Bei jedem Hashtag auf Twitter, der Diskriminierungen sichtbar machen soll

Wir hatten: #aufschrei, #schauhin, #nudelnmitketchup, jetzt grad #isjairre und es werden wohl noch viele folgen, weil unsere Gesellschaft voll von Diskriminierungen ist.

Bei jedem der bisherigen Hashtags kriegte ich (als bisher in 2 von 4 Fällen privilegierte, aber solidarische):

  • einen Befehl, still zu sein. Ich soll nicht so viel tweeten und retweeten, das überschwemmt ja die Timeline! Variante: Die Tweets mit einem Hashtag versehen, der sie für die Timeline unsichtbar macht.

Niemand ist böse, wenn ihr etwas grad nicht lesen könnt, weil es euch triggert. Aber für den Rest: Wie stellt ihr euch das eigentlich mit der Sichtbarmachung vor? Wird etwas sichtbar, wenn ich es in mein Tagebuch kritzle und dann verbrenne? Wie Twitter so funktioniert, hat sich euch wohl noch nicht erschlossen, oder? Es gibt zwei Möglichkeiten: Mutet oder entfolgt (ja, das geht auch AUF ZEIT, superpraktisch oder?). Wenn ihr etwas nicht lesen *wollt*, weil es euch “nervt” – Gratulation! Ihr seid wahrscheinlich Privilegienträger*innen. Und tatsächlich kriege ich solche Meldungen vonnnn – ja! Weißen, heterosexuellen Cismännern! Woooo!

  • einen Kommentar, der womöglich noch “gut gemeint” *genau* das repliziert, worüber getwittert wird.

Schlimm genug, dass solche Hashtags Menschen anziehen, die sie dann ins Lächerliche ziehen oder sie dazu benutzen, ihren Hass und ihre Diskriminierungen weiterzuverbreiten (siehe #aufschrei und #schauhin). Aber wenn schon so viele Menschen darüber reden, wie es sie verletzt, dauernd Empfehlungen zu kriegen, z.B. doch Sport zu machen, weil das so helfen soll, dann noch zu sagen “Aber Sport hilft wirklich!1!einself” und dann nicht mal einzusehen, wenn erklärt wird, dass das nicht für alle gilt und jetzt nicht so toll kommt, ja nee …

  • einen Kommentar, dass “Twitter nicht das richtige Format dafür ist.”

Oh, huch, Entschuldigung, wir hören sofort auf damit und sind still, ja? Wir kommen dann zu der Demo dagegen, die du organisierst, ja? Dreimal könnt ihr raten, von wem solche Kommentare kommen. Wie das funktioniert, dass ich mit anderen Menschen lange, interessante, respektvolle Diskussionen auf Twitter führen kann … da muss MAGIE im Spiel sein.

Weitere Favoriten (so allgemein, nicht zu mir direkt):

  • Ihr jammert hier nur, bietet aber keine Lösungsvorschläge! Macht doch mal Vorschläge, wie das gelöst werden kann!
  • Das hier auf Twitter zu machen ist so sinnlos, macht das doch im echten Leben.
  • Braucht ihr für alles einen Extrahashtag?
  • Könnt ihr nicht die positiven Erlebnisse berichten?

Was wir hier veranstalten ist eine Demonstration. Wir wollen auf gesellschaftliche Probleme aufmerksam machen. Gleichzeitig zeigen wir einander, wer wir sind und erkennen, dass wir nicht alleine sind. Es bilden sich neue Netze über Ländergrenzen hinweg, aber auch in derselben Stadt oder im selben Land und schwupp, schwappt der Onlineaktivismus ins “echte Leben” (Hallo, wir sind hier im echten Leben. Ja. Auch auf Twitter.) über, wenn’s gut geht. Welches Recht nehmt ihr euch heraus, uns zu sagen, wie wir uns zu verhalten haben? … ach ja. Das Recht. Das Recht der Privilegierten. Ja, nee.

Gerne Ergänzungen in den Kommentaren.

Blaudruck im Burgenland

Letzten Samstag machte ich mit Freundinnen und Verwandten einen Ausflug zur Blaudruckerei Koo in Steinberg im Burgenland. Außer dieser Blaudruckerei gibt es in Österreich nur noch eine andere, die Blaudruckerei Wagner im Mühlviertel.

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Blaudruck ist eigentlich die falsche Bezeichnung für diese Technik. Es handelt sich um eine Reservetechnik – zuerst wird der Stoff mit einer besonderen Paste bedruckt, dann gefärbt, dann wird die Paste ausgewaschen. Die bedruckten Stellen sind dann weiß.

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Früher war Blaudruck weit verbreitet, da damit günstig schöne Stoffe hergestellt werden konnten, aus denen sowohl Arbeits- als auch Sonntagskleidung oder Trachten geschneidert werden konnten. Wobei viele präzise Handgriffe vonnöten sind, bis am Ende aus einem Stück Stoff z.B. eine Schürze entstanden ist.

