Authentizität, Präsenz, Absenz – Gedanken am Ende der Retrospektive

#CN graphische Beschreibungen

Gestern Abend ging die Retrospektive “Bilder der Befreiung – Liberation Footage – Atrocity Pictures” im Österreichischen Filmmuseum zu Ende, mit Nürnberg-Beweisfilmen, also einigen, die beim Prozess in Nürnberg Ende 1945 und Anfang 1946 gezeigt wurden. Der erste, “Nazi Concentration Camps” wurde von den Amerikanern erstellt und enthielt sehr viele Szenen, die ich jetzt schon zum dritten oder vierten Mal gesehen habe. Der Film war mit einer Narration unterlegt, die kurioserweise genau aussetzte, als es um die KZs in Mauthausen und Ebensee ging (ich hätte gerne das Diskussionspanel dazu gefragt), aber ich konnte sie ohne Probleme identifizieren.

Dann wurde der Film gezeigt, den die Sowjetunion für ihren Teil des Prozesses gestaltet hatte: Kinodokumenty o zverstvach nemecko-fašistskich zachvatčikov (Die von den deutsch-faschistischen Invasoren in der UdSSR verübten Gräueltaten). Auch in ihm waren Szenen enthalten, die ich in dem Film German Concentration Camps Factual Survey bereits gesehen hatte, aber die anderen Szenen waren komplett neu und entsetzlich. Ich hätte nicht gedacht, dass die anderen Filme an Grauenhaftigkeit noch überboten werden können, aber doch, ja. Vielleicht lag es auch am “Neuigkeitseffekt” und an der anderen Herangehensweise: In fast allen gezeigten amerikanischen und britischen Filmen blieben die Toten und die Überlebenden anonym.  Im sowjetischen Film bekamen sie Namen, Familien, Geschichten.

Hier wurde die ganze Breite der Verbrechen der Nazis in der Sowjetunion gezeigt – wahlloses Töten von Menschen in Städten und Dörfern, gezielte Ermordung von Bevölkerungen ganzer Orte, Exhumierungen von Massengräbern überall, Babi Jar, Majdanek, Ausschwitz, Entwicklung und Parallelität der Tötungsmethoden von Erschießungen zu den Gaswagen zum industrialisierten Massenmord. Toby Haggith, Leiter des Restaurationsprojektes des Factual-Survey-Films meinte am Sonntag, die sowjetischen Aufnahmen von Majdanek und Auschwitz seien abstrakter und weniger verstörend – mag sein. Vor lauter Leichen und Skeletten ist mir das gar nicht aufgefallen.

Nach diesem Film folgte eine Podiumsdiskussion, zwei Frauen*, drei Männer*, ein Moderator. Eigentlich hätte Toby Haggith noch einen weiteren Beweismittelfilm – den der Briten aus dem Bergen-Belsen-Prozess – zeigen und dazu etwas sagen sollen, aber er selbst war von dem sowjetischen Film so verstört (obwohl er ihn sicher bereits gesehen hatte), dass er beschloss, ihn nicht zu zeigen. Eine gute Entscheidung, fand ich. Jede Vorstellung in der Retrospektive hätte eigentlich so wie die allererste Vorstellung des Factual-Survey-Films auch einer Diskussion danach bedurft, einfach nur, um damit zurechtzukommen – aber der sowjetische Film hätte ganz dringend einer bedurft.

Doch zu einer guten Diskussion kam es nicht. Jeremy Hicks hatte den sowjetischen Film sehr tendenzös vorgestellt und stark betont, dass Teile davon vorher in Propagandafilmen verwendet wurden, dass nicht alles faktisch korrekt war, dass rekonstruierte Szenen nicht als solche ausgewiesen wurden und dass vor allem die sowjetischen Opfer des Holocaust benannt und die jüdischen Opfer nur einmal am Rande erwähnt wurden. Für mich war der Film allerdings so heftig, dass ich diese Abgrenzungen gar nicht im Kopf behalten konnte. Hicks wurde dafür in der Diskussion kritisiert, aber das führte dazu, dass mehr darüber gesprochen wurde, was “Propaganda” jetzt bedeutet (die britischen & amerikanischen Filme sind auch Propaganda) und wie es sich mit Rekonstruktionen verhält (eh ok).

Die teilnehmenden Forscherinnen*, Leslie Swift, Archivarin* am United States Holocaust Museum, und Ulrike Weckel, Professorin für Fachjournalistik Geschichte an der Universität Gießen, kamen kaum zu Wort bzw. wurde ihnen ins Wort gefallen. Der Moderator redete gerne und viel und bei den Fragen aus dem Publikum wurden die Personen berücksichtigt, die ohnehin Zugang zu den Forscher_innen hatten – der Kurator* der Retrospektive, Ingo Zechner, und der Direktor* des Filmmuseums, Alexander Horwath.

Schade, denn am Anfang der Diskussion ging es um Präsenz und Absenz. Aus der Frage, wie weit diese Filme überhaupt als Beweismittel für die Verbrechen der Nazis dienen können entstand der Einwurf, dass viele der damals gefilmten Orte, Gebäude, etc. heute nur in Rekonstruktionen oder gar nicht erhalten sind – die Filme sind nun also Beweismittel für ihre damalige Präsenz und Authentizität und ihre heutige Absenz und die Authentizität der Rekonstruktionen. Und da ich mir schon seit Dienstag Gedanken über genau diese drei Begriffe – Präsenz, Absenz und Authentizität – mache und diese bei der Podiumsdiskussion nicht anbringen konnte (Grrrr!) mag ich sie hier noch ein wenig ausführen.

Ich habe also seit Sonntag eine Menge Filme gesehen. Auch wenn sich die Bilder oft wiederholten, da dieselben Szenen immer wieder verwendet wurden, waren sie doch in sehr unterschiedliche Kontexte eingebettet, die jeweils eine andere Auswirkung auf die Bilder hatten. Welche Auswirkungen das waren und wie sich die Filme voneinander unterschieden und was das (für mich) bedeutete, wurde mir erst mit diesem sich in Schichten überlagerndem Sehen klar.

Der Film am Sonntag – German Concentration Camps Factual Survey – war mit seiner Nüchternheit eine gute Grundlage für die darauf folgenden Filme. Die Art, wie er gezeigt wurde, mit einer Einführung und anschließenden Diskussion, die darauf abzielte, das Publikum mit den belastenden Bildern nicht allein zu lassen, war sehr angenehm.

Filme am Montag: Der Staff Film Report zeigte, wie eine Masse an Informationen straff und mit wenig Pathos vermittelt wurde – und mit welchem Aufwand die höheren Offiziere der US-Armee mit Informationen versorgt wurden. (Oh Rezeptionsgeschichte, bist du hier schon zu spät dran? Ich hätte ein paar Fragen.) Die Newsreels und Reedukations/Aufklärungsfilme zeigten, wie die Berichte über die befreiten Konzentrationslager die amerikanische und zum Teil die deutschsprachige Öffentlichkeit erreichten (wobei z.B. Bilder aus Majdanek und Berichte über Auschwitz schon 1944 bekannt wurden) und wie wichtig und stimmig der nüchterne Ton und Entscheidung gegen Filmmusik des Factual-Survey-Films war.

Die privaten Filme der Regisseure George Stevens und Sam Fuller hatten für mich zwei interessante Aspekte. Einerseits natürlich die Farbaufnahmen von Stevens und die Darstellung des Begräbnisrituals in Fullers Film – und andererseits den Gedanken, dass die Art, wie ich meinen Social-Media-Auftritt kuratiere (und ich würde sagen, viele andere auch) nicht neu ist, sondern, mit etwas Forschung, sicher schon einige Zeit in die Menschheitsgeschichte zurückverfolgt werden kann. Vielleicht erscheint das als ein “No na”-Schluss bzw. ist es eher umgekehrt: Social-Media-Verhalten baut auf schon dagewesenen, tradierten Verhaltensweisen (Codes, Tropen, etc.) auf, nur auf einer anderen Plattform (die Medien sind dieselben: Schrift, Fotografie, Zeichnungen, Film), nur wird das selten sichtbar.

Über Sam Fullers Film “The Big Red One“, den ich am Dienstag in der rekonstruierten Version gesehen habe, hätte ich gerne mit den Teilnehmer_innen der Diskussion gesprochen. Er hat mir – wie auch Fullers Amateuraufnahmen – nicht sehr zugesagt, obwohl viele Szenen durchaus eindrücklich sind. Der Film hat mich aber zu Überlegungen gebracht, was eigentlich der Zweck von Kriegsfilmen ist (Propaganda), dass die zensierten, geglätteten Kriegsfilme (sowohl alte als auch neue wie “Saving Private Ryan” oder “Band of Brothers”) auch ein weißes, heterosexuelles, cis-weibliches Publikum ansprechen sollen, während “The Big Red One” und ähnliche Filme (zu denen ich z.B. “Inglorious Basterds” zählen würde) definitiv nicht für dieses Publikum gedacht sind. Aber ist The Big Red One authentischer? Oder ist das Fullers persönlicher Stil?

Am Mittwoch ging es dann zunächst um die Kameramänner* des US Army Signal Corps, die viele der Aufnahmen, die in der Retrospektive gezeigt wurden, anfertigten und um die Filme, die sie von den KZ-Befreiungen aufnahmen, nur diesmal ohne Narration, ja, ohne Ton, ohne nachträglichen Schnitt. Von da stammen also die Bilder, die dann in den unterschiedlichsten Kontexten weiterverwendet wurden. Das Special Film Project 186 der US Army Air Force, das den Krieg in Farbfilm verewigen sollte, zeigt zum Teil dieselben Motive, zum Teil ganz neue, die erst durch die Farbe richtig identifizierbar werden. Bei einer Hochzeit in Frankreich in Farbe, auf den übergebliebenen Filmresten, bekommen die Kameramänner* für die Forschung endlich Gesichter.

