The Anime Rainbow: Nodame Cantabile

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[CN für die Rezension: Benennung von sexuell übergriffigem Verhalten, Heterosexismus, Cissexismus, Gewalt, Sexismus]

[TW Heterosexismus, Cissexismus, Sexismus, sexuelle Übergriffigkeit, körperliche Gewalt (scherzhaft), körperliche Gewalt (ernsthaft), Objektifizierung, Flugzeugunglück, CN Fatshaming, ableistische Sprache, Klassismus]

Nodame Cantabile hat drei Staffeln, Nodame Cantabile, Paris Hen und Finale und insgesamt 45 Episoden (plus zwei OVAs und ein Special). Einerseits ist Nodame Cantabile dem Genre “Karriereanime” zuzuordnen, es wird also der karrieremäßige Aufstieg von in diesem Fall zwei Hauptfiguren und einem größeren Ensemble verfolgt., andererseits ist Nodame Cantabile ein humoristischer Anime und zeigt leider die allerschrecklichsten Seiten dieses Genres.

Es gibt also

  • den sexuell übergriffigen alten Mann (Warum ist das “lustig”? Warummmm?),
  • die homosexuelle Figur (Absatz editiert am 5.10.)  – (Oft ist diese Person eine Transfrau oder eine Dragqueen, deren Verhalten und Begehren vor allem am Beginn der Serie als belustigend und abstoßend dargestellt wird (in anderen Serien wird es das die ganze Zeit). In Nodame Cantabile hat Okuyama Masumi, anders als in anderen “lustigen” Anime, eine Hintergrundgeschichte, ein eigenes Leben, ist ausgezeichnete* Perkussionistin und ist definitiv ein wichtiger Teil des Ensembles.  Später kommt ein schwuler Mann vor, dessen Begehren ebenso als belustigend und abstoßend dargestellt wird, aber er bleibt eine Randfigur. Schließlich gibt es noch eine Szene in der potentiell lesbisches Begehren als abstoßend dargestellt wird),
  • Objektifizierung (BH-Größen scheinen sehr wichtig zu sein, aber da das Zielpublikum als weiblich* angenommen wird, ist Nodame Cantabile bei weitem nicht so extrem wie andere Anime und richtet sich in den meisten Fällen nach der female gaze),
  • Sexismus & Festlegung sexistischer Normen (Frauen sollen gepflegt, nett, elegant sein und sich auch so verhalten, Makeup tragen, aber nicht zu viel, “gehören” einem Mann … etc. etc. etc.),
  • die “spaßhafte” Gewalt, bei der auch Blut spritzt (wie Tom & Jerry, nur mit Menschen und je nachdem Blut),
  • Klassismus,
  • Fatshaming
  • und sicher noch mehr problematische Dinge.

Aber. Noda Megumi oder Nodame, die Hauptfigur der Serie, ist eine so wunderbar untypische Hauptfigur. Ihre Wohnung ist ein Chaos, sie legt keinen Wert auf Körperpflege oder stereotyp “feminine” Kleidung, sie kann nicht kochen, sie singt Scherzlieder über Fürze und Katzenscheiße, mag Anime und Manga, sie bringt ihr Begehren für Chiaki Shinichi, den Protagonisten, mehr als deutlich und auf für weibliche Animefiguren sehr untypische Art und Weise zum Ausdruck – und in diesem Anime wird Begehren, Küssen, Sex endlich einmal (wenn auch je nachdem nur in den dezentesten Ansätzen) thematisiert (nein, das ist nicht immer so) . Nodame bleibt auch so – es gibt hier kein Riesenmakeover und alle temporären Änderungen halten nicht lange. Es ist Chiaki, der trotz aller seiner Widerstände für Nodame aufräumt, ihre Kleidung wäscht, sie pflegt, ihr Essen kocht.

Schon allein diese Umkehr, die ich sonst in nur einigen wenigen Anime und fast nie auf diese Weise gesehen habe, hat mir Nodame Cantabile ans Herz wachsen lassen. Was noch dazukommt: In Nodame Cantabile geht es um klassische Musik, die ich gerne mag und der Anime spielt endlich einmal an einer Universität statt an einer Schule (yes! 20jährige! Juhu! *heul* Wenn’s mal mehr als eine Handvoll Anime über 30jährige Frauen gäbe …).

