Zum Beispiel Luise

Der Twitteraccount @BitchFlicks, dem ich folge, fragte letztens, in welchem Film, bei dem eine Frau Regie führte, wir uns ganz repräsentiert sahen. Nun, für mich jetzt gibt es (noch) keinen solchen Film – und auch kein solches Buch und keinen Comic und kein Lied.

Aber es gab einmal ein Buch. Bei meinem Aufenthalt auf dem Land stöberte ich in der Kiste mit Fotos aus dem Fundus meines Vaters und fand dieses – aus einer Serie von drei Bildern.

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Hier bin ich ca. 6 Jahre alt, vielleicht ein wenig älter oder ein wenig jünger und lese wahrscheinlich zum ersten Mal “Das doppelte Lottchen” von Erich Kästner. Und wenn mich eine Figur in einem Buch jemals repräsentierte, dann war das Luise, die wilde Zwillingsschwester.

Als ich meiner Mutter einmal erzählte, dass dies mein Lieblingsbuch von Kästner sei, meinte sie, es wäre ihr zu seicht. Aha. Ausgerechnet das einzige Buch Kästners in dem zwei Mädchen die Hauptrolle spielen nahm sie als seicht wahr. Die Parallelen zwischen mir und Luise und dass mir deshalb das Buch so wichtig sein könnte, sah sie gar nicht.

Luise hatte wilde, blonde Locken – ich auch, wenn auch kurze. In meinen Bilderbüchern gab es nicht so viele Figuren mit blonden Locken. Ronja Räubertochter kam erst später, auch eine wichtige Identifikationsfigur, aber wenig mit der Realität verknüpft.

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Sie wohnte in Wien – und dorthin war meine Familie vor kurzem übersiedelt. Ich hatte zu dem Zeitpunkt kein einziges anderes Buch, in dem eine Figur in Wien wohnte – die von Christine Nöstlinger kamen erst später.

Luise aß für ihr Leben gern Süßes und besonders Palatschinken, die sie immer aß, wenn sie mit ihrem Vater ins Hotel Imperial ging. Meine arme Mutter mag süßes Essen gar nicht, weil ihr Bruder es sehr mochte und als sie klein waren, durfte er immer den Speiseplan bestimmen. Meine Großmutter machte also Palatschinken für meinen Bruder und mich und meine Mutter konnte auch manchmal dazu bewegt werden. Ach, Palatschinken. Muss ich bald wieder machen.

Noch etwas verband mich mit Luise: Sie haute andere Kinder. Manchmal gerechtfertigt, manchmal ungerechtfertigt. Ich prügelte mich mit meinem kleinen Bruder und meine Eltern unterbanden das nicht (würde ich heute unbedingt). Dabei blieb sie trotzdem eine sympathische Figur – auch das kommt in der Kinderliteratur selten vor (zurecht).

Ob bei all dem die Scheidung der Eltern der wichtigste Aspekt war, weiß ich nicht. Aber meine Eltern waren auch geschieden und ich hatte kein einziges anderes Buch, in dem solche Eltern vorkamen. Meine Eltern waren dabei noch spezieller, sie wohnten in Wien erst noch zusammen, dann in einem Haus, auf einer Etage, in zwei Wohnungen (wie im Doppelten Lottchen am Ende mit dem Atelier nebenan).

Aber egal wie sie wohnten, denn das war eher nebensächlich, sie waren den Eltern von Luise und Lotte ungeheuer ähnlich: Mein Vater, der große Künstler (Architekt, nicht Dirigent), meine Mutter, sehr beschäftigt mit ihrer Arbeit mit behinderten Kindern (nicht Journalistin). Es ist schon erkennbar: So privilegiert wie Luise aufwuchs, wuchs auch ich auf.

Nur ein Fräulein Gerlach gab es erst später, die Freundin meines Vaters zu der Zeit war sehr nett und interessierte sich sehr für meinen Bruder und mich.  Mein Bruder war auch nicht mein Zwilling, aber wir hatten doch zwillingsähnliche Eigenschaften. Dass meine Eltern sich wieder in einander verlieben würden, war sehr unwahrscheinlich, ich habe es mir auch nicht gewünscht. Und ich mag Katzen lieber als jeden Mops. So weit gingen die Parallelen zwischen mir und Luise doch nicht. Aber es gab genug. Und so hieß dann auch meine zweite Puppe Luise … und es ist ein schöner Name für ein Kind.

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Design gegen Design

Noch bis zum 12. Juni ist im MAK, dem Österreichischen Museum für angewandte Kunst in Wien, eine große Ausstellung über Josef Frank mit dem Titel “Against Design” – Gegen Design – zu sehen. Obwohl sie in nur einem Raum stattfindet, ist sie so dicht und voll, dass sie fast dreimal besucht werden muss, um wirklich alle Aspekte des Werks von Josef Frank zu entdecken. Das MAK bietet jeden Dienstag zwischen 18 und 22 Uhr freien Eintritt <3 – nehmt aber möglichst kleine Taschen mit, wenn nötig/möglich, die Schließfächer sind rar und die Garderobe kostenpflichtig.

Gleich vorausgeschickt: Das Architekturzentrum Wien öffnet am 14./15. Mai nochmal das Haus Beer von Josef Frank – diesmal auch die oberen Stockwerke.

So, aber jetzt zur Ausstellung. Sie versucht verschiedenste Aspekte von Josef Franks Gesamtwerk unter einen Hut zu bringen – Möbel, Häuser, Stoffe, Stadtplanung, Publikationen –  und mit einer Fülle an Ausstellungsstücken schafft sie es. Sie schafft es auch noch Bezüge anderer Architekt_innen auf Franks Werk auszustellen. So beim Überlegen jetzt frage ich mich, ob hier verschiedene Gruppen von Studierenden an jeweils einem Teil arbeiteten. Anyway.

Der Raum, der für die Ausstellung verwendet wird, ist im 1. Stock des MAK hinten und ein wenig schlecht ausgeschildert. Er befindet sich in einem neugebauten Zubau und ist eine Halle mit hoher Decke, deren Grundriss (ich erinnere mich nicht mehr, ob nur für diese Ausstellung oder prinzipiell) ein nach rechts gedrehtes “U” hat. Beim Reinkommen bietet sich also die Wahl an, nach rechts oder links zu gehen. Rechts steht eine verführerische Ansammlung von Möbeln, dahinter dann Wände mit Fotos von Franks Wohnung in Wien und Möbel aus einer Wohnung die er für eine Familie gestaltet hat – noch nicht in seinem Stil, eher klobig. Aber Franks Möbel, die aufgestellt sind – Hocker, Sessel, Tische, Kommoden, Kabinette, Sekretäre – sind sehr hübsch.

Möbel von Josef Frank im MAK in Wien

Diese Sicht ergibt sich von einem eingebauten offenen Gang, dessen Aufgänge nach Entwürfen Josef Franks gebaut sind und der heutigen Bauordnung nicht mehr entsprechen. Daher ist der Gang nicht rollstuhlgängig und auch nur auf eigene Gefahr zu betreten. Zum Nachdenken darüber regen Plakate an. Das Interessanteste für mich oben auf dem Gang waren Vergleiche zwischen den Sesseltypen Josef Franks und Darwins Untersuchungen von Finkenschnäbeln – an der Form eines Sesselbeins kann bestimmt werden, aus welcher Schaffensperiode von Frank ein Sessel stammt.

Vor allem die Tische hatten es mir angetan – ich fand, sie sahen von oben aus wie Seerosenblätter.

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Josef Frank propagierte ein “natürliches” Design, die Dinge sollten irgendwie organisch wachsen, auch Wohnungseinrichtungen. Später propagierte er dann ein “Accidental Design” – ein zufälliges Design. Aber irgendwie widerspricht sich das für mich – Design ist eben kein Zufall. Und das “historisch Gewachsene” basiert trotzdem auf Entwürfen unbekannter Personen, es ist eben nicht natürlich oder organisch gewachsen, egal ob ein Möbel jetzt quasi aus einem quergelegten Baumstamm besteht. Der Gedanke, dass ein quergelegter Baumstamm ein Möbel sein könnte beinhaltet schon so viele Konzepte und so viel Geschichte, dass Natürlichkeit oder organisches Wachstum ausgeschlossen werden müssen. Die Verwendung von botanischen Elementen zur Gestaltung von Inneneinrichtung_sgegenständen ist ebenfalls nicht natürlich oder organisch gewachsen, aber ich schweife ab.

Jedenfalls fand Josef Frank das moderne Design von Adolf Loos oder den Designer_innen und Architekt_innen des Bauhauses mit seinen einfachen Formen und Kanten nicht so toll.

Zeichnung von Josef Frank, Vergleich Bauhaus- und alltägliches Design

Sehr kichern musste ich über seine Karikatur des Bauhaus-Designs – und ich fragte mich, was denn wohl mein Vater (großer Fan von Loos und Bauhaus) dazu gesagt hätte. Und was er dazu gedacht hatte, dass Loos sexualisierte Gewalt gegen Kinder ausübte – eine Tafel in der Ausstellung wies darauf hin. #CN sexualisierte Gewalt gegen Kinder für die Texte in der ZEIT und Presse.

Josef Frank war auch als Stadtplaner tätig und in der Ausstellung sind Entwürfe für ein New Yorker Stadtviertel zu sehen und seine Vorschläge für die Gestaltung des Wiener Stephansplatzes nach dem 2. Weltkrieg. Mir hat dieser am Besten gefallen: Eine echte Piazza für Wien. Ist es leider nicht geworden.

Entwurf Josef Franks für den Stephansplatz in Wien

In der Ausstellung gibt es eine Vielzahl an Architekturmodellen (alle mit Fotoverbot belegt), die bestehende Häuser und Entwürfe für Fantasiehäuser von Josef Frank darstellen. Wie zu der Zeit Mode haben sie großzügige Balkone, Terassen, Innenhöfe, viel Licht, viel Luft … hach. Was sich nirgendwo findet, sind Informationen zu Franks Frau, Anna Regina Sebenius, einer gebürtigen Schwedin. Nach Schweden emigrieren die beiden 1933, wo Frank schon bekannt ist, da er davor schon Häuser für schwedische Freund_innen geplant und realisiert hat. Auch seine spätere Lebensgefährtin Dagmar Grill, Cousine von Anna Regina, kommt nur deshalb vor, weil er in Briefen an sie 13 Fantasiehäuser geplant hat, von denen kleine Modelle und Aquarelle zu sehen sind.

Mit einem Foto ist wenigstens Estrid Ericson vertreten – Künstlerin, Gründerin und Besitzerin der schwedischen Möbelfirma Svenskt Tenn. Sie hat in der deutschen Wikipedia einen Eintrag von genau 2 Zeilen und keinen in der englischen. Dabei war sie es, die Frank einen fixen Arbeitsplatz bei Svenskt Tenn anbot und sie war nicht einfach nur die Besitzerin der Firma, sondern instrumentelle Partnerin für Frank. In der Ausstellung gibt es nicht einmal eine Biografie von ihr.

Genauso unsichtbar gemacht wurde Estrid Ericons Einfluss auf Frank. Auf einer recht versteckten Tafel ist ein Bild des Schlafzimmers von Carl von Linné zu sehen, der die Wand mit botanischen Zeichnungen tapeziert hatte. Estrid tat es ihm nach und beklebte die ihr Bett kojenartig umgebenden Holzwände ebenso mit botanischen Drucken. Josef Frank beklebte dann Möbel mit solchen Drucken. Daneben ein mit Schlangenleder bezogenes Kabinett.

