Liebe Haare, …

Vorletzten November machte ich ein Selfie von mir, das meine im Sommer etwas leichter gewordene Depression mit einem Knall sehr verstärkte. Alles, was mich vorher schon bedrückt hatte, was ich aber durch einen besonders schönen Sommer überwunden glaubte, legte sich wieder auf mich. Langsam kamen die Worte dafür und jetzt dürfen sie nach außen.

2014: Heute Morgen schaute ich in den Spiegel und verzog mein Gesicht. Ich will die weißen Schläfen nicht, die weißen Einsprengsel am Seitenscheitel nicht – noch nicht! Bitte wartet noch, liebe Haare, ich kann mich noch nicht damit abfinden, dass ihr ohne mein Zutun die Farbe wechselt. Dabei sollte ich daran gewöhnt sein.

Als Kind hatte ich hellblonde Haare. Wilde, hellblonde Locken, mit fotografischem Talent gesegnete Eltern. Mein Bruder hatte auch Locken, aber lange nicht so wilde. Sehe ich mir unsere Kinderbilder an, muss ich manchmal heulen, vor Gram über diese Kinder, die wir einmal waren und alles, was ihnen danach passierte. Einige hatte ich ständig vor Augen, sie hingen in der Wohnung meines Vaters bis nach seinem Tod, gleich bei der Gegensprechanlage, unter der er seine Schuhe auszog, in der Küche und in der Bibliothek. Mein Bruder auf dem Hüpfball. Mein Bruder, stolz einen ertauchten Stein herzeigend. Ich, erster Schultag. Ich, schaukelnd.

Hat er das Bild mit der schaukelnden Anna betrachtet, bevor er zu mir kam und mich befragte, warum ich keinen Sport machte, als Kind hätte ich doch so gerne geschaukelt? Hat er darüber sinniert, wie aus diesem Kind das ihm fremde Wesen wurde, dass da saß, tief getroffen, stumm und weiter verstummend, weil da noch keine Worte waren, keine Ahnung, nur dieses Gefühl von “So wie ich jetzt bin liebst du mich also nicht”, das schon lange dagewesen war und sich immer nur verstärken würde. “Ja, damals war ich auch noch glücklich, du Arsch”, das hätte ich vielleicht sagen können – aber ich traute mich nie auch nur irgendetwas zu erwidern, aus Angst, dass nach einem Streit der letzte Rest von Akzeptanz, der da ab und zu (für brave Leistung) noch durchblitzte, auch noch wegfallen würde (nie gelernt: Konflikte austragen).

Aber eigentlich geht es ja um meine Haare. Aber an jedem meiner Haare hängt (eine) Geschichte.

Bei meiner Mutter hängen Fotos von meinem Bruder und mir, bei der Gegensprechanlage, vor der sie ihre Schuhe an- und auszieht. Mein Bruder mit 12, beim Schuhe anziehen in England. Ich mit 14, auch in England, einen Pullover über den Haaren, den Riemen einer Tasche auf der Stirn. Ein anderes Foto, das wohl kurz davor oder danach gemacht wurde, zeigt mich in meinem Lieblingspulli, mit frei wehenden Haaren – es war eins der wenigen Fotos, auf denen ich mich damals schön fand. Aber dieses Foto hängt da nicht.

Andere Fotos in der Wohnung meiner Mutter, über dem Lehnsessel, über dem Küchentisch, zeigen meinen Bruder und mich, wie er mir Selbstverteidigungsgriffe beibringt, die ich schon längst wieder vergessen habe. Darunter Bilder vom Begräbnis unserer Großmutter, mit unseren Cousins und unserer Cousine, eins ernst, eins grimassierend. Über dem Küchentisch hängt ein Foto von der Maturafeier meines Bruders, er und ich, stolz, ich mit Hut. Von meiner Maturafeier gibt es keine Fotos. Noch ein Foto von uns zweien. Mein Bruder und meine Schwägerin. Ich, allein auf einem rosa Plastiksofa sitzend, mit Lippenstift und zusammengebundenen Haaren, nachdenklich, melancholisch.

Stillstand also in der einen Wohnung, Weiterleben in der anderen (zumindest bis 2011, denn damals saß ich auf dem rosa Sofa). Meine Mutter macht immer noch Fotos von mir, mit ihrem Smartphone. Fotos, auf denen ich fürchterlich aussehe, ihr Spezialtalent. Aber zurück zu meinen Haaren.

