Der Frantz, der Oasch

CN Tod, Verletzung, Krankheit, Gewicht

Es ist Anfang Februar. Herr Schnurrkringel möchte nicht mehr fressen und trinken. Ich lasse ihn einschläfern. Es geht mir schlecht. Was für ein Scheißjahr, denke ich. Das reicht aber jetzt, denke ich.

Irgendwie raffe ich mich wieder auf. Es wird Frühling. Frühling ist schön. Auf Twitter postet ein Bekannter ein Bild von einer ihm zugelaufenen Katze, die sechs Kätzchen geboren hat. Eines ist schwarz. Ich frage ihn, ob er die Kätzchen hergibt. Wenn das schwarze Kätzchen ein Kater ist, ist es meiner, sage ich.

Es ist ein Kater. Ich suche mir einen Namen aus, den Namen einer Figur aus einem meiner Lieblingsbücher. Auf Japanisch bedeutet der Name “heilen“ und “reparieren“ sagen mir meine Japanisch sprechenden Lieben. Online nenne ich ihn Susu, nach den susuwatari, den Rußbällchen aus den Filmen von Hayao Miyazaki, doch bald heißt er vor allem Herr Baby.

Aber noch habe ich ihn nicht. Noch habe ich vor allem ein nervöses Bauchgefühl, denn ich hab mich noch nie als Erwachsene um ein Kätzchen gekümmert. Ich hole ihn ab. Er ist ein Schatz.

Zwei Tage nach seiner Ankunft kriegt der Schatz Durchfall. Er frisst nicht mehr, ich muss ihm alle paar Stunden mit der Spritze Aufbaubrei geben. Bald jede halbe Stunde, denn zu viel Brei auf einmal verträgt er nicht. Ich schlafe kaum, esse wenig, viel zu schnell, kriege Stressbauchkrämpfe, nehme ab. Im Schlafmangelstress zerhäcksle ich mir mit dem Pürierstab den linken Zeigefinger. Ich habe Glück und verletze keine Sehne. Was für ein Scheißjahr, denke ich. Das war’s jetzt aber, denke ich. Susus Durchfall wird langsam besser. Er frisst wieder selbst.

Ich komme endlich wieder zum langsamen Kochen und koche ein köstliches Ragout mit Champignons, Tomaten, Rindfleisch, Zwiebeln. Danach kriege ich Bauchschmerzen. Ich trinke Tee und nehme bewährte Salbeitropfen. Am nächsten Tag sind die Schmerzen noch da und werden stärker. Ich habe niemanden, der auf Susu aufpasst. Ich nehme ein Ibuprofen und lege mich mit der Wärmeflasche ins Bett.

Am Abend rufe ich bei der neuen Gesundheitsnummer der Stadt Wien an. Dann rufe ich meine Mutter an, die sich auf den Weg nach Wien macht. Kurz darauf fahre ich das erste Mal mit der Rettung, sitze das erste Mal in der Notaufnahme eines Krankenhauses. Ich habe Gastritis. Was für ein Scheißjahr, denke ich. Das war’s jetzt aber, denke ich. 

Ich darf erst einmal nur Schonkost essen. Ich nehme weiter ab, Susu nimmt zu und wächst jeden Tag. Manchmal tränen ihm die Augen, manchmal niest er, manchmal hustet er. Ich kriege Magensäureblocker, er kriegt Augen- und Nasentropfen, Vitaminpulver und -pasten. Ich frage mich, ob er eine unterliegende Krankheit hat. Wird schon nichts sein.

Susu fährt das erste Mal mit im Auto, für ein Wochenende aufs Land. Er ist ungeheuer brav und ungeheuer charmant mit allen. Ich gehe auf Anraten meines Hausarztes zur Ultraschalluntersuchung. Wird schon nichts sein. Die Ärztin findet ein Ding. Ich soll zur Computertomographie. Mein Hausarzt schickt mich zur Magnetresonanztomographie. Wird schon nichts sein. Es ist aber ein Ding, ob in oder an der Bauchspeicheldrüse ist immer noch nicht ganz klar. Ok? 

Mein Hausarzt schickt mich zum Facharzt, der eigentlich nur einen Termin im Allgemeinen Krankenhaus ausmacht. Ein Endosonogramm und eine transgastrische Biopsie – durch den Magen. Ich werde über Nacht im Krankenhaus bleiben müssen. Ich bitte meine Mutter, Susu zu hüten. Wird schon nichts sein.

Anfang August bemerke ich, dass Susus linkes Auge irgendwie trüb ist. Die Tierärztin verschreibt eine Salbe, das Auge trübt sich weiter, plötzlich ist etwas im Glaskörper, das aussieht, wie eine Wolke. Die Tierärztin verschreibt Tabletten und fährt auf Urlaub. Wird schon nichts sein.

Susus Auge wird aber nicht besser. Nach Anrufen bei verschiedenen Stellen gehe ich mit ihm zur Ausweichtierärztin, Bluttests machen. Hoffentlich ist es was einfaches. Die Tierärztin hält Rücksprache: Es ist FIP, Feline Infektiöse Peritonitis, eine der Katzenkrankheiten ohne Impfung, ohne Heilung. Aber sie muss ja nicht gleich ausbrechen. Was für ein Scheißjahr, denke ich. Das reicht jetzt aber wirklich (bitte bitte), denke ich.

Die FIP bricht aber aus. Herr Baby atmet schwer und ruckartig, verweigert Futter & Trinken. Scheiße. Ich gehe zur Tierärztin und lasse ihn einschläfern. Reicht das jetzt? Mir reicht es zumindest. Was für ein extrem beschissenes Jahr.

Aber es geht weiter, irgendwie. Ich gehe ins Krankenhaus, bekomme meine erste Narkose, träume von Susu, heule beim Aufwachen fürchterlich und kann mich lange nicht beruhigen. Sonst ist der Aufenthalt problemlos. Ich gehe nachhause und warte auf das Resultat. Wird schon nichts sein.

Es ist aber was, ein Frantz-Tumor, benannt nach seiner Entdeckerin, Virginia Kneeland Frantz, ausgesprochen selten, eigentlich gutartig, außer er bildet Metastasen. Meiner ist noch klein. Ich bin erst mal baff. Was für ein Scheißjahr. Hat das alles immer noch nicht gereicht?

Eine Woche später habe ich den Termin zur Besprechung der Operation. Ich erfahre, dass mir nicht nur der Tumor, sondern wohl auch ein Stück der Bauchspeicheldrüse und meine Milz entfernt werden wird. Das können sie aber erst während der OP wirklich sagen. Ich muss für mindestens 12 Tage ins Krankenhaus, mitten im Oktober.

Hä? Aber … wie? Wiiiiieeeeeee??? Aber … hab ich dann nachher vielleicht Diabetes?! Ja. Bzw. muss ich für immer meine Ernährung umstellen. Wenn die Milz entfernt wird, ist auch mein Immunsystem nicht mehr dasselbe. Häääää??? Ja. Dafür wahrscheinlich keine Chemo und die Prognose nach einer OP ist gut.

Aber es ist immer ein klein wenig schlimmer als erhofft, wenn auch nie ganz schlimm. Immer noch ein Glück im Unglück (wie ich diese Phrase mittlerweile hasse). Ich bin eigentlich noch immer baff. Scheinbar reicht es noch nicht und langsam krieg ich Angst. Was für ein Scheißjahr.

