Raus aus der Stadt

Gestern war ich in Garsten, beim Garstener Advent. Garsten liegt in Oberösterreich, bei Steyr und ich bin schon oft mit dem Zug durchgefahren auf dem Weg zur Sommerfrische bei der Königinmutter. Vom Zug gut sichtbar ist das riesige Stift, das seit 1851 ein Gefängnis ist, auch das ist vom Zug aus gut sichtbar. Bei der Einfahrt mit dem Auto wird es nicht weniger gruselig, nicht weil ich Angst vor den Insass_innen hätte, sondern weil Gefängnisse gewaltvolle, furchtbare Orte für Menschen sind. Auch wenn ich euch nun vom schönen Adventmarkt erzähle, mag ich das nicht ausblenden.

Jetzt aber zum schöneren Teil: In Garsten war ich mit einer ortskundigen Freundin unterwegs, die mir erst einmal die hübsche Bibliothek zeigte, denn aufgrund dieser hatten wir uns eigentlich kennengelernt. Ich habe in den Kinderbüchern gestöbert und gleich ein paar für meine nächsten Buchbesprechungen gefunden. Zuerst muss ich sie allerdings noch im System der Wiener Büchereien finden und in Ruhe nochmal anschauen.

Und dann gingen wir los. Zuerst in den Pfarrsaal, wo die handarbeitenden Garstner_innen Tisch um Tisch mit genähten, gestickten, gestrickten, gehäkelten und sonst noch gebastelten Sachen belegt hatten. Besonders beeindruckt war ich von den handgestrickten Trachtenzopfsocken, weil die unglaublich viel Arbeit sind. Später in der Volksschule, in der ebenfalls handgefertigte Dinge ausgestellt wurden, sah ich dann wohl eine der Sockenstrickerinnen am Spinnrad und hätte gerne mit ihr geredet, aber sie saß gleich bei einem Durchgang und war auch gerade in ein Gespräch vertieft.

Vom Pfarrsaal gingen wir dann auf den Markt hinaus, der den Ortskern in Beschlag nimmt und weitgehend frei von Autos ist. Der Fokus des Marktes liegt auf Handwerk und der Region, daher gab es viele Schauschmieden und einen Stand des Nationalparks Eisenwurzen. Vor der einen Schauschmiede gibt es ein Extrabrett für Kinder, damit die über die Brüstung des Standes schauen können. Auch werden traditionellerweise Baumstämme zu Balken zugehauen, aus denen dann Häuser bzw. Dachstühle für Kapellen etc. gemacht werden. Daneben gibt es eine große Vielfalt von Essensständen und die Luft duftet nach Maroni, Braterdäpfeln, Würsteln, Käse, Zuckerwatte, gebrannten Mandeln, Geselchtem, ach.

Auf dem Weg zum Bücherflohmarkt der Bibliothek und zur Volksschule kamen wir an einem Stand mit Alpakawolle und daraus gestrickten und gehäkelten Sachen vorbei, die auch drei Alpakas in einem Gehege hatten, die gestreichelt werden konnten. Sie mäh-määähten eher jämmerlich und taten mir leid. Alpakawolle streicheln ja bitte, Alpakas selber bitte auf der Weide lassen. Möh.

Gleich danach gingen wir durch eine Passage und dort war ein Stand mit Sachen aus Porzellan und Keramik, die mir ins Auge fielen.  Später besuchten wir den Stand noch einmal und ich plauderte mit der Frau, die ihn betrieb. Ich wollte eine Visitenkarte oder die URL ihrer Website, um zu sagen, woher ich die schönen Sachen hatte – hatte sie aber beides nicht. Dafür hat sie einen Brennofen auf dem Balkon, den sie allerdings nur betreiben kann, wenn es draußen warm ist, da die Balkontür für das Starkstromkabel offen bleiben muss.

Ich fand das cool. Gerade kürzlich hatte ich darüber nachgedacht, dass ich zwar viele Ideen für alles Mögliche habe, die ich aber selten und meist erst später ausführe und gleichzeitig Zweifel daran habe, ob die überhaupt so toll werden, wie ich mir das denke und ob die überhaupt Anklang finden und hier war eine Person, die einfach ihr Ding machte, ihre Ideen ausführte und die vor allem eines nicht wollte: Dass es zu ihrer Arbeit wurde. Ich sollte mir sie zum Vorbild nehmen, so wie ich gerade mit meinem Strickzeug hadere, weil ich wieder einmal viel zu viele Sachen für andere Leute geplant habe und mir damit unnötig Druck mache. Ich hätte jedenfalls gerne fast ihren gesamten Stand mitgenommen – auch ihre Schüsseln waren wunderschön, aber ihre feinen Porzellan- und Keramikanhänger und -schmuckstücke gefielen mir am Besten.

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Als nächstes wanderten wir durch die Volksschule. Viele der Aussteller_innen arbeiteten an weiteren Stücken – Keksausstechern, Wanderstäben, Glaskugeln, etc. Besonders gefallen haben mir die Glasmalerin, die Weihnachtskugeln mit Namen und Mustern bemalte und beglitzerte und der Stand der Blaudruckerei Wagner, einer der zwei Blaudruckereien in Österreich. Diese Druckerei ist im Mühlviertel und druckt auch zweifärbig. Die andere ist die Blaudruckerei Koo im Burgenland, über die ich schon einmal geschrieben habe. Aber es gab noch eine Menge anderer erstaunlicher Dinge, kunstvoll bemalte Lebkuchen, gedrechselte Holzschüsseln, Kugeln und Kreisel, “Explosionsboxen” – Papierschachteln, die beim Abnehmen des Deckels auseinanderfielen und ihr Innenleben preisgaben, z.B. ein Backherd mit Keksen im Lebkuchenhaus, gewebte Teppiche, gefilzte Hüte und Kleidung, Reisigbesen …

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Danach gingen wir in die Stiftskirche, die mir sehr bekannt vorkam, irgendwo hatte ich kürzlich eine Kirche mit ähnlichen barocken Verzierungen gesehen, aber mir fällt immer noch nicht ein, wo genau. Jedenfalls hat sie eine sehr schöne Tür und einen Altar, der mit getriebenem Silber verziert ist, umwerfend.

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Auch die Altarsäulen sind fantastisch, mit den kleinen Figuren auf den Ranken. Leider wollte die Smartphonekameras sie nicht so gut aufnehmen.

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Danach wanderten wir dann in die Neue Mittelschule, in der immer die Fotoausstellung des örtlichen Naturfreunde-Fotoclubs stattfindet. Dort waren auch Weihnachtsbäume zu sehen, die von verschiedenen örtlichen Volksschulen und Klassen der neuen Mittelschule geschmückt worden waren. Besonders gefielen mir der Duftbaum, der Wollbaum und der Recyclingbaum.