Möbel von Josef Frank für Svenskt Tenn

Josef Frank hatte auch selbst großes Interesse an Botanik und Biologie und so sind viele der Tapeten, Stoffe und Möbel, die er für Svenskt Tenn entwarf mit Pflanzen, Früchten und Vögeln dekoriert. Eine Auswahl der Stoffe ist im MAK zu sehen – die hätte ich ewig studieren können.

Stoffe von Josef Frank für Svenskt Tenn

Stoffe von Josef Frank für Svenskt Tenn

In der Mitte mein Lieblingsstoff – wie Rosenkohl!

Vorhänge aus Stoffen von Josef Frank für Svenskt Tenn

In der Ecke explodierte es vor Buntheit und innerlich schrie ich “HABEN WOLLEN!” Später sah ich mir dann die Preise auf der Website von Svenskt Tenn an. Also Lottogewinn. Allerdings werden die Stoffe im Siebdruckverfahren hergestellt, mit mehreren Durchgängen für jede Farbe, ich verstehe also, warum sie teuer sind.

Estrid Ericson war auch hier oft Ideengeberin. Der Salon BeLLeArTi in Wien ist für die Ausstellung eine Kooperation mit Svenskt Tenn eingegangen – dort waren weitere Möbel, Stoffe und ein damit ausgestattetes Apartment zu sehen. Gezeigt wurde unter anderem ein Stoff, dessen Motiv Estrid Ericson in Kreta gefunden hatte, ein minoisches Fresko mit blauem Vogel. Josef Frank machte dann daraus ein Stoffmuster.

Im Salon BeLLeArTi konnte ich die Möbel und Stoffe aus der Nähe und mit weniger Menschen sehen. Ein paar Einblicke:

Kissen mit von Josef Frank für Svenskt Tenn entworfenen Stoffen bezogen

Tapeten von Josef Frank für Svenskt Tenn

Tapeten

Stoffe von Josef Frank für Svenskt Tenn

Stoffe (zuoberst ein deutliches Beispiel von cultural appropriation von chinesischen bzw. japanischen Motiven)

Und näher an die Möbel kam ich auch. Dieses hat es mir besonders angetan – Josef Frank hat hier ein gängiges Motiv für – puh, ich assoziiiere alles Mögliche, Zäune, Bettgestelle, Schränke, Fensterrahmen, ja Kleidung bzw. Verzierungen für Lederhosen und Lodenjanker – genommen und ein Kabinett draus gemacht, bei dem es bei mir im Kopf nur “Waow! Wa-ha-uw!” macht.

Kabinett von Josef Frank für Svenskt Tenn

Kabinett von Josef Frank für Svenskt Tenn

Welchen Einfluss Estrid Ericson, Josef Frank und Svenskt Tenn auf schwedisches Design hatten, kann an den Ikea-Kollektionen abgelesen werden. Gerade gibt es so viele Stoffe mit botanischen Zeichnungen bzw. eine der PS-Kommoden verdankt ihr Design eindeutig folgender Kommode (auch wenn die von Frank viel schöner ist):

Kommode von Josef Frank für Svenskt Tenn

Ältere Version einer Kommode von Josef Frank für Svenskt Tenn

Kommode von Josef Frank für Svenskt Tenn

Heute erwerbbare Version der Kommode

Und das war’s. Ich würde nun zu gerne eine Ausstellung über Estrid Ericson sehen …

Edited wg. Wortdopplungen, Formulierungen.

Klolichtnostalgie

Gerade gab ich auf Twitter preis, dass ich mindestens zwei Jahrzehnte ohne Klolicht gelebt habe. Das war nicht meine Schuld, es hat sich so ergeben. Ich hätte das Schreiben darüber auf später verschoben, wenn mir nicht die Bauchklappe meines Herzmotivstanzanhängers hinters Bett gefallen wäre, wodurch ich gezwungenermaßen darüber sinnieren musste, dass es wohl keine vergeudetere Lebenszeit gibt, als die Zeit, die ich damit verbracht habe, die Herzmotivstanzanhängerbauchklappe mittels Kochessstäbchen wieder hinter dem Bett hervorzubringen. Ich entwickelte einen sofortigen Hass auf den Herzmotivstanzanhänger und vermisste meinen ursprünglichen Herzmotivstanzapparat umso mehr. Ich hoffe, dass er irgendwann wieder auftaucht und mich herzlich begrüßt.

Aber zum Klolicht. Also nein, zuerst zur Nostalgie. Die hatte ich schon heute früh, als ich @baum_gluecks Sound of Music-Tweet las. Ich dachte daran, wie mein Bruder den Soundtrack von The Sound of Music auf Platte geschenkt bekam und wir ihn, den Soundtrack zu The Westside Story, den zu The Sting und sämtliche Beatlesplatten meines Vaters, seine einzige Beach Boys-Platte und noch ein paar andere rauf und runter hörten, oft ziemlich laut. Wir tanzten dazu, sangen mit, lernten damit Englisch, führten dazu komplexe Choreografien mit dem Holzlaster auf. Bei meiner Mutter hörten wir Kinderplatten, Valerie und die Gutenachtschaukel, Schweizer Lieder, ihre feministischen Platten, die Proletenpassion und die anderen Platten der Schmetterlinge. Wir durften ohne Fragen an die Plattenspieler. Es gab zwei davon, weil meine Eltern geschieden waren, aber nebeneinander wohnten. Darüber wollte ich auch einmal schreiben, aber nicht jetzt.

Das Nachsingen von Liedern aus The Sound of Music und die falalala- und joleduli-Teile der Schweizer Lieder war auch fast das einzige Jodeln, das in unserem Haushalt geübt wurde. Trotz der schweizerisch-österreichischen Mischung jodelten wir nicht. Wir fuhren auch nicht Schi. Schließlich sperrte mein Vater die Platten weg. Einmal fanden wir den Schlüssel und freuten uns sehr, aber nachdem mein Bruder in die Schweiz verbannt wurde, verlor das Spiel ohnehin seinen Reiz und es gab dann CDs. Als ich dann in Kanada das erste Mal The Sound of Music sah, konnte ich alles mitsingen und genauso war es, als mein Bruder und ich das erste Mal die West Side Story sahen, 2008 war das.

Das Klolicht war jedenfalls in der Wohnung meines Vaters und es funktionierte vielleicht zwei Jahre lang. Dann fiel es aus und blieb kaputt, von 1990 bis 2009. Ok, also es waren *fast* zwei Jahrzehnte ohne Klolicht. Wir mussten jedes Mal, wenn wir neue Gäst_innen hatten erklären, dass sie nicht das Klolicht, sondern das Ganglicht einschalten sollten. Sonst ließ sich das Klolicht nicht mehr ausschalten und wir mussten die Sicherung umlegen. Stammgäst_innen gewöhnten sich irgendwann daran.

Kritisch wurde es, wenn auch das Ganglicht ausfiel und nicht sofort erneuert werden konnte. Das Ganglicht fiel besonders gerne dann aus, wenn ich ein Fest veranstaltete. Dann mussten die Gäst_innen mit der Kerze aufs Klo und es wirkte eher peinlich als wildromantisch. Um es zu erneuern, brauchten wir die Aluminiumleiter meiner Mutter, da die Decken so hoch waren und da meine Eltern selten miteinander sprachen und es einigermaßen schwierig war, die lange Leiter um die Ecken zu manövrieren, dauerte auch die Erneuerung des Ganglichtes immer länger als notwendig. Der Grund dafür, warum das Klolicht nicht repariert werden konnte war, dass es mit der Lüftung zusammenhing und … aus irgendeinem Grund … funktionierte da irgendetwas nicht und … hm. Hätte wohl viel Geld gekostet. So war das.

Aus der Schatzkammer der Königin Folge 1: esca

Nachdem meine Ohrringe und anderen Schmuckstücke immer wieder Anklang finden, plane ich, sie euch der Reihe nach vorzustellen – und wenn möglich auch wo ich sie erworben habe.

Ich beginne dabei mit meinem Lieblingslabel esca. esca, das ist ein Geschwister-Design-Trio, Phillip, Christina und Christoph, alle drei aus gestalterischen Richtungen kommend – z.B. Produktgestaltung von Keramik (Christina) und Werbegrafik (Christoph). Als Kinder haben sie schon viel gebastelt, seit 2007 Jahren gestalten sie nun Kleidungsstücke, Taschen, Schmuck und andere Accessoires.

Ich weiß nicht mehr wann ich das erste Mal auf ihr Geschäft in der Langen Gasse 19, 1080 Wien, aufmerksam geworden bin, war es schon 2008 oder 2009 oder erst 2010? Mir waren die schönen Ketten im Schaufenster aufgefallen und auch ein gewisser Pulli mit einer Elster, also ging ich hin und kaufte mir meine erste esca-Kette, das Schiff mit dem Anker, ein Design, das ich immer noch genial finde.

Schiffkette

Mein erstes Stück von esca – ich liebe den angehängten Anker, der beim Tragen auf- und wieder abtaucht.

Als ich dann 2011 meine Ohrlöcher stechen ließ, kamen Fischohrringe dazu, oft meine go-to-Ohrringe für wenn ich schwarz trage, ein kleiner weißer Ansteckhase, der lange keinen Platz fand, aber kürzlich hat er sich auf einem schwarzen Pulli heimisch eingerichtet, dann die passende Brosche zu den Fischohrringen, dann die schönste Quallenkette, Ankerohrringe und eine Schiffbrosche. Ach, und wunderhübsche Weihnachtsbaumanhänger. Dazwischen immer wieder Geschenke für Freundinnen, weil es bei esca so schöne Katzenohrringe gibt.

Fischohrringe und die dazupassende Brosche - gehören zu meinen Lieblingsohrringen.

Fischohrringe und die dazupassende Brosche – sie gehören zu meinen Lieblingsohrringen.

Da ich für eine Kolumne Fotos von der aktuellen Kollektion benötigte, fragte ich bei esca an, ob ich die Fotos gleich im Geschäft machen und vielleicht gleich noch ein Interview mit ihnen führen dürfte. Freundlicherweise haben sie zugestimmt und so habe ich mich mit Christina und Christoph unterhalten.

Hasenanstecker, klein, aber ein feines Detail.

Hasenanstecker, klein, aber ein feines Detail.

Anna: Wie lange gibt es euch denn eigentlich schon?

Christoph: Mein Bruder und meine Schwester haben vor ungefähr zehn Jahren mit Webdesign begonnen.

Christina: Den Shop so wie er hier ist, gibt es jetzt seit Dezember 2007, da haben wir eröffnet.

Anna: Das kommt ungefähr hin in meiner Erinnerung. Das heißt, ihr seid drei Geschwister?

Christoph: Genau.

Christina: Mein anderer Bruder ist auch dabei, der ist meistens am Vormittag da, weil er die Kinder vom Kindergarten abholt und betreut. Mit ihm habe ich eigentlich begonnen. Wir haben ursprünglich mit Webdesign angefangen, auch Druckgraphiken und solche Dinge, Folder usw. Dann (zu Christoph) bist du dazugekommen.

Christoph: Genau, da hab ich eigentlich meinen Bruder ersetzt, der Zivildienst machen musste und da haben wir irgendwann einmal festgestellt, dass wir gerne unsere eigenen Grafiken in der Hand halten würden und Probeshirts drucken lassen. Dann haben wir uns relativ schnell die erste Presse gekauft mit Flock- und Flexdruckverfahren und haben unsere eigenen Shirts in Kleinserien hergestellt.

Schiffsbrosche für wenn ich keine Kette tragen will - nur zum Anker bräuchte ich jetzt eigentlich noch farblich passende Ohrringe.

Schiffsbrosche für wenn ich keine Kette tragen will – nur zum Anker bräuchte ich jetzt eigentlich noch farblich passende Ohrringe.

Anna: Habt ihr einen eigenen Lasercutter für den Schmuck?

Christoph: Den lassen wir großteils in Deutschland anfertigen.

