Berlin, April 2014

“Wir kaufen Ihr Miethaus” klingt nach einer gefährlichen Drohung. Heute sah ich, dass in Moabit abgerissen und renoviert wurde. Gentrifizierung, ick hör dir trapsen.

In die falsche S-Bahn steigen und schon bin ich unterwegs ins Bauhausmuseum, mit Frühstückszwischenstopp in Charlottenburg, das mich anscheinend nicht loslassen will. Bourg de Charlotte, du alte Klette, ja, ich mag dich doch auch. Warum hat mir eigentlich niemand gesagt, dass es in Berlin ein Jugendstilmuseum gibt, das allerdings noch wegen Umbau geschlossen hat? Also erst mal Bauhaus.

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Als ich 1998 das erste Mal Berlin besuchte, mit meiner Schweizer Schulklasse, durften wir nicht alleine in Berlin herumfahren. Frau Anna Z., die mit 14 und 15 schon alleine in London herumgesaust war, stieg in einen Bus und fuhr alleine zum Bauhausmuseum und entgegen aller Befürchtungen starb sie nicht, sondern sah sich eine Ausstellung über die Textildesignerinnen* des Bauhauses an, denn das durften die Frauen* damals im Bauhaus.

15 Jahre waren es letzten Herbst. Stolz zeigte ich nachher meine Trophäen meinem Vater, damals noch analoge Fotos und die Postkarten aus dem Bauhausmuseum. Mit meiner Klasse wohnte ich in der Jugendherberge beim Tiergarten und eines Abends gingen wir aus, in den Tresor. Erster Club ever und das unschuldige, zum ersten Mal groß (von N.) geschminkte Annakind aus der Großstadt Wien war vom Stroboskopeffekt faszinierter als von dem blonden Jungen, der ihm zulächelte. Alles war in Momentaufnahmen zerhackt und meine Mitschüler*innen sahen großartig aus.

An der Haltestelle, an der wir aussteigen, um zu unserer Jugendherberge zu gelangen, sahen wir auf der Botschaftswiese hinter einem Zaun jeden Abend mehr Kaninchen …

Moderne Architektur, modernes Design erinnern mich natürlich an meinen Vater und nun sitze ich hier im Museum, belausche Franzosen beim Aufzeichnen der Maße des berühmten Schachspiels von Josef Hartwig und heule mal wieder. Atmen, Anna, Atmen. Wenigstens werden nun die Frauen*, die im Bauhaus wirkten, durchgängig prominenter hervorgestrichen. Eine Eulen- und eine Katzenstatue von Josef Hartwig wirken wie eine kleine Internetreferenz. Ich gehe jetzt. Taschentuch, Museumsshop. Hoppelhase aus Holz, Vorlegebesteck, das wie ein Spielzeug zum Zusammenbauen aus einem Rahmen herausgedrückt werden muss. Vielleicht lass ich es drin. Warum bin ich immer so verwirrt von der Freundlichkeit der Menschen hier? Warum erwarte ich, dass sie unfreundlich sind? (Wien, daran bist du schuld.)

Ich fahre an dem Rasenstück mit dem Zaun vorbei, wo die Kaninchen grasten, es liegt auf der anderen Seite des Kanals. Jetzt sind wir fast am Potsdamer Platz, bei Philharmonie und Gemäldesammlung, beide habe ich 1998 besucht, ich will aber zum Moritzplatz, um von dort mit der U-Bahn zur Weinmeisterstraße zu fahren. Ich mache Schlenker durch die Stadt, denn noch habe ich Zeit.

