Die Angst vor dem Sprung über den Schatten

[CN Mobbing & Auswirkungen, Selbstzweifel]

Als ich endlich mit dem Gymnasium fertig war, schwor ich mir, die beste Rache für das jahrelange Mobbing, das ich dort erlebte zu üben: Alle Komplexe, die ich aufgrund des Psychoterrors entwickelte, zu bekämpfen und zu besiegen und superawesome zu leben & sein. Daran arbeite ich noch jetzt. Beim Meta-Workshop vor dem Femcamp wurde mir leicht schwummrig, als Augenkontakt als Kriterium für ich weiß nicht mehr was genannt wurde. Wohlfühlen? Ein angenehmes Klima? Dass ein Workshop klappt?

Uaahhh. Augenkontakt. Uaaahhhh. Gruppensituationen und ich. Unbekannte Menschen auf einem Haufen und uaaahhh uahhh uahhh. Womöglich vor diesen Menschen auch noch etwas vortragen, Horror! Angst. Angst, dass ich nochmal an der Tafel heule, weil ich so lange verhöhnt werde, bis die Tränen kommen. Angst, dass ich als Außenseiterin eingeteilt, nicht wahr und nicht ernst genommen werde. So große Angst. Also Augenkontakt? Nur, wenn ich mich superawesome fühle. Dabei habe ich nach meiner Schulzeit nie mehr eine solche Situation erlebt, aber sagt das mal der Angst.

Beim Femcamp habe ich zwei Sessions gehalten, eine zu fat activism und eine zu crafting und Feminismus und beide waren für mich sehr spannend und sehr gut und laut Feedback für andere auch. Ich habe sogar am Diary Slam teilgenommen, als erste(!) gelesen, wenig vorbereitet – und war überhaupt nicht nervös! Nicht bei den Sessions, nicht beim Diary Slam. Das fällt mir jetzt erst auf. Als ich bei meinem zweiten Barcamp, dem Bibcamp in Nürnberg, verspätet, vor fast unbekannten Menschen, mit Katzenohren, einen Sessionvorschlag vorstellte, zitterten meine Hände so, dass ich kaum tweeten konnte. (Hielt mich aber nicht davon ab.)

Aber war meine fehlende Nervosität nicht einfach der Schlafmangel und der Femcamp- Effekt? Schließlich kannte ich bei den Sessions schon einige der Menschen, die in den Sessions saßen – und wenn ich Menschen kenne, bin ich weniger nervös. In einem queer_feministischen Kontext fühle ich mich auch meist wohl. Und ich war so konzentriert auf das Halten der Sessions bzw. Lesen, dass ich z.B. nicht bemerkte, wenn Personen vor mir vorbeiliefen (ist das gut oder schlecht?). Eigentlich sollte ich besonders meinen Diary Slam-Schattensprung feiern, aber mein Anspruch auf den Riesensprung zur brillianten, selbstsicheren Rednerin erdrückt alles.

Bei einer anderen Session besprachen wir zukünftige Strategien. Ich benannte ein paar, die ich erkannt hatte und insgeheim gerne durchführen würde, aber aus irgendwelchen Gründen gestehe ich mir die Kompetenz nicht zu (warum nicht?) und ich gestehe mir auch nicht zu, endlich vor den inneren Vorhang zu treten und zu sagen: Ich finde, das gehört so und so getan und ich möchte das machen und brauche eventuell Hilfe, aber ich will das tun. Ich gestehe mir nicht zu, die Initiative zu ergreifen, Vorschläge zu machen, Anführerin zu sein, Dinge durchzuführen, dahinter zu stehen. Zusätzlich befürchte ich, dass ich eingegangene Verpflichtungen #ausGründen nicht einhalten werden kann – aber wenn es mir wichtig und die Umgebung unterstützend ist und ich die Kraft und Zeit dazu habe, warum nicht?

Eine Angst ist sicher, durch die Überspringung dieses Schattens in eine Position zu kommen, in der mein Spaß am Mittelpunkt sein, mein Bedürfnis nach Bestätigung, meine Tendenz zu schnellen Meinungen und zu dominantem Redeverhalten (sowie Beharrlichkeit und Sturheit) nicht mehr durch die aufgezwungenen Komplexe gedämpft und gemäßigt werden, sondern sich im freien Lauf entfalten können. Ich habe familiäre Vorbilder, wie ich werden könnte. Ich will so nicht werden.

Aber warum sollte ich genau so werden? Ich bin doch ganz anders aufgewachsen und sozialisiert worden und lerne permanent dazu. Was könnte passieren, wenn ich es einfach wage, weitere Schritte in diese Richtung mache? Ich könnte mich verändern. Ich könnte etwas verändern, vielleicht. Warum nehme ich das nicht positiv an?

Und schließlich sprach ich gestern mit einem tollen Menschen, den ich im Workshop vor dem Femcamp wahrnahm, aber mit dem ich erst am Femcamp richtig in Kontakt trat. Wir sprachen über Anime und dass ich schon länger Rezensionen zu Anime schreiben will (etwas zwiegespalten zwischen “Aber dann gehören sie ja nicht mehr mir alleine!” /o\ und “Aber dann habe ich endlich Menschen, mit denen ich über Anime reden kann! \o/) und mich einfach nicht traue. Wir sprachen darüber, aber ich war schon zu müde und habe mir nicht alles gemerkt.

Hier ist es die Angst, keine Expertin zu sein und möglicherweise Fehler zu machen, auch ein bisschen, dass Anime, die ich mag, wegen problematischen Inhalten auf viel Gegenwind stoßen – aber noch größer ist die Angst, eine Rezension schlecht zu schreiben, dabei ist das genauso Übungssache.

Es ist wohl der Anspruch, Dinge aus dem Stand perfekt zu machen, ohne jede Übung. Sagt die Frau, die für ein Design ihr Strickstück auch sechs, sieben, achtmal auftrennt und geduldig wieder strickt. Hm. Ich vergesse zu oft, dass schon der Weg bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht nur eine Trainingsmontage war, sondern dass hinter mir Jahre der Übung, Jahre des über den Schatten Springens, Jahre des “Iiiiiiiiihhhh, ich hab ANGST, aber ich mach das jetzt!” liegen. Aber eines sehe ich: In meiner kleinen Angstblase mag ich nicht mehr sein. Ich bin traurig, wenn ich in ihr festsitze, anstatt aus ihr herauszutreten und bereue es dann nachher oft. Ich habe schon oft festgestellt, dass ich ein angstfreies Kind war, das keine Probleme hatte, für seine Volksschulklasse Gedichte und Theaterstücke zu schreiben und diese dann aufzuführen. Zu dem Gefühl möchte ich wieder zurück.

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Sei solidarisch und halt die Klappe

Sei solidarisch mit mir, ich bin doch auch eine Frau!
Sei solidarisch mit mir, ich bin doch auch eine Feministin!
Nöp. So einfach ist das nicht.

Tl; dr: Einfordern von Solidarität als Silencing/Derailing; Backlash gegen Women of Color; Solidarität in der deutschsprachigen Twitterbubble; Gedanken zu @blockempfehlung
[TW: Ich erwähne Androhungen von z.T sexueller Gewalt, hab aber *** eingesetzt. ]

Als erstes möchte ich klarstellen, dass ich auf der Seite von @tofutastisch bin und ihren* Worten über Solidarität voll zustimme, wenn ich auch bei der Kritik an @blockempfehlung bei @distelfliege bin (Link zu ihrem Kommentar auf dem Blog von @tofutastisch). Meine Gedanken zu Solidarität beziehen sich nur im weiteren Sinn auf den Text von @tofutastisch und viel mehr auf die Forderungen nach Solidarität, die an sie* und andere in letzter Zeit gestellt wurden, weil sie* schon aufgeschrieben hat, was ich auch denke.

Solidarität einzufordern kann sowohl eine Taktik sein, um in einer Diskussion abzulenken (Derailing) als auch um Menschen zum Schweigen zu bringen (Silencing). Wird die Solidarität vorenthalten, sind die Sympathien derjenigen, die über diese Taktik nicht Bescheid wissen, auf der Seite der Person, die Solidarität einfordert. Manchmal geschieht das nicht “bewusst” – um zu wissen, wie die Forderung nach Solidarität wirken kann und sie daher zu lassen, wenn sie ablenken oder zum Schweigen bringen würde, muss ein Vorwissen über solche Taktiken da sein (siehe z.B. Derailing für Anfänger von @sanczny EDIT: Fehler meinerseits, ich hätte nochmal nachfragen sollen. Derailing für Anfänger ist eine kollektive Übersetzungsarbeit, siehe auch Kommentar von r. Tut mir leid.). Das heißt noch lange nicht, dass “unbewusstes” Derailing oder Silencing ok ist.