Advertisements

Liebe und so Zeug

“It’s love.”, sagte ich auf Twitter, mit herzförmigen Pfingsrosenblättern hinter den Brillengläsern und schrieb dann ein wenig über Liebe, auf Englisch, weil mir Englisch emotional oft näher liegt. Die Tweets findet ihr an das Bild angehängt. Hier möchte ich meine Gedanken nochmal ein wenig ausführlicher und auf Deutsch aufzeichnen.

Es ist Sonntagnachmittag und ich könnte ca. 100 Dinge tun, von Haushalt über Stricken, Aufräumen, Kunst, Singen, Sport, Schlafen, Lesen, Rausgehen und Kombinationen von all diesen Tätigkeiten, aber eigentlich wäre jetzt der perfekte Zeitpunkt zum Kuscheln. Nur ist da keine Person, mit der ich kuscheln könnte. Wenn Liebe als romantische und sexuelle Liebe für eine oder mehrere Person_en definiert wird, war ich seit 2007 nicht mehr verliebt. So lange ist es her, dass ich eine Beziehung hatte.

Wird auch Freund_innenschaft als Liebe definiert, dann habe ich mich seit 2007 schon mehrmals ver- und entliebt und habe viele verschiedene Beziehungen. Manche Freund_innen haben mich auch verlassen oder ich sie. Meistens haben wir uns auseinandergelebt oder da war ein Konflikt, den ich nicht begreifen und lösen wollte_konnte.

Meine Mutter hat letztens gesagt, sie kenne viele junge Frauen, die alleine lebten und einfach keinen Partner fänden. Sie traf sich aufgrund eines Begräbnisses mit engen Freundinnen, deren Töchter zeitweise auch meine Freundinnen waren und diese Töchter waren nun alle Single. Kein Wunder, haben uns doch die Beziehungen unserer Mütter zur Genüge gezeigt bzw. zeigen sie noch, wie wir Beziehungen *nicht* haben wollten_wollen.

Ja, wenn ich an meine vergangenen Beziehungen denke oder an die, die ich so beobachte, dann weiß ich ganz genau, dass ich nie wieder allein zuständige Partnerin/Mutter/Therapeutin/Fitnesscoach/Freizeitorganisatorin/Managerin/Köchin/Dokumentarin/usw. usw. usw. sein möchte, ohne dass mein_e Partner_in auch seinen_ihren Teil zu einer Beziehung beiträgt. Ich schreibe hier absichtlich nicht nur “Partner”, aber meh, keine Ahnung & keine Lust, das jetzt aufzuschreiben.

Ganz klar vermisse ich körperliche Nähe und die viele Zeit, die ich mit einer Person verbringen möchte, die mich wirklich gut kennt. Ich verbringe ungeheuer gerne Zeit mit meinen Freund_innen, aber sehe die meisten von ihnen ca. einmal im Monat oder alle zwei Monate, wenn ich welche zweimal im Monat sehe, ist das schon viel. Da ich doch einige Freund_innen habe, sehe ich also jeden Monat ein paar davon und das ist doch nicht dasselbe, wie eine (oder mehrere) Personen zumindest ein-, zweimal die Woche zu sehen, ohne dass etwas auf dem Plan steht oder eben weil etwas auf dem Plan steht. Gemeinsames Übernachten ist auch was. Aber am Ende des Tages gehen wir alle immer alleine nachhause.

Auch was die körperliche Nähe betrifft – einerseits erwarte ich absolut nicht von meinen Freund_innen, dass sie meine Bedürfnisse in dem Aspekt stillen. Andererseits bin ich da auch einfach heikel. Bis mich Menschen anfassen dürfen, ohne dass ich das eigentlich lieber nicht möchte, müssen sie mich entweder schon länger kennen oder sie müssen mir sehr vertraut erscheinen. Mit den meisten Freund_innen, die ich schon lange kenne, fühle ich mich sicher. Umarmungen, Arm in Arm gehen, sich aneinander lehnen, das ist alles ok mit diesen Personen. Gestern hat eine Freundin meine Hand genommen, damit wir im Menschengewühl nicht getrennt werden und das war unerwartet schön. Aber bei den meisten Menschen bin ich absolut glücklich, wenn wir uns aus zwei Metern Entfernung zuwinken.

Ich fühle mich oft sonderbar, weil ich meinen tatsächlichen physischen Körper nicht mehr uneingeschränkt teilen möchte. Ich mag deshalb sicher nie zu irgendwelchen Events, egal wie empowernd sie sein sollen, wo mich fremde Menschen anfassen und Dinge wie Kuschelparties oder casual sex sind deshalb nichts für mich, auch wenn das sicher eine Lösung für die rein physische Vermissung von Nähe wäre. Ich finde das auch ok so.

Manchmal komme ich mir auch “schwierig” vor. Anspruchsvoll. Manchmal hat die Beste so Phasen, wo sie mir vorträgt, dass wir dann überhaupt keine Partner_innen finden. Aber ich bin nicht schwierig und was habe ich von einer Beziehung, in der ich mich verstellen oder die wirklich wichtigen Teile von mir verstecken muss? Die Person muss nicht alle meine Interessen teilen – gewisse Überschneidungen wären nett – aber wirklich wichtig wären gemeinsame politische Ansätze, die auch im Alltag ausgelebt werden.

Und ich bin voll mit Geschichte_n, so wie wir alle, die ich eigentlich teilen möchte. Deshalb dieser und andere Blogs, deshalb Twitter. Mittlerweile erzähle ich aber nicht allen Menschen alles über mich. Meist fehlt die Zeit dafür, aber meistens fühle ich mich auch einfach weird und ich habe Angst davor, dass ich dann zu weird erscheine und sich die Menschen wieder verabschieden von mir und dabei ein Stück mitnehmen. Je vertrauter ich mit Personen werde, desto schmerzhafter ist es, wenn sie sich von mir verabschieden, also warte ich lieber, bis ich das Gefühl habe, sie mögen mich zu sehr, als dass ich ihnen sonderbar vorkommen könnte. Aber ob so wirklich enge Beziehungen überhaupt entstehen können?

Die Absenz einer engen, romantischen, eventuell sexuellen Beziehung macht mich regelmäßig traurig, manchmal mehr, manchmal weniger. Aber gleichzeitig bin ich auch geduldig genug zu warten, bis eine Person kommt, die so eine Beziehung mit mir anfangen möchte. Und Warten ist für mich ok, denn einerseits traue ich mich (immer!) noch nicht wirklich, auf Personen zuzugehen mit meinen Wünschen nach Beziehung_en, andererseits muss eben nicht jede Beziehung eine romantische und dann auch eine sexuelle werden.

Meine Liebe gehört also meinen Freund_innen, meinem Kater und jeder Menge Medien und Objekten. Sie wabert um mich herum und umflauscht Graffiti, Blumen, architektonische Elemente, Essen, Eis, Farben, Kleidung, zufälllige Unbekannte und politische Bewegungen. Die Differenz zu meiner Einsamkeit als Teenie, als ich dachte, eine heterosexuelle romantische und sexuelle Beziehung wäre der Schlüssel zu meinem Glück, ist riesig. Manchmal denke ich mir: Hätte ich nur damals gewusst, was ich heute weiß! Und freue mich für die heutigen Kinder und Teenies, die Feminismus und andere emanzipatorische Ansätze im Internet und anderen Medien entdecken können und so weniger Druck verspüren. (Klar, in der Schule wäre das wirklich noch besser. Es gibt noch viel zu tun.)

Ich vermisse immer noch dieselben Dinge, aber es ist voll ok so wie es ist. Wahrscheinlich wären konkrete Ansätze (gemeinsames Wohnen, verdammt!) und ein wenig Initiative auch nicht schlecht (aaahhhh Angst!). Aber ist mein Leben voll Liebe? Ja. Von dieser einen, spezifischen Liebe abgesehen.