Die Statue im Waldeckpark trug den ganzen Winter einen gelben Schal, jetzt trägt sie ein schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift “Wonderwaffel”, Werbung also. Die Zierkirschenbäume beim Moritzplatz blühen. Ein Besuch in meinem Lieblingsbuchladen, wo ich immer Tee und Zuspruch bekomme und Bücher erwerbe, die nicht auf dem Plan standen. Hundt Hammer Stein heißt sie. Jetzt habe ich noch ein Buch von Zadie Smith, ihr erstes (White Teeth), eines von Teju Cole, eines über einen Enterich, der ein Ei findet. Vielleicht lese ich es Nibling vor, in zwei, drei Jahren. Am Samstag kommt dann noch ein Buch von Chimimanda Ngozi Adichie dazu, als gäbe es in Wien keine Buchhandlungen. Naja, bisher keine in der ich Tee und Zuspruch kriege.

Zurück nach Kreuzberg. Ich nehme am liebsten den M29, weil der mich direkt vor dem Café abliefert, zu dem ich will. Und nachher bringt er mich wieder zurück, normalerweise fast direkt vor die Charlottenburger Hosteltür, diesmal wenigstens zur U2, die mich zur Turmstraße bringt. Diese Illusion, sich langsam auszukennen. Ein bisschen halt.

Berlin.

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Winternachtreise

Für @viennarightnow

Ich hätte ins Museum gehen sollen heute früh. Ich wäre glücklicher gewesen. Vielleicht hätte meine charmant zerstrubbelte Erscheinung auf eine ebenso charmant zerstrubbelte Person Eindruck gemacht und beim Wandeln durch die Räume wären wir uns immer wieder begegnet, hätten uns angelächelt und wären schließlich ins Gespräch gekommen, Meet-cute, Fernbeziehung Wien-Berlin oder sonstwo, happy end und alles.

Stattdessen saß ich nun in Zug, konnte schon seit geraumer Zeit nicht mehr schlafen und sah eine menschenleere Landschaft voller orange leuchtenden Lampen, im Hintergrund Windräder, deren rot blinkende Lichter der ganzen Szene etwas höllisches gaben, obwohl ich nicht an die Hölle glaube.

Zeitweise war Schnee zu sehen. Es schien mir unglaublich, wie wenig ich mich damit abgefunden hatte, dass es tatsächlich Winter war. Ich, die ich Winter immer gemocht hatte, die mit Kälte und Nässe gut zurecht kam und der immer noch wärmer war als allen anderen. Aber ich konnte es einfach nicht glauben, dass der Sommer, der so schön gewesen, endgültig vorbei war.

Mir fiel kein deutsches Wort ein für dieses Gefühl. Die englische Sprache hat uns Schadenfreude abgenommen, aber nichts gegeben, das “resentment” ausdrücken könnte und das französische “Ressentiment” kling viel zu fröhlich. Natürlich könnte ich auch sagen, dass ich meinen schweren Wintermantel hasse, aber es klänge gleichzeitig extrem und trivial. Nein, “resentment” war das richtige Wort – ein schwelendes Gefühl, das so dumpf war wie es sich anfühlte, wenn ich den Mantel trug. Dabei war der Mantel das letzte Weihnachtsgeschenk meines Vaters.

Der freundliche Nachtzugschaffner hatte mir ein ganzes Abteil für mich alleine gegeben, welch Luxus! Und trotzdem konnte ich nicht schlafen. Ich hatte vor mich hin gedämmert und versucht einzuschlafen, indem ich meine Gedanken zum Wandern zwang. Bei der letzten Reise konnte ich sie nicht vom Rasen abhalten, diesmal wanderten sie, auf schöne Pfade gezwungen, aber nicht die schönsten, denn sonst würde ich traurig, also gelang es mir nicht einzuschlafen. Oder vielleicht doch. Ein kurzes Traumstück in dem meine Mutter mir ihren neuen Wäschetrockner und ein Putzwägelchen zeigte, interpretierte ich als die Nachwehen der großen Waschmaschinentransportaktion von 2013.