Besonders schwierig wird es für mich, wenn Solidarität von mir gefordert wird, nur weil ich mich für dieselben oder ähnliche Anliegen einsetze. Nur weil ich viel kritisiere, heißt das nicht, dass ich mich jeder ähnlichen Kritik anschließe. Nur weil ich Feministin bin, heißt das nicht, dass ich mit allen Feminist*innen verbunden bin oder mich mit ihnen solidarisch erkläre. Denn wenn Menschen rassistisch, sexistisch, cissexistisch, homophob, klassistisch, ableistisch, etc. handeln, verfliegt meine Bereitschaft, mich mit ihnen solidarisch zu erklären bzw. zu fühlen.

#SolidarityIsForWhiteWomen und der Backlash gegen Women* of Color

Wie es mit der Solidarität bestellt ist, lernte ich 2013 von den großartigen Women* of Color auf Twitter, die sich nicht alle als Feministinnen* bezeichnen, darum tue ich es auch nicht. Aktionen wie #SolidarityIsForWhiteWomen, initiiert von Mikki Kendall @karnythia, #NotYourNarrative, initiiert von Rania Khalek @RaniaKhalek und Roqayah Chamseddine @irevolt, #NotYourAsianSidekick, initiiert von Suey Park @suey_park – und viele, viele mehr, sowie die Gespräche zwischen ihnen und vielen anderen haben mir gezeigt, dass Solidarität nicht die völlige Aufgabe von Kritik sein kann.

Ein paar Links dazu:
Eine gute Zusammenfassung “The Year in #SolidarityIsForWhiteWomen and Twitter Feminism” auf The Wire von Arit John
Darin erwähnt und eine gute Erinnerung daran, dass es den Feminismus™ nicht gibt: Despite What You May Think, Miley Cyrus and Rihanna Are Feminists auf The Daily Beast von Rawiya Kameir

In den letzten drei, vier Wochen gab es dann einen verstärkten Backlash, der noch nicht vorbei ist, gegen die sich auf Twitter organisierenden Women* of Color von weißen Feminist*innen, der in der deutschsprachigen Twitterbubble bisher nur wenig Beachtung fand. Arit John erwähnt zwei Beispiele in ihrem Artikel – einerseits den Artikel von Megan Murphy auf Feminist Current, den ich hier nicht verlinke. Akoto Ofori-Atta hat auf The Root darüber geschrieben und einige der wichtigsten Reaktionen gesammelt. Sehr bezeichnend für Murphys Artikel ist auch dieser Tweet von @bad_dominicana.

Als zweites Beispiel für den Backlash erwähnt Arit John den unsäglichen Artikel von Adele Wilde-Blavatsky, die nicht nur den Hashtag #stopblamingwhitewomenweneedunity in die Welt gesetzt hat, sondern sich auch durch widerlichste rassistische Aussagen auf Twitter hervorgetan hat. [Triggerwarnung] falls ihr da nachlesen wollt. Noch mehr fails findet ihr in diesem Jahresrückblick von The Colored Fountain – Leseempfehlung für das Blog. In dieser Atmosphäre war es kein Wunder, dass Ani DiFranco für die Idee eines Retreats auf einer Südstaatenplantage, die noch dazu auf ihrer Homepage damit warb, dass die Sklav*innen dort besonders gut behandelt wurden, stark kritisiert wurde. Brittney Cooper schreibt dazu auf Salon.com: “Ani DiFranco’s faux-pology: White privilege and the year in race“.

Zuletzt wurde kurz vor dem Jahreswechsel der Begriff der Intersektionalität, den Kimberlé Crenshaw 1989 in ihrem Aufsatz Mapping the Margins (PDF-Link) geprägt hat, von weißen Feminist*innen aus Großbritannien, die sich das ganze Jahr darüber lustig gemacht hatten, vereinnahmt und Women of Color, die weiße Feminist*innen kritisiert hatten, als “abusers” und “bullies” bezeichnet. Die Debatte hatte ihren Ursprung unter anderem in einer Radiotalkshow, der BBC Women’s Hour, mit Reni Eddo Lodge, Caroline Criado-Perez und Laura Bates. Reni Eddo Lodge hat auf Black Feminists ihre Sicht dargelegt, eine Transkription des kritischen Moments findet ihr in diesem Tweet von @judeinlondon.

Flavia Dzodan @redlightvoices bietet auf ihrem Blog weitere Hintergründe, und hat diese nochmals auf Twitter vertieft und die Tweets zu einem Storify zusammengefasst, aber die Debatte ist noch im Laufen und wird immer schrecklicher. Die Twitterin* @prisonculture hat, um der Debatte etwas Gutes abzugewinnen, einen Storify mit Ressourcen & Artikeln zum Thema Intersektionalität angelegt. Klar wurde mir: Feminismus™ und Feminist*innen sind nicht alle lieb und nett, nein, unreflektierte Privilegien führen auch im Feminismus™ zur Fortführung patriarchaler, imperialistischer Machtstrukturen.

Solidarität in der deutschsprachigen Twitterbubble

Und wie verhält es sich mit der Solidarität in der deutschsprachigen Twitterbubble? Nachdem viele im Januar und Februar 2013 durch #Aufschrei, zum Teil erstmals, zum Teil wieder, zum Feminismus, zu Gleichgesinnten fanden, riss die Debatte um Prostitution bzw. Sexarbeit im November und Dezember 2013 Gräben auf. Oder tat sie das? Die Gräben waren schon da, nur noch nicht so sichtbar, schließlich hatten einige von uns, mich inkludiert, erst angefangen, über unsere Vorstellungen von Feminismus zu reden. Durch diese Debatte, der ich mich wegen Unwissenheit, Konfliktscheu und generellem Unwohl- und Erschöpfungsgefühl hauptsächlich enthielt (was keine Entschuldigung sein soll) kam einfach offen zum Vorschein, dass es verschiedene Ansichten innerhalb der deutschsprachigen feministischen Twitterbubble gibt.

So ist es halt. Das ist weder gut noch schlecht, sondern eine Gelegenheit, darüber nachzudenken, welche Position ich einnehme und was diese bedeutet. Feminismus ist für mich ein andauernder Lern- und Selbstreflexionsprozess geworden – es ist kein Ende des Lernens in Sicht. Ich verstehe, dass es enttäuschend sein kann bzw. ist es auch für mich enttäuschend, wenn plötzlich Mitstreiter*innen etwas tun das meinen Prinzipien oder Ansichten widerstrebt oder andere Mitstreiter*innen angreifen. Manchmal fängt der beste Freund plötzlich darüber zu diskutieren an, warum Frauen* so bevorzugt werden müssen. Manchmal handeln bzw. sind sympathische, kluge, interessante Personen, sowohl historische als auch lebende, homophob, cissexistisch, klassistisch, ableistisch, rassistisch, etc. Manchmal handle ich so, unbewusst, aufgrund meiner Privilegien (noch so viel zu lernen). Manchmal bin ich einfach anderer Meinung.

Was dann? Wie gehe ich damit um? Kann ich es aushalten? Sage ich etwas dagegen? Lasse ich es einfach, weil ich gerade keine Kraft habe, weil mir die Person nicht besonders am Herzen liegt oder weil sie mir besonders am Herzen liegt, aus taktischen oder anderen Gründen? Riskiere ich einen Konflikt oder noch mehr enttäuscht zu werden, wenn die Person die Kritik nicht annimmt? Wie formuliere ich die Kritik so, dass sie ankommt? Und liegt mir mehr an der Person oder daran, meine Meinung durchzusetzen? Schaffe ich es, die Beweggründe einer Person zu verstehen, wenn ich angegriffen werde, auch wenn ich im Recht bin? Schaffe ich es, wertschätzend auf Kritik zu reagieren, selbst wenn ein wunder Punkt getroffen wird? Verzeihe ich? Erst nach einer Entschuldigung? An welchem Punkt geht Selbstschutz vor?

