Hände hoch, hier ist die Feminismus-Polizei!

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*klopfklopf*

Unschuldige Zivilgesellschaft: “Wer ist da?”

“Die Feminismus-Polizei! Aufmachen! Sofort!”

Unschuldige Zivilgesellschaft: “Aber wir haben doch gar nix getaaaaaaan!”

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Wieviele Monate ist das Twitkulturdebakel nun her? Am 7. Dezember werden es 2 Monate sein. In Social Media-Zeit ist das ein halbes Jahrhundert oder so. Wieviel Kraft und Nerven @OljaAlvir und mich die Hasskampagne gekostet hat.

Vielleicht die (für mich) absoluten Tiefpunkte nochmal zur Erinnerung: Uns wurden indirekt Nazimethoden vorgeworfen – und es gab keinen Widerspruch. Der Organisator des Events favorisierte einen Tweet in dem ich “faschistischer Abschaum” genannt wurde. Nachlesen könnt ihr das alles hier.

In den zwei Monaten seither habe ich mein Schlafdefizit aufgeholt, meine Nerven sind einigermaßen in ihren Ausgangszustand zurückgekehrt. Olja hatte noch länger mit Angriffen zu kämpfen, ihr wurden Freundschaften aufgekündigt, weil es für die Personen opportuner war, sich auf die nichtfeministische Seite zu stellen, diskutierte sie etwas auf Twitter, waren sofort diejenigen zur Stelle, die ihr die Kritik an der Twitkultur nicht verzeihen konnten.

Ich wurde nicht weiter behelligt, weil ich mich systemkonform brav und ruhig verhielt. Und auch der folgende Seitenhieb gilt nicht mir, sondern Olja. Oder vielleicht doch mir? Nach meinem Post hatte ich immerhin ca. 100 Follower_innen mehr. Ich fand das etwas creepy und es hatte unangenehme Auswirkungen (deutliche Zunahme von Mansplaining). Aber sie ließen sich nicht vertreiben und es wurden immer mehr, oh dear. Kürzlich bekam ich das erste Angebot, für eine Rechtsanwaltskanzlei (wohl gratis) Werbung zu machen. Look parents, I’ve made it on the internetz. *augenverdreh* Die Autorin* des Artikels hat übrigens mehr Follower_innen als Olja und ich zusammen. Aber we “did it all for the Twitter fame” (Zitat aus ironisch gemeintem Tweet von Olja).

Ich dachte, Twitkultur wäre old news. Alte Nachrichten stinken ja bekanntlich wie der Fisch, um den sie gewickelt werden. Aber nein. Es ist Advent, der Jahreswechsel naht, und einige fühlen sich bemüßigt, den Gestank nochmal aufzuwärmen (hoffentlich findet der Artikel keine Nachahmer_innen).

Mich erreicht ein Hinweis auf diesen Artikel und ich dachte mir nichts weiter, weil was hab ich mit irgendeinem der genannten Links zu tun.

Aber dann lese ich den Ursprung der Twitterkonversation, in die ich gezogen wurde, nochmal nach.

“Kinder, die auf Twitter schlimm waren”. Häh? Ich klicke auf den obersten Link in der Kompilation und finde endlich heraus, woher der Wind weht. Na Mahlzeit.

Falls ihr nicht auf den Link klicken wollt, hier die Zitate, auf die ich mich beziehe:

“Es gibt unterschiedliche Gründe, das Twitter-Service zu nutzen. Shameless Self Promotion ist einiger der häufigsten davon. Das ist nicht verwerflich, man sollte dabei aber einige Grundregeln der guten Twitter-Etikette beachten.”

Neben anderen Punkten steht unter der Überschrift “Die Sittenpolizei” dann:

“Frauenanteil auf öffentlichen Veranstaltungen, im TV, auf Literaturveranstaltungen (#twittkultur): wer unbedacht für eine Nicht-Gender-neutralisierte Sache oder Veranstaltung wirbt, läuft Gefahr, ins Visier der Feminismus-Polizei zu geraten. Die Sache an sich, für die hier mit harten Bandagen gekämpft wird, mag eine Gute sein, aber der Zweck heiligt eben doch nicht alle Mittel. Offen gelassen sei hier auch, ob die Absicht hinter diesen Tweets überhaupt der Sache dienen sollte – oder nur der Positionierung einzelner Twitterantinnen.”