Die danach gezeigten Farbaufnahmen Arthur Zegarts vom KZ Ebensee verstärken noch die Dissonanz der schon gesehenen Schwarz-Weiß-Bilder von den Alpen hinter dem Stacheldraht. Fröhliche Menschen in Lederhose und Dirndl, ein Gasthaus “Zum Tiroler”, Kirchen, Seen, Idylle. Eine Baumallee. Sie führt zum KZ-Eingang. Später werden ihr entlang die Toten bestattet. Hier werden die jüdischen Toten endlich sichtbar: Statt unter den bisher in den Filmen ubiquitären Holzkreuzen werden sie unter Holzdavidsternen bestattet. Weil dieser Film nicht offizielles Beweismittel ist, rückt er den Menschen nicht so ganz nah, sondern betrachtet sie respektvoll. Das Bild der nunmehr schön grün-grau-weißen Berge und dem blauen Himmel hinter dem elektrischen Stacheldrahtzaun bleibt grausig. (Neben mir sitzt ein Schriftsteller, der meinem Vater unglaublich ähnlich sieht und für seine Gedichte, die oft mit Bergen zu tun haben bekannt ist. Er wohnt auf der Alm. Er murmelt die Namen der Berge, die er im Film sieht. Was denkt er?)

Schließlich werden Amateur_innenfilme gezeigt. Sie zeigen nun die Präsenz von Menschen, die in den Hollywoodkriegsfilmen und in vielen der bisher gezeigten Filme absent sind: Schwarze Krankenwagenfahrer* und weibliches* medizinisches Personal. Ob es Untersuchungen zu Schwarzen Angehörigen der US-Armee und ihren Erinnerungen an den Holocaust gibt? (Hier eine Bibliographie des United States Holocaust Memorial Museum und hier ein Interview mit Floyd Dade, Angehöriger des 761st Tank Battalion, das das KZ-Außenlager Gunskirchen in Oberösterreich befreite.)

Wie Toby Haggith am Sonntag sagte: Factual Survey zeigt sehr viele Frauen*: Tote, Überlebende, Täterinnen*, Lastwagen- und Krankenwagenfahrerinnen*, medizinisches Personal. In den Aufnahmen von Beatrice Wachter, die in Feldspitälern arbeitete, tauchen sie wieder auf: Es sind schließlich sie und ihre Freundinnen*, die Schneeballschlachten veranstalten, in die Schweiz auf Besichtigungstour fahren, zum Appell antreten, 30, 40 Frauen*, die da in ihren Uniformen stehen.

Die Bilder aus Dachau in den Amateur_innenfilmen sind sich größtenteils so ähnlich, dass es fast scheint, als wären sie alle zur gleichen Zeit dort gewesen. Wurde einfach alles verfügbare medizinische Personal, das sich in der Gegend befand, nach Dachau gerufen? Aber es gibt auch Unterschiede: Plötzlich ist da eine Musikkapelle. Wo kommt sie her? Diese Gleichzeitigkeit wirft Fragen auf: Wie lange hat das Begraben aller Toten gedauert? Wie lange sind sie vorher noch dort gelegen, wo sie gefunden wurden? Was ist eigentlich mit der Kleidung, den Schuhen, den Haaren, den Brillen, etc., die den Menschen in den KZs geraubt wurden nach der Befreiung geschehen? Sind die jetzt alle in einem Museum? Wurden sie weiterverwendet? Wurden sie begraben?

Aus den vielen sich wiederholenden Bildern wurde am Donnerstag Beweismittel: Gegen KZ-Kommandaten*, gegen die SS, gegen die Hauptangeklagten. Die Prozessberichterstattung fand damals vor allem spannend, wie die Angeklagten auf den “Nazi Concentration Camps”-Film reagieren. Als der sowjetische Film gezeigt wird, ist die internationale Presse bereits größtenteils abgereist. Er gerät in Vergessenheit, wie vieles, was ich in den vergangenen Tagen gesehen habe. Sollte es nicht. Heute ist der 8. Mai, VE-Day, Tag der Befreiung. 70 Jahre ist das Ende des 2. Weltkrieges in Europa her und doch ist antifaschistisches Engagement in diesen Tagen wichtiger denn je. Nach dieser Retrospektive scheint mir das noch unglaublicher und schrecklicher.

This film is secret. Newsreels, reeducation, Hollywood amateurs

#CN graphische Beschreibungen

Eine Doppelvorstellung, wieder mit kurzen einführenden Vorträgen vor den Filmen, aber ohne ausleitender Fragesession. Diesmal sind es kurze Filme, die im April und Mai 1945 entstehen, ganz unterschiedlicher Art.

Erste Vorstellung: Newsreels and Reeducation. Den Auftakt macht einer der US-Amerikanischen “Staff Film Reports”, kurze Filme, die einen Überblick über die Geschehnisse an den verschiedenen Kriegsschauplätzen bieten. Das Zielpublikum sind höhere Offiziere, sie dienen der Strategieformulierung – und sie sind geheim. Jede Kriegswoche werden zehntausende Meter Film aus der ganzen Welt zu wenigen tausend Metern zusammengeschnitten, mit Musik unterlegt, Narration wird verfasst und eingefügt – was für eine Arbeit!

Die Bilder aus den befreiten KZs sind hier nur eine Sequenz unter vielen. Zuerst wird ein Ausschnitt über die KZs gezeigt, dann ein ganzer Film, Nummer 53. Viele der Bilder kamen bereits im gestrigen Film vor, der sich auf eine Vielzahl von Materialien stützte. Im Staff Film Report Nr. 53 geht es um den Kampf gegen Japan auf Okinawa, Iwo Jima, einem Betonklotz vor Manila, Befreiung eines französischen Offizierslagers, in dem die Männer teilweise seit 1940 inhaftiert waren, die französische Flagge wird neben der amerikanischen gehisst. Dann folgen Sequenzen aus den befreiten KZs, dann Szenen der Befreiung von Bologna, dann von der konstituierenden UN-Konferenz in San Francisco.

Da sich zwischen diesem Film und den folgenden Newsreels so viele Szenen wiederholen, weiß ich nicht mehr ganz was in welchem Film gezeigt wird. Die Newsreels mit Narration von Ed Herlihy zielen auf Sensation ab – don’t look away! Es gilt, sich den grauenhaften Bildern zu stellen. Eisenhower beim Besuch im KZ Ohrdruf – er selbst wollte KZs besuchen, um Zeuge zu werden und später Zeugnis ablegen zu können. Er veranlasste auch aus demselben Grund, dass Delegationen von Geistlichen (Erzbischof von Canterbury) und Politikern die befreiten KZs besuchen. Was haben eigentlich diese Newsreel-Sequenzen mit der amerikanischen Bevölkerung gemacht?

Am Ende der ersten Vorstellung wird der Film “Death Mills” gezeigt – es gibt auch eine deutsche und eine jiddische Version. In dem ganzen Film wird kein einziges Mal erwähnt, dass vor allem Jüd_innen vom Morden der Nazis betroffen waren, stattdessen Kreuzsymbolik noch und nöcher. Dieser Film sollte ähnlichen Zwecken dienen wie der gestrige Film, “Memory of the Camps”, aber es dauerte einige Zeit, bis er im Jänner 1946 erschien. Wie gut Memory of the Camps konzipiert und restauriert wurde, zeigt sich durch den Kontrast mit diesem Film – hier gibt es dramatische Narration und fast pausenlos dramatische, schlechte Musik, viel weniger Frauen. Besonders erfolgreich war er nicht in seiner Mission.

Zweite Vorstellung: Hollywood-Amateure. Der Regisseur George C. Stevens meldet sich 1943 zum US Army Signal Corps und filmt, filmt, filmt. Neben den offiziellen Filmen macht er auch private Farbfilme mit einer 16mm-Kamera – ein solcher wird an diesem Abend gezeigt. Er ist einem Twitter- oder anderem Social Media-Feed vergleichbar oder diesem Blog. Kurze Szenen, Details, dann längere dokumentarische Sequenzen. Aus einem Transportlastwagen werden Zigarrenstummel geschaufelt, es ist ein größerer Haufen, ich bin baff und belustigt. So viele Zigarren!

Aufnahmen von Kampfslogans auf Jeeps, fröhliche Grillerei irgendwo, dann ein Schnitt, so rapide und brutal, wie selten ein Schnitt – Dachau. In Farbe. Noch obszöner. Noch grauenhafter. Leichen im Schnee. Der Kontrast zwischen Haut und Schnee. Die Augenfarben werden erkennbar. Die Uniformen haben nun Farben – hellgrau-blau gestreift, dunkelgraublau, armybraun. Die Flaggen der Nationalitäten in Dachau (hier sind exakt die Bilder bzw. Videoausschnitte zu sehen). Einige erkenne ich, bei anderen bin ich ratlos. Dann Schnitt. Am Ende wieder Grillen und Baden in der Salzach oder irgendeinem See. Der Kontrast zwischen den nackten, ausgemergelten Leichen und Körper der KZ-Insassen und den badenden Amerikanern. Später entsteht aus seinen offiziellen Farbfilmaufnahmen “D-Day to Berlin”, den ich bereits gesehen, aber anscheinend wieder vergessen habe – ich muss also seine Aufnahmen aus Dachau schon kennen, aber manchmal löscht mein Kopf Dinge (Nebeneffekt von Depression).

Darauf folgen Sam Fullers Filmaufnahmen, auch mit einer 16mm-Kamera gemacht, die ihm seine Mutter geschickt hat. Derselbe Mix aus dokumentarischen Sequenzen und Momentaufnahmen, manche davon in Farbe. Die Aufnahmen Fullers aus dem KZ-Außenlager Falkenau (heute Sokolov in Tschechien) hat er selbst geschnitten, sie erzählen eine Geschichte. Leichen aus dem KZ werden mit frischer Kleidung angezogen (von den Bewohnern Falkenaus, die, obwohl sich das KZ in Sichtweite des Ortes befand, beteuerten, sie hätten nichts gewusst), sie werden auf weiße Leintücher gelegt, es wird eine Ansprache gehalten (im Beisein der Überlebenden), dann werden sie durch den Ort zum Friedhof transportiert, wo sie bestattet werden, mit weißen Leintüchern bedeckt.

