Liebe und so Zeug

“It’s love.”, sagte ich auf Twitter, mit herzförmigen Pfingsrosenblättern hinter den Brillengläsern und schrieb dann ein wenig über Liebe, auf Englisch, weil mir Englisch emotional oft näher liegt. Die Tweets findet ihr an das Bild angehängt. Hier möchte ich meine Gedanken nochmal ein wenig ausführlicher und auf Deutsch aufzeichnen.

Es ist Sonntagnachmittag und ich könnte ca. 100 Dinge tun, von Haushalt über Stricken, Aufräumen, Kunst, Singen, Sport, Schlafen, Lesen, Rausgehen und Kombinationen von all diesen Tätigkeiten, aber eigentlich wäre jetzt der perfekte Zeitpunkt zum Kuscheln. Nur ist da keine Person, mit der ich kuscheln könnte. Wenn Liebe als romantische und sexuelle Liebe für eine oder mehrere Person_en definiert wird, war ich seit 2007 nicht mehr verliebt. So lange ist es her, dass ich eine Beziehung hatte.

Wird auch Freund_innenschaft als Liebe definiert, dann habe ich mich seit 2007 schon mehrmals ver- und entliebt und habe viele verschiedene Beziehungen. Manche Freund_innen haben mich auch verlassen oder ich sie. Meistens haben wir uns auseinandergelebt oder da war ein Konflikt, den ich nicht begreifen und lösen wollte_konnte.

Meine Mutter hat letztens gesagt, sie kenne viele junge Frauen, die alleine lebten und einfach keinen Partner fänden. Sie traf sich aufgrund eines Begräbnisses mit engen Freundinnen, deren Töchter zeitweise auch meine Freundinnen waren und diese Töchter waren nun alle Single. Kein Wunder, haben uns doch die Beziehungen unserer Mütter zur Genüge gezeigt bzw. zeigen sie noch, wie wir Beziehungen *nicht* haben wollten_wollen.

Ja, wenn ich an meine vergangenen Beziehungen denke oder an die, die ich so beobachte, dann weiß ich ganz genau, dass ich nie wieder allein zuständige Partnerin/Mutter/Therapeutin/Fitnesscoach/Freizeitorganisatorin/Managerin/Köchin/Dokumentarin/usw. usw. usw. sein möchte, ohne dass mein_e Partner_in auch seinen_ihren Teil zu einer Beziehung beiträgt. Ich schreibe hier absichtlich nicht nur “Partner”, aber meh, keine Ahnung & keine Lust, das jetzt aufzuschreiben.

Ganz klar vermisse ich körperliche Nähe und die viele Zeit, die ich mit einer Person verbringen möchte, die mich wirklich gut kennt. Ich verbringe ungeheuer gerne Zeit mit meinen Freund_innen, aber sehe die meisten von ihnen ca. einmal im Monat oder alle zwei Monate, wenn ich welche zweimal im Monat sehe, ist das schon viel. Da ich doch einige Freund_innen habe, sehe ich also jeden Monat ein paar davon und das ist doch nicht dasselbe, wie eine (oder mehrere) Personen zumindest ein-, zweimal die Woche zu sehen, ohne dass etwas auf dem Plan steht oder eben weil etwas auf dem Plan steht. Gemeinsames Übernachten ist auch was. Aber am Ende des Tages gehen wir alle immer alleine nachhause.

Auch was die körperliche Nähe betrifft – einerseits erwarte ich absolut nicht von meinen Freund_innen, dass sie meine Bedürfnisse in dem Aspekt stillen. Andererseits bin ich da auch einfach heikel. Bis mich Menschen anfassen dürfen, ohne dass ich das eigentlich lieber nicht möchte, müssen sie mich entweder schon länger kennen oder sie müssen mir sehr vertraut erscheinen. Mit den meisten Freund_innen, die ich schon lange kenne, fühle ich mich sicher. Umarmungen, Arm in Arm gehen, sich aneinander lehnen, das ist alles ok mit diesen Personen. Gestern hat eine Freundin meine Hand genommen, damit wir im Menschengewühl nicht getrennt werden und das war unerwartet schön. Aber bei den meisten Menschen bin ich absolut glücklich, wenn wir uns aus zwei Metern Entfernung zuwinken.

Ich fühle mich oft sonderbar, weil ich meinen tatsächlichen physischen Körper nicht mehr uneingeschränkt teilen möchte. Ich mag deshalb sicher nie zu irgendwelchen Events, egal wie empowernd sie sein sollen, wo mich fremde Menschen anfassen und Dinge wie Kuschelparties oder casual sex sind deshalb nichts für mich, auch wenn das sicher eine Lösung für die rein physische Vermissung von Nähe wäre. Ich finde das auch ok so.

Manchmal komme ich mir auch “schwierig” vor. Anspruchsvoll. Manchmal hat die Beste so Phasen, wo sie mir vorträgt, dass wir dann überhaupt keine Partner_innen finden. Aber ich bin nicht schwierig und was habe ich von einer Beziehung, in der ich mich verstellen oder die wirklich wichtigen Teile von mir verstecken muss? Die Person muss nicht alle meine Interessen teilen – gewisse Überschneidungen wären nett – aber wirklich wichtig wären gemeinsame politische Ansätze, die auch im Alltag ausgelebt werden.

Und ich bin voll mit Geschichte_n, so wie wir alle, die ich eigentlich teilen möchte. Deshalb dieser und andere Blogs, deshalb Twitter. Mittlerweile erzähle ich aber nicht allen Menschen alles über mich. Meist fehlt die Zeit dafür, aber meistens fühle ich mich auch einfach weird und ich habe Angst davor, dass ich dann zu weird erscheine und sich die Menschen wieder verabschieden von mir und dabei ein Stück mitnehmen. Je vertrauter ich mit Personen werde, desto schmerzhafter ist es, wenn sie sich von mir verabschieden, also warte ich lieber, bis ich das Gefühl habe, sie mögen mich zu sehr, als dass ich ihnen sonderbar vorkommen könnte. Aber ob so wirklich enge Beziehungen überhaupt entstehen können?

Die Absenz einer engen, romantischen, eventuell sexuellen Beziehung macht mich regelmäßig traurig, manchmal mehr, manchmal weniger. Aber gleichzeitig bin ich auch geduldig genug zu warten, bis eine Person kommt, die so eine Beziehung mit mir anfangen möchte. Und Warten ist für mich ok, denn einerseits traue ich mich (immer!) noch nicht wirklich, auf Personen zuzugehen mit meinen Wünschen nach Beziehung_en, andererseits muss eben nicht jede Beziehung eine romantische und dann auch eine sexuelle werden.

Meine Liebe gehört also meinen Freund_innen, meinem Kater und jeder Menge Medien und Objekten. Sie wabert um mich herum und umflauscht Graffiti, Blumen, architektonische Elemente, Essen, Eis, Farben, Kleidung, zufälllige Unbekannte und politische Bewegungen. Die Differenz zu meiner Einsamkeit als Teenie, als ich dachte, eine heterosexuelle romantische und sexuelle Beziehung wäre der Schlüssel zu meinem Glück, ist riesig. Manchmal denke ich mir: Hätte ich nur damals gewusst, was ich heute weiß! Und freue mich für die heutigen Kinder und Teenies, die Feminismus und andere emanzipatorische Ansätze im Internet und anderen Medien entdecken können und so weniger Druck verspüren. (Klar, in der Schule wäre das wirklich noch besser. Es gibt noch viel zu tun.)

Ich vermisse immer noch dieselben Dinge, aber es ist voll ok so wie es ist. Wahrscheinlich wären konkrete Ansätze (gemeinsames Wohnen, verdammt!) und ein wenig Initiative auch nicht schlecht (aaahhhh Angst!). Aber ist mein Leben voll Liebe? Ja. Von dieser einen, spezifischen Liebe abgesehen.

