Weiter als #takedownjulienblanc – #takedownrsd, #takedownpua

[CN sexuelle Gewalt, Vergewaltigung, Rassismus, Sexismus, abuse, fatshaming]

Update: Gegen das RSD-Bootcamp etc. in München formiert sich Widerstand: http://www.sueddeutsche.de/muenchen/fragwuerdiger-coach-seminar-in-sexismus-1.2217275 Facebookseite zum Protest in München: https://www.facebook.com/events/1544481732453361/

Was ihr weiterhin tun könnt:

Eure Freund_innen in der Schweiz, Schweden, Dänemark, Finnland, Norwegen und Island kontaktieren, denn dort sind RSD-Events geplant. Ebenso Freund_innen in Großbritannien, Prag, Budapest & Sofia. Eine Liste der Events findet ihr im ersten Post.

Informationen sammeln, herausfinden, wo geplante Events stattfinden, Hotels anrufen, wo bereits Events stattfanden, denn hier sind die RSD-Termine für Deutschland und die Schweiz:

RSD Tour D CHIn Berlin waren sie im Westin Grand Berlin Hotel, Friedrichstrasse 158-164 • 10117 Berlin
Dort sind sie nicht. Es gab Proteste – Updates hier: https://www.facebook.com/events/1498651573742783/?source=1

In Zürich waren sie im Four Points By Sheraton Sihlcity,1 Kalandergasse, Zürich
Es wurde nachgefragt, dort sind sie nicht.

In München im Munich Marriott Hotel, Berliner Strasse 93 · Munich, Bavaria 80805 Germany
Es wurde nachgefragt, dort sind sie nicht.

In Frankfurt waren sie im Sheraton Frankfurt Congress Hotel,Lyoner Strasse 44-48, 60528 Frankfurt, Germany

Falls sie dort nicht wieder gebucht haben: Sie scheinen große Hotelketten zu schätzen, also Accor, Marriott, Westin, Four Points, Four Seasons, Hilton, Sheraton, etc.

Weiters könnt ihr die Firmen antweeten, die mit ihren Services RSD unterstützen bzw. auch die Firmen, deren Logos sie auf ihren Websites abbilden:

und @LiquidWeb sowie @isprime, die die RSD-Websites hosten könnt ihr ebenfalls kontaktieren, sowie auch @itunes, die RSD-Podcasts hosten. Ihr könnt auch Kreditkartenfirmen und Paypal kontaktieren: http://pastebin.com/r85HuQcQ Es gibt auch eine Petitionen gegen Blancs Einreise nach Japan.

Schon etwas ältere Neuigkeiten: Julien Blancs Visa für Australien wurde ihm entzogen und er musste abreisen. Sein Assistent Max, der ebenfalls Frauen* würgt [TW für das Bild] und seine Privilegien als weißer Cisheteromann in Japan ausgenutzt hat, um dort ohne Konsequenzen Frauen sexuell zu belästigen, soll ebenfalls abgereist sein (nur ein Foto von Julien Blanc bei einem Vortrag): http://www.theguardian.com/australia-news/2014/nov/07/protesters-force-us-pick-up-artist-julien-blanc-to-quit-australian-tour?CMP=twt_gu

Weiters ist der kanadische Minister für “Citizenship and Immigration” im Bilde über Julien Blanc und hat versprochen, sich alle Optionen anzusehen. Tweet 1, Tweet 2, Tweet 3. Die Proteste und Petitionen gegen Julien’s Einreise nach Japan haben dort die Mainstreammedien erreicht – gegen seine Einreise in Brasilien wird ebenfalls protestiert und eine Petition gibt es auch: https://secure.avaaz.org/po/petition/Policia_Federal_Brasileira_Explusao_de_Julien_Blance/?preview=live Dasselbe im UK: http://www.theguardian.com/lifeandstyle/2014/nov/10/julien-blanc-petition-urges-uk-deny-visa-pick-up-artist Hier die UK-Petition: https://www.change.org/p/uk-home-office-deny-julien-blanc-a-uk-visa

Aber das sind nur zwei Typen. RSD-Typen sind alle grauenhaft, auch die, die sich “moderat” geben: [TW Transmisogynie, Gewalt] aus dem Forum bzw. ist der Gründer von RSD ein Vergewaltiger [heftige heftige TW – sexistische Sprache, Beschreibung einer Vergewaltigung].

Gestern forderte @antiprodukt zu einer größeren Debatte über Pick-up Artists (PUA) auf. Es sind ja noch mehr Pick-up Artists unterwegs als Angehörige der Firma Real Social Dynamics. Z.B. hat dieser Typ (Link zu seiner Facebookseite) einen Kommentar auf meinen ersten Post hinterlassen und auch die Firma Daygame Review [TW schon für den obersten Tweet] hat mich auf Twitter kontaktiert – beide wollten sagen, dass PUA nicht so schlimm sind. Hier sind Links mit weiterführenden Infos und Erlebnisberichten mit Pick-up Artists, die sie gestern getweetet hat – vielen Dank!:

@antiprodukt berichtet von einem Treffen mit einem möglichen PUA plus weiterführende Links: http://antiprodukt.de/als-ich-vielleicht-einen-pick-up-artist-traf/

@ponypost blockt einen PUA auf Facebook: http://futblog.at/ich-habe-einen-pick-up-artist-auf-facebook-geblockt/

@felis_blue über ein PUA-Buch, das per Kickstarter finanziert wurde & von Kickstarter nicht gestoppt wurde: http://kontraktionspunkt.de/below-the-game-unterste-schublade/

@hanhaiwen hat 2 Artikel über PUAs geschrieben:

Verführen mit Pick Up-Tricks: Wer macht das und bei wem funktioniert es? http://maedchenmannschaft.net/verfuehren-mit-pick-up-tricks-wer-macht-das-eigentlich/

Anmachen, Gewalt, Anspruchsdenken – 1998 und heute http://hanhaiwen.wordpress.com/2014/11/06/anmachen-gewalt-anspruchsdenken-1998-und-heute/

via @beurkeek: How pick-up artist culture feeds on men’s toxic insecurities http://www.dailydot.com/opinion/pickup-artist-culture-toxic-insecurities/

A Long List Of Ways The Seduction Community Can Make You Weird http://donatellosnest.wordpress.com/2010/02/20/a-long-list-of-ways-the-seduction-community-can-make-you-weird/

Und schließlich via @Stadtgespenst ein Artikel über die Reaktionen der PUA-Community auf das von Elliot Rodgers verübte Massaker: http://www.slate.com/blogs/xx_factor/2014/05/24/elliot_rodger_the_pick_up_artist_community_s_predictable_horrible_response.html

Genau an Elliot Rodgers musste ich denken, als ich die Fotos der Menschen sah, die das RSD-Event in Melbourne besuchten, das erfolgreich von Protestierenden gestoppt wurde. Ich erinnere mich an einen Text, leider finde ich den nicht mehr, aber vielleicht hat eine_r von euch noch den Link, in dem ein Mann darüber sprach, wie er und sein Begehren als Asian-American im imperialistischen weißen kapitalistischen Hetero-Patriarchat (Übersetzung von bell hook’s Imperialist White Supremacist Capitalist Patriarchy via Rumbaumeln) unsichtbar gemacht werden und was das in ihm auslöst. Diese von unserer rassistischen Gesellschaft geschaffene Unsichtbarkeit wird von PUAs ausgenützt – sie versprechen Sichtbarkeit und Erfolg. Wenn die PUA-Techniken nicht klappen, verstärkt das wohl nur das Gefühl der Isolation, der Unsichtbarkeit, der Ungerechtigkeit, der Wut. Ich wollte das nur anmerken, ich muss da auch noch mehr selbst drüber nachdenken, aber so als Gedankenanstoß, dass das PUA-Publikum nicht nur aus white guys besteht und warum.

Die andere rassistische Komponente ist natürlich, dass hier weiße, heterosexuelle Cismänner darauf trainiert werden, ihre Privilegien strategisch einzusetzen, um ihre rassistischen Fetische ohne Konsequenzen auszuleben, also Women of Color sexuell zu belästigen, anzugreifen, etc.

Falls ihr euch längerfristig gegen Pick-up Artists engagieren möchtet, meldet euch bitte bei mir.

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#SamaritansRadar ist ein netzfeministisches Problem

[CN Suizid]

Update: Der SamaritansRadar wurde – nach eineinhalb Wochen ununterbrochenem Protest der mental health community, unterstützt von Datenschutzaktivist_innen (bzw. gibt es bei den Gruppen Überschneidungen) endlich abgedreht. Yay. Diese App und die Reaktion der Samaritans hat viele Menschen verunsichert, verletzt, dazu gebracht, ihre Accounts zu schließen oder ganz von Twitter wegzugehen. Die “Entschuldigung” ist kaum eine und die App ist sicher nicht vom Tisch: http://www.samaritans.org/news/samaritans-radar-announcement-friday-7-november (Gut gemacht kann sie ja wirklich hilfreich sein. Mit Einwilligung und opt-in und so.)

Ganz zu Ende ist es noch nicht. Adrian Short fragt, wer für die gesammelten Daten nun verantwortlich ist – die Samaritans sagten, sie seien es nicht, was falsch ist (siehe weiter unten) – und verlangt, dass die Daten gelöscht werden: https://adrianshort.org/samaritans-radar-closed/ Er hofft auch, dass “wir das nicht wieder tun müssen”, aber ich fürchte, doch, denn solche Apps werden nur zunehmen. Die Liste der Twitternamen bzw. Emailadressen der Personen, die die Samaritans kontaktierten, um vom Radar ausgenommen zu werden, sollte auch dringendst gelöscht werden.