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Duftbaum der Volksschule Garsten

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“Wir arbeiten mit Filz” – Baum der Volksschule Aschach/Steyr

“Das Christkind liebt Recycling” – Neue Mittelschule Garsten

Schon beim Durchwandern und jetzt beim Schreiben nochmal wurde für mich überall die viele Arbeit sichtbar, die hinter dem Adventmarkt steckt. Wie viele Stunden saßen die Personen, die den Pfarrsaal mit Selbstgemachtem gefüllt hatten? Wer schmückte die Weihnachtsbäume, die in der Volksschule und anderswo standen? Wer machte die Torten für das Goldhaubenkaffee? Wieviele Leute da für Betreuung der Stände und Ausstellungen aus dem Ort organisiert waren – dank meiner Freundin blieben sie nicht irgendwelche Menschen, sondern ihre Verwandten, Kolleg_innen, Freund_innen. Die Musiker_innen, die sich hinsetzten und spielten, die Aussteller_innen, die an ihren Stücken arbeiteten, die Lehrer_innen und Kinder, die die Weihnachtsbäume vorbereiteten. Und dann noch die Menschen in der Vergangenheit – die, die die vielen lustigen und schönen Teile des Altars in der Stiftskirche fertigten, die Tür mit ihren Verzierungen schmiedeten, die Kirche renovierten und die Menschen, die unter den Nazis zum Bau der Staukraftwerke entlang der Enns gezwungen wurden …

Irgendwie finde ich, dass der Adventmarkt viele Spannungsfelder sichtbar machte. Die Gratwanderung zwischen Traditionalismus, Konservativismus, Tradition, regionalem Leben, Ortsleben und seine Erhaltung, den Stellenwert und die heutigen Umstände von Handarbeit und Handwerk, die Geschichte und Strukturen, die allem unterliegen und uns alle umgeben – drum war der Garstener Adventmarkt für mich nicht nur einfach “Yay, Weihnachten”-schön, sondern unglaublich spannend.

 

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Schwerer Vater

[#CN Tod eines Elternteils]

Es ist die Leichtigkeit, die ich vermisse. Die Leichtigkeit meines Vaters. Wann hat er die verloren? Wann wurde jedes Gespräch mit ihm schwer, so schwer, so belastend, dass ich den Gesprächen versuchte auszuweichen, wie es nur ging, so dass wir keine erwachsenen Gespräche führten, sondern bis zu seinem Tod Elter und Kind waren? Ich packe die Dessertschälchen ein, die einen Strahlenkranz wie eine Sonnenblume eingeschliffen hatten. Von diesen und anderen aßen wir damals manchmal geschlagenen Schlagobers mit Ovomaltine und mein Vater klaute uns jeweils einen Löffel. Ich finde vier Tässchen von unterschiedlichen Firmen, die aber doch alle zusammenpassen als hätte sie ein Hipsterdesignlabel lanciert (Vater, Hipster avant Hipsters, auch mit seinem Fahrrad, allem!). Sie sind femmetastisch, zierliche Ranken, Blüten, wunderschön, ungeheuer twee, schreien nach einem Fotoshooting, wie es klischeehafter nicht sein könnte. Sie sind lustig und mein Vater hat sie so ausgesucht, als er noch lustig war.

Drei Bananenschachteln mit Fotos, Negativen, Dias, mein Bruder und ich quietschen über Babybilder unserer Cousin_en, über die jungen Erwachsenen, die uns seit unserer Geburt begleitet haben, lachen über unseren Vater mit seinem merkwürdigen Sonnenhut, der schon damals nicht cool war und es nie sein wird. Ein Fotoalbum mit Architekturdetails, Porträtfotos – ein tumblr, Instagramaccount, Fotoblog. Fotos unserer Wohnung, in der genug Platz war für die Dinge, die wir nun friedlich untereinander aufteilen und für 10.000 andere, längst verschwundene Dinge. Es lohnt sich nicht, darum zu streiten, lieber zerbreche ich alles in klitzekleine Scherben als darüber meinen Bruder zu verlieren.

Die kleine Teekanne, angerostet, ich habe sie damals nicht gefunden und dachte, ich hätte sie verschenkt. Schwindel von zu wenig Schlaf, Hitze, dem andauernden Bücken nach noch einem Glas, das aus- und wieder eingewickelt wird. Mir schwimmt der Kopf.

Später schmuse ich den Kater ab, seit Mai hab ich ihn nicht gesehen und am nächsten Tag gleich nochmal. Da heule ich auch, denn zwischen den vielen Fotos finde ich die Grabrede wieder, die ein Freund meines Vaters hielt und die Erinnerungen. Fotos meines gerade verstorbenen Großvaters. Von meinem Vater gibt es von diesem Zeitpunkt keine Fotos. Eine erste Verfügung meines Vaters vor seiner allerersten Chemotherapie. Er hat sich so gewünscht, in einer Nische nahe seiner Eltern beigesetzt zu werden und jetzt wird ihre Urnennische aufgelöst, die Zeit ist abgelaufen. Dann ist er allein. Darüber auch heulen.

Noch mehr Kinderfotos, eine ganze Fotoreihe mit meiner Familie auf einem Sessel, der schon längst verkauft ist. Mein Vater, meine Mutter, ich, ein halbes Jahr alt, meine Großmutter, mein Onkel, mein Cousin, meine Tante. Die Fotografie von mir mit meiner Patentante, das lange bei den anderen Bildern hing und nun wieder bei mir hängen soll. Eine Fotoserie mit meinem Bruder und mir, ich spiele mit unserer damaligen Familienkatze, die fast so groß ist wie ich.

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Wie wird aus dem schweren Vater ein leichter? Wie wird aus dem schweren Herzen ein leichtes?

Authentizität, Präsenz, Absenz – Gedanken am Ende der Retrospektive

#CN graphische Beschreibungen

Gestern Abend ging die Retrospektive “Bilder der Befreiung – Liberation Footage – Atrocity Pictures” im Österreichischen Filmmuseum zu Ende, mit Nürnberg-Beweisfilmen, also einigen, die beim Prozess in Nürnberg Ende 1945 und Anfang 1946 gezeigt wurden. Der erste, “Nazi Concentration Camps” wurde von den Amerikanern erstellt und enthielt sehr viele Szenen, die ich jetzt schon zum dritten oder vierten Mal gesehen habe. Der Film war mit einer Narration unterlegt, die kurioserweise genau aussetzte, als es um die KZs in Mauthausen und Ebensee ging (ich hätte gerne das Diskussionspanel dazu gefragt), aber ich konnte sie ohne Probleme identifizieren.

Dann wurde der Film gezeigt, den die Sowjetunion für ihren Teil des Prozesses gestaltet hatte: Kinodokumenty o zverstvach nemecko-fašistskich zachvatčikov (Die von den deutsch-faschistischen Invasoren in der UdSSR verübten Gräueltaten). Auch in ihm waren Szenen enthalten, die ich in dem Film German Concentration Camps Factual Survey bereits gesehen hatte, aber die anderen Szenen waren komplett neu und entsetzlich. Ich hätte nicht gedacht, dass die anderen Filme an Grauenhaftigkeit noch überboten werden können, aber doch, ja. Vielleicht lag es auch am “Neuigkeitseffekt” und an der anderen Herangehensweise: In fast allen gezeigten amerikanischen und britischen Filmen blieben die Toten und die Überlebenden anonym.  Im sowjetischen Film bekamen sie Namen, Familien, Geschichten.

Hier wurde die ganze Breite der Verbrechen der Nazis in der Sowjetunion gezeigt – wahlloses Töten von Menschen in Städten und Dörfern, gezielte Ermordung von Bevölkerungen ganzer Orte, Exhumierungen von Massengräbern überall, Babi Jar, Majdanek, Ausschwitz, Entwicklung und Parallelität der Tötungsmethoden von Erschießungen zu den Gaswagen zum industrialisierten Massenmord. Toby Haggith, Leiter des Restaurationsprojektes des Factual-Survey-Films meinte am Sonntag, die sowjetischen Aufnahmen von Majdanek und Auschwitz seien abstrakter und weniger verstörend – mag sein. Vor lauter Leichen und Skeletten ist mir das gar nicht aufgefallen.

Nach diesem Film folgte eine Podiumsdiskussion, zwei Frauen*, drei Männer*, ein Moderator. Eigentlich hätte Toby Haggith noch einen weiteren Beweismittelfilm – den der Briten aus dem Bergen-Belsen-Prozess – zeigen und dazu etwas sagen sollen, aber er selbst war von dem sowjetischen Film so verstört (obwohl er ihn sicher bereits gesehen hatte), dass er beschloss, ihn nicht zu zeigen. Eine gute Entscheidung, fand ich. Jede Vorstellung in der Retrospektive hätte eigentlich so wie die allererste Vorstellung des Factual-Survey-Films auch einer Diskussion danach bedurft, einfach nur, um damit zurechtzukommen – aber der sowjetische Film hätte ganz dringend einer bedurft.