Zum Beispiel Luise

Der Twitteraccount @BitchFlicks, dem ich folge, fragte letztens, in welchem Film, bei dem eine Frau Regie führte, wir uns ganz repräsentiert sahen. Nun, für mich jetzt gibt es (noch) keinen solchen Film – und auch kein solches Buch und keinen Comic und kein Lied.

Aber es gab einmal ein Buch. Bei meinem Aufenthalt auf dem Land stöberte ich in der Kiste mit Fotos aus dem Fundus meines Vaters und fand dieses – aus einer Serie von drei Bildern.

image

Hier bin ich ca. 6 Jahre alt, vielleicht ein wenig älter oder ein wenig jünger und lese wahrscheinlich zum ersten Mal “Das doppelte Lottchen” von Erich Kästner. Und wenn mich eine Figur in einem Buch jemals repräsentierte, dann war das Luise, die wilde Zwillingsschwester.

Als ich meiner Mutter einmal erzählte, dass dies mein Lieblingsbuch von Kästner sei, meinte sie, es wäre ihr zu seicht. Aha. Ausgerechnet das einzige Buch Kästners in dem zwei Mädchen die Hauptrolle spielen nahm sie als seicht wahr. Die Parallelen zwischen mir und Luise und dass mir deshalb das Buch so wichtig sein könnte, sah sie gar nicht.

Luise hatte wilde, blonde Locken – ich auch, wenn auch kurze. In meinen Bilderbüchern gab es nicht so viele Figuren mit blonden Locken. Ronja Räubertochter kam erst später, auch eine wichtige Identifikationsfigur, aber wenig mit der Realität verknüpft.

image

Sie wohnte in Wien – und dorthin war meine Familie vor kurzem übersiedelt. Ich hatte zu dem Zeitpunkt kein einziges anderes Buch, in dem eine Figur in Wien wohnte – die von Christine Nöstlinger kamen erst später.

Luise aß für ihr Leben gern Süßes und besonders Palatschinken, die sie immer aß, wenn sie mit ihrem Vater ins Hotel Imperial ging. Meine arme Mutter mag süßes Essen gar nicht, weil ihr Bruder es sehr mochte und als sie klein waren, durfte er immer den Speiseplan bestimmen. Meine Großmutter machte also Palatschinken für meinen Bruder und mich und meine Mutter konnte auch manchmal dazu bewegt werden. Ach, Palatschinken. Muss ich bald wieder machen.

Noch etwas verband mich mit Luise: Sie haute andere Kinder. Manchmal gerechtfertigt, manchmal ungerechtfertigt. Ich prügelte mich mit meinem kleinen Bruder und meine Eltern unterbanden das nicht (würde ich heute unbedingt). Dabei blieb sie trotzdem eine sympathische Figur – auch das kommt in der Kinderliteratur selten vor (zurecht).

Ob bei all dem die Scheidung der Eltern der wichtigste Aspekt war, weiß ich nicht. Aber meine Eltern waren auch geschieden und ich hatte kein einziges anderes Buch, in dem solche Eltern vorkamen. Meine Eltern waren dabei noch spezieller, sie wohnten in Wien erst noch zusammen, dann in einem Haus, auf einer Etage, in zwei Wohnungen (wie im Doppelten Lottchen am Ende mit dem Atelier nebenan).

Aber egal wie sie wohnten, denn das war eher nebensächlich, sie waren den Eltern von Luise und Lotte ungeheuer ähnlich: Mein Vater, der große Künstler (Architekt, nicht Dirigent), meine Mutter, sehr beschäftigt mit ihrer Arbeit mit behinderten Kindern (nicht Journalistin). Es ist schon erkennbar: So privilegiert wie Luise aufwuchs, wuchs auch ich auf.

Nur ein Fräulein Gerlach gab es erst später, die Freundin meines Vaters zu der Zeit war sehr nett und interessierte sich sehr für meinen Bruder und mich.  Mein Bruder war auch nicht mein Zwilling, aber wir hatten doch zwillingsähnliche Eigenschaften. Dass meine Eltern sich wieder in einander verlieben würden, war sehr unwahrscheinlich, ich habe es mir auch nicht gewünscht. Und ich mag Katzen lieber als jeden Mops. So weit gingen die Parallelen zwischen mir und Luise doch nicht. Aber es gab genug. Und so hieß dann auch meine zweite Puppe Luise … und es ist ein schöner Name für ein Kind.

Ja, schon wieder Trauerarbeit

CN (Content note – Notiz zum Inhalt): Tod eines Elternteils

Ja, schon wieder! Sie geht nicht weg. Vor einiger Zeit schrieb ich an eine andere Person über das Hinwegkommen über Trauer:

Es wird nur … weniger oft. Nicht weniger intensiv. Aber irgendwann ist es dann nicht mehr ganz so fürchterlich schlimm.

Dann ist es nur noch fürchterlich schlimm. Dann nur noch fürchterlich. Usw. Aber es geht nie ganz weg, wie auch.

Aber Trauern ist notwendig und ok. Trauer verschleppen oder verdrängen zieht sie nur in die Länge & macht noch einsamer.

Irgendwann legt dann das Leben vielleicht genug schöne Tücher über die Trauer & mummelt sie weich ein.

Dann hält sie Winterschlaf bis zum nächsten Mal. Vielleicht wacht sie zwischendurch auf. Aber es ist ok. Trauer ist ok.

Ja, sie wacht zwischendurch auf, besonders wenn die Haut wegen anderen Dingen schon dünn ist. Je mehr andere Dinge an mir nagen, desto eher wacht sie auf, die Trauer. Da ist sie dann, springlebendig, leuchtend, pulsierend. Schmerzhaft, lästig, ungeplant. Wenn ich dann versuche, sie wieder einzumummeln, wächst sie und wächst sie, bis ich selbst alle Tücher wegreiße und sie anschreie: “Was zum Scheiß ist denn jetzt wieder?”

Meistens ist es eine Variante von “Dein Vater hat dich mal sehr geliebt, aber später warst bzw. jetzt bist du ihm nicht gut genug.” Diesmal sind es die Kinderbücher, die ich lese, solche mit meinem Namen im Titel, die er extra für mich ausgesucht und gekauft hat. Eigentlich will ich sie nur lesen, damit ich sie eventuell weiterempfehlen kann, aber der schiere Gedanke daran, dass mich mein Vater einmal so geschätzt und unterstützt hat, bringt mich so zum Heulen und zur Verzweiflung, denn ich bin heute immer noch nicht in einer Situation, die mein Vater akzeptiert hätte, in der er micht wieder geschätzt und unterstützt hätte. Aber wäre er je zufrieden gewesen?

Heute hatte ich zum ersten Mal den Gedanken, dass er der ist, der den Schaden hatte: Er hat seine Tochter nie glücklich gesehen, weil er jeden Weg den ich eingeschlagen habe als schlecht und nicht genügend definiert hat. Viele meiner Wege habe ich deshalb wieder aufgegeben. Dabei bin ich jetzt genauso geldlos wie als wenn ich doch Regisseurin geworden wäre. Oder “echte” Historikerin, so an der Uni. Dadurch dass ich ihm nie genug war, war ich ihm nie genug.