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Aber beginnen wir ganz am Anfang: Beim Farbstoff. Für den Blaudruck wird Indigo verwendet, da mit diesem im Gegensatz zum Färberwaid kalt gefärbt werden kann. So sieht eine Art der Indigopflanze aus:

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Der Farbstoff wird aus den Blättern gewonnen bzw. mittlerweile wird Indigo auch synthetisch hergestellt, aber die Blaudruckerei Koo verwendet noch den traditionellen Indigo. Der Farbstoff wird zu “Kuchen” gepresst und getrocknet, damit er gut transportierbar wird, hier auf dem Bild in der Mitte seht ihr so ein Stück.

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Um den Indigo ins Wasser zu bringen, müssen die Stücke zuerst zu einer Paste gestampft werden.

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Die gelben Brocken neben dem Indigo auf dem vorigen Bild sind Gummi arabicum. Aus Gummi arabicum, einer speziellen Tonerde und Familiengeheimnissen besteht der sogenannte “Papp”, die Paste, mit der die Stoffe bedruckt werden. In der Blaudruckerei Koo werden Baumwolle und Seide bedruckt, die Blaudruckerei Wagner im Mühlviertel bedruckt dagegen Leinen.

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Bevor die Stoffe bedruckt werden können, müssen sie zuerst gestärkt werden. Hier in diesem Riesentopf kocht die Stärke.

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Dann werden sie getrocknet und dann erst werden die Stoffe bedruckt – per Hand!

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Beim Druck kommen zum Teil uralte Model zum Einsatz. Einmal im Jahr kommt in der Blaudruckerei Koo ein Instrumentenmacher aus Thüringen vorbei, der kaputte Model richtet und neue Model nach alten Vorbildern anfertigt.

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So sieht der bedruckte Stoff dann aus (auf Flickr gibt’s noch viel mehr Bilder von den verschiedenen Mustern):

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Nach dem Druck muss der Stoff drei bis vier Wochen trocknen, damit die Paste richtig haftet und beim Färben nicht zerrinnt.

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Wenn der Stoff bereit zum Färben ist, geht es in die Färbestube. Diese Färbebottiche, “Küpen” genannt, sind über vier Meter tief.

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Der große Vorteil beim Färben mit Indigo ist, dass die Färbung mit kaltem Wasser funktioniert. Es braucht also zumindest dafür weniger Energie.

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Der Stoff wird in Halterungen eingespannt und für ca. 10 Minuten in die Farblösung getaucht, dann wieder komplett herausgezogen.

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Erst an der Luft oxidiert der Farbstoff und wird blau. Das könnt ihr hier sehr gut sehen:

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Je öfter der Stoff eingetaucht wird, desto dünkler wird die Farbe. Mit Kreide vermerkt Herr Koo, wie oft er welchen Stoff schon getaucht hat.

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Nach dem Färben muss die Druckpaste in heißem Wasser ausgewaschen werden, dafür reicht aber ein vergleichsweise kleiner Kessel.

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Danach wird der Stoff gespült und gespült und gespült, bis er nicht mehr abfärbt.

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Dafür ist das Wasser ganz schön blau.

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Zum Schluss wird der Stoff noch durch die Wäschemangel gelassen und entweder zu Ballen aufgerollt und nach Maß verkauft

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oder zu Röcken, Dirndln, Hüten, Schals, Hosen, Hemden, Taschen, Ofenhandschuhen, Kissenüberzügen, etc. verarbeitet.

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Dabei kooperiert die Blaudruckerei Koo mit den “Koryphäen“, einem Projekt, das Frauen beim Wiedereinstieg ins Berufsleben und bei der Ausbildung unterstützt.

Die besondere Spezialität der Blaudruckerei Koo sind die Doppeldrucke – das sind Stoffe, die auf der einen Seite ein Muster, auf der anderen Seite ein anderes haben. Hier seht ihr ein Beispiel mit meinem Lieblingsmuster (oben am Rand seht ihr es):

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Ein Besuch in der Blaudruckerei Koo lohnt sich unbedingt. Wenn ihr es aber nicht bis ins Burgenland schafft, Taschen, Schürzen, Tischtücher etc., gefertigt von den Koryphäen, werden in Wien z.B. in der Weihnachtszeit auf dem Kunsthandwerksmarkt am Karlsplatz verkauft.

Mehr Bilder könnt ihr, wie gesagt, auf Flickr sehen.