Doch zu einer guten Diskussion kam es nicht. Jeremy Hicks hatte den sowjetischen Film sehr tendenzös vorgestellt und stark betont, dass Teile davon vorher in Propagandafilmen verwendet wurden, dass nicht alles faktisch korrekt war, dass rekonstruierte Szenen nicht als solche ausgewiesen wurden und dass vor allem die sowjetischen Opfer des Holocaust benannt und die jüdischen Opfer nur einmal am Rande erwähnt wurden. Für mich war der Film allerdings so heftig, dass ich diese Abgrenzungen gar nicht im Kopf behalten konnte. Hicks wurde dafür in der Diskussion kritisiert, aber das führte dazu, dass mehr darüber gesprochen wurde, was “Propaganda” jetzt bedeutet (die britischen & amerikanischen Filme sind auch Propaganda) und wie es sich mit Rekonstruktionen verhält (eh ok).

Die teilnehmenden Forscherinnen*, Leslie Swift, Archivarin* am United States Holocaust Museum, und Ulrike Weckel, Professorin für Fachjournalistik Geschichte an der Universität Gießen, kamen kaum zu Wort bzw. wurde ihnen ins Wort gefallen. Der Moderator redete gerne und viel und bei den Fragen aus dem Publikum wurden die Personen berücksichtigt, die ohnehin Zugang zu den Forscher_innen hatten – der Kurator* der Retrospektive, Ingo Zechner, und der Direktor* des Filmmuseums, Alexander Horwath.

Schade, denn am Anfang der Diskussion ging es um Präsenz und Absenz. Aus der Frage, wie weit diese Filme überhaupt als Beweismittel für die Verbrechen der Nazis dienen können entstand der Einwurf, dass viele der damals gefilmten Orte, Gebäude, etc. heute nur in Rekonstruktionen oder gar nicht erhalten sind – die Filme sind nun also Beweismittel für ihre damalige Präsenz und Authentizität und ihre heutige Absenz und die Authentizität der Rekonstruktionen. Und da ich mir schon seit Dienstag Gedanken über genau diese drei Begriffe – Präsenz, Absenz und Authentizität – mache und diese bei der Podiumsdiskussion nicht anbringen konnte (Grrrr!) mag ich sie hier noch ein wenig ausführen.

Ich habe also seit Sonntag eine Menge Filme gesehen. Auch wenn sich die Bilder oft wiederholten, da dieselben Szenen immer wieder verwendet wurden, waren sie doch in sehr unterschiedliche Kontexte eingebettet, die jeweils eine andere Auswirkung auf die Bilder hatten. Welche Auswirkungen das waren und wie sich die Filme voneinander unterschieden und was das (für mich) bedeutete, wurde mir erst mit diesem sich in Schichten überlagerndem Sehen klar.

Der Film am Sonntag – German Concentration Camps Factual Survey – war mit seiner Nüchternheit eine gute Grundlage für die darauf folgenden Filme. Die Art, wie er gezeigt wurde, mit einer Einführung und anschließenden Diskussion, die darauf abzielte, das Publikum mit den belastenden Bildern nicht allein zu lassen, war sehr angenehm.

Filme am Montag: Der Staff Film Report zeigte, wie eine Masse an Informationen straff und mit wenig Pathos vermittelt wurde – und mit welchem Aufwand die höheren Offiziere der US-Armee mit Informationen versorgt wurden. (Oh Rezeptionsgeschichte, bist du hier schon zu spät dran? Ich hätte ein paar Fragen.) Die Newsreels und Reedukations/Aufklärungsfilme zeigten, wie die Berichte über die befreiten Konzentrationslager die amerikanische und zum Teil die deutschsprachige Öffentlichkeit erreichten (wobei z.B. Bilder aus Majdanek und Berichte über Auschwitz schon 1944 bekannt wurden) und wie wichtig und stimmig der nüchterne Ton und Entscheidung gegen Filmmusik des Factual-Survey-Films war.

Die privaten Filme der Regisseure George Stevens und Sam Fuller hatten für mich zwei interessante Aspekte. Einerseits natürlich die Farbaufnahmen von Stevens und die Darstellung des Begräbnisrituals in Fullers Film – und andererseits den Gedanken, dass die Art, wie ich meinen Social-Media-Auftritt kuratiere (und ich würde sagen, viele andere auch) nicht neu ist, sondern, mit etwas Forschung, sicher schon einige Zeit in die Menschheitsgeschichte zurückverfolgt werden kann. Vielleicht erscheint das als ein “No na”-Schluss bzw. ist es eher umgekehrt: Social-Media-Verhalten baut auf schon dagewesenen, tradierten Verhaltensweisen (Codes, Tropen, etc.) auf, nur auf einer anderen Plattform (die Medien sind dieselben: Schrift, Fotografie, Zeichnungen, Film), nur wird das selten sichtbar.

Über Sam Fullers Film “The Big Red One“, den ich am Dienstag in der rekonstruierten Version gesehen habe, hätte ich gerne mit den Teilnehmer_innen der Diskussion gesprochen. Er hat mir – wie auch Fullers Amateuraufnahmen – nicht sehr zugesagt, obwohl viele Szenen durchaus eindrücklich sind. Der Film hat mich aber zu Überlegungen gebracht, was eigentlich der Zweck von Kriegsfilmen ist (Propaganda), dass die zensierten, geglätteten Kriegsfilme (sowohl alte als auch neue wie “Saving Private Ryan” oder “Band of Brothers”) auch ein weißes, heterosexuelles, cis-weibliches Publikum ansprechen sollen, während “The Big Red One” und ähnliche Filme (zu denen ich z.B. “Inglorious Basterds” zählen würde) definitiv nicht für dieses Publikum gedacht sind. Aber ist The Big Red One authentischer? Oder ist das Fullers persönlicher Stil?

Am Mittwoch ging es dann zunächst um die Kameramänner* des US Army Signal Corps, die viele der Aufnahmen, die in der Retrospektive gezeigt wurden, anfertigten und um die Filme, die sie von den KZ-Befreiungen aufnahmen, nur diesmal ohne Narration, ja, ohne Ton, ohne nachträglichen Schnitt. Von da stammen also die Bilder, die dann in den unterschiedlichsten Kontexten weiterverwendet wurden. Das Special Film Project 186 der US Army Air Force, das den Krieg in Farbfilm verewigen sollte, zeigt zum Teil dieselben Motive, zum Teil ganz neue, die erst durch die Farbe richtig identifizierbar werden. Bei einer Hochzeit in Frankreich in Farbe, auf den übergebliebenen Filmresten, bekommen die Kameramänner* für die Forschung endlich Gesichter.

Die danach gezeigten Farbaufnahmen Arthur Zegarts vom KZ Ebensee verstärken noch die Dissonanz der schon gesehenen Schwarz-Weiß-Bilder von den Alpen hinter dem Stacheldraht. Fröhliche Menschen in Lederhose und Dirndl, ein Gasthaus “Zum Tiroler”, Kirchen, Seen, Idylle. Eine Baumallee. Sie führt zum KZ-Eingang. Später werden ihr entlang die Toten bestattet. Hier werden die jüdischen Toten endlich sichtbar: Statt unter den bisher in den Filmen ubiquitären Holzkreuzen werden sie unter Holzdavidsternen bestattet. Weil dieser Film nicht offizielles Beweismittel ist, rückt er den Menschen nicht so ganz nah, sondern betrachtet sie respektvoll. Das Bild der nunmehr schön grün-grau-weißen Berge und dem blauen Himmel hinter dem elektrischen Stacheldrahtzaun bleibt grausig. (Neben mir sitzt ein Schriftsteller, der meinem Vater unglaublich ähnlich sieht und für seine Gedichte, die oft mit Bergen zu tun haben bekannt ist. Er wohnt auf der Alm. Er murmelt die Namen der Berge, die er im Film sieht. Was denkt er?)