Christina: Genau, die Acrylsachen in Deutschland, die Holzdinge und Lasergravur bei den Brettchen und so machen wir in Wien bei der Laserbox, die sind da eigentlich ganz fix

Anna: Das heißt, der Schmuck ist aus Acryl?

Christoph: Genau. Wir verwenden hauptsächlich Acrylglas oder Holz für den Schmuck

Christina: Wobei wir jetzt mit dem Holz weitermachen wollen, damit es auch ein bisschen zu den ganzen fair produzierten und Biobaumwollshirts passt, das ist irgendwie das bessere Material, nicht so farbenfroh, aber es kommt immer darauf an, wie man es gravieren kann und so.

Anna: Ja, Holz erlaubt auch durch die verschiedenen Brennungsstufen mehr Schattierungen, das ist schon ganz cool.

Christina: Das stimmt, es funktioniert auch besser zum Gravieren.

Anna: Ich habe mir auch die Dachsköpfe angesehen, weil ich mir dachte: „Das ist neu.“

Christina: Bei den Dachsköpfen funktioniert das mit dem Acrylglas auch, es schneidet nur nicht ganz so sauber an den Kanten.

Besagter Dachskopf als Kette - im Geschäft fotografiert.

Besagter Dachskopf als Kette – im Geschäft fotografiert.

Anna: Ich wollte euch fragen – die Inspiration für die gegenwärtige Kollektion ist relativ offensichtlich, aber am Anfang habt ihr mit Hirschgeweihen und Schiffen gearbeitet, ich erinnere mich auch an Haie und die Hasen waren schon früh da – was hat euch inspiriert?

Christina: Ganz ursprünglich hatten wir eine Männchenserie, eine comicartige …

Christoph: … dann haben wir kreuz und quer geschossen und haben dann beschlossen, wir machen jetzt eine Linie, die wir durchziehen.

Christina: Wobei, diese Wasserlinie gibt es schon auch, die ist dann meistens saisonal, also, dass wir sie im Sommer dann wieder herauskramen oder adaptieren …

Anna: Ich habe mich sehr über die Qualle gefreut.

Christina: Christoph hat dann drei „Gentlemen of the Sea“ gemacht, einen Heilbutt, eine Seeschwalbe und – was war das dritte?

Christoph: Der Oktopus.

Christina: Oh, der Oktopus. Also, die Meer- und Wassermotive sind halt Sommermotive, beziehungsweise kommt es auch aus der Richtung, dass Christoph sehr gerne fischt, sehr viele Fischer- und Segelfreunde hat …

Christoph: Und Tauchen. Sehr wasseraffin, das Ganze.

Qualle

Wasseraffin bin ich eben auch – hier ist meine wunderhübsche Quallenkette von esca.

Anna: Und wie seid ihr dann auf die Märchen gekommen?

Christoph: Das war eigentlich ein reiner Zufall, ich habe gelesen, dass im nächsten Jahr das Gebrüder-Grimm-Jahr ist, das war 2013 und da habe ich mich hingesetzt und beschlossen, das Rotkäppchen zu gestalten. Das hat relativ lange gedauert, weil immer wieder irgendetwas nicht gepasst hat, wo man sich manchmal einfach verrennt und enorm viel Zeit braucht, so ein Motiv zu entwickeln. Aber dann, wie es dann da war, hat es eigentlich so viel Anklang gefunden, dass wir beschlossen haben, eine ganze Serie zu gestalten, mit Hänsel und Gretel usw.

Rotkäppchen-Windlichter in Kooperation mit feine dinge

Rotkäppchen-Windlichter in Kooperation mit feinedinge*, fotografiert im Geschäft.

Christina: Wobei aufgrund der ganzen Recherche für die Gestaltung kommst du einfach auf diese alten Bücher und da sind einfach extrem schöne Stiche und Drucke drin.

Anna: Ja, ich habe mir beim Schreiben der Kolumne gedacht: „Hm, was ist das für ein Märchen, das kenn ich gar nicht.“ Da sind auch ein paar obskure dabei, aber was ich an euch wirklich schätze, ist, dass ihr die Essenz herauszieht und einen Wiedererkennungseffekt habt – und zwar so einfach (von der Gestaltung her), das liebe ich sehr.

Christoph: Das ist das Schwierige. Du möchtest dann nicht 5000 Details auf einem Shirt haben, sondern es zusammenschmelzen, damit jemand, der das Märchen wenigstens ansatzweise kennt sagt: „Ah, das ist jetzt Blaubart!“

Christina: Hurleburlebutz!

Anna: Das habe ich z.B. überhaupt nicht gekannt, auch „Die treuen Tiere“ haben mir überhaupt nichts gesagt.

Christina: Das ist auch ein sehr schräges Märchen, wenn man sich das durchliest, die lassen sich nicht so gut wiedergeben.

Christoph: Es sind teilweise recht offene Geschichten, der Handlungsstrang ist ein bisschen verworren.

Die sechs Schwäne mit Verstärkung - fotografiert im Shop.

Die sechs Schwäne mit Verstärkung – fotografiert im Shop.

Anna: Was mögt ihr eigentlich selbst gerne? Welche eurer Stücke tragt ihr am liebsten, habt ihr zuhause eine eigene Kollektion?

Christoph: Ich mache mir schon oft Sonderfarben.

Christina: Weil die Farben, die wir oft wollen, dann nicht so großen Anklang finden.

Christoph: Es ist oft so, dass man selber einen anderen Geschmack hat, dass die Mehrheit – also gerade die Männer – lieber dezentere Farben tragen und ich habe schon ganz gerne manchmal etwas Schwarz-Weiß-Neonpinkes.

Anna: Ich würde mich für etwas Schwarz-Weiß-Neonpinkes sofort begeistern.

Christina: Die anderen Männer nicht, das ist ja das. Wir probieren manchmal etwas, eine Krake in Schwarz-Weiß-Neonpink, das hat bei Männern überhaupt nicht funktioniert.

Christoph: Ja, stimmt.

Christina (zu Christoph): Du hast sehr viel Wassermotive, das muss ich schon sagen. (Christoph trägt ein dunkelgraues T-shirt mit zwei schwarzen Oktopustentakeln.) Aber Rotkäppchen hat glaube ich jeder von uns?

Christoph: Ich bin auch ein großer Fan von den Tierköpfen, es ist manchmal ganz nett, wenn man unterm Sakko dann noch einen Gag hat.

Das Hurleburlebutz-Kleid mit Dachskopftasche - fotografiert im Shop.

Hurleburlebutz-Kleid mit Dachskopftasche – fotografiert im Shop.

Anna: Ich habe mich gefragt, ab welchem Zeitpunkt ihr erfolgreich wurdet, gab es einen Punkt, an dem ihr „in“ wart und ist es dann wieder abgeflacht?

Christoph: Ich würde sagen, seit der Märchenkollektion wird es stetig mehr, der Bekanntheitsgrad wird höher und es finden doch sehr viele Leute gut. Am Anfang, als wir noch so kreuz und quer geschossen haben, gab es immer wieder einmal ein T-Shirt, das gefiel und aufgekauft wurde, aber seit wir eine Linie gefunden haben, ist doch der Anklang bei weitem größer.

Christina: Gleichzeitig hatten die anderen auch sehr viele Schwarz-Weiß-T-Shirts mit Sprüchen und da haben wir unsere Sache weitergemacht mit den Märchen, das ist schon ein bisschen ein Kontrast, wenn jeder gerade die Schwarz-Weiß-Shirts hat, wenn da doch ein Motiv drauf ist.

Anna: Ich mag halt keine Sprüche, zum Beispiel.

Beide: Wir auch nicht.

Christina: Beziehungsweise sind wir auch schlecht beim Texten, deswegen täte ich mir schwer, irgendwelche Sprüche auf Shirts zu drucken.

Anna: Ich würde wahrscheinlich Lieblingswörter draufdrucken, aber ich finde das dann so definierend, während ein Bild viel mehrdeutiger ist. Habt ihr irgendwelche Marketingstrategien? Ich habe gesehen, dass ihr jetzt im 7. Bezirk in vielen Boutiquen vertreten seid und ihr seid immer beim Feschmarkt und solchen Sachen dabei, aber …

Christina: Wir kommen eher aus dem Gestalterischen, nicht aus der wirtschaftlichen Richtung. Unser Ziel ist im Moment, dass wir nicht nur in Wien Shops finden, die uns vertreiben, sondern auch in anderen Bundesländern zumindest. Über Dawanda funktioniert es ganz gut.

Christoph: Wir haben Dawanda und Etsy momentan und wollen es doch noch weiter fächern – man muss halt immer erst aussortieren, welche Shopsysteme sind gut, wie sind die Konditionen usw. und vor allem in welchen Nationen wird es dann hauptsächlich gekauft, wegen den Versandkosten.

Anna: Ich habe auch festgestellt, auf Dawanda habt ihr gar nicht alle eure Sachen eingestellt, ich nehme an, ihr testet auch dort, was sich verkauft und was nicht?

Christina: Genau. Es ist ein extremer Aufwand von allem immer Fotos zu machen, alles immer reinzustellen, dann haben wir eine Phase wo einer von uns fünf oder zehn Shirts reinstellt, aber …

Christoph: Wir lassen es dann auch auslaufen, wir haben sicher jedes Motiv schon einmal auf Dawanda stehen gehabt, nur die, die sich nicht gut verkauft haben, haben wir dann eingestellt, weil du zahlst auf Dawanda pro Stück –

Christina: Für die Einstellung, für drei Monate –

Christoph: Wenn ich das Shirt nie verkauft habe, dann werde ich es nicht noch mal auf Dawanda einstellen. Manche Sachen verkaufen sich zum Beispiel besser auf Märkten und manche besser hier im Shop und manche online. Zum Beispiel der Blaubart ist am Markt super, im Shop selber wird er meistens zwar angeschaut, aber so, dass die Leute dann auch sagen: „Den möchte ich jetzt anziehen,“ ist es dann nicht. Da ist das Publikum auch anders.

Zum Blaubartshirt perfekt passende Ketten und Ohrringe - im Shop fotografiert.

Zum Blaubartshirt perfekt passende Ketten und Ohrringe – im Shop fotografiert.

Anna: Kann ich bei euch auch eigene Kleidung mitbringen und sagen: „Ich möchte da gerne was draufhaben?“

Christoph: Ja. Das ist an und für sich kein Problem.

Anna: Ich habe nämlich in eurer Sommerkollektion die gestreiften T-Shirts mit dem Schiff gesehen und hatte davor dieselbe Idee, nur für mich, für ein Kleid.

Christoph: Die hatten wir auch einmal für Herren und Damen, aber ich weiß nicht, ob die noch produziert werden, diese Streifenshirts.

Christina: Das war vor zwei Jahren, bei dem einem waren sie dann aus und bei dem anderen hat das mit dem Nachliefern sehr lange gedauert.

Christoph: Das ist dann immer sehr schwierig, wenn eine Farbe, die wir sehr gern haben, eingestellt wird. Wenn man nicht selber produziert, muss man sich mit dem begnügen, was die Hersteller anbieten.

Ankerohrringe, damit sich die Schiffe nicht so allein fühlen.

Ankerohrringe, damit sich die Schiffe nicht so allein fühlen.

Anna: Habt ihr schon Pläne für die nächste Kollektion?

Christoph: Wir werden die Märchenkollektion weiterhin ausbauen. Eine große neue Schiene ist momentan nicht in Planung, sondern dass wir das mit den Tierköpfen und den Märchen weiter verfolgen.

