später erzählte er mir, dass mein Vater bei einer Weihnachtsfeier vor meiner Geburt den Baum nur mit roten Bändern und Kerzen schmückte, einen roten Stern für die Spitze bastelte, durch die Licht schien und es wurde eine Passage von Marx verlesen. Ich muss jetzt noch lachen.

17. Ich wusste, wenn ich singe, heule ich. Außerdem sind Lobreden peinlich und was ich der Königinmutter wirklich sagen will, hat mit dem über_leben zu tun und ich glaube, sie würde sich schrecken.

18. Aber ich wollte auch etwas tun. Also habe ich meine Tweets nach “Königinmutter” durchsucht und welche zusammengestellt.

19. Beim Vorlesen haben meine Hände so gezittert wie zuletzt im Frühling 2013, als ich vor 100 Unbekannten* einen Sessionvorschlag machte.

20. Ich hasse es, wenn meine Hände so zittern und es macht mir Angst, weil ich sie nicht kontrollieren kann.

Da aber die Tweets recht Anklang fanden (Onkel erstaunt: “Das war sehr witzig.”), hier:

Die Angst vor dem Sprung über den Schatten

[CN Mobbing & Auswirkungen, Selbstzweifel]

Als ich endlich mit dem Gymnasium fertig war, schwor ich mir, die beste Rache für das jahrelange Mobbing, das ich dort erlebte zu üben: Alle Komplexe, die ich aufgrund des Psychoterrors entwickelte, zu bekämpfen und zu besiegen und superawesome zu leben & sein. Daran arbeite ich noch jetzt. Beim Meta-Workshop vor dem Femcamp wurde mir leicht schwummrig, als Augenkontakt als Kriterium für ich weiß nicht mehr was genannt wurde. Wohlfühlen? Ein angenehmes Klima? Dass ein Workshop klappt?

Uaahhh. Augenkontakt. Uaaahhhh. Gruppensituationen und ich. Unbekannte Menschen auf einem Haufen und uaaahhh uahhh uahhh. Womöglich vor diesen Menschen auch noch etwas vortragen, Horror! Angst. Angst, dass ich nochmal an der Tafel heule, weil ich so lange verhöhnt werde, bis die Tränen kommen. Angst, dass ich als Außenseiterin eingeteilt, nicht wahr und nicht ernst genommen werde. So große Angst. Also Augenkontakt? Nur, wenn ich mich superawesome fühle. Dabei habe ich nach meiner Schulzeit nie mehr eine solche Situation erlebt, aber sagt das mal der Angst.

Beim Femcamp habe ich zwei Sessions gehalten, eine zu fat activism und eine zu crafting und Feminismus und beide waren für mich sehr spannend und sehr gut und laut Feedback für andere auch. Ich habe sogar am Diary Slam teilgenommen, als erste(!) gelesen, wenig vorbereitet – und war überhaupt nicht nervös! Nicht bei den Sessions, nicht beim Diary Slam. Das fällt mir jetzt erst auf. Als ich bei meinem zweiten Barcamp, dem Bibcamp in Nürnberg, verspätet, vor fast unbekannten Menschen, mit Katzenohren, einen Sessionvorschlag vorstellte, zitterten meine Hände so, dass ich kaum tweeten konnte. (Hielt mich aber nicht davon ab.)

Aber war meine fehlende Nervosität nicht einfach der Schlafmangel und der Femcamp- Effekt? Schließlich kannte ich bei den Sessions schon einige der Menschen, die in den Sessions saßen – und wenn ich Menschen kenne, bin ich weniger nervös. In einem queer_feministischen Kontext fühle ich mich auch meist wohl. Und ich war so konzentriert auf das Halten der Sessions bzw. Lesen, dass ich z.B. nicht bemerkte, wenn Personen vor mir vorbeiliefen (ist das gut oder schlecht?). Eigentlich sollte ich besonders meinen Diary Slam-Schattensprung feiern, aber mein Anspruch auf den Riesensprung zur brillianten, selbstsicheren Rednerin erdrückt alles.