Die endgültige Sammlung aller Annainstanzen mit unterschiedlichsten Haaren habe natürlich ich selbst. Ich sehe sie mir selten an, denn wie gesagt: Tränen. Aber manchmal will ich wissen, wann sie denn von kurz zu nicht mehr kurz, länger, länger, länger, länger, halblang, kurz, halblang, kurz, halblang, kurz übergingen, von hellblond zu blond, zu dunkelblond, zu hellbraun, zu dunkelbraun, zu sehr dunkelbraun, zu weißen Schläfen zu – 2015 – immer deutlicher graumeliert.

Bis ich 11 Jahre alt war, hatte ich immer kurze Haare. Das war einfach so. Und es war gut so. Ich wünschte mir keine langen Haare, sie wurden die längste Zeit von meiner Mutter geschnitten und das war so unproblematisch, dass ich mich nicht mehr daran erinnere, oder nur lose, an die ganz scharfe Schere und das deshalb stillhalten müssen. Kurze Haare, keine Erinnerungen an das Waschen, Trocknen oder sonst etwas. Keine Gedanken an Haarklammern, Haarspangen, Haarreifen, sonstige Ornamente. Keine Gedanken an meine Haare – oder zumindest keine, an die ich mich erinnere.

Und dann kam ich ins Gymnasium. Und dort gab es keine Mädchen mit kurzen Haaren außer mir. Halblang, vielleicht, aber vor allem lang. Wallend. Keine Locken. Keine kurzen Haare. Anna, fremder Körper von Anfang an. Hat die größte Angst, deren Folgen zwar entdeckt, aber nicht richtig interpretiert, nicht besprochen, nicht gelöst werden. Die Angst bleibt also. Als Lösung präsentiert sich die Anpassung: Haare wachsen lassen, dann würde ich aussehen wie die anderen Mädchen und alles würde gut werden.

Haha.

Haha haha haha.

Meine Großeltern väterlicherseits kannte ich nicht. Ich kannte auch lange keine Fotos von ihnen, obwohl mein Vater sieben Fotoalben voller Bilder und Kommentare hortete, Bilder, die Geburt und Aufwachsen meiner Tanten und meines Vaters dokumentierten, fotografiert von meinem Großvater und meiner Großmutter, die selten auf den Bildern zu sehen ist. Kommentare vom Großvater. Erst als ich die Fotoalben einer Tante übergab, damit sie ins Museum kamen, sah ich sie mir an. Sie sagte mir auch, wie verletztend sie die Kommentare empfunden hatte.

Mein Großvater hatte lockige Haare, kurz. Meine Großmutter hatte immer streng zurückgekämmte und -gebundene Haare, ob glatt, wellig oder gelockt weiß ich gar nicht. Als Kinder hatten die meisten meiner Tanten und auch mein Vater lockige Haare. Mein Vater in seiner Jugend noch etwas länger, lockig, später immer kürzer, da ringelten sie sich nicht mehr. Die Tanten banden ihre Haare bald zu Zöpfen. Später trugen sie sie ausnahmslos kurz, in patenten Kurzhaarschnitten. Sie sehen sich alle sehr ähnlich. Ich sehe ihnen sehr ähnlich. Und als ich nicht mehr Kind und meinen Tanten länger ausgesetzt war, erlebte ich die Folgen ihrer eigenen Erziehung, die ich erst jetzt und nur in Teilen, kritisch analysieren kann. Str_eng. Und dabei so anders als die anderen str_engen Erziehungen, Kommunismus statt Religion. Ich wollte so nicht sein, so nicht aussehen, keine kurzen Haare haben. Meine armen Tanten.

Meine Großmutter mütterlicherseits war die einzige meiner Großeltern, die ich kannte. Sie hatte wellige Haare, hinten in einem Dutt zusammengefasst, die Wellen sorgfältig mit diesen Metallklammern nachgeformt. Wenn ich heute einen Seitenscheitel ziehe, denke ich an sie mit ihren Haarklammern, denn im nassen Zustand wellen sich meine Haare genauso und ich könnte die Wellen genauso mit Haarklammern fixieren, wenn ich wollte. Sie trug auch einen Seitenscheitel, hatte dunkle Haare, die zwar zunehmend ergrauten, aber vor allem dunkel blieben. Mein Großvater mütterlicherseits hatte schon früh schlohweiße Haare, sagt meine Mutter.