Christina: Und dann ist da der Marketingplan. Auch in Wien sind wir nur im 7. Bezirk vertreten. Christoph hat vor Jahren bei Disaster Clothing angefangen, bevor wir den Shop hatten, die anderen haben wir über Märkte kennengelernt oder sie sind an uns herangetreten, also haben wir den 7. ziemlich abgedeckt, aber sonst müssen wir noch schauen. Wir möchten auch eigene Teile herstellen, bei den Kleidern und Röcken haben wir selbst den Schnitt gemacht, mit Schnittbogen gemeinsam. Wir haben auch an Krawatten gedacht, die aus einem Stoff nähen zu lassen.

Christoph: Bei den Kleinserien müssen wir halt immer schauen, wie rentiert sich das, kriege ich das an den Markt. Natürlich würde es sich erst rentieren, wenn du viele Abnehmer hast und das in einer größeren Produktion machen lässt, nur ist es dann wieder schwierig nachhaltig und fair zu wirtschaften, weil du möchtest es ja dann auch nicht irgendwo in Asien mit Kinderarbeit machen lassen.

Anna: Wo werden denn die Kleider produziert?

Christina: Also der Stoff ist über Lebenskleidung bestellt, das andere läuft eben über Schnittbogen, die haben eine Kooperation mit einer Mitarbeiterin in Bulgarien, die selber hin und herfährt und dort Näherinnen hat.

Weihnachtsbaumschmuck, den ich gleich zu Kettenanhängern umfunktioniert habe.

Weihnachtsbaumschmuck, den ich gleich zu Kettenanhängern umfunktioniert habe.

Anna: Gibt es irgendwas, was ihr selbst gern noch erzählen möchtet?

Beide: Nicht wirklich.

Anna: Dann herzlichen Dank für das Interview!

http://www.esca.at/

de.dawanda.com/shop/esca

Am Ende des Interviews durfte ich mir eine Brosche aussuchen - nun habe ich eine Walfrau.

Am Ende des Interviews durfte ich mir eine Brosche aussuchen – nun habe ich eine Walfrau. Vielen Dank, esca!

Die Stoffe auf den Fotos von meinen Schmuckstücken stammen alle aus der Berliner Filiale von Frau Tulpe.

“Schlaflos” – zum Einschlafen

[CN: Geburt, sexuelle Gewalt, Rassismus, Tod, Blut, Knochen, Depression]

Ich wurde gebeten, doch die Ausstellung “Schlaflos” im 21er Haus, einem der 10.000 Museen für zeitgenössische Kunst in Wien, zu besuchen und davon zu berichten. Ich, dem Bett prinzipiell sehr zugeneigt und neugierig, denn der Hinweis auf die Ausstellung war schon durch meine Timeline gewandert, ging hin.

20150201_152028Nun.

Die Ausstellung hat sich eigentlich – so wie die meisten Museumsausstellungen – fast genau an mich gerichtet, also an eine weiße Bildungsbürgerin, nur, naja, sie war eher an weiße Bildungsbürger gerichtet. Trotzdem habe ich keinerlei Leitfaden, tieferes Konzept oder tiefere Zusammehänge ausfinding machen können. Ich frage mich seitdem, ob ich zu blöd bin, aber es gibt nur zwei Möglichkeiten: Leitfaden/Konzept/Zusammenhänge sind so obskur, dass ich sie nicht erkannt habe oder … die Ausstellung ist schlecht gemacht. Mittlerweile tendiere ich zur zweiten Möglichkeit.

Wenn … der Grundgedanke der Ausstellung eine Google-Bildersuche nach “Kunst”, “Bett” und den Schlagworten Geburt, Liebe, Krankheit, Tod, Politisch, Gewalt und Einsamkeit gewesen wäre …

Wenn … der Grundgedanke der Ausstellung eine Kooperation zwischen Kurator_innen zu den besagten Schlagworten – jede Person ist für ein Schlagwort zuständig oder jede Person trägt X Kunstwerke zu jedem Schlagwort bei – gewesen wäre …

Wenn … der Grundgedanke der Ausstellung eine große Menge an interessant angeordneten Exponaten gewesen wäre, …

dann …

wäre es eine bessere Ausstellung gewesen als die, die ich mir angesehen habe. Gut, es gibt ja auch die Möglichkeit, sich jedem Kontext, jeder Herstellung von Zusammenhängen zu verweigern. Aber es wurden Zusammenhänge hergestellt – Bett und Geburt, Liebe, Krankheit, Tod, Politisch, Gewalt und Einsamkeit. Nur innerhalb der Überthemen und dazwischen, an den Ecken, in den Nischen schepperte es vor … Beliebigkeit? Einem verborgenen Plan? Absichtlich konstruierten Zufallsfunden?

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich abwechselnd genervt, gelangweilt und betroffen war. Aber von vorn.

Die Ausstellung begann mit dem Themengebiet “Geburt”. Nein, zuerst: Das BETT! Begonnen wird mit einem Fließtext über die Kulturgeschichte und Bedeutung des Bettes, der unerwähnt lässt, dass jede Menge Kulturen nicht in einer Holzschachtel mit Matratze, Polster und Decke schlafen, sondern alle möglichen Variationen ersonnen haben. Netter unerwähnter Eurozentrismus. Wir schreiben 2015. This isn’t new, bold or different.

Danach kommen die Wiegen, “Symbol der Mutterbrust”. Hä? Ich dachte immer, Wiegen seien … Symbole des Uterus oder der wiegenden Arme. Hm. Auch verwend(et)en nicht alle Kulturen Wiegen, na egal. Also Wiegen. Eine schöne, nobliche von Thonet. Die kenne ich schon aus dem Museum Angewandter Kunst in Wien, ich würde zu der nicht Nein sagen, außer, dass sie riesig ist und sicher Rückenschmerzen verursacht.

20150201_143028Aber sie steht weit weg von allen anderen Wiegen. Warum eigentlich? Dabei gibt es noch: ein schiefes Kinderbett, ein Kinderbett mit Spiegel statt Matratze, eine Wiege aus Bronze (alles Kunst). Aha. Ein Foto von Juergen Teller zeigt ein Kind namens Ed, wie es ein japanisches Hotelzimmer zerlegt. Ah so. Es gibt in der ganzen Ausstellung viele Fotos von Teller, dessen Stil ich nicht mag.

Dann ein Bild eines neugeborenen Kindes von Lavinia Fontana (1552 – 1614), einer der ersten bzw. frühesten Malerinnen, die Aufnahme in die Uffizi in Florenz fanden. Gegenüber ein mittelalterliches Gemälde auf Holz von der Geburt Marias, die schon komplett im Kleid und mit langen Haaren und Heiligenschein aus ihrer Mutter Anna gekommen ist, scheint’s. Etliche Fotos von Babys auf väterlichen Bäuchen, ich muss an memyselfnchild_ denken.

Dann das “Geburtenbett” von Valie Export, dessen Tonspur schon vorher und von nun an die Ausstellung begleitete, zuerst nervig und unbehaglich, dann langsam immer vertrauter und schließlich wie ein Gitarrenriff klingend. Eine Geburt ist hier nicht zu sehen, alles ist verklausuliert oder verhüllt, ein großer Überhang von männlichen* Künstlern. Hm. Eins gelernt: In Wien gab’s auch einmal Säuglingswäschepakete. Könnten eigentlich wieder eingeführt werden.

Gut. Weiter in den großen Raum, in dem gut verteilt verschiedene Bettskulpturen stehen. An der Wand hängen ein paar Bilder. Ok. Ich finde keine der Skulpturen besonders auf- oder anregend. Aber eine finde ich berührend. Es ist diese:

20150201_135612“Kratz” von Urs Fischer erinnert mich an das Gefühl, wenn ich nachhause komme und mich erst einmal auf mein Bett werfe. Es scheint mir wie eine Person, die, getreten, zerronnen, zerstört, aber fast andächtig, tief erschöpft und traurig ins Bett kriecht oder vielleicht davor kniet und betet. Am liebsten hätte ich mich dazugelegt.

Ein paar weitere Dinge steht im großen Raum: “Liege für Hermann Schürrer” von Hans Kupelwieser und Franz West, die aussieht, als würde hier etwas abgetropft werden …

20150201_135643… und “Untitled (aus Leaving Home” von Sudarshan Shetty, der offensichtlich öfter mit Skeletten arbeitet. Hier bewundere ich aber vor allem die Maserung des Holzes.

20150201_135700In der Mitte des Raumes steht “Cama” von Los Carpinteros. Es sieht witzig aus, aber natürlich darf da nicht drauf rumgetobt werden. Es gibt überhaupt nichts zum Anfassen, Hinlegen oder sonst irgendwie haptisch erfahren. Dahinter ein Schüttgemälde von Hermann Nitsch.

20150201_135841Ich bin mehr als underwhelmed. Die Skulpturen stehen zwar alle so, dass bequem darum herumgegangen werden kann, aber viele davon sind für mich langweilig. Neben “Kratz” stehen vier Stockbetten, drei blaue, ein gelbes oder vielleicht umgekehrt, ich weiß es schon nicht mehr. Darauf liegen Bücher der Person, die die Skulptur konzipiert hat, ich glaube es war eine Frau, aber auch das habe ich schon vergessen. Ohne jeden Hinweis auf die Signifikanz der Bücher sehe ich nichts außer bunten Stockbetten, die mich auf keinste Weise ansprechen. So geht es mir mit den meisten Skulpturen.

Frustriert werfe ich die Hände in die Luft und gehe zum Bereich “Krankheit”. Jetzt beginnt es schlimm zu werden. Und ich meine nicht vom Ekelpotential her. Randomly mischt sich unter die verschiedenen Fotos – Krankenschwestern bei der Ausbildung 1942 (really?), Ruheraum in Baden-Baden oder sonst einem Bad (alle Betten mit rot abgedeckt, sieht gruselig aus), ein Lazarett aus dem 1. Weltkrieg (aber eh nur ein braves Gruppenbild) eine Karikatur aus 1934.

Eine antisemitische. Sagt mir dann der Katalog des Bildarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek, das die Karikatur sonst beherbergt. Wenn ihr sie euch ansehen wollt, hier der Link. Der Katalog sagt mir auch, dass hier Engelbert Dollfuß, der Bundeskanzler und Anführer der Austrofaschisten zu sehen ist, zusammen mit Emil Fey, Führer der austrofaschistischen Heimwehr und Vizekanzler, und Ernst Rüdiger Starhemberg, auch Heimwehrführer, später auch Vizekanzler. Sie beugen sich über das Bett der schlafenden “Austria” und hoffen, dass sie nicht aufwacht, während der jüdische Arzt garantiert, dass sie es nicht tun wird.

In der Ausstellung wird diese Karikatur in keinerlei Kontext gesetzt. Sie ist einfach da, gesagt wird nur, wer sie gezeichnet hat, nämlich Leopold Johann Dorfstätter, mit welchem Material auf welchem Medium, sowie der Titel. Warum ist diese Karikatur dort? Von allen Karikaturen, die “kranke” Staaten im Bett abbilden – und da gibt es viele, warum ausgerechnet diese? Was war da der Hintergedanke? Dass die Besucher_innen den Rassismus bzw. Antisemitismus ohnehin nicht erkennen werden?

Im hintersten Raum ist ein Krankenbett mit einer Wachsfigur drin, “Temporarily Placed” von Michal Elmgreen und Ingar Dragset. Sie sieht sehr real aus, die Person, die vor mir im Raum ist, erschaudert und geht schnell. Ich zucke mit den Achseln und drehe mich um.

20150201_140804Zuletzt komme ich an einer Installation von Douglas Gordon vorbei. Eine Frau erleidet einen Anfall und wird von zwei Männern auf dem Bett fixiert.

20150201_141123“Hysterical” heißt die Installation. Einige der Mitschauenden lachen. Mir wird grauenhaft und ich gehe zu den Räumen über den Tod.