Danach … Aufnahmen von Bonn, lächelnde Frauen, ein Unterhaltungsabend mit einer tanzenden Frau und einem Jongleur, noch mehr lächelnde Frauen, die ihre Röcke heben, ein schwer verletzter deutscher Soldat, der versorgt wird, eine Frau im roten Kleid mit Plateauschuhen, eine Stadt in Belgien? Dazwischen amerikanische Soldaten, Freunde Fullers, die mit Waffen und Hakenkreuzfahnen posieren. Oft zielen sie mit den Waffen direkt in die Kamera, wir schauen in den Lauf und ich denke an phallische Bildersprache. Volleyballspiele. Aufräumarbeiten.

War bei den vorigen Filmen der Ton oft zu viel, fehlt er bei den Amateuraufnahmen gänzlich, was besonders bei Fullers späteren Aufnahmen immer schwieriger wird. Die gänzliche Absenz von Ton ist schwer aushaltbar. Der Kontrast in der Praxis zwischen Stevens und Fuller ist offensichtlich, besonders bei der Kameraführung. Morgen wird Fullers Film über seine Kriegserlebnisse – “The Big Red One” – gezeigt, ich bin gespannt, wieviel er aus seinen Aufnahmen übernommen hat und ob er ihren Stil auch übernommen hat. Fast allen Filmen der zwei Vorstellungen ist gemeinsam, dass die Aufnahmen der Befreiung der KZs eine Sequenz, ein Detail unter vielen sind, aber sie sind nicht beiläufig. Und sie wirken nach: Sam Fuller wird vom Amateur zum Filmschaffenden. Die Aufnahmen, die George Stevens von der Befreiung Dachaus und anderer KZs macht, verändern ihn nachhaltig. Er kann nicht darüber reden, weiß nicht, wie er darüber reden soll. Er dreht keinen lustigen Film mehr.

Memory of the Camps. German Concentration Camps Factual Survey

#CN graphische Beschreibungen

Im Österreichischen Filmmuseum läuft gerade eine sehr kleine Retrospektive von Filmen, die bei bzw. über die Befreiung der Konzentrationslager aufgenommen wurden, unter dem Titel “Bilder der Befreiung – Liberation Footage – Atrocity Pictures“, begleitend zu einer Konferenz. Heute war der erste Film zu sehen, “Memory of the Camps. German Concentration Camps Factual Survey“. Der Film ist insofern speziell, als er noch im April 1945 konzipiert und danach teilweise ausgeführt wurde – es gibt die Aufnahmen, ein Skript, das sie zusammenstellt, eine schriftliche Narration – aber er wurde nie geschnitten, nie fertiggestellt. Die Aufnahmen landeten im Imperial War Museum in London (mehr zum Film auf der dortigen Website).

2008 wurden die Aufnahmen erstmals in Wien gezeigt, seit einiger Zeit arbeitete das Museum an der Fertigstellung – und zur Berlinale 2014 wurde der fertiggestellte Film erstmals gezeigt. Es zeigte sich aber, dass der Film einer Einführung und einer Nachbereitung bedurfte, die nun eingefügt wurden – wobei die Nachbereitung nicht gezeigt wurde, da der Leiter des Projekts, Toby Haggith, im Filmmuseum für Fragen anwesend war. Der Film sollte *der* Film sein, der der deutschsprachigen Bevölkerung ihre Verbrechen vor Augen halten sollte, aber das wurde so dringend priorisiert, dass Newsreels und Rohaufnahmen verwendet wurden – und zum Teil wurde die Bevölkerung von Städten und Dörfern nahe der KZs auch in die KZs geführt bzw. musste Leichen begraben. Der Film kam also zu spät, deshalb verschwand er in der Versenkung.

“Memory of the Camps” ist sehr nüchtern, aber sehr graphisch. Er ist erst ab 18 Jahren freigegeben, weil die Kameras wirklich ganz genau auf die Leichenberge halten, ganz genau dokumentieren, wie die SS-Männer und -Frauen in Bergen-Belsen einzelne Leichen zu den Massengräbern schleppen. Egal wieviele verrottende Leichen ich bei irgendwelchen CSI- und CSI-ähnlichen Serien, in  Holocaust- und Kriegsfilmen bzw. -comics, auf Fotos oder sonstwo gesehen habe, diese hier sind echt, riesig auf der Kinoleinwand und noch so nahe am Leben, was alles nur noch entsetzlicher macht.

Als Grund für die genaue Dokumentation, die unzähligen Nahaufnahmen erklärte Toby Haggith (Leiter des Restaurationsprojekts), dass die Alliierten zuvor in Italien und Belgien zwar Lager gefunden hätten, Folterkammern, Folterinstrumente, aber keine Leichen. Hier waren sie nun, Beweise für die Verbrechen der Nazis. Die Aufnahmen der Roten Armee sind angeblich abstrakter und weniger verstörend, da die Menschen in Auschwitz und Majdanek von den Nazis auf Todesmärsche gezwungen wurden und die Nazis versuchten, die Krematorien und anderen Spuren des Holocaust zu vernichten, was ihnen aber nur teilweise gelang. Das werde ich in den nächsten Tagen überprüfen können.

Verwendet wurden Aufnahmen aus Bergen-Belsen, Buchenwald, Dachau, Auschwitz, Majdanek, Ebensee und Mauthausen – und gezeigt werden sollte der Film auch in Österreich, daher die Erwähnung dieser beiden letzten Lager. Im April 1945 konnte sich Österreich noch nicht ganz so überzeugend als “erstes Opfer” gerieren. In den letzten Jahren wurde im öffentlichen Diskurs über die KZ-Bordelle für die SS und bevorzugte Häftlinge gesprochen, die aus der Erinnerung_skultur ausgespart wurden – hier in diesem Film werden sie erwähnt. Überhaupt fokussiert dieser Film stark auf die Frauen, anscheinend im Gegensatz zu anderen Filmen in der Retrospektive.

Das Imperial War Museum hat sich entschieden, den Film so zu produzieren, wie er geplant war, mit dem Originaltext, ohne Korrekturen und ohne zusätzliche Erklärungen. Also sind manche Fakten Fakten von 1945/46 (genaue Zahlen z.B.) und auch die Sprache ist manchmal die von 1945, wenn es z.B. um Schwarze geht, die in den Konzentrationslagern umgebracht wurden – aber für den heutigen Forschungsstandpunkt erstaunlich, dass sie erwähnt werden, denn das wurden sie lange nicht. Auch liegt der Fokus seltsamerweise nicht sehr stark darauf, dass es vor allem Jüd_innen waren, die von den Nazis in den Konzentrationslagern eingesperrt und umgebracht wurden (angeblich politische Gründe).

Egal wieviel ich zu den Konzentrationslagern und zum Holocaust schon gelesen und gesehen habe, es trifft mich immer unvorbereitet. Ich lerne jedes Mal etwas Neues und verzweifle daran, dass ich diese Unmenge an Informationen nie ganz wissen werde. Dieser Film, diese ganze Reihe zeigt Bilder, wie ich sie im Schulunterricht und an der Uni nie zu Gesicht bekommen habe. Wir bekamen keinen einzigen Leichenberg zu Gesicht. Wir waren nie im KZ Ebensee – Stacheldraht direkt vor der Alpenkulisse. Das ergibt ein ganz anderes Bild als Mauthausen.

Wie bekämpften die Alliierten nach der Befreiung der KZs den Typhus? Mit DDT und heißem Waschen (gegen die Läuse), frischen Decken, dann wurden die Überlebenden in Krankenstationen transportiert, um dort zu gesunden. Es starben trotzdem noch viele. Ironischerweise waren diese Krankenstationen oft gut ausgestattete SS-Spitäler. Im KZ geborene Babies, überlebende Kleinkinder, Kinder, die ganz langsam essen, um ja nicht einen Tropfen zu vergeuden. Frische Kleidung aus den Geschäften der umliegenden Orte, heiße Duschen, ein Kamm. Wegen dem Typhus werden die Baracken in Bergen-Belsen verbrannt. Der Rauch zieht in großen Wolken. Ich denke “Hoffentlich haben sie alle Inschriften in den Baracken dokumentiert – ach, sicher nicht.”

Eine der Zuschauerinnen* sagt in der Diskussion danach, sie fühle nichts beim Anblick der Bilder, sie sei abgestumpft weil sie so viele Bilder gesehen habe. Ihr fehle die Täterperspektive. Auch ich hatte erwartet, dass mich die Bilder zu größeren Emotionsausbrüchen bringen würden, aber ich habe nicht geweint. Es ist ein Film mit emotionaler Wucht, aber keiner, der Emotionen instrumentalisiert. Es gibt keine pathetische Musik oder Narration. Viele Szenen sind still, ohne jedes Hintergrundgeräusch und das ist gut so. Es gibt keine Einzelschicksale, aber viele Gesichter. Und jede Szene wirft Fragen über Fragen über Fragen auf.

Klolichtnostalgie

Gerade gab ich auf Twitter preis, dass ich mindestens zwei Jahrzehnte ohne Klolicht gelebt habe. Das war nicht meine Schuld, es hat sich so ergeben. Ich hätte das Schreiben darüber auf später verschoben, wenn mir nicht die Bauchklappe meines Herzmotivstanzanhängers hinters Bett gefallen wäre, wodurch ich gezwungenermaßen darüber sinnieren musste, dass es wohl keine vergeudetere Lebenszeit gibt, als die Zeit, die ich damit verbracht habe, die Herzmotivstanzanhängerbauchklappe mittels Kochessstäbchen wieder hinter dem Bett hervorzubringen. Ich entwickelte einen sofortigen Hass auf den Herzmotivstanzanhänger und vermisste meinen ursprünglichen Herzmotivstanzapparat umso mehr. Ich hoffe, dass er irgendwann wieder auftaucht und mich herzlich begrüßt.

Aber zum Klolicht. Also nein, zuerst zur Nostalgie. Die hatte ich schon heute früh, als ich @baum_gluecks Sound of Music-Tweet las. Ich dachte daran, wie mein Bruder den Soundtrack von The Sound of Music auf Platte geschenkt bekam und wir ihn, den Soundtrack zu The Westside Story, den zu The Sting und sämtliche Beatlesplatten meines Vaters, seine einzige Beach Boys-Platte und noch ein paar andere rauf und runter hörten, oft ziemlich laut. Wir tanzten dazu, sangen mit, lernten damit Englisch, führten dazu komplexe Choreografien mit dem Holzlaster auf. Bei meiner Mutter hörten wir Kinderplatten, Valerie und die Gutenachtschaukel, Schweizer Lieder, ihre feministischen Platten, die Proletenpassion und die anderen Platten der Schmetterlinge. Wir durften ohne Fragen an die Plattenspieler. Es gab zwei davon, weil meine Eltern geschieden waren, aber nebeneinander wohnten. Darüber wollte ich auch einmal schreiben, aber nicht jetzt.