Zwischendurch hat er sich dann doch verraten, wenn er ja doch mit Genuss die Kuchenstücke aß, die ich ihm hinstellte, die gestrickten Sachen trug, die ich ihm schenkte, die Comics las, die ich un_absichtlich herumliegen ließ. Aber er hat so viel nicht gewusst von mir, wollte es nicht wissen, weil er mir immer nur Vorträge darüber hielt, was ich zu tun und zu lassen hatte.

Das war irgendwie sein Pech. Wir hätten es so schön haben können.

Und damit ist die Trauer mal wieder gelüftet. Denn die Frischluft braucht sie, damit sie dann nachher wieder in Tücher eingemummelt werden kann bis zum nächsten Mal.

Ach Kunsthaus

Der Twitteraccount @womensart1, neu in meiner Timeline, tweetet spannende Kunst von Frauen und macht mir Lust auf den Besuch von Ausstellungen und Museen. Aber die Retrospektiven über Kunst von Frauen lassen auf sich warten – letztes Jahr wäre z.B. der 30. Todestag von Meret Oppenheim gewesen, aber nachdem es schon zu ihrem 100. Geburtstag im Jahr 2013 ein paar große Retrospektiven gab, braucht es ja nicht nochmal welche, klaro. Oder so. Ich würde ja auch mal gerne eine Ausstellung mit Werken der Frauen sehen, die in London an der Gründung der Royal Academy of Arts beteiligt waren – Mary Moser (kannte ich bis gestern gar nicht) und Angelika Kauffmann. Ach und viele mehr – es gibt so spannende textile Kunst, die von @womensart1 getweetet wird.

Aber bevor ich hier die gesamte Timeline abbilde, schaut selbst nach. Ich will euch stattdessen ein paar Fotos von meinem Besuch im Kunsthaus Zürich zeigen, weil ich da gerade hinmöchte. Als ich dort war, gab es gerade eine Miró-Retrospektive. Seine abstrakten Bilder gefielen mir gut, die Frauenbilder weniger. Diese hier waren meine Lieblingsbilder – eigentlich eine Serie von drei Bildern (warum ich das 3. Bild nicht aufgenommen habe weiß ich nicht mehr), ich weiß auch den Titel nicht mehr, aber googlen hilft: Die Bilder heißen Malerei I, II und III und das fehlende Bild sieht so aus.

Malerei II von Joan Miro - rechts eine blaue Wolke, links zwei schwarze Arme und ein schwarzer Ball

Malerei III von Joan Miro, links eine blaue Wolke, rechts ein schwarzer Arm

Ich mochte daran besonders die blauen Wolken, die blaue Farbe, die Arme, die auch Wimpern sein könnten – und die perfekte Beleuchtung, die auf den Fotos noch sichtbarer wird.

Treppe ins Obergeschoß im Kunsthaus Zürich

Gang und Fenster im Kunsthaus Zürich

Obergeschoß und Oberlichte im Kunsthaus Zürich

Das Kunsthaus Zürich ist selbst ein Kunst_haus, es wurde 1910 eröffnet und der älteste Teil wurde im Jugendstil gebaut, mit einem deutlich nüchternen, geometrischen Schweizer Einschlag. Nächstes Jahr soll ein zweiter Erweiterungsbau fertig sein.

Winterlandschaft Kragero 1931 von Edvard Munch Kunsthaus Zürich

Die spätere Version der Winterlandschaft in Kragero von Edvard Munch aus dem Jahr 1931 war so schön still und blau. Die frühere ist von 1912 und hängt nicht in Zürich.

Vier bemalte Steine von Max Ernst im Kunsthaus Zürich

Vier bemalte Steine von Max Ernst.

Stillleben von Meret Oppenheim im Kunsthaus Zürich

Leider weiß ich den genauen Titel nicht mehr, aber dieses Objekt ist von Meret Oppenheim. Ich erinnerte mich danach intensiv an mein Jahr im Liceo Artistico in Zürich und an den Kunstgeschichteunterricht, in dem wir so spannende Essays schreiben mussten. Für eines durften wir uns zwei Postkarten von Kunstwerken aussuchen und sollten die Bilder dann vergleichen. Eines meiner Bild war ein Stillleben mit Pfirsichen. Irgendwo in der verschollenen Kiste mit den wichtigen Papieren sollte noch eines der Essays sein, jedenfalls das, das ich über “Pick up a Pin-up” von Man Ray geschrieben habe. Es gefiel meiner Lehrerin so gut. Ich war das gar nicht gewohnt. Heute traue ich mich fast nicht, einen Blogpost über einen Besuch in einem Museum zu schreiben – ein Essay über ein Kunstwerk … trotzdem habe ich Lust.

Bergziegen von Franz Marc im Kunsthaus Zürich

Bergziegen von Franz Marc. Mit denen hab ich noch was vor.

Aus Goethe in Italy von Cy Twombly im Kunsthaus Zürich

Aus Goethe in Italy von Cy Twombly im Kunsthaus Zürich

Zwei Bilder aus Cy Twomblys Zyklus “Goethe in Italy”. Ich sah erst die Bilder und fühlte mich von den Farben und Formen angezogen. Mit Cy Twombly hatte ich bis dahin nicht viel am Hut – wahrscheinlich einfach nicht genug von ihm gesehen.

Selbstporträt von Anna Waser im Kunsthaus Zürich

Mit 12 Jahren malte sie dieses Selbstporträt, Anna Waser, die erste namentlich bekannte Malerin der Schweiz. Alle anderen Werke bis auf ein paar Silberstiftzeichnungen, ihre Autobiografie, ihre Briefe sind verschollen. Ihre vielversprechende Karriere musste sie abbrechen, weil sie den Haushalt ihrer Eltern führen musste, nachdem ihre Mutter erkrankt war. 1913 veröffentlichte ihre Nachfahrin Maria Waser ein Buch über sie, das ihr hier online lesen könnt – allerdings in Frakturschrift.

2 Schmetterlinge und 8 Insekten von Magdalena van den Hecken im Kunsthaus Zürich

8 Insekten von Magdalena van den Hecken im Kunsthaus Zürich

Magdalena van den Hecken (Link zum Vrouwenlexikon auf Niederländisch) hat keinen Wikipediaeintrag, kein bekanntes Geburts- und kein bekanntes Sterbedatum und das Kunsthaus hat ihren Namen falsch geschrieben, nämlich van der Hecken. Tätig war sie “um 1635”, ihr Bruder und Vater waren ebenfalls Maler. “Gelegentlich” malte sie, steht in den dürftigen Infos. Bis ich “gelegentlich” mal so Miniaturen von Insekten male, muss ich erst mal ein paar Jahre üben, hallo. Die Miniaturen von “2 Schmetterlingen und 6 Insekten” sowie “8 Insekten” schmückten ein Kuriositätenkabinett.

 

Ich weiß nicht mehr, von welcher_m Künstler_in das ist. Es war eine Kiste, oben offen, mit diesen Öffnungen … wie ein Architekturmodell, ein besonders schönes. Mich faszinierten die Durchblicke und Texturen.

Im Eck dieses Raumes hing ein Bild von Mark Rothko, von dem ich vorher noch nie bewusst ein Bild wahrgenommen habe. Wie ein Blick aus einem Fenster auf ein schwarzes Meer, ein niedriger Horizont mit schwarzen Wolken verhangen. Es war so umwerfend und so schön, wenn auch so düster und traurig, aber es ließ sich einfach nicht fotografieren. Zum Glück haben andere Menschen bessere Kameras: Untitled [White, Blacks, Greys on Maroon]. Am nächsten Tag fuhr ich mit meiner Tante nach Basel zur Fondation Beyeler, wo ich noch eine Reihe anderer Rothkos sah und ja – ich mag Rothko.