Bei einer anderen Session besprachen wir zukünftige Strategien. Ich benannte ein paar, die ich erkannt hatte und insgeheim gerne durchführen würde, aber aus irgendwelchen Gründen gestehe ich mir die Kompetenz nicht zu (warum nicht?) und ich gestehe mir auch nicht zu, endlich vor den inneren Vorhang zu treten und zu sagen: Ich finde, das gehört so und so getan und ich möchte das machen und brauche eventuell Hilfe, aber ich will das tun. Ich gestehe mir nicht zu, die Initiative zu ergreifen, Vorschläge zu machen, Anführerin zu sein, Dinge durchzuführen, dahinter zu stehen. Zusätzlich befürchte ich, dass ich eingegangene Verpflichtungen #ausGründen nicht einhalten werden kann – aber wenn es mir wichtig und die Umgebung unterstützend ist und ich die Kraft und Zeit dazu habe, warum nicht?

Eine Angst ist sicher, durch die Überspringung dieses Schattens in eine Position zu kommen, in der mein Spaß am Mittelpunkt sein, mein Bedürfnis nach Bestätigung, meine Tendenz zu schnellen Meinungen und zu dominantem Redeverhalten (sowie Beharrlichkeit und Sturheit) nicht mehr durch die aufgezwungenen Komplexe gedämpft und gemäßigt werden, sondern sich im freien Lauf entfalten können. Ich habe familiäre Vorbilder, wie ich werden könnte. Ich will so nicht werden.

Aber warum sollte ich genau so werden? Ich bin doch ganz anders aufgewachsen und sozialisiert worden und lerne permanent dazu. Was könnte passieren, wenn ich es einfach wage, weitere Schritte in diese Richtung mache? Ich könnte mich verändern. Ich könnte etwas verändern, vielleicht. Warum nehme ich das nicht positiv an?

Und schließlich sprach ich gestern mit einem tollen Menschen, den ich im Workshop vor dem Femcamp wahrnahm, aber mit dem ich erst am Femcamp richtig in Kontakt trat. Wir sprachen über Anime und dass ich schon länger Rezensionen zu Anime schreiben will (etwas zwiegespalten zwischen “Aber dann gehören sie ja nicht mehr mir alleine!” /o\ und “Aber dann habe ich endlich Menschen, mit denen ich über Anime reden kann! \o/) und mich einfach nicht traue. Wir sprachen darüber, aber ich war schon zu müde und habe mir nicht alles gemerkt.

Hier ist es die Angst, keine Expertin zu sein und möglicherweise Fehler zu machen, auch ein bisschen, dass Anime, die ich mag, wegen problematischen Inhalten auf viel Gegenwind stoßen – aber noch größer ist die Angst, eine Rezension schlecht zu schreiben, dabei ist das genauso Übungssache.

Es ist wohl der Anspruch, Dinge aus dem Stand perfekt zu machen, ohne jede Übung. Sagt die Frau, die für ein Design ihr Strickstück auch sechs, sieben, achtmal auftrennt und geduldig wieder strickt. Hm. Ich vergesse zu oft, dass schon der Weg bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht nur eine Trainingsmontage war, sondern dass hinter mir Jahre der Übung, Jahre des über den Schatten Springens, Jahre des “Iiiiiiiiihhhh, ich hab ANGST, aber ich mach das jetzt!” liegen. Aber eines sehe ich: In meiner kleinen Angstblase mag ich nicht mehr sein. Ich bin traurig, wenn ich in ihr festsitze, anstatt aus ihr herauszutreten und bereue es dann nachher oft. Ich habe schon oft festgestellt, dass ich ein angstfreies Kind war, das keine Probleme hatte, für seine Volksschulklasse Gedichte und Theaterstücke zu schreiben und diese dann aufzuführen. Zu dem Gefühl möchte ich wieder zurück.

An der Schreibblockade hinaufklettern

Das ist mein bearbeiteter Text zu meiner Schreibblockade. Der Rohtext ist nur mit Passwort zugänglich, das per DM auf Twitter erhältlich ist.

Ich habe gerade Angst. Vor dem Schreiben. Vor dem Ende des Studiums. Vor dem, was nachher kommt. Und gleichzeitig bin ich traurig, weil ich das Schreiben vermisse und noch wegen anderen Dingen, die in Phasen der Traurigkeit gerne vorbeischauen und mich noch trauriger machen. Vor lauter Angst vor der Ungewissheit nach dem Ende meines Studiums bin ich so blockiert, dass mir sogar Emails schwer fallen. Ich traue mir_mich nicht mehr. Ich habe Angst, meine Worte und mich einer Bewertung auszusetzen, ob das jetzt nur durch eine Person, das Internet oder meine Masterarbeitsbetreuer_innen passiert. Also bin ich verstummt.

