Post-Frantz-Gefühle

CN Körper, Krankheit, Gewicht(sverlust), eingeschränktes Essen, anxiety, Dissoziation

Jeden Tag entdecke ich etwas neues an meinem Körper. Ich habe so lange still gehalten im Spital und für mich das Bild eines runden, grauen Steines vor Augen gehabt, der vom Wasser überspült und abgeschliffen wird, ohne dass etwas Gravierendes passiert. So habe ich alles ausgehalten, die Klammern, die Schläuche, die Nasensonde, die andauernden Spritzen, Infusionen, Blutabnahmen und den Hautausschlag. Ich hatte auch nicht viel Zeit, meinen Körper genau zu betrachten, es war ja alles Interessante bepflastert und der Pflasterwechsel ging ruckzuck und dann war schon wieder eine weiße Schicht Stoff über allem, dann ein Unterhemd, dann das Stützmieder, dann das Nachthemd.

Wenn ich Zeit hatte mich anzusehen, im großen Spiegel des Bades, dann nur um Fenistil auf meinen Ausschlag zu schmieren und mich dann schnell wieder einzupacken, denn das große Bad ist von 9-12 für Patient_innen, die beim Waschen Hilfe benötigen reserviert. Duschen konnte ich auch nicht all zu oft – wegen der Pflaster bzw. wegen der Infektionsgefahr – und oft nur zur Hälfte, entweder unten oder oben. Oft war einfach nur Waschen drin, unter den Achseln, Gesicht und Babyfeuchttücher für den Hintern. Zum Glück hatte ich die mit, ich sag euch, nehmt euch reichlich Babyfeuchttücher ins Krankenhaus mit, wenn ihr mal operieren gehen müsst.

Nun bin ich aber zuhause. Ich habe Zeit zum Duschen. Ich habe keine Schläuche und Pflaster mehr, nur noch Narben. Ich habe große Spiegel. Ich habe meine geliebten Kleider und Stricksachen und Wintermäntel und und und. Ich stelle fest, wieviele Löcher ich im Bauch habe: 7. Ich zähle, wieviele Klammern meine Narbe zusammenhielten: 21. Mein zahlenmagischer Sinn ist befriedigt, aber insgeheim komme ich mir vor wie der heilige Sebastian. Die große Narbe sieht aus wie ein Axolotl, finde ich.

Ansonsten bin ich geschrumpft. Trotz allem Spazieren im Spital sind meine Muskeln zusammengeschrumpft und mein liebes Fett hat ohnehin die Gastritis schon weggeschliffen. Ich sehe mich in den Spiegel und frage mich, wem diese Zahnstocherbeinchen gehören sollen. Ich kann keine BHs tragen, weil mir die Bügel die ungepolsterten Rippen zerquetschen. Meine Hüftknochen tun weh, weil da weder seitlich noch am Hintern ein Polster ist, der sie schützt. Meine Wintermäntel, die ich letzten Winter kaum mehr zubrachte, schlottern um mich herum. Die Ärmel des selbstgestrickten Pullis sind plötzlich viel zu lang, weil auch meine Schultern schmäler geworden sind.

Außerdem ist mir kalt. Mir. Kalt. Mir.

Erst nachdem ich mich erkältet habe, komme ich darauf, dass ich mich wärmer anziehen muss. (Und was macht das politisch mit mir, die ich nun definitiv keine fat femme mehr bin?)

Sonst? Meine Periode ist mehr als eine Woche überfällig und mein Körper gibt null Zeichen von sich, dass sie anstünde. Vielleicht bin ich von den vielen Malen, an denen ich ankreuzen musste, dass ich garantiert nicht schwanger bin, schwanger geworden. Meine Verdauung kommt ganz langsam wieder in Schwung, nachdem ich mich jeden Morgen brav mit Leinsamensud und Porridge und Apfelmus und am Abend mit Magnesium trieze, aber der ganze Prozess bleibt irgendwie quälend. Zu Mittag muss ich mich immer erinnern, Babyaspirin zu nehmen, denn haha, Überraschung, die Milz ist doch ziemlich wichtig.

Wie? Alle sagen, ohne Milz lässt es sich auch gut leben? Ja. Nur gerade ist sie nicht da, um die alten Thrombozyten, die alten Blutplättchen, aus dem Blut zu filtern. Also schweben die ungefiltert herum und klumpen sich zusammen und das Risiko für so lustige Dinge wie Herzinfarkte, Schlaganfälle und Thrombosen aller Art steigt stark an. Irgendwann übernimmt diesen Job das Knochenmark, aber nicht im gleichen Maß, d.h. dieses Risiko ist nun bei mir dauerhaft erhöht. Das Babyaspirin wirkt blutverdünnend, aber schlägt auf den Magen und ich kriege viel mehr blaue Flecken. Yay.