Hier gibt es auch ein mittelalterliches Gemälde auf Holz, vom Tod Marias, die neben dem Bett Zuckerzeugs und getrocknete Früchte hat, in der Tapete/Wandbemalung/Wandbehang hinter ihr sind Tiere. Daneben hängen kleine Bilder aus einem “Ars moriendi”-Buch, von der Kunst zu sterben. Hmmm. Wie wird das denn besonders gut gemacht? Hier sind lauter Männer zu sehen, Männer auf dem Totenbett, Marcel Proust, Egon Schiele, Kronprinz Rudolf, Franz Lehar, Wilhelm III. von Preußen, der heilige Josef, ein alter Mann und ein namenloser “Erlöster”. Was für ein Zusammenhang besteht da? Geht es hier einfach nur um tote Männer in Betten?

An sichtbaren Frauen gibt es nur die mittelalterliche Maria, eine abstrakte sterbende Mutter und “Das tote Kind”, ein Mädchen, gemalt von Johanna Kampmann-Freund (1888-1940), einer jüdischen Malerin, die noch nicht einmal einen Wikipedia-Eintrag hat, dabei erhielt sie 1927 für das Bild “Hagar” den Staatspreis. Hier ihr Eintrag im Österreichischen Biographischen Lexikon.

Hm. Fehlt noch ein Raum im Erdgeschoß, “Liebe”. Hier geht’s aber um Sex. Vor allem Nackte, mittendrin etwas versteckt Fotos von Diane Arbus, die tatsächlich Paare fotografiert hat, die auf ihren Betten sitzen und keinen Sex haben. Eins der Paare ist sogar angezogen. Hier findet sich auch ein einziger japanischer Druck von Harunobu Suzuki, der angeblich ein Liebespaar beim Saketrinken zeigt, es ist … ein so underwhelming japanischer Druck, wie ich selten einen gesehen habe. Ernsthaft. Warum? Warum dieser Druck, warum dort, warum nicht ein anderer von den 100.000.000.000.000 japanischen Drucken, meinetwegen ein erotischer, wenn doch eh schon der ganze Raum voll davon ist. Aber das Paar im Druck ist angezogen. Nu ja. Hier hängt auch eine “Bordellszene”, ein Fresko aus Pompeii – und ernsthaft? Wenn wir schon von Bettkulturen reden bzw. sie zeigen oder was immer, nicht eine Darstellung eines römischen Schlafzimmers (da gibt’s nette Fresken), nein, schon wieder ein nackter Arsch? Ernsthaft?!

Ich notiere “SO. UNIMPRESSED.” in mein Notizheft.

Dann gehe ich hinauf in den ersten Stock.

20150201_150313Hier gibt es noch jede Menge Ausstellungsraum, alles gefüllt. Als fast erstes gerate ich an “Bed – Dots Obsession” von Yayoi Kusama. Sieht lustig aus, wie Anemonen am Meeresgrund, hat aber ziemlich ernste Hintergründe.

20150201_143557Daneben hängt Yoko Onos “Painting to be slept on”. “Hang it after sleeping on it for 100 nights” – häng es auf, nachdem du 100 Nächte drauf geschlafen hast – steht da. Wie es wohl aussehen würde, wenn …

20150201_143740Na gut, onwards. Ich bin jetzt bei “Politisch”. Da stirbt Cato im Bett, ein großes Ölbild, ein Foto von Winston Churchills Bett und dann – ein Stich von der (französischen) Königlichen Familie nach der Hinrichtung Ludwig des XVI., im Hintergrund ein Bett. Äh. Daneben ein Foto der Replik des Bettes von Marie Antoinette in Versailles. Warum?

Meine Nerven sind mittlerweile einmal über Mona Hatoums “Dormiente” gerieben worden.

20150201_144245Auch das ist eine Skulptur, die mir gefällt. Sie ist brutal und bitter, schrecklich in ihrer Einfachheit und Komplexität. So viele andere einfache Liegen und Betten in dieser Ausstellung, aber kaum eine kommt an diese heran.

Dann rolle ich die Augen an “Poison is a Woman’s Weapon” von Ryan Gander vorbei … (ich will auch Geld & Ruhm dafür, dass ich Frauen in Unterhosen & T-Shirts beim auf dem Bett hüpfen filme).

20150201_144454Und dann gerate ich an Tracey Emins “To meet my past”. Warum dieses Werk nicht bei “Politisch”  oder “Gewalt” steht – oder zusammen mit Yayoi Kusamas Bett in der großen Ausstellungshalle als Kontrapunkt zu den anderen Skulpturen dort … nun. Keine Ahnung.

“To meet my past” ist überall bestickt, mit Applikationen übersät. Es sieht auf den ersten Blick kuschelig aus, das Bett, aber beim Lesen gefriert das Herz. Warum ist das nicht – versteckt unter anderen harmlosen Betten – eines der Kernstücke dieser Ausstellung? Warum steht es in der Ecke, nicht einmal gut rundherum zugänglich? Schön versteckt, damit es nicht zu verstört, zwischen all den objektifizierten Frauen* im Rest der Ausstellung, steht auf einer Seite im Leintuch eingestickt: “I’m going to get you and when I do the whole fucking worlds going to know that you destroyed my childhood.”

20150201_14512520150201_14513820150201_144519Im letzten Bild, leider sehr unscharf: “I can not beleave I was afraid of Ghosts Tracey Emin 1969-1974”. Es erinnert mich an die Stick- oder Strickmusterflecke, die von ihren Herstellerinnen mit Namen und Jahreszahl signiert werden …

Es gibt jetzt ein Wort für meine Stimmung. “glum”. Wie wenn dir etwas auf dem Herzen sitzt. Aber das ist schnell wieder weg. Ich komme zum Thema “Einsamkeit” und … 10.000 nackte Frauen auf Betten. Äh. Ich notiere “fucking kidding me”. Sauer gehe ich zu “Gewalt” weiter, besichtige die Fotos von Lucinda Devlin, die Fotos von Hinrichtungsräumen in den USA macht. Dann biege ich um die Ecke und …

20150201_150034vor mir ist eines der berühmtesten Bilder, nein *das* berühmteste Bild von Artemisia Gentileschi, “Judith köpft Holofernes”. Dieses Bild. Hier. Hier in dieser Ausstellung, in diesem Kontext. Was hat ein verdammtes BETT mit diesem Bild zu tun, außer dass in dem Bild eines vorkommt?! Warum wird es hier in einem Eck verheizt, noch dazu unter der Rubrik “Gewalt”, in der es kein einziges Bild eines gewalttätigen Mannes gibt, aber dieses Bild und noch ein “Samson & Delila” von Max Liebermann – was soll das bedeuten? Ich finde es respektlos. Artemisia Gentileschi hat die Gewalt, die ihr angetan wurde, in ihren Gemälden verarbeitet. Sie sind nicht dazu da, “Schaut, da, gewalttätige Frauen, urarg!” darzustellen, ohne diesen Kontext dazu. Dieses Bild darf man nicht einfach so hinhängen, noch dazu mit einer Beleuchtung, die das Studieren von Details verunmöglicht, weil die Leinwand reflektiert.

Mir reicht es fast. Fast schmeiße ich alles hin und gehe. Ich gehe durch weitere Räume mit 10.000 nackten Frauen, die dort nur zu hängen scheinen, weil sie eben nackt und im Bett sind. So viel nackte Haut kann ich auch im Kunsthistorischen Museum sehen und dort ödet sie mich genauso an wie hier. Was hätte nicht aus diesem Thema gemacht werden können? Es gibt kein einziges Bett mit Menstruationsflecken, keine tatsächlich zu sehende Geburt, oh, das wäre wohl zu schockierend gewesen, zu real. Wie gut hätte Tracey Emins “My Bed” gepasst. Kein Verweis auf die Studentin, deren Abschlussarbeit es war, die Matratze aus ihrem Zimmer, auf der sie vergewaltigt wurde, überall hin mitzuschleppen, das wäre topaktuell gewesen.

Nur versteckt lässt sich herauslesen, wie schmerzvoll das Bett sein kann. Die Arbeiten von Frauen*, die genau das zeigen, sind in den 1. Stock verbannt und voneinander getrennt. Vielleicht sollte ich froh sein, dass überhaupt Werke von Künstlerinnen* gezeigt werden und ok, die Werke von Künstlerinnen*, zwischen denen sehr wohl ein Zusammenhang besteht, sind halt über die ganze Ausstellung verteilt, vielleicht soll sie das “normalisieren”. Aber das halte ich für eine denkbar ungeeignete Methode.

Lustvoll (jetzt von Sex abgesehen) am Bett ist nichts. Kein Kuscheln, kein Schlafen, kein ausgiebiges Verweilen, Lesen, Träumen. Auch nichts über die Banalität des Bettes oder ein Anklang von sozialen Fragen, da hätten die Bettgeher_innen gut gepasst. Für eine “Kulturgeschichte” reicht mir das nicht.

Überall fehlt der Kontext. Ohne meinen bildungsbürgerlichen Hintergrund hätte ich jede Menge Codes und Hinweise nicht mitgekriegt. Ich wette, ich habe jede Menge Codes und Hinweise nicht mitgekriegt. Ohne Kontext, ja, muss ich selbst einen herstellen, manchmal herbeiinterpretieren. Muss mir selbst einen Zusammenhang basteln, eine Geschichte durch die Ausstellung. Selbst mit ihren thematischen Überthemen schafft es die Ausstellung aber nicht, mir diesen Zusammenhang zu zeigen.

Die meisten Kunstwerke sind für mich nicht ästhetisch ansprechend genug, um mir wenigstens diesen Reiz zu geben. Mehr als einmal stehe ich kopfschüttelnd, die Hände ausbreitend da und sehe die Bedeutsamkeit nicht. Wäre die Ausstellung ohne das Wissen um Codes spröder oder weniger spröde? Bei jedem Überthema gibt es ja Kunst zum Thema. Reicht das schon? Am Ende wünsche ich mir, ich hätte selbst noch Exponate hinzufügen können, umräumen dürfen. Es gäbe so viel …

Frustriert und fadisiert geh ich.

20150201_150638Herwig Kempinger, Ohne Titel. (Das mag ich.)

Carl Lutz und andere Vergessene

Gerade fahre ich mit der U2 nachhause von einer Diskussion über Carl Lutz im Jüdischen Museum Wien, moderiert von Charles Ritterband von der NZZ, mit Paul Lendvai, Journalist und Historiker, der mit seinen Eltern von Carl Lutz gerettet wurde, François Wisard, Leiter des Historischen Dienstes des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten, Ljiljana Radonic, Expertin für (trans)national-europäische Gedächtniskulturen in Bezug auf Nationalsozialismus, Holocaust und WWII, Universität Wien und Österreichische Akademie der Wissenschaften und nicht dem im Programm genannten Szabolics Szita, sondern einem Vertreter, dessen Namen ich mir leider nicht gemerkt habe, aber der ebenfalls vom Holocaust Memorial Center Budapest kam.

Carl Lutz war ein Schweizer aus einem Dorf im Appenzell (Außerrhoden, um genau zu sein), der in die USA auswanderte, um dort sein Glück zu machen, es nicht fand, sich aber dann in den Schweizer Konsulaten in u.a. Washington, DC von ganz unten hinaufarbeitete. In den 30ern war er in Jaffa (damals im Völkerbundsmandat Palästina) im Dienst der Deutschen stationiert und kam dann in den 40ern nach Budapest, eigentlich im Dienste der Briten, aber als Schweizer Diplomat. Als 1944 die ungarischen Juden nach Auschwitz deportiert wurden, rettete er durch Schutzpässe, Schutzbriefe, Schutzhäuser und persönliches Eingreifen tausende, ja zehntausende Leben. Er war dabei nicht ganz allein, sondern es war ein Team, auch seine Frau, Gertrud Lutz-Fankhauser, spätere UNICEF-Vizepräsidentin, und andere Schweizer Diplomaten halfen mit und er arbeitete mit dem jüdischen Untergrund und Raoul Wallenberg zusammen.