Liebe Haare, …

Vorletzten November machte ich ein Selfie von mir, das meine im Sommer etwas leichter gewordene Depression mit einem Knall sehr verstärkte. Alles, was mich vorher schon bedrückt hatte, was ich aber durch einen besonders schönen Sommer überwunden glaubte, legte sich wieder auf mich. Langsam kamen die Worte dafür und jetzt dürfen sie nach außen.

2014: Heute Morgen schaute ich in den Spiegel und verzog mein Gesicht. Ich will die weißen Schläfen nicht, die weißen Einsprengsel am Seitenscheitel nicht – noch nicht! Bitte wartet noch, liebe Haare, ich kann mich noch nicht damit abfinden, dass ihr ohne mein Zutun die Farbe wechselt. Dabei sollte ich daran gewöhnt sein.

Als Kind hatte ich hellblonde Haare. Wilde, hellblonde Locken, mit fotografischem Talent gesegnete Eltern. Mein Bruder hatte auch Locken, aber lange nicht so wilde. Sehe ich mir unsere Kinderbilder an, muss ich manchmal heulen, vor Gram über diese Kinder, die wir einmal waren und alles, was ihnen danach passierte. Einige hatte ich ständig vor Augen, sie hingen in der Wohnung meines Vaters bis nach seinem Tod, gleich bei der Gegensprechanlage, unter der er seine Schuhe auszog, in der Küche und in der Bibliothek. Mein Bruder auf dem Hüpfball. Mein Bruder, stolz einen ertauchten Stein herzeigend. Ich, erster Schultag. Ich, schaukelnd.

Hat er das Bild mit der schaukelnden Anna betrachtet, bevor er zu mir kam und mich befragte, warum ich keinen Sport machte, als Kind hätte ich doch so gerne geschaukelt? Hat er darüber sinniert, wie aus diesem Kind das ihm fremde Wesen wurde, dass da saß, tief getroffen, stumm und weiter verstummend, weil da noch keine Worte waren, keine Ahnung, nur dieses Gefühl von “So wie ich jetzt bin liebst du mich also nicht”, das schon lange dagewesen war und sich immer nur verstärken würde. “Ja, damals war ich auch noch glücklich, du Arsch”, das hätte ich vielleicht sagen können – aber ich traute mich nie auch nur irgendetwas zu erwidern, aus Angst, dass nach einem Streit der letzte Rest von Akzeptanz, der da ab und zu (für brave Leistung) noch durchblitzte, auch noch wegfallen würde (nie gelernt: Konflikte austragen).

Aber eigentlich geht es ja um meine Haare. Aber an jedem meiner Haare hängt (eine) Geschichte.

Bei meiner Mutter hängen Fotos von meinem Bruder und mir, bei der Gegensprechanlage, vor der sie ihre Schuhe an- und auszieht. Mein Bruder mit 12, beim Schuhe anziehen in England. Ich mit 14, auch in England, einen Pullover über den Haaren, den Riemen einer Tasche auf der Stirn. Ein anderes Foto, das wohl kurz davor oder danach gemacht wurde, zeigt mich in meinem Lieblingspulli, mit frei wehenden Haaren – es war eins der wenigen Fotos, auf denen ich mich damals schön fand. Aber dieses Foto hängt da nicht.

Andere Fotos in der Wohnung meiner Mutter, über dem Lehnsessel, über dem Küchentisch, zeigen meinen Bruder und mich, wie er mir Selbstverteidigungsgriffe beibringt, die ich schon längst wieder vergessen habe. Darunter Bilder vom Begräbnis unserer Großmutter, mit unseren Cousins und unserer Cousine, eins ernst, eins grimassierend. Über dem Küchentisch hängt ein Foto von der Maturafeier meines Bruders, er und ich, stolz, ich mit Hut. Von meiner Maturafeier gibt es keine Fotos. Noch ein Foto von uns zweien. Mein Bruder und meine Schwägerin. Ich, allein auf einem rosa Plastiksofa sitzend, mit Lippenstift und zusammengebundenen Haaren, nachdenklich, melancholisch.

Stillstand also in der einen Wohnung, Weiterleben in der anderen (zumindest bis 2011, denn damals saß ich auf dem rosa Sofa). Meine Mutter macht immer noch Fotos von mir, mit ihrem Smartphone. Fotos, auf denen ich fürchterlich aussehe, ihr Spezialtalent. Aber zurück zu meinen Haaren.

Die endgültige Sammlung aller Annainstanzen mit unterschiedlichsten Haaren habe natürlich ich selbst. Ich sehe sie mir selten an, denn wie gesagt: Tränen. Aber manchmal will ich wissen, wann sie denn von kurz zu nicht mehr kurz, länger, länger, länger, länger, halblang, kurz, halblang, kurz, halblang, kurz übergingen, von hellblond zu blond, zu dunkelblond, zu hellbraun, zu dunkelbraun, zu sehr dunkelbraun, zu weißen Schläfen zu – 2015 – immer deutlicher graumeliert.

Bis ich 11 Jahre alt war, hatte ich immer kurze Haare. Das war einfach so. Und es war gut so. Ich wünschte mir keine langen Haare, sie wurden die längste Zeit von meiner Mutter geschnitten und das war so unproblematisch, dass ich mich nicht mehr daran erinnere, oder nur lose, an die ganz scharfe Schere und das deshalb stillhalten müssen. Kurze Haare, keine Erinnerungen an das Waschen, Trocknen oder sonst etwas. Keine Gedanken an Haarklammern, Haarspangen, Haarreifen, sonstige Ornamente. Keine Gedanken an meine Haare – oder zumindest keine, an die ich mich erinnere.

Und dann kam ich ins Gymnasium. Und dort gab es keine Mädchen mit kurzen Haaren außer mir. Halblang, vielleicht, aber vor allem lang. Wallend. Keine Locken. Keine kurzen Haare. Anna, fremder Körper von Anfang an. Hat die größte Angst, deren Folgen zwar entdeckt, aber nicht richtig interpretiert, nicht besprochen, nicht gelöst werden. Die Angst bleibt also. Als Lösung präsentiert sich die Anpassung: Haare wachsen lassen, dann würde ich aussehen wie die anderen Mädchen und alles würde gut werden.

Haha.

Haha haha haha.

Meine Großeltern väterlicherseits kannte ich nicht. Ich kannte auch lange keine Fotos von ihnen, obwohl mein Vater sieben Fotoalben voller Bilder und Kommentare hortete, Bilder, die Geburt und Aufwachsen meiner Tanten und meines Vaters dokumentierten, fotografiert von meinem Großvater und meiner Großmutter, die selten auf den Bildern zu sehen ist. Kommentare vom Großvater. Erst als ich die Fotoalben einer Tante übergab, damit sie ins Museum kamen, sah ich sie mir an. Sie sagte mir auch, wie verletztend sie die Kommentare empfunden hatte.

Mein Großvater hatte lockige Haare, kurz. Meine Großmutter hatte immer streng zurückgekämmte und -gebundene Haare, ob glatt, wellig oder gelockt weiß ich gar nicht. Als Kinder hatten die meisten meiner Tanten und auch mein Vater lockige Haare. Mein Vater in seiner Jugend noch etwas länger, lockig, später immer kürzer, da ringelten sie sich nicht mehr. Die Tanten banden ihre Haare bald zu Zöpfen. Später trugen sie sie ausnahmslos kurz, in patenten Kurzhaarschnitten. Sie sehen sich alle sehr ähnlich. Ich sehe ihnen sehr ähnlich. Und als ich nicht mehr Kind und meinen Tanten länger ausgesetzt war, erlebte ich die Folgen ihrer eigenen Erziehung, die ich erst jetzt und nur in Teilen, kritisch analysieren kann. Str_eng. Und dabei so anders als die anderen str_engen Erziehungen, Kommunismus statt Religion. Ich wollte so nicht sein, so nicht aussehen, keine kurzen Haare haben. Meine armen Tanten.