Das Nachsingen von Liedern aus The Sound of Music und die falalala- und joleduli-Teile der Schweizer Lieder war auch fast das einzige Jodeln, das in unserem Haushalt geübt wurde. Trotz der schweizerisch-österreichischen Mischung jodelten wir nicht. Wir fuhren auch nicht Schi. Schließlich sperrte mein Vater die Platten weg. Einmal fanden wir den Schlüssel und freuten uns sehr, aber nachdem mein Bruder in die Schweiz verbannt wurde, verlor das Spiel ohnehin seinen Reiz und es gab dann CDs. Als ich dann in Kanada das erste Mal The Sound of Music sah, konnte ich alles mitsingen und genauso war es, als mein Bruder und ich das erste Mal die West Side Story sahen, 2008 war das.

Das Klolicht war jedenfalls in der Wohnung meines Vaters und es funktionierte vielleicht zwei Jahre lang. Dann fiel es aus und blieb kaputt, von 1990 bis 2009. Ok, also es waren *fast* zwei Jahrzehnte ohne Klolicht. Wir mussten jedes Mal, wenn wir neue Gäst_innen hatten erklären, dass sie nicht das Klolicht, sondern das Ganglicht einschalten sollten. Sonst ließ sich das Klolicht nicht mehr ausschalten und wir mussten die Sicherung umlegen. Stammgäst_innen gewöhnten sich irgendwann daran.

Kritisch wurde es, wenn auch das Ganglicht ausfiel und nicht sofort erneuert werden konnte. Das Ganglicht fiel besonders gerne dann aus, wenn ich ein Fest veranstaltete. Dann mussten die Gäst_innen mit der Kerze aufs Klo und es wirkte eher peinlich als wildromantisch. Um es zu erneuern, brauchten wir die Aluminiumleiter meiner Mutter, da die Decken so hoch waren und da meine Eltern selten miteinander sprachen und es einigermaßen schwierig war, die lange Leiter um die Ecken zu manövrieren, dauerte auch die Erneuerung des Ganglichtes immer länger als notwendig. Der Grund dafür, warum das Klolicht nicht repariert werden konnte war, dass es mit der Lüftung zusammenhing und … aus irgendeinem Grund … funktionierte da irgendetwas nicht und … hm. Hätte wohl viel Geld gekostet. So war das.

Carl Lutz und andere Vergessene

Gerade fahre ich mit der U2 nachhause von einer Diskussion über Carl Lutz im Jüdischen Museum Wien, moderiert von Charles Ritterband von der NZZ, mit Paul Lendvai, Journalist und Historiker, der mit seinen Eltern von Carl Lutz gerettet wurde, François Wisard, Leiter des Historischen Dienstes des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten, Ljiljana Radonic, Expertin für (trans)national-europäische Gedächtniskulturen in Bezug auf Nationalsozialismus, Holocaust und WWII, Universität Wien und Österreichische Akademie der Wissenschaften und nicht dem im Programm genannten Szabolics Szita, sondern einem Vertreter, dessen Namen ich mir leider nicht gemerkt habe, aber der ebenfalls vom Holocaust Memorial Center Budapest kam.

Carl Lutz war ein Schweizer aus einem Dorf im Appenzell (Außerrhoden, um genau zu sein), der in die USA auswanderte, um dort sein Glück zu machen, es nicht fand, sich aber dann in den Schweizer Konsulaten in u.a. Washington, DC von ganz unten hinaufarbeitete. In den 30ern war er in Jaffa (damals im Völkerbundsmandat Palästina) im Dienst der Deutschen stationiert und kam dann in den 40ern nach Budapest, eigentlich im Dienste der Briten, aber als Schweizer Diplomat. Als 1944 die ungarischen Juden nach Auschwitz deportiert wurden, rettete er durch Schutzpässe, Schutzbriefe, Schutzhäuser und persönliches Eingreifen tausende, ja zehntausende Leben. Er war dabei nicht ganz allein, sondern es war ein Team, auch seine Frau, Gertrud Lutz-Fankhauser, spätere UNICEF-Vizepräsidentin, und andere Schweizer Diplomaten halfen mit und er arbeitete mit dem jüdischen Untergrund und Raoul Wallenberg zusammen.

Die Diskussion drehte sich darum, ob er “vergessen” sei – ja, nein, es ergab sich ein differenziertes Bild. Einerseits wurde er in der Schweiz nicht in dem Ausmaß, in dem er es verdient hätte gewürdigt, was ihn sehr verbitterte, andererseits wurde er auf internationaler Ebene sehr wohl geehrt, u.a. in Yad Vashem als Gerechter der Völker. Andererseits kam er im großen Bergier-Bericht über die Schweiz im 2. Weltkrieg nur in einer Fußnote vor, es gibt in der Schweiz kein großes Denkmal, keine Straße, keinen Platz, der nach ihm benannt ist. Nach dem 2. Weltkrieg war er übrigens Konsul in Bregenz.

Ein solches Denkmal und eine Straße gibt es allerdings in Budapest. Kritik an der ungarischen Vergangenheitsbewältigung und an der Regierung Orbans kam allerdings nur von österreichischer Seite – verständlich, denn der ungarische Historiker musste ja schließlich nach dieser Veranstaltung wieder dorthin zurückkehren (dass das nicht mitbedacht wurde …).

Es war jedenfalls sehr spannend, tatsächlichen Expert_innen zuzuhören. Sie kannten ihre Fakten, ergänzten einander und – ließen Ljiljana Radonic das Wort und sie sogar ausreden. So ergab sich ein differenziertes Bild von Carl Lutz und seinen Aktivitäten und seinem Leben – Paul Lendvai meinte, es würde Stoff für einen großen Roman ergeben. Als Buch über Carl Lutz wurde übrigens das von Theo Tschuy, Carl Lutz und die Juden von Budapest (1995) empfohlen.

So oft die Rolle von Carl Lutz als einer, der sich entschieden hatte zu helfen, etwas zu tun, sich gegen die Nazis und Pfeilkreuzler zu stellen, betont wurde – die Brücke zu heute, zu den im Mittelmeer ertrinkenden, im Irak und in Syrien massakrierten, in Wiener Neustadt der Fluchthilfe angeklagten Menschen, zu abgelehnten, brennenden Flüchtlingsheimen überall, Hetze in der Zeitung, dem neuen Islamgesetz in Österreich wurde nicht geschlagen. Paul Lendvai erwähnte zwar die Schweizer Masseneinwanderungsinitiative, aber nur unter dem Aspekt, dass sich 100 Schweizer Intellektuelle kürzlich nochmals dagegen aussprachen. Vielleicht ist das der Grund, warum Carl Lutz nicht groß geehrt wird: Er hatte sich entschieden und gehandelt, seine Kompetenzen weit überschritten, auch gegen Vorschriften und Gesetze. Heute …

Jedenfalls findet seit dem 8. und bis zum 23. Oktober  in Wien das Jüdische Filmfestival statt, bei dem neben vielen anderen spannenden Filmen ein Dokumentarfilm über Carl Lutz zu sehen ist und zwar am 21.10. um 16:30 im De France-Kino.

Daneben empfehle ich “Gentleman’s Agreement” (mit Gregory Peck), auch wenn an dem Film einiges kritisiert werden muss.

Und spannend finde ich auch:

Erschlagt mich, ich verrate nichts! – Dokumentarfilm über die österreichische Widerstandskämpferin Käthe Sasso, die bereits gegen den Austrofaschismus aktiv war

Gett – Der Prozess der Viviane Amsalem – Über den mühsamen Kampf um die Scheidung

Regina – erste Rabbinerin

50 Children: The Rescue Mission of Mr. and Mrs. Kraus – Ein jüdisches Ehepaar aus Philadelphia rettet 1939 50 jüdische Kinder aus Wien

Die papierene Brücke – Ruth Beckermann spürt ihrer Familiengeschichte nach

Vortrag über Antisemitismus im Zeichentrickfilm und Comic

Fred Bondi, l’homme chanceux

The Anime Rainbow: Kokurikozaka kara (From Up On Poppy Hill)

Disclaimer Regeln & Ressourcen

[TW Tod eines Elternteils, Höhe, CN ableistische Sprache]

Der dritte Film, der für mich zu Momo e no Tegami und Gake no Ue no Ponyo passt, ist Kokurikozaka kara oder Coquelicot-zaka kara (From Up On Poppy Hill), ebenfalls aus dem Studio Ghibli. Das Screenplay stammt von Miyazaki Hayao, Regie führte allerdings sein Sohn, Miyazaki Goro.

Es ist 1963 und Tokyo bereitet sich auf die Olympischen Spiele vor. Umi – oder Meeru, wie sie von ihren Freund_innen genannt wird, wohnt in Yokohama, geht in die zweite Klasse der Oberstufe und ist ca. 16 Jahre alt. Neben der Schule macht sie einen großen Teil der Hausarbeit in einem Haushalt, der neben ihrer Großmutter und ihren zwei jüngeren Geschwistern noch drei Untermieterinnen* beherbergt. Jeden Morgen stellt sie ein Glas Wasser vor das Bild ihres verstorbenen Vaters und hisst das Flaggensignal, das er ihr (neben vielen anderen) beigebracht hat. Ja – schon wieder ein toter Vater, ein Schiffskapitän (und natürlich heule ich auch bei diesem Film).

An dem Tag ist jedoch in der Schule einiges los – die Schüler, die das alte Haus für ihre Clubs nutzen, veranstalten eine Aufsehen erregende Aktion, um auf den drohenden Abriss des Gebäudes aufmerksam zu machen. Ein Junge springt vom Dach des Hauses, Quartier Latin genannt, in ein kleines Schwimmbecken – und wird von Umi herausgefischt. Geht ein meet cute noch dramatischer? (Ich muss ja zugeben, ich habe eine Schwäche für kreative meet cutes). Richtig, Kokurikozaka kara ist ein Liebesfilm, mit einem Heteropaar. Daneben gibt es noch den Kampf um den Erhalt des alten Clubhauses, aber vor allem geht es um die sich entspinnende Romanze zwischen Umi und Shun, die jedoch recht bald auf ein schwerwiegendes Hindernis trifft.