Schließlich werden Amateur_innenfilme gezeigt. Sie zeigen nun die Präsenz von Menschen, die in den Hollywoodkriegsfilmen und in vielen der bisher gezeigten Filme absent sind: Schwarze Krankenwagenfahrer* und weibliches* medizinisches Personal. Ob es Untersuchungen zu Schwarzen Angehörigen der US-Armee und ihren Erinnerungen an den Holocaust gibt? (Hier eine Bibliographie des United States Holocaust Memorial Museum und hier ein Interview mit Floyd Dade, Angehöriger des 761st Tank Battalion, das das KZ-Außenlager Gunskirchen in Oberösterreich befreite.)

Wie Toby Haggith am Sonntag sagte: Factual Survey zeigt sehr viele Frauen*: Tote, Überlebende, Täterinnen*, Lastwagen- und Krankenwagenfahrerinnen*, medizinisches Personal. In den Aufnahmen von Beatrice Wachter, die in Feldspitälern arbeitete, tauchen sie wieder auf: Es sind schließlich sie und ihre Freundinnen*, die Schneeballschlachten veranstalten, in die Schweiz auf Besichtigungstour fahren, zum Appell antreten, 30, 40 Frauen*, die da in ihren Uniformen stehen.

Die Bilder aus Dachau in den Amateur_innenfilmen sind sich größtenteils so ähnlich, dass es fast scheint, als wären sie alle zur gleichen Zeit dort gewesen. Wurde einfach alles verfügbare medizinische Personal, das sich in der Gegend befand, nach Dachau gerufen? Aber es gibt auch Unterschiede: Plötzlich ist da eine Musikkapelle. Wo kommt sie her? Diese Gleichzeitigkeit wirft Fragen auf: Wie lange hat das Begraben aller Toten gedauert? Wie lange sind sie vorher noch dort gelegen, wo sie gefunden wurden? Was ist eigentlich mit der Kleidung, den Schuhen, den Haaren, den Brillen, etc., die den Menschen in den KZs geraubt wurden nach der Befreiung geschehen? Sind die jetzt alle in einem Museum? Wurden sie weiterverwendet? Wurden sie begraben?

Aus den vielen sich wiederholenden Bildern wurde am Donnerstag Beweismittel: Gegen KZ-Kommandaten*, gegen die SS, gegen die Hauptangeklagten. Die Prozessberichterstattung fand damals vor allem spannend, wie die Angeklagten auf den “Nazi Concentration Camps”-Film reagieren. Als der sowjetische Film gezeigt wird, ist die internationale Presse bereits größtenteils abgereist. Er gerät in Vergessenheit, wie vieles, was ich in den vergangenen Tagen gesehen habe. Sollte es nicht. Heute ist der 8. Mai, VE-Day, Tag der Befreiung. 70 Jahre ist das Ende des 2. Weltkrieges in Europa her und doch ist antifaschistisches Engagement in diesen Tagen wichtiger denn je. Nach dieser Retrospektive scheint mir das noch unglaublicher und schrecklicher.

This film is secret. Newsreels, reeducation, Hollywood amateurs

#CN graphische Beschreibungen

Eine Doppelvorstellung, wieder mit kurzen einführenden Vorträgen vor den Filmen, aber ohne ausleitender Fragesession. Diesmal sind es kurze Filme, die im April und Mai 1945 entstehen, ganz unterschiedlicher Art.

Erste Vorstellung: Newsreels and Reeducation. Den Auftakt macht einer der US-Amerikanischen “Staff Film Reports”, kurze Filme, die einen Überblick über die Geschehnisse an den verschiedenen Kriegsschauplätzen bieten. Das Zielpublikum sind höhere Offiziere, sie dienen der Strategieformulierung – und sie sind geheim. Jede Kriegswoche werden zehntausende Meter Film aus der ganzen Welt zu wenigen tausend Metern zusammengeschnitten, mit Musik unterlegt, Narration wird verfasst und eingefügt – was für eine Arbeit!

Die Bilder aus den befreiten KZs sind hier nur eine Sequenz unter vielen. Zuerst wird ein Ausschnitt über die KZs gezeigt, dann ein ganzer Film, Nummer 53. Viele der Bilder kamen bereits im gestrigen Film vor, der sich auf eine Vielzahl von Materialien stützte. Im Staff Film Report Nr. 53 geht es um den Kampf gegen Japan auf Okinawa, Iwo Jima, einem Betonklotz vor Manila, Befreiung eines französischen Offizierslagers, in dem die Männer teilweise seit 1940 inhaftiert waren, die französische Flagge wird neben der amerikanischen gehisst. Dann folgen Sequenzen aus den befreiten KZs, dann Szenen der Befreiung von Bologna, dann von der konstituierenden UN-Konferenz in San Francisco.

Da sich zwischen diesem Film und den folgenden Newsreels so viele Szenen wiederholen, weiß ich nicht mehr ganz was in welchem Film gezeigt wird. Die Newsreels mit Narration von Ed Herlihy zielen auf Sensation ab – don’t look away! Es gilt, sich den grauenhaften Bildern zu stellen. Eisenhower beim Besuch im KZ Ohrdruf – er selbst wollte KZs besuchen, um Zeuge zu werden und später Zeugnis ablegen zu können. Er veranlasste auch aus demselben Grund, dass Delegationen von Geistlichen (Erzbischof von Canterbury) und Politikern die befreiten KZs besuchen. Was haben eigentlich diese Newsreel-Sequenzen mit der amerikanischen Bevölkerung gemacht?

Am Ende der ersten Vorstellung wird der Film “Death Mills” gezeigt – es gibt auch eine deutsche und eine jiddische Version. In dem ganzen Film wird kein einziges Mal erwähnt, dass vor allem Jüd_innen vom Morden der Nazis betroffen waren, stattdessen Kreuzsymbolik noch und nöcher. Dieser Film sollte ähnlichen Zwecken dienen wie der gestrige Film, “Memory of the Camps”, aber es dauerte einige Zeit, bis er im Jänner 1946 erschien. Wie gut Memory of the Camps konzipiert und restauriert wurde, zeigt sich durch den Kontrast mit diesem Film – hier gibt es dramatische Narration und fast pausenlos dramatische, schlechte Musik, viel weniger Frauen. Besonders erfolgreich war er nicht in seiner Mission.

Zweite Vorstellung: Hollywood-Amateure. Der Regisseur George C. Stevens meldet sich 1943 zum US Army Signal Corps und filmt, filmt, filmt. Neben den offiziellen Filmen macht er auch private Farbfilme mit einer 16mm-Kamera – ein solcher wird an diesem Abend gezeigt. Er ist einem Twitter- oder anderem Social Media-Feed vergleichbar oder diesem Blog. Kurze Szenen, Details, dann längere dokumentarische Sequenzen. Aus einem Transportlastwagen werden Zigarrenstummel geschaufelt, es ist ein größerer Haufen, ich bin baff und belustigt. So viele Zigarren!