Was #SamaritansRadar ist:

tl;dr: https://www.change.org/p/twitter-inc-shut-down-samaritans-radar

https://www.latentexistence.me.uk/samaritans-radar-and-twitters-public-problem/

https://adrianshort.org/samaritans-radar/

http://queercrip.tumblr.com/post/101382367792/a-tool-for-abusers-why-samaritans-radar-is-dangerous

Testbericht: http://queercrip.tumblr.com/post/101960264087/testing-samaritans-radar-false-negatives-and-spam

Samaritans Radar ist ein netzfeministisches, netzpolitisches, netzaktivistisches Problem, besonders für Personen, die auf Twitter bzw. online häufig zu Zielen von Bedrohungen, Belästigungen, Stalking, etc. werden.

Mit dieser App habe ich die Möglichkeit, den psychischen Zustand der Personen, denen ich auf Twitter folge zu überwachen, ohne dass diese das wissen, ohne ihr Einverständnis. Ich bekomme eine Verständigung, wenn sie bestimmte Phrasen oder Worte verwenden. Der Suchalgorithmus kann durch meine aktive Hilfe laufend verbessert werden. (EDIT: Es scheint sich – noch – um eine sehr simple Suche zu handeln: http://queercrip.tumblr.com/post/101960264087/testing-samaritans-radar-false-negatives-and-spam) Die App macht mir Vorschläge, wie ich Menschen, die depressiv oder suizidal sind, helfen kann.

Das heißt, wenn ich Böses im Sinn habe, folge ich einfach mit einem Tarnaccount der Person oder den Personen, die ich stalken möchte oder denen ich schaden möchte und kriege Emailbenachrichtigungen, wann es ihnen besonders schlecht geht. Dann kann ich nachtreten. Arbeitgeber_innen und religiöse Gemeinschaften z.B. freut dieses Wissen sicher auch.

Die einzige Möglichkeit, um Samaritans Radar zu entgehen, ist entweder den @samaritans eine “direct message” auf Twitter zu schicken, was offensichtlich nicht immer klappt, wenn ich ihnen nicht folge – oder ihnen ein Email zu schicken. Dann stehe ich wieder auf einer Liste. Eine Liste, von der ich nicht weiß, wo sie gespeichert wird, wer Zugriff hat, etc., etc., etc. Großartig.

Eine andere Möglichkeit ist, meinen Twitteraccount zu schließen, aber: Im Moment wird getestet, ob Samaritans Radar auch geschlossene Accounts überwacht – die ersten Tests scheinen darauf hinzudeuten. D.h. selbst wenn eine Person, der ich folge, ihren Account geschlossen hat, kann ich sie überwachen! Ohne dass sie es weiß, ohne dass sie eingewilligt hat. Natürlich können mich Personen blocken, wenn sie draufkommen, dass ich sie überwache. Aber es ist auf Twitter sehr leicht, einfach einen neuen Account anzulegen, der Person wieder zu folgen und sie weiter zu überwachen. Ja, selbst wenn die Person einen geschützten Account hat, dann muss ich halt etwas mehr Arbeit in meinen Tarnaccount stecken. Guckt euch mal #yourslipisshowing an – da haben 4chan-Typen über z.T. ein Jahr hinweg Arbeit in Accounts gesteckt, die vorgaben schwarze Aktivistinnen zu sein, um so Feminismus, antirassistische Arbeit, etc. zu diskreditieren.

Jetzt gibt es natürlich jede Menge Menschen, die sagen “Ja, was willst du, Twitter ist halt öffentlich.” Jein. Geschlossene Accounts, die scheinbar auch überwacht werden können – erste Tests haben das ergeben – sind nicht öffentlich. Wenn ich Personen zu einem geschlossenen Account zulasse, heißt das nicht, dass ich zustimme, dass diese Personen ohne mein Wissen und ohne meine Einwilligung meinen psychischen Zustand überwachen.

Als überwachte Person kann ich natürlich auf meine Wortwahl achten, Botschaften als Bilder tweeten, mich selbst zensieren … äh. Erinnert euch das an irgendwas? NSA? GHCQ? Wie nah das “Selbst wenn nur ein Mensch gerettet wird …” am “Selbst wenn nur ein_e Terrorist_in entdeckt wird” bzw. das “Wenn du nicht überwacht werden willst, dann … (halt doch die Klappe, zieh dich zurück, versuch diesen Umweg, verschlüssle, etc. etc. etc.) liegt, ist atemberaubend. Reinste abuser logic. Hallo, ICH WILL NICHT ÜBERWACHT WERDEN!

Hier sind ein paar Blogposts, die das Problem Privatheit/Öffentlichkeit ansprechen:

http://paulbernal.wordpress.com/2014/11/01/samaritans-radar-misunderstanding-privacy-and-publicness/

https://purplepersuasion.wordpress.com/2014/10/30/me-sam-and-his-magical-radar-booth/

https://adrianshort.org/unethical-twitter/

http://publicstrategist.com/2014/11/privacy-in-public/

Weiters, selbst wenn ihr auf dem “Twitter ist öffentlich”-Punkt beharren müsst (fragt euch mal, warum ihr so auf diesem Punkt beharrt, habt ihr schon mal eure Privilegien reflektiert?) – damit die App funktioniert, werden die Tweets gespeichert und wer auf diese Zugriff hat ist auch nicht klar: http://informationrightsandwrongs.com/2014/10/29/samaritans-radar-serious-privacy-concerns-raised/ Wie zynisch da dieses Statement auf der Website der Samaritans klingt: “No records – We don’t pass on what people tell us. Not even the name of someone that calls us. For some, we’re the only place they can turn to without fear of repercussions. For others that might worry about burdening friends or family, we offer a safe place to turn.” http://www.samaritans.org/about-us (Obwohl gesagt werden muss – die Personen, die die Arbeit an den Telefonen leisten haben mit der App nichts zu tun.)

https://adrianshort.org/samaritans-radar-must-close/ : “Samaritans Radar has demonstrated that the Samaritans as an organisation doesn’t have the ethics, the decency, the design skills, the social media skills or even the basic common sense to run a complex and sensitive project such as this.”

Selbst wenn ihr glaubt, dass euch Samaritans Radar nicht betrifft, weil ihr nie auf Englisch tweetet – das ist nur der Anfang. “Gut gemeinte” Überwachung, die den Betroffenen mehr schadet als hilft, wird nur zunehmen: http://www.theguardian.com/voluntary-sector-network/2014/nov/04/samaritans-radar-app-data-privacy?CMP=twt_gu Das ist extrem gefährlich, denn unter dem Deckmantel des “Wir tun doch was Gutes” können die schrecklichsten Dinge legitimiert werden.

Update: Die Samaritans haben nach Tagen der Stille ein neues Statement publiziert, das zum Heulen ist: http://www.samaritans.org/how-we-can-help-you/supporting-someone-online/samaritans-radar-update Besonders zum wütend schreien: “We condemn any behaviour which would constitute bullying or harassment of anyone using social media. If people experience this kind of behaviour as a result of the app or their support for the app, we would encourage them to report this immediately to Twitter, who take this issue very seriously.” – In welcher Parallelwelt leben die, dass sie glauben, Twitter würde Berichte von Bedrohungen, Stalking, etc. ernst nehmen?!

Hier Antworten auf das Statement:

https://adrianshort.org/samaritans-radar-4-nov-statment-response/

http://21stcenturyfix.org.uk/2014/11/an-organisation-wide-cry-for-help-perhaps/

Lieder von der gebutterten Seite des Brotes

Was folgt, ist für Menschen, die die österreichische Twitteria (von mir Twötter genannt) nicht wenigstens am Rande verfolgen ungeheuer kryptisch. Irgendwann werden hoffentlich Historikerinnen* alles entwirren und erklären …

Twötter spielte heute den ersten Akt eines Stücks von Dürrenmatt (oder Karl Kraus, aber den hab ich nie gelesen). Die von mir sehr geschätzten Accounts @LisiMoosmann und @JohannaCzekay sollen “fake” sein (Stockfotos! Pseudonyme! Dings!) – und nach einigen Personen soll hinter beiden oder einem der Accounts die ebenfalls von mir geschätzte @karinkollerwp stecken.

Für mich ergeben sich mehrere Aspekte:

Es scheint unvorstellbar, dass es drei verschiedene, kluge, feministische Frauen gibt, dass diese drei Frauen oft der gleichen Meinung sind und dass sie sich gegenseitig austauschen und unterstützen. Mir ist es egal. Egal, ob die Accounts nun “fake” sind, dass hier Menschen unter Pseudonymen twittern, ob sie in Wirklichkeit älter, jünger sind, anders aussehen, ob sie nicht doch Männer sind, denn kluge Frauen, die unter Pseudonymen twittern, *müssen* eigentlich Männer sein. Ich folge ihnen, weil ich sie klug und spannend finde. Und ich schätze sie, weil sie im Gegensatz zu vielen eine sehr klare Sicht auf Twötter, die österreichische Politik, Wissenschafts- und Medienlandschaft haben.

Falls sie “böse Absichten” hatten (z.B. als Trolle, die sich Fakeaccounts zulegen, um Feministinnen* zu diskreditieren und ihnen zu schaden) – ich persönlich habe solche Verhaltensweisen an ihnen nie beobachtet und sie haben mir auch nie auf nur irgendeine Art und Weise geschadet, nein, sie haben mich immer unterstützt und ermutigt. Sollte tatsächlich nur eine Person hinter allen drei Accounts stecken – eine Meister_innen*leistung. Sollten es drei Personen sein, die jetzt lachend beim Wein zusammenhocken – santé.

Ich hatte immer den Eindruck, Lisi Moosmann, Johanna Czekay und Karin Koller haben kein Eisen im Feuer, d.h. sind in ihrem Broterwerb nicht vom Wohlwollen eben dieser Politik- und Medienlandschaft abhängig. Vielleicht sind Lisi und Johanna es doch und haben deshalb die Anonymität gewählt. Mir egal. Vielleicht haben sie ja sogar Zeitungskolumnen oder Nationalratssitze, Lobbyist_innenposten oder white male privilege – aber ich glaube eher nicht. Jedenfalls gibt ihnen das eine gewisse Freiheit, so frei wie sie als weiße, gesunde, akademisch gebildete, ökonomisch einigermaßen gesicherte, heterosexuelle, cisweiblich Gelesene im Internet sein können.