Meine Reaktion ist variabel, denn unfehlbar bin ich nicht. Manchmal habe ich schlechte Laune oder bin bei manchen Themen reizbar. Manchmal weiß ich etwas nicht, kenne die Hintergründe nicht. Manchmal reagiere ich unbedacht. Manchmal lässt mir mein Gewissen keine Ruhe. Ich weiß oft, wie ich reagieren sollte und tue es doch nicht. Ich schweige oft, weil ich nicht weiß, was ich sagen soll. Weil ich die Worte nicht finde, keine Zeit habe, jeden Tag einen Blogpost zu schreiben, das Gefühl habe, nicht genug zu wissen, um etwas sagen zu können. Manchmal ist es besser so, aber manchmal führt das dazu, dass ich Menschen die Solidarität versage.

Ich fühle mich seit Wochen stumm und hilflos, während ich las, wie die People of Color und Women* of Color in meiner Timeline verletzt wurden, wie @tofutastisch für ihre Beteiligung an @blockempfehlung angegriffen wurde und wird, wie @_accalmie sich mit Assangefans und V************gsleugnern herumschlagen musste und muss, wie @zoradebrunner eine V************g, @elquee der Tod gewünscht und @MmeCoquelicot als Kinderv*************rin verleumdet wurde, wie @maedchentraeume wieder angegriffen wurde und mich packte die Verzweiflung, die schon @co_g und @_accalmie (relevante Blogposts in den Links) gepackt hat(te).

Aber mir reicht es jetzt. Und die Herzen, Katzenbilder und sonstigen Memes, die wir uns auf Twitter schicken, weil was können wir sonst tun, reichen mir nicht mehr. Zu oft habe ich mich aus Debatten rausgehalten, zu oft den Mund gehalten, höchstens retweetet. Das soll jetzt aber keine Vorschrift sein, es mir gleich zu tun. Ihr wisst selbst, wofür ihr Kraft habt und was ihr tut wollt.

Zu @blockempfehlung

Jedenfalls will ich nun was zu @blockempfehlung sagen. Mir war sofort klar, warum so ein Account aufgesetzt wurde. Es gibt zu viele Menschen im Internet, die denken, dass Meinungsfreiheit bedeutet, dass alle ihnen zuhören müssen. Wenn nötig mit Gewalt. Aber Meinungsfreiheit heißt nicht, dass Meinungsäußerungen keine Konsequenzen nach sich ziehen.

Wenn mich Maskulinisten beleidigen oder bedrohen, muss ich das nicht stumm ertragen. Wenn ein Mensch zu jedem feministischen oder antirassistischen oder sonstigem Kommentar meinerseits eine Bemerkung hat, die zeigt, dass er*sie nicht begreift, worum es geht und selbst nach Erklärungen nichts begreift, dann ist irgendwann meine Geduld zu Ende, denn auch das zehrt. Dann blocke ich.

Ich bin nicht dazu verpflichtet, mir Gewalt antun zu lassen. Ich bin nicht dazu verpflichtet, über meine Schutzmaßnahmen Rechenschaft abzulegen. Und wenn es mein Leben online leichter macht, blocke ich präventiv und wenn ich das Leben anderer online damit leichter mache, spreche ich Blockempfehlungen aus. Ohne jede Reue.

Dass Accounts, wenn sie zu oft gespamblockt werden, gesperrt werden, ist mir egal. Nochmal: Meinungsfreiheit heißt nicht Freiheit von Konsequenzen. Wenn eine Person kontinuierlich droht, beschimpft, Gewalt antut, ist eine Sperrung das Mindestmaß. Noch dazu kann die Sperrung durch die Neuanlegung eines Accounts leicht umgangen werden, wie es ja die ganze Zeit passiert. Und nicht, dass sich dann der Mensch hinter dem Account zurückhalten würde, nein, es wird weitergehetzt, gedroht, Gewalt angetan.

Dass @blockempfehlung Ablehnung erfahren würde war mir klar. Dass es Befürchtungen geben würde, dass eine Person wegen einem Fehler auf der Liste landet war mir klar. Prinzipiell halte ich es aber für eine gute Idee zu dokumentieren, wer auf Twitter routinemäßig FLIT* und Feminist*innen bedroht, beschimpft, anpöbelt, damit die, die sich dieser Gewalt nicht aussetzen wollen, sich präventiv schützen können. Entweder sollte das sehr transparent oder unter Ausschluss der Öffentlichkeit, auf jeden Fall aber wie von @tofutastisch beschrieben, mit einem Stufensystem erfolgen.

Aber die Mehrheit heult laut “Zensur! Buhu! Die bösen, bösen Feminist*innen wollen uns nicht zuhören! Sie wollen sich nicht Gewalt antun lassen! Pranger! Schädigend! Alle werden blocken ohne nachzudenken und zu überprüfen!” Für so mächtig und so dumm werden wir gehalten. Darüber kann ich nur lachen. Sagen wir einfach mal so: Wenn vielen von uns nicht andauernd Gewalt angetan würde, gäbe es diesen Account gar nicht. Denkt mal darüber nach.

On eating while depressed

[TW depression]

Currently posts happen in English. Don’t know why, but that’s just how it is right now.

I just met a friend I haven’t seen in quite a while. As we asked each other how we were, we both knew how we really were without having to say much. They asked me to accompany them to the supermarket to get something to eat. I said yes, because I wanted to spend more time with them, but also because I felt I knew why they asked. They were hungry and needed food, but making or buying food, alone, was just too much effort. Eating while depressed can be like that for me.

As I am still coming out of a depressed phase, I am amazed at and celebrate the things that are suddenly possible again. Putting in earrings. Doing the laundry. Doing the dishes. And making food. At first, making food again meant making food that requires heat and a pan. Cheese toast to be exact. I don’t have a toaster, so I fry the bread gently in butter, top it with cheese, flip it, fry it gently, and then eat it with lots of ketchup. Right now, I’ve taken the next step to cooking soups. Soups aren’t hard to make and if I make a big batch they’ll last two or more days. These are two huge steps up for me. I even made pasta twice.

Why are they huge steps? They’re huge steps up from eating cold food, like bread and cheese or other combinations, from cereal with yoghurt, from chips and chocolate pudding. There is nothing wrong any of those foods, I love them all. But eating them every day gets tedious, when there is so much more out there.

At this point in time I consider my life to be seriously too short to keep beating myself up about what I eat anymore, even though society says I should because I am fat. I love food. It took me a while to get a safe distance away from the guilt, the shame, the self-hate, the fears, the restrictions, the hang-ups, the constant self-abuse of berating myself for my choices. Somehow I managed to resist dieting, mostly. One ex-partner tried the no-carb diet and I “had” to do it with them (because I was “responsible” for the cooking, natch), that cured me for life. I don’t think I’ve ever craved potatoes so much.

I managed to get to a safe distance with Michelle Allison, who blogs and tweets as the Fat Nutritionist @fatnutrionist – and Lesley Kinzel’s amazing fatshion articles on xojane (she writes great articles on a wide range of other topics, too). Because of Lesley Kinzel, who tweets as @52stations, I put on a bathing suit this summer and went swimming, because of her, I am putting on whatever clothes (dresses!) I want. Because of posts like this by Michelle Allison, I started being able to say yes and no to food as I pleased and no longer pressured myself as much.  I’m still working on all these things, still unlearning the internalized fatshaming, still trying to resist the fatshaming from others. Still working on applying the health at every size concept to my life.

That’s how my relationship is with food when I am feeling ok or happy. When I am not feeling well, I don’t lose my appetite, I stop caring (not feeling, caring). I stop caring whether I eat, and cooking and doing the dishes become chores of monstrous proportions. This is not a sudden occurrence, one day fine, the other day completely unable to cook food. It’s a gradual process. At one point during this year, I managed to get up at a reasonable time, make breakfast (tea and cereals I let soak *the night before* with actual fresh fruit, how “together” is that?!). At one point this year, I have managed to invent new recipes and go to amazing lengths to prepare certain foodstuffs.

Then I started lying in bed a little longer and eating my cereals unsoaked for many reasons. Maybe not every day. But this is how it starts. It ends with me going to work hungry, eating lunch far too quickly, and feeling bad about the whole thing and this time finally not eating at all, which, just no. No no no. I don’t want to go there again. Michelle Allison has written about “When eating falls apart“. This.