Nach dem unbemerkten Überfahren der Grenze unterschieden sich die öden Lande  nur durch die Absenz von Schnee. Kein Blatt, keine Blume, kein Tier war zu sehen, nur kahle Äste, Lichter und Dunkelheit. Ich hätte heulen können, aber worüber? Gute Aussichten standen mir bevor. Croissants. Kakao. Möglicherweise noch ein wenig Schlaf. Freie Wahlmöglichkeit meiner Aktivitäten. Also kein Heulen und trotz der Isolation kein Gefühl der Einsamkeit. Ein einziger Knopfdruck und ich wäre wieder mit der weiten Welt verbunden, könnte meinen Gedanken in kürzerer Form Ausdruck geben und Widerhall finden.

Ich wusste selbst nicht, worauf ich wartete. Vielleicht auf den Sonnenaufgang, der erst viel später oder sogar nie erfolgen würde in diesen grauen Tagen. Immer noch blinkten Windräder in der Ferne. Dann die ersten Anzeichen von Wien. Die Überfahrt der Donau. Zuhause, dachte ich.

Elefant und ein träumendes Nilpferd

Liebes Ferientagebuch!

Wenn ich in Wien gefragt werde, was ich denn in Berlin schönes gekauft habe, werde ich “Ohrringe” sagen. Und das stimmt ja auch! Wunderschöne Ohrringe, die perfekt zu meinen anderen pinken Vogelohrringen passen.

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Die hab ich aus einem Laden namens Funi, wo es noch jede Menge coole Dinge gibt.

Heute hatte ich aber keine große Lust auf Weltreisen und beschloss, in Moabit zu bleiben und endlich mal die Arminiusmarkthalle zu besuchen. Auf dem Weg kam ich wieder an allerlei Getier vorbei.

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Ich bin ja fasziniert davon, dass diese Wasserpumpen noch immer funktionieren.

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Und die waren in einer Hauseinfahrt:

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Zuerst ging ich zum Havelbäcker in der Turmstraße (ist zwar ein Franchiseunternehmen, aber aus Brandenburg, mit – laut Website regionalen Zutaten, die auch in Brandenburg verarbeitet und gebacken werden) – weil ich wollte unbedingt nochmal Russischen Zupfkuchen (der wird dann in Wien nachgebaut).

Dann spazierte ich zur Arminiusmarkthalle. Dort wird sogar Bier gebraut und es gibt Lokale und Marktstände. Einem Pfeil folgend fand ich ein kleines Lädchen, das ich am Liebsten sofort leergekauft hätte. Oh, die Ohrringe, die Broschen, die Taschen und die anderen Dinge – selbst gemacht von Menschen aus Moabit. Am 27.7., 17.8. und 7.9. ist übrigens Artiminius 21 – Kreativmarkt Moabit in der Arminiusmarkthalle. Im Schlupfladen fand die Geburtstagsgeschenke für meine Mutter. Dann …

Nein, ich überlegte nicht lange. Ich sagte ja mal, dass ich Stofftiere aus ästhetischen Gründen erwerbe. Andere Menschen kaufen Kleidung in Berlin oder Taschen, Schuhe, coole Musik, alte Dinge von den Flohmärkten, Bücher, Comics, alles, alles, was so zu kriegen ist.

Ich kaufe Senf, Apfelkraut (der Birnel des Rheinlandes) und diese:

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Handgemacht. Aus Moabit. Und meine.

Als Gespenst in die Idylle

Liebes Ferientagebuch,

Erstens möchte ich deine Existenz mal legitimieren und zwar mit einem Comic von Kate Beaton. So.

Gestern fuhr ich mit dem Schiff. @kuhlpepper hatte mir erzählt, dass es Schiffstouren von Berlin bis hinaus in die Mark Brandenburg, nach Brandenburg an der Havel, gäbe. Nach so vier Tagen in der Stadt hätte mich das schon sehr gereizt. Aber gestern wurde diese Reise nicht angeboten.

Na gut, dachte ich, fahren wir nicht nach Westen, sondern nach Osten, zur “Idylle Löcknitz”. Also, wenn ihr Sozialstudien (mach ich ja gern) über ältere Berliner*innen machen wollt, dann macht eine solche Fahrt. Klingt das jetzt abschreckend? Sehr gut. Ich will gar nicht, dass ihr alle dort herumfahrt und merkt, wie schön es dort ist.