Die Diskussion drehte sich darum, ob er “vergessen” sei – ja, nein, es ergab sich ein differenziertes Bild. Einerseits wurde er in der Schweiz nicht in dem Ausmaß, in dem er es verdient hätte gewürdigt, was ihn sehr verbitterte, andererseits wurde er auf internationaler Ebene sehr wohl geehrt, u.a. in Yad Vashem als Gerechter der Völker. Andererseits kam er im großen Bergier-Bericht über die Schweiz im 2. Weltkrieg nur in einer Fußnote vor, es gibt in der Schweiz kein großes Denkmal, keine Straße, keinen Platz, der nach ihm benannt ist. Nach dem 2. Weltkrieg war er übrigens Konsul in Bregenz.

Ein solches Denkmal und eine Straße gibt es allerdings in Budapest. Kritik an der ungarischen Vergangenheitsbewältigung und an der Regierung Orbans kam allerdings nur von österreichischer Seite – verständlich, denn der ungarische Historiker musste ja schließlich nach dieser Veranstaltung wieder dorthin zurückkehren (dass das nicht mitbedacht wurde …).

Es war jedenfalls sehr spannend, tatsächlichen Expert_innen zuzuhören. Sie kannten ihre Fakten, ergänzten einander und – ließen Ljiljana Radonic das Wort und sie sogar ausreden. So ergab sich ein differenziertes Bild von Carl Lutz und seinen Aktivitäten und seinem Leben – Paul Lendvai meinte, es würde Stoff für einen großen Roman ergeben. Als Buch über Carl Lutz wurde übrigens das von Theo Tschuy, Carl Lutz und die Juden von Budapest (1995) empfohlen.

So oft die Rolle von Carl Lutz als einer, der sich entschieden hatte zu helfen, etwas zu tun, sich gegen die Nazis und Pfeilkreuzler zu stellen, betont wurde – die Brücke zu heute, zu den im Mittelmeer ertrinkenden, im Irak und in Syrien massakrierten, in Wiener Neustadt der Fluchthilfe angeklagten Menschen, zu abgelehnten, brennenden Flüchtlingsheimen überall, Hetze in der Zeitung, dem neuen Islamgesetz in Österreich wurde nicht geschlagen. Paul Lendvai erwähnte zwar die Schweizer Masseneinwanderungsinitiative, aber nur unter dem Aspekt, dass sich 100 Schweizer Intellektuelle kürzlich nochmals dagegen aussprachen. Vielleicht ist das der Grund, warum Carl Lutz nicht groß geehrt wird: Er hatte sich entschieden und gehandelt, seine Kompetenzen weit überschritten, auch gegen Vorschriften und Gesetze. Heute …

Jedenfalls findet seit dem 8. und bis zum 23. Oktober  in Wien das Jüdische Filmfestival statt, bei dem neben vielen anderen spannenden Filmen ein Dokumentarfilm über Carl Lutz zu sehen ist und zwar am 21.10. um 16:30 im De France-Kino.

Daneben empfehle ich “Gentleman’s Agreement” (mit Gregory Peck), auch wenn an dem Film einiges kritisiert werden muss.

Und spannend finde ich auch:

Erschlagt mich, ich verrate nichts! – Dokumentarfilm über die österreichische Widerstandskämpferin Käthe Sasso, die bereits gegen den Austrofaschismus aktiv war

Gett – Der Prozess der Viviane Amsalem – Über den mühsamen Kampf um die Scheidung

Regina – erste Rabbinerin

50 Children: The Rescue Mission of Mr. and Mrs. Kraus – Ein jüdisches Ehepaar aus Philadelphia rettet 1939 50 jüdische Kinder aus Wien

Die papierene Brücke – Ruth Beckermann spürt ihrer Familiengeschichte nach

Vortrag über Antisemitismus im Zeichentrickfilm und Comic

Fred Bondi, l’homme chanceux

Zurück ins Jahr 1999

Es war einmal vor 100.000 15 Jahren, da besuchte ich nach dem Abschluss des Gymnasiums in Wien eine Kunstschule mit Italienischschwerpunkt in der Schweiz. Bis 2005 war nämlich Zeichnen mein kreatives Ding, ergänzt durch Arbeiten mit Papier. Es gab davor zwar immer wieder Strickphasen, aber mangels Zündfunke war Stricken noch nicht so wichtig wie heute. Zu Weihnachten 1998 oder möglicherweise zu meinem Geburtstag schenkte mir mein Bruder den ersten Band des Sailormoonmangas und in der WG in der ich damals wohnte, stand ein Fernseher … und jeden Tag lief Sailormoon (und Buffy).

Es ist also kein Wunder, dass bald nach meinem Mangalesebeginn (weil Anime hatte ich davor schon gesehen, nicht wissend, dass es Anime waren – und Comics liebe und lese ich wohl seit … ach … fragt mich nicht. Noch viel früher.) meine Zeichnungen Richtung Mangastil wanderten. So Sachen wie …

Apple girl

Apfelsticker! Ich würde immer noch so ein T-Shirt tragen.

Der Grund, warum euch ab jetzt alle Charaktere anstarren werden: Ich konnte nicht im Profil zeichen! XD

Kleider, die ich nie anziehen werden würde, dachte ich damals. Naja, diese Kombi würde ich tatsächlich nie anziehen.

Kleider, die ich nie würde anziehen dürfen, dachte ich damals. Naja, diese Kombi würde ich tatsächlich nicht anziehen. Bauchfrei muss sowas von in gewesen sein.

Jaja, damals habe ich meine Buntstiftsammlung aufgebaut und gründlich genutzt.

Jaja, damals habe ich meine Buntstiftsammlung aufgebaut und gründlich genutzt.

Die zwei hab ich dann nicht mehr angemalt ... so viele Details, hach!

Die zwei hab ich dann nicht mehr angemalt … so viele Details, hach!

Die befanden sich alle in meinem geliebten Zeichenblock, zusammen mit z.B.

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Die Buntstifte waren wasserlöslich. Also … äh … in diesem Fall spuckelöslich (Was?! Wasser hätte nie diesen Effekt ergeben!)

Dann … kam das Internet. Also, yahoo chat. Das schlug sich auch ein bisschen in den Zeichnungen nieder.

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Immer noch eines meiner Lieblingsworte auf Englisch und hey, diesen Pyjama würde ich sofort anziehen. Und so eine Lampe will ich auch! Der Fisch ist von einem Mitschüler, der mir auch noch eine andere, großartige Fischzeichnung gezeichnet hat. Ach ach.

Kleidung mochte ich schon damals sehr. Ich habe immer noch ab und zu Designideen, ich wünschte mir nur, eine andere Person würde sie ausführen. In meinen Zeichnungen konnte ich mich aber austoben und alles aufzeichnen, was mir so an Kleidung, Möbeln und sonstigen Dingen einfiel, die ich damals auf “später” vertagte.

Mein Traumzimmer damals. Natürlich sah mein Zimmer nie so aus. Auch jetzt nicht.

Mein Traumzimmer damals. Natürlich sah mein Zimmer nie so aus. Auch jetzt nicht. Aber der Traumfänger, mitgebracht aus den USA von der Tante, hing tatsächlich über meinem Bett, das auch ein Hochbett war. Nur die Kästen darunter waren nie so stylish.

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In diesem Bild sind enthalten: Handle einer Internetbekanntschaft aus Finnland, mit der ich immer noch Kontakt habe. Mit dieser Person unterhielt ich mich über potentielle Katzennamen, die dann in diesem Bild verewigt wurden und tatsächlich trägt der Katzenkater einen der Namen auf dem Bild. Im Nachhinein bin ich so beeindruckt, wie super ich den Katzenrucksack gezeichnet habe …

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Einzig das Bauchfenster würde ich heute nicht so tragen, ansonsten … Cargohose (mit Fischknien!), T-shirt mit Hibiskus (hach hach, damals begann ja meine “Surfphase” ohne dass ich je surfen ging), unterschiedlich lange Ärmel (cool!), mittlerweile sieht meine Frisur manchmal so aus, nur ohne Zacken, die Jacke – sofort …

Übrigens sind deshalb sehr selten Hände zu sehen, weil Hände zeichnen sehr schwierig ist. Ich hab sie gerne versteckt. Und dann? Pause, andere Dinge. Die folgenden Zeichnungen entstanden dann im Sommer …

Butterfly

Sailormoon war aber sowas von klares Vorbild hier, bis auf das Schmetterlingsdesign …

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Hm, warum siehst du so angepisst aus, Prinzessin? Lol, das Kleid …

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Hüpfender Fisch! Gehende Menschen konnte ich auch nie zeichnen.

Ein Jahr später … arbeitete ich dann im Sommer in einem Büro. Dazwischen war viel geschehen. Das Büro lag sehr nah an meiner damaligen und langjährigen Lieblingsbar. Nach der Arbeit traf ich mich dort mit meiner damals besten Freundin. Es war Sommer und nach einem Cocktail waren wir meist schon heiter genug. Zwei reichten meistens. Die Shultz American Bar lag am Siebensternplatz und hatte viele Sitze draußen und es gab Menschen zum Anschauen und die Straßenbahn und den Bus und … es war ein schöner Sommer. Nachdem ich in der Arbeit vor allem auf das Telefon aufpassen musste, begann ich wieder zu zeichnen – und diesmal waren es Comicstrips.

Ich glaube, zu dem Zeitpunkt kann ich noch keine Webcomics gelesen haben, sonst hätte ich wohl nie Comicstrips gezeichnet. Aus unerfindlichen Gründen – ich weiß es wirklich nicht mehr – nannten die Freundin und ich uns Tiger (ich) und Bunny (sie). Im Comicstrip vertauschte ich aber unser Aussehen, also sieht Tiger aus wie sie und Bunny wie ich, nur mit … “besseren” Haaren. Als der Anime Tiger & Bunny vor ein paar Jahren herauskam, wurde ich nostalgisch (aber ich habe ihn mir nicht angesehen, es ging um was ganz anderes). Und so sahen die Comicstrips aus …

Introducing Tiger

Der erste Comicstrip – “Introducing Tiger”. Meine Tante regte sich sehr über diesen Comicstrip auf. Später erfuhr ich auch den Hintergrund dazu, aber damals verstand ich das nicht. Sie wusste ja auch überhaupt nicht, was wir da eigentlich anstellten (nämlich garnichts, wir waren viel zu brav).

Meine Güte waren wir brav. Wir waren so brav, so ungeheuer brav. Tiger und Bunny in diesen Comicstrips waren unsere mutigeren, erwachseneren, lustigeren Alter Egos … aber das wurde nicht verstanden. Ich hatte damals selten einen Hangover (so jung!), aber einmal hatte ich einen und genau dann meinte mein Vater, “ich solle mir doch etwas Gedanken über meinen Alkoholkonsum machen.” Hahaaaahahaaa. Ach, was war ich brav. Immer so brav gewesen (in der Außenwelt jedenfalls).

Tiger is addicted

Als Reaktion auf die Beschwerde der Tante dann dieser Comicstrip, “Tiger is addicted”. Damals spielte ich Lineage: The Bloodpledge, ein koreanisches MMORPG bzw. hatte ich es gespielt, denn meine Familie war eine Mac-Familie und das Spiel lief natürlich nicht auf Macs. Yahoo chat auch nicht. Von daher kommt meine Abneigung gegen Macs. Und ja, ich verliebte mich in Personen, die ich in dem Spiel kennengelernt hatte. Lange Geschichte.