Die Locken meines Vaters sah ich also nur in meiner Kindheit. Die Locken meiner Cousins und Cousinen waren ganz anders als meine, weniger wild, viel wilder, festere Haare. Mein Onkel, Bruder meiner Mutter, hatte immer halblange Wallehaare, wellig, voluminös, zunehmend ergrauend. Die Haare meiner Mutter waren kurz, die längste Zeit. Als Kind blonde Zöpfe, als junge Frau blondgebleichte, lange, leicht gewellte Haare, nicht gerade, nicht stark gewellt, nicht lockig. Auf meiner Geburtsanzeige hat sie dunkelbraune Schäfchenlocken, die sie sich alle sechs Wochen in Basel legen ließ. Danach waren sie die längste Zeit kurz, blieben kurz, ab einer gewissen Zeit dann hennarot, dann zunehmend grau. Einmal ließ sie sich die Haare wachsen, sah trotz der grauen Haare mädchenhaft aus, ungewohnt. Warum eigentlich? Dann ließ sie sie wieder kurz schneiden, die Kinder, die sie betreute rissen zuviel daran.

Ich habe erst vor einem Monat festgestellt, dass ich zwar die starken Locken meiner Vaterseite habe, die feinen Haare und das schöne Weißwerden allerdings von meiner Mutterseite. Dabei dachte ich, ich hätte gar nichts von meiner Mutter, was so meinen Phänotyp betrifft. Stimmt aber nicht. Darum freue ich mich eigentlich auf meine weißen Haare. Aber müssen die jetzt schon kommen? Dabei sind sie schon seit 2008 da.

Also mit 11. Mit 11 ließ ich mir die Haare wachsen. Statt Anpassung stach ich aber immer mehr heraus. Die Haare wurden wild. Sie standen ab. Sie bauschten sich auf. Sie wurden ein Signal für alle in der Schule, selbst außerhalb der Klasse war ich bekannt, fiel auf. Nicht positiv. Verbale und physische Angriffe nahmen zu. Ich lernte, dass Platanensamen als Juckpulver verwendet werden können. Hatte ich meine Finger in eine Steckdose gesteckt? Nein. Ich hatte meine Haare nur gebürstet. So wie ich es vorher tat. So wie ich es lange Zeit tat, da ich nicht wusste, nicht lernte, mir niemand sagte, wie ich meine Haare denn anders behandeln könnte, damit sie nicht so aussahen, wie sie aussahen, damit ich nicht so viel Spott, so viel Gewalt abbekam.

Ich trug Haarreifen, aber die machten es auch nicht besser. In den Zeitschriften, die ich so las, damals, in der Bravo und im Girl! und in der Minnie gab es nie ein “Makeover” für ein Mädchen*, das so Haare hatte wie ich. Schlimmer wurde es, als wir mit 12 nach unseren Spezialisierungen sortiert und getrennt wurden. Ich verlor viele Freundinnen, fiel immer mehr aus dem Klassenverband heraus. Die Mobber_innen blieben. Blieben, blieben, einer ging, ein anderer kam dazu, neue Schüler_innen kamen in die Klasse, ich blieb am Rand.

Irgendwann waren die Haare endlich lang genug. Vielleicht, als ich 15 war? 16? Ich kann es nicht mehr sagen, diese Jahre wurden von meinen Eltern lange nicht so emsig dokumentiert, wie die ersten drei Jahre meiner Kindheit. Ihre Aufmerksamkeit lag ganz auf meinem Bruder, der ebenfalls Probleme in seiner Klasse hatte, aber bei ihm gaben die ihn schlecht behandelnden Lehrer den Ausschlag: Er wurde in die Schweiz verbannt, weil dort alles besser sei. Und dann litten wir alle fürchterlich. Meine Mutter, mein Bruder, und ich. Ich weiß nicht, ob mein Vater litt, er freute sich wohl über die plötzliche Stille am Frühstückstisch und sah meinen Bruder öfter als meine Mutter, die nicht einfach am Wochenende kurz in die Schweiz fahren konnte.