Wobei, also, ihr müsst Wald, dunkles Wasser (Moor), Kleingartenidylle und alte Industriebauten mögen, sonst wird es euch nicht gefallen. Aber viele Menschen, die gerade nicht Berlin bevölkern (es ist tatsächlich recht leer), sind dort und erfreuen sich an der Ruhe, an allerlei Wassersport und am Rasenmähen.

Ich hatte natürlich überhaupt nicht daran gedacht, dass ich eine Schifffahrt machen würde und hatte weder Sonnenhut noch Sonnencreme dabei. Sonnencreme konnte ich erwerben, Sonnenhut nicht, aber das wird schon noch. Die Sonnencreme ließ mich aussehen wie ein sehr vergnügtes Gespenst,
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wahrscheinlich ein Grund dafür, dass sich, als später mehr Sitze frei wurden, niemand neben mich setzte (muahahaha). Aber trotz fast andauernder Sonneneinstrahlung habe ich heute nirgends Sonnenbrand – Mission erfüllt.

Auf dem Schiff Monbijou (in Berlin gibt’s ja einen Monbijouplatz)
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ging es los. Diese Seerosen
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stehen stellvertretend für alle Seerosen, die ich gesehen, aber nicht fotografiert habe. Wir tuckerten vorbei an der Insel der Jugend, heute Insel Berlin.

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So wie in Wien für die Weltausstellung ist in Berlin für die Gewerbeausstellung von 1896 allerlei angelegt worden und überhaupt war man im 19. und 20. Jahrhundert nicht zimperlich, was das Anlegen, Umbauen und Begradigen von Flüssen angeht.

Entlang der Spree stehen riesige alte Fabriken aus dem 19. Jahrhundert, teilweise revitalisiert, teilweise verfallend. Ich mag ja Industriebauen und im Berlin gibt es extrem viele, die entweder offen oder versteckt herumstehen. Das hier ist die Rathenaufabrik (ja, von der Familie Walter Rathenaus, Industrieller, Schriftsteller und Politiker).
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Und noch mehr Fabriken bzw. Kraftwerke, Großwäschereien, Bierbrauereien – die halbe Industriegeschichte Berlins hier.
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Spätestens hier habe ich es dann bitterlich bereut, dass ich meine Kamera nicht mitgenommen hatte, weil es das Smartphone nicht so mit dem Gegenlicht und so hat. Aber egal. Ich hörte dann auf mit der Knipserei, weil das Wetter war so:
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und genoss die Fahrt nach Köpenick, wo es ein Schloss, Legenden und Literaturgeschichte gibt.
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Von Köpenick ging es zum Großen Müggelsee, wo sich mit den Müggelbergen auch die höchste Erhebung Berlins findet (Höre ich leises Kichern? Ja, ich auch). An dem Weg liegt die nun geschlossene Brauerei des Berliner Bürgerbräu.
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Ich würde ja allen Historiker*innen, die sich mit der Freizeitgeschichte, Alltagsgeschichte, Jugendgeschichte Berlins beschäftigen, dringend, DRINGEND raten, öfter diese Schiffsreisen zu machen und die Leute auf den Schiffen zu befragen, an was sie sich denn so erinnern, wo was war, was sie so gemacht haben. Da waren so viele Ausflugslokale, die es nun nicht mehr gibt. Ich erfuhr, dass eine der älteren Damen mit ihren Geschwistern je eine Mark bekamen, um Schwimmen zu gehen. Die fuhren aber nicht ins nächste Schwimmbad, sondern mit der S-Bahn weit hinaus, eben dieser Strecke entlang, wo der Eintritt billiger war. 20 Pfennig der Transport, 30 der Eintritt, da blieben noch 50 für ein Rieseneis. Ich sag ja nur.