What feeling depressed and not being able to cook also means for me: I have let food rot, because I just couldn’t find the energy to prepare it. This is considered very bad. Supervillain level bad. So while I can’t help it, I feel very bad about it and make myself feel worse. To combat this, I stop buying food that goes off quickly and/or needs many steps to prepare (i.e. fruit and vegetables, although I really like them). I eat only things I don’t have to prepare or can prepare quickly, preferrably in a bowl, and eat with a spoon. Now, as I said above, I love cold foods like bean salad and cereal, but having bean salad every day isn’t fun. A good post to read on this is Michelle Allison’s Perfectionist cooking paralysis. Basically I go from a higher level to level zero and then up again over time, except I know how to cook food at every level, that’s not the problem.

This time, as I started getting out of my depressed phase (still not entirely out), I also got a massive virus infection with sore throat, clogged sinuses, fever, the works. I lost my sense of smell and taste. This made me want to eat and cook even less. I could have ordered stuff or could have gone to a restaurant. I can buy readymade food at the supermarket. But I can’t afford that on a regular basis, nor do I want to buy readymade food all the time. Also, I was sick. I couldn’t really go out.

Add this to the fact that I live and mostly am alone. I have a parent (who has their own life and struggles), friends (who have their own life and struggles) and that’s it. Also, when I am not feeling well, I feel like I can’t impose on people. I tell them I can do stuff by myself, because I feel they have enough on their plate. Also having them visit me or going out with them means getting up, showering, getting dressed, cleaning up and many other things that sometimes just take more strength than I have, especially when I am also having a fever. Still, there are lovely people who persist, make food for me, take me out – and I am eternally grateful to those people.

At the same time, when I am feeling depressed, eating whatever I feel like gives me pleasure and helps me stay alive. It helps me stay connected to this world, because I don’t want to give up the pleasure of eating chocolate pudding and potato chips and because I know that at some future point I will be able to make and eat arugula salad, mushroom risotto or homemade Christmas cookies. Lucky me. This is a privilege.

Now. Take all these layers (and some I’ve not been able or didn’t want to fit in). Understand that there are times when I have been meaning to cook a simple dish for days and haven’t managed to do it. Even if it only requires cutting things and cooking them all together. Sometimes I am just not able to do this. Sometimes I am slowly approaching the point at which I can. Sometimes I can and sometimes I can do more. If I had to do this at work, I’d do it, no problem. But this isn’t paid work. It’s feeding me and sometimes I can’t.

That’s why I am touchy when people comment on my food choices. Even during ok or happy phases, comments that go beyond “Wow, that looks good!”, “Yummy!” or “I’d like to have the recipe” get annoying really fast, mostly because there is so much fatshaming in them. “How can you eat that?”, “I couldn’t eat that!”, “(Food I’m eating) is so gross!”, “You’re eating *that* for breakfast/lunch/dinner?!”, “But you could make that into a vegan dish!”, etc etc etc.

No, I don’t want to hear about your diet, whether you’re doing it for weight loss or other reasons. It’s fine if you tell me you can’t or won’t eat certain foods, I’ll try to work with that if I ever cook food for you. Whatever you choose to eat is fine with me and if I like what’s in it, I’ll be glad to try it. I’ll gladly talk about delicious food, I’ll look at your pictures of delicious meals, I’ll read your recipes and love them and try them out myself when and if I feel like it, but I will only forgive one person for diet talk – my best friend (for reasons I don’t need to explain to you). From people who don’t really know me, comments about what I’m eating get irritating really fast. From people who know me, they can be incredibly hurtful.

But since I’m afraid people will no longer like me if I tell them they’re hurting me, I stay silent far too often and rather start avoiding them. Not an ideal solution, either, I guess. Which is why I’ve written this post to ask you to please take into consideration that people might have issues with food that you don’t, can’t know about. It costs you nothing to say whatever you want to say about my food choices in your head, but you’ll spare me pain. If you can’t do that, be prepared for me to react in a way that might not be “nice”.

Hände hoch, hier ist die Feminismus-Polizei!

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feminist badge level 5

*klopfklopf*

Unschuldige Zivilgesellschaft: “Wer ist da?”

“Die Feminismus-Polizei! Aufmachen! Sofort!”

Unschuldige Zivilgesellschaft: “Aber wir haben doch gar nix getaaaaaaan!”

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Wieviele Monate ist das Twitkulturdebakel nun her? Am 7. Dezember werden es 2 Monate sein. In Social Media-Zeit ist das ein halbes Jahrhundert oder so. Wieviel Kraft und Nerven @OljaAlvir und mich die Hasskampagne gekostet hat.

Vielleicht die (für mich) absoluten Tiefpunkte nochmal zur Erinnerung: Uns wurden indirekt Nazimethoden vorgeworfen – und es gab keinen Widerspruch. Der Organisator des Events favorisierte einen Tweet in dem ich “faschistischer Abschaum” genannt wurde. Nachlesen könnt ihr das alles hier.

In den zwei Monaten seither habe ich mein Schlafdefizit aufgeholt, meine Nerven sind einigermaßen in ihren Ausgangszustand zurückgekehrt. Olja hatte noch länger mit Angriffen zu kämpfen, ihr wurden Freundschaften aufgekündigt, weil es für die Personen opportuner war, sich auf die nichtfeministische Seite zu stellen, diskutierte sie etwas auf Twitter, waren sofort diejenigen zur Stelle, die ihr die Kritik an der Twitkultur nicht verzeihen konnten.

Ich wurde nicht weiter behelligt, weil ich mich systemkonform brav und ruhig verhielt. Und auch der folgende Seitenhieb gilt nicht mir, sondern Olja. Oder vielleicht doch mir? Nach meinem Post hatte ich immerhin ca. 100 Follower_innen mehr. Ich fand das etwas creepy und es hatte unangenehme Auswirkungen (deutliche Zunahme von Mansplaining). Aber sie ließen sich nicht vertreiben und es wurden immer mehr, oh dear. Kürzlich bekam ich das erste Angebot, für eine Rechtsanwaltskanzlei (wohl gratis) Werbung zu machen. Look parents, I’ve made it on the internetz. *augenverdreh* Die Autorin* des Artikels hat übrigens mehr Follower_innen als Olja und ich zusammen. Aber we “did it all for the Twitter fame” (Zitat aus ironisch gemeintem Tweet von Olja).

Ich dachte, Twitkultur wäre old news. Alte Nachrichten stinken ja bekanntlich wie der Fisch, um den sie gewickelt werden. Aber nein. Es ist Advent, der Jahreswechsel naht, und einige fühlen sich bemüßigt, den Gestank nochmal aufzuwärmen (hoffentlich findet der Artikel keine Nachahmer_innen).

Mich erreicht ein Hinweis auf diesen Artikel und ich dachte mir nichts weiter, weil was hab ich mit irgendeinem der genannten Links zu tun.

Aber dann lese ich den Ursprung der Twitterkonversation, in die ich gezogen wurde, nochmal nach.

“Kinder, die auf Twitter schlimm waren”. Häh? Ich klicke auf den obersten Link in der Kompilation und finde endlich heraus, woher der Wind weht. Na Mahlzeit.

Falls ihr nicht auf den Link klicken wollt, hier die Zitate, auf die ich mich beziehe:

“Es gibt unterschiedliche Gründe, das Twitter-Service zu nutzen. Shameless Self Promotion ist einiger der häufigsten davon. Das ist nicht verwerflich, man sollte dabei aber einige Grundregeln der guten Twitter-Etikette beachten.”

Neben anderen Punkten steht unter der Überschrift “Die Sittenpolizei” dann:

“Frauenanteil auf öffentlichen Veranstaltungen, im TV, auf Literaturveranstaltungen (#twittkultur): wer unbedacht für eine Nicht-Gender-neutralisierte Sache oder Veranstaltung wirbt, läuft Gefahr, ins Visier der Feminismus-Polizei zu geraten. Die Sache an sich, für die hier mit harten Bandagen gekämpft wird, mag eine Gute sein, aber der Zweck heiligt eben doch nicht alle Mittel. Offen gelassen sei hier auch, ob die Absicht hinter diesen Tweets überhaupt der Sache dienen sollte – oder nur der Positionierung einzelner Twitterantinnen.”

