Über die Feigheit und die Angst. Reflektionen über meine digitale Präsenz

Nein, es liegt nicht nur daran, dass meine Mutter mir heute so beiläufig am Telefon erzählte, dass sie mich gegoogelt und meine Tweets gefunden hatte. Es liegt auch nicht nur an den gemischten Gefühlen, die bei mir aufkamen, als ich einen Austausch auf Twitter las zwischen @michelreimon, der einen Monat nur Frauen folgt (u.a. mir) und lamentierte, dass die Frauen fast nichts zum neuesten innenpolitischen Skandal Österreichs sagten, und @smsteinitz, die ihn darauf hinwies, dass eben weniger einflussreiche Frauen auf Twitter sind, weil es weniger einflussreiche Frauen gibt. (Ich habe auch nichts zu diesem Skandal gesagt, sondern darüber nachgedacht, warum ich nichts dazu gesagt habe.) Es liegt auch nicht nur daran, dass ich schon in einem Bewerbungsgespräch und am 2. Tag im neuen Job mit meiner Twitterpräsenz konfrontiert wurde, was mir unheimlich war, und kürzlich mit einer Freundin über Klarnamen geredet hatte.

Es liegt auch an meinen Überlegungen darüber, was ich eigentlich poste, worüber ich schreibe, worüber ich nicht schreibe, was ich von mir zeige und was ich von mir nicht zeige. An meinen Überlegungen, wer ich bin, welche Person aus mir spricht, was sie zu sagen hat und was sie sich nicht traut zu sagen.

Denn warum erlaube ich mir, mich auf Twitter und auf diesem Blog als die „Queen of Shoebox Castle“ zu bezeichnen? Ist das nicht … verrückt? Zeigt das nicht, dass ich wahnsinnig alleine bin? Wahnsinnig. Alleine. Wahnsinnig/alleine? Wenn ich das wüsste. Für mich ist diese Königin eine Kunstperson, eine Rolle, die ich aufsetze, um mein Leben ein bisschen glamouröser zu gestalten. Ich habe mehr Spaß mit ihr. Eigentlich stammt sie aus einer Idee zu einem Kinderbuch (ich habe dauernd Ideen für Kinderbücher). Aber ich hätte sie auch einfach in meiner Privatsphäre lassen können, oder? Nicht darüber reden können, dass ich mein Alltagsleben mit der Vorstellung behübsche, dass ich eine Königin bin. Königin eines sehr kleinen Landes, die in einem Schuhschachtelschloss lebt (mit Balkongarten). Nicht, dass ich das pausenlos tue. Nicht, dass ich jeden Tag von mir als Königin denke (warum eigentlich nicht?). Aber warum qualifiziere ich das jetzt?

Aber ich will das so. Ich will, dass ihr auch meine verrückten, fantasievollen Seiten kennenlernt. Ich will nicht so tun als sei ich 0815. Ich war nie 0815. Und ich habe dafür gebüßt und gelitten. Jetzt will ich mich nicht mehr verstecken und wollte es nie.

Das schreckt doch Arbeitgeber ab. Ich könnte das ja auch in der geschlossenen Anstalt Facebook machen (aber dort haben mich die meisten wirklich einmal persönlich getroffen). Ich könnte ja meinen Klarnamen weglöschen. Dieses Blog zeigt zum Beispiel meinen Klarnamen nicht und es ist auch nicht auf meinem Twitterprofil verlinkt (Korr.: Klarname wird doch gezeigt). Dabei stehen hier erst einmal Kochrezepte und Blumenfotos. Und in meiner Twittertimeline gibt es eine endlose Riege von Blumenfotos und Donaufotos und was weiß ich noch. Superspannend und unverfänglich, oder? Digitales Neobiedermeier in Reinstform.