Also, der Große Müggelsee, so 3×4 Kilometer.
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Weiter ging’s nach Erkner und zum Flakensee und dort begann die Löcknitz. Ein enges Flüsschen mit recht klarem Wasser, gesäumt von unzähligen kleinen Häusern (Datschen) und Gärten in verschiedenen Zuständen, manche schon Villen, andere noch ganz alte Hütten. Kleingartenidylle. Aber irgendwie schön, grün, erholsam. Und viele Leute unterwegs in allen möglichen Booten.

Über Fangschleuse, Grünheide und Alt Buchhorst erreichten wir schließlich den Möllensee. An manchen Punkten hielt das Schiff, um Leute auszuladen, die dann auf dem Rückweg wieder eingesammelt wurden. Weiter als bis zum Ende des Möllensee geht’s nicht.
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Also umgedreht und den ganzen Weg wieder zurück.
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Ach, es war schön. Ach, es war idyllisch. Nein, ihr wollt dort gar nicht hin. Berlin …
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Im Land von Glockenblumen und Salbei

Liebes Ferientagebuch,

Gestern … habe ich mal wieder Berlin durchquert. Von Nord nach Süd, dann West nach Ost. Es war zum ersten Mal richtig warm, so dass ich auch Sandalen tragen konnte und mir dabei keine Zehen abfror.

Zuerst fuhr ich mit Kuchen nach Dahlem, dem Land der Glockenblumen, um @leerleser zu besuchen.

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Der Kuchen aus der Havelbäckerei war köstlich (ich will da mehr davon) und in Dahlem war es lauschig.

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@leerleser führte mich dann zur Philologischen Bibliothek der Freien Universität Berlin, die ich mir auch größer vorgestellt hatte. Es ist zwar lustig, Bausünden aufzuzählen, aber die armen Student*innen müssen das “Hirn” doch benutzen …

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Nach noch mehr Glockenblumen

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und etwas Marx

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ging es dann mit der U-Bahn zurück in die Stadt, um @jana_log zu treffen.

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In der Nähe der Zionskirche hatten wir uns verabredet. Ohrringe wurden erworben und minikleine Knöpfe. Dann ging es in das beste libanesische Restaurant Berlins, weil ich kurz davor war, meine Hände anzuknabbern.

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Ja, dieses Foto musste sein. Dann spazierten wir über vielerlei Wege und an Wasserspeiern

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vorbei in den Mauerpark, der mich vor Schönheit fast umwarf. Ich habe es nicht mal geschafft, von mehr als dem dort wachsenden Salbei ein Foto zu machen, so schön ist der. Irgendwie … italienisch.

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Und dannnnnn … noch ein bisschen mehr spazieren …

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und noch Fassbrause trinken und quatschen und dann ab nach Hause. Heute fahre ich mit dem Schiff, wenn’s klappt.

Eichelhäher und Kaninchen

Liebes Ferientagebuch!

Neben meinem Versuch, Gedanken in Text zu bannen, war ich jeden Tag draußen.

Am Sonntag sah ich einen alten Mann im Morgenmantel, der im Park einen Spaziergang machte. Dann sah ich zwei Eichelhäher. Mitten in Berlin! Ich habe aber nur einen erwischt.

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Kurz darauf sah ich noch einen Mann, der einen Pingpongtisch als Wickeltisch benutzte. Es ist wirklich schön hier, die schönste tote Hose von Berlin.

Ich war auf dem Weg, um mich mit @kuhlpepper zu treffen und den Tiergarten zu durchschreiten. Der war dann doch nicht so riesig, wie er auf den Karten aussieht. Naja, er ist schon groß, aber vom einen Ende zum anderen zu gehen dauert doch nicht die drei Stunden, die ich befürchtet hatte.

Nachdem wir das Denkmal für Karl Liebknecht

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besichtigt hatten, machten wir uns auf die Suche nach dem für Rosa Luxemburg, das ein wenig versteckter und schwerer zugänglich war.