Meine Großmutter mütterlicherseits war die einzige meiner Großeltern, die ich kannte. Sie hatte wellige Haare, hinten in einem Dutt zusammengefasst, die Wellen sorgfältig mit diesen Metallklammern nachgeformt. Wenn ich heute einen Seitenscheitel ziehe, denke ich an sie mit ihren Haarklammern, denn im nassen Zustand wellen sich meine Haare genauso und ich könnte die Wellen genauso mit Haarklammern fixieren, wenn ich wollte. Sie trug auch einen Seitenscheitel, hatte dunkle Haare, die zwar zunehmend ergrauten, aber vor allem dunkel blieben. Mein Großvater mütterlicherseits hatte schon früh schlohweiße Haare, sagt meine Mutter.

Die Locken meines Vaters sah ich also nur in meiner Kindheit. Die Locken meiner Cousins und Cousinen waren ganz anders als meine, weniger wild, viel wilder, festere Haare. Mein Onkel, Bruder meiner Mutter, hatte immer halblange Wallehaare, wellig, voluminös, zunehmend ergrauend. Die Haare meiner Mutter waren kurz, die längste Zeit. Als Kind blonde Zöpfe, als junge Frau blondgebleichte, lange, leicht gewellte Haare, nicht gerade, nicht stark gewellt, nicht lockig. Auf meiner Geburtsanzeige hat sie dunkelbraune Schäfchenlocken, die sie sich alle sechs Wochen in Basel legen ließ. Danach waren sie die längste Zeit kurz, blieben kurz, ab einer gewissen Zeit dann hennarot, dann zunehmend grau. Einmal ließ sie sich die Haare wachsen, sah trotz der grauen Haare mädchenhaft aus, ungewohnt. Warum eigentlich? Dann ließ sie sie wieder kurz schneiden, die Kinder, die sie betreute rissen zuviel daran.

Ich habe erst vor einem Monat festgestellt, dass ich zwar die starken Locken meiner Vaterseite habe, die feinen Haare und das schöne Weißwerden allerdings von meiner Mutterseite. Dabei dachte ich, ich hätte gar nichts von meiner Mutter, was so meinen Phänotyp betrifft. Stimmt aber nicht. Darum freue ich mich eigentlich auf meine weißen Haare. Aber müssen die jetzt schon kommen? Dabei sind sie schon seit 2008 da.

Also mit 11. Mit 11 ließ ich mir die Haare wachsen. Statt Anpassung stach ich aber immer mehr heraus. Die Haare wurden wild. Sie standen ab. Sie bauschten sich auf. Sie wurden ein Signal für alle in der Schule, selbst außerhalb der Klasse war ich bekannt, fiel auf. Nicht positiv. Verbale und physische Angriffe nahmen zu. Ich lernte, dass Platanensamen als Juckpulver verwendet werden können. Hatte ich meine Finger in eine Steckdose gesteckt? Nein. Ich hatte meine Haare nur gebürstet. So wie ich es vorher tat. So wie ich es lange Zeit tat, da ich nicht wusste, nicht lernte, mir niemand sagte, wie ich meine Haare denn anders behandeln könnte, damit sie nicht so aussahen, wie sie aussahen, damit ich nicht so viel Spott, so viel Gewalt abbekam.

Ich trug Haarreifen, aber die machten es auch nicht besser. In den Zeitschriften, die ich so las, damals, in der Bravo und im Girl! und in der Minnie gab es nie ein “Makeover” für ein Mädchen*, das so Haare hatte wie ich. Schlimmer wurde es, als wir mit 12 nach unseren Spezialisierungen sortiert und getrennt wurden. Ich verlor viele Freundinnen, fiel immer mehr aus dem Klassenverband heraus. Die Mobber_innen blieben. Blieben, blieben, einer ging, ein anderer kam dazu, neue Schüler_innen kamen in die Klasse, ich blieb am Rand.

Irgendwann waren die Haare endlich lang genug. Vielleicht, als ich 15 war? 16? Ich kann es nicht mehr sagen, diese Jahre wurden von meinen Eltern lange nicht so emsig dokumentiert, wie die ersten drei Jahre meiner Kindheit. Ihre Aufmerksamkeit lag ganz auf meinem Bruder, der ebenfalls Probleme in seiner Klasse hatte, aber bei ihm gaben die ihn schlecht behandelnden Lehrer den Ausschlag: Er wurde in die Schweiz verbannt, weil dort alles besser sei. Und dann litten wir alle fürchterlich. Meine Mutter, mein Bruder, und ich. Ich weiß nicht, ob mein Vater litt, er freute sich wohl über die plötzliche Stille am Frühstückstisch und sah meinen Bruder öfter als meine Mutter, die nicht einfach am Wochenende kurz in die Schweiz fahren konnte.

Die Haare waren also lang genug. Zuerst flocht ich mir Zöpfe, die ich dann mit einem Gummiband hinten zusammenhielt. Dann folgte eine lange Phase von Pferdeschwanz mit Haargummi, mein Vater nannte das meinen “Mozartzopf”, soooooo witzig. Dann fasste ich meine Haare zu einem Knödel zusammen, den ich mit einer Klammer zusammenhielt und so blieb das, lange, lange, lange, lange Zeit. Die Form der Klammern veränderte sich ab und zu (Trend Miniklammer: ein bisschen mitgemacht), weil die Dinger auch kaputtgingen, aber oh, die längste Zeit wurde geklammert, was das Zeug hielt, Alternativen gab es nicht. Bis 2004 zog ich mir nie einen Seitenscheitel.

Meine Mutter schnitt mir weiterhin die Haare, hinten gerade ab. Ein einziges Mal schickte mich mein Vater zu seiner Friseurin*, die* nicht wusste, wie Locken geschnitten werden sollen und auch nicht viel mehr machte als meine Mutter, außer, dass sie* mir vorne irgendeine komische Welle hineinbaute, die ich im Lift sofort zerstörte und wieder in einen Mittelscheitel verwandelte. Manchmal, wenn die langen Haare frisch gewaschen und luftgetrocknet waren (denn das hatte ich inzwischen gelernt, aber mehr nicht), ließ ich sie offen, fasste also die Seitensträhnen hinten zusammen, der Rest hing runter, das war für 2 Sekunden in und ging mit meinen Haaren, also hielt ich mich daran fest.

Dass meine Haare eigentlich schön waren, bemerkte ich erst später, auf den Fotos. Ich hasste sie. An Spaß mit meinen Haaren war nicht zu denken. Meine Haare nach meinen Vorstellungen zu gestalten wurde bestraft. Also bloß nichts riskieren. Dann begann ich von anderen Menschen fotografiert zu werden. Das erste Bild, auf dem ich mich schön und sexy fand, wurde am Ende des besten Schuljahres ever (an einer anderen Schule) von einer anderen Person gemacht. Diese Mitschüler_innen schleppten mich auf dem Schulausflug in Berlin in meine erste Disko, mit strahlend blauem Lidschatten, Wimperntusche und zwei Pferdeschwänzen. Meine beste Freundin und ich richteten unsere Kameras aufeinander. Zöpfe wurden als Option wiederentdeckt, die ab und zu ganz lustig aussahen.

Danach fotografierten mich meine Freunde. Anna, ganz unterschiedlich. Schließlich endlich so, wie ich mir das ungefähr vorstellte: Seitenscheitel, Blume im Haar. Aber meistens waren die Haare doch zusammengeklammert, weil praktisch, und im Alltag wurde die Anna mit Seitenscheitel und Blume im Haar nie ausgeführt.