Ich glaube, damit sind genug Feminismus-Bullshit-Bingofelder besetzt, um mal laut und herzlich “Bingo!” zu rufen.

Ich hatte es ja völlig verdrängt, zum Glück hat mich diese Aussage in der digitalista-Zusammenfassung daran erinnert: Feminist_innen sind “nur auf Aufmerksamkeit aus”. Shameless self promotion steht dahinter, wenn wir z.B. darum kämpfen, dass Frauen* bei öffentlichen Veranstaltungen, im Fernsehen, bei “Literaturveranstaltungen” (das war #twitkultur nicht ausschließlich) angemessen repräsentiert sind bzw. werden.

So wie bei allen anderen, die etwas in der Welt bewirken wollen, oder? Wie zum Beispiel Kommunikationsagenturen, die würden gerne Aufträge kriegen und Geld verdienen. Oder Journalist_innen. Oder Menschen, die Events veranstalten. Aber Feminist_innen sind eben irgendwie böse oder so, keine Ahnung, es muss echt voll schlimm sein, was die machen, also kann auf ihnen rumgehackt werden.

Dass das dann Aufmerksamkeit, Bonuspunkte und hartes Bargeld für die Feminismuskritiker_innen bringt, ist aber keine shameless self promotion, neeeeinnnn, NIE! Was es ist: Verinnerlichter Sexismus. Und mal wieder auf dem Rücken der Frauen* Geld verdienen. Sauber.

Aber die Kritik ist schon gerechtfertigt, weil wenn’s um Feminismus geht, da kämpfen wir schon mal mit “harten Bandagen”, zum Beispiel indem wir zu erklären versuchen, warum Frauen anders und ev. öfter angesprochen werden müssen, wenn Veranstaltungen “gender-neutralisiert” (höhö, wie LUSTIG) besetzt werden sollen. Warum es wichtig und sogar von Vorteil ist, ein Gleichgewicht herzustellen bzw. über die Genderbinarität hinauszugehen. Dafür werden wir beschimpft, zum Teil sexistisch, schlimme Kinder und Nazis genannt. Im Gegensatz zu unseren harten Bandagen sind das ja Kinkerlitzchen.

Was ein tone argument ist und warum das mit “der Sache” bei der Feminismus-Polizei nur auf Ärger und Augenverdrehen stößt, ist halt noch nicht Kommunikationsagenturen- oder gesellschaftlicher Mainstream, leider. Und wird es auch nie sein, wenn’s nach der patriarchalen Gesellschaftsordnung geht. Die Ironie, dass es “der Sache” des Feminismus mehr schadet, wenn der Feminismus mal wieder als kindisch, aufmerksamkeitsheischend, überzogen, unverhältnismäßig, gefährlich, mächtig, ja sogar als staatliche Institution stereotypisiert wird, lassen wir hier elegant beiseite.

Oder nicht. Was soll mit “Sittenpolizei” gemeint sein? Etwa … “political correctness”? Eigentlich ist die Sittenpolizei für den Erhalt der guten Sitten, so die Grundzüge, was damit gemeint ist, vermittelt Wikipedia. Sehr missverständlich irgendwie (Polizeistunde gibt’s keine auf Twitter). Also präziser: “Feminismus-Polizei”.

Ach lol. Hätten wir doch nur so viel staatlich legitimierte Macht. Wie viel besser diese Welt schon wäre. Wer nicht merkt, dass im Jahr 2013 überall auf der Welt Frauen immer noch darum kämpfen müssen, als vollwertige Menschen mit allen Rechten, die ihnen qua Menschenrechtserklärung und – wo es entsprechende Gesetze gibt – qua Gesetz zustehen, ist entweder innerhalb der patriarchalen Gesellschaftsordnung privilegiert oder hat sich mit ihr gut gestellt und profitiert von ihr. Das tut dieser Artikel.