Twötter fühlt sich schon länger am Ego gekratzt, dass diese Unbekannten das Medien- und Politikgeschehen kommentieren, auf die mangels Chefredaktion, Parteivorstand und/oder bekannter Arbeitsstelle nicht der politische bzw. ökonomische Druck ausgeübt werden kann, der bei namentlich bekannten Personen bereits ausgeübt wurde. Ja, sie kommentieren. Fast täglich. Und zwar ohne den angeblich gebotenen Respekt. Skandal! So kann nicht mit Twötter umgesprungen werden, die zu Twötter gehörenden Personen sind Autoritätspersonen, zu denen besonders Frauen* höflich zu sein haben. So ist’s brav.

Nun ist Twötter böse, dass hier so offen auf seine Verfilzungen, Verflechtungen, Eitelkeiten und problematischen Handlungen bzw. Aussagen aufmerksam gemacht wurde. Und hämisch. Oh, all die Scheinheiligen, die bei Shitstorms gegen andere Frauen so gerne mitmachten oder schwiegen bzw. nachher die Täter_innen und ihre Taten gerne vergaßen oder ihnen großzügig vergaben, sie weiterhin gerne per #ff empfehlen, solange sie nur höflich sind.

Aber Karin, Lisi und Johanna vergaßen die größten Täter_innen nicht und vergaben ihnen auch nicht, sondern legen täglich den Finger auf die Wunde und bohren hinein. Das schmerzt, ich kann es sehen, an der diebischen Freude derer, die nun glauben sie erwischt zu haben. Und da seid ihr noch erstaunt, ja bestürzt, dass sie Pseudonyme verwenden. Es ist halt ein Novum, dass plötzlich zurückgeredet wird, vor zwei, drei Jahren war Twötter anscheinend noch ein illustrer Kreis, der friedlich um sich selbst zirkelte. Dann kamen die bösen (möglichst noch feministischen!) Gfraster und machten alles kaputt.

Nun, Twötter, ich weiß, die Wirtschaft ist beschissen, einige von euch wollen noch Karriere machen, brauchen einen Job oder wollen ihre Anliegen durchsetzen. Ich verstehe das. Die Butter muss aufs Brot und wer das Brot buttert, sagt an. Aber seid euch dessen bewusst. Mir geht es streckenweise nicht anders, aber ich will seit fast 15 Jahren keine Journalistin mehr werden.

Was immer im 2. Akt kommt, Lisi, Karin, Johanna – ich bedanke mich für die bisherige Zeit, eure Solidarität und eure Freundschaft. Falls ihr euch für neue Profile, neue Plattformen entscheidet – ich würde es verstehen und euch arg vermissen. You know where to find me.

Königinmutter

Wieder mal Pensées-style … [#CN Tod, Depression]

1. Vorgestern feierte die Königinmutter sehr verspätet ihren Geburtstag.

2. Viele Menschen, die kamen, habe ich seit Jahren nicht mehr gesehen.

3. Die Zeit vergeht.

4. Irgendwie werde ich mich mit dem Gedanken abfinden müssen, dass alle Menschen sterben werden, auch die, die ich sehr liebe.

5. Hoffentlich nicht bald.

6. Irritierend, dass mich alle danach fragten, was denn mein Bruder so macht, wie es Nibling so geht.

7. Ja, gut, was soll ich sagen. Sie sind nicht hier. Sie leben. Es scheint ihnen gut zu gehen. Nibling ist herzig. So.

8. Gleichzeitig habe ich kein Wort, das beschreibt, was ich gerade arbeite. Marketing? PR?

9. Arbeit und Studium scheint die meisten Leute zufriedenzustellen.

10. Ein paar Mal habe ich auch “feministisch aktiv” gesagt.

11. Später dachte ich daran, dass ich ein Buch schreiben sollte, einfach, damit ich sagen kann, ich schreibe eines. *kopfschüttel*

12. Natürlich habe ich gelogen, dass es mir gut geht. Das Wichtigste, was ich gerade mache, kann ich gar nicht sagen: Ich über_lebe.

13. Einfach so leben scheint nicht zu reichen.

14. Die Königinmutter hat sich Lobreden und/oder Lieder gewünscht.

15. Es haben tatsächlich Leute gesungen. Nach der Melodie von “Ich steh auf der Brücke und spucke in’ Kahn”. Nu ja.

16. Mein Onkel hat eine Rede gehalten. Ich wette, die Königinmutter wird darüber noch mit mir reden. Später erzählte er mir, dass mein Vater bei einer Weihnachtsfeier vor meiner Geburt den Baum nur mit roten Bändern und Kerzen schmückte, einen roten Stern für die Spitze bastelte, durch die Licht schien und es wurde eine Passage von Marx verlesen. Ich muss jetzt noch lachen.

17. Ich wusste, wenn ich singe, heule ich. Außerdem sind Lobreden peinlich und was ich der Königinmutter wirklich sagen will, hat mit dem über_leben zu tun und ich glaube, sie würde sich schrecken.

18. Aber ich wollte auch etwas tun. Also habe ich meine Tweets nach “Königinmutter” durchsucht und welche zusammengestellt.

19. Beim Vorlesen haben meine Hände so gezittert wie zuletzt im Frühling 2013, als ich vor 100 Unbekannten* einen Sessionvorschlag machte.

20. Ich hasse es, wenn meine Hände so zittern und es macht mir Angst, weil ich sie nicht kontrollieren kann.

Da aber die Tweets recht Anklang fanden (Onkel erstaunt: “Das war sehr witzig.”), hier:

Rants in Kurz und nicht so Kurz 2: Manpfehlungen

1. Als Zusatz zu “Mansplaining/Herrklären” habe ich gerade “Manpfehlung” festgesetzt. Das sind diese ungefragten Empfehlungen, die gerne auch einen beleidigenden Ton haben. Oder ungefragte “Verbesserungen” meines Begriffs von nicht-feministischer Seite. Als englische Version hat @sanczny “recomMANdation” vorgeschlagen <3.

Leider:

Gusch!

2. Offensichtlich noch nicht durchgedrungen: Cis_männer haben keinen Anspruch auf Erklärungen feministischer Praxen, Thesen, Aussagen, etc. Stattdessen können Cis_männer etwas ganz praktisch tun, um Feminismus(TM) und Feministinnen* zu unterstützen: Sich selbst informieren, selbst lernen, selbst Quellen suchen. Weitere Dinge auch z.B. siehe hier: http://m.xojane.com/issues/feminism-men-practical-steps
Das cis_männliche Gejammere darüber, dass sie keine Erklärungen kriegen, ist eine gängige Derailing-Technik, siehe auch: http://www.derailingfordummies.com/derail-using-education/ Nicht mit mir.

2. Zeitungen, die keine fundierten Artikel zu Ferguson veröffentlichen wollen, können von mir aus sofort eingestellt werden. Pro forma-Wortmeldungen mit social media entnommenen Memes reichen nicht!

 

3. Beim Nachsinnen über den österreichischen antifeministischen Sommer kam mir das Grausen. Ich würde eine gerade Linie von den Angriffen auf das Femcamp und seine Organisator_innen*, durch die Debatte über die “großen Töchter” in der Bundeshymne, den Brief von 800 Personen gegen das Binnen-I, die Verhaftung von Demonstrant_innen, die in Salzburg gegen eine Antiabtreibungsdemo protestierten bis zur SPÖ ziehen, die die in ihren Statuten festgesetzte Frauenquote und deren Bestimmungen außer Kraft gesetzt hat.

Die Angriffe auf das Femcamp und seine Organisator_innen*, die von einflussreichen Lobbyist_innen*, Medienmarketingmenschen und Journalist_innen* betrieben und unterstützt wurden, machten deutlich, dass in Österreich mit breitem Widerspruch gegen sexistisches Verhalten nicht gerechnet werden muss. Feminist_innen* und ihre Unterstützer_innen* haben in Österreich keine Macht.

Die Debatte um die in die österreichische Bundeshymne gesetzten “großen Töchter” zeigte, dass selbst die wirklich einfachsten feministischen Forderungen in Österreich keine breite Unterstützung finden. Ermutigt von dieser Debatte, die in 20.000 Hasskommentare auf der Seite der österreichischen Ministerin für Bildung und Frauen, Gabriele Heinisch-Hossek, mündete, schrieben 800 Personen einen offenen Brief gegen das Binnen-I.

Der Brief von 800 Personen gegen das Binnen-I und anderen cisgendergerechten Schreibweisen, der zunächst in einer Zeitschrift erschien, deren Herausgeberverein nachweislich Kontakte mit der rechtsextremen Szene hat (auch wenn dieses Erscheinen angeblich ein “Versehen” war) zeigte, dass etliche  Wissenschaftler_innen, Lehrer_innen, Schuldirektor_innen ebenfalls nicht einmal die Grundlagen des Feminismus kennen, geschweige denn unterstützen. Lehrer_innen. Schuldirektor_innen. An der Universität beschäftigte Wissenschaftler_innen. Sauber, sauber.

Bei einer Demonstration in Salzburg gegen die dort stattfindende Demonstration der Abtreibungsgegner_innen wurden schließlich Aktivist_innen festgenommen und einige davon wegen “Verhetzung” angezeigt. Komischerweise passiert das bei Naziparolen, Nazigrüßen, Nazidemoschildern, Naziparteiplakaten etc. extrem selten. Also ein weiterer und deutlicher Schritt in Richtung Kriminalisierung von feministischem Aktivismus. Wurde kaum medial thematisiert. In Österreich steht Abtreibung übrigens immer noch im Strafgesetzbuch.