Hm, also auf eine Beziehung, die als Fernbeziehung begonnen hatte, folgte eine zweite. Im letzten Panel eine mögliche Antwort auf "Warum Fernbeziehung?" ... aber wenn, dann war es nur ein Aspekt davon. Anyway, viel wichtiger: Hier tragen wir tatsächlich Kleider, die wir damals anhatten. Meine Freundin hatte einen schwarzen Pulli mit schwarz-weiß gestreiften Bündchen, ich hatte einen schwarzen Rock (den hab ich noch immer) und eine schwarze Strickjacke (die leider nicht mehr).

Hm, also auf eine Beziehung, die als Fernbeziehung begonnen hatte, folgte eine zweite. Im letzten Panel eine mögliche Antwort auf “Warum Fernbeziehung?” … aber wenn, dann war es nur ein Aspekt davon. Anyway, viel wichtiger: Hier tragen wir tatsächlich Kleider, die wir damals anhatten. Meine Freundin hatte einen schwarzen Pulli mit schwarz-weiß gestreiften Bündchen, ich hatte einen schwarzen Rock (den hab ich noch immer) und eine schwarze Strickjacke (die leider nicht mehr).

Diese und die nächsten Comicstrips zeigte ich meiner Familie nicht mehr. (Ich weiß nicht einmal mehr, wie die Tante eigentlich zu den Comicstrips kam, ob ich ihr damals einen Link schickte?.) Also verewigte ich ungestört unsere Sommerabende.

Bunny is that you

Mit aufgesetztem Südstaatenakzent (Aaaahhhhh!!! Die Erinnerungen /o\). Versichern, dass ich eh nicht alleine ausgehe, weil alleine ausgehen und besonders alleine trinken ist ja das schröcklichste, was eine junge Frau* so tun kann (und ja, letzteres wurde mir ganz stark vermittelt). Ein so wunderschön queerer Comic, damals schon, heute, losgelöst vom Kontext, erst recht. Ich würde das mal auf “Strangers in Paradise” (von Terry Moore) und “Love & Rockets (von Gilbert & Jaime Hernandez) schieben. Im letzten Panel bin ich aber tatsächlich Bunny, dieser Blick und der besitzergreifende Arm … ganz ich. Und äh … der graue Balken im letzten Panel ist weil … ich unsere Hände nicht zeichnen wollte, glaube ich. Oder mir ist die in die Hüfte gestützte Hand misslungen. Hahaha.

It is time for the blues

Copy-paste! Alle Comics entstanden als Einzelzeichnungen, die ich dann auf den Bürocomputern in Photoshop (es war ein Grafikerbüro) glättete und bearbeitete. Wie ich auf das Lied gekommen bin, keine Ahnung mehr … ich habe auch nie Bourbon, Scotch oder Bier getrunken. Damals waren gerade White Russians *die* heiße Sache. Mittlerweile trinke ich ja lieber klare, saure Cocktails, aber damals … puh! “Tigermilk”, “Froggy”, “Swimming Pool” … uärks! XD

Sobering up

Wie lange wir da saßen! Ewig! Äh, also bis 22 Uhr oder so. Aber so von 17 Uhr weg, also doch lange. Und mit nur zwei Drinks, einen am Anfang der Happy Hour, einen kurz vor Ende, waren wir dann Stunden später wieder nüchtern. Ich weiß nicht mehr, wer cc war. Ich unterhielt mich auch über die Comicstrips und war damas eifriges Mitglied in einer yahoo group, in der wir uns über alles Mögliche unterhielten, wohl auch über meine Comics.

My my my

Hände verstecken, Hände verstecken, Hände verstecken und erster Sidecharacter! Die ersten drei Panels sind aus dem Leben gegriffen, das vierte ist gelogen! Gelooogen! So viel Geld hatten wir gar nicht. (Aber genug Geld für regelmäßiges Hingehen … naja, ich hab ja auch gearbeitet.)

Tja und dann war der Sommer zu Ende. Ich habe das Gefühl, der letzte Strip folgte lange danach, aber vielleicht auch nicht.

Offspring

Diesen muss ich tatsächlich nach meiner Büroarbeit fabriziert haben (die dicken Striche zwischen den Panels). Mein Bruder war da und hörte Offspring. Und damit endet die Saga von Tiger und Bunny …

Ja. Ein Hauptgrund, warum ich mit dem Zeichnen aufhörte, war, weil ich nicht mit meinen Fähigkeiten zufrieden war. Meine Papierarbeiten (großteils verschollen T.T) waren besser.

Ist das alles schon lange her. Ich vermisse das wirklich, einfach an einem Sommerabend mit Freund_innen* draußen sitzen und Cocktails trinken, so einmal pro Woche oder alle zwei Wochen. Ja, könnte ich auch alleine machen, nur wirkt dieses “Nicht alleine trinken!”-Gebot irgendwie immer noch und außerdem mag ich mich ja beim Trinken unterhalten. Na vielleicht nächstes Jahr, wenn ich wieder in der Stadt wohne.

Und wie sah ich damals aus? Eben jene Freundin und ich machten in diesem Sommer auch lange Photosessions auf dem Balkon. Also:

Tiger. Ja, das ist der Rock und ja, das Top hab ich noch. "It belongs in a museum!"

Tiger. So jung, verdammt! Ja, das ist der Rock und ja, das Top hab ich noch. “They belong in a museum!”

Crafting & Feminismus beim Femcamp Wien

Die zweite Session, die ich am Femcamp hielt, ist für mich weitaus schwieriger zu beschreiben, als die erste. Ich habe kaum Links, die ich am Ende patent anhängen kann, wo ihr weiteres nachlesen könnt, nur sehr viele eigene Gedanken, die ich alle mal in Blogposts verpacken wollte … aber die kann ich jetzt nur anreißen.

Es ging und geht um … tja. Da ist schon meine erste Schwierigkeit. Ich habe “Crafting” als Begriff gewählt, um den negativen und gegenderten Assoziationen des Begriffs “Handarbeiten” zu entkommen. Crafting als Wort für das Erschaffen von Dingen mit den Händen ist aber im Englischen – so kommt es mir zumindest vor – genauso negativ und gegendert konnotiert. Do It Yourself (DIY) und Handwerk finde ich nicht immer passend und wird wiederum wenig mit textiler Arbeit konnotiert. Hand_arbeiten also? Und wenn mit den Füßen getöpfert wird? Und was ist mit der gegenderten, negativen Trennung zwischen “Kunst/art” und “Handwerk/arbeit/craft” (wenigstens dazu gibt es schon lange Diskurse)?

Mir persönlich gefällt “craft” als Begriff, in Ermangelung eines besseren. “A master of her craft” schwingt da wohl mit (und witchcraft auch ein bisschen).

Als zweite Frage stellt sich diese: Ist es überhaupt notwendig, die eigene “craft”, das eigene Hobby, die eigene kreative Tätigkeit aus (queer-)feministischer und/oder anderer Perspektive zu betrachten? Kann ich nicht einfach stricken, ohne zu überlegen warum und wieso und welche Hintergründe alles hat? Meine Antwort: Nein, notwendig ist es nicht. Es kann sehr erschöpfend sein, alles permanent auf seine Bedeutungen, Kontexte, Geschichte, Probleme abzuklopfen und ich verstehe das Bedürfnis nach quasi “Ruhebereichen”. Aber – ich und viele andere Menschen finden das sehr spannend, also fanden wir uns in dieser Session zusammen und redeten über verschiedene Aspekte unserer jeweiligen crafts.

Ich selbst gehe vor allem vom Stricken aus. In der Session waren aber auch Menschen, die häkeln, nähen, Möbel bauen und noch vieles anderes. Als erstes stellte ich den Punkt vor, dass ich Stricken – also die Aktivität ansich – nicht für feministisch halte, sondern, dass es für mich darauf ankommt, was daraus gemacht wird bzw. welche Motivation dahintersteckt. Dabei erwähnte ich Stickereien, die ich in der Ausstellung über den 1. Weltkrieg auf der Schallaburg gesehen hatte – kriegsbefürwortende und die Lebensmittelrationierung kritisierende:

wpid-20140426_111603.jpgwpid-20140426_115715.jpgÜber diese Brücke kamen wir zu Strickgraffiti bzw. Yarnbombing und den Strickistinnen, die in Wien bereits mehrere Aktionen veranstalteten, hier gleich ein paar Links zu ihnen und ihren Aktionen:

http://strickistinnen.blogspot.co.at/

http://maedchenmannschaft.net/strickismus-handarbeit-im-oeffentlichen-raum

/http://knitherstory.wordpress.com/19-marz-2011-2/

http://diestandard.at/1297820892316/100-Jahre-Frauentag-Sichtbar-gestrickt?_slide=1

Danach sprachen wir über den großen Themenkomplex “Selber machen”. Kleidung selbst zu machen befreit von Modediktaten und normativen Zuschreibungen. Für genderqueere, nonbinary oder Transpersonen ist oft selber machen der einzige Weg, zu z.B. Bindern oder wirklich passenden Smokings zu kommen. Andererseits halten Zuschreibungen auch in z.B. die Strickwelt Einzug: Strickmuster werden als “für Männer” und “für Frauen” designt und bezeichnet, sind für dicke Menschen anders als solche für dünne Menschen.

Aber wer kann sich eigentlich das Selbermachen leisten? Wo und unter welchen Umständen ist Selbermachen teurer als Kleidungsstücke zu kaufen? Ab wann war das so? Es geht also auch beim craften um Geld und Klasse. Für etliche Hobbies, also z.B. Stricken oder Nähen, wird sehr viel Geld und Zeit benötigt. Schon allein die Materialien, Maschinen und Werkzeuge kosten Geld, besonders wenn diese fair bezahlt und ökologisch einwandfrei sein sollen. Einerseits ist dann ein handgesponnener, mit Pflanzenfarben handgefärbter Strang Biowolle oder ein Stück Stoff aus Biobaumwolle schnell im hochpreisigen Bereich, andererseits wird da sehr viel Arbeit geleistet, die auch angemessen bezahlt werden sollte. Ähnliche Barrieren gibt es auch bei den Strickgruppen – teilnehmen können vor allem die, die Zeit haben, die Kinderbetreuung arrangieren und/oder zahlen können, Geld für Getränke etc. ausgeben können.

Andererseits führte eben der große Strickboom der beginnenden 2000er zu etlichen Gründungen – von Wollgeschäften, Spinnereien, Färbereien, Wolltierfarmen, Onlinemagazinen, eigenen Designfirmen – und Plattformen, die Social Media und Datenbanken vereinen, wie z.B. Ravelry (Stricken, Häkeln) oder Natron & Soda (Nähen). Falls nicht selbst gestrickt werden kann, gibt es Firmen bzw. Plattformen, wo ältere Menschen, meist Frauen*, auf Bestellung Socken, Mützen, etc. stricken. (Auch diese Entwicklung würde ich gerne noch kritischer beleuchten.)

Für mich waren und sind auch die Strick- und anderen Gruppen subversive Elemente, die Vereinsamung bzw. feste Freund_innenkreise durchbrechen, wo nicht nur über das Stricken oder Nähen, sondern auch über Arbeit, Politik, Beziehungen, Gesundheit, Kindererziehung, Bücher, Serien, etc. etc. etc. gesprochen wird und neue Netzwerke geknüpft werden. Dass ich überhaupt weiß, was Menstruationscups sind, verdanke ich dem ersten Strickforum, das ich besuchte. Zusätzlich bin ich der Meinung, dass crafting wohl mehr Frauen* ins Internet und zum Bloggen, digitalen Fotografieren, Besuchen von Foren, Erstellen von Websites, etc. gebracht hat, als jede “Frauen ins Internet”-Initiative.