Und dann waren die Haare egal. Gewaschen mussten sie werden, es war mühsam, es war schrecklich. Egal, wie die Haare aussahen, alles andere war so viel wichtiger. In dieser Zeit fiel mir auf, dass meine Schläfen grau geworden waren. Kam das von der Trauer, vom Stress? Dass die Haare dünner wurden kam sicher vom Stress, heute sind sie wieder “normal”. Aber grauer. Viel, viel mehr weiße Haare als 2009. Scheint in der Familie zu liegen. Ich ließ sie wachsen, die weißen Haare an den Schläfen waren noch nicht so auffällig. Ich ließ sie wachsen, nannte sie meine Prinzessinnenhaare, sie waren so lang wie noch nie. Dünn. Dünn waren sie.

2011 schnitt ich sie ab. Die Diplomarbeit war abgegeben. Zuerst schnitt meine Mutter, wieder gerade im Nacken, dann ging ich in den Salon. Und in den nächsten. Und in den nächsten. Locken schneiden ging jetzt, aber so, wie ich mir das vorstellte, nicht ganz. Dann landete ich endlich und jetzt? 2014 ließ ich mir die Haare so kurz schneiden, wie sie 1992 gewesen waren. Nur sahen sie anders aus. Kaum 5 Monate später und sie sind schon wieder so lang, dass sie mir fast zu lang sind. Das schnelle Haarwachstum hab ich auch von meiner Mutter.

Gefärbt werden sie auch seit 2011. Manchmal ist es mir zu anstrengend, dann wächst der Ansatz und meine Gefühle mischen sich. Ich will nicht mehr färben müssen, weil es so mühsam ist und in kürzester Zeit sind sie sowieso wieder gewachsen. Aber die weißen Haare will ich auch noch nicht. Sie passen meinem Gefühl nach noch nicht zu meinem Gefühl. Später. Später!

2015: Später ist jetzt. Statt die Haare zu färben, ließ ich sie wachsen und fluchte innerlich über meine “Zweifarbenhaare”, dabei hatten sie drei Farben. Heute wurden sie geschnitten und jetzt bleiben sie grau, bis sie so weiß sind, dass ich mir ohne Bleichmittel rosa Strähnen hineinfärben kann. Sehe ich jetzt älter aus? Ist das schlecht?

Manchmal bin ich traurig wegen den vielen Jahren, in denen ich meine Haare hasste. So viel vergeudete Zeit. Nun habe ich sie lieben gelernt, meine Haare. Nicht weil mir Menschen sagen, wie sehr sie mich um meine Locken beneiden. Nicht, weil sie gerne mit meinen Haaren spielen (bitte vorher fragen & eigentlich möchte ich das nicht). Nein, weil ich sie selbst schön finde, kurz oder lang.

a single oscillation

Ich habe diesen Text einmal, zweimal, Fragmente davon schon viele Male angefangen. Irgendwann muss er wohl raus, damit es einfach einmal festgehalten ist. Er ist @baum_glueck gewidmet, die* sich Texte von crazy cat ladies wünschte. Nun.

[CN: Depressionen, Tod eines Elternteils]

Dass ich über mein kinderloses Singlesein nachdenke, geschieht nicht erst seit ich fürchterlich heulen musste, weil mir plötzlich klarwurde, dass meine Mutter bald wegziehen würde und ich dann keine Familie mehr in Wien haben würde. Was nicht stimmt, denn da ist noch mein Onkel, meine Tante und andere Anverwandte, aber es ist doch nicht dasselbe. Ich werde alleine sein – und alle Menschen, die ich am meisten liebe werden Stunden brauchen, bis sie mich erreichen oder ich sie. Ja, ich habe Freund_innen. Es ist nicht dasselbe, vor allem auch, weil ich meinen Freund_innen einen “Ich will sie nicht belasten”-Modus gegenüber habe. Also freue ich mich, wenn sie Dinge mit mir unternehmen möchten oder mir Essen kochen, aber wenn ich etwas brauche, versuche ich alleine durchzukommen oder rufe meine Mutter an. So ist das.

Nein, ich denke schon viel länger darüber nach. Mindestens seit ich dieses Foto von mir gemacht habe:

https://41.media.tumblr.com/c823a77d4967488f7ce2a7f723b2f1a7/tumblr_mxpufozwTl1t00fydo3_1280.jpg

Das war im November 2013 und es war ohnehin schon ein schwieriges Jahr gewesen, aber dieses Foto hat mir den Rest gegeben. Denn ich fand mich perfekt. Ich hatte nie eine klare Vorstellung davon, wie ich aussehen würde, wenn ich einmal erwachsen und nicht mehr hässlich wäre, aber so. Genau so. Ich fand mich unglaublich schön. Und wie ein Schalter legte sich etwas in meinem Kopf um und verhinderte, dass ich diesen Moment genießen konnte. “Klick”, machte es und sofort spulte sich ein Programm ab … “Wenn du so schön bist, warum verliebt sich dann niemand in dich? Wenn du so schön bist, warum bist du nicht in einer Beziehung, hast Kinder, eine richtige Arbeit, ein Leben, so wie du es dir wünscht? Wie kannst du dir überhaupt anmaßen, dich schön zu finden?” Ich hatte keine Antworten. Ich habe noch immer keine Antworten.

Nun geht es mir – von der Reaktion auf den Schlaganfall meines Onkels abgesehen, die durch den oben beschriebenen Heulanfall wieder aufgelöst wurde – seit einigen Monaten eigentlich gut, wobei ich immer noch keine Ahnung habe, warum. Aber das Programm ist immer noch da, manchmal lauter, manchmal leiser. Ich oszilliere. Manchmal im Minutentakt. Manchmal bin ich wochenlang glücklich, ganz alleine, dann lese ich ein Buch, einen Comic, sehe einen Film, denke einfach nur nach und zack – warum liebt mich niemand? Umgekehrt geht es auch. Ich bin einsam und traurig und dann höre ich einem Paar zu, denke über irgendetwas nach und peng – jubiliere ich über mein Alleinsein.

Alles hat Vor- und Nachteile. Überall habe ich Grenzen, die ich nicht überschreiten möchte. Ich will nicht um jeden Preis eine Beziehung, ein Kind. Nicht um jeden Preis – obwohl ich mir immer Kinder gewünscht habe. Es schien so einfach, heiraten mit 26, das erste Kind mit 30, das zweite mit 32, wie meine Eltern, die sich ein Jahr nach Geburt des 2. Kindes trennten. Mir würde das nicht passieren. Mir passierte auch keine Beziehung bis ich 19 war, nur unglückliches Verliebtsein. Und wenn ich an die Beziehungen denke, die ich hatte, bin ich unschlüssig, ob ich die Erfahrungen lieber gemacht hätte oder nicht. Ich tendiere zu ja, aber das ist ohnehin hinfällig, weil es sich nicht mehr ändern lässt. Wenigsten weiß ich jetzt, was ich nicht will.

Das lange Alleinsein – mittlerweile bin ich seit 7 1/2 Jahren Single – hat mich hoffentlich immun gemacht dagegen, vor lauter Freude darüber geliebt zu werden alles aufzugeben, was mir wichtig ist, meine Grenzen, meine Bedürfnisse, meine Ziele. Ein bisschen hülfe hoffentlich auch der Feminismus(TM), aber manchmal bin ich mir da nicht so sicher. Ich denke schon, dass ich nein sagen könnte, 1999, 2000, 2004, 2007 sind schon so lange her. Manchmal habe ich Angst davor, es auszuprobieren, wieder alles zu tun, um geliebt zu werden und wieder irgendwelche Scherben, die zusammengeklebt vielleicht mich ergeben würden, aufzuklauben. Aber ich bin jetzt schon älter. Ich bin stur. Der Teil von mir, der schon öfter “Nein, ich will das nicht.” sagte, ist auch älter, definierter, mutiger geworden.

Und ich schwierig. Sage ich mir jedenfalls. Manchmal. So schwierig bin ich gar nicht, sage ich mir auch. So wie ich alle meine Freund_innen nicht belasten will mit mir, mit meinen Problemen, so will ich auch eine_n potentielle_n Partner_in nicht belasten (Ja, Partner_in, aber don’t assume without asking). Ich kann doch während meiner Magistraarbeit … während mein Vater im Sterben … während ich seine Wohnung auflöse … wenn es mir so schlecht geht … während meiner Magistraarbeit … wenn ich arbeitslos bin … wenn es mir nicht gut geht … nicht einen anderen Menschen mit meinen Problemen belasten. Dachte ich. Genauso wenig kann ich ein Kind haben, ohne fixen 40-Stunden-Job, mit meinen depressiven Phasen, mit meiner Unlust am Haushalt. Geht doch nicht. Kann ich doch einem Kind nicht antun. Aber es geht doch. Es ist nicht lustig, nein, es ist sehr anstrengend. Aber andere Menschen tun es.

Haben sich die etwas anderes vorgestellt? Ich wette, meine Mutter hat sich auch nicht vorgestellt, dass sie sich in ihrem Alter noch so um ihre Tochter kümmern muss, aber ich glaube, auch sie hat sich vieles nicht so vorgestellt wie es dann gekommen ist. Wenn ich mir vorstelle, was alles kommen könnte, will ich erst recht kein Kind. Von der Vorstellung einer Beziehung habe ich mich eben ohnehin größtenteils schon verabschiedet. Will ich gar nicht mehr, sage ich. Nur heimlich. Heimlich, heimlich heule ich in mein Kissen, weil ich niemanden habe zum Kuscheln, zum Händchen halten, zum öfter reden als alle zwei Wochen, zum Dinge tun. Würde mir ja schon reichen. Wenn ich nicht gerade Richtung “FASS MICH JA NIEMAND AN” oszilliere. Aber ich will nicht suchen. Ich will gefunden werden.

Die Kehrseite des KindnichtwertseinsundBeziehungschongarnicht ist … der pure Genuss des Alleinseins und oh, ist das schön. Die Beste sagte vor einiger Zeit: “Es ist ein gottverdammtes Privileg, meinen BH eine Woche lang am Boden liegen lassen zu können,” und das ist es. Und es ist so schön. Ich schulde keine_r Person Rechenschaft, ich muss nichts abstimmen, aushandeln, rückfragen, Kompromisse schließen noch und nöcher, keine Person aushalten, mich um nichts scheren, nicht anrufen, keinen Platz machen, mich nicht kümmern und plagen und die ganze unbezahlte und bezahlte Arbeit ist ganz allein für MICH, MICH, MICH. Ich muss mich nicht benehmen, anpassen, verstellen, zurücknehmen, anstrengen. Manchmal, wenn ich von der Arbeit nachhause komme, mich aufs Bett plumpsen lasse und erst einmal ausatmen muss, denke ich mir: “Wenn ich jetzt ein Kind hätte und/oder eine Beziehung, müsste ich jetzt …” und ich muss nicht und ich bin so froh. Ich kann essen wann und was ich will, schlafen gehen wann ich will, aufstehen wann ich will, anziehen was ich will und den Abwasch morgen machen – ein Großteil meines Alltagslebens hängt ganz allein von mir ab.

Und momentan vom Kater. Ich scherze manchmal über mein “Katze vs. Kind”-Spreadsheet, doch ich führe eines, ein mentales. Ab und zu, jedenfalls. Denke mir, dass Kinder irgendwann selbst aufs Klo gehen. Dass sie sich irgendwann selbst Essen machen. Dass sie *mir* irgendwann mal Essen machen könnten. Dass sie irgendwann verstehen, dass Medikamente gut gegen Krankheiten sein können. Aber dass Kinder wachsen, Kleider brauchen, in die Schule gehen müssen. Dass Kinder doch etwas mehr Aufmerksamkeit brauchen als Katzen. Dass es (leider?) ungewöhnlich ist, Kinder für die Hälfte des Jahres bei der Großmutter zu lassen. Aber Katzen ist es egal, ob ich ihnen vorlese oder vorsinge, sie mögen keine gestrickten Pullover und römische Ruinen sind für sie nur Lebensraum. Wenn sie träumen, erzählen sie mir nachher nicht, von was sie geträumt haben, was sie auf dem Schulweg erlebt haben oder dass ihnen etwas weh tut. Katzenhaare oder Kinderhaare? Katzenkiste oder Scheißwindel? Katzenkotze oder Kinderkotze? Katzenschnurren oder Kinderschnurren? Geht nicht beides?

Es ist für mich um einiges einfacher, an mehr Katzen zu kommen als an ein Kind. Für ein Kind brauche ich schließlich eine andere Person oder ich muss in die Niederlande oder nach Großbritannien reisen, weil dort auch Singlefrauen in die Samenbank gehen dürfen. Kostet halt Geld. Viel. Und doch erscheint mir das meistens einfacher als das mit einer anderen Person. (Ja, Kind in Pflege, Adoption, etc. – auch Möglichkeiten, aber als Singleperson ebenfalls nicht sehr einfach.) Nun ja. In ein paar Jahren ist die Kinderfrage endgültig erledigt. Manchmal träume ich davon, in zwei Jahren alle meine Bedingungen für ein Kind zu erfüllen, aber ich kann nicht einmal sagen, was im Herbst dieses Jahres sein wird. Also, ich kann es schon sagen. Ich kann mir Dinge fix vornehmen. Aber dann passiert jedes Mal etwas, das mich aus der Bahn wirft, etwas Schlimmes. Ich möchte das nicht. Also keine Pläne und die Träume versuche ich mir auch zu verkneifen, weil ich keine einzige Person mehr verlieren will. So ist das.

Sollte ich also kinderlos bleiben und weiterhin Single sein … nun, auch gut. Ich hab ja Nibling und da werden wohl noch weitere kommen. Und ich habe ein großartiges Vorbild – meine Tante, die mit immer mindestens zwei Katzen nun schon seit mehr als 20 Jahren alleine, quietschfidel und trotz Krebserkrankung rege in der Welt herumreist. Nun, ihre Pension werde ich wohl nicht kriegen, aber hey. Politisch aktiv, geistig rege, welt- und menschengewandt, Essen, Trinken, Mode genießend – so möchte ich auch über 70 werden. (Von den Tanten, die nicht so geworden sind, reden wir nicht, so wie die zu werden, vor dem habe ich Angst.) So wie es jetzt ist, ist es also überhaupt nicht schlecht. Es ist sogar ziemlich gut. Es könnte besser werden, aber nicht durch die Hinzufügung von “Partner_in” oder “Kind”. Also erst mal die massiven Veränderungen, die 2015 kommen, gut überstehen. Es ist noch Zeit und es ist gut.

Und wie komm ich da wieder runter?

[CN: Tod, Krankheit, Depression, Angst]

Gut. So geht es meinem Onkel. Großartig. Ich freue mich so sehr, für ihn, für seine Familie, für meine Mutter. Ich bin so froh. Wie komm ich jetzt wieder von dem Schreckensbaum runter, auf den ich geklettert bin? Auch die Königinmutter ist noch ganz zittrig, sagt sie. Kein Wunder. Erst auf dem Heimweg vom Spital erkenne ich, dass ich getriggert bin vom Spital, vom Besuch am Krankenbett. Das erklärt meinen unglaublich traurigen letzten Sonntag, der nur mit Schokolade und Katze kuscheln gerettet wurde. Das erklärt die unglaublich schmerzhaften Kopfschmerzen Montag und Dienstag, sonst reagiere ich nie so sensibel auf das Wetter. Die Königinmutter und ich träumen beide von meinem Vater. Es sind gute Träume, aber sie zeigen deutlich, woran uns das alles erinnert.