Schließlich – die Nachbesetzung des Mandats der verstorbenen Nationalratspräsidentin Barbara Prammer. Laut SPÖ-Statuten sollte eine Frau nachrücken, um die Frauenquote (40% sollten es eigentlich sein) zu erhalten. Nix da. Wieso denn auch, Österreich ist es aber sowas von wurscht, da kann auf Frauenquoten gut verzichtet werden, wenn die mal politisch nicht opportun sind. Dass die Frau, die nachrücken sollte, Sonja Ablinger, noch dazu nicht immer einer Meinung mit ihrer Partei ist und deshalb von Parteiseite her möglichst nicht ins Parlament zurückgelassen werden will, kommt dann noch dazu.

Wir (mich eingeschlossen) schauen immer etwas verächtlich auf die Schweiz ob der späten Einführung des Frauenwahlrechts: Macht euch keine Illusionen darüber, wenn es im Rest Europas auch Volksabstimmungen darüber gegeben hätte (in der Schweiz gab es darüber nämlich einige, bis endlich ein Ja herauskam), hätten Frauen* in den meisten Ländern das Wahlrecht wohl auch erst in den 1970ern erhalten – oder eventuell noch gar nicht. In Österreich würde ich auf gar nicht tippen. Wenn ihr die Liste im Wikipediaartikel zu Frauenwahlrecht durchseht, seht ihr, wie wenig Abstimmungen es dazu gab. Und abstimmen durften dann meistens die Männer, nicht die Frauen – außer auf den Philippinen. Eine vollständigere Liste ist z.B. hier.

Was kommt als nächstes? Und wann sagen wir “Stopp!”?

Hände hoch, hier ist die Feminismus-Polizei!

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*klopfklopf*

Unschuldige Zivilgesellschaft: “Wer ist da?”

“Die Feminismus-Polizei! Aufmachen! Sofort!”

Unschuldige Zivilgesellschaft: “Aber wir haben doch gar nix getaaaaaaan!”

—————————–

Wieviele Monate ist das Twitkulturdebakel nun her? Am 7. Dezember werden es 2 Monate sein. In Social Media-Zeit ist das ein halbes Jahrhundert oder so. Wieviel Kraft und Nerven @OljaAlvir und mich die Hasskampagne gekostet hat.

Vielleicht die (für mich) absoluten Tiefpunkte nochmal zur Erinnerung: Uns wurden indirekt Nazimethoden vorgeworfen – und es gab keinen Widerspruch. Der Organisator des Events favorisierte einen Tweet in dem ich “faschistischer Abschaum” genannt wurde. Nachlesen könnt ihr das alles hier.

In den zwei Monaten seither habe ich mein Schlafdefizit aufgeholt, meine Nerven sind einigermaßen in ihren Ausgangszustand zurückgekehrt. Olja hatte noch länger mit Angriffen zu kämpfen, ihr wurden Freundschaften aufgekündigt, weil es für die Personen opportuner war, sich auf die nichtfeministische Seite zu stellen, diskutierte sie etwas auf Twitter, waren sofort diejenigen zur Stelle, die ihr die Kritik an der Twitkultur nicht verzeihen konnten.

Ich wurde nicht weiter behelligt, weil ich mich systemkonform brav und ruhig verhielt. Und auch der folgende Seitenhieb gilt nicht mir, sondern Olja. Oder vielleicht doch mir? Nach meinem Post hatte ich immerhin ca. 100 Follower_innen mehr. Ich fand das etwas creepy und es hatte unangenehme Auswirkungen (deutliche Zunahme von Mansplaining). Aber sie ließen sich nicht vertreiben und es wurden immer mehr, oh dear. Kürzlich bekam ich das erste Angebot, für eine Rechtsanwaltskanzlei (wohl gratis) Werbung zu machen. Look parents, I’ve made it on the internetz. *augenverdreh* Die Autorin* des Artikels hat übrigens mehr Follower_innen als Olja und ich zusammen. Aber we “did it all for the Twitter fame” (Zitat aus ironisch gemeintem Tweet von Olja).

Ich dachte, Twitkultur wäre old news. Alte Nachrichten stinken ja bekanntlich wie der Fisch, um den sie gewickelt werden. Aber nein. Es ist Advent, der Jahreswechsel naht, und einige fühlen sich bemüßigt, den Gestank nochmal aufzuwärmen (hoffentlich findet der Artikel keine Nachahmer_innen).

Mich erreicht ein Hinweis auf diesen Artikel und ich dachte mir nichts weiter, weil was hab ich mit irgendeinem der genannten Links zu tun.

Aber dann lese ich den Ursprung der Twitterkonversation, in die ich gezogen wurde, nochmal nach.

“Kinder, die auf Twitter schlimm waren”. Häh? Ich klicke auf den obersten Link in der Kompilation und finde endlich heraus, woher der Wind weht. Na Mahlzeit.

Falls ihr nicht auf den Link klicken wollt, hier die Zitate, auf die ich mich beziehe:

“Es gibt unterschiedliche Gründe, das Twitter-Service zu nutzen. Shameless Self Promotion ist einiger der häufigsten davon. Das ist nicht verwerflich, man sollte dabei aber einige Grundregeln der guten Twitter-Etikette beachten.”

Neben anderen Punkten steht unter der Überschrift “Die Sittenpolizei” dann:

“Frauenanteil auf öffentlichen Veranstaltungen, im TV, auf Literaturveranstaltungen (#twittkultur): wer unbedacht für eine Nicht-Gender-neutralisierte Sache oder Veranstaltung wirbt, läuft Gefahr, ins Visier der Feminismus-Polizei zu geraten. Die Sache an sich, für die hier mit harten Bandagen gekämpft wird, mag eine Gute sein, aber der Zweck heiligt eben doch nicht alle Mittel. Offen gelassen sei hier auch, ob die Absicht hinter diesen Tweets überhaupt der Sache dienen sollte – oder nur der Positionierung einzelner Twitterantinnen.”

Ich glaube, damit sind genug Feminismus-Bullshit-Bingofelder besetzt, um mal laut und herzlich “Bingo!” zu rufen.

Ich hatte es ja völlig verdrängt, zum Glück hat mich diese Aussage in der digitalista-Zusammenfassung daran erinnert: Feminist_innen sind “nur auf Aufmerksamkeit aus”. Shameless self promotion steht dahinter, wenn wir z.B. darum kämpfen, dass Frauen* bei öffentlichen Veranstaltungen, im Fernsehen, bei “Literaturveranstaltungen” (das war #twitkultur nicht ausschließlich) angemessen repräsentiert sind bzw. werden.

So wie bei allen anderen, die etwas in der Welt bewirken wollen, oder? Wie zum Beispiel Kommunikationsagenturen, die würden gerne Aufträge kriegen und Geld verdienen. Oder Journalist_innen. Oder Menschen, die Events veranstalten. Aber Feminist_innen sind eben irgendwie böse oder so, keine Ahnung, es muss echt voll schlimm sein, was die machen, also kann auf ihnen rumgehackt werden.

Dass das dann Aufmerksamkeit, Bonuspunkte und hartes Bargeld für die Feminismuskritiker_innen bringt, ist aber keine shameless self promotion, neeeeinnnn, NIE! Was es ist: Verinnerlichter Sexismus. Und mal wieder auf dem Rücken der Frauen* Geld verdienen. Sauber.

Aber die Kritik ist schon gerechtfertigt, weil wenn’s um Feminismus geht, da kämpfen wir schon mal mit “harten Bandagen”, zum Beispiel indem wir zu erklären versuchen, warum Frauen anders und ev. öfter angesprochen werden müssen, wenn Veranstaltungen “gender-neutralisiert” (höhö, wie LUSTIG) besetzt werden sollen. Warum es wichtig und sogar von Vorteil ist, ein Gleichgewicht herzustellen bzw. über die Genderbinarität hinauszugehen. Dafür werden wir beschimpft, zum Teil sexistisch, schlimme Kinder und Nazis genannt. Im Gegensatz zu unseren harten Bandagen sind das ja Kinkerlitzchen.

Was ein tone argument ist und warum das mit “der Sache” bei der Feminismus-Polizei nur auf Ärger und Augenverdrehen stößt, ist halt noch nicht Kommunikationsagenturen- oder gesellschaftlicher Mainstream, leider. Und wird es auch nie sein, wenn’s nach der patriarchalen Gesellschaftsordnung geht. Die Ironie, dass es “der Sache” des Feminismus mehr schadet, wenn der Feminismus mal wieder als kindisch, aufmerksamkeitsheischend, überzogen, unverhältnismäßig, gefährlich, mächtig, ja sogar als staatliche Institution stereotypisiert wird, lassen wir hier elegant beiseite.

Oder nicht. Was soll mit “Sittenpolizei” gemeint sein? Etwa … “political correctness”? Eigentlich ist die Sittenpolizei für den Erhalt der guten Sitten, so die Grundzüge, was damit gemeint ist, vermittelt Wikipedia. Sehr missverständlich irgendwie (Polizeistunde gibt’s keine auf Twitter). Also präziser: “Feminismus-Polizei”.

Ach lol. Hätten wir doch nur so viel staatlich legitimierte Macht. Wie viel besser diese Welt schon wäre. Wer nicht merkt, dass im Jahr 2013 überall auf der Welt Frauen immer noch darum kämpfen müssen, als vollwertige Menschen mit allen Rechten, die ihnen qua Menschenrechtserklärung und – wo es entsprechende Gesetze gibt – qua Gesetz zustehen, ist entweder innerhalb der patriarchalen Gesellschaftsordnung privilegiert oder hat sich mit ihr gut gestellt und profitiert von ihr. Das tut dieser Artikel.

Ohne Not hätte dieser Paragraph ausgelassen oder – gute Güte! – sogar feministisch formuliert werden können. So á la “Wer im Jahr 2013 bei seinen Veranstaltungen noch nicht auf eine diversere Besetzung (ja, es gibt noch mehr Diskriminierungen außer Sexismus, z.B. Rassismus, Ableismus, Klassismus, usw.) achtet, sollte sich nicht über Kritik/Shitstorms wundern, sondern mal seine Privilegien überdenken.”