Ich glaube, damit sind genug Feminismus-Bullshit-Bingofelder besetzt, um mal laut und herzlich “Bingo!” zu rufen.

Ich hatte es ja völlig verdrängt, zum Glück hat mich diese Aussage in der digitalista-Zusammenfassung daran erinnert: Feminist_innen sind “nur auf Aufmerksamkeit aus”. Shameless self promotion steht dahinter, wenn wir z.B. darum kämpfen, dass Frauen* bei öffentlichen Veranstaltungen, im Fernsehen, bei “Literaturveranstaltungen” (das war #twitkultur nicht ausschließlich) angemessen repräsentiert sind bzw. werden.

So wie bei allen anderen, die etwas in der Welt bewirken wollen, oder? Wie zum Beispiel Kommunikationsagenturen, die würden gerne Aufträge kriegen und Geld verdienen. Oder Journalist_innen. Oder Menschen, die Events veranstalten. Aber Feminist_innen sind eben irgendwie böse oder so, keine Ahnung, es muss echt voll schlimm sein, was die machen, also kann auf ihnen rumgehackt werden.

Dass das dann Aufmerksamkeit, Bonuspunkte und hartes Bargeld für die Feminismuskritiker_innen bringt, ist aber keine shameless self promotion, neeeeinnnn, NIE! Was es ist: Verinnerlichter Sexismus. Und mal wieder auf dem Rücken der Frauen* Geld verdienen. Sauber.

Aber die Kritik ist schon gerechtfertigt, weil wenn’s um Feminismus geht, da kämpfen wir schon mal mit “harten Bandagen”, zum Beispiel indem wir zu erklären versuchen, warum Frauen anders und ev. öfter angesprochen werden müssen, wenn Veranstaltungen “gender-neutralisiert” (höhö, wie LUSTIG) besetzt werden sollen. Warum es wichtig und sogar von Vorteil ist, ein Gleichgewicht herzustellen bzw. über die Genderbinarität hinauszugehen. Dafür werden wir beschimpft, zum Teil sexistisch, schlimme Kinder und Nazis genannt. Im Gegensatz zu unseren harten Bandagen sind das ja Kinkerlitzchen.

Was ein tone argument ist und warum das mit “der Sache” bei der Feminismus-Polizei nur auf Ärger und Augenverdrehen stößt, ist halt noch nicht Kommunikationsagenturen- oder gesellschaftlicher Mainstream, leider. Und wird es auch nie sein, wenn’s nach der patriarchalen Gesellschaftsordnung geht. Die Ironie, dass es “der Sache” des Feminismus mehr schadet, wenn der Feminismus mal wieder als kindisch, aufmerksamkeitsheischend, überzogen, unverhältnismäßig, gefährlich, mächtig, ja sogar als staatliche Institution stereotypisiert wird, lassen wir hier elegant beiseite.

Oder nicht. Was soll mit “Sittenpolizei” gemeint sein? Etwa … “political correctness”? Eigentlich ist die Sittenpolizei für den Erhalt der guten Sitten, so die Grundzüge, was damit gemeint ist, vermittelt Wikipedia. Sehr missverständlich irgendwie (Polizeistunde gibt’s keine auf Twitter). Also präziser: “Feminismus-Polizei”.

Ach lol. Hätten wir doch nur so viel staatlich legitimierte Macht. Wie viel besser diese Welt schon wäre. Wer nicht merkt, dass im Jahr 2013 überall auf der Welt Frauen immer noch darum kämpfen müssen, als vollwertige Menschen mit allen Rechten, die ihnen qua Menschenrechtserklärung und – wo es entsprechende Gesetze gibt – qua Gesetz zustehen, ist entweder innerhalb der patriarchalen Gesellschaftsordnung privilegiert oder hat sich mit ihr gut gestellt und profitiert von ihr. Das tut dieser Artikel.

Ohne Not hätte dieser Paragraph ausgelassen oder – gute Güte! – sogar feministisch formuliert werden können. So á la “Wer im Jahr 2013 bei seinen Veranstaltungen noch nicht auf eine diversere Besetzung (ja, es gibt noch mehr Diskriminierungen außer Sexismus, z.B. Rassismus, Ableismus, Klassismus, usw.) achtet, sollte sich nicht über Kritik/Shitstorms wundern, sondern mal seine Privilegien überdenken.”

Aber so halb ist ja auch dieser Artikel wieder “lustig” gemeint, gell? Deshalb setzen sich alle, die es immer noch nicht begriffen haben jetzt nochmal hin (speziell die Kommunikationsmanager_innen, da lernt ihr noch was für den nächsten Shitstorm) und schreibt das hundertmal ab:
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Quelle

Und jetzt Hände hoch! Sie sind verhaftet!

Gastpost: Dieses Leben kann Spuren von Gewalt enthalten Teil 1

Heute gibt es einen Gastpost von @MikaMurstein

TW: häusliche/sexualisierte/ seelische Gewalt sind Themen dieses Blogposts. Bestimmte Begriffe verwende ich als Zitate, auch wenn ich diese Begriffe für bedenklich halte. Mir geht es darum, zu reflektieren, wie sehr diese Begriffe Vorstellungen zum Thema prägen, sowohl die Fremdwahrnehmung als auch die Eigenwahrnehmung, letztere nicht unbeeinflusst von Stigmatisierung. Dies ist keine Abrechnung mit meinem direkten Umfeld. Mir geht es um den gesellschaftlichen Umgang mit dieser Gewalt und warum es so erschwert wird über solche Erlebnisse zu sprechen. Denn nur durch das Sprechen kann eins die Verantwortung bei denen lassen, die sie tragen und den oft bis dahin selbstzerstörerischen Zirkel der Entwertung entkommen. Ich bitte dennoch jede_n zu prüfen, ob er_sie bereit ist einen Text zu lesen, indem ich einmal überhaupt keine Rücksicht nehmen will, der nicht ausgleicht oder schönt, der sogar meine eigenen Regeln verletzt, nämlich die Regel, Erlebnisse zu literarisieren, sie mit einem Mehrwert von Sinn und Schönheit anzureichern, damit sie erträglich sind und transformierbar/produktiv nutzbar sind. Dies hier ist einfach nur hässlich.

Dieses Leben kann Spuren von Gewalt enthalten

Aus allen meinen vergangenen Beziehungen gehe ich mit der Frage raus: Warum erwecke ich keine Empathie im anderen? Warum sollte ich das, was mir entgegen gebracht wird, eigentlich Liebe nennen? Und: Bin ich nicht liebens-wert?

Von mir wurde meist ein hohes Maß an Empathie, Reflektion, Fürsorge und ich nenn es mal “Kreativität” erwartet, am meisten von den Menschen, die am wenigsten im Stande waren, selbiges anzubieten.

Wenn ich das so sehe, wo kommt dann dieser Abwertungsgedanke her, ich sei nicht liebenswert, wenn ich nicht Empathie beim Anderen hervorrufe?

Es gibt jede Menge Spuren, die Gewalterfahrungen in meinem Leben hinterlassen haben.

Eine meiner ersten Kindheitserinnerungen ist das Bild, wo mein Vater meine Mutter schlägt und sie zu Boden geht. Ich werfe mich über sie, und vor Überraschung hält mein Vater dieses eine Mal inne.

Die häusliche Gewalt gegen meine Mutter und gegen einen meiner Brüder führte zur Scheidung meiner Eltern.

Ich habe früh versucht wie ein Seismograph die Empfindungen der Menschen in meinem Umfeld zu erfassen und zu deuten. Solange mir etwas verständlich erschien, so lange etwas erklärbar war, war es auf eine Art weniger angsteinflößend.

Mir wurden ab dem ca. 6. Lebensjahr von verschiedenen Menschen Kümmernisse mitgeteilt oder etwas später wurde ich nach meiner Meinung gefragt, sogar um Rat. Das gab mir eine besondere Stellung. Ich stellte das gar nicht in Frage.
Mir fällt es bis heute schwer, das Wort “Gewalt” auf das anzuwenden, was mir ab dem 9. Lebensjahr widerfahren ist. Vielleicht war der Begriff lange noch mit Bildern eines körperlichen Exzesses verbunden war. Das, was ich erlebte, kam äußerlich nicht so brutal daher, jedenfalls nicht so sehr im körperlichen Sinne.