Soweit das Kunsthaus. Es gab noch vieeel mehr, es ist ja doch trotz Platzmangel groß und auch verwinkelt und wunderschön zum Anschauen …

 

 

 

Sprossen

Content Note: Tod eines Elternteils

Zu lang für Twitter, diese Erzählung. Ich will nämlich ein bisschen erzählen, von meinem Vater, denn gestern ist es sieben Jahre her, dass er gestorben ist. Und ich musste schon kürzlich an ihn denken, ich weiß nicht warum, es ging wohl auch um Sprossen. Wobei, mein Vater züchtete Keime, Weizenkeime. Er hatte dafür ein ausgeklügeltes System mit fünf Apfelmusgläsern, fünf Stücken grober Plastikgaze, fünf Gummiringen. Oder vielleicht waren es sechs oder sieben, ich weiß es nicht mehr ganz genau.

Damals, als in unserer Küche noch nicht alles zugeräumt war mit Papier, als wir noch kochten. Damals als wir auf dem Küchentisch mit dem schönen Tischblatt aus Nussholz die Weizenkörner verlesen mussten, denn es gab solche, deren Keim beschädigt oder abgebrochen war. Kein Wunder habe ich später gerne diese winzigkleinen Glasperlen sortiert, es war genau dasselbe, nur nicht so regelmäßig und gezwungenermaßen.

Eine bestimmte Anzahl Weizenkörner – wieviele Esslöffel waren es nochmal? Zwei? – kamen in eines der Gläser, dann kam Wasser dazu, bis zur Mitte des Glases. Am nächsten Tag wurden sie gewaschen und neues Wasser eingefüllt. Am dritten Tag waschen, kein neues Wasser (oder doch?). Am vierten Tag begannen sie vielleicht zu keimen? Irgendwann hatten sie dann genug gekeimt – war es doch nach sieben Tagen? Und dann bekamen alle am Tisch – mein Bruder, mein Vater und ich – zwei Löffel Weizenkeime. Ins Müsli. Oder einfach so, in diese kleinen grauen Schälchen, die … irgendwohin verschwunden sind.

Für Frühstück und auch für das ins Bett gehen war nämlich mein Vater zuständig, meine Mutter ging schon viel früher aus dem Haus, legte uns dafür die Schachteln mit den Pausenbroten (und Karotten) hin.

So war das. Eigentlich eine sehr langweilige Geschichte. Aber heute bekam jemand so ein Sprossenglas geschenkt, heute gibt es das in verschiedenen Ausführungen, von fancy bis superfancy. Und wie da nicht an meinen Vater denken und die ewige Ausleserei der Weizenkeime und wie er dann aufhörte, als mein Bruder in die Schweiz verfrachtet wurde und ich kein Müsli mehr aß in der Früh und keine Ovomaltine mehr trank. Sondern? Kalte Milch, glaube ich. Vielleicht auch einfach Tee.

Irgendwann hat er dann die letzten Weizenkörner in die Pflanztröge auf dem Balkon geworfen und eine Menge dort wachsender Pflanzen starben an Lichtmangel und der Kater konnte nicht mehr in den Pflanztrögen liegen.. Die geernteten Ähren lagen jahrelang in einer Metallschüssel und nach seinem Tod warf ich sie dann weg. Die Schüssel habe ich behalten.

Liebe Haare, …

Vorletzten November machte ich ein Selfie von mir, das meine im Sommer etwas leichter gewordene Depression mit einem Knall sehr verstärkte. Alles, was mich vorher schon bedrückt hatte, was ich aber durch einen besonders schönen Sommer überwunden glaubte, legte sich wieder auf mich. Langsam kamen die Worte dafür und jetzt dürfen sie nach außen.

2014: Heute Morgen schaute ich in den Spiegel und verzog mein Gesicht. Ich will die weißen Schläfen nicht, die weißen Einsprengsel am Seitenscheitel nicht – noch nicht! Bitte wartet noch, liebe Haare, ich kann mich noch nicht damit abfinden, dass ihr ohne mein Zutun die Farbe wechselt. Dabei sollte ich daran gewöhnt sein.

Als Kind hatte ich hellblonde Haare. Wilde, hellblonde Locken, mit fotografischem Talent gesegnete Eltern. Mein Bruder hatte auch Locken, aber lange nicht so wilde. Sehe ich mir unsere Kinderbilder an, muss ich manchmal heulen, vor Gram über diese Kinder, die wir einmal waren und alles, was ihnen danach passierte. Einige hatte ich ständig vor Augen, sie hingen in der Wohnung meines Vaters bis nach seinem Tod, gleich bei der Gegensprechanlage, unter der er seine Schuhe auszog, in der Küche und in der Bibliothek. Mein Bruder auf dem Hüpfball. Mein Bruder, stolz einen ertauchten Stein herzeigend. Ich, erster Schultag. Ich, schaukelnd.

Hat er das Bild mit der schaukelnden Anna betrachtet, bevor er zu mir kam und mich befragte, warum ich keinen Sport machte, als Kind hätte ich doch so gerne geschaukelt? Hat er darüber sinniert, wie aus diesem Kind das ihm fremde Wesen wurde, dass da saß, tief getroffen, stumm und weiter verstummend, weil da noch keine Worte waren, keine Ahnung, nur dieses Gefühl von “So wie ich jetzt bin liebst du mich also nicht”, das schon lange dagewesen war und sich immer nur verstärken würde. “Ja, damals war ich auch noch glücklich, du Arsch”, das hätte ich vielleicht sagen können – aber ich traute mich nie auch nur irgendetwas zu erwidern, aus Angst, dass nach einem Streit der letzte Rest von Akzeptanz, der da ab und zu (für brave Leistung) noch durchblitzte, auch noch wegfallen würde (nie gelernt: Konflikte austragen).

Aber eigentlich geht es ja um meine Haare. Aber an jedem meiner Haare hängt (eine) Geschichte.

Bei meiner Mutter hängen Fotos von meinem Bruder und mir, bei der Gegensprechanlage, vor der sie ihre Schuhe an- und auszieht. Mein Bruder mit 12, beim Schuhe anziehen in England. Ich mit 14, auch in England, einen Pullover über den Haaren, den Riemen einer Tasche auf der Stirn. Ein anderes Foto, das wohl kurz davor oder danach gemacht wurde, zeigt mich in meinem Lieblingspulli, mit frei wehenden Haaren – es war eins der wenigen Fotos, auf denen ich mich damals schön fand. Aber dieses Foto hängt da nicht.

Andere Fotos in der Wohnung meiner Mutter, über dem Lehnsessel, über dem Küchentisch, zeigen meinen Bruder und mich, wie er mir Selbstverteidigungsgriffe beibringt, die ich schon längst wieder vergessen habe. Darunter Bilder vom Begräbnis unserer Großmutter, mit unseren Cousins und unserer Cousine, eins ernst, eins grimassierend. Über dem Küchentisch hängt ein Foto von der Maturafeier meines Bruders, er und ich, stolz, ich mit Hut. Von meiner Maturafeier gibt es keine Fotos. Noch ein Foto von uns zweien. Mein Bruder und meine Schwägerin. Ich, allein auf einem rosa Plastiksofa sitzend, mit Lippenstift und zusammengebundenen Haaren, nachdenklich, melancholisch.

Stillstand also in der einen Wohnung, Weiterleben in der anderen (zumindest bis 2011, denn damals saß ich auf dem rosa Sofa). Meine Mutter macht immer noch Fotos von mir, mit ihrem Smartphone. Fotos, auf denen ich fürchterlich aussehe, ihr Spezialtalent. Aber zurück zu meinen Haaren.