Aber so halb ist ja auch dieser Artikel wieder “lustig” gemeint, gell? Deshalb setzen sich alle, die es immer noch nicht begriffen haben jetzt nochmal hin (speziell die Kommunikationsmanager_innen, da lernt ihr noch was für den nächsten Shitstorm) und schreibt das hundertmal ab:
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Quelle

Und jetzt Hände hoch! Sie sind verhaftet!

Die Schweizerinnen* und die Geschichte von Unten

In der Schweiz wird gerade eine vierteilige Fernsehserie ausgestrahlt, Titel: “Die Schweizer”. Beworben und dargestellt werden? Männer. Richtig. Nein, es gab nie Schweizerinnen. Es gab nie Frauen! Nie! Merkt euch das doch endlich! Frauen gibt es nicht und hat es nie gegeben. (Und Menschen jenseits der Gendernormen erst recht nicht.) Nutzlos ihre Geschichte zu erforschen, sie darzustellen. Es gibt sie nicht.

Zumindest scheint es so. Immer noch. Im Jahr 2013. @co_g schreibt in ihrem Blog aufZehenspitzen ein wenig resigniert: “Feminismus hat keine breitflächige Unterstützung – nicht in den Medien, nicht in der Politik, nicht in der Gesellschaft. Es ist einfach niemand da außer uns.” Und ich möchte sagen: Ja. Und ich möchte sagen: Aber wir sind da. Wir und viele andere, die wir vielleicht gar nicht sehen, welche einzelne Person kann schon alles lesen, was passiert, wenn sie dafür nicht bezahlt wird und selbst wenn? Ich persönlich möchte auch sagen: Je sichtbarer wir werden, je mehr wir unsere Inhalte für breite Kreise öffentlich zugänglich machen, desto mehr werden wir. Hoffe ich. Trotz allem Hass, trotz allen Schmerzen, trotz dem täglichen Kampf, trotz der Arbeit, die das alles macht und die uns meistens nicht bezahlt wird. Wobei ich keiner*m vorschreiben will, das tun zu müssen. Echt nicht. Aber ich freue mich, wenn ihr es tut.

Darum schreibe ich jetzt über etwas, das Historiker*innen, die sich mit Frauen- und Geschlechtergeschichte auseinandersetzen, zum Teil schon sehr lange sagen. Aber vielleicht nicht jetzt gerade. Vielleicht nicht in Blogs (obwohl ich immer mehr Blogs von Historiker*innen sehe und mir jedes Mal mein Herz aus der Brust platzen will, weil ich mich so freue).

Also. Fernsehserie “Die Schweizer”, “Les Suisses”, “Gli Svizzeri”, “Ils Svizzers”, männliche Formen in allen vier Landessprachen, 6 Männerfiguren, die porträtiert werden. Eingebunden in ein “Themenmonat”-Konzept, das über alle Plattformen – Fernsehen, Radio, Internet – die Geschichte “der Schweizer” erklärt. Im erweiterten Themenkonzept kämen dann auch Frauen vor – ausgezeichnet dazu Sabine Altorfer.

Produziert wurde die Serie und der ganze “Themenmonat” von der Schweizer Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG SSR), die “zwar ein privatrechtlicher Verein und ein eigenständiges Unternehmen [ist], jedoch erhält sie neben ihrer Konzession vom Bund (für alle elektronischen Medien erforderlich) auch einen klaren gesetzlichen Auftrag für den sogenannten «Service Public». Das heisst die SRG SSR ist dafür verantwortlich, dass alle Sprachregionen eine gesicherte Informationsabdeckung und ein vielfältiges Unterhaltungs-, Bildungs- und Kulturprogramm erhalten. Dafür erhält sie einen Grossteil der Einnahmen aus den Rundfunkgebühren (70 %), die die Billag erhebt.” (Zitat aus dem Wikipedia-Artikel). Dort steht auch, dass die SRG “Trägerin des grössten Unternehmens für elektronische Medien in der Schweiz” ist. Die SRG hat also einen klaren öffentlich-rechtlichen Auftrag und wird dafür bezahlt.

Die Diskussion in der Presse und anderen Medien beginnt mit der Kolumne der früheren CVP-Nationalrätin und Nationalratspräsidentin Judith Stamm auf Seniorweb (Lest die!), auf die der Journalist Christof Moser aufmerksam wird und daraufhin den eingangs verlinkten Artikel in der “Schweiz am Sonntag” schreibt. Andere Politikerinnen* und auch Politiker* verschiedener Parteien hatten sich schon davor mit einem Brief, der die einseitige Darstellung der Schweizer Geschichte thematisierte, an den Generaldirektor der SRG gewandt. Hier eine gute Zusammenfassung mit Links zu relevanten Artikeln.

Auf Twitter lancierte @fatimavidal den Hashtag #Schweizerinnen (sie wird übrigens in keinem der von mir gelesenen Artikel als Urheberin erwähnt), um historisch bedeutende Schweizerinnen sichtbar zu machen. Auf Kolumne, Artikel, Hashtag folgt große Medienaufmerksamkeit. Dieses Phänomen haben ich und viele, viele andere ja schon seziert: Absichtlich wird der berechtigte Aufschrei provoziert, um Gratis-PR zu bekommen. Der Projektleiter Mariano Tschuor gibt das in diesem Interview mit Edith Hollenstein auf persoenlich.com offen zu, verwehrt sich aber gegen die “bösartige Unterstellung”, dass daraus Profit geschlagen werden sollte. Jaja. “I’m shocked! Shocked! To find that gambling is going on in here!” 

Aufregung. Vorschläge von geschichtlich bedeutenden Frauen. Texte, z.B. dieser hier von Michèle Binswanger. Oder dieser von Miriam Meckel, in dem sie fordert, genauer auf die Schweizer Geschichte zu schauen. Schließlich kommt heraus, dass das Ursprungskonzept, das unter der damaligen SRG-Generaldirektorin Ingrid Deltenre erarbeitet wurde, sehr wohl differenzierter war und bedeutende Frauen aus verschiedenen Epochen porträtierte. Aus “Spargründen” veränderte sich das Konzept unter der Leitung von SRG-Generaldirektor Roger de Weck zum “Prestigeprojekt” ohne Frauen (Artikel von Christof Moser und Alan Cassidy in Schweiz am Sonntag). Weil auf das 14./15. und das 19. Jahrhundert fokussiert werden sollte. Meta von Salis, erste offizielle Historikerin der Schweiz, Kämpferin für Frauenrechte im 19. Jahrhundert, die mit Frauen* in Beziehungen lebte, wurde dann aus dem “Prestigeprojekt”-Konzept gestrichen. In dem Artikel kommt auch endlich eine Historikerin* zu Wort, Susanna Burghartz von der Universität Basel. Mittlerweile ist das ganze angeblich kein “Prestigeprojekt” mehr, sondern nur ein “Angebot” sagt der Projektleiter Mariano Tschuor im Interview mit Michèle Binswanger im Tagesanzeiger.

Und es schreiben die Historiker oder solche, die sich dafür halten. Und erklären, warum es keine “bedeutenden Frauen” gegeben hatte, warum ihre nachträgliche Hervorhebung “Geschichtsverfälschung” (ja, das ist ein direktes Zitat) wäre. Zum Schluss kommt dann noch einer, der erklärt, wir sollten nicht so an den großen Figuren hängen, besser Geschichte von Unten betreiben, Bücher aus 1986 lesen und so (Pikant, dass dieser NZZ-Artikel normalerweise kostenpflichtig ist und “speziell für Sie” freigeschaltet wurde. Werbunnng!). Das sagt Susanna Burghartz auch. Aber wie das gesagt wird und wer das sagt, macht einen Unterschied.

Aus meiner Sicht lässt sich die Kritik aus historiographischer Perspektive an mehreren Punkten ansetzen:

1) Das Argument “Es gibt keine bedeutenden Frauen*.”

Tatsächlich gab es (wie schon hunderttausendmal gesagt) in der gesamten Geschichte weniger “bedeutende”, also tatsächlich mächtige Frauen* als Männer* – es gibt heute noch weniger mächtige Frauen* als Männer*. Weil wir in einer globalen patriarchalen Gesellschaftsordnung leben, die Frauen* den Zugang zur Macht möglichst schwer macht und wenn, dann nur unter erschwerten Auflagen gewährt. (Die Kapitalismuskritik von wegen Zugang zur Macht ist ohnehin abzulehnen merke ich hiermit an, aber darum geht’s jetzt nicht.)

Ja, es gab und gibt auch anders geordnete Gesellschaften. Viele von ihnen haben sich nach den ersten Kontakten mit der europäischen Gesellschaft unter ihrem gewaltsamen Einfluss zu patriarchalen Gesellschaften entwickelt (manche früher, manche später). Manche waren schon patriarchale Gesellschaften. Leider führt der Eurozentrismus der Geschichtsschreibung und der mangelnde (globale) Austausch zwischen Historiker*innen sowie die Abqualifizierung von Geschichte als “unwichtige” Wissenschaft im Vergleich zu den MINT-Fächern zur Marginalisierung wichtiger Forschung und Informationen, die wir für ein kompletteres Bild unserer Vergangenheit brauchen. Außerdem wurde und wird bei der Geschichtsschreibung durch weiße Forscher*innen die White Supremacy weitergetragen.

Da ich auch in diesem System verhaftet bin, spreche ich aus einer privilegierten, eurozentristischen Position und Perspektive.

2) Das Argument “Es gibt keine bedeutenden Frauen, weil sie keinen Zugang zu Macht hatten.”