Dabei kamen wir am Gaslampenfreilichtmuseum vorbei,  das ich mir schon lange ansehen wollte. Es war zwar helllichter Tag, aber die Gaslaternen waren trotzdem schön.

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Diese hier ist aus Dublin:

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Und dann setzten wir uns in das Café am Neuen See, das sehr nett und gar nicht überlaufen war und genossen Sonne, Wasser und Gespräch.

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Kaum zu glauben, dass die Spanische Botschaft nur 20 Meter entfernt ist.

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Beim Gang zur U-Bahn sah ich dann eines der gefährlichen Kaninchen, vor denen z.B. im Tiergarten gewarnt wird (ja … die fressen alles auf und so, aber … Kaninchen!) Noch dazu ein Büchereikaninchen ^^

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Und dannnn …

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fuhr ich nach Hause.

Liebes Ferientagebuch …

Nun bin ich in Berlin gelandet und die Klausur ist mit viel Gequengle, Schmerzen in der rechten Hand und etwas Unterstützung von den Glorreichen Sieben vorbei.

Vor mir liegt eine Woche Nichtstun. Nichts außer Berlin ohne große Pläne zu erkunden, vielleicht ein paar BerlinerInnen zu treffen, zu stricken und zu schreiben.

Das ist mein erster bezahlter Urlaub seit … ich weiß nicht – 2006? Oder sogar 2005? Mein erster Urlaub, bei dem ich ganz allein bin und keine bibliothekarischen Events, Verwandten oder engen FreundInnen besuche seit einer kurzen Reise nach Bonn 2011.

Ich liege also auf einem blauen Sofa in Moabit, in einem putzigen Haus mit geschnitztem Holzgeländer bei den Treppen, Jugendstilranken in den Gangfenstern und im nächsten Zimmer tummeln sich die Stuckhasen an der Decke. Es duftet nach Lavendel. Gegenüber wohnt ein kläffender Hund. Ich fühle mich fast wie in einem Film über eine Frau, die in Berlin Ferien macht, so einem etwas deutschsprachigen Versuch, an die Fabelhafte Welt der Amelie heranzukommen.

Ich bin Herrin über WLAN und einen Balkon voll Kräuter, Kartoffelchips mit Currywurstgeschmack und ein wenig unabgewaschenes Geschirr. Neben mir liegt ein Buch über die Geschichte Berlins, zu meinen Füßen liegt ein Beutel mit drei Strängen dünne Wolle in dunkelgrün und zwei Strängen dicke Wolle in cremebeige und rosairgendwas. Meine Stricknadeln sind hinter mir und ich bin zu faul sie zu holen.

Ich sehe lieber den Schwalben zu, die draußen Fangen spielen und spüre dem Brennen in der Hand vom vielen Schreiben und dem Vibrieren in Knien und Beinen vom vielen Stufensteigen nach. Wie Menschen, die keine Stiegen steigen können, sich im Netz der Berliner Verkehrsbetriebe bewegen, frage ich mich, seit ich Stufen nur mehr langsam hinaufgehen kann.

Aber egal. Mir ist eher nach Kichern als nach Krakeelen zumute. Heute morgen beim Grimmzentrum

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beruhigte ich mich nochmals mit der Vorstellung, wie es denn wäre, wenn alle Prüflinge als Cowgirls und Cowboys angeritten kämen, mit glorreichem Soundtrack, Staub aufwirbelnd, die Pferde werden entweder vor dem Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft festgemacht oder gleich zur Klausur mitgenommen. So in Verkleidung fände ich Klausuren 5% lustiger. De fakto rumpelten nur die Räder unserer Koffer.

Berlin also. Berlin ohne Plan, Kamera und mit wenig Internet. Ob ich einmal mit allen Straßenbahnen fahre? Einmal auf der Spree schippere? Ein Museum von innen sehe? Jeden Tag einen Blogpost schreibe? Einmal ganz früh am Morgen herumdüse? Einmal ins Kino gehe? Endlich den sagenumwobenen Laden finde, in dem es nur Hoodies zu kaufen gibt (es gibt ihn nicht)? Und was schenke ich meiner Mutter zum Geburtstag?