Die Haare waren also lang genug. Zuerst flocht ich mir Zöpfe, die ich dann mit einem Gummiband hinten zusammenhielt. Dann folgte eine lange Phase von Pferdeschwanz mit Haargummi, mein Vater nannte das meinen “Mozartzopf”, soooooo witzig. Dann fasste ich meine Haare zu einem Knödel zusammen, den ich mit einer Klammer zusammenhielt und so blieb das, lange, lange, lange, lange Zeit. Die Form der Klammern veränderte sich ab und zu (Trend Miniklammer: ein bisschen mitgemacht), weil die Dinger auch kaputtgingen, aber oh, die längste Zeit wurde geklammert, was das Zeug hielt, Alternativen gab es nicht. Bis 2004 zog ich mir nie einen Seitenscheitel.

Meine Mutter schnitt mir weiterhin die Haare, hinten gerade ab. Ein einziges Mal schickte mich mein Vater zu seiner Friseurin*, die* nicht wusste, wie Locken geschnitten werden sollen und auch nicht viel mehr machte als meine Mutter, außer, dass sie* mir vorne irgendeine komische Welle hineinbaute, die ich im Lift sofort zerstörte und wieder in einen Mittelscheitel verwandelte. Manchmal, wenn die langen Haare frisch gewaschen und luftgetrocknet waren (denn das hatte ich inzwischen gelernt, aber mehr nicht), ließ ich sie offen, fasste also die Seitensträhnen hinten zusammen, der Rest hing runter, das war für 2 Sekunden in und ging mit meinen Haaren, also hielt ich mich daran fest.

Dass meine Haare eigentlich schön waren, bemerkte ich erst später, auf den Fotos. Ich hasste sie. An Spaß mit meinen Haaren war nicht zu denken. Meine Haare nach meinen Vorstellungen zu gestalten wurde bestraft. Also bloß nichts riskieren. Dann begann ich von anderen Menschen fotografiert zu werden. Das erste Bild, auf dem ich mich schön und sexy fand, wurde am Ende des besten Schuljahres ever (an einer anderen Schule) von einer anderen Person gemacht. Diese Mitschüler_innen schleppten mich auf dem Schulausflug in Berlin in meine erste Disko, mit strahlend blauem Lidschatten, Wimperntusche und zwei Pferdeschwänzen. Meine beste Freundin und ich richteten unsere Kameras aufeinander. Zöpfe wurden als Option wiederentdeckt, die ab und zu ganz lustig aussahen.

Danach fotografierten mich meine Freunde. Anna, ganz unterschiedlich. Schließlich endlich so, wie ich mir das ungefähr vorstellte: Seitenscheitel, Blume im Haar. Aber meistens waren die Haare doch zusammengeklammert, weil praktisch, und im Alltag wurde die Anna mit Seitenscheitel und Blume im Haar nie ausgeführt.

Und dann waren die Haare egal. Gewaschen mussten sie werden, es war mühsam, es war schrecklich. Egal, wie die Haare aussahen, alles andere war so viel wichtiger. In dieser Zeit fiel mir auf, dass meine Schläfen grau geworden waren. Kam das von der Trauer, vom Stress? Dass die Haare dünner wurden kam sicher vom Stress, heute sind sie wieder “normal”. Aber grauer. Viel, viel mehr weiße Haare als 2009. Scheint in der Familie zu liegen. Ich ließ sie wachsen, die weißen Haare an den Schläfen waren noch nicht so auffällig. Ich ließ sie wachsen, nannte sie meine Prinzessinnenhaare, sie waren so lang wie noch nie. Dünn. Dünn waren sie.

2011 schnitt ich sie ab. Die Diplomarbeit war abgegeben. Zuerst schnitt meine Mutter, wieder gerade im Nacken, dann ging ich in den Salon. Und in den nächsten. Und in den nächsten. Locken schneiden ging jetzt, aber so, wie ich mir das vorstellte, nicht ganz. Dann landete ich endlich und jetzt? 2014 ließ ich mir die Haare so kurz schneiden, wie sie 1992 gewesen waren. Nur sahen sie anders aus. Kaum 5 Monate später und sie sind schon wieder so lang, dass sie mir fast zu lang sind. Das schnelle Haarwachstum hab ich auch von meiner Mutter.