Wie schon gesagt: Ja, es gab nicht sehr viele. Und trotzdem gab und gibt es Ausnahmen. Frauen kamen und kommen durchaus zu und an die Macht, auf verschiedene Art und Weise. Etliche Kaiserinnen*, Königinnen*, Fürstinnen*, Herrscher*innen auf lokalen, regionalen, staatlichen Ebenen, waren die einzigen Nachkommen ihrer Väter*, waren Ehefrauen* oder Witwen* ihrer Ehemänner*, Mütter* ihrer Söhne* und Töchter*. Verwitwete Ehefrauen* von Ratsherren* saßen durchaus im Stadtrat bzw. wurden um ihre Meinung gefragt. Ehefrauen* von Kaufmännern* führten die Geschäfte ihrer Ehemänner mit oder fort, waren Kreditgeberinnen*, Auftraggeberinnen*. Äbtissinnen*, Nonnen* gründeten, leiteten Klöster und verwalteten die zugehörigen Ländereien (d.h. übten Macht über Menschen aus, die diese bewirtschafteten), etc.

Und das ist nur ein ganz, ganz, ganz kleiner Bruchteil der vielen verschiedenen Machtpositionen, die Frauen in der Geschichte einnahmen. So wie wir heute gleichzeitig diskriminiert und privilegiert sein können, waren im ganzen Lauf der Geschichte Menschen gleichzeitig diskriminiert und privilegiert. Selbst eine Dienerin* am Hof des Königs* war privilegiert gegenüber einer Dienerin*, die in einem bürgerlichen Haus arbeitete, gegenüber Frauen*, die keine Arbeit hatten, die nicht als Dienstpersonal* arbeiten konnten, etc. Gleichzeitig war die Dienerin* am Hof des Königs* von vielen der Diskriminierungen betroffen die auch die Dienerin* im bürgerlichen Haus, die Frauen*, die keine Arbeit hatten, die nicht als Dienstpersonal* arbeiten konnten betrafen.

Erst durch die genaue Erforschung unter dem Aspekt der Frauen- bzw. Geschlechtergeschichte werden die Frauen sichtbar, die eben doch Macht hatten (ich spreche jetzt hier wieder von politischer bzw. monetärer Macht). Das geschieht, indem Historiker*innen genau auf die “bedeutenden” Frauen* schauen und noch genauer auf die “bedeutenden” Männer*, auf die sie umgebenden Menschen und auf die Machtgefüge, sowohl abstrakt als auch individuell.

3) Das Argument “Aber die vermehrte Darstellung von bedeutenden Frauen ist Geschichtsverfälschung, weil es gab sie nicht.”

Stellt euch ein Bild vor. Zuerst seht ihr nur eine Figur – einen Mann. Wenn ihr näher herangeht, seht ihr mehrere Figuren, die den Mann umgeben, Männer und Frauen. Geht noch näher heran und ihr seht immer mehr Figuren, ihre Körperhaltung, ihre Kleidung, Möbel, Gebäude, Tiere, Landschaften … vielleicht sind die Menschen auf dem Bild nicht mehr Männer und Frauen, sondern Männer* und Frauen*. ist das ursprüngliche Bild verfälscht? Oder ist es einfach ein kompletteres Bild? Menschen, die so argumentieren, haben keine Ahnung von Geschichte und Geschichtsforschung.

Geschichtsforschung betrifft – wenn wir die Archäologie und noch ein paar andere Wissenschaften dazunehmen, auf die sich die Geschichtsforschung stützt (Sorry! Eigentlich seid ihr alle nur für Historiker*innen da.) – die gesamte Geschichte der Erde. Alles. Ja, das ist ziemlich viel. Zwischen “Die Geschichte des Universums” und “Wie empfand Rosa Luxemburg Trauer?” liegen so unglaublich viele Schichten, Lagen, Schattierungen und Nuancen, dass sie gar noch nicht alle erforscht sind bzw. manchmal aufgrund mangelnder Quellen gar nicht erforscht werden können. Da kommt dann die Interpretation ins Spiel, Geschichtsforschung wird zum Detektiv*innenspiel, bei dem aus Indizien auf Zusammenhänge geschlossen wird. Nach wissenschaftlichen Methoden – eine Theorie gilt so lange, bis ihr Gegenteil bewiesen ist. Darum ist Geschichte auch eine Wissenschaft, die studiert werden kann.

4) Das Argument “Es sollten keine Heldenfiguren mehr porträtiert werden.”

Prinzipiell: Ja. Geschichte besteht nicht nur aus Helden, die völlig aus allen Zusammenhängen gerissen die Mächte des Schicksals bezwingen. Geschichte besteht aus einer unglaublichen Masse von Menschen. Jede einzelne Person, die jemals auf diesem Planeten gelebt hat und jetzt lebt, verdient es, dass ihre Geschichte auf die nuancierteste Weise erzählt wird. Ihre Geschichte, das sind nicht nur die Taten einer Person, sondern auch die einzelnen Stufen dieser Geschichte (Kindheit, Jugend, Phasen des Erwachsenseins, Alter), ihre Beziehungen (zu Verwandten, Freund*innen, Partner*innen, ev. Nachkommen, Tieren, Gegenständen, Lebensorten, Konzepten wie Religion, Politik, Arbeit, Freizeit, etc. etc. etc), ihre Gedanken, ihre Gefühle, ihre physischen Gegenstände (ev. Wohngebäude, ev. Möbel, ev. Kleidung, ev. Krimskrams – je nachdem, was da war).

So wie ihr jetzt seid, wie ich bin, wie ihr als einzelne Personen seid, in allen euren Facetten, so sollten alle dargestellt werden. Und dann die Zusammenhänge in denen sie sich befinden, die größeren Phänomene, die staatlichen und gesellschaftlichen Systeme etc. etc. etc. (stellt euch das einfach als Mischung zwischen Teleskop und Mikroskop vor).

Warum habe ich dann vorher “Wie empfand Rosa Luxemburg Trauer” geschrieben? Hier kommen wir zu einer Schwierigkeit der Historiographie. Es ist um vieles einfacher, Epochen, Abläufe, einzelne Geschehnisse, Personen, deren Gefühle, etc. in allen Facetten zu erforschen, wenn es viele Materialien dazu gibt, besonders Texte, besonders Texte, die sie wirklich selbst geschrieben haben. Je weiter zurück wir in die Vergangenheit gehen, desto weniger Texte gibt es, weil nicht alle Menschen in Schriftkulturen lebten, bzw. Zugang zu Schrift hatten, zu Schreibmaterialien, weil ihre Aufzeichnungen für wertlos befunden wurden. Je geringer der soziale Status, desto weniger Zugang, desto weniger wird überliefert – bis heute.

Eine Möglichkeit ist, sich den Menschen durch ihre Gegenstände anzunähern – die Erforschung ihrer materiellen Kultur. Aber das ist schwierig, weil wir nur dann wirklich gesichert nachweisen können, was eine Person über eine Lampe oder ein Kleid dachte und empfand, wenn sie ausführlichst darüber geschrieben hat. Denkt an eure Blogs, eure Twitterauftritte, euer Facebookprofil, eure tumblr, Instagram-Accounts, etc. Alle sprechen immer davon, dass es sinnlos wäre, so viel zu dokumentieren. Historiker*innen wünschen sich, die Menschen der Vergangenheit wären so akribisch vorgegangen. Historiker*innen der Zukunft werden sich über eure Dokumentationsleidenschaft freuen, wenn sie noch Zeugnisse davon finden.

Die Schwierigkeit, dass wir nicht absolut alles von uns preisgeben im Internet, die könnt ihr euch auch für die Menschen der Vergangenheit denken. Selbst wenn sie jeden Tag genauestens Tagebuch geführt haben, bleiben doch weite Teile, die sie uns nicht erzählen. Diese versteckten Teile auch noch herauszulesen aus allem, das ist die große Kunst der Geschichtswissenschaft. Darum ist es viel leichter, über Held*innen zu schreiben, weil es mehr Texte von ihnen oder über sie gibt, weil Bilder von ihnen gemalt wurden, weil Gegenstände von ihnen vererbt bzw. aufbewahrt wurden, etc.

5) Das Argument “Es soll Geschichte von Unten betrieben und dargestellt werden.”

Ja! Uneingeschränkt ja, tausendmal ja. Zehntausend mal ja. Was ist “Geschichte von Unten“? Laut Wikipedia “ein Ansatz mit dem die Alltagsgeschichte von diskriminierten Gruppen – meistens in einem regionalen Kontext – erforscht und dargestellt werden soll”.

Denkt euch den regionalen Kontext weg und hinzu, dass bei Frauen- und Gendergeschichte eben auf Mehrfachdiskriminierungen geachtet wird und auch Männer ins differenziert betrachtende Blickfeld rücken. Um das ein wenig zu veranschaulichen: Sonja Ablinger zitiert auf ihrem Blog die Historikerin Gerda Lerner, Pionierin der Women’s History. Sie zitiert dort auch in Anlehnung an Bertolt Brecht die Fragen lesender Frauen (hier auf einer anderen Seite nebeneinander, allerdings ist das eine schleißige Quellenangabe, woher die Fragen der lesenden Frauen wohl stammen?).

Dabei differenzieren Historiker*innen immer weiter. Geschichte von Unten schaut auf die, die die Held*innen durch ihre Arbeit auf ihrem Rücken trugen. Geschichte von Unten schaut, wie diese Menschen lebten, arbeiteten, was für Kulturen sie entwickelten, etc. Aber es ist zu einfach zu sagen “Schauen wir auf die Arbeiter” und die Arbeiterinnen* völlig auszublenden. Die Geschichtsforschung ist schon viel weiter. (Nochmal wiederhole ich jetzt nicht, was ich oben gesagt habe.)

Warum schlägt sich das so wenig im Alltag – bzw. in den Medien – nieder?

Das führe ich jetzt nicht mehr so genau aus, weil darüber schon so viel geschrieben wurde. Diese Argumente sind relativ bekannt.

a) Der Universitätsbetrieb ist eingebettet in die patriarchale und kapitalistische Gesellschaftsordnung.

Soll heißen (und das haben wir jetzt wirklich oft genug durchdekliniert): Universitäten sind nicht mehr zur Bildung da, sondern um Arbeitskräfte auszubilden. Studienrichtungen, von denen erwartet wird, dass sie mehr “Profit” abwerfen, bekommen mehr Geld. Frauen- und Genderforschung – nicht nur in der Geschichte – wird auch innerhalb des Universitätssystems diskriminiert, auch wenn es nicht so erscheint. Insgesamt bekommen Universitäten immer weniger Geld, da der Zugang zu höherer Bildung für alle nicht mehr erwünscht ist.