Ohne Not hätte dieser Paragraph ausgelassen oder – gute Güte! – sogar feministisch formuliert werden können. So á la “Wer im Jahr 2013 bei seinen Veranstaltungen noch nicht auf eine diversere Besetzung (ja, es gibt noch mehr Diskriminierungen außer Sexismus, z.B. Rassismus, Ableismus, Klassismus, usw.) achtet, sollte sich nicht über Kritik/Shitstorms wundern, sondern mal seine Privilegien überdenken.”

Aber so halb ist ja auch dieser Artikel wieder “lustig” gemeint, gell? Deshalb setzen sich alle, die es immer noch nicht begriffen haben jetzt nochmal hin (speziell die Kommunikationsmanager_innen, da lernt ihr noch was für den nächsten Shitstorm) und schreibt das hundertmal ab:
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Quelle

Und jetzt Hände hoch! Sie sind verhaftet!

The Queen is ill

Once upon a time, the Queen of Verysmallcountry, who lives in Shoebox Castle, was very ill. There was an ache in her ear occasionally saying hello to her jaw, her throat was scratchy like a bush of wild roses and her voice was getting weaker by the minute which seriously hampered her neverending need to communicate.

The Queen was very tempted to call for her mother. But the Queen Mother of Verysmallcountry was in fact very far away in her own kingdom and couldn’t help very much. The Queen already knew what her mother would say: “Drink plenty of tea, stay warm, keep your ear warm, and drink plenty of tea.” Those things she could do by herself. And then there was the image problem.

The last time she had had the Queen Mother over to take care of her during a serious illness, the Queen’s minions had started snickering quite strangely when she demanded such simple pleasures as having picture books read to her. So she merely sent a messenger to her mother saying she was ill and that she was taking care of herself. Of course the Queen Mother replied very quickly: “Drink plenty of tea, stay warm, keep your ear warm, and drink plenty of tea.”

Then she called for the Earl Marshal and asked him to buy a gigantic bag of cough drops. The Earl Marshal was used to such quests. He dispatched his fastest rider to the Queen’s favourite sweet store in Verybigcountry and in a matter of days he had a bag of cough drops and three bags of other assorted sweets, because he knew quite well that the Queen hated cough drops.

After the consumption of about three quarters of the bag of cough drops and all bags of assorted sweets, the Queen declared that her throat was no longer as scratchy and that she was coughing less. But now her nose had started running.

The Earl Marshal put the laundry department of Shoebox Castle in high alert. “Men!”, he cried, “Men! The time is upon us, the Queen is ill – and the supply of handkerchiefs is small indeed, since the Queen can never be bothered to remember to buy new ones when she isn’t ill.” The launderers groaned and resolved once again to write that petition to the Queen to buy more handkerchiefs. Then they divided up the shifts of washing, drying, ironing, and folding among themselves and started heating water.

The Earl Marshal went to the Queen to apprise her of his preparations. “Oh fair and noble Queen of Verysmallcountry, everything is at the ready. To your left, you find a near inexhaustible supply of handkerchiefs, to your right, a vat of herbal tea, and here is a hot water bottle to tie to your head to keep your ear warm.”

“Very elegant”, replied the Queen in a very unimpressed tone. When she was ill, she was always very short-tempered and best left alone. Unfortunately, Queens cannot be left alone when they are ill.

So, the Queen used up the handkerchiefs and the launderers washed, dried, ironed, and folded them, she drank vast amounts of tea and got spoiled by the kitchen, and the Earl Marshal fetched and carried and organised entertainment and sent the entertainers away and read books to the Queen and generally did everything she demanded of him.

After three days of this, the Earl Marshal finally was able to convince the Queen to see a doctor, but the doctor merely said the Queen should drink more tea and keep warm and eat healthy. So she did. And in time, the Queen recovered, but as usual, forgot to buy more handkerchiefs.