Gestern war dann eine liebe Freundin* bei mir und hat mir geraten, über meine Schreibblockade zu schreiben. Also habe ich es getan und war danach trotzdem traurig, aber dafür leer, ja “numb”. Ich weiß noch nicht, was heute wird, der Morgen war jedenfalls mal gut.

Ich vermisse das Schreiben, weil ich den Zustand, dass meine Gedanken nur in meinem Kopf gefangen sind, nicht mehr mag. Ich könnte natürlich auch darüber reden, aber es ist für mich schwierig, Herzensmenschen davon zu erzählen, wie es mir wirklich geht, weil ich nicht will, dass sie sich Sorgen machen und auch, weil ich mir nicht immer sicher bin, dass sie verstehen und das wäre schlimm von Herzensmenschen. Darum vermisse ich das Schreiben so, da konnte ich den Kopf ausleeren und es ging mir nachher besser und es gab Menschen, die dann wussten, wie ich mich fühle, ohne zwingend darüber mit mir reden zu müssen.

Im Moment schwirren ca. 15 begonnene und nicht abgeschlossene Blogposts herum. Viele drehen sich um mein verändertes Körperbild und wie sich das ergeben hat, aber jedes Mal, wenn ich beginne, komme ich an einen Punkt, an dem es schwierig wird, an dem ich ganz weit ausholen muss und dann kommt plötzlich die Ungewissheit, ob es überhaupt einen Wert hat, meine bisherige Lebensgeschichte aufzuschreiben, nur um zu erklären, warum ich jetzt meine kurzen Haare mag oder warum ich jetzt quergestreifte Kleidung trage. Außerdem bringt es wenig zu sagen, “Hey, ich mag meine Haare jetzt”, wenn ich mich ansonsten traurig und ängstlich fühle. Wenigstens mag ich meine Haare. Wenigstens mag ich meinen Körper ein bisschen, manchmal. Toll. Aber das hilft mir jetzt auch nicht weiter und je mehr Angst ich habe und je trauriger ich bin, desto weniger mag ich mich und alles an mir.

Es ist viel einfacher zu sagen “Ja, ich studiere dies und das in Berlin und es dauert noch X bis ich fertig bin und dann habe ich dies und das vor”, als “Ja, ich habe dies und das in Berlin studiert und jetzt bin ich bald fertig und eigentlich möchte ich dann dies und das machen, aber ich weiß nicht ob das klappt (und was wenn es nicht klappt und das ganze Studium für null und hugo war und warum hab ich nicht was anderes gemacht etc pp – das sage ich nur sehr selten dazu).” Darum mag ich das Ende meines Studiums nicht. Leider lässt es sich nicht abwenden bzw. bringt es wenig, das Studienende hinauszuzögern. Aber ich finde nichts, was mir über die Angst hilft. Also bleibt nur zu hoffen, dass mich die Schreiblust packt.

Und natürlich will ich davonrennen. Vor allem. Dabei sitz ich hier mit meinem Kater und schaue auf mein Sofa mit den schönen Kissen und bin umgeben von lauter Dingen, die ich mag, und ich hab gestern sogar aufgeräumt und abgewaschen und den Balkon für die neue Aussaat vorbereitet und ich habe einen Balkon und was gibt es denn überhaupt zu beklagen, außer dass ich mir das halt ganz anders vorgestellt habe, damals. Aber nun liegt der Kater besonders possierlich und das Angst aufschreiben hat scheinbar etwas geholfen und Frühstück hab ich auch gemacht. Baby steps hat die Freundin* gesagt.

Sophie und Agathe im Belvedere

Sie lagen in der Sonne wie Löwinnen. Wie die Löwinnen, die sie eigentlich waren. Es war ein Skandal.