Aber es ist ein charmanter Liebesfilm, mit interessanten Haupt- und Nebenfiguren. Die Untermieterinnen* in Umis Haus sind u.a. eine Ärztin und eine Malerin, Umis Mutter ist Universitätsprofessorin auf Reisen, Umis Schulfreundin zeigt den Burschen, wie eine Wand richtig verputzt wird – und als Umis Schwester fragt, ob der ältere Bruder des Burschen, für den sie sich interessiert, auch so klug ist, wird sie korrigiert: Es ist eine ältere Schwester, die Astrophysikerin ist.

Umi selbst ist die zentrale Kraft des Films – ihre Ideen, ihre Arbeit, ihr Auftreten sind es, die Klarheit schaffen, Resultate erzielen. Schon allein deswegen hege ich Ungeduldige große Sympathien für sie. Sie will später Ärztin werden. Shun ist attraktiv, enthusiastisch, wagemutig und athletisch – aber sein emotionales Innenleben wird nur in Zügen angedeutet. Heterosexuelle Liebe und das Heiraten wird allerdings sehr betont – Umis Großmutter hofft, dass Umi eine Person (impliziert: eine männliche Person) trifft, die ihr dann über den Verlust ihres Vaters hinweghelfen kann, Heirat wird als default erwartet.

Ein für mich interessanter Aspekt ist die Sichtbarmachung von Arbeit und den dafür benötigten Gegenständen, die für viele Ghiblifilme typisch ist. Umis Arbeit im Haus, die nötig ist, um in Abwesenheit der Mutter für den Lebensunterhalt zu sorgen, die Kochgeräte, Maschinen und die vielen Handgriffe, werden mit Aufmerksamkeit bedacht, die Verortungen und Kontextualisierungen ermöglicht. Wie sieht das Telefon aus? Die Wäsche wird also noch teilweise mit der Hand gewaschen – aber es gibt schon eine Wäschemangel. Gekocht wird mit Gas, der Reis wird mit einem kastenförmigen Holzmaß abgemessen, in den Haushalten gibt es Fernseher. Wie groß ist Umis Haus, wie groß ist Shuns Haus, wo liegen sie? Die Geschichte_n welcher Klasse_n werden hier (und in Ghiblifilmen allgemein) erzählt?

Untermalt wird der Film von japanischer Popmusik aus den 1960ern (bzw. Musik, die danach klingt), vor allem Ue no Muite Aruko, ein fröhlich klingendes Lied mit traurigem Text und – wenn ich Wikipedia in diesem Belang vertrauen darf mit politischem Hintergrund. Die Animation ist geradlinig, mit dem relativ typischen Ghiblilook, aber sehr viel weniger stilisiert bzw. karikierend als in Miyazaki Hayaos Filmen und großteils ohne seine “typischen” Gesichter. Anklänge an seine Filme finden sich jedoch, z.B. im Lachen Shuns bei einer Versammlung (Das Schloss im Himmel, wenn ich mich richtig erinnere, ev. auch Porco Rosso), in den bunten Glasfenstern, blühenden Büschen (Chihiros Reise ins Zauberland) und dem dreckigen Zustand des Quartier Latin (Das wandelnde Schloss).

Ich muss sagen, ich habe eine Schwäche für gute Liebesfilme, auch wenn sie mich meistens traurig machen. Spannende Figuren, ein fantastischer meet cute und ansprechende Animation – für eine Auszeit aus dem echten Leben versenke ich mich da gerne in die Welt von Kokurikozaka kara. Ich hoffe, euch gefällt der Film ebenso.

SPOILER – ACHTUNG SPOILER

b8fqmBevor ich mir Kokurikozaka kara zum zweiten Mal ansah, hatte ich ihn deutlich sexistischer in Erinnerung. Ja, da war doch die Universitätsprofessorin als Mutter, die Ärztin und die Malerin, aber Umi war doch bei der Schulzeitung nur für Hilfsdienste zuständig und beim Putzen des Hauses sah ich doch nur Mädchen*. Oder? Beim zweiten Mal sah ich genauer hin: Ja, Umi verfasst keine eigenen Texte für die Schulzeitung, aber es ist ihre Idee, das Quartier Latin zu putzen und zu restaurieren. Sie ist im Film diejenige, die es überhaupt wagt, das Quartier Latin zu betreten, das bis dahin von den Schülern dominiert wird. Unter ihrer Ägide wird es aufgeräumt und renoviert – und die Jungen* sind genauso am Schrubben, Abstauben, Malen, Beschriften, Renovieren beteiligt wie die Mädchen*, ja, die Mädchen* zeigen den Jungen*, wie das richtig gemacht wird (wobei – den Stern könnte ich weglassen, da im Film nicht einmal ansatzweise angedeutet wird, dass es außer Cis- und Heterosexualität noch andere Formen von Geschlecht und  Sexualität gibt).

Eine andere Szene, die komplexer ist, als auf den ersten Blick scheint, ist das Abschiedsessen für Hokuto Miki, die Ärztin, die in Umis Haus wohnt. Der Tisch ist geteilt – an einem Ende sitzen die Männer und Jungen und besprechen die Lage des Quartier Latin, am anderen Ende die Frauen und Mädchen und sprechen über Heirat, Umi serviert. Die Männer, so wie Hokuto Miki ehemalige Schüler der Schule, sind allerdings auf ihre dezidierte Einladung vor Ort, damit sich für Umi, Shun und die anderen Schüler_innen nützliche Verbindungen ergeben. Diese resultieren dann in Baumaterialien für die Renovierung.

Besonders spannend fand ich das – zuvor von mir übersehene – Verhalten des Präsidenten des Schulfonds, der das Sagen über den Abbruch des Quartier Latin hat. Da die Schuldirektion das neu renovierte Gebäude gar nicht ansehen will und auf dem Abriss beharrt, beschließen Shun und sein bester Freund, direkt zum Präsidenten zu gehen – und Umi soll auch mit. Als Shun und sein Freund schließlich ihre Forderungen vortragen können, hört der (grundsätzlich mit Schüler_innen* sympathisierende) Präsident sich diese zwar an, richtet dann aber sein Hauptaugenmerk auf Umi und fragt sie dezidiert nach ihrer Meinung. Und die ist es dann auch, die ihn aufhorchen lässt. Zwar fragt er sie auch nach ihrem Vater und nicht nach ihrer Mutter, aber die Frage nach Umis Meinung kommt zuerst. Auch als der Präsident dann das Quartier Latin besucht, gilt seine besondere Bestätigung Umi.

Warum betone ich das so? Weil es leider selten genug ist, dass die Heldinnen* in Anime direkt sagen, was sie fühlen, denken, wollen (gilt als peinlich bzw. unweiblich bzw. unhöflich), selten genug ist, dass es ihre Ideen, Pläne, Aktionen sind, die die Geschichte vorantreiben bzw. die Lösung bringen, selten genug, dass sie ernst genommen und bestätigt werden.

Auch interessant für mich ist die Solidarität zwischen den Schüler_innen*, wobei ich mich hier frage, wie idealisiert diese wohl ist. Zu Beginn des Films sind nicht alle Schüler* für den Erhalt des Quartier Latins – und die Schülerinnen* sind de facto von der Benutzung ausgeschlossen und interessieren sich daher nicht so sehr dafür. Bei einer Debatte zu Beginn des Films gibt es dann heftige Streitereien, doch als Lehrer* kommen, tun alle gemeinsam so als ob nichts wäre. Durch die Kampagne der Schulzeitung und des Kommitees wird die Schüler_innen*schaft politisiert und die Arbeit am Gebäude schafft Identifikation damit.

Der Film basiert auf einem Manga, mit gravierenden Differenzen, wie ich in diesem Blogpost (keine Spoiler, aber etwas verächtlicher Ton über Shoujomanga) las, über den ich heute stolperte, als ich Informationen über den Manga suchte. Die Handlung des Manga spielt, so der Blogpost, in den 80ern und der Protest (im Manga gegen Schuluniformen) ist ein Stratagem, um mehr Schulzeitungen zu verkaufen. In Kokurikozaka kara ist der Protest der Schüler_innen* ernst gemeint.

Ob durch die Versetzung in die frühen 60er genauso eine Entpolitisierung stattfindet, wie im Blogpost behauptet wird, darauf würde ich mich jetzt nicht festlegen – Proteste an den japanischen Universitäten gab es nämlich schon vor 1968 und ich hoffe, dass sich die Schüler_innen, die schon einen Erfolg gemeinsamer Arbeit und Organisation erleben konnten, auch an der Universität für ihre Rechte einsetzen würden/werden (aber sie sind ja fiktional). Weitere politische Anklänge, was z.B. das Ende des 2. Weltkriegs und Aspekte der Rolle Japans im Koreakrieg angeht sind z.B. dieser Sektion auf Wikipedia zu entnehmen. Langsam spiele ich echt mit dem Gedanken, zurück an die Uni zu gehen und die Geschichte Japans von Grund auf zu studieren … *seufz*

Für mich ist daher auch die Szene, in der der Präsident des Schulfonds im Quartier Latin empfangen wird, nicht ohne Spannungen – zwar singen alle brav ein Lied, aber wenn die Übersetzung des Liedtextes stimmt, singen die Schüler_innen* davon, dass sie zusammenhalten werden, auch wenn die Welt untergeht. Nun kann in verschiedene Richtungen argumentiert und interpretiert werden, aber ein Haus voller Schüler_innen*, die ihre demonstrieren, dass sie auf Worte Taten folgen lassen und subtil unterstreichen, dass sie sich nicht unterkriegen lassen werden – da ist es um einiges einfacher, nachzugeben und weiteren Protesten den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Die endgültige Aussage des Films, zumindest im Hinblick auf das Quartier Latin – “Das Alte beim Gang in die Zukunft nicht komplett aufgeben” – ist eine der oft vermittelten Botschaften von Filmen aus dem Studio Ghibli, nicht nur denen von Miyazaki Hayao. Wie diese Botschaft mit der Realität Japans zusammenpasst, nun, das ist auch so eine Frage …

The Anime Rainbow: Gake no Ue no Ponyo (Ponyo on the Cliff by the Sea)

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[TW Meerestiere, Flutwellen, gefährliches Autofahren, Höhe, CN ableistische Sprache]

Gake no Ue no Ponyo sah ich mir gleich nach Momo e no Tegami an. Auch hier spielen das Meer, eine arbeitende Mutter und ein absenter Vater wichtige Rollen, wenn auch unterschiedlicher Größe.