Aufnahmen von Kampfslogans auf Jeeps, fröhliche Grillerei irgendwo, dann ein Schnitt, so rapide und brutal, wie selten ein Schnitt – Dachau. In Farbe. Noch obszöner. Noch grauenhafter. Leichen im Schnee. Der Kontrast zwischen Haut und Schnee. Die Augenfarben werden erkennbar. Die Uniformen haben nun Farben – hellgrau-blau gestreift, dunkelgraublau, armybraun. Die Flaggen der Nationalitäten in Dachau (hier sind exakt die Bilder bzw. Videoausschnitte zu sehen). Einige erkenne ich, bei anderen bin ich ratlos. Dann Schnitt. Am Ende wieder Grillen und Baden in der Salzach oder irgendeinem See. Der Kontrast zwischen den nackten, ausgemergelten Leichen und Körper der KZ-Insassen und den badenden Amerikanern. Später entsteht aus seinen offiziellen Farbfilmaufnahmen “D-Day to Berlin”, den ich bereits gesehen, aber anscheinend wieder vergessen habe – ich muss also seine Aufnahmen aus Dachau schon kennen, aber manchmal löscht mein Kopf Dinge (Nebeneffekt von Depression).

Darauf folgen Sam Fullers Filmaufnahmen, auch mit einer 16mm-Kamera gemacht, die ihm seine Mutter geschickt hat. Derselbe Mix aus dokumentarischen Sequenzen und Momentaufnahmen, manche davon in Farbe. Die Aufnahmen Fullers aus dem KZ-Außenlager Falkenau (heute Sokolov in Tschechien) hat er selbst geschnitten, sie erzählen eine Geschichte. Leichen aus dem KZ werden mit frischer Kleidung angezogen (von den Bewohnern Falkenaus, die, obwohl sich das KZ in Sichtweite des Ortes befand, beteuerten, sie hätten nichts gewusst), sie werden auf weiße Leintücher gelegt, es wird eine Ansprache gehalten (im Beisein der Überlebenden), dann werden sie durch den Ort zum Friedhof transportiert, wo sie bestattet werden, mit weißen Leintüchern bedeckt.

Danach … Aufnahmen von Bonn, lächelnde Frauen, ein Unterhaltungsabend mit einer tanzenden Frau und einem Jongleur, noch mehr lächelnde Frauen, die ihre Röcke heben, ein schwer verletzter deutscher Soldat, der versorgt wird, eine Frau im roten Kleid mit Plateauschuhen, eine Stadt in Belgien? Dazwischen amerikanische Soldaten, Freunde Fullers, die mit Waffen und Hakenkreuzfahnen posieren. Oft zielen sie mit den Waffen direkt in die Kamera, wir schauen in den Lauf und ich denke an phallische Bildersprache. Volleyballspiele. Aufräumarbeiten.

War bei den vorigen Filmen der Ton oft zu viel, fehlt er bei den Amateuraufnahmen gänzlich, was besonders bei Fullers späteren Aufnahmen immer schwieriger wird. Die gänzliche Absenz von Ton ist schwer aushaltbar. Der Kontrast in der Praxis zwischen Stevens und Fuller ist offensichtlich, besonders bei der Kameraführung. Morgen wird Fullers Film über seine Kriegserlebnisse – “The Big Red One” – gezeigt, ich bin gespannt, wieviel er aus seinen Aufnahmen übernommen hat und ob er ihren Stil auch übernommen hat. Fast allen Filmen der zwei Vorstellungen ist gemeinsam, dass die Aufnahmen der Befreiung der KZs eine Sequenz, ein Detail unter vielen sind, aber sie sind nicht beiläufig. Und sie wirken nach: Sam Fuller wird vom Amateur zum Filmschaffenden. Die Aufnahmen, die George Stevens von der Befreiung Dachaus und anderer KZs macht, verändern ihn nachhaltig. Er kann nicht darüber reden, weiß nicht, wie er darüber reden soll. Er dreht keinen lustigen Film mehr.

Memory of the Camps. German Concentration Camps Factual Survey

#CN graphische Beschreibungen

Im Österreichischen Filmmuseum läuft gerade eine sehr kleine Retrospektive von Filmen, die bei bzw. über die Befreiung der Konzentrationslager aufgenommen wurden, unter dem Titel “Bilder der Befreiung – Liberation Footage – Atrocity Pictures“, begleitend zu einer Konferenz. Heute war der erste Film zu sehen, “Memory of the Camps. German Concentration Camps Factual Survey“. Der Film ist insofern speziell, als er noch im April 1945 konzipiert und danach teilweise ausgeführt wurde – es gibt die Aufnahmen, ein Skript, das sie zusammenstellt, eine schriftliche Narration – aber er wurde nie geschnitten, nie fertiggestellt. Die Aufnahmen landeten im Imperial War Museum in London (mehr zum Film auf der dortigen Website).

2008 wurden die Aufnahmen erstmals in Wien gezeigt, seit einiger Zeit arbeitete das Museum an der Fertigstellung – und zur Berlinale 2014 wurde der fertiggestellte Film erstmals gezeigt. Es zeigte sich aber, dass der Film einer Einführung und einer Nachbereitung bedurfte, die nun eingefügt wurden – wobei die Nachbereitung nicht gezeigt wurde, da der Leiter des Projekts, Toby Haggith, im Filmmuseum für Fragen anwesend war. Der Film sollte *der* Film sein, der der deutschsprachigen Bevölkerung ihre Verbrechen vor Augen halten sollte, aber das wurde so dringend priorisiert, dass Newsreels und Rohaufnahmen verwendet wurden – und zum Teil wurde die Bevölkerung von Städten und Dörfern nahe der KZs auch in die KZs geführt bzw. musste Leichen begraben. Der Film kam also zu spät, deshalb verschwand er in der Versenkung.

“Memory of the Camps” ist sehr nüchtern, aber sehr graphisch. Er ist erst ab 18 Jahren freigegeben, weil die Kameras wirklich ganz genau auf die Leichenberge halten, ganz genau dokumentieren, wie die SS-Männer und -Frauen in Bergen-Belsen einzelne Leichen zu den Massengräbern schleppen. Egal wieviele verrottende Leichen ich bei irgendwelchen CSI- und CSI-ähnlichen Serien, in  Holocaust- und Kriegsfilmen bzw. -comics, auf Fotos oder sonstwo gesehen habe, diese hier sind echt, riesig auf der Kinoleinwand und noch so nahe am Leben, was alles nur noch entsetzlicher macht.

Als Grund für die genaue Dokumentation, die unzähligen Nahaufnahmen erklärte Toby Haggith (Leiter des Restaurationsprojekts), dass die Alliierten zuvor in Italien und Belgien zwar Lager gefunden hätten, Folterkammern, Folterinstrumente, aber keine Leichen. Hier waren sie nun, Beweise für die Verbrechen der Nazis. Die Aufnahmen der Roten Armee sind angeblich abstrakter und weniger verstörend, da die Menschen in Auschwitz und Majdanek von den Nazis auf Todesmärsche gezwungen wurden und die Nazis versuchten, die Krematorien und anderen Spuren des Holocaust zu vernichten, was ihnen aber nur teilweise gelang. Das werde ich in den nächsten Tagen überprüfen können.

Verwendet wurden Aufnahmen aus Bergen-Belsen, Buchenwald, Dachau, Auschwitz, Majdanek, Ebensee und Mauthausen – und gezeigt werden sollte der Film auch in Österreich, daher die Erwähnung dieser beiden letzten Lager. Im April 1945 konnte sich Österreich noch nicht ganz so überzeugend als “erstes Opfer” gerieren. In den letzten Jahren wurde im öffentlichen Diskurs über die KZ-Bordelle für die SS und bevorzugte Häftlinge gesprochen, die aus der Erinnerung_skultur ausgespart wurden – hier in diesem Film werden sie erwähnt. Überhaupt fokussiert dieser Film stark auf die Frauen, anscheinend im Gegensatz zu anderen Filmen in der Retrospektive.