Trotzdem verheißen Studienabschlüsse – auch in “unwichtigen Fächern” Zugang zu besser bezahlten Berufen, dabei sind diese Berufe vielfach nicht mehr vorhanden. In das Universitätssystem selbst einzubrechen ist sehr schwierig, besonders als Frau*, aus vielen Gründen. Im Universitätssystem zu bleiben ist ebenfalls schwierig, besonders als Frau*, aus vielen Gründen.

Und schließlich: Gute, ausdifferenzierte Forschung kostet Geld. Wenn ich alle Facetten erforschen will bzw. vielleicht neue Methoden entwickeln will, brauche ich entweder sehr viel Zeit oder sehr viele Personen, die das gemeinsam tun. Dafür braucht es Geld, das nicht mehr zur Verfügung steht, erst mühsam eingeworben werden muss und woraus neue Abhängigkeiten entstehen können, die zu schleißiger Wissenschaft führen.

b) Die offizielle Geschichtsschreibung verändert sich nur langsam

Dadurch dass an den zentralen Stellen der Universitäten immer noch weniger Frauen* bzw. andere diskriminierte Personengruppen sitzen, sind die Universitäten nicht sehr divers. Das schlägt sich auf die Forschung nieder, auch auf die Geschichtswissenschaft. Daher sind auch die Lehrbücher und die Schulbücher noch nicht sehr divers und das patriarchalische Gesellschafts- und Geschichtsbild verbreitet sich ungehindert weiter von Generation zu Generation.

Gleichzeitig gibt es die Hierarchie zwischen “offizieller Geschichtsforschung”, die durch studierte Historiker*innen stattfindet und denjenigen Menschen, die selbst beginnen, Geschichte zu erforschen. Ihnen wird vorgeworfen, nicht “reflektiert” genug zu sein. Mittlerweile haben sich die reflektierten Historiker*innen von der Illusion verabschiedet, “objektiv” zu sein und erkennen, dass sie ihre eigenen Prägungen in ihre Wissenschaft einbringen, was durchaus von Vorteil sein kann – aber eben auch ein Nachteil, wenn durch eigene Voreingenommenheiten wichtige Details übersehen, verschwiegen, unsichtbar gemacht werden. Darum, wenn jemand fragt “Ist dieses und jenes nicht schon genug erforscht?” lautet die Antwort immer “Nein.” Wir sind noch nicht am Endpunkt unseres Wissens angelangt und werden es nie tun.

Und so wie es wichtig ist, dass Menschen Blogs schreiben, twittern, etc., ist es in Anbetracht der Tatsachen auch wichtig und richtig, dass Privatpersonen Geschichtsforschung betreiben. Privatpersonen haben Zugang zu den Quellen, die die eigene, die Geschichte der Familie (und nein, damit sind nicht nur Papa, Mama, Oma, Opa gemeint – Familie ist größer, viel größer oder kleiner, viel kleiner) erschließbar machen: Gegenstände, Fotos, Briefe – wenn diese nicht vorhanden sind, vielleicht Geschichten, Erinnerungen. Vielleicht aber auch nicht. Auch hier ist es so, wie mit der ganzen Geschichtsforschung: Manchmal gibt es – aus den verschiedensten Gründen – keine Quellen. Manchmal lässt sich über Umwege etwas erfahren. Manchmal nicht.

Aber wenn es Quellen gibt und eine Person die Arbeit auf sich nehmen möchte, dann drauflos. Ihr generiert nämlich Daten für zukünftige Historiker*innen ;) und teilt euer Wissen mit der Menschheit. Eine, durch die ich überhaupt erst auf das ganze “Schweizer”-Debakel aufmerksam wurde, hat die Erforschung ihrer Geschichte selbst in die Hand genommen. Die Autorin @zoradebrunner beschäftigt sich auf ihren verschiedenen Blogs immer wieder mit ihrer persönlichen und mit ihrer Familiengeschichte. Heute, nach einer gemeinsamen, kurzen Unterhaltung schrieb auch sie über “Geschichte von Unten“.

c) Medienmacht und Frauen in den Medien

Muss ich dazu noch viel sagen? Die Ausrede, dass die Darstellung von Frauen* und anderen diskriminierten Gruppen in den Medien nicht auf Interesse treffen würde, haben wir schon zu oft gehört. Es ist eine Ausrede. Lassen wir sie nicht gelten – so wie viele Schweizerinnen* und Schweizer* sie nicht gelten lassen haben. Und wenn sie uns nicht “mitspielen” lassen, dann hören wir auf, diese Medien zu unterstützen. Erschaffen wir unsere eigenen Plattformen, schreiben wir unsere eigenen Geschichten. Smash patriarchy.

Warum das jetzt grad genervt hat

Achtung, ich fluche jetzt. Weil mich das nervt, das was ihr macht. Ja, denkt euch nur, dass ich übertreibe, denkt, dass das eine Nichtigkeit ist. Und dann geht weg und lasst mich in Ruhe. Bitte. Permanent. Ich verzichte gerne auf euch.

Ich schrieb gestern einen Blogpost, in dem ich relativ oft “Ja, nee.” verwende (und der eigentlich schon eine Warnung hätte sein sollen, aber neinnnn …). Das kommt aus dem Englischen, von “yeah, no.” Nein, das heißt auf Deutsch nicht “jein”. Das heißt NEIN. Denkt euch ein langes, langgezogenes, ironisch klingendes “Jaaaaaaaaa” und dann ein kurzes, ernstes, mit ernstem Gesicht ausgesprochenes “Nein”.

Heute machte ich mir auf Twitter Gedanken darüber, wie ich das am Besten in einen österreichischen Dialekt umsetzen würde. Nein, ich bin *nicht* gegen Sprachwandel oder  Anglizismen im Allgemeinen oder sonst irgendwas. Ich bin für Sprachwandel, weil das an vielen Stellen notwendig ist und an anderen Stellen Spaß macht. Darum geht’s hier nicht.

Ich bin zuhause mit Schweizerdeutsch aufgewachsen, allerdings hauptsächlich in Wien, d.h. trotz Reisen und auch längerer Aufenthalte in der Schweiz eigentlich ohne große Verbindungen zu meiner Elternsprache. Die andere Elternsprache war “Hochdeutsch”. Nicht einer der Wiener Dialekte, obwohl mein “Hochdeutsch” durchaus Wiener Einfärbung hat und eben nicht das bundesdeutsche “Hochdeutsch”.

Also sage ich im Alltag NIE “Ja, nee”. Ergo meine Tweets, in denen ich über eine in meinem gesprochenen und geschriebenen Alltag passende Form nachdenke:

Genauer erkärt:

Wenn ich “Yeah, no” in den ostösterreichischen Dialekt umsetze, der noch andere Dialektausprägungen kennt (Wiener Bezirke haben/hatten eigene Dialekte), wäre das “Jo, naa.” (Das “jo” wird in diesem Dialekt anders ausgesprochen als das “jo” in meinem Schweizer Dialekt). Ich sage im Alltag WEDER “Jo” (österr.) noch “naa”. Das ist nicht mein Dialekt. Punkt. Ich schreibe auch nicht im österreichischen ODER im Schweizer Dialekt, weil das keine “Schriftsprachen” sind – außer ich will a) ironisch sein, b) denke über die Verwendung von Dialektbegriffen nach oder c) fluche (witness ein gopfertoorinonemol am Freitag, bevor ich meinen Blogpost schrieb).

Fazit also: Wenn ich etwas schreibe, werde ich weiterhin “Ja, nee” verwenden, weil es für mich schlüssiger klingt. Das ist mein privater Fazit.

Und was passiert?

Kommt einer und sagt:

Nervig genug. Ich finde nicht, dass sich Dialekte schlecht anhören. Ich finde sie zum Teil lustig, so wie andere Menschen meinen Schweizer Dialekt lustig finden bzw. anders, weil ich weiß, dass das nervig ist. Ich mag einfach Worte, schöne oder “lustige” Worte machen mich froh, nicht nur in Dialekten, auch in Sprachen.

Manche Dialekte verstehe ich nicht. Manche verstehe ich besser als andere. No big deal. Es gibt Menschen, auch um mich herum, die mir immer wieder erzählen wollen, wie fürchterlich dieser oder jener Dialekt klingt – das regt mich auf! Besonders wenn es Schweizer*innen sind, die auf ihrem begrenzten Raum bei 26 Kantonen auch noch über andere, vielleicht 100 km, vielleicht 2 km entferne Kantone herziehen ARGH! Als hätten wir nicht genug mit Rassismus zu tun, müsst ihr auch noch so herumtun. Dasselbe in Österreich. Dieses Problem gibt es auch überall, weil es Klassismus und Rassismus überall gibt.

Denn vergessen wir bitte nicht (wie ich dann dem Twitterer erklärte), dass zwischen “Hochsprache” und “Dialekt” sprechenden Menschen ein Machtgefälle besteht, in das Klassismus und Rassismus involviert sind und dass schon das Wort “Schriftsprache” wertend ist und ARGH!!!! Geht weg mit eurem Zeug!

Und dann kommt noch einer (mit dem ich mich ansonsten gern unterhalte), der auf meinen ersten Tweet meint:

Ja, mit Zwinkersmiley. War also “ironisch” gemeint. Hardihar. Meine zunehmend aufgebrachte Reaktion versteht er nicht. Dann erkläre ich es hier nochmal:

“Your loss” impliziert, dass es für mich ein Verlust, also schlecht, ist, dass ich die österreichische Dialektversion nicht verwende. Später meint er, mit “your loss” sei “da kann man wohl nix machen” gemeint. Warum soll ich da was machen müssen? Ich muss da gar nix machen, verdammt noch mal! Warum muss ich mir blöde Kommentare gefallen lassen, auch wenn sie witzig gemeint waren?