Ponyo heißt zunächst einmal Brünhilde und ist ein Meerkind. Sie lebt mit ihren Schwestern* und ihrem Magiervater im Meer vor der Küste Japans. Allerdings darf sie nicht frei herumschwimmen, sondern soll im U-Boot ihres Vaters bleiben – da haut sie ab. Auf der Flucht gerät sie in ein Fischnetz, dann in eine Glasflasche, aus der sie schließlich von Sousuke gerettet wird.

Sousuke ist fünf Jahre alt und lebt mit seiner Mutter Lisa in einem Haus auf der Spitze einer Klippe. Aber keine Zeit! Lisa muss zur Arbeit und Sousuke in den Kindergarten, also in halsbrecherischem Tempo dorthin – Ponyo kommt im grünen Eimer mit. Das Tagesheim für alte Menschen, in dem Lisa arbeitet, liegt gleich neben Sousukes Kindergarten und Ponyo bringt gleich ein wenig Wirbel in beide hinein. Aber leider wird sie von ihrem Vater wieder eingefangen, was Sousuke sehr zum Weinen bringt.

Während Lisa und Sousuke sich mit der verlängerten Absenz von Kouichi, Ehemann, Vater, Schiffskapitän, herumschlagen, will Ponyo nicht mehr Brünhilde heißen und vor allem ein Mensch werden und mit Sousuke zusammensein. Mit Hilfe ihrer Schwestern* bricht sie erneut aus und gießt dabei das ganze Zauberelixier ihres Vaters ins Meer. Zusammengenommen ergibt das eine Explosion der marinen Flora und Fauna sowie einen rapiden Anstieg des Meeresspiegels – die Küste an der Lisa und Sousuke leben, wird überflutet. Lisa und Gran Manmare (Ponyos Mutter) to the rescue!

Für einen Kinderfilm – denn als ein solcher ist Ponyo konzipiert – ist das und was noch folgt ziemlich aufregend (darum würde ich ihn für Fünfjährige noch nicht empfehlen). Aber Ponyo ist nicht nur für Kinder. Da ist Lisa, die in jeder Szene, in der sie vorkommt, die Show stiehlt – hier ist nochmals eine arbeitende Mutter, die einen Vornamen und Gefühle hat und zeigt, rasant Auto fährt und Bier trinkt (ich sehe so viele Parallelen zur Königinmutter). Spannend finde ich auch die alten Frauen*, die das Tagesheim besuchen und wie liebevoll sie miteinander und mit Sousuke und Ponyo interagieren. Liebevoll ist tatsächlich der ganze Film, es wird umarmt, geknuddelt und geküsst, dass die <3 nur so sprühen.

Die Szenen in Ponyo sind atemberaubend und wunderschön – wenn Ponyo auf der Wasseroberfläche läuft, von Fisch zu Fisch hüpft, die Unterwasserwelten, das überschwemmte Land – alles in bunten, leuchtenden Farben, in einer Mischung zwischen poppigem Stil und Buntstiftstrichen (z.B. Gras, etc.), unterlegt mit Musik von Hisaishi Joe, der bisher die Musik für jeden Film von Miyazaki Hayao komponiert hat. Anklänge an Wagners Walkürenritt sind nicht zufällig (wie gesagt, Ponyo heißt zunächst Brünhilde), aber wenigstens nicht zu nahe dran (ich mag Wagner nicht).

Vergleichen lässt sich Gake no Ue no Ponyo von den Figuren und der Geschichte mit keinem anderen Film von Miyazaki Hayao. Natürlich gibt es typische Elemente – die Betonung des Umweltschutzes, die Vignettenhaftigkeit, die stillen Momente, die Liebesgeschichte, das Essen und Trinken mit Lust und Appetit – aber Ponyo ist eben nicht Mein Nachbar Totoro, nicht Mononoke Hime, nicht Howl’s Moving Castle, sondern ein eigener Film, der mir sehr viel Spaß macht.

Und diesmal gibt’s keine Spoiler (muss erst noch mehr über Ponyo nachdenken).

no spoilers

The Anime Rainbow: Momo e no Tegami (A Letter to Momo)

Disclaimer Regeln & Ressourcen

[TW Tod eines Elternteils, Springen aus großer Höhe, CN Übergriffigkeit, ableistische Sprache]

Vor Kurzem sah ich mir drei Animefilme nacheinander an und fand, dass sie alle zusammenpassten, denn das Meer spielte in allen dreien eine Rolle. Alle drei lösen auch ein gewisses sommerliches Gefühl aus, auch wenn die typischen japanischen Hochsommerattribute (Sonnenblumen, Zikaden) nicht groß in Erscheinen treten. Momo e no Tegami ist der erste der drei Filme, die ich euch vorstellen möchte.

Miaura Momo, die Protagonistin* zieht mit ihrer Mutter Ikuko nach Shiojima (jima = Insel), eine fiktionelle Insel in der Seto-Inlandsee zu den Großeltern. Die Begeisterung steht ihr richtig ins Gesicht geschrieben – eine neue Umgebung, lauter fremde Menschen, ein altes Haus. Erst nach einiger Zeit erfahren wir schließlich, dass Momos Vater gestorben ist – und dass sie sich vor seinem Tod mit ihm gestritten hat. Nun hat sie einen Brief von ihm, in dem nur “Liebe Momo” steht und große Schuldgefühle.

Ikuko dagegen scheint bemüht, sich rasch einzuleben und beginnt eine Ausbildung zur Pflegerin. Da die Schule noch nicht begonnen hat, ist Momo oft alleine und muss auf den Telefonanschluss und Pakete warten. Dabei findet sie ein altes Buch mit Abbildungen von Youkai (japanische Fabel/Geisterwesen, die kommen in vielen Anime vor) und beobachtet seitdem immer sonderbarere Geschehnisse, merkwürdige Geräusche und Schatten, die beginnen, sie und Ikuko zu verfolgen. Schließlich nehmen die Youkai Gestalt an – drei als männlich lesbare Figuren, die Momo in allerlei Schwierigkeiten verwickeln. Gleichzeitig versucht Momo langsam Freund_innenschaften vor Ort zu knüpfen, die Insel zu erkunden und herauszufinden, was ihr Vater denn in dem Brief schreiben wollte.

Also ich muss bei dem Film jedes Mal sehr heulen (kein Wunder). Trotzdem sehe ich ihn mir manchmal gerne an. Trotz der fantastischen Figuren geht es auch um die Beziehung zwischen Momo und Ikuko – selten genug in Anime, wo es schon ein Wunder ist, wenn Eltern überhaupt präsent sind (grob geschätzt haben mindestens die Hälfte aller Hauptprotagonist_innen in Anime aus verschiedensten Gründen keine Eltern oder diese sind nicht präsent). Auch dass Ikuko als eigenständige Person dargestellt wird – mit Emotionen, gesundheitlichen Problemen und Beruf – ist selten genug.

Momo ist sehr eigenständig, manchmal etwas schüchtern, aber sehr bestimmt, so in diesem Alter zwischen zehn und dreizehn, zwischen Anhänglichkeit und Ablösung – und der Tod ihres Vaters ist eine schwere Bürde für sie. Durch die Erlebnisse mit den drei Youkai, aber auch mit den Kindern des Ortes beginnt sie, ihren neuen Lebensort mit allen Sinnen zu erkunden und neue Verbindungen zu knüpfen. Und endlich gibt es einmal keine Liebesgeschichte – sondern es geht um das emotionale Verhältnis zwischen Eltern und Kindern.

Farblich ist der Film vom Blau des Meeres und des Himmels, dem Grün der Hügel und dem Grau der alten Häuser bestimmt – es ist wirklich schwer, sich dem sommerlichen Eindruck zu entziehen. Es ist die Gelegenheit, einen anderen Teil von Japan zu sehen (die allermeisten Anime spielen in Tokyo): Auf der fiktionellen Insel sind die Hügel im Terassenbau mit Mandarinenbäumen bepflanzt, es gibt Zitronenyokan und das Meer mit vielen kleinen Inseln.

Der Soundtrack ist angenehm, aber nicht besonders einprägsam. Bei der Animation ist der Computeranteil für meinen Geschmack teilweise etwas zu deutlich zu sehen, vor allem bei den Außenansichten der Häuser oder der Fähre, aber trotzdem ist er nicht störend. Vor allem der emotionale Ausdruck der Charaktere ist sehr sorgsam gestaltet und das ist das Besondere an diesem Film. Durch die eher feinen Linien ergibt sich ein realistischerer Ausdruck für die meisten Charaktere.

Beim nochmaligen Ansehen entpuppt sich für mich auch das Verhalten eben dieser drei Youkai als etwas problematisch, weil grenzverletzend. Möglicherweise lese ich hier aber zu viel hinein und kulturelle Codes nicht richtig. Ich habe in anderen Anime schon viel Schlimmeres gesehen und nehme an, die Intention ist einerseits ein lustiger Effekt und andererseits, Momo aus ihrer Trauerkomfortzone zu bringen. Trotzdem die [CN] oben. (Mehr dazu in der Spoilerpassage.)

Ich mag Momo e no Tegami. Okiura Hiroyuki, der Regisseur, hat sieben Jahre für diesen Film gebraucht. Sein letzter, Jin-Roh (auch den werde ich euch vorstellen), ist Momo e no Tegami fast diametral entgegengesetzt und auch sonst sind die Filme und Serien, an denen er mitgearbeitet hat eher im dystopischen Science Fiction-Bereich anzusiedeln. Aber Momo e no Tegami ist genauso komplex, mit fein gezeichneten Figuren – und das sommerliche Gefühl, die fantastischen Elemente und das Wechseln zwischen ernsten und haarsträubenden Sequenzen umgeben meistervoll eine (mir) nahegehende Geschichte über Tod und Trauer.