Sätze des Täters (wenn er wütend war):
“Du bist hässlich, niemand (anders) wird dich wollen.”
“Man wird dir nicht glauben.”
“Man wird schlecht von dir denken.”
“… denn du hast Geschenke angenommen.”

Die Übergriffe passierten “nur” sporadisch. Zwischen meinem 9. Bis 11.Lebensjahr am Häufigsten, danach gab es in größeren Abständen noch ein paar Versuche.
Es beruhte weniger auf körperlichen Zwang, den braucht es auch nicht, wenn eins erst 9 oder 10 oder wie alt auch immer ist, Vertrauen zu der Person hatte, die plötzlich ihr Verhalten derart ändert, wenn schon eine Bindung besteht; wenn eins Schuldgefühle hat, weil dieser Mensch so wahnsinnig unglücklich ist und eins selber dagegen von ein paar Menschen geliebt und für etwas Besonderes gehalten wird.

Als Kind konnte ich mir Neid als Motiv am Besten vorstellen, denn der war mir schon mal entgegen geschlagen und ich empfand das schmerzhaft als trennend. Anders konnte ich es mir damals nicht erklären, heute weiß ich, wie hinfällig meine Bemühungen sind, “es” zu verstehen. Das ist nicht MEINE Aufgabe.

Es passierte nicht alles, was passieren kann; ob es daran lag, dass ich an dem Punkt, wo meine Angst am Größten war, wenn es über die anfänglichen und bestimmte Berührungen, die mich erst erstarren ließen, hinausging, wenn die Panik sich Bahn brach “Nein” sagte, zu weinen anfing, oder drohte zu schreien, ich weiß es nicht. Aus irgendeinem Grund hörte er dann, aber auch nicht ein bisschen eher, auf. Bis zum nächsten Mal, wo er mich mit Worten zu überreden versuchte, weiter zu gehen, immer wieder. Heute denke ich, dass er überzeugt davon war, nur die richtigen Knöpfe drücken zu müssen, dann würde ich schon wollen. Er guckte mich eingangs mit so einem flehenden Blick an. Dann erwartungsvoll; wenn er mich berührte und mir erklärte, was ich dabei empfinden müsste.

Die Frage, warum ich dieses Verhalten bei ihm auslöste, ist natürlich von Grund auf falsch, ich spürte das aber erst viel später.

Ich war schon Anfang 30, als ich dieses Thema zum ersten Mal mit einem Therapeuten bearbeiten wollte.

Er sagte: “Es handelt sich bei ihnen um einen minder schweren Fall von sexuellem Missbr**ch …”

Den Rest hörte ich nicht mehr. Ich war entsetzt, mir war schlecht, ich war wütend …

Ich selbst hatte es verharmlost, mir gesagt, dass anderen Schlimmeres widerfahren ist und ich hatte dabei auch eher nur die körperlichen Vorgänge bewertet.

Aber was bitte schön ist “minder schwer” an einem “sexuellem Missbr**ch”, der sich über Jahre hinzieht, bei dem eins Zerspringen will vor Angst, Mitleid, Schuldgefühl, Scham; der zwar in großen Abständen stattfand, aber dann das Vertrauen zu Nichte machte, welches ich mühsam wieder aufgebaut hatte???

Diese Versuche mich doch noch zu “allem” zu überreden ebbten erst wirklich ab als ich 15 war. Ich hatte mich dran gewöhnt, diese Dinge selber zu regeln, nachdem die einzige Person, der ich mich anvertraut hatte, mich nicht ausreichend zu schützen vermochte. Diese Person sprach ein paar Mal mit dem Grenzüberschreiter, er gelobte aufzuhören. Er tat es aber nicht.

Erst in meinen Zwanzigern sprach ich darüber.

Eine nicht so langjährige Freundin, die selbst einen sexuellen Übergriff erlebt hatte, meinte allen Ernstes, meine Erfahrungen seien nicht so schlimm, weil derjenige mich anscheinend “geliebt” habe. Klar, ist ja weniger schlimm dann …

WHAT THE FUCK? Ich wäre niemals auf die Idee gekommen, zu ihr zu sagen: Bei Dir war es ja nur einmal. Als ob das nicht reichte.

Ich habe schon immer diesen Wettbewerb darum, wer am meisten leidet, gehasst.

Der kulminierte zeitweilig auch in meiner Familie, obwohl uns ein seltsames Empfinden namens Gerechtigkeitssinn einte und wir uns außen mit Menschen solidarisierten und als hilfsbereit, etc, bezeichnet wurden. Also außen nicht so egozentrisch agierten wie innerhalb der Familie. Meine Mom hat Z.B. mehrmals andere ermutigt und unterstützt sich aus gewaltvollen Beziehungen zu befreien. Die Angst zu kurz zu kommen, oder das Gefühl nicht gesehen zu werden … es wird genug individuelle Gründe gegeben haben, die uns den Zusammenhalt im Innern teils erschwert haben …

Als ich 23 Jahre alt war, erzählte ich es zum ersten Mal jemensch “außerhalb”, wir kannten uns seit ein paar Monaten und ich befand mich in der Phase, die ich später ‘the seven years of loneliness‘ nennen würde, eine Zeit in der ich zwar nicht völlig verstummte, aber niemanden als Freund oder Freundin bezeichnete, damit es nichts zu verlieren gab. Die wichtigen Gespräche hatte ich mit Menschen, die sich im Transit befanden, nur eine gewisse Zeit am selben Ort aufhielten, und nichts von ihrem Transit-Status in meinem Leben musste ich auf mich beziehen.

Bis zu dem Moment als ich diesem Menschen davon erzählte; ich musste es einmal tun, ich musste sehen was passierte. Er zog sich zurück. Er nannte zwar andere Gründe für den Rückzug, aber ich denke, er wird sich gefragt haben, warum ich gerade ihm das erzählte, nur gab es dafür bloß einen Grund: Ich musste ausprobieren, ob ich es sagen kann.

Der dritte Mensch war die Person, die mir als beste Freundin in meiner Kindheit und Jugend zur Seite gestanden hat, ohne deren beruhigende Art ich ganz bestimmt verzweifelt wäre, die fast alles von mir wusste. Aber das eben nicht.

Es waren die Weihnachtstage, ich war im neuen Zuhause meiner Mom zu Besuch, aber in der Gegend, wo ich aufgewachsen bin. Ich dachte erst, ich hätte Grippe, weil ich so viel kotzen musste. Da sich das aber in nach der Rückkehr in meine Wahlheimat schnell legte, konnte es durchaus andere Ursachen gehabt haben als einen Virus.

Während dieser “kranken” Tage erzählte ich es endlich der Jugendfreundin. Und sie war so erschrocken und sagte nur: “Er wollte Dir bestimmt nicht weh tun.”

Ich hatte die nächsten 6 Monate Alpträume. Eigentlich nur einen, und den auf Endlosschleife. Der Täter zwingt mich zu dem, was er damals nicht “vollständig” bekam, nur bin ich erwachsen, und wehre mich heftig und kann mich nicht befreien. Während das passiert tritt eine Gestalt in den Türrahmen, und sieht angewidert auf die Szene, sieht MICH angewidert an, es ist die Person, in die ich damals verliebt war und ich konnte auch im Traum nicht begreifen, dass die Person es nicht verhinderte, nicht erkannte, was passiert, nicht die Tat, sondern mich verachtete. Das “durchlebte” ich wenige Monate vor meinem Abi auf dem zweiten Bildungsweg. Was das heißt, brauche ich, glaube ich, nicht noch ausführlicher beschreiben.

Der erste FESTE Partner im Erwachsenenalter, mit Mitte Zwanzig, der diese Geschichte erfuhr, glaubte mich “erschlossen” zu haben, als müsse ich in erster Linie mit Sexualität Probleme haben, und da ich so froh war, dass die flashbacks ausblieben, während wir uns nahe waren, nährte das wohl seinen Glauben. Konnte ja nichts mit mir und meiner Art damit umzugehen zu tun haben, dass ich immer daran festgehalten habe, dass es auch anders sein kann und mich gefragt habe, wie ich das denn erleben will, was ich sexuell und überhaupt für Nähe will. Sex war nie das Problem. Also Happy End? Alles verarbeitet? Nein.