So weit, so gut. Der Himmel nimmt langsam die Farbe von Wegwarten an

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und die jagenden Schwalben drehen pfeifend ihre 10. Runde.

Gehen wir Wolle aufwickeln.

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Berlin gemischt

Berlin ist so überlagert.

Ich sagte auf Twitter: Wie Berlin war, darüber denke ich seit gestern nach. Schön, spannend, lustig, interessant, belebt, neu, faszinierend, toll …

Und vertraut. Aus Gerhard Seyfrieds Comics. Aus vielen, vielen Büchern. Warum der “Tauentzien” (die Tauentzienstraße) mir so vertraut klingt, ich weiß es nicht.

Dann sagte ich noch: aber Berlin ist auch immer traurig, belastend, nervig, fremd, voll, verstörend, anstrengend, erschreckend, wehmütig …

Anstatt in ein Museum zu gehen, setzte ich mich in den Bus. Den Kurfürstendamm entlang, an James Cagney’s “Kurfürstendamm” aus One, Two, Three (bitte nur im Original ansehen) denkend. Einmal den Botanischen Garten umrundet, aber nicht hineingegangen. Nächster Bus zur Endstelle Turmstraße, noch ein Bus nach Pankow, eine Straßenbahn zur Björnson-, eine zur Warschauer Straße, halb um die Stadt.

Ob West oder Ost, die Häuser waren sich ähnlich. Backstein, Jugendstil, Naziarchitektur, 60er Jahre, ganz neu nur im Zentrum. Wie, wenn ich an Billy Wilder’s A Foreign Affair (nur im Original ansehen) denke, wo Luftaufnahmen von Berlin 1945 zu sehen sind, wie kann es sein, dass noch so viele alte Häuser stehen? Die Straßen waren sich auch ähnlich, ähnlicher als gedacht. Eine App, die mir mehr über diese Häuser sagen würde, wenn ich auf sie ziele …

Beim Starren auf die vielen Stadtpläne immer wieder Orte, die belastet sind. Wannsee. Kann man dort eigentlich wirklich Schwimmen gehen?

Plötzensee. Sowohl mein Großvater väterlicherseits als auch meine Großcousine mütterlicherseits sangen einen populären Schlager, der so ging:

“Du bist verrückt mein Kind,
du musst nach Berlin.
Da wo die Verrückten sind,
da gehörst du hin.

Du bist verrückt mein Kind,
du musst nach Plötzensee.
Da wo die Verrückten sind,
am grünen Strand der Spree.”

Danach wurden in Plötzensee Menschen hingerichtet.

Der Bahnhof Friedrichstraße war auch vor Kurzem anders geworden. Auf die Kinderverschickungen und Todeszüge macht eine Skulptur vor dem Bahnhof aufmerksam, die hatte ich schon im Oktober gesehen. Aber hier noch eine Schicht mehr:

Gedenktafeln, Stolpersteine finden sich auch in Wien (zu wenige). Aber Berlin ist trauriger, Schicht über Schicht über Schicht.

Ich habe kein einziges Foto gemacht bei dieser Reise um die halbe Stadt. So wie in Wien war es in den Außenbezirken ruhig, aber mein Fehler war, mir eine Touristenattraktion im Stadtzentrum bei Sonnenschein ansehen zu wollen. Es war eine so niedere Mauer. Das mach ich dann erst im Winter wieder. Und haltet euch vom Alexanderplatz fern, dieser Umsteigehölle.

Erst am Abend kam ein Wetter auf, das ungefähr ausdrückte, wie mir zumute war. Ach was soll das noch werden, mit mir und Berlin?

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Foto Anna Zschokke CC BY-NC-SA 3.0