Das Imperial War Museum hat sich entschieden, den Film so zu produzieren, wie er geplant war, mit dem Originaltext, ohne Korrekturen und ohne zusätzliche Erklärungen. Also sind manche Fakten Fakten von 1945/46 (genaue Zahlen z.B.) und auch die Sprache ist manchmal die von 1945, wenn es z.B. um Schwarze geht, die in den Konzentrationslagern umgebracht wurden – aber für den heutigen Forschungsstandpunkt erstaunlich, dass sie erwähnt werden, denn das wurden sie lange nicht. Auch liegt der Fokus seltsamerweise nicht sehr stark darauf, dass es vor allem Jüd_innen waren, die von den Nazis in den Konzentrationslagern eingesperrt und umgebracht wurden (angeblich politische Gründe).

Egal wieviel ich zu den Konzentrationslagern und zum Holocaust schon gelesen und gesehen habe, es trifft mich immer unvorbereitet. Ich lerne jedes Mal etwas Neues und verzweifle daran, dass ich diese Unmenge an Informationen nie ganz wissen werde. Dieser Film, diese ganze Reihe zeigt Bilder, wie ich sie im Schulunterricht und an der Uni nie zu Gesicht bekommen habe. Wir bekamen keinen einzigen Leichenberg zu Gesicht. Wir waren nie im KZ Ebensee – Stacheldraht direkt vor der Alpenkulisse. Das ergibt ein ganz anderes Bild als Mauthausen.

Wie bekämpften die Alliierten nach der Befreiung der KZs den Typhus? Mit DDT und heißem Waschen (gegen die Läuse), frischen Decken, dann wurden die Überlebenden in Krankenstationen transportiert, um dort zu gesunden. Es starben trotzdem noch viele. Ironischerweise waren diese Krankenstationen oft gut ausgestattete SS-Spitäler. Im KZ geborene Babies, überlebende Kleinkinder, Kinder, die ganz langsam essen, um ja nicht einen Tropfen zu vergeuden. Frische Kleidung aus den Geschäften der umliegenden Orte, heiße Duschen, ein Kamm. Wegen dem Typhus werden die Baracken in Bergen-Belsen verbrannt. Der Rauch zieht in großen Wolken. Ich denke “Hoffentlich haben sie alle Inschriften in den Baracken dokumentiert – ach, sicher nicht.”

Eine der Zuschauerinnen* sagt in der Diskussion danach, sie fühle nichts beim Anblick der Bilder, sie sei abgestumpft weil sie so viele Bilder gesehen habe. Ihr fehle die Täterperspektive. Auch ich hatte erwartet, dass mich die Bilder zu größeren Emotionsausbrüchen bringen würden, aber ich habe nicht geweint. Es ist ein Film mit emotionaler Wucht, aber keiner, der Emotionen instrumentalisiert. Es gibt keine pathetische Musik oder Narration. Viele Szenen sind still, ohne jedes Hintergrundgeräusch und das ist gut so. Es gibt keine Einzelschicksale, aber viele Gesichter. Und jede Szene wirft Fragen über Fragen über Fragen auf.

Klolichtnostalgie

Gerade gab ich auf Twitter preis, dass ich mindestens zwei Jahrzehnte ohne Klolicht gelebt habe. Das war nicht meine Schuld, es hat sich so ergeben. Ich hätte das Schreiben darüber auf später verschoben, wenn mir nicht die Bauchklappe meines Herzmotivstanzanhängers hinters Bett gefallen wäre, wodurch ich gezwungenermaßen darüber sinnieren musste, dass es wohl keine vergeudetere Lebenszeit gibt, als die Zeit, die ich damit verbracht habe, die Herzmotivstanzanhängerbauchklappe mittels Kochessstäbchen wieder hinter dem Bett hervorzubringen. Ich entwickelte einen sofortigen Hass auf den Herzmotivstanzanhänger und vermisste meinen ursprünglichen Herzmotivstanzapparat umso mehr. Ich hoffe, dass er irgendwann wieder auftaucht und mich herzlich begrüßt.

Aber zum Klolicht. Also nein, zuerst zur Nostalgie. Die hatte ich schon heute früh, als ich @baum_gluecks Sound of Music-Tweet las. Ich dachte daran, wie mein Bruder den Soundtrack von The Sound of Music auf Platte geschenkt bekam und wir ihn, den Soundtrack zu The Westside Story, den zu The Sting und sämtliche Beatlesplatten meines Vaters, seine einzige Beach Boys-Platte und noch ein paar andere rauf und runter hörten, oft ziemlich laut. Wir tanzten dazu, sangen mit, lernten damit Englisch, führten dazu komplexe Choreografien mit dem Holzlaster auf. Bei meiner Mutter hörten wir Kinderplatten, Valerie und die Gutenachtschaukel, Schweizer Lieder, ihre feministischen Platten, die Proletenpassion und die anderen Platten der Schmetterlinge. Wir durften ohne Fragen an die Plattenspieler. Es gab zwei davon, weil meine Eltern geschieden waren, aber nebeneinander wohnten. Darüber wollte ich auch einmal schreiben, aber nicht jetzt.

Das Nachsingen von Liedern aus The Sound of Music und die falalala- und joleduli-Teile der Schweizer Lieder war auch fast das einzige Jodeln, das in unserem Haushalt geübt wurde. Trotz der schweizerisch-österreichischen Mischung jodelten wir nicht. Wir fuhren auch nicht Schi. Schließlich sperrte mein Vater die Platten weg. Einmal fanden wir den Schlüssel und freuten uns sehr, aber nachdem mein Bruder in die Schweiz verbannt wurde, verlor das Spiel ohnehin seinen Reiz und es gab dann CDs. Als ich dann in Kanada das erste Mal The Sound of Music sah, konnte ich alles mitsingen und genauso war es, als mein Bruder und ich das erste Mal die West Side Story sahen, 2008 war das.

Das Klolicht war jedenfalls in der Wohnung meines Vaters und es funktionierte vielleicht zwei Jahre lang. Dann fiel es aus und blieb kaputt, von 1990 bis 2009. Ok, also es waren *fast* zwei Jahrzehnte ohne Klolicht. Wir mussten jedes Mal, wenn wir neue Gäst_innen hatten erklären, dass sie nicht das Klolicht, sondern das Ganglicht einschalten sollten. Sonst ließ sich das Klolicht nicht mehr ausschalten und wir mussten die Sicherung umlegen. Stammgäst_innen gewöhnten sich irgendwann daran.

Kritisch wurde es, wenn auch das Ganglicht ausfiel und nicht sofort erneuert werden konnte. Das Ganglicht fiel besonders gerne dann aus, wenn ich ein Fest veranstaltete. Dann mussten die Gäst_innen mit der Kerze aufs Klo und es wirkte eher peinlich als wildromantisch. Um es zu erneuern, brauchten wir die Aluminiumleiter meiner Mutter, da die Decken so hoch waren und da meine Eltern selten miteinander sprachen und es einigermaßen schwierig war, die lange Leiter um die Ecken zu manövrieren, dauerte auch die Erneuerung des Ganglichtes immer länger als notwendig. Der Grund dafür, warum das Klolicht nicht repariert werden konnte war, dass es mit der Lüftung zusammenhing und … aus irgendeinem Grund … funktionierte da irgendetwas nicht und … hm. Hätte wohl viel Geld gekostet. So war das.

The Story of Queen Ermineld

Die Geschichte von Königin Ermineld begann mit diesem Tweet:

Das Poly-Olbion ist ein Gedicht von Michael Drayton, bebildert mit Landkarten von William Hole und Illustrationen von John Selden. Erschienen ist es in zwei Teilen, 1612 und 1622. Das Poly-Olbion-Projekt der University of Exeter arbeitet an einer neuen editierten Ausgabe und tweetet davon. Näheres könnt ihr auf der Website des Projekts nachlesen.