Mein Bedürfnis sehr bestimmt in meiner Sexualität zu sein, wurde weniger als Stärke gesehen, wurde mehrmals als “unweiblich” aufgefasst. Als ein Infrage-Stellen der Männlichkeit meines Partners. Ich habe mich stets gefragt, wie eins mit einem Menschen zusammen sein kann, dem eins vorwirft nicht genug dies oder das zu sein oder zu viel davon, zu wenig der Norm entsprechend, aber dennoch nicht von diesem Menschen lässt. Tat mir jemensch konsequent nicht gut, hatte ich mich getäuscht, genug gekämpft, nun ja, dann bin ich gegangen, während selbst derjenige, der mir explizit den Mangel an weiblichen Verhalten unterstellte, nicht loslassen wollte, zuerst einmal.

Das haut in die Kerbe, ich sei nicht richtig, so wie ich bin. Womöglich ist es auf, na was wohl, zurückzuführen … If I am really damaged goods, why do you keep on wanting me?

Wenn ich für eine Sache Gespür entwickelt habe, dann dafür, was ich will und was ich nicht will. Wo meine Grenzen sind. Und ausgerechnet das stört?

Then … I am better off alone.

Einmal durchwühlte ich mit einem Kommilitonen (der natürlich meine Geschichte nicht kannte) den Karteikasten mit den Kärtchen, auf denen alle älteren Diplomarbeiten aufgeführt waren. Er erzählte, von einem Freund, dessen Diplomarbeit sich auch hier befinden müsste. Der Freund habe über sexuellen Missbr**ch in seiner Diplomarbeit geschrieben. Der Arme sei mit einer Frau zusammen, die das erlebt habe. Das sei doch ungeheuer schrecklich und “Seelenmord” … mit jemanden zusammen sein, der das durchlebt hat, sein Freund tue ihm leid.

Ich war so unglaublich wütend. Diese Begriffe waren an sich schon so schlimm und falsch, und wurden inflationär benutzt, als wenn die Leute wüssten, wovon sie redeten. Ich bin kein Zombie, ich fühle viel zu viel. Und ich denke, ich bin nicht die einzige. Stigmatisierung ist in sich so gewaltvoll. Der Diskurs den Nicht-Betroffene über Betroffene führen..

Es war 1998 oder ’99 – ich kam aus dem Kino, rief einen Freund an, aus der Telefonzelle, wollte ihm mitteilen, dass ich einen total wichtigen Film gesehen hatte, aber mir war so schlecht und er verstand das als Botschaft, dass der Film nicht gut sein könnte, und wollte ihn lieber nicht sehen.

Es handelte sich um den ersten Dogma-Film überhaupt: “Das Fest” von Thomas Vinterberg

(Ich konzentriere mich nur auf einige grob skizzierte Ausschnitte mit der Hauptfigur im Fokus, ich will nicht den ganzen Film nacherzählen, dafür ist er viel zu ergiebig und es würde ihm auch nicht gerecht, wenn ich es versuchte, ich habe den Film zuletzt vor vielen Jahren zum wiederholtem Mal gesehen, die Reihenfolge der Details würde ich durcheinander werfen.)

Mit scheinbar unsteter Handkamera (dennoch ist keine der Einstellungen zufällig), wird der 60. Geburtstag des Familienpatriarchen Helge festgehalten. Es sind zahlreiche Gäste erschienen, die große Verwandtschaft und die Geschäftsfreunde.

Die Handkamera, fängt mal diesen, mal jenen Charakter ein, ist aber parteilich bei Christian, dem ältesten Sohn von Helge, dessen nervöse Reaktionen auf den Vater (selbst ein noch so kurzes Zucken während der anfänglichen Geburtstagszeremonie zeigt die Kamera wie im Vorbeigehen, ohne dass es sich im Gedächtnis verflüchtigt) ankündigen, dass etwas passieren wird.

Christian hat zwei Reden vorbereitet für den Vater, der Vater solle doch zwischen zwei verschiedenfarbigen Karten wählen. Die verschiedenfarbigen Karten spielen auf die sexuelle Misshandlung an, die Christian und seine Zwillingsschwester durch den Vater zugefügt wurden. Der Vater ließ die beiden Kinder Karten wählen, und je nachdem, stand eine Karte für den Jungen oder das Mädchen.

Als Christian die Sache nach einer gewöhnlichen Einleitung beim Namen nennt, herrscht Irritation, auch die die Schwester und der jüngere Bruder wollen es nicht glauben, der Rest der Anwesenden hält Christian vermutlich für überspannt, wissen doch alle, dass er in der Psychiatrie war.

Und dann noch der Verlust der Zwillingsschwester, die sich einige Zeit vor dem Familienfest, das Leben nahm.

Erst mal machen alle weiter mit dem Feiern, als sei nichts geschehen. Es wäre doch zu unbequem, dem ganzen Glauben zu schenken. Nachdem der Vater auf Christians Psychiatrieaufenthalt angespielt hat, setzt sich dieser wieder hin. Irgendwann klopft er zum zweiten Mal gegen das Glas um seine Rede fortzuführen. Dieses Mal wird er hinaus bugsiert, er soll sich abregen, der jüngere Bruder, der als Kind ins Internat abgeschoben wurde, und im Glauben lebte, die Zwillinge würden ihm vorgezogen, geht am meisten gegen Christian vor.

Die ältere Schwester, die sich anfangs genau wie alle anderen gegen das Geäußerte wehrt, erfasst so nach und nach, das es wirklich passiert ist. Sie ist diejenige, die den Abschiedsbrief der verstorbenen Schwester findet, der das, was Christian dem Vater vorwirft, bestätigt. Sie will den Fund geheim halten. Erst als sich neue Allianzen abzuzeichnen beginnen, wird auch sie mit ihrem Begleiter, einem man of color, “gedisst”, indem die Gesellschaft fröhlich ein rassistisches Lied anstimmt.

Christian schafft es derweil, wieder in das Gebäude zu gelangen, stellt sich wieder vor die versammelte Gesellschaft und will seine Rede fortführen. Rabiat wird er daran gehindert, diesmal nicht nur ausgesperrt, sondern geknebelt an einem Baum auf dem Grundstück festgebunden.

Derweil versteckt sein einzig klarer Verbündeter, der Koch auf dem Herrschaftssitz, sein Freund aus Kindertagen, die Autoschlüssel aller Gäste, damit diese nicht einfach fortfahren können, sondern doch noch Christians Rede zuhören müssen.

Dann kommt der Moment, wo Christian erneut vor alle Anwesenden tritt, diesmal gelingt es keinem ihn daran zu hindern, dass er den Vater fragt, warum er das getan hat, bis dieser die Taten zugibt indem er sagt: “Weil ihr nicht mehr wert ward” BOOM

Die Wahrheit, und keine_r kommt mehr drum rum, keine_r kann sagen, habe ich nicht gehört, nicht gewusst, nicht verstanden.

Am Ende des Films, am Tag nach der großen Feier, darf der Vater nicht am Tisch mit seinen Gästen sitzen, die Geschwister sind jetzt eine Allianz, der Vater wird ausgeladen. Eine vollzogene Ächtung, für den Moment zumindest. Während einige ihre entdeckte Stärke gegen den Vater nun abfeiern, wie Christians jüngerer Bruder Mikael, fängt die Kamera am Ende Christians Gesichtsausdruck ein. Er sieht verloren aus.

Es war schrecklich. Und es war groß. Es war wahr. Es war eine Genugtuung, das auf der Leinwand zu sehen. Das fast Unsagbare wurde ausgesprochen. Meine erste wirkliche Erleichterung. Durch einen Film. Immer noch unfassbar.

Die Geburtstagsgesellschaft, die immer weiter macht, egal welche Ereignisse eintreten, steht für mich nicht nur für eine Feiertagsrunde, sondern für die Gesellschaft schlechthin, für die meisten Leute, die lieber nichts wissen wollen, was ihr Verhältnis zum Mächtigen trüben, verkomplizieren würde. Vielleicht reicht es schon, dass es unbequem werden könnte. “Die Gesellschaft” spielt für mich keine Nebenrolle.

Ich kann nicht wissen, warum der Täter, mit mir das machte, was er nun mal gemacht hat. Er hätte wohl niemals so ehrlich darauf geantwortet, nämlich, dass es ihm egal sei, dass ich das nicht wolle, egal, dass es mich verletzt, dass ich in seinen Augen nicht mehr wert bin.