Damals, als mein Vater im Spital im Sterben lag … drei Wochen lang, nur drei Wochen, in Retrospektive erscheint es mir viel länger, da hab ich mir blitzschnell die Fähigkeit erarbeitet, meinen rasenden Gedanken einfach Einhalt zu gebieten und zu schlafen. “Aus jetzt!” sagte ich meinem Kopf und schlief. Mein Bruder hat mir zu Weihnachten gesagt, ich hätte ziemlich abgeklärt gewirkt in der Zeit und danach. Klaro. Emotionale Ausbrüche waren nicht erwünscht und nachher musste alles beendet, aufgelöst, abgegeben werden. In meinem Traum gab es die Bibliothek noch und die Glassammlung und erst beim Aufwachen erinnerte ich mich daran, dass es das alles nicht mehr gibt – oder nicht mehr in diesem Zusammenhang.

Ich habe alle Gefühle weggeschoben, alles totgemacht, damit das alles erledigbar war. Gab ja keine anderen, die das alles tun konnten. Dafür habe ich jetzt eine wunderschöne Lücke im Lebenslauf. “Vater gestorben” kann ich da ja nicht hineinschreiben. Aber die Gefühle kamen halt später heraus, in Form der bereits von früher bekannten Depression, aber noch heftiger als vorher. Es war nicht lustig. Es ist nicht lustig. Auch 2014 war nochmal ein Trauerjahr und vielleicht ist jetzt endlich gut damit, ich weiß es nicht.

Denn … meine Reaktion auf den Schlaganfall meines Onkels sind nicht Sturzbäche von Tränen. Es ist diese altbekannte Totheit aller Emotionen. Ich fühle nicht nichts – mein Körper zwingt mich, mit allerlei Tricks, Schmerzen zu fühlen … und traurig bin ich auch immer wieder. Aber … ich sehe da eine Totheit, selbst wenn mir Freundinnen* Dinge erzählen, auf die eine empathisch unterstützende Reaktion angemessen ist, selbst wenn die Beste weint, weil der Obdachlose, den sie nun seit Jahren fast jeden Tag gesehen hat, gestorben ist, da ist eine Kluft, die keine Emotionen zulässt.

Aber das ist nicht gut. Ich möchte das nicht. Ich möchte nicht später wieder ausbaden, dass ich jetzt alle Emotionen in irgendeinen Sack stopfe, aus dem sie in ein paar Monaten ausbrechen und mich überfluten. Darum bin seit einer Woche fast nicht auf Twitter, weil ich es grad nicht aushalte, weil ich meinen Emotionen winken, ihnen nachspüren, sie aufspüren, festhalten, festbinden muss. Da! Ich bin traurig! Ja! In der Flut der Nachrichten gehe ich unter, meine Haut ist gerade zu dünn, sie hat zu viele Löcher, in die alles reinfließt und eine Reaktion verlangt, Wut, Schmerz, Trauer. Aber in so schnellem Wechsel, dass ich gar nicht mehr spüre, was ich jetzt gerade empfinde. Alles kriegt einen Löffel Emotion, bis das, was vor meiner Nase, in meiner Familie geschieht, nichts mehr abkriegt, weil der Topf leer ist. Beziehungsweise ist es sehr viel leichter, überall einen Löffel Emotion dazu zu tun, als mir genau anzusehen, was gerade los ist mit mir. Weil – es ist ja ok. Er lebt ja noch. Es geht ihm gut. Ich kann runterkommen.

Also probiere ich das. Kontrolliere die emotionalen Reize, die ich mir gebe. Gehe nicht ins Kino, wo ich mich vor der großen Leinwand ohne Pausetaste nicht verstecken kann, obwohl ich die Retrospektive gerne sehen würde. Weil die nächsten Wellen kommen: Mein Geburtstag, der Geburtstag meines Vaters, sein Todestag. Die will ich überwintern und zwar gut. Ich will nicht zurück. Ich will nicht zurück in die Depression. Also weg. Weg von allem, zurück in das mit den schönsten, weichsten Strickwerken gefütterte Shoebox Castle, und die durchlässig gewordenen Grenzen zwischen mir und allem und allen anderen stopfen, Stich für Stich, Masche für Masche. Die Schutzhülle neu aufbauen, Stück für Stück. Und dann wieder rausschauen.

Riss in der Unsterblichkeitshülle

[CN Tod, Krankheit, Depressionen]

“Wir haben schon gespendet!” will ich sagen, da starb schon jemand in der Familie vor der Zeit, nein, ich will das nicht. Das soll nicht passieren. Meine Familie sollte doch jetzt unsterblich sein, bis ich selbst älter und gräuer bin und mich an den Gedanken gewöhnt habe.

Sieht zumindest im Augenblick so aus, als hätte mein Onkel, der mich seit meinen Kleinstkindesbeinen begleitet, gerade noch Glück gehabt. Ich könnte mich hineinfühlen in meine Mutter, aber ich kann das jetzt nicht. Vor drei Tagen hatte ich kurz Angst, dass mein Bruder gestorben sei, weil Nibling etwas länger schrie, im Morgengrauen.

Wenn mir solche Gedanken durch den Kopf zucken, schiebe ich sie weit weg, sie sind unerträglich. Nur so kann ich gerade atmen und so tun, als sei alles normal. Die Unsterblichkeitshülle, von der ich dachte, dass sie nach dem Tod meines Vaters doch sicherlich meine Familie umgibt, hat einen Riss. Was heißt, sie hat Löcher, sie ist aus Spitze, aus Papierspitze, und es regnet und stürmt.

Ich will das aber nicht. Also verstecke ich mich lieber wie ein im Raum schwebender Geist in meiner Timeline und versuche so zu tun als ob wenig wäre, aber ich weiß, wie sehr meine Mutter sich gerade zusammenreißt und ich habe Angst um sie. Ich selbst bin grad nur numb, da gibt es kein anderes Wort, und absichtlich so, damit die Panik nicht zu sehr an meinem Herz knabbert, das so unerwartet nachgewachsen ist und neu ausgetrieben hat. Ich wollte es doch wachsen sehen dieses Jahr.

Scheiße. Aber warum soll es uns anders gehen? Welches Recht habe ich auf eine unsterbliche Familie? Es bleibt mir nichts anderes übrig als zu warten …

Königinmutter

Wieder mal Pensées-style … [#CN Tod, Depression]

1. Vorgestern feierte die Königinmutter sehr verspätet ihren Geburtstag.

2. Viele Menschen, die kamen, habe ich seit Jahren nicht mehr gesehen.

3. Die Zeit vergeht.

4. Irgendwie werde ich mich mit dem Gedanken abfinden müssen, dass alle Menschen sterben werden, auch die, die ich sehr liebe.

5. Hoffentlich nicht bald.

6. Irritierend, dass mich alle danach fragten, was denn mein Bruder so macht, wie es Nibling so geht.

7. Ja, gut, was soll ich sagen. Sie sind nicht hier. Sie leben. Es scheint ihnen gut zu gehen. Nibling ist herzig. So.

8. Gleichzeitig habe ich kein Wort, das beschreibt, was ich gerade arbeite. Marketing? PR?

9. Arbeit und Studium scheint die meisten Leute zufriedenzustellen.

10. Ein paar Mal habe ich auch “feministisch aktiv” gesagt.

11. Später dachte ich daran, dass ich ein Buch schreiben sollte, einfach, damit ich sagen kann, ich schreibe eines. *kopfschüttel*

12. Natürlich habe ich gelogen, dass es mir gut geht. Das Wichtigste, was ich gerade mache, kann ich gar nicht sagen: Ich über_lebe.

13. Einfach so leben scheint nicht zu reichen.

14. Die Königinmutter hat sich Lobreden und/oder Lieder gewünscht.

15. Es haben tatsächlich Leute gesungen. Nach der Melodie von “Ich steh auf der Brücke und spucke in’ Kahn”. Nu ja.

16. Mein Onkel hat eine Rede gehalten. Ich wette, die Königinmutter wird darüber noch mit mir reden. Später erzählte er mir, dass mein Vater bei einer Weihnachtsfeier vor meiner Geburt den Baum nur mit roten Bändern und Kerzen schmückte, einen roten Stern für die Spitze bastelte, durch die Licht schien und es wurde eine Passage von Marx verlesen. Ich muss jetzt noch lachen.