Die endgültige Sammlung aller Annainstanzen mit unterschiedlichsten Haaren habe natürlich ich selbst. Ich sehe sie mir selten an, denn wie gesagt: Tränen. Aber manchmal will ich wissen, wann sie denn von kurz zu nicht mehr kurz, länger, länger, länger, länger, halblang, kurz, halblang, kurz, halblang, kurz übergingen, von hellblond zu blond, zu dunkelblond, zu hellbraun, zu dunkelbraun, zu sehr dunkelbraun, zu weißen Schläfen zu – 2015 – immer deutlicher graumeliert.

Bis ich 11 Jahre alt war, hatte ich immer kurze Haare. Das war einfach so. Und es war gut so. Ich wünschte mir keine langen Haare, sie wurden die längste Zeit von meiner Mutter geschnitten und das war so unproblematisch, dass ich mich nicht mehr daran erinnere, oder nur lose, an die ganz scharfe Schere und das deshalb stillhalten müssen. Kurze Haare, keine Erinnerungen an das Waschen, Trocknen oder sonst etwas. Keine Gedanken an Haarklammern, Haarspangen, Haarreifen, sonstige Ornamente. Keine Gedanken an meine Haare – oder zumindest keine, an die ich mich erinnere.

Und dann kam ich ins Gymnasium. Und dort gab es keine Mädchen mit kurzen Haaren außer mir. Halblang, vielleicht, aber vor allem lang. Wallend. Keine Locken. Keine kurzen Haare. Anna, fremder Körper von Anfang an. Hat die größte Angst, deren Folgen zwar entdeckt, aber nicht richtig interpretiert, nicht besprochen, nicht gelöst werden. Die Angst bleibt also. Als Lösung präsentiert sich die Anpassung: Haare wachsen lassen, dann würde ich aussehen wie die anderen Mädchen und alles würde gut werden.

Haha.

Haha haha haha.

Meine Großeltern väterlicherseits kannte ich nicht. Ich kannte auch lange keine Fotos von ihnen, obwohl mein Vater sieben Fotoalben voller Bilder und Kommentare hortete, Bilder, die Geburt und Aufwachsen meiner Tanten und meines Vaters dokumentierten, fotografiert von meinem Großvater und meiner Großmutter, die selten auf den Bildern zu sehen ist. Kommentare vom Großvater. Erst als ich die Fotoalben einer Tante übergab, damit sie ins Museum kamen, sah ich sie mir an. Sie sagte mir auch, wie verletztend sie die Kommentare empfunden hatte.

Mein Großvater hatte lockige Haare, kurz. Meine Großmutter hatte immer streng zurückgekämmte und -gebundene Haare, ob glatt, wellig oder gelockt weiß ich gar nicht. Als Kinder hatten die meisten meiner Tanten und auch mein Vater lockige Haare. Mein Vater in seiner Jugend noch etwas länger, lockig, später immer kürzer, da ringelten sie sich nicht mehr. Die Tanten banden ihre Haare bald zu Zöpfen. Später trugen sie sie ausnahmslos kurz, in patenten Kurzhaarschnitten. Sie sehen sich alle sehr ähnlich. Ich sehe ihnen sehr ähnlich. Und als ich nicht mehr Kind und meinen Tanten länger ausgesetzt war, erlebte ich die Folgen ihrer eigenen Erziehung, die ich erst jetzt und nur in Teilen, kritisch analysieren kann. Str_eng. Und dabei so anders als die anderen str_engen Erziehungen, Kommunismus statt Religion. Ich wollte so nicht sein, so nicht aussehen, keine kurzen Haare haben. Meine armen Tanten.

Meine Großmutter mütterlicherseits war die einzige meiner Großeltern, die ich kannte. Sie hatte wellige Haare, hinten in einem Dutt zusammengefasst, die Wellen sorgfältig mit diesen Metallklammern nachgeformt. Wenn ich heute einen Seitenscheitel ziehe, denke ich an sie mit ihren Haarklammern, denn im nassen Zustand wellen sich meine Haare genauso und ich könnte die Wellen genauso mit Haarklammern fixieren, wenn ich wollte. Sie trug auch einen Seitenscheitel, hatte dunkle Haare, die zwar zunehmend ergrauten, aber vor allem dunkel blieben. Mein Großvater mütterlicherseits hatte schon früh schlohweiße Haare, sagt meine Mutter.

Die Locken meines Vaters sah ich also nur in meiner Kindheit. Die Locken meiner Cousins und Cousinen waren ganz anders als meine, weniger wild, viel wilder, festere Haare. Mein Onkel, Bruder meiner Mutter, hatte immer halblange Wallehaare, wellig, voluminös, zunehmend ergrauend. Die Haare meiner Mutter waren kurz, die längste Zeit. Als Kind blonde Zöpfe, als junge Frau blondgebleichte, lange, leicht gewellte Haare, nicht gerade, nicht stark gewellt, nicht lockig. Auf meiner Geburtsanzeige hat sie dunkelbraune Schäfchenlocken, die sie sich alle sechs Wochen in Basel legen ließ. Danach waren sie die längste Zeit kurz, blieben kurz, ab einer gewissen Zeit dann hennarot, dann zunehmend grau. Einmal ließ sie sich die Haare wachsen, sah trotz der grauen Haare mädchenhaft aus, ungewohnt. Warum eigentlich? Dann ließ sie sie wieder kurz schneiden, die Kinder, die sie betreute rissen zuviel daran.

Ich habe erst vor einem Monat festgestellt, dass ich zwar die starken Locken meiner Vaterseite habe, die feinen Haare und das schöne Weißwerden allerdings von meiner Mutterseite. Dabei dachte ich, ich hätte gar nichts von meiner Mutter, was so meinen Phänotyp betrifft. Stimmt aber nicht. Darum freue ich mich eigentlich auf meine weißen Haare. Aber müssen die jetzt schon kommen? Dabei sind sie schon seit 2008 da.

Also mit 11. Mit 11 ließ ich mir die Haare wachsen. Statt Anpassung stach ich aber immer mehr heraus. Die Haare wurden wild. Sie standen ab. Sie bauschten sich auf. Sie wurden ein Signal für alle in der Schule, selbst außerhalb der Klasse war ich bekannt, fiel auf. Nicht positiv. Verbale und physische Angriffe nahmen zu. Ich lernte, dass Platanensamen als Juckpulver verwendet werden können. Hatte ich meine Finger in eine Steckdose gesteckt? Nein. Ich hatte meine Haare nur gebürstet. So wie ich es vorher tat. So wie ich es lange Zeit tat, da ich nicht wusste, nicht lernte, mir niemand sagte, wie ich meine Haare denn anders behandeln könnte, damit sie nicht so aussahen, wie sie aussahen, damit ich nicht so viel Spott, so viel Gewalt abbekam.

Ich trug Haarreifen, aber die machten es auch nicht besser. In den Zeitschriften, die ich so las, damals, in der Bravo und im Girl! und in der Minnie gab es nie ein “Makeover” für ein Mädchen*, das so Haare hatte wie ich. Schlimmer wurde es, als wir mit 12 nach unseren Spezialisierungen sortiert und getrennt wurden. Ich verlor viele Freundinnen, fiel immer mehr aus dem Klassenverband heraus. Die Mobber_innen blieben. Blieben, blieben, einer ging, ein anderer kam dazu, neue Schüler_innen kamen in die Klasse, ich blieb am Rand.