Ich habe als Erwachsene ein paar Mal versucht mit ihm darüber zu sprechen. ICH wollte VERSTEHEN. Wir gingen einen Feldweg entlang, mir war mulmig zumute, und er antwortete schnell auf meine Frage, ich solle nicht denken, er hätte sich keine Hilfe geholt. Er sagte nicht, was für Hilfe, ob er damit Therapie meinte, oder was überhaupt und wieso fragte er nicht, wie es mir damit geht, ob ich Hilfe bei der Verarbeitung hatte. Danach hatte ich keine weitere Gelegenheit mehr, noch mal nachzuhaken.

Von einer ins Vertrauen gezogenen Person in meiner Abwesenheit gefragt, wie er so viele Jahre danach darüber dächte, meinte er nur: Er wisse, dass ich ihm verziehen hätte.

Seltsam nur dass er mich nie um Verzeihung gebeten hatte, wie sollte ich das denn da bitte verziehen haben???

War daran mein nahezu vorauseilendes Verständnis schuld, machte es etwa andere faul und träge, dass ich mir zu erklären versuchte, warum sie sich so oder so mir gegenüber verhielten?

Dennoch ist meine Wut über die, die es bagatellisierten, nicht hören wollten, die nichts gemerkt haben wollten, oft nicht viel geringer als die Wut auf den Täter.

Einmal wurde mir gesagt, das seien olle Kamellen.

Kamellen reimt sich auf Bagatellen.

In der letzten Strophe: WUT

Warum dies geschieht, ist nicht vom Opfer zu beantworten, sondern von allen.

Täter basteln sich Rationalisierungen, die ihre Taten rechtfertigen. Die Gesellschaft lässt diese viel zu oft gelten. Täter fühlen sich so bestätigt in ihrer Wahrnehmung.

Ächtung[1] – nee, wieso?

Abwertung des Opfers, viel bequemer.

Welche Karte/Ansprache/Aussprache darf es denn sein?

Die, wo “olle Kamellen” drauf steht?

Oder die mit dem Titel “dieses Leben könnte Spuren von Gewalt enthalten”?


[1]  Es geht mir um die Ächtung der Verhaltensweisen des Täters, nicht um die totale Exklusion

Oh, the irony – Writing as Procrastination

Shadow PortraitI just had a very respectful conversation with myself while making pumpkin curry. This morning I noticed a strong desire not to go to work, but write a chapter for my master thesis instead. Or a longer blogpost about the feminist aspects of “Gaslight”. What I actually need to do is write an email to the professor who I want to oversee my thesis, detailing what I want to write about. What I actually need to do is write emails to my family, among many other things.

And maybe I need to also talk to some of my 3D friends instead of bouncing thoughts around my head and committing them to the internet. While the internet is certainly infinite and can take all my jumbled thoughts, I bet a lot of my posts would be a lot better if I thought a bit longer about them before hitting “publish”. (Also editing and all that.)

I’m still bemused. But instead of working out why I am bemused about things and finding tools and texts to deal with my bemusement, I take refuge in writing about things that maybe have something to do with my bemusement but don’t approach it directly.

For instance, I am bemused by how quickly I am recovering from my period of intense depression. This is new, I feel. I’ve never been able to observe it so acutely before, either, but at the same time, I feel weird about it. How is doing the laundry suddenly possible, just like that? I need to be careful about not beating myself (and other people!) up with this sudden happiness about being able to make pumpkin curry. It could go into “Well, if this is possible now, why wasn’t it possible before? Maybe you should just have tried a little harder before, forced yourself to do it yada yada yada” territory. Not so good.

And today I finally noticed that I have neglected to do quite a few things in favour of writing, going as far as saying that writing was easier. Well, look at that. It certainly is easier and a lot more comfortable to plonk down on my bed and write a post about something, instead of doing the things that are necessary to get them out of the way and instead of doing the things that are necessary so I will feel better overall. If I write about something or other instead of making my apartment liveable again, I might produce a good text (or not – writing under pressure has disadvantages, too), but my apartment will remain the same.

Funny how I have read (yes, only a few) texts about selfcare and found that I agreed with some of the pros and some of the cons and how Distelfliege’s text on Selfcare (in German) is one of my favorites, but it took until now for me to start thinking about what I want *my* sustainable activism to look like. Which obviously needs to be a mixture of things, like basic reproductive tasks but also including whatever it is I want to do with my feminist agenda, because they are actually linked. I can’t invite people over for a (feminist) comic reading party, when the place is basically only inhabitable by me..

And I don’t want my writing, so newly discovered, like a lot of things in the past year, to be merely a new, shiny toy that is discarded in favor of other toys when they are shinier. I want this to be a long-term thing. Using it as a procrastinating method makes me queasy, because I’m afraid it will get tied up with procrastination and then I’ll only write when I have something to procrastinate about and I don’t want to go down that road.

At the same time I am intensely aware of the irony that I am writing this blogpost about writing as procrastination instead of doing the other necessary things that still need doing. But there is a little heap of unfolded clothing right next to me. Mostly I am glad I managed to be nice to myself about this. I’m booking this one as a win.

Gaslight 1940 and 1944 – a short, feminist comparison

Gas Light is a play by Patrick Hamilton, which premiered in 1938. If you’ve ever heard of the term “gaslighting someone”, it comes from this play. In it, a husband psychologically abuses his wife until she believes that she is going mad.

They live in the house of a rich woman, who was killed for her jewels – by the husband. Now he has returned with his wife to search through the house for them. To cover up his crime and his search, he tortures his wife. A retired policeman recognizes him and starts researching the circumstances. He convinces the wife that she is not insane and helps her return to her family. Read the synopsis on Wikipedia.

The play was turned into a film made in Britain in 1940, directed by Thorold Dickinson (IMDB link / Wikipedia link). It is intensely creepy and terrifying to see the psychological abuse. The film sticks very close to the play – the characters are British, the person taking an interest in the case is a retired policeman who recognizes the husband and helps the wife, because he objects to her treatment and to solve the case (after all, the husband is a murderer).

In 1944, the film was remade in Hollywood, directed by George Cukor, starring Ingrid Bergman and Joseph Cotten (IMDB link / Wikipedia link). Interestingly, the husband suddenly becomes “a foreigner”, speaking with a fake “foreign” accent. The woman killed for her jewels was the wife’s aunt, a famous opera singer. It is perpetually hinted, that she had “famous admirers” (NUDGE NUDGE WINK WINK), that’s how she got the jewels.

The policeman who becomes interested in investigating the case isn’t an older man anymore, it’s a young man who once saw the opera singer when he was 12 and fell madly in love with her. The wife supposedly looks like her aunt, that’s why he notices her and decides to investigate the case. And because the husband looks shifty. In the end, the wife isn’t returned to her family, since she has none, but can look forward to the bright future of being married to the policeman.

There are more interesting things to notice – the servants, an older woman and a younger woman. The younger woman is complicit in the abuse in both films, more so in the 1944 version, since the husband deliberately flirts with her, promising her attention, entertainment, a status change via sex if she does as he says. (misterable stereotype masking the sexual harrassment and abuse of female servants). In the 1940 version the husband takes the younger servant out to a music hall show where dancers are objectified (although they all wear long underwear and their acrobatics are very impressive).

The older woman is complicit as well at first, but not as much. In the 1944 version she is hard of hearing, so she can’t hear the noises the husband makes as he searches for the jewels, which unfortunately leads the wife to think she is imagining them (because everybody tells her so). Later, when everything is revealed, the older woman in the 1944 version tries to protect the wife from her husband. In the 1944 version there is also an elderly neighbour who is very nosy (more stereotyping), but through her nosiness gives a lot of information to the policeman. In her own way, she is helping the wife, but I wish she had been portrayed less stereotypically.

Anyway, I’ll take the British version, please. Except I don’t really want to see it again.

Taste the Definitionsmacht – Comics und Kanon

Ein Tweet

Ein Text

Ein Rant.

Und einige Statistiken.

Die Frage, ob Comics Kunst sind, ist immer mit “Ja” zu beantworten. Darum geht es nicht in diesem Rant. Bestes Statement zu dieser Frage kam von @karinkollerwp:

Es geht auch nicht darum, ob Comics von Männern* oder Frauen* mehr “wert” sind, welche ich lieber lese, etc., denn ich lese fast alle Comics, die mir unterkommