Der Frantz, der Oasch

CN Tod, Verletzung, Krankheit, Gewicht

Es ist Anfang Februar. Herr Schnurrkringel möchte nicht mehr fressen und trinken. Ich lasse ihn einschläfern. Es geht mir schlecht. Was für ein Scheißjahr, denke ich. Das reicht aber jetzt, denke ich.

Irgendwie raffe ich mich wieder auf. Es wird Frühling. Frühling ist schön. Auf Twitter postet ein Bekannter ein Bild von einer ihm zugelaufenen Katze, die sechs Kätzchen geboren hat. Eines ist schwarz. Ich frage ihn, ob er die Kätzchen hergibt. Wenn das schwarze Kätzchen ein Kater ist, ist es meiner, sage ich.

Es ist ein Kater. Ich suche mir einen Namen aus, den Namen einer Figur aus einem meiner Lieblingsbücher. Auf Japanisch bedeutet der Name “heilen“ und “reparieren“ sagen mir meine Japanisch sprechenden Lieben. Online nenne ich ihn Susu, nach den susuwatari, den Rußbällchen aus den Filmen von Hayao Miyazaki, doch bald heißt er vor allem Herr Baby.

Aber noch habe ich ihn nicht. Noch habe ich vor allem ein nervöses Bauchgefühl, denn ich hab mich noch nie als Erwachsene um ein Kätzchen gekümmert. Ich hole ihn ab. Er ist ein Schatz.

Zwei Tage nach seiner Ankunft kriegt der Schatz Durchfall. Er frisst nicht mehr, ich muss ihm alle paar Stunden mit der Spritze Aufbaubrei geben. Bald jede halbe Stunde, denn zu viel Brei auf einmal verträgt er nicht. Ich schlafe kaum, esse wenig, viel zu schnell, kriege Stressbauchkrämpfe, nehme ab. Im Schlafmangelstress zerhäcksle ich mir mit dem Pürierstab den linken Zeigefinger. Ich habe Glück und verletze keine Sehne. Was für ein Scheißjahr, denke ich. Das war’s jetzt aber, denke ich. Susus Durchfall wird langsam besser. Er frisst wieder selbst.

Ich komme endlich wieder zum langsamen Kochen und koche ein köstliches Ragout mit Champignons, Tomaten, Rindfleisch, Zwiebeln. Danach kriege ich Bauchschmerzen. Ich trinke Tee und nehme bewährte Salbeitropfen. Am nächsten Tag sind die Schmerzen noch da und werden stärker. Ich habe niemanden, der auf Susu aufpasst. Ich nehme ein Ibuprofen und lege mich mit der Wärmeflasche ins Bett.

Am Abend rufe ich bei der neuen Gesundheitsnummer der Stadt Wien an. Dann rufe ich meine Mutter an, die sich auf den Weg nach Wien macht. Kurz darauf fahre ich das erste Mal mit der Rettung, sitze das erste Mal in der Notaufnahme eines Krankenhauses. Ich habe Gastritis. Was für ein Scheißjahr, denke ich. Das war’s jetzt aber, denke ich.

Ich darf erst einmal nur Schonkost essen. Ich nehme weiter ab, Susu nimmt zu und wächst jeden Tag. Manchmal tränen ihm die Augen, manchmal niest er, manchmal hustet er. Ich kriege Magensäureblocker, er kriegt Augen- und Nasentropfen, Vitaminpulver und -pasten. Ich frage mich, ob er eine unterliegende Krankheit hat. Wird schon nichts sein.

Susu fährt das erste Mal mit im Auto, für ein Wochenende aufs Land. Er ist ungeheuer brav und ungeheuer charmant mit allen. Ich gehe auf Anraten meines Hausarztes zur Ultraschalluntersuchung. Wird schon nichts sein. Die Ärztin findet ein Ding. Ich soll zur Computertomographie. Mein Hausarzt schickt mich zur Magnetresonanztomographie. Wird schon nichts sein. Es ist aber ein Ding, ob in oder an der Bauchspeicheldrüse ist immer noch nicht ganz klar. Ok?

Mein Hausarzt schickt mich zum Facharzt, der eigentlich nur einen Termin im Allgemeinen Krankenhaus ausmacht. Ein Endosonogramm und eine transgastrische Biopsie – durch den Magen. Ich werde über Nacht im Krankenhaus bleiben müssen. Ich bitte meine Mutter, Susu zu hüten. Wird schon nichts sein.

Anfang August bemerke ich, dass Susus linkes Auge irgendwie trüb ist. Die Tierärztin verschreibt eine Salbe, das Auge trübt sich weiter, plötzlich ist etwas im Glaskörper, das aussieht, wie eine Wolke. Die Tierärztin verschreibt Tabletten und fährt auf Urlaub. Wird schon nichts sein.

Susus Auge wird aber nicht besser. Nach Anrufen bei verschiedenen Stellen gehe ich mit ihm zur Ausweichtierärztin, Bluttests machen. Hoffentlich ist es was einfaches. Die Tierärztin hält Rücksprache: Es ist FIP, Feline Infektiöse Peritonitis, eine der Katzenkrankheiten ohne Impfung, ohne Heilung. Aber sie muss ja nicht gleich ausbrechen. Was für ein Scheißjahr, denke ich. Das reicht jetzt aber wirklich (bitte bitte), denke ich.

Die FIP bricht aber aus. Herr Baby atmet schwer und ruckartig, verweigert Futter & Trinken. Scheiße. Ich gehe zur Tierärztin und lasse ihn einschläfern. Reicht das jetzt? Mir reicht es zumindest. Was für ein extrem beschissenes Jahr.

Aber es geht weiter, irgendwie. Ich gehe ins Krankenhaus, bekomme meine erste Narkose, träume von Susu, heule beim Aufwachen fürchterlich und kann mich lange nicht beruhigen. Sonst ist der Aufenthalt problemlos. Ich gehe nachhause und warte auf das Resultat. Wird schon nichts sein.

Es ist aber was, ein Frantz-Tumor, benannt nach seiner Entdeckerin, Virginia Kneeland Frantz, ausgesprochen selten, eigentlich gutartig, außer er bildet Metastasen. Meiner ist noch klein. Ich bin erst mal baff. Was für ein Scheißjahr. Hat das alles immer noch nicht gereicht?

Eine Woche später habe ich den Termin zur Besprechung der Operation. Ich erfahre, dass mir nicht nur der Tumor, sondern wohl auch ein Stück der Bauchspeicheldrüse und meine Milz entfernt werden wird. Das können sie aber erst während der OP wirklich sagen. Ich muss für mindestens 12 Tage ins Krankenhaus, mitten im Oktober.

Hä? Aber … wie? Wiiiiieeeeeee??? Aber … hab ich dann nachher vielleicht Diabetes?! Ja. Bzw. muss ich für immer meine Ernährung umstellen. Wenn die Milz entfernt wird, ist auch mein Immunsystem nicht mehr dasselbe. Häääää??? Ja. Dafür wahrscheinlich keine Chemo und die Prognose nach einer OP ist gut.

Aber es ist immer ein klein wenig schlimmer als erhofft, wenn auch nie ganz schlimm. Immer noch ein Glück im Unglück (wie ich diese Phrase mittlerweile hasse). Ich bin eigentlich noch immer baff. Scheinbar reicht es noch nicht und langsam krieg ich Angst. Was für ein Scheißjahr.

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10 thoughts on “Der Frantz, der Oasch

  1. Du Liebe. Ich kenne dich nicht, bist bei Twitter in meiner Timeline aufgetaucht, zufällig bin ich über deinen Blog gestolpert. Ich wünsche dir von Herzen alles Gute und viel Kraft für den letzten Rest vom Scheißjahr, auf dass das nächste ein Gutes wird.

  2. Ach MANN, was für ein Scheißjahr.
    Ich lese schon ewig bei Dir mit und mache mir Sorgen, wenn Du länger nicht postest – aber dass es Dich so übel erwischt, erschüttert mich doch etwas. Ich halt Dir die Daumen, dass es von nun an nur mehr bergauf geht!

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