Für mich klang der Tweet sofort nach einem Gedicht (ich wette, er ist einfach ein Zitat) und schon reihten sich irgendwie die Worte, Bilder und Ideen aneinander. Und da ich heute mit Bauchgrummeln im Bett liege und Aufheiterung brauche, hab ich euch die Geschichte aufgezeichnet. Leider ist die Bildqualität (zeichnerisch und von der Fotografie) nicht so berauschend, aber für die Grundidee reicht’s. Also:

The Story of Queen Ermineld

Queen Ermineld lived out her days

Immonastered in Kent,

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But oh, she did not stay indoors,

No, no, she came and went.

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She went outside to feed the ducks,

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Oh and the poor, of course,

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And wandered through the countryside,

Through heather, bush and gorse.

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Although there is no gorse in Kent

And neither is there heather!

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Oh well, let’s say, Erm and her horse

Went everywhere together.

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They trundled uphill, trundled down

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(Wait, are there hills in Kent?)

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And neither she nor all the nuns

Cared where she pitched her tent.

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The Queen and her horse Trudelind,

They hung out with the sheep

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And all was well as long as Erm

Her dinner times did keep.

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So they lived happily and long,

The story’s at an end –

The story of Queen Ermineld

Immonastered in Kent.

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Carl Lutz und andere Vergessene

Gerade fahre ich mit der U2 nachhause von einer Diskussion über Carl Lutz im Jüdischen Museum Wien, moderiert von Charles Ritterband von der NZZ, mit Paul Lendvai, Journalist und Historiker, der mit seinen Eltern von Carl Lutz gerettet wurde, François Wisard, Leiter des Historischen Dienstes des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten, Ljiljana Radonic, Expertin für (trans)national-europäische Gedächtniskulturen in Bezug auf Nationalsozialismus, Holocaust und WWII, Universität Wien und Österreichische Akademie der Wissenschaften und nicht dem im Programm genannten Szabolics Szita, sondern einem Vertreter, dessen Namen ich mir leider nicht gemerkt habe, aber der ebenfalls vom Holocaust Memorial Center Budapest kam.

Carl Lutz war ein Schweizer aus einem Dorf im Appenzell (Außerrhoden, um genau zu sein), der in die USA auswanderte, um dort sein Glück zu machen, es nicht fand, sich aber dann in den Schweizer Konsulaten in u.a. Washington, DC von ganz unten hinaufarbeitete. In den 30ern war er in Jaffa (damals im Völkerbundsmandat Palästina) im Dienst der Deutschen stationiert und kam dann in den 40ern nach Budapest, eigentlich im Dienste der Briten, aber als Schweizer Diplomat. Als 1944 die ungarischen Juden nach Auschwitz deportiert wurden, rettete er durch Schutzpässe, Schutzbriefe, Schutzhäuser und persönliches Eingreifen tausende, ja zehntausende Leben. Er war dabei nicht ganz allein, sondern es war ein Team, auch seine Frau, Gertrud Lutz-Fankhauser, spätere UNICEF-Vizepräsidentin, und andere Schweizer Diplomaten halfen mit und er arbeitete mit dem jüdischen Untergrund und Raoul Wallenberg zusammen.

Die Diskussion drehte sich darum, ob er “vergessen” sei – ja, nein, es ergab sich ein differenziertes Bild. Einerseits wurde er in der Schweiz nicht in dem Ausmaß, in dem er es verdient hätte gewürdigt, was ihn sehr verbitterte, andererseits wurde er auf internationaler Ebene sehr wohl geehrt, u.a. in Yad Vashem als Gerechter der Völker. Andererseits kam er im großen Bergier-Bericht über die Schweiz im 2. Weltkrieg nur in einer Fußnote vor, es gibt in der Schweiz kein großes Denkmal, keine Straße, keinen Platz, der nach ihm benannt ist. Nach dem 2. Weltkrieg war er übrigens Konsul in Bregenz.

Ein solches Denkmal und eine Straße gibt es allerdings in Budapest. Kritik an der ungarischen Vergangenheitsbewältigung und an der Regierung Orbans kam allerdings nur von österreichischer Seite – verständlich, denn der ungarische Historiker musste ja schließlich nach dieser Veranstaltung wieder dorthin zurückkehren (dass das nicht mitbedacht wurde …).

Es war jedenfalls sehr spannend, tatsächlichen Expert_innen zuzuhören. Sie kannten ihre Fakten, ergänzten einander und – ließen Ljiljana Radonic das Wort und sie sogar ausreden. So ergab sich ein differenziertes Bild von Carl Lutz und seinen Aktivitäten und seinem Leben – Paul Lendvai meinte, es würde Stoff für einen großen Roman ergeben. Als Buch über Carl Lutz wurde übrigens das von Theo Tschuy, Carl Lutz und die Juden von Budapest (1995) empfohlen.

So oft die Rolle von Carl Lutz als einer, der sich entschieden hatte zu helfen, etwas zu tun, sich gegen die Nazis und Pfeilkreuzler zu stellen, betont wurde – die Brücke zu heute, zu den im Mittelmeer ertrinkenden, im Irak und in Syrien massakrierten, in Wiener Neustadt der Fluchthilfe angeklagten Menschen, zu abgelehnten, brennenden Flüchtlingsheimen überall, Hetze in der Zeitung, dem neuen Islamgesetz in Österreich wurde nicht geschlagen. Paul Lendvai erwähnte zwar die Schweizer Masseneinwanderungsinitiative, aber nur unter dem Aspekt, dass sich 100 Schweizer Intellektuelle kürzlich nochmals dagegen aussprachen. Vielleicht ist das der Grund, warum Carl Lutz nicht groß geehrt wird: Er hatte sich entschieden und gehandelt, seine Kompetenzen weit überschritten, auch gegen Vorschriften und Gesetze. Heute …

Jedenfalls findet seit dem 8. und bis zum 23. Oktober  in Wien das Jüdische Filmfestival statt, bei dem neben vielen anderen spannenden Filmen ein Dokumentarfilm über Carl Lutz zu sehen ist und zwar am 21.10. um 16:30 im De France-Kino.

Daneben empfehle ich “Gentleman’s Agreement” (mit Gregory Peck), auch wenn an dem Film einiges kritisiert werden muss.

Und spannend finde ich auch:

Erschlagt mich, ich verrate nichts! – Dokumentarfilm über die österreichische Widerstandskämpferin Käthe Sasso, die bereits gegen den Austrofaschismus aktiv war

Gett – Der Prozess der Viviane Amsalem – Über den mühsamen Kampf um die Scheidung

Regina – erste Rabbinerin

50 Children: The Rescue Mission of Mr. and Mrs. Kraus – Ein jüdisches Ehepaar aus Philadelphia rettet 1939 50 jüdische Kinder aus Wien

Die papierene Brücke – Ruth Beckermann spürt ihrer Familiengeschichte nach

Vortrag über Antisemitismus im Zeichentrickfilm und Comic

Fred Bondi, l’homme chanceux

Nehmt ein anderes Bild!

In Teilen meiner Twitterblase wurde über das Unbehagen über dieses Bild [CN sexualisierter, als männlich lesbarer Körper, rassistische Karikatur] https:// twitter.com/yesallwomen/status/510516783686877184 gesprochen. @antiprodukt fragte: “Bin ich die einzige, die das “If male videogame characters were dressed like females” Bild als rassistische Karikatur wahrnimmt?” Es könnte sich dabei um eine sexualisierte Darstellung der Figur des Raiden aus Mortal Kombat handeln, aber ehrlich gesagt finde ich das nicht ganz – vielleicht ist es auch eine andere Figur.