Beim Impfen diese Woche – auch wegen der fehlenden Milz, denn die ist nun nicht mehr da, um Bakterien, die eine harte Schale haben zu bekämpfen – erfahre ich dann, dass mein Risiko an einer Blutvergiftung zu sterben nun deutlich erhöht ist und ich z.B. bei Tierbissen sofort zur_m Ärzt_in oder ins Krankenhaus gehen soll und eigentlich immer Antibiotika bei mir haben sollte, falls ich an einem Ort sein sollte, wo ich nicht sofort medizinische Hilfe erhalten kann. Aha? Solche Infos erreichen mich quasi zwischen Tür und Angel und ich kann mich dann selbst beruhigen, dass ein Stechen in der Herzgegend wahrscheinlich nur Verspannungen sind. Wahrscheinlich. Dieses Lauschen auf jedes Zwicken ist so gut für meine anxiety. Nicht.

Wenigstens scheint meine Bauchspeicheldrüse nun in die richtige Richtung zu safteln und nicht mehr rund um meinen Magenausgang, denn wenn meine Entzündungswerte noch hoch wären, würde sich das Krankenhaus ja melden. Hoffe ich. Noch halte ich mich meistens brav an die Vorschrift der leichten Vollkost, also alles, aber wenig Fett und wenig Zucker und keine Hülsenfrüchte, kein Kohl und keine anderen blähenden Dinge. Die darf ich dann irgendwann versuchen und gucken, ob mir danach schlecht wird oder ich implodiere oder tot umfalle, so ganz klar ist mir nicht, was dann passieren soll. Da ich aber schon Käse mit mehr als 45% Fettgehalt und sogar Eis (halt wenig) gegessen habe ohne tot umzufallen oder sonstige Folgen, mache ich mir weniger Sorgen und bin halt größtenteils vernünftig. Die Lust auf Süßigkeiten ist mir ohnehin irgendwie vergangen.

Gleichzeitig tut mir mein Körper leid, dass ich so auf ihn schimpfe. Er funktioniert doch. Ich kann doch aufstehen, Essen machen, duschen, Stiegen steigen, auch wenn manche Dinge länger dauern. Ich kann sogar einkaufen, auch wenn ich noch nicht viel tragen darf. Ich kann Dinge vom Boden aufheben, ich darf mich nur nicht bücken, sondern muss in die Hocke gehen, das hilft gleich meinen Beinmuskeln. Zwar zwacken meine zusammengenähten Bauchmuskeln immer noch und möchten entlastet und gestreichelt werden, aber ach. Armer Annenkörper. Ich hoffe, ich finde in der Reha wieder in mich hinein.

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6 thoughts on “Post-Frantz-Gefühle

  1. Danke für den Bericht, finde ich ganz toll und wichtig und so etwas wie mit den Babytüchern ist schon gut zu wissen…
    Falls du (mal) drüber schreiben magst: Fühltest du dich gut vorbereitet auf deine Körperveränderungen? Oder jetzt gut begleitet? Ich hab einmal wegen Medikamenten sehr abgenommen und einmal wegen Nebenwirkungen sehr zugenommen und wurde beide Male null drauf vorbereitet und es war auch während der Behandlung gar kein Thema. Was ich sehr ungut finde, weil macht schon krass viel aus finde ich.
    Ich wünsch dir ganz viel hilft und du dich bald wieder richtig wohl fühlst. ❤

    • Eigentlich habe ich mich gar nicht auf die Körperveränderungen vorbereitet gefühlt – also, dass die OP-Narben zwicken, darauf ja, aber wie viele es sein werden, wie die aussehen etc., das entschied sich zum Teil erst während der OP. Das Gewicht habe ich größtenteils schon vorher verloren und habe daher auch vorher schon damit gehadert, aber ursprünglich hätte ich ja nur 10 Tage im Spital bleiben sollen, da wäre der Muskelschwund vielleicht weniger krass gewesen. Jetzt fühle ich mich eher gar nicht begleitet außer von Freund_innen, aber ich hoffe schon, dass das auch bei der Reha Thema sein kann. Insgesamt glaube ich, dass es nicht untypisch ist, sich nach einer OP fremd im Körper zu fühlen, außer vielleicht ich wäre vorher sehr “eins“ mit mir gewesen, aber das ist nicht so mein Ding. Oder vielleicht wird dann das fremde Gefühl stärker? Ich kann es nicht sagen. Es macht tatsächlich krass viel aus. Danke dir <3

  2. Ach mei, ich hoffe so, dass es Dir bald besser geht und Du Dich bald wieder in Deinem Körper und Leben zuhause fühlen kannst. Ich denk an Dich und schicke Kraft und Energie und gute Gedanken!

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