Dabei ist da noch mehr. Ich will euch noch so viel mehr zeigen, aber ich habe Angst. Ich will euch meine Gedichte und Kinderbücher zeigen. Ich will euch zeigen, dass auch in meinem Kopf feministische und politische Gedanken herumjagen, aber ich habe weder Genderforschung noch Politikwissenschaft studiert (ok, Politikwissenschaft habe ich für zwei Semester studiert, aber das meiste wieder vergessen). Ich habe Geschichte studiert, dieses Studium, das von allem etwas hat und das auf alles angewendet werden kann. Kann. Ich habe es nicht auf alles angewendet. Ich habe mir meine eigenen Rosinen herausgepickt und weiß von ein paar Gebieten ein bisschen. Gut, von WanderhändlerInnen weiß ich sehr viel.

Aber da ist sie, diese Angst. Ich bin ja keine Fachfrau. Was, wenn ich etwas Dummes sage? Was, wenn ich falsch liege? Was, wenn ihr mich nicht mehr mögt?

Denn das ist, was mich daran hindert, alles zu zeigen, auch das Ernste und das Traurige, das Literarische und das noch Verrücktere. Ich habe im Gymnasium gelernt, dass ich „uncool“ bin, dass mich niemand mag, dass ich von Gemeinschaften nicht akzeptiert werde. Ich habe gelernt, erst einmal am Rand zu stehen und zu beobachten, ob mich die Gruppe akzeptiert oder nicht. Ich habe ein seltenes Talent darin, Menschen anzuziehen, aber selbst auf Menschen zugehen fällt mir schwer.

Dabei hat mein Vater, der zu mir meinte, ich sei „nicht ganz dumm“ und dem meine Leistungen nie genug waren, mir nicht ganz die Vorstellung nehmen können, dass ich intelligent bin und etwas zu sagen habe, auch wenn ich „nichts leiste“. Dabei hat mir diese Scheißschulzeit meine Liebe zu den Menschen nicht nehmen können. Wie stolz ich darauf bin, dass ich euch liebe und nicht alles und alle hasse! (Ist das jetzt der Prosecco, den ich gerade trinke, um meine Nerven zu beruhigen und vor dem ich mich schäme, weil mir eingetrichtert wurde, dass ich keinen Alkohol trinken darf, wenn ich ganz alleine bin?) Aber obwohl ich euch so liebe, ist meine erste Annahme immer, dass ihr mich nicht wahrnehmen werdet, mich nicht akzeptieren, nicht mögen und schon gar nicht lieben werdet.

Und besonders nicht, wenn ich feministisch oder politisch werde. Ich will euch nämlich nicht nerven. Ich will euch zum Lachen bringen, denn das ist der einfachste Weg, um Aufmerksamkeit zu erlangen. Dafür trage ich Katzenohren, Clownnasen, alles. Dabei möchte ich euch auch dazu bringen, mir zuzuhören, meine Texte zu lesen, darüber nachzudenken und sie vielleicht spannend oder sogar schön und klug zu finden.

Aber ich habe eben Angst davor. Ein Gebot meiner Kindheit und Jugend war, dass ich mich nie krümmen dürfte, nie bestechlich, nie korrupt sein, nie mit dem Strom schwimmen dürfte. Politisch denken, aber nicht in die Politik gehen dürfte. Feministisch denken und daher nicht femme sein dürfte. Aber damit eckte ich an. Damit war ich anders. Und ich lernte, diese Teile zu verstecken, damit ich nicht in Gefahr kam, euch durch meine Meinungen zu vergraulen. Band meine wilden Haare zusammen, trug Männerkleider, um weniger Angriffsfläche zu bieten.

Und dann später gab es das Gebot, ja nicht über Ernstes und Negatives zu reden, um nicht zu nerven oder traurig zu machen. Diese Gebote befolge ich fast automatisch – höchstens dass ich einmal über die Pinkifizierung von Graphic Novels schreibe. Ich habe Angst, mich aus diesen Fenstern zu lehnen.