Anyway, @antiprodukt ist nicht alleine bei ihrer Einschätzung. Als ich das Bild das erste Mal sah, schätzte ich es sofort als rassistische Karikatur ein, die das rassistische Stereotyp des “Mandingo” transportiert. Aber ich hielt erst mal den Mund. Das tut mir leid.

Hier zwei basic info-Links (leider nur auf Englisch, aber ich hab weiter unten was übersetzt):
http://thuyanhle.wordpress.com/2012/03/11/the-mandingo-theory/

[CN Abbildungen rassistischer Stereotypen] http://thisiswhitehistory.tumblr.com/post/44559573934/day-4-of-white-history-month-anti-black-racial
Übersetzung des relevanten Absatzes: Schwarze Frauen und Männer werden seit langem für hypersexuell, promiskuitiv und daher animalistisch, also tiergleich gehalten.
Das Mandingo-Stereotyp stellte Schwarze Männer als hypersexuelle Bestien dar, die sich nicht zurückhalten konnten (und gezielt Weiße Frauen bedrohten), mit “tierischen” (also übergroßen) Genitalien. Es wurde benutzt, um die Minderwertigkeit Schwarzer Menschen und die Notwendigkeit, Weiße Frauen zu beschützen zu belegen.

Dieses Stereotyp wird heute nicht nur in der Pornographie angewendet, wie der Artikel sagt, sondern eben auch durch solche Bilder (und andere Medien) transportiert. Es gibt bereits jede Menge Karikaturen und Bilder, die genau das Problem der sexuellen Objektifizierung von als weiblich lesbaren Körpern behandeln, ohne rassistische Karikaturen abzubilden. Und um auf die fehlende Repräsentation von Schwarzen Menschen (als spielbare Charaktere, also Held_innen, denn als Antagonist_innen bzw. Hintergrunddekorationen im Sinne der Feminist Frequency-Videos kommen sie schon vor – edited am 29.9.2014, danke für den Hinweis, @CarFreiTag) in Spielen hinzuweisen ist dieses Bild auch nicht geeignet.

Rants in Kurz und nicht so Kurz 2: Manpfehlungen

1. Als Zusatz zu “Mansplaining/Herrklären” habe ich gerade “Manpfehlung” festgesetzt. Das sind diese ungefragten Empfehlungen, die gerne auch einen beleidigenden Ton haben. Oder ungefragte “Verbesserungen” meines Begriffs von nicht-feministischer Seite. Als englische Version hat @sanczny “recomMANdation” vorgeschlagen <3.

Leider:

Gusch!

2. Offensichtlich noch nicht durchgedrungen: Cis_männer haben keinen Anspruch auf Erklärungen feministischer Praxen, Thesen, Aussagen, etc. Stattdessen können Cis_männer etwas ganz praktisch tun, um Feminismus(TM) und Feministinnen* zu unterstützen: Sich selbst informieren, selbst lernen, selbst Quellen suchen. Weitere Dinge auch z.B. siehe hier: http://m.xojane.com/issues/feminism-men-practical-steps
Das cis_männliche Gejammere darüber, dass sie keine Erklärungen kriegen, ist eine gängige Derailing-Technik, siehe auch: http://www.derailingfordummies.com/derail-using-education/ Nicht mit mir.

2. Zeitungen, die keine fundierten Artikel zu Ferguson veröffentlichen wollen, können von mir aus sofort eingestellt werden. Pro forma-Wortmeldungen mit social media entnommenen Memes reichen nicht!

 

3. Beim Nachsinnen über den österreichischen antifeministischen Sommer kam mir das Grausen. Ich würde eine gerade Linie von den Angriffen auf das Femcamp und seine Organisator_innen*, durch die Debatte über die “großen Töchter” in der Bundeshymne, den Brief von 800 Personen gegen das Binnen-I, die Verhaftung von Demonstrant_innen, die in Salzburg gegen eine Antiabtreibungsdemo protestierten bis zur SPÖ ziehen, die die in ihren Statuten festgesetzte Frauenquote und deren Bestimmungen außer Kraft gesetzt hat.

Die Angriffe auf das Femcamp und seine Organisator_innen*, die von einflussreichen Lobbyist_innen*, Medienmarketingmenschen und Journalist_innen* betrieben und unterstützt wurden, machten deutlich, dass in Österreich mit breitem Widerspruch gegen sexistisches Verhalten nicht gerechnet werden muss. Feminist_innen* und ihre Unterstützer_innen* haben in Österreich keine Macht.

Die Debatte um die in die österreichische Bundeshymne gesetzten “großen Töchter” zeigte, dass selbst die wirklich einfachsten feministischen Forderungen in Österreich keine breite Unterstützung finden. Ermutigt von dieser Debatte, die in 20.000 Hasskommentare auf der Seite der österreichischen Ministerin für Bildung und Frauen, Gabriele Heinisch-Hossek, mündete, schrieben 800 Personen einen offenen Brief gegen das Binnen-I.

Der Brief von 800 Personen gegen das Binnen-I und anderen cisgendergerechten Schreibweisen, der zunächst in einer Zeitschrift erschien, deren Herausgeberverein nachweislich Kontakte mit der rechtsextremen Szene hat (auch wenn dieses Erscheinen angeblich ein “Versehen” war) zeigte, dass etliche  Wissenschaftler_innen, Lehrer_innen, Schuldirektor_innen ebenfalls nicht einmal die Grundlagen des Feminismus kennen, geschweige denn unterstützen. Lehrer_innen. Schuldirektor_innen. An der Universität beschäftigte Wissenschaftler_innen. Sauber, sauber.

Bei einer Demonstration in Salzburg gegen die dort stattfindende Demonstration der Abtreibungsgegner_innen wurden schließlich Aktivist_innen festgenommen und einige davon wegen “Verhetzung” angezeigt. Komischerweise passiert das bei Naziparolen, Nazigrüßen, Nazidemoschildern, Naziparteiplakaten etc. extrem selten. Also ein weiterer und deutlicher Schritt in Richtung Kriminalisierung von feministischem Aktivismus. Wurde kaum medial thematisiert. In Österreich steht Abtreibung übrigens immer noch im Strafgesetzbuch.

Schließlich – die Nachbesetzung des Mandats der verstorbenen Nationalratspräsidentin Barbara Prammer. Laut SPÖ-Statuten sollte eine Frau nachrücken, um die Frauenquote (40% sollten es eigentlich sein) zu erhalten. Nix da. Wieso denn auch, Österreich ist es aber sowas von wurscht, da kann auf Frauenquoten gut verzichtet werden, wenn die mal politisch nicht opportun sind. Dass die Frau, die nachrücken sollte, Sonja Ablinger, noch dazu nicht immer einer Meinung mit ihrer Partei ist und deshalb von Parteiseite her möglichst nicht ins Parlament zurückgelassen werden will, kommt dann noch dazu.

Wir (mich eingeschlossen) schauen immer etwas verächtlich auf die Schweiz ob der späten Einführung des Frauenwahlrechts: Macht euch keine Illusionen darüber, wenn es im Rest Europas auch Volksabstimmungen darüber gegeben hätte (in der Schweiz gab es darüber nämlich einige, bis endlich ein Ja herauskam), hätten Frauen* in den meisten Ländern das Wahlrecht wohl auch erst in den 1970ern erhalten – oder eventuell noch gar nicht. In Österreich würde ich auf gar nicht tippen. Wenn ihr die Liste im Wikipediaartikel zu Frauenwahlrecht durchseht, seht ihr, wie wenig Abstimmungen es dazu gab. Und abstimmen durften dann meistens die Männer, nicht die Frauen – außer auf den Philippinen. Eine vollständigere Liste ist z.B. hier.

Was kommt als nächstes? Und wann sagen wir “Stopp!”?