Gefärbt werden sie auch seit 2011. Manchmal ist es mir zu anstrengend, dann wächst der Ansatz und meine Gefühle mischen sich. Ich will nicht mehr färben müssen, weil es so mühsam ist und in kürzester Zeit sind sie sowieso wieder gewachsen. Aber die weißen Haare will ich auch noch nicht. Sie passen meinem Gefühl nach noch nicht zu meinem Gefühl. Später. Später!

2015: Später ist jetzt. Statt die Haare zu färben, ließ ich sie wachsen und fluchte innerlich über meine “Zweifarbenhaare”, dabei hatten sie drei Farben. Heute wurden sie geschnitten und jetzt bleiben sie grau, bis sie so weiß sind, dass ich mir ohne Bleichmittel rosa Strähnen hineinfärben kann. Sehe ich jetzt älter aus? Ist das schlecht?

Manchmal bin ich traurig wegen den vielen Jahren, in denen ich meine Haare hasste. So viel vergeudete Zeit. Nun habe ich sie lieben gelernt, meine Haare. Nicht weil mir Menschen sagen, wie sehr sie mich um meine Locken beneiden. Nicht, weil sie gerne mit meinen Haaren spielen (bitte vorher fragen & eigentlich möchte ich das nicht). Nein, weil ich sie selbst schön finde, kurz oder lang.

Advertisements

Und wie komm ich da wieder runter?

[CN: Tod, Krankheit, Depression, Angst]

Gut. So geht es meinem Onkel. Großartig. Ich freue mich so sehr, für ihn, für seine Familie, für meine Mutter. Ich bin so froh. Wie komm ich jetzt wieder von dem Schreckensbaum runter, auf den ich geklettert bin? Auch die Königinmutter ist noch ganz zittrig, sagt sie. Kein Wunder. Erst auf dem Heimweg vom Spital erkenne ich, dass ich getriggert bin vom Spital, vom Besuch am Krankenbett. Das erklärt meinen unglaublich traurigen letzten Sonntag, der nur mit Schokolade und Katze kuscheln gerettet wurde. Das erklärt die unglaublich schmerzhaften Kopfschmerzen Montag und Dienstag, sonst reagiere ich nie so sensibel auf das Wetter. Die Königinmutter und ich träumen beide von meinem Vater. Es sind gute Träume, aber sie zeigen deutlich, woran uns das alles erinnert.

Damals, als mein Vater im Spital im Sterben lag … drei Wochen lang, nur drei Wochen, in Retrospektive erscheint es mir viel länger, da hab ich mir blitzschnell die Fähigkeit erarbeitet, meinen rasenden Gedanken einfach Einhalt zu gebieten und zu schlafen. “Aus jetzt!” sagte ich meinem Kopf und schlief. Mein Bruder hat mir zu Weihnachten gesagt, ich hätte ziemlich abgeklärt gewirkt in der Zeit und danach. Klaro. Emotionale Ausbrüche waren nicht erwünscht und nachher musste alles beendet, aufgelöst, abgegeben werden. In meinem Traum gab es die Bibliothek noch und die Glassammlung und erst beim Aufwachen erinnerte ich mich daran, dass es das alles nicht mehr gibt – oder nicht mehr in diesem Zusammenhang.

Ich habe alle Gefühle weggeschoben, alles totgemacht, damit das alles erledigbar war. Gab ja keine anderen, die das alles tun konnten. Dafür habe ich jetzt eine wunderschöne Lücke im Lebenslauf. “Vater gestorben” kann ich da ja nicht hineinschreiben. Aber die Gefühle kamen halt später heraus, in Form der bereits von früher bekannten Depression, aber noch heftiger als vorher. Es war nicht lustig. Es ist nicht lustig. Auch 2014 war nochmal ein Trauerjahr und vielleicht ist jetzt endlich gut damit, ich weiß es nicht.

Denn … meine Reaktion auf den Schlaganfall meines Onkels sind nicht Sturzbäche von Tränen. Es ist diese altbekannte Totheit aller Emotionen. Ich fühle nicht nichts – mein Körper zwingt mich, mit allerlei Tricks, Schmerzen zu fühlen … und traurig bin ich auch immer wieder. Aber … ich sehe da eine Totheit, selbst wenn mir Freundinnen* Dinge erzählen, auf die eine empathisch unterstützende Reaktion angemessen ist, selbst wenn die Beste weint, weil der Obdachlose, den sie nun seit Jahren fast jeden Tag gesehen hat, gestorben ist, da ist eine Kluft, die keine Emotionen zulässt.