17. Ich wusste, wenn ich singe, heule ich. Außerdem sind Lobreden peinlich und was ich der Königinmutter wirklich sagen will, hat mit dem über_leben zu tun und ich glaube, sie würde sich schrecken.

18. Aber ich wollte auch etwas tun. Also habe ich meine Tweets nach “Königinmutter” durchsucht und welche zusammengestellt.

19. Beim Vorlesen haben meine Hände so gezittert wie zuletzt im Frühling 2013, als ich vor 100 Unbekannten* einen Sessionvorschlag machte.

20. Ich hasse es, wenn meine Hände so zittern und es macht mir Angst, weil ich sie nicht kontrollieren kann.

Da aber die Tweets recht Anklang fanden (Onkel erstaunt: “Das war sehr witzig.”), hier:

Die Angst vor dem Sprung über den Schatten

[CN Mobbing & Auswirkungen, Selbstzweifel]

Als ich endlich mit dem Gymnasium fertig war, schwor ich mir, die beste Rache für das jahrelange Mobbing, das ich dort erlebte zu üben: Alle Komplexe, die ich aufgrund des Psychoterrors entwickelte, zu bekämpfen und zu besiegen und superawesome zu leben & sein. Daran arbeite ich noch jetzt. Beim Meta-Workshop vor dem Femcamp wurde mir leicht schwummrig, als Augenkontakt als Kriterium für ich weiß nicht mehr was genannt wurde. Wohlfühlen? Ein angenehmes Klima? Dass ein Workshop klappt?

Uaahhh. Augenkontakt. Uaaahhhh. Gruppensituationen und ich. Unbekannte Menschen auf einem Haufen und uaaahhh uahhh uahhh. Womöglich vor diesen Menschen auch noch etwas vortragen, Horror! Angst. Angst, dass ich nochmal an der Tafel heule, weil ich so lange verhöhnt werde, bis die Tränen kommen. Angst, dass ich als Außenseiterin eingeteilt, nicht wahr und nicht ernst genommen werde. So große Angst. Also Augenkontakt? Nur, wenn ich mich superawesome fühle. Dabei habe ich nach meiner Schulzeit nie mehr eine solche Situation erlebt, aber sagt das mal der Angst.

Beim Femcamp habe ich zwei Sessions gehalten, eine zu fat activism und eine zu crafting und Feminismus und beide waren für mich sehr spannend und sehr gut und laut Feedback für andere auch. Ich habe sogar am Diary Slam teilgenommen, als erste(!) gelesen, wenig vorbereitet – und war überhaupt nicht nervös! Nicht bei den Sessions, nicht beim Diary Slam. Das fällt mir jetzt erst auf. Als ich bei meinem zweiten Barcamp, dem Bibcamp in Nürnberg, verspätet, vor fast unbekannten Menschen, mit Katzenohren, einen Sessionvorschlag vorstellte, zitterten meine Hände so, dass ich kaum tweeten konnte. (Hielt mich aber nicht davon ab.)

Aber war meine fehlende Nervosität nicht einfach der Schlafmangel und der Femcamp- Effekt? Schließlich kannte ich bei den Sessions schon einige der Menschen, die in den Sessions saßen – und wenn ich Menschen kenne, bin ich weniger nervös. In einem queer_feministischen Kontext fühle ich mich auch meist wohl. Und ich war so konzentriert auf das Halten der Sessions bzw. Lesen, dass ich z.B. nicht bemerkte, wenn Personen vor mir vorbeiliefen (ist das gut oder schlecht?). Eigentlich sollte ich besonders meinen Diary Slam-Schattensprung feiern, aber mein Anspruch auf den Riesensprung zur brillianten, selbstsicheren Rednerin erdrückt alles.

Bei einer anderen Session besprachen wir zukünftige Strategien. Ich benannte ein paar, die ich erkannt hatte und insgeheim gerne durchführen würde, aber aus irgendwelchen Gründen gestehe ich mir die Kompetenz nicht zu (warum nicht?) und ich gestehe mir auch nicht zu, endlich vor den inneren Vorhang zu treten und zu sagen: Ich finde, das gehört so und so getan und ich möchte das machen und brauche eventuell Hilfe, aber ich will das tun. Ich gestehe mir nicht zu, die Initiative zu ergreifen, Vorschläge zu machen, Anführerin zu sein, Dinge durchzuführen, dahinter zu stehen. Zusätzlich befürchte ich, dass ich eingegangene Verpflichtungen #ausGründen nicht einhalten werden kann – aber wenn es mir wichtig und die Umgebung unterstützend ist und ich die Kraft und Zeit dazu habe, warum nicht?

Eine Angst ist sicher, durch die Überspringung dieses Schattens in eine Position zu kommen, in der mein Spaß am Mittelpunkt sein, mein Bedürfnis nach Bestätigung, meine Tendenz zu schnellen Meinungen und zu dominantem Redeverhalten (sowie Beharrlichkeit und Sturheit) nicht mehr durch die aufgezwungenen Komplexe gedämpft und gemäßigt werden, sondern sich im freien Lauf entfalten können. Ich habe familiäre Vorbilder, wie ich werden könnte. Ich will so nicht werden.

Aber warum sollte ich genau so werden? Ich bin doch ganz anders aufgewachsen und sozialisiert worden und lerne permanent dazu. Was könnte passieren, wenn ich es einfach wage, weitere Schritte in diese Richtung mache? Ich könnte mich verändern. Ich könnte etwas verändern, vielleicht. Warum nehme ich das nicht positiv an?

Und schließlich sprach ich gestern mit einem tollen Menschen, den ich im Workshop vor dem Femcamp wahrnahm, aber mit dem ich erst am Femcamp richtig in Kontakt trat. Wir sprachen über Anime und dass ich schon länger Rezensionen zu Anime schreiben will (etwas zwiegespalten zwischen “Aber dann gehören sie ja nicht mehr mir alleine!” /o\ und “Aber dann habe ich endlich Menschen, mit denen ich über Anime reden kann! \o/) und mich einfach nicht traue. Wir sprachen darüber, aber ich war schon zu müde und habe mir nicht alles gemerkt.

Hier ist es die Angst, keine Expertin zu sein und möglicherweise Fehler zu machen, auch ein bisschen, dass Anime, die ich mag, wegen problematischen Inhalten auf viel Gegenwind stoßen – aber noch größer ist die Angst, eine Rezension schlecht zu schreiben, dabei ist das genauso Übungssache.

Es ist wohl der Anspruch, Dinge aus dem Stand perfekt zu machen, ohne jede Übung. Sagt die Frau, die für ein Design ihr Strickstück auch sechs, sieben, achtmal auftrennt und geduldig wieder strickt. Hm. Ich vergesse zu oft, dass schon der Weg bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht nur eine Trainingsmontage war, sondern dass hinter mir Jahre der Übung, Jahre des über den Schatten Springens, Jahre des “Iiiiiiiiihhhh, ich hab ANGST, aber ich mach das jetzt!” liegen. Aber eines sehe ich: In meiner kleinen Angstblase mag ich nicht mehr sein. Ich bin traurig, wenn ich in ihr festsitze, anstatt aus ihr herauszutreten und bereue es dann nachher oft. Ich habe schon oft festgestellt, dass ich ein angstfreies Kind war, das keine Probleme hatte, für seine Volksschulklasse Gedichte und Theaterstücke zu schreiben und diese dann aufzuführen. Zu dem Gefühl möchte ich wieder zurück.

An der Schreibblockade hinaufklettern

Das ist mein bearbeiteter Text zu meiner Schreibblockade. Der Rohtext ist nur mit Passwort zugänglich, das per DM auf Twitter erhältlich ist.