Aber – diese ganzen Entwicklungen werden kaum untersucht. Ist ja “nur” Nähen, Stricken, was immer. Handarbeit. Frauenarbeit. Es gibt nicht einmal faktenbasierte historische Untersuchungen, wo Stricken denn jetzt wirklich herkam, wie es sich verbreitete, wie es ausgeübt wurde, was für Auswirkungen es hatte und hat, etc. Es gibt punktuelle Forschungen, meist über Orte bzw. Gemeinschaften, die ihre Wirtschaft auf das Stricken ausgerichtet haben, aber wie Stricken bis zu den Shetlandinseln kam … tja.

Von da schlugen wir den Bogen zur Dichotomie Handarbeit – Technik und sprachen darüber, dass Computer bzw. Computerprogramme sehr viel mit der Erfindung und Entwicklung der mechanischen Webstühle zu tun haben. Webmuster und später auch Strickmaschinen wurden mit Lochkarten programmiert. Möbelbauen und Programmieren wird als sehr komplex wahrgenommen und mit Anerkennung belohnt, während Nähen oder Stricken diese Anerkennung selten erleben. Eine Runde von “Aber Nähen ist voll komplex, ich könnte das nie” und “Nein, Stricken ist urschwierig” folgte – sowie die Feststellung, dass Strickanleitungen sehr wie Code aussehen und Schnittmuster komplexer sind als Möbelbau.

Und dann war die Session auch schon zu Ende. Aber wir vermerkten alle weiteren Redebedarf bzw. die Teilnahme an queer_feministischen Craftingrunden – daher werde ich mich gemeinsam mit anderen Teilnehmenden um die Gründung und monatliche Abhaltung einer solchen Runde kümmern. Ab September gehen wir es an.

Wenn ihr Seiten/Blogs kennt, wo solche Themen besprochen werden, schreibt sie mir bitte in die Comments, ich ergänze dann den Blogpost.

Vom Femcamp zum Fettcamp – Zur fat activism-Session

Yay Femcamp! Will ich dort Sessions halten? Zu welchem Thema? Soll ich lieber ein Thema nehmen, bei dem ich mich toll auskenne oder eines, bei dem ich persönlich betroffen bin und über das ich mit anderen reden möchte? Kann ich auch zwei Sessions abhalten oder nehme ich dann zu viel Raum ein? Fragen über Fragen. Am Ende hielt ich beide Sessions, die erste zu fat activism.

Fat activism ist ein Thema, das mich schon vor meiner aktiven feministischen Phase, vor meiner Anmeldung auf Twitter bewegt hat und da fat activism und fat acceptance immer wichtigere Themen im feministischen Kontext werden, wollte ich auf dem Femcamp gerne darüber reden. Ich hatte mich nicht sonderlich vorbereitet, sondern wollte vor allem mit anderen Menschen sprechen und wissen: Wie kamen die dicken (ich benutze lieber das Wort dick als fett) Menschen am Femcamp zum fat activism, was motiviert sie, was war für sie der Punkt bzw. die Inspiration dazu, sich gegen die negativen Zuschreibungen zu wehren, sich Raum zu nehmen, sich nicht mehr zu entschuldigen und das normative System, das dicke Menschen diskriminiert zu kritisieren und anzugreifen?

Vorher überlegte ich, ob ich die Session nur mit dicken Menschen abhalten wollte – denn wir sind zwar alle von bodyshaming betroffen, aber fatshaming ist ein eigener Aspekt davon. Ich entschied mich dann aber, eine offene Session abzuhalten, mit der Bemerkung, dass diese dickenzentriert sei. Im Nachhinein weiß ich nicht, ob ich die Session nochmals so wiederholen würde – ev. würde ich mich nochmals mit den Teilnehmer_innen* abstimmen, ob das auch wirklich alle wollen, wobei es in einer Gruppensituation bzw. vor Publikum schwierig ist zu sagen “Nein, das möchte ich nicht.” Andererseits kann in 45 Minuten nicht sehr viel besprochen, sondern immer nur angerissen werden – und für manche Menschen war es vielleicht das erste Mal, dass sie von fat activism hörten. Wieder andererseits sind dicke Menschen auch nicht dafür da, Erklärbär_innen* zu spielen … tja, das ist etwas, das wir noch besprechen können/sollten.

Ich sprach jedenfalls von der amerikanischen Journalistin Lesley Kinzel, die mich mit ihren fatshion-Strecken auf xoJane (als xoJane noch einigermaßen ok war) dazu inspirierte, Kleider zu tragen, und später auch von The Fat Nutritionist (ich glaube, ich habe beide schon auf diesem Blog erwähnt), aber auch von der Fatty Fashion Fun Challenge ( der Name fiel mir in der Session nur nicht ein) und davon, dass persönliche Begegnungen, z.B. mit Sassyheng mich bestärkten, mich nach meinem eigenen Geschmack und nicht nach gesellschaftlichen Konventionen zu kleiden.

Es wurde auch darüber gesprochen, wie es für dicke Menschen im Gesundheitssystem ist (nämlich schlimm). Nach der Session war da der dringende Wunsch, dass ein paar der dicken Teilnehmer_innen* noch länger und untereinander sprachen, was wir dann auch taten. Dabei entstanden Anknüpfungspunkte für Bekannt- und Freund_innen*schaften <3 – und die Idee eines Fettcamps, wo wir untereinander noch in viel größerer Breite & Tiefe über fat activism, fat acceptance, etc. sprechen können.

Für mich war es eine tolle Session – ich hoffe, für euch auch.

Weitere Links – keine vollständige Liste, Google ist hilfreich und das Internet ist groß:

Auf der Mädchenmannschaft werden immer wieder Artikel, Interviews, Links zu fat activism, fat acceptance, fatshion gepostet, hier ein paar davon, die mir selbst gut gefielen:
http://maedchenmannschaft.net/ich-bin-es-leid-moeglichst-viel-von-meinem-koerper-zu-verstecken/
http://maedchenmannschaft.net/das-politische-potential-von-fat-fashion/
Artikel über den #Fettcast: http://maedchenmannschaft.net/fettcast-2-fettenfeindliche-sprache-und-politische-selbstbezeichnungen/

Some Girls are Bigger than Others, das Blog von Alex, Modedesignerin*, Mitinitiatorin* der Fatty Fashion Fun Challenge

Reizende Rundungen, das Blog von Katrin, mit viel Mode <3

Informatives über thin privilege, was das ist, wann das gilt, etc: http://thisisthinprivilege.tumblr.com/faq#q1

Großartiger tumblr: http://fatbodypolitics.tumblr.com/

Und last, but not least und ganz wichtig – Shakesville, wo es auch um Feminismus, Antirassismus und vieles mehr geht.

Falls ihr weitere Lieblingslinks habt, könnt ihr sie gerne in den Kommentaren posten, ich ergänze dann.

Ergänzung aus den Comments:

Sophie und Agathe im Belvedere

Sie lagen in der Sonne wie Löwinnen. Wie die Löwinnen, die sie eigentlich waren. Es war ein Skandal.

Binnen weniger Stunden hatten sie eine beliebte Touristenattraktion Wiens besetzt. Kein Mensch hatte mehr Zutritt, Kugeln prallten an ihnen ab, das Denkmalamt verbot den Bombenabwurf. Die umliegenden Straßen und Häuser waren in Panik verlassen worden, Wien war leer wie im August. Hubschrauber von Fernsehstationen, eingeflogen mit riesigen Transportflugzeugen, kreisten über dem Park.

Jahrhundertelang hatte sie nur auf die Wand gestarrt. Sie konnte nicht einmal den Kopf wenden, um Sophie anzusehen. Sie konnte sich nicht umdrehen. Jahrhundertelang. Jahrhundertelang hatten sie sie angefasst an diesen Halbkugeln mit einer Murmel in der Mitte. Jahrhundertelang hatte sie nicht einen Laut von sich geben, nicht eine Miene verziehen, nicht eine Tatze dagegen heben können. Wie lange war der letzte Anstrich her? Davor war sie in Ehren ergraut, angewittert, eine Ruine, die mit der grauen Stadt verschmolz wenn es dämmerte. Doch mit dem rekonstruierten Parterregarten war der Anstrich gekommen, weiß strahlend und doch konnte sie nur weiterhin auf die Wand starren und nichts gegen das Anfassen tun.

Da kam schon wieder einer. Er umfasste eine Halbkugel und feixte zu seinem Begleiter hinüber. Überall die weiße Farbe, nur an den Halbkugeln war sie fast wieder so grau wie vorher, trat der Stein zutage. Wie sie das alles hasste. Wie sie diese Menschen hasste. Bahnte sich da ein tiefes Grollen in der Kehle an? Langsam – millimeterweise – schob sich eine neue Fläche in ihr Blickfeld. Der Kiesweg! Weiter, weiter, ein Rucksack aus blauem Plastik, Haare, Sonnenbrille, da, Haut! Augen, Nase, Mund, der breit grinste. Mit der Kraft von tausend Medusen starrte sie in seine Augen, doch er bemerkte es nicht. Aber Sophie bemerkte es. Und dann sah Agathe zu Sophie hinüber. Endlich. Wie lange hatte sie darauf gewartet. Sophie schaute zurück. Selbst wenn sie sich nur aus den Augenwinkeln sehen konnten, sie erfühlten ihren Hass, ihre Verzweiflung. Von jetzt an lagen sie auf der Lauer.

Es dauerte nicht lange. Wieder einer. “Fass beide an, hahaha!” rief ihm ein anderer zu. Agathe riss ihre Pranken hoch, legte sie ihm auf die Schultern und biss ihn in den Hals, bis das Blut spritzte. Als er zusammensackte, reckte sie den Kopf in die Höhe und brüllte. Sie brüllte so laut, dass es noch in der französischen Botschaft am anderen Ende des Belvederes zu hören war. Dann erhob sie sich von ihrem Sockel und sah Sophie endlich ganz an. Sophies Gesicht war das schönste, das sie je gesehen hatte. Auf ihm lag ein Lächeln und eine wilde Hoffnung. Langsam, langsam wendete Agathe wieder ihren Kopf und starrte den anderen an. Bleich, fast so weiß wie ihre Flanken war er. Sie holte aus und schlug ihm mit der Pratze ins Gesicht. Tot fiel er zu Boden.

Agathe drehte sich elegant auf dem Sockel und blickte die ganze Länge des Gartens hinunter. Sophie würde sich immer daran erinnern, wie Agathe dagestanden hatte, das Gesicht von der Sonne beleuchtet, das rote Blut, das ihr vom Mund auf die Brust triefte. Agathe trug es wie eine Schärpe. Unter ihrem Blick begannen sich ihre Schwestern zu regen. Sie schlugen mit dem Schweif, beugten, dehnten, streckten sich, machten sich zum Sprung vom Sockel bereit. Unter den Augen der lachenden Brunnenfrauen und Göttinnenstatuen hetzten sie die Grabscher durch den Park, töteten sie mit Nackenbissen, Prankenschlägen. Die anderen Menschen wurden wie Kätzchen zum Ausgang getragen.

Die Krähen ließen sich dankbar auf den Leichen nieder und verschwendeten keinen Blick auf das Sphingenrudel, das sich nach der Jagd herzlich begrüßte und mit einander vertraut machte. Sie spielten. Rutschten die abgeschliffene Auffahrt hinunter, badeten in den Teichen, rannten Slalom um die Buchsbäumchen oder zerfetzten sie, tanzten in den Kringeln des Parterregartens.

Nach zwei Wochen hatte sich, wie in Wien üblich, die Aufregung gelegt. Es war nichts zu machen. Niemand durfte den Garten des Belvederes je wieder betreten.

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