Nach dem Abschluss des Gymnasiums ging ich noch ein Jahr freiwillig in die Schule, auf ein Kunstgymnasium in der Schweiz. Fremde Menschen, fremde Stadt, quasi fremdes Land. Doch dort wurde ich freundlich aufgenommen. Dort wurde mir gesagt, mein T-shirt sei cool (ich vergesse es dir nie, N.). Meine Kunst – damals noch tatsächlich Zeichnungen und Skulpturen – wurde für schön befunden. Dort fand ich das Internet und damit plötzlich Menschen, die meinen Körper nicht sahen, nicht sehen konnten, denn damals gab es für mich noch keine Möglichkeit, Bilder zu digitalisieren und allen zu zeigen, wie ich aussah (damit sie erschrecken und mich nicht mehr mögen konnten). Meine Persönlichkeit war es, die überzeugte. Die Möglichkeit mit den Bildern kam aber schnell und jung und schön wie ich war (ich sehe das jetzt auf diesen Bildern), fotografierte ich mich, zeigte ich mich.

In den letzten paar Jahren habe ich damit aufgehört. Oder mein Doppelkinn, meinen Körper möglichst kaschiert. Wenn ich das Kinn recke, das Foto gut zuschneide, könnt ihr gar nicht sehen, wie ich aussehe. Es gibt auch wenige Menschen, die wirklich gute Fotos von mir machen. Fotos, auf denen ich schön aussehe (wie ich finde). Die schönen Fotos zeige ich vielleicht. Die hässlichen Fotos verstecke ich vor euch allen, so gut es geht.

Heute früh, in einem Anfall von Wahnsinn, habe ich ein Foto von mir gemacht. In meinem rosa Kimono, den ich angezogen hatte, um den Prozess des Schreibens glamouröser zu machen. Eine Verkleidung. Ich verkleide mich gerne, denn dann bin ich nicht ich. Mit Katzenohren bin ich mutiger. „The Queen of Shoebox Castle in her writing habit“ – ein unabsichtlicher Scherz über Bilder von Frauen in ihren “riding habits”. Und vor dem Twittern dieses Fotos dachte ich darüber nach, ob ich es wagen könnte. Ob ich wirklich ein Foto von mir im frei zugänglichen Internet posten wollte, in dem ich nicht nur meinen komischen Schreibaufzug (und nein, ich mache das nicht jedes Mal, aber warum qualifiziere ich das jetzt schon wieder?) zeigte, sondern auch, dass ich meinen Spiegelschrank bekritzle, womit ich ihn bekritzle, dass im Hintergrund Bücherregale, Kisten mit Wolle, ein Setzkasten, Handcreme und Plastikfische sind, dass ich eine pinke Blume im Haar und pinke Socken trage.

Diese Angst vor dem uncool sein.

Und doch stützte ich selbstbewusst die Hand in die Taille, um euch die Ärmel des Kimonos zu zeigen. Und doch postete ich das Foto. Weil ich seit 1998 daran arbeite über diesen blöden Schatten, diese blöden Programme, diese Verletzungen und Verkrümmungen zu springen. Weil ich cool aussehe. Weil ich meine Kritzeleien und Plastikfische cool finde. Weil ich nicht verstecken will, wer ich bin. Auch nicht vor meiner Mutter, die dann vielleicht an mir Seiten entdeckt, über die wir nicht reden.

Ab jetzt also: Anna – feministisch, politisch, fantasievoll (denn das ist wohl mein main selling point, liebe ArbeitgeberInnen), mit Klarnamen. Und mit zitternden Händen, weil ich Angst davor habe, diesen Text zu veröffentlichen.

Und dabei immer der selbstironische Teil, der diesen Sturm im Wasserglas mit hochgezogener Augenbraue betrachtet und zynisch zerlegt. Und die Feministin, die den Kampf um die eigene Stimme beobachtet. Und die (eitle?) Historikerin, die sich für wichtig genug betrachtet, dass sie Quellen über ihr Leben zurücklassen will, weil sie hofft, dass auch in 100 Jahren noch Alltagsgeschichte betrieben wird. Und die Person, die nicht gerne lügt. Und die Person, die diesen Text und sich selbst und euch liebevoll betrachtet und heimlich liebt. Und das Kind, das euch gerne alle seine Spielzeuge zeigen will (richtig geschafft hab ich’s ja dann, wenn ich euch angstfrei meine Stofftiere zeigen kann, die ich aus ästhetischen Gründen – ja, wirklich – besitze).

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Portrait of Anna, the Queen of Shoebox Castle in her writing habit, ca. 2013.