Irgendwann waren die Haare endlich lang genug. Vielleicht, als ich 15 war? 16? Ich kann es nicht mehr sagen, diese Jahre wurden von meinen Eltern lange nicht so emsig dokumentiert, wie die ersten drei Jahre meiner Kindheit. Ihre Aufmerksamkeit lag ganz auf meinem Bruder, der ebenfalls Probleme in seiner Klasse hatte, aber bei ihm gaben die ihn schlecht behandelnden Lehrer den Ausschlag: Er wurde in die Schweiz verbannt, weil dort alles besser sei. Und dann litten wir alle fürchterlich. Meine Mutter, mein Bruder, und ich. Ich weiß nicht, ob mein Vater litt, er freute sich wohl über die plötzliche Stille am Frühstückstisch und sah meinen Bruder öfter als meine Mutter, die nicht einfach am Wochenende kurz in die Schweiz fahren konnte.

Die Haare waren also lang genug. Zuerst flocht ich mir Zöpfe, die ich dann mit einem Gummiband hinten zusammenhielt. Dann folgte eine lange Phase von Pferdeschwanz mit Haargummi, mein Vater nannte das meinen “Mozartzopf”, soooooo witzig. Dann fasste ich meine Haare zu einem Knödel zusammen, den ich mit einer Klammer zusammenhielt und so blieb das, lange, lange, lange, lange Zeit. Die Form der Klammern veränderte sich ab und zu (Trend Miniklammer: ein bisschen mitgemacht), weil die Dinger auch kaputtgingen, aber oh, die längste Zeit wurde geklammert, was das Zeug hielt, Alternativen gab es nicht. Bis 2004 zog ich mir nie einen Seitenscheitel.

Meine Mutter schnitt mir weiterhin die Haare, hinten gerade ab. Ein einziges Mal schickte mich mein Vater zu seiner Friseurin*, die* nicht wusste, wie Locken geschnitten werden sollen und auch nicht viel mehr machte als meine Mutter, außer, dass sie* mir vorne irgendeine komische Welle hineinbaute, die ich im Lift sofort zerstörte und wieder in einen Mittelscheitel verwandelte. Manchmal, wenn die langen Haare frisch gewaschen und luftgetrocknet waren (denn das hatte ich inzwischen gelernt, aber mehr nicht), ließ ich sie offen, fasste also die Seitensträhnen hinten zusammen, der Rest hing runter, das war für 2 Sekunden in und ging mit meinen Haaren, also hielt ich mich daran fest.

Dass meine Haare eigentlich schön waren, bemerkte ich erst später, auf den Fotos. Ich hasste sie. An Spaß mit meinen Haaren war nicht zu denken. Meine Haare nach meinen Vorstellungen zu gestalten wurde bestraft. Also bloß nichts riskieren. Dann begann ich von anderen Menschen fotografiert zu werden. Das erste Bild, auf dem ich mich schön und sexy fand, wurde am Ende des besten Schuljahres ever (an einer anderen Schule) von einer anderen Person gemacht. Diese Mitschüler_innen schleppten mich auf dem Schulausflug in Berlin in meine erste Disko, mit strahlend blauem Lidschatten, Wimperntusche und zwei Pferdeschwänzen. Meine beste Freundin und ich richteten unsere Kameras aufeinander. Zöpfe wurden als Option wiederentdeckt, die ab und zu ganz lustig aussahen.

Danach fotografierten mich meine Freunde. Anna, ganz unterschiedlich. Schließlich endlich so, wie ich mir das ungefähr vorstellte: Seitenscheitel, Blume im Haar. Aber meistens waren die Haare doch zusammengeklammert, weil praktisch, und im Alltag wurde die Anna mit Seitenscheitel und Blume im Haar nie ausgeführt.

Und dann waren die Haare egal. Gewaschen mussten sie werden, es war mühsam, es war schrecklich. Egal, wie die Haare aussahen, alles andere war so viel wichtiger. In dieser Zeit fiel mir auf, dass meine Schläfen grau geworden waren. Kam das von der Trauer, vom Stress? Dass die Haare dünner wurden kam sicher vom Stress, heute sind sie wieder “normal”. Aber grauer. Viel, viel mehr weiße Haare als 2009. Scheint in der Familie zu liegen. Ich ließ sie wachsen, die weißen Haare an den Schläfen waren noch nicht so auffällig. Ich ließ sie wachsen, nannte sie meine Prinzessinnenhaare, sie waren so lang wie noch nie. Dünn. Dünn waren sie.

2011 schnitt ich sie ab. Die Diplomarbeit war abgegeben. Zuerst schnitt meine Mutter, wieder gerade im Nacken, dann ging ich in den Salon. Und in den nächsten. Und in den nächsten. Locken schneiden ging jetzt, aber so, wie ich mir das vorstellte, nicht ganz. Dann landete ich endlich und jetzt? 2014 ließ ich mir die Haare so kurz schneiden, wie sie 1992 gewesen waren. Nur sahen sie anders aus. Kaum 5 Monate später und sie sind schon wieder so lang, dass sie mir fast zu lang sind. Das schnelle Haarwachstum hab ich auch von meiner Mutter.

Gefärbt werden sie auch seit 2011. Manchmal ist es mir zu anstrengend, dann wächst der Ansatz und meine Gefühle mischen sich. Ich will nicht mehr färben müssen, weil es so mühsam ist und in kürzester Zeit sind sie sowieso wieder gewachsen. Aber die weißen Haare will ich auch noch nicht. Sie passen meinem Gefühl nach noch nicht zu meinem Gefühl. Später. Später!

2015: Später ist jetzt. Statt die Haare zu färben, ließ ich sie wachsen und fluchte innerlich über meine “Zweifarbenhaare”, dabei hatten sie drei Farben. Heute wurden sie geschnitten und jetzt bleiben sie grau, bis sie so weiß sind, dass ich mir ohne Bleichmittel rosa Strähnen hineinfärben kann. Sehe ich jetzt älter aus? Ist das schlecht?

Manchmal bin ich traurig wegen den vielen Jahren, in denen ich meine Haare hasste. So viel vergeudete Zeit. Nun habe ich sie lieben gelernt, meine Haare. Nicht weil mir Menschen sagen, wie sehr sie mich um meine Locken beneiden. Nicht, weil sie gerne mit meinen Haaren spielen (bitte vorher fragen & eigentlich möchte ich das nicht). Nein, weil ich sie selbst schön finde, kurz oder lang.

Erste Leere

image

Der Kater ist weg und es ist leer hier. Sein Cat Bungalow ist zerrupft vom Kampf gegen die Transportkiste heute früh, seine Futterschüssel steht dort, wo ich sie heute morgen hingestellt habe, seine Kistchen sind noch nicht geleert, aber er ist weg. Kein mrrr, kein prrr, kein mrrrow, kein nya, kein mau, kein mi, kein marau – ich habe kein Wort gesagt, seit ich nachhause gekommen bin. Der Kater hat währenddessen anscheinend glücklich Gras gefressen (er ist ja doch eine kleine Maunzekuh).

Ich dachte, ich würde heute meine erste Kiste packen, aber ich finde sie gerade nicht. Vielleicht habe ich sie auch nach dem letzten Umzug entsorgt, dabei hat meine DVD-Sammlung so gut hineingepasst. Ich könnte auch eine Liste mit To-Dos anlegen oder mich über Wildkräutergärten kundig machen oder schauen, was ich während der Umzieherei stricken will, jetzt, wo doch meine linke Hand nicht mehr permanent mit Katerbauchkraulen beschäftigt ist. Aber noch mehr mag ich der Leere nachspüren und ein bisschen seufzen.