Aber das ist nicht gut. Ich möchte das nicht. Ich möchte nicht später wieder ausbaden, dass ich jetzt alle Emotionen in irgendeinen Sack stopfe, aus dem sie in ein paar Monaten ausbrechen und mich überfluten. Darum bin seit einer Woche fast nicht auf Twitter, weil ich es grad nicht aushalte, weil ich meinen Emotionen winken, ihnen nachspüren, sie aufspüren, festhalten, festbinden muss. Da! Ich bin traurig! Ja! In der Flut der Nachrichten gehe ich unter, meine Haut ist gerade zu dünn, sie hat zu viele Löcher, in die alles reinfließt und eine Reaktion verlangt, Wut, Schmerz, Trauer. Aber in so schnellem Wechsel, dass ich gar nicht mehr spüre, was ich jetzt gerade empfinde. Alles kriegt einen Löffel Emotion, bis das, was vor meiner Nase, in meiner Familie geschieht, nichts mehr abkriegt, weil der Topf leer ist. Beziehungsweise ist es sehr viel leichter, überall einen Löffel Emotion dazu zu tun, als mir genau anzusehen, was gerade los ist mit mir. Weil – es ist ja ok. Er lebt ja noch. Es geht ihm gut. Ich kann runterkommen.

Also probiere ich das. Kontrolliere die emotionalen Reize, die ich mir gebe. Gehe nicht ins Kino, wo ich mich vor der großen Leinwand ohne Pausetaste nicht verstecken kann, obwohl ich die Retrospektive gerne sehen würde. Weil die nächsten Wellen kommen: Mein Geburtstag, der Geburtstag meines Vaters, sein Todestag. Die will ich überwintern und zwar gut. Ich will nicht zurück. Ich will nicht zurück in die Depression. Also weg. Weg von allem, zurück in das mit den schönsten, weichsten Strickwerken gefütterte Shoebox Castle, und die durchlässig gewordenen Grenzen zwischen mir und allem und allen anderen stopfen, Stich für Stich, Masche für Masche. Die Schutzhülle neu aufbauen, Stück für Stück. Und dann wieder rausschauen.

Riss in der Unsterblichkeitshülle

[CN Tod, Krankheit, Depressionen]

“Wir haben schon gespendet!” will ich sagen, da starb schon jemand in der Familie vor der Zeit, nein, ich will das nicht. Das soll nicht passieren. Meine Familie sollte doch jetzt unsterblich sein, bis ich selbst älter und gräuer bin und mich an den Gedanken gewöhnt habe.

Sieht zumindest im Augenblick so aus, als hätte mein Onkel, der mich seit meinen Kleinstkindesbeinen begleitet, gerade noch Glück gehabt. Ich könnte mich hineinfühlen in meine Mutter, aber ich kann das jetzt nicht. Vor drei Tagen hatte ich kurz Angst, dass mein Bruder gestorben sei, weil Nibling etwas länger schrie, im Morgengrauen.

Wenn mir solche Gedanken durch den Kopf zucken, schiebe ich sie weit weg, sie sind unerträglich. Nur so kann ich gerade atmen und so tun, als sei alles normal. Die Unsterblichkeitshülle, von der ich dachte, dass sie nach dem Tod meines Vaters doch sicherlich meine Familie umgibt, hat einen Riss. Was heißt, sie hat Löcher, sie ist aus Spitze, aus Papierspitze, und es regnet und stürmt.

Ich will das aber nicht. Also verstecke ich mich lieber wie ein im Raum schwebender Geist in meiner Timeline und versuche so zu tun als ob wenig wäre, aber ich weiß, wie sehr meine Mutter sich gerade zusammenreißt und ich habe Angst um sie. Ich selbst bin grad nur numb, da gibt es kein anderes Wort, und absichtlich so, damit die Panik nicht zu sehr an meinem Herz knabbert, das so unerwartet nachgewachsen ist und neu ausgetrieben hat. Ich wollte es doch wachsen sehen dieses Jahr.

Scheiße. Aber warum soll es uns anders gehen? Welches Recht habe ich auf eine unsterbliche Familie? Es bleibt mir nichts anderes übrig als zu warten …