SPOILER – ACHTUNG SPOILER

b8fqmBesonders schätze ich an Momo e no Tegami den allerersten Teil, wo noch nicht klar ist, warum Momo eigentlich so wenig begeistert vom Umzug ist. Beim nochmaligen Anschauen gewinnen kleine Details an Bedeutung und die lange Unklarheit verstärkt den emotionalen Aspekt – es ist für mich trotzdem jedes Mal ein Schock, wenn klar wird, dass Momos Vater gestorben ist. Danach geht der Film eigentlich eher konventionell weiter – Konflikte, Notfall, Rettung, Konfliktlösung, Katharsis – aber die Interaktionen zwischen den Figuren machen ihn spannend.

Ein Beispiel dafür ist das Verhältnis zwischen Ikuko und ihren Eltern. Am Anfang ist es so distanziert, dass ich mich fragte, ob es ihre Eltern oder ihre Großeltern sind – oder ob sie überhaupt verwandt sind. Erst spät im Film, als Ikuko einen Asthmaanfall hat, kommt ihre Mutter ihr körperlich nahe, streichelt ihren Rücken, um sie zu beruhigen. Für mich zeigt das, dass Ikuko alle Kraft braucht, um weiterzumachen und eine Berührung wohl ihre ganzen Bemühungen zunichte machen würde.

Viele Elemente erinnern mich stark an Filme von Miyazaki Hayao, darum fühlt sich der Film wohl auch so vertraut für mich an. Es gibt Wildschweine und Kodama wie in Prinzessin Mononoke, am Ende tun sich alle Youkai, die auf der Insel wohnen zusammen, um Momo vor Wind und Regen zu beschützen – irgendwie kommen da starke Erinnerungen an den Katzenbus aus Mein Nachbar Totoro auf. In Mein Nachbar Totoro hat die Mutter eine ungenannte Krankheit (wahrscheinlich Tuberkulose) – Ikuko leidet an Asthma, das lange nicht mehr auftrat, aber durch die Trauer und den Stress wieder akut wird.

Etwas, das ich an Miyazakis Filmen schätze, kommt hier aber nur in verkürzter und abgewandelter Form vor: Fast völlig stille Szenen, ja fast Stillleben, in denen Blumen oder Tiere oder auch nur die Raumeinrichtung im Vordergrund steht. In Momo e no Tegami gibt es zwar solche Szenen, aber sie sind sehr kurz bzw. enthalten sie die sich bewegenden Hauptfiguren oder andere sich schnell bewegende Elemente. Es kommt also keine Ruhe in den Film, der Szenenwechsel ist schnell, wenn auch nicht hektisch.

So wie in Mein Nachbar Totoro, die Totorofiguren (groß, mittel, klein) den Vater und die zwei Mädchen wiederspiegeln, sind die drei Youkaifiguren auch als Spiegelungen von Momos Familie vor dem Tod des Vaters denkbar. Die drei Youkai sind auch als Momos innere Impulse interpretierbar. Das kleinste Wesen folgt ihrer Mutter zur Arbeit, während Momo sich alleingelassen fühlt. Das mittlere Wesen klaut den Handspiegel der Mutter. Und das größte Wesen ist jenes, das die Verbindung zwischen Momo und ihrem Vater herstellt und sich auch am stärksten um sie kümmert.

Weiter oben habe ich ja die problematische Übergriffigkeit der Youkai-Figuren angesprochen. Ich finde allerdings das Spannungsverhältnis Grobheit (fart jokes meh) – Trauer interessant, da dadurch der Film nicht völlig ins Traurige und dadurch Spirituelle oder nach Innen gekehrte tritt. Durch die Interaktion mit den Youkai interagiert Momo auch mit ihrer Umwelt, sie rennt durch den Ort, sie erklimmt Hügel, sie wird ins Wasser gestoßen, alles sehr körperlich, als wollten sie Momo an die diesseitige Welt knüpfen. Der Sprung ins Wasser von der Brücke, den sich Momo lange nicht zutraut, erinnert mich stark an letzten Sommer, in dem ich Wasserkontakt absolut genoss und als sehr erneuernd empfand.

Jedenfalls entdecke ich beim Anschauen jedes Mal etwas Neues … und das macht einen guten Film für mich aus.

The Anime Rainbow: Regeln & Ressourcen

Nun möchte ich ein paar Regeln zum Aufbau meiner Rezensionen und allgemein aufstellen, wichtige Websites verlinken und ein paar Begriffe erklären.

My Rezensionen, my rules

1. Am Anfang jeder Rezension werde ich meinen Disclaimer-Post und diesen Post verlinken.

2. Gleich danach werde ich die Triggerwarnungen und ev. Content Notes einbauen. Da Triggerwarnungen aber auch Spoiler enthalten, werde ich sie so gestalten, dass ich [TW] schreibe und dann die Trigger dahinter in weißer Schrift, so dass ihr mit dem Mauspfeil drüber fahren und sie lesen könnt. Also so: [TW hier stehen dann die Triggerwarnungen, CN hier stehen dann die Content Notes].

Ich werde mit Sicherheit bei den Triggerwarnungen Fehler machen, Triggersituationen nicht erkennen, mich nicht daran erinnern, da ich nicht alle Anime nochmal anschauen kann. Ich bitte euch im Vornhinein um Verzeihung und nehme gerne Ergänzungen an.

3. Für jeden Anime gilt [CN ableistische Sprache]. Es gibt auch im Japanischen Bestrebungen, rassistische, sexistische, ableistische und klassistische Worte nicht mehr zu benutzen, was als “political correctness” oder “kotobagari” diffamiert wird. Dazu siehe diesen nicht sehr guten tvtropes-Artikel [CN ableistische Sprache], der gleichlautend mit dem Wikipediaartikel ist. Ich hab auch ein Buch gefunden, das näher auf “kotobagari” eingeht, nämlich “Linguistic Stereotyping and Minority Groups in Japan” von Nanette Gottlieb [CN N-Wort] aber muss es erst lesen. Wie das mit den diffizileren ableistischen Beleidigungen ist, weiß ich leider nicht.

Mit meiner [CN ableistische Sprache] meine ich aber die Untertitel, die Worte, die im Japanischen ableistisch sein könnten (ich weiß aber eben nicht, ob sie es auch sind) in definitiv ableistische Beleidigungen im Englischen übersetzen. Da ich nie Anime mit deutschen Untertiteln sehe, kann ich euch da nichts dazu sagen, aber ich vermute es ist ähnlich.

4. Spoiler. Ich werde eine Rezension immer mit einem spoilerfreien Teil beginnen, dann ein großes “HERE BE SPOILERS” darunter setzen und danach mit Spoilern weiterschreiben. Wenn ihr also die Spoiler nicht lesen wollt, hört dann auf und kommt später wieder.

5. Anime sind Produkte einer patriarchalen, hetero- und cissexistischen, ableistischen, klassistischen, rassistischen Gesellschaft (und noch ein paar andere ismen, aber für das befragt Japaner_innen* und/oder Japanolog_innen*). Sie sind nicht die heiß ersehnte Lösung für -ismen-freien Medienkonsum, sondern haben ihre eigenen Probleme. Meine Rezensionen sind Empfehlungen, kein Pflichtprogramm.

6. Für die Kommentare gilt, was allgemein für dieses Blog gilt: Kommentare werden moderiert, Hatespeech, persönliche Beleidigungen, Herrklärungen und Manpfehlungen werden gelöscht, außer ich möchte daran ein Exempel statuieren.

Die für mich wichtigsten Websites sind:

AniDB.net – Datenbank mit Angaben zu Anime. Name, “airing date” (wann der Anime zuerst gezeigt wurde), Kategorien, Schlagworte, kurze und lange Kritiken, Foren und vieles mehr sind hier an einem Ort versammelt. Um die Seite für reine Recherche zu benutzen, müsst ihr euch nicht anmelden.

Sehr praktisch an dieser Seite: Wenn ihr nicht wisst, was eine Kategorie bzw. ein Schlagwort bedeutet, fahrt mit dem Mauspfeil drüber und es wird eine Beschreibung angezeigt. Wenn euch eine Kategorie bzw. ein in den Schlagworten (tags) enthaltenes Gebiet besonders interessiert (in meinem Fall z.B. Geschichte), könnt ihr darauf klicken und erhaltet eine ganze Liste von damit getaggten Anime. Der wichtigste Filter ist “No synonyms”, da ihr sonst alle Titeleinträge in verschiedenen Sprachen zu einem Anime seht, was die Liste sehr verlängert. Der andere wichtige Filter ist “over 18” – je nachdem ob ihr bewusst Pornos vermeiden oder suchen wollt.

Ich benutze AniDB vor allem zur Recherche und um neue Anime zu entdecken, eben über die Kategorien und Schlagworte. Um zu verzeichnen, welche Anime ich bereits gesehen habe und welche ich noch sehen will, ist mir das System irgendwie zu komplex und zu unübersichtlich.

MyAnimeList – Hier erfasse ich die Anime, die ich bereits gesehen habe oder noch sehen möchte. Es gibt einige solche Plattformen, ich kann euch aber nicht sagen, welche die beste ist. Suchen könnt ihr wohl auf den meisten ohne Anmeldung, eure Anime bzw. Manga könnt ihr nur mit Anmeldung verzeichnen. Ich mag MyAnimeList wegen dem zurückhaltenden Design und der oft ausführlichen und hilfreichen Kritiken. Zusätzlich können dort auch gelesene/zu lesende Manga verzeichnet werden, nach Personen (Sprecher_innen, Regisseur_innen, etc.) kann gesucht werden, es gibt Foren, Gruppen und vieles mehr.

Auf dem persönlichen Profil können je fünf Lieblingsanime und -manga und zehn Lieblingscharaktere angegeben werden und dort kann gesehen werden, wieviel Lebenszeit schon mit dem Schauen von Anime verbracht wurde – wobei wiederholtes Sehen einer Serie nicht verzeichnet wird. Nein, ich sage euch nicht, wie ich dort heiße. *hust*

Grundbegriffe (nicht alphabetisch).