Chiaki stammt aus einer reichen, musikalischen Familie und will Dirigent werden, kann aber #ausGründen Japan nicht verlassen. Nodames Vater ist Seetangbauer, ihre Mutter ist schneiderisch begabte Hausfrau und sie will eigentlich nur einen Uniabschluss, damit sie Lehrerin werden kann. Chiaki entdeckt, wie gut sie Klavier spielen kann und so geht es dann darum, dass er und viele andere versuchen, Nodame darin zu unterstützen, Pianistin zu werden. Gleichzeitig bringt Nodame auf ihre Art Chiaki dazu, seine arrogantes Arschlochverhalten zu ändern, d.h. er unterstützt sie mit Reproduktionsarbeit, seinem kulturellen Wissen und seinen Verbindungen, sie unterstützt ihn bei der emotionalen Arbeit.

Dass sie es ist, die ihn bei der emotionalen Arbeit unterstützt, kann zwar auch problematisch gesehen werden, aber in den meisten Anime unterstützt die weibliche Figur den Protagonisten in diesem Bereich ohne gleichzeitig in ihren eigenen Bestrebungen eine ähnliche Unterstützung zu enthalten, sollte sie denn eigene Wünsche und Ziele haben, die außerhalb “Beziehung mit Protagonist” liegen – wenn ihr überhaupt so viel Raum, Hintergrundgeschichte und Charakter zugestanden wird. Auch wird das Machtgefälle, das zwischen Chiakis und Nodames Hintergrund besteht, thematisiert und Nodame weist Chiaki darauf hin, wenn er vergisst, dass sie nicht aus einem Oberschichthaushalt stammt und ihr der “Bildungskanon” fehlt, da sie von ihrer Familie dahingehend keine Unterstützung erhalten hat. Nodame entwickelt ihre eigenen Bilder und Vorstellungen, die auch (von Chiaki) als gleichrangig akzeptiert werden.

Dazwischen gibt es klassische Musik, wobei auch Werke von Komponisten (nein, keine Frauen*, was dachtet ihr?) des 20 Jahrhundert vorkommen (untypisch). Immer wieder kommen die Charaktere in Wettbewerbssituationen, was natürlich die Spannung erhöht (vergleichbar mit Sportanime). Und es gibt eben die Liebesgeschichte zwischen Chiaki und Nodame, die weder einfach noch spannungsfrei ist. In den Konzertszenen ist die Computeranimation manchmal seeehr deutlich zu sehen, aber im großen und ganzen ist die Animation ok, nicht sehr detailreich, aber nett anzusehen (Chiaki-senpai! Kyaaa! *hust*).

Ich kann euch also Nodame Cantabile nicht guten Gewissens empfehlen. Ich kann euch Nodame Cantabile aber auch nicht nicht empfehlen. Wenn ihr klassische Musik mögt und ein Paradebeispiel für einen humoristischen Anime sucht und nicht die fadeste, 1000mal wiederholte, androzentristische Geschichte sehen wollt (denn meistens sind solche humoristischen Anime für cismännliche Zuschauer gemacht), dann seht euch Nodame Cantabile an. Falls das eher nichts für euch ist – Geduld, es kommen noch weitere Rezensionen ;)

no spoilers

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The Valley of Love and Delight

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Hä was? Ja … sorry, ich mag grad nicht einen der geplanten großen Blogposts abarbeiten. Dafür brauche ich mehr Zeit und Raum und alles. Also mal was dazwischen.

Heute haben @theRosenblatts auf ihrem Ein Blog von Vielen ein Video gepostet, und ich habe in meine Suppe geheult. Hühnersuppe mit Rotz und Wasser schmeckt recht gut. @theRosenblatts wird jetzt noch mehr zurückzucken (sorryyy), aber mir ist ein Teil dieses Videos vor ein paar Tagen im Kopf herumgeirrt und als ich die Melodie dann hörte, kamen die Tränen.

Nein, nicht Somewhere Over the Rainbow, obwohl auch sehr nett. Simple Gifts, eine Shakerhymne, sore abused but not yet dead (das ist aus einem anderen Lied, Text Maggie Holland, gesungen von June Tabor). Lest mal kurz im Wikipedia-Artikel, in der Originalkomposition steht nix von Lord of the Dance, das hat Sydney Carter dann 1966 dazugeschrieben. Naja, wenn ihr Wikipedia in diesem Punkt vertraut. Ist mir aber eigentlich ziemlich egal, was ihr denkt.

Mir geht es um die Zeilen

And when we find ourselves in the place just right,
‘Twill be in the valley of love and delight.

Wisst ihr, was mir diese Zeilen sagen? “Es ist alles ok. Hey, du bist genau da. Vielleicht nicht da, wo du hinwolltest, aber du bist genauuuu da in diesem Tal der Liebe und Freude. Schau mal. Das ist voll ok hier.” Weil in den letzten Monaten, im ganzen letzten halben Jahr war nix ok. Und in den letzten zwei, drei Wochen war alles noch viel weniger ok. Ich bin noch nicht dazugekommen, mich mit dieser neuen Anna anzufreunden, mich in ihr auszuprobieren, in ihr mal eine Nacht zu schlafen und zu schauen, was das eigentlich mit mir anstellt, dieses “Oh, hey, Menschen lesen mein Blog, lesen meine Tweets, wollen was von mir wissen, zitieren mich, fragen mich Dinge.” Fragen mich, ob ich was schreiben, anschauen, beurteilen, mitbesprechen, planen mag.

Weil HUCH! Ich bin das nicht gewöhnt. Ich hab euch ja schon ein bisschen was erzählt, aber viele Dinge nicht. Ich hab euch nicht erzählt, dass ich ein mutiges Kind war, schreibend, lesend, dichtend, zeichnend, malend, spielend, singend, strickend, planend, Regie führend, frech und konfrontationsbereit. Und dass mir dieses Kind dann gestohlen und kaputtgemacht wurde. Ganz “normaler” Schulalltag, in dem ich einfach nicht so war wie alle anderen reichte da schon.

Mit Abstand sehe ich, dass ich wohl mit meinem damals sehr burschikosen (Kurze Haare! Oft genderneutrale Kleidung!), furchtlosen Auftreten einen Platz in der Machthierarchie der Klasse beanspruchte, den andere einnehmen wollten, die dafür bereit waren, mich zum Schweigen zu bringen, mich auszuschließen, mich aktiv zu quälen. Irgendwann schreibe ich da noch mehr drüber, mir geht’s jetzt nicht um die Einzelheiten. Jedenfalls habe ich alles versucht zu verstecken, damit es überlebt, und bei manchen Dingen ist mir das offensichtlich doch gelungen.

Nachdem ich endlich dieser Schule entronnen war, ging ich freiwillig ein weiteres Jahr in die Schule, in die Schweiz, auf ein italienisches Kunstgymnasium, in einem schönen Teil von Zürich. Dort wurde ich wieder als Mensch wahrgenommen, mein Schreiben, mein Gestalten, mein Zeichnen, mein Aussehen wurde respektiert und als cool bezeichnet. Seit damals habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, die Folgen dieser 8 Jahre des Terrors zu bekämpfen und seitdem ich erkannt habe, was für ein Kind ich war, wieder zu diesem Kind zurückzufinden.

Das dauert aber ein bisschen. Und manchmal erschrecke ich mich selbst ein bisschen dabei mit meinem neuen alten Mut. Und manchmal mache ich komische Sachen, zum Beispiel Katzenohren aufsetzen, wenn ich hunderte fremde Leute treffen werde (weil ich dann verkleidet und nicht “ich” bin). Oder ich schreibe lange Blogposts über Dinge. Oder ich höre oder singe eben für die meisten von euch wahrscheinlich komische Lieder. Das ist mir auch ziemlich egal, ob die für euch komisch sind, es sind ja meine Lieder, nicht eure. Obwohl es eben manchmal doch auch eure sind und dann heule ich halt.

Jedenfalls hat’s jetzt grad einen Knall gegeben und ich sitze jetzt da, wo ich hingehöre und fühle mich ein bisschen besser, wenn auch erschöpft. Ich brauch noch ein bisschen Zeit, mich wieder ganz aufzurappeln und wieder so einzurichten wie ich das alles will, aber ich bin jetzt ein wenig zuversichtlicher.

Noch ein Hörtipp: @matahari_etc hat vor der Nationalratswahl Gustavs Version von “We shall overcome” getweetet, aber mir war mehr nach Joan Baez und da hörte ich sie in der zweiten Strophe “We shall be alright” singen. Ja, heftig geheult. Ich heule manchmal, wenn ihr es nicht seht. Meistens zu oder wegen Musik, weil sie die Tränen leichter raufholt.

Und ein Lesetipp auch noch: Geht/Ging mir in vielem genauso, in anderen Aspekten nicht so, aber lesen solltet ihr den Text von @communeva zu Depressionen unbedingt.