Was darunter mitschwimmt: Immer mehr cismännliche Follower fühlen sich in letzter Zeit bemüßigt, meine Tweets und Aktionen zu kommentieren, entweder kritisch bzw. bevormundend (siehe letzter Post) oder in der Gewissheit, damit “zu unterstützen” oder “witzig” zu sein. Nein! Tut/Seid ihr nicht! Auf verärgerte Reaktionen wird dann noch insistiert und plötzlich, huch, ist die ja wütend, was soll das denn jetzt?

Ganz einfach: Ihr müsst unbedingt eure (Rede)bedürfnisse durchsetzen. Ihr merkt nicht einmal, dass ihr das tut. Auch wenn ich schon zu verstehen gebe, dass mich das nervt und/oder verletzt. Ihr hört einfach nicht auf. Das nervt. Extrem.

Manchmal seid ihr mir zu unreflektiert, so wie ich es sicher vielen auch bin. Ich versuche ernsthaft, mich mit Diskriminierungen (nicht nur mit Feminismus) zu beschäftigen und meine Privilegien zu reflektieren und mich besser zu verhalten. Manchmal klappt das nicht, ich brauche noch viel Übung. Drum lese ich aufmerksam immer weiter und übe. Ich versuche auch immer mehr, einfach den Mund zu halten und zuzuhören. Ich muss nicht zu allem meinen Senf abgeben, dafür gibt es die “Fave”-Funktion auf Twitter oder ich kann Menschen nach einem Gespräch sagen “cooles Gespräch, danke”.

Ich spreche und tweete gerne mit euch, aber wenn ich schon zu verstehen gebe, dass mich das jetzt aufregt/nervt, bzw. ich euch nur ganz selten antworte, dann versteht das richtig: Ich will (grad) nicht mit euch (weiter)reden. Wenn ihr meine Bedürfnisse nicht ernst nehmt, könnt ihr nicht erwarten, dass ich “nett” bleibe. Googlet dazu: “mansplaining”, “silencing” und “tone argument”. Und jetzt lasst mich in Ruhe.

Bei jedem Hashtag auf Twitter, der Diskriminierungen sichtbar machen soll

Wir hatten: #aufschrei, #schauhin, #nudelnmitketchup, jetzt grad #isjairre und es werden wohl noch viele folgen, weil unsere Gesellschaft voll von Diskriminierungen ist.

Bei jedem der bisherigen Hashtags kriegte ich (als bisher in 2 von 4 Fällen privilegierte, aber solidarische):

  • einen Befehl, still zu sein. Ich soll nicht so viel tweeten und retweeten, das überschwemmt ja die Timeline! Variante: Die Tweets mit einem Hashtag versehen, der sie für die Timeline unsichtbar macht.

Niemand ist böse, wenn ihr etwas grad nicht lesen könnt, weil es euch triggert. Aber für den Rest: Wie stellt ihr euch das eigentlich mit der Sichtbarmachung vor? Wird etwas sichtbar, wenn ich es in mein Tagebuch kritzle und dann verbrenne? Wie Twitter so funktioniert, hat sich euch wohl noch nicht erschlossen, oder? Es gibt zwei Möglichkeiten: Mutet oder entfolgt (ja, das geht auch AUF ZEIT, superpraktisch oder?). Wenn ihr etwas nicht lesen *wollt*, weil es euch “nervt” – Gratulation! Ihr seid wahrscheinlich Privilegienträger*innen. Und tatsächlich kriege ich solche Meldungen vonnnn – ja! Weißen, heterosexuellen Cismännern! Woooo!

  • einen Kommentar, der womöglich noch “gut gemeint” *genau* das repliziert, worüber getwittert wird.

Schlimm genug, dass solche Hashtags Menschen anziehen, die sie dann ins Lächerliche ziehen oder sie dazu benutzen, ihren Hass und ihre Diskriminierungen weiterzuverbreiten (siehe #aufschrei und #schauhin). Aber wenn schon so viele Menschen darüber reden, wie es sie verletzt, dauernd Empfehlungen zu kriegen, z.B. doch Sport zu machen, weil das so helfen soll, dann noch zu sagen “Aber Sport hilft wirklich!1!einself” und dann nicht mal einzusehen, wenn erklärt wird, dass das nicht für alle gilt und jetzt nicht so toll kommt, ja nee …

  • einen Kommentar, dass “Twitter nicht das richtige Format dafür ist.”

Oh, huch, Entschuldigung, wir hören sofort auf damit und sind still, ja? Wir kommen dann zu der Demo dagegen, die du organisierst, ja? Dreimal könnt ihr raten, von wem solche Kommentare kommen. Wie das funktioniert, dass ich mit anderen Menschen lange, interessante, respektvolle Diskussionen auf Twitter führen kann … da muss MAGIE im Spiel sein.

Weitere Favoriten (so allgemein, nicht zu mir direkt):

  • Ihr jammert hier nur, bietet aber keine Lösungsvorschläge! Macht doch mal Vorschläge, wie das gelöst werden kann!
  • Das hier auf Twitter zu machen ist so sinnlos, macht das doch im echten Leben.
  • Braucht ihr für alles einen Extrahashtag?
  • Könnt ihr nicht die positiven Erlebnisse berichten?

Was wir hier veranstalten ist eine Demonstration. Wir wollen auf gesellschaftliche Probleme aufmerksam machen. Gleichzeitig zeigen wir einander, wer wir sind und erkennen, dass wir nicht alleine sind. Es bilden sich neue Netze über Ländergrenzen hinweg, aber auch in derselben Stadt oder im selben Land und schwupp, schwappt der Onlineaktivismus ins “echte Leben” (Hallo, wir sind hier im echten Leben. Ja. Auch auf Twitter.) über, wenn’s gut geht. Welches Recht nehmt ihr euch heraus, uns zu sagen, wie wir uns zu verhalten haben? … ach ja. Das Recht. Das Recht der Privilegierten. Ja, nee.

Gerne Ergänzungen in den Kommentaren.

Ein perfides Spiel mit der Wahrheit

Danke an @somlu1968 für Überlegungen und Recherche.

Kurz nach dem Posten meiner Replik auf den unsäglichen Artikel auf SpiegelOnline, als ich sah, wie mein Text retweetet und gefavt wurde, dachte ich mir schon: “War das klug? Jetzt kriegt er noch mehr Aufmerksamkeit.”

Spät am Abend sprach ich dann mit @SchwarzeTage über dieses perfide Spiel. Ein schlechter sexistischer “satirischer” Artikel wird geschrieben, wo ein Mann um Sympathie wirbt, weil ihm “die Frauen” das Leben ruiniert haben. Dafür wird er bezahlt. Dem Artikel liegt die Berechnung zugrunde, dass eine heftige Diskussion ausbricht, denn solcher Sexismus und Klassismus kann nicht unwidersprochen bleiben.

Warum nicht? Warum müssen “wir” widersprechen? Es gibt tausende solche Artikel, jeden Tag kommen neue dazu. Damit erzeugen sie ein Klima, in dem solche Artikel als witzig wahrgenommen werden. In dem es ok ist, Scheitern an Strukturen “den Frauen” oder anderen diskriminierten Gruppen anzulasten. Damit ist so ein Artikel Teil der sexistischen Kultur (Rape Culture), in der Frauen immer an allem Schuld sind. Willkommen im Patriarchat.

Der in dem Artikel reproduzierte (wenn auch “satirisch” interpretierbare – siehe weiter unten im Text) Klassismus wird übrigens nur von Betroffenen* und sensibilisierten Personen wahrgenommen. “Was ist daran klassistisch,” wurde ich gefragt.

Jedenfalls drückt der Artikel auf Knöpfe und löst damit Reaktionen aus. Denn nun bekommt der Artikel viel mehr Aufmerksamkeit als er jemals verdient hat. Klicks, Kommentare, Blogposts, Tweets. Alles mündet in Geld für SpiegelOnline – Klickrate, Verweildauer, Kommentarrate haben Auswirkungen auf Kosten für Werbeanzeigen, durch die sich Medien finanzieren. Für einen kurzen Artikel, der auf Kosten von Frauen* geschrieben wurde, erledigen jetzt vor allem Frauen* und Verbündete* die Werbearbeit, unbezahlt, versteht sich.

Solche perfiden Provokationen – Knopfdruck – Aufregung – Aufmerksamkeit – Geld – sind nichts Neues. Es macht mich so wütend, dass Menschen und Konzerne dieses Mittel auf die leichtfertigste Art und Weise einsetzen, um auf dem Rücken der Diskriminierten* Geld zu scheffeln. Wie viele ausgezeichnete Journalist*innen können kaum von ihrer Arbeit leben? Wieviele sind darauf angewiesen, gratis zu arbeiten, um nur einen Fuß ins Mediengeschäft zu kriegen? Wieviele verlassen dieses Feld oder kommen erst gar nicht rein, obwohl wir ihre Stimmen dringend brauchen?

Ich wollte hier abstrakt über die Mechanismen der Medien schreiben und nicht persönlich werden. Aber eine einfache Suche im Internet ergibt, dass der Autor des Uni-Loser-Textes Identitäten und Herkunftsgeschichten annimmt und ablegt (gerne im Rahmen von “Satire”) wie es ihm passt, und damit erfolgreich ist.

Link zum SpiegelOnline-Artikel – aus studiertem Hause
Link zu “Polemik” (Satire) in der Badischen Zeitung – angeblicher (sicher satirisch) Sohn eines Rübenbauers
Link zu Artikel in der taz – Großvater war Pfarrer

Was soll ich da eigentlich noch glauben? Welchen Medien soll ich da vertrauen? Und warum kriegt so ein Journalist weiterhin Geld, Raum für seine Lügen, Arbeit?

Was für ein Sittenbild. Aber stillhalten geht auch nicht.

https://twitter.com/SchwarzeTage/status/383369442165796864

Bis wir das Patriarchat zerschlagen haben.