Binnen weniger Stunden hatten sie eine beliebte Touristenattraktion Wiens besetzt. Kein Mensch hatte mehr Zutritt, Kugeln prallten an ihnen ab, das Denkmalamt verbot den Bombenabwurf. Die umliegenden Straßen und Häuser waren in Panik verlassen worden, Wien war leer wie im August. Hubschrauber von Fernsehstationen, eingeflogen mit riesigen Transportflugzeugen, kreisten über dem Park.

Jahrhundertelang hatte sie nur auf die Wand gestarrt. Sie konnte nicht einmal den Kopf wenden, um Sophie anzusehen. Sie konnte sich nicht umdrehen. Jahrhundertelang. Jahrhundertelang hatten sie sie angefasst an diesen Halbkugeln mit einer Murmel in der Mitte. Jahrhundertelang hatte sie nicht einen Laut von sich geben, nicht eine Miene verziehen, nicht eine Tatze dagegen heben können. Wie lange war der letzte Anstrich her? Davor war sie in Ehren ergraut, angewittert, eine Ruine, die mit der grauen Stadt verschmolz wenn es dämmerte. Doch mit dem rekonstruierten Parterregarten war der Anstrich gekommen, weiß strahlend und doch konnte sie nur weiterhin auf die Wand starren und nichts gegen das Anfassen tun.

Da kam schon wieder einer. Er umfasste eine Halbkugel und feixte zu seinem Begleiter hinüber. Überall die weiße Farbe, nur an den Halbkugeln war sie fast wieder so grau wie vorher, trat der Stein zutage. Wie sie das alles hasste. Wie sie diese Menschen hasste. Bahnte sich da ein tiefes Grollen in der Kehle an? Langsam – millimeterweise – schob sich eine neue Fläche in ihr Blickfeld. Der Kiesweg! Weiter, weiter, ein Rucksack aus blauem Plastik, Haare, Sonnenbrille, da, Haut! Augen, Nase, Mund, der breit grinste. Mit der Kraft von tausend Medusen starrte sie in seine Augen, doch er bemerkte es nicht. Aber Sophie bemerkte es. Und dann sah Agathe zu Sophie hinüber. Endlich. Wie lange hatte sie darauf gewartet. Sophie schaute zurück. Selbst wenn sie sich nur aus den Augenwinkeln sehen konnten, sie erfühlten ihren Hass, ihre Verzweiflung. Von jetzt an lagen sie auf der Lauer.

Es dauerte nicht lange. Wieder einer. “Fass beide an, hahaha!” rief ihm ein anderer zu. Agathe riss ihre Pranken hoch, legte sie ihm auf die Schultern und biss ihn in den Hals, bis das Blut spritzte. Als er zusammensackte, reckte sie den Kopf in die Höhe und brüllte. Sie brüllte so laut, dass es noch in der französischen Botschaft am anderen Ende des Belvederes zu hören war. Dann erhob sie sich von ihrem Sockel und sah Sophie endlich ganz an. Sophies Gesicht war das schönste, das sie je gesehen hatte. Auf ihm lag ein Lächeln und eine wilde Hoffnung. Langsam, langsam wendete Agathe wieder ihren Kopf und starrte den anderen an. Bleich, fast so weiß wie ihre Flanken war er. Sie holte aus und schlug ihm mit der Pratze ins Gesicht. Tot fiel er zu Boden.

Agathe drehte sich elegant auf dem Sockel und blickte die ganze Länge des Gartens hinunter. Sophie würde sich immer daran erinnern, wie Agathe dagestanden hatte, das Gesicht von der Sonne beleuchtet, das rote Blut, das ihr vom Mund auf die Brust triefte. Agathe trug es wie eine Schärpe. Unter ihrem Blick begannen sich ihre Schwestern zu regen. Sie schlugen mit dem Schweif, beugten, dehnten, streckten sich, machten sich zum Sprung vom Sockel bereit. Unter den Augen der lachenden Brunnenfrauen und Göttinnenstatuen hetzten sie die Grabscher durch den Park, töteten sie mit Nackenbissen, Prankenschlägen. Die anderen Menschen wurden wie Kätzchen zum Ausgang getragen.