Ich bin ja schon gespannt, ob ich morgen auch ohne Kater um 5 Uhr aufwache.

Auf Wiedersehen, Kater

Da sitze ich mit Onkel, Tante und der Königinmutter und es wird ernst. So sachte es gekommen ist, dieses Gefühl der Liminalität, so schnell verschwindet es. Am Mittwoch geht der Kater, eineinhalb Wochen früher als geplant. So hat er Zeit, sich in seinem Sommerdomizil einzugewöhnen, bevor der dort angekündigte Besuch kommt. Ich möchte, dass es ihm gut geht, auch wenn ich ihn vermissen werde. Und ich kann mit dem Packen beginnen, ohne ihn zu stressen. Aber ach.

Die Königinmutter erzählt, es ging ihr ähnlich mit dem Essen einkaufen. Sie wacht um 4 Uhr auf, weil ihr so viel durch den Kopf geht. Ich soll mir die Wohnung im Umbau ansehen, aber ich habe diese Woche keine Zeit und ich weiß nicht, ob ich das möchte. Nächste Woche ist es fast zu spät, da soll sie dann fast schon fertig sein. Ob der Schrank schon rosa ist? Hat der alte blaue Schrank sein neues Blau? Ich bin doch aufgeregt.

Es kommt die Zeit der Listen und der Fragen. Was packe ich in die erste Kiste? Soll ich gleich alle Kisten die ich habe mit Büchern und Wolle vollpacken? Dann wäre das erledigt und es sind die am leichtesten zu packenden Kisten. Zuletzt kommen dann die Kisten, wo alles noch Übriggebliebene hineingeworfen und ganz zuletzt wieder ausgepackt wird. Oder soll ich zuerst die Kisten auspacken, die ich beim 1. Umzug nie ausgepackt habe, um zu sehen, ob ich daraus irgendetwas loswerden kann? Oder sie einfach zukleben und in Shoebox Palace auspacken?

Wenn der Umbau vorbei ist, muss Shoebox Palace erst geputzt werden. Vielleicht werden auch gleich die Fenster gewaschen, bevor mein Krempel einzieht. Jedenfalls müssen alle Kisten, die jetzt dort sind, ausgepackt werden. Dann kommen die leeren Kisten zu mir und ich packe fertig ein. Logistik. Ein Hin- und Herschieben von Teilchen, wie ein kleines Spiel auf dem Smartphone. Transportiere ich die Steinsammlung separat? (Ja.) Wohin kommt eigentlich die Wollsammlung? (In den Kasten, der erst noch in ein anderes Zimmer muss.) Was werde ich am Dringendsten brauchen gleich nach dem Umzug? (Kleidung.)

Mit den Fragen kommen die Entscheidungen. Nein, der rosa Schrank wird nicht sofort gepunktet. Wir können Wetten abschließen, ob er noch 2015 gepunktet wird. Ich sage ja.

image

Auf der Schwelle – Shoebox Castle wird zum liminal space

(Bedeutung von Liminalität aus der englischen Wikipedia, gefällt mir besser & ist klarer & konziser – “Liminalität ist in der Anthropologie die Ambiguität oder Desorientierung, die im  Mittelteil eines Rituals auftreten kann, wenn die Teilnehmenden ihren vorrituellen Zustand/Status verloren haben, die Transition zum Zustand/Status, den sie durch das Ritual erreichen werden, aber noch nicht begonnen haben. “Limen” ist die Schwelle auf Latein. Ich hab das Wort meinen Bekannten aus der Folk Society in Edinburgh abgelauscht & es schön gefunden.)

Shoebox Castle hat sich in einen liminal space verwandelt, ein Raum, dessen Bewohnung durch mich für mich eigentlich zu Ende ist, aber mein neues Zuhause existiert auch noch nicht, nur in meinem Kopf. Dort aber schon in leuchtenden Farben. Es geht zu Ende hier im 22. Wiener Gemeindebezirk. Vertraute Dinge, Bilder, Orte – und die mit ihnen verknüpften Rituale werden wegfallen. Der #donaustand wird seltener werden. Der Kater zieht aufs Land, bis es Herbst und wieder kälter wird. Das Grüne, das Blaue, das Graue wird weniger werden, wenn Fluss, Gstettn und U-Bahntrasse wieder an den Stadtrand rücken. Was werde ich vermissen? Werde ich Shoebox Castle vermissen, wenn ich dann in Shoebox Palace wohne? Soll ich mein Blog umbenennen? (Nein.)

Aber es ist eben noch nicht so weit. Monatelang redeten die Königinmutter und ich über ihren Umzug und den Umbau ihrer Wohnung und meinen Umzug, alles schien noch so weit entfernt. Sie ist größtenteils umgezogen, der Umbau hat am Montag begonnen und ich? Ich kann es nicht ganz kapieren, dass ich in einer Woche zart mit dem Einpacken beginnen darf, eigentlich jetzt schon mit dem Listenschreiben, mir juckt es schon jetzt in den Fingern, die Schaumkelle einzupacken und die Bücher zu sortieren, aber das geht alles noch nicht. Ich sitze da und versuchte darüber hinwegzuatmen, dass mir die Königinmutter ein Email mit dem Betreff “Abkratzen” geschickt hat, sie meint die Wände, damit sie frisch gestrichen werden können, mich wirbelt es durcheinander. Der Umzug wirbelt auch sie durcheinander, wir sind außer Balance geraten, alles ist instabil. Alte Muster kehren zurück, schmerzhaft stabil.

Lang vergrabene oder eher ins Regal gestopfte, in Kisten in Kellern, bei Nachbarinnen im Depot gelagerte Dinge wollen nun begutachtet, geordnet, eingegliedert, weitergegeben oder entsorgt werden. Belegexemplare, Gläsersammlungen, ein runder blauer Metalltisch und zwei Klappstühle aus dem Jahr 2005. Geschichte. Meine. Die meines Bruders. Die meiner Eltern. Die meiner Großeltern. Die meiner Urgroßeltern, Ururgroß- Urururgroßeltern – obwohl, von denen hat meine Mutter glaube ich alles mitgenommen, aber die Zuckerdose, eine von … 2? Ist die von ihnen? Ach, im Fundus sind sicher noch mehr, aber nie Salzstreuer. Keine Salzstreuer in dieser Familie.

Mein erstes Nest, das ich mir (größtenteils) nach meinen ganz eigenen Vorstellungen gestalten kann. Wie irritiert manche Menschen sind, wenn ich sage, dass der Schrank im Schlafzimmer rosa wird. Wahrscheinlich wird es dauern und dauern, bis alles geschafft, alle Details so gesetzt sind, wie ich es mir gerade vorstelle. Wie lange dauert es, einen Schrank mit Punkten zu bestempeln? Wie lange bis ich den perfekten Goldrahmen für die Abmessungen (Anna 1996) am Türsturz habe? Werde ich mich wirklich trauen, im Vorzimmer Paste-ups an die Wand zu kleben? Wo kann ich das vorher üben? Die schnelle Entscheidung für dunkelblaue Fliesen in der Dusche wirft mich für eine Stunde völlig aus der Bahn, mein Kopf dreht sich. Ist das wirklich alles wahr? Weil es so wahr ist, kaufe ich kein Essen mehr, weil ich ja bald umziehe. Bis mir das bewusst wird und ich endlich wieder Dinge für Frühstück und Abendessen einkaufe, dauert es eine Woche.

Ich stehe auf der Schwelle. Sie ist ein sonderbarer Ort.