Ein kleines Schild für Freiheit im Netz

Heute war ich demonstrieren, um die österreichischen Politiker*innen darauf hinzuweisen, dass ich nicht überwacht werden will, dass meine Daten nicht ohne meine Zustimmung gesammelt werden sollen und dass ich ein freies Internet haben möchte. Dass sie also der NSA und dem britischen Geheimdienst auf die Finger klopfen mögen. Die Demo lief unter “Freiheit statt Angst” und fand am 7.9. in mehreren Städten statt, z.B. auch in Hamburg und Berlin. Hashtag war/ist #fsa13.

Für mich heißt aber freies Internet mehr als nur “niemand überwacht mich oder sammelt meine Daten”. Jasmina Banaszczuk (@miinaaa) hat vor zwei Tagen aufgeschrieben, was für sie Freiheit im Netz bedeutet: Dass sich Frauen* im Internet frei bewegen können, ohne angefeindet, angegriffen, bedroht zu werden. Also ließ ich mich von ihr inspirieren und beschrieb ein großes Briefkuvert mit Edding malte ein Schild:
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Warum? (Ja, da fehlt ein “sollen”)

Ok, das ist nicht ganz unproblematisch, denn dazu muss natürlich nachverfolgt werden, wer die Drohungen ausgesprochen hat, etc., da müssen wir auch nach anderen Lösungen suchen. Eigentlich geht es um die Veränderung der gesamten Gesellschaft und ihrer sexistischen Kultur. Aber noch besteht von politischer und auch allgemeiner Seite wenig Sensibilisierung für Sexismus inner- und außerhalb des Internets, selbst nach #aufschrei nicht. Das muss sich ändern.

Auch andere twitterten Bilder von #feminismusstattangst-Plakaten, was mir Mut gab:

Schönstes Demowetter war angesagt und ich fuhr zum Parlament:
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Dort plauderte ich kurz mit einem Freund, dann machte ich mich auf zum Demozug, der sich auf der Mariahilferstraße zum Parlament bewegte, um dort einen anderen Freund zu treffen. Ich reihte mich in den Zug ein und hielt mein Schild hoch. Nächstes Mal besorge ich mir vorher einen Holzstab.

Vor der Stiftskaserne hielten wir und ich nutzte die Gelegenheit, um den Freund zu bitten, ein Foto von mir zu machen:

Auch andere haben mich fotografiert:

Cool! Ich traf auch ein paar Bekannte vom Netzfeministischen Bier Wien, mit denen ich plauderte.

Und dann sprach mich jemand freundlich darauf an, warum ich dieses Schild dabeihatte. Ob das wegen dem “Snowden hat Ho-den”-Button und Flyer wäre. Bis dahin hatte ich davon nichts gehört – aber jetzt machte das Schild doppelt Sinn.

Der Freund, der auch ab und zu das Schild hielt, hörte dann ein

und ich erklärte mein Anliegen auf Anfrage noch ein paar Mal (aber nicht dem “falsche Demo”-Rufer, der hatte nicht nachgefragt und sich schnell entfernt).

Etwas nervös gemacht hat mich dann ein Gespräch knapp hinter meinem Rücken:

Sie waren aber zu feige, um direkt mit mir darüber zu reden. War das, weil ich einen Mann dabeihatte und mit anderen in der Demo Gespräche geführt hatte? Mein Schild blieb jedenfalls und es gab auch positive Rückmeldungen:

Schließlich kamen wir beim Parlament an, wo ich noch mehr nette Menschen traf – manche Politiker*innen in Österreich würde ich gerne direkt wählen, zum Beispiel Sonja Ablinger. War’s das schon?

Nicht ganz. Die Journalistin Ingrid Brodnig hatte mein Foto retweetet und ja, da kamen ein paar Kommentare, aber auch Beistand:

Als ich dann die Demo verließ, um andere Leute zu treffen und mein Schild dann noch weiter unterm Arm oder in der Hand durch die Stadt trug, schauten immer wieder Menschen darauf, neugierig, manche, besonders Frauen* lächelten, das war schön. Wie ich dann mit einer kleinen Gruppe am Abend die Mariahilferstraße hinunterschlenderte, um die neue Begegnungs- und Fußgänger*innenzone für eben jene Fußgänger*innen zu beanspruchen, wurde ich nochmal auf das Schild angesprochen.

Ich erklärte, dass es mir um die Freiheit der Frauen im Netz ging und so weiter, als der eine Mann, auf die Geschäfte ringsum zeigend, meinte: “Ja, aber warum hier?” Ich sagte: “Ach, nein, ich komme von der Demo …”, aber eigentlich hätte ich “Sexismus ist überall und genau hier”, sagen sollen. Der Treppenwitz, meine geheime Superkraft.

Zum Abschluss des Tages wurde Ingrid Brodnig und mir auf Twitter gesagt, wir sollen den Hashtag #fsa13 nicht mit Feminismus verwässern. Ich habe dem Typen viel Spaß bei der Kontrolle jedes Schildes und jedes Tweets gewünscht. Das Schild war schon am richtigen Ort. #feminismusstattangst