Die Krähen ließen sich dankbar auf den Leichen nieder und verschwendeten keinen Blick auf das Sphingenrudel, das sich nach der Jagd herzlich begrüßte und mit einander vertraut machte. Sie spielten. Rutschten die abgeschliffene Auffahrt hinunter, badeten in den Teichen, rannten Slalom um die Buchsbäumchen oder zerfetzten sie, tanzten in den Kringeln des Parterregartens.

Nach zwei Wochen hatte sich, wie in Wien üblich, die Aufregung gelegt. Es war nichts zu machen. Niemand durfte den Garten des Belvederes je wieder betreten.

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Winternachtreise

Für @viennarightnow

Ich hätte ins Museum gehen sollen heute früh. Ich wäre glücklicher gewesen. Vielleicht hätte meine charmant zerstrubbelte Erscheinung auf eine ebenso charmant zerstrubbelte Person Eindruck gemacht und beim Wandeln durch die Räume wären wir uns immer wieder begegnet, hätten uns angelächelt und wären schließlich ins Gespräch gekommen, Meet-cute, Fernbeziehung Wien-Berlin oder sonstwo, happy end und alles.

Stattdessen saß ich nun in Zug, konnte schon seit geraumer Zeit nicht mehr schlafen und sah eine menschenleere Landschaft voller orange leuchtenden Lampen, im Hintergrund Windräder, deren rot blinkende Lichter der ganzen Szene etwas höllisches gaben, obwohl ich nicht an die Hölle glaube.

Zeitweise war Schnee zu sehen. Es schien mir unglaublich, wie wenig ich mich damit abgefunden hatte, dass es tatsächlich Winter war. Ich, die ich Winter immer gemocht hatte, die mit Kälte und Nässe gut zurecht kam und der immer noch wärmer war als allen anderen. Aber ich konnte es einfach nicht glauben, dass der Sommer, der so schön gewesen, endgültig vorbei war.

Mir fiel kein deutsches Wort ein für dieses Gefühl. Die englische Sprache hat uns Schadenfreude abgenommen, aber nichts gegeben, das “resentment” ausdrücken könnte und das französische “Ressentiment” kling viel zu fröhlich. Natürlich könnte ich auch sagen, dass ich meinen schweren Wintermantel hasse, aber es klänge gleichzeitig extrem und trivial. Nein, “resentment” war das richtige Wort – ein schwelendes Gefühl, das so dumpf war wie es sich anfühlte, wenn ich den Mantel trug. Dabei war der Mantel das letzte Weihnachtsgeschenk meines Vaters.

Der freundliche Nachtzugschaffner hatte mir ein ganzes Abteil für mich alleine gegeben, welch Luxus! Und trotzdem konnte ich nicht schlafen. Ich hatte vor mich hin gedämmert und versucht einzuschlafen, indem ich meine Gedanken zum Wandern zwang. Bei der letzten Reise konnte ich sie nicht vom Rasen abhalten, diesmal wanderten sie, auf schöne Pfade gezwungen, aber nicht die schönsten, denn sonst würde ich traurig, also gelang es mir nicht einzuschlafen. Oder vielleicht doch. Ein kurzes Traumstück in dem meine Mutter mir ihren neuen Wäschetrockner und ein Putzwägelchen zeigte, interpretierte ich als die Nachwehen der großen Waschmaschinentransportaktion von 2013.

Nach dem unbemerkten Überfahren der Grenze unterschieden sich die öden Lande  nur durch die Absenz von Schnee. Kein Blatt, keine Blume, kein Tier war zu sehen, nur kahle Äste, Lichter und Dunkelheit. Ich hätte heulen können, aber worüber? Gute Aussichten standen mir bevor. Croissants. Kakao. Möglicherweise noch ein wenig Schlaf. Freie Wahlmöglichkeit meiner Aktivitäten. Also kein Heulen und trotz der Isolation kein Gefühl der Einsamkeit. Ein einziger Knopfdruck und ich wäre wieder mit der weiten Welt verbunden, könnte meinen Gedanken in kürzerer Form Ausdruck geben und Widerhall finden.

Ich wusste selbst nicht, worauf ich wartete. Vielleicht auf den Sonnenaufgang, der erst viel später oder sogar nie erfolgen würde in diesen grauen Tagen. Immer noch blinkten Windräder in der Ferne. Dann die ersten Anzeichen von Wien. Die Überfahrt der Donau. Zuhause, dachte ich.