Ich habe gerade Angst. Vor dem Schreiben. Vor dem Ende des Studiums. Vor dem, was nachher kommt. Und gleichzeitig bin ich traurig, weil ich das Schreiben vermisse und noch wegen anderen Dingen, die in Phasen der Traurigkeit gerne vorbeischauen und mich noch trauriger machen. Vor lauter Angst vor der Ungewissheit nach dem Ende meines Studiums bin ich so blockiert, dass mir sogar Emails schwer fallen. Ich traue mir_mich nicht mehr. Ich habe Angst, meine Worte und mich einer Bewertung auszusetzen, ob das jetzt nur durch eine Person, das Internet oder meine Masterarbeitsbetreuer_innen passiert. Also bin ich verstummt.

Gestern war dann eine liebe Freundin* bei mir und hat mir geraten, über meine Schreibblockade zu schreiben. Also habe ich es getan und war danach trotzdem traurig, aber dafür leer, ja “numb”. Ich weiß noch nicht, was heute wird, der Morgen war jedenfalls mal gut.

Ich vermisse das Schreiben, weil ich den Zustand, dass meine Gedanken nur in meinem Kopf gefangen sind, nicht mehr mag. Ich könnte natürlich auch darüber reden, aber es ist für mich schwierig, Herzensmenschen davon zu erzählen, wie es mir wirklich geht, weil ich nicht will, dass sie sich Sorgen machen und auch, weil ich mir nicht immer sicher bin, dass sie verstehen und das wäre schlimm von Herzensmenschen. Darum vermisse ich das Schreiben so, da konnte ich den Kopf ausleeren und es ging mir nachher besser und es gab Menschen, die dann wussten, wie ich mich fühle, ohne zwingend darüber mit mir reden zu müssen.

Im Moment schwirren ca. 15 begonnene und nicht abgeschlossene Blogposts herum. Viele drehen sich um mein verändertes Körperbild und wie sich das ergeben hat, aber jedes Mal, wenn ich beginne, komme ich an einen Punkt, an dem es schwierig wird, an dem ich ganz weit ausholen muss und dann kommt plötzlich die Ungewissheit, ob es überhaupt einen Wert hat, meine bisherige Lebensgeschichte aufzuschreiben, nur um zu erklären, warum ich jetzt meine kurzen Haare mag oder warum ich jetzt quergestreifte Kleidung trage. Außerdem bringt es wenig zu sagen, “Hey, ich mag meine Haare jetzt”, wenn ich mich ansonsten traurig und ängstlich fühle. Wenigstens mag ich meine Haare. Wenigstens mag ich meinen Körper ein bisschen, manchmal. Toll. Aber das hilft mir jetzt auch nicht weiter und je mehr Angst ich habe und je trauriger ich bin, desto weniger mag ich mich und alles an mir.

Es ist viel einfacher zu sagen “Ja, ich studiere dies und das in Berlin und es dauert noch X bis ich fertig bin und dann habe ich dies und das vor”, als “Ja, ich habe dies und das in Berlin studiert und jetzt bin ich bald fertig und eigentlich möchte ich dann dies und das machen, aber ich weiß nicht ob das klappt (und was wenn es nicht klappt und das ganze Studium für null und hugo war und warum hab ich nicht was anderes gemacht etc pp – das sage ich nur sehr selten dazu).” Darum mag ich das Ende meines Studiums nicht. Leider lässt es sich nicht abwenden bzw. bringt es wenig, das Studienende hinauszuzögern. Aber ich finde nichts, was mir über die Angst hilft. Also bleibt nur zu hoffen, dass mich die Schreiblust packt.

Und natürlich will ich davonrennen. Vor allem. Dabei sitz ich hier mit meinem Kater und schaue auf mein Sofa mit den schönen Kissen und bin umgeben von lauter Dingen, die ich mag, und ich hab gestern sogar aufgeräumt und abgewaschen und den Balkon für die neue Aussaat vorbereitet und ich habe einen Balkon und was gibt es denn überhaupt zu beklagen, außer dass ich mir das halt ganz anders vorgestellt habe, damals. Aber nun liegt der Kater besonders possierlich und das Angst aufschreiben hat scheinbar etwas geholfen und Frühstück hab ich auch gemacht. Baby steps hat die Freundin* gesagt.

Winternachtreise

Für @viennarightnow

Ich hätte ins Museum gehen sollen heute früh. Ich wäre glücklicher gewesen. Vielleicht hätte meine charmant zerstrubbelte Erscheinung auf eine ebenso charmant zerstrubbelte Person Eindruck gemacht und beim Wandeln durch die Räume wären wir uns immer wieder begegnet, hätten uns angelächelt und wären schließlich ins Gespräch gekommen, Meet-cute, Fernbeziehung Wien-Berlin oder sonstwo, happy end und alles.

Stattdessen saß ich nun in Zug, konnte schon seit geraumer Zeit nicht mehr schlafen und sah eine menschenleere Landschaft voller orange leuchtenden Lampen, im Hintergrund Windräder, deren rot blinkende Lichter der ganzen Szene etwas höllisches gaben, obwohl ich nicht an die Hölle glaube.

Zeitweise war Schnee zu sehen. Es schien mir unglaublich, wie wenig ich mich damit abgefunden hatte, dass es tatsächlich Winter war. Ich, die ich Winter immer gemocht hatte, die mit Kälte und Nässe gut zurecht kam und der immer noch wärmer war als allen anderen. Aber ich konnte es einfach nicht glauben, dass der Sommer, der so schön gewesen, endgültig vorbei war.

Mir fiel kein deutsches Wort ein für dieses Gefühl. Die englische Sprache hat uns Schadenfreude abgenommen, aber nichts gegeben, das “resentment” ausdrücken könnte und das französische “Ressentiment” kling viel zu fröhlich. Natürlich könnte ich auch sagen, dass ich meinen schweren Wintermantel hasse, aber es klänge gleichzeitig extrem und trivial. Nein, “resentment” war das richtige Wort – ein schwelendes Gefühl, das so dumpf war wie es sich anfühlte, wenn ich den Mantel trug. Dabei war der Mantel das letzte Weihnachtsgeschenk meines Vaters.

Der freundliche Nachtzugschaffner hatte mir ein ganzes Abteil für mich alleine gegeben, welch Luxus! Und trotzdem konnte ich nicht schlafen. Ich hatte vor mich hin gedämmert und versucht einzuschlafen, indem ich meine Gedanken zum Wandern zwang. Bei der letzten Reise konnte ich sie nicht vom Rasen abhalten, diesmal wanderten sie, auf schöne Pfade gezwungen, aber nicht die schönsten, denn sonst würde ich traurig, also gelang es mir nicht einzuschlafen. Oder vielleicht doch. Ein kurzes Traumstück in dem meine Mutter mir ihren neuen Wäschetrockner und ein Putzwägelchen zeigte, interpretierte ich als die Nachwehen der großen Waschmaschinentransportaktion von 2013.

Nach dem unbemerkten Überfahren der Grenze unterschieden sich die öden Lande  nur durch die Absenz von Schnee. Kein Blatt, keine Blume, kein Tier war zu sehen, nur kahle Äste, Lichter und Dunkelheit. Ich hätte heulen können, aber worüber? Gute Aussichten standen mir bevor. Croissants. Kakao. Möglicherweise noch ein wenig Schlaf. Freie Wahlmöglichkeit meiner Aktivitäten. Also kein Heulen und trotz der Isolation kein Gefühl der Einsamkeit. Ein einziger Knopfdruck und ich wäre wieder mit der weiten Welt verbunden, könnte meinen Gedanken in kürzerer Form Ausdruck geben und Widerhall finden.

Ich wusste selbst nicht, worauf ich wartete. Vielleicht auf den Sonnenaufgang, der erst viel später oder sogar nie erfolgen würde in diesen grauen Tagen. Immer noch blinkten Windräder in der Ferne. Dann die ersten Anzeichen von Wien. Die Überfahrt der Donau. Zuhause, dachte ich.