Solche Listen gibt es sicher 1000x im Internet, ihr könnt auch gerne googlen, ich will hier einfach auch noch meinen Senf dazugeben und ein paar für mich wichtige Dinge festlegen.

Medium:

Anime – animierte/Zeichentrick-Film oder Fernsehserie

Manga – japanischer Comic oder Comic im Manga-Stil.

Zielpublikum. Die meisten Anime richten sich an Jugendliche. Es gibt auch solche für die ganze Familie (heißt de facto für Kinder) und solche für ein älteres Publikum, aber die meisten Mainstreamanime richten sich an Jugendliche zwischen 12 und 16 und das wird deutlich am Alter der Protagonist_innen* und an den gängigen Szenarien sichtbar.

Allerdings lässt sich nicht immer auf den ersten (und manchmal nicht einmal auf den zweiten) Blick sagen, an welches Publikum eine Serie gerichtet ist. Zum Beispiel sind viele Serien mit rein weiblicher* Besetzung an ein männliches* Publikum gerichtet und einige der feministischsten Serien die ich kenne richten sich ebenfalls an ein männliches* Publikum (ja, Cismänner sind auch in Japan die Norm).

Für die Zielgruppen gibt es eigene Bezeichnungen:

Shoujo – bedeutet tatsächlich “Mädchen”. Diese Anime haben Mädchen bis ca. 16 als Zielgruppe, meistens spielen Liebe und Freundschaft eine wichtige Rolle und die Anime sind gerne in Pastellfarben gehalten, mit Glitzer-, Seifenblasen- und Blumeneffekten (hach!), aber nicht ausschließlich. Sailor Moon ist eins von vielen Beispielen.

Shounen – bedeutet “Junge”. Diese Anime sind *nicht* in Pastellfarben gehalten. Meistens geht es um Action, Konflikte, Kampf – Pokemon ist z.B. ein Shounen-Anime.

Josei – die Kategorie für “erwachsene” Frauen*, allerdings sehr elastisch, von 16 bis … hm. Ich habe erst sehr wenige Anime für Frauen über 30 gesehen, für Frauen* über 40 … bisher gar keine.Auch hier geht es stark um Liebe und Beziehungen, denn für alles andere gibt es die nächste Kategorie:

Seinen – die Kategorie für “erwachsene” Männer*, auch elastisch (ab 16/18 aufwärts). Die meisten Anime, die etwas ernstere Themen und Szenarien haben, fallen in diese Kategorie (Androzentrismus ahoi!). Viele Anime, die ich mir ansehe fallen in diese Kategorie. Aber wie bereits gesagt: Vom reinen Label kann nicht 100% auf den Inhalt geschlossen werden.

Mina/Minna – Anime für die ganze Familie, d.h. solche, die auch Kinder ansehen können

Struktur:

Saison – Es gibt vier Saisonen im Animejahr, die jeweils ca. 13 Wochen dauern. Winter (Beginn meist Anfang Januar), Frühling (Beginn meist im April), Sommer (Beginn meist Anfang Juli) und Herbst (Beginn meist Anfang Oktober). Gleichzeitig wende ich Saison auch an, um erste, zweite, etc. Saison eines Anime zu beschreiben.

EP (Episode) – Eine Animeepsiode ist meistens 25 Minuten lang. Es gibt auch Serien, deren Episoden 5 oder 10 Minuten lang sind und einer meiner räzenten Lieblingsanime wird jetzt in einstündigen Episoden nochmal gezeigt.

OP – Von “Opening” – die Introsequenz einer Serie, ziemlich garantiert mit Musik unterlegt. Standardmäßig dauern sie eineinhalb Minuten. Manchmal kommt davor ein kurzer Rückblick, manchmal schon eine erste Szene – manchmal fällt sie weg. Bei den älteren Serien kommt aber meistens erst die OP.

ED – Von “Ending” – der Abspann einer Serie, ebenfalls ziemlich garantiert mit Musik unterlegt. Danach folgt manchmal noch ein kurzer Sketch, eine wichtige Szene oder eine Vorschau auf die nächste Folge, die mehr oder weniger umfangreich sein kann. Fällt auch manchmal weg.

Gute OPs und EDs (musikalisch meine ich) können eine Serie für mich aus dem Pool der Vergesslichkeit retten und gute Serien noch besser machen.

Recap – Episoden, in denen bisherige Ereignisse zusammengefasst werden. Unendlich langweilig.

Filler – Besonders in langen Actionserien beliebt, Episoden in denen nichts geschieht, das die Hauptgeschichte weitertreibt. Oft ein Besuch am Meer.

Japanische Namen – Im Japanischen kommt der Nachname vor dem Vornamen und diese Schreibweise werde ich auch beibehalten. Wann wer wen mit Nachnamen plus verschiedenen Endungen angesprochen wird könnt ihr auf Wikipedia nachlesen.

Weitere Begriffe ergänze ich nach meinem eigenen Gefühl, ich empfehle ansonsten Google.

 

Beyond Sailormoon: Come ride the anime rainbow!

Aaaah, Anime. Sailormoon kennt ihr vielleicht, vielleicht auch Filme aus dem Studio Ghibli. Vielleicht kennt ihr Neon Genesis Evangelion, Ghost in the Shell oder Lady Oscar. Vielleicht kennt ihr noch viel mehr, vielleicht sagt euch der Begriff “Anime” auch überhaupt nichts. Anime sind japanische Animations-, also Zeichentrickfilme oder -fernsehserien. Manchmal basieren sie auf Manga – japanischen Comics, manchmal auf Büchern, manchmal auf Computerspielen. Es gibt viele, viele Anime und jede Saison kommen ca. 15-20 neue dazu. Und da will ich euch ein paar daraus vorstellen.

Disclaimer: Ich kann kein Japanisch. Durch langjähriges Schauen von Anime verstehe ich mittlerweile eine Anzahl von Worten, Regeln und Redewendungen, ich kann auch mit schrecklichem österreichischem Akzent ein paar Worte sagen, aber ich kann keine Sätze bilden, ich kann die Grammatik nicht. Ich kann keine der japanischen Schriften lesen. Ich habe auch nicht Japanologie studiert und war noch nie in Japan. Ich hätte gerne die Zeit für das alles – und vor allem die Zeit für ein gründliches Studium der japanischen Geschichte, aber tja. Später hoffentlich mal. Ich habe auch lange Anime nicht aus der kritischen feministischen Perspektive gesehen, aus der ich sie heute betrachte – und meine Perspektive ist noch dazu weiß, europäisch, bildungsbürgerlich und abled.

Soll heißen: Ich werde Fehler machen. Ich kann nicht alle kulturellen Codes decodieren. alle signifikanten Botschaften und Zitate mitbekommen und schon gar nicht einschätzen, ob hinter etwas politische Aussagen stehen oder nicht, außer sie sind wirklich sehr offensichtlich und selbst dann werde ich meistens nur sehr wenig davon verstehen. Ich kann daher und sowieso nicht garantieren, dass ich alle problematischen Aspekte, alle potentiell triggernden Situationen benennen kann. Dafür bitte ich euch gleich einmal vorneweg um Verzeihung.

Ich will und kann nicht jeden Anime nochmal schauen und tiefgehend analysieren (würde ich schon tun, allein die Zeit & das Geld fehlen), sondern vor allem meine persönliche Meinung zu Anime schreiben, euch erzählen, was ich an einem bestimmten Anime besonders mag oder nicht mag, aufschreiben, was mir aufgefallen ist, Theorien aufstellen – und mit euch darüber plaudern, manchmal länger, manchmal kürzer.

Angefangen mit dem Schauen von Anime habe ich in den frühen 90ern, als mein Bruder und ich bei unseren Nachbarn Fernsehen durften, zuhause hatten wir kein Gerät. Wir wussten damals nicht, was Anime waren und hielten z.B. “Perrine”, “Niklas, ein Junge aus Flandern” oder “Heidi” für französische Serien. Diese Serien befanden wir aber für langweilig und schauten lieber Cartoon Network. Nur an zwei Serien erinnere ich mich, die für mich bedeutend waren: “Sailormoon” (Ausstrahlungsbeginn Mitte der 90er) und noch viel mehr “Lady Oscar” (dazu später so viel mehr). Ein paar Folgen von “Ranma 1/2” sah ich auch, aber das war lange nicht so faszinierend.

Ich sah diese Serien aber nicht regelmäßig. Erst als ich 1998 für ein Jahr in die Schweiz ging und dort in eine WG zog, kam ich dazu, fast täglich Sailormoon zu schauen (und Buffy the Vampire Slayer). Mein Bruder schenkte mir damals den ersten Band des Sailormoonmangas und ich legte mir eine kleine Sammlung der damals erhältlichen Serien, die mir gefielen, an: Ranma 1/2 und Inuyasha (letzteres auf Englisch) von Takahashi Rumiko, Magic Knight Rayearth und Wish von CLAMP (ein Autorinnen*kollektiv), aber auch Dominion – Tank Police von Shirow Masamune, dem Schöpfer von Ghost in the Shell.

In den frühen Nullerjahren sah ich dann “Prinzessin Mononoke”, “Mein Nachbar Totoro”, “Grave of the Fireflies”, “Haibane Renmei” und die erste Version von “Full Metal Alchemist” mit meinem damaligen Freund. “Chihiros Reise ins Zauberland” sah ich dann in Wien im Kino, aber das blieben sporadische Erlebnisse. Schließlich gelangte ich an die restlichen Filme des Studio Ghibli und 2007 empfahl mir mein Bruder weitere Serien, über die ich mich weiter hantelte und meine Animewelt explodierte. Mittlerweile nenne ich meine Animeleidenschaft “The Anime Rainbow” und habe das Gefühl, ich bin etwa im letzten Drittel des für mich Sehenswerten angekommen. Aber wie gesagt, jede Saison kommen neue Serien heraus – und Überraschungen erlebe ich immer wieder. Es gibt also kein wirkliches Ende …

In einem separaten Post erkläre ich ein paar Regeln, z.B. zum Aufbau meiner Rezensionen (Triggerwarnungen, Spoiler und so) und ein paar Grundbegriffe. Ich mache das, damit ich diese zwei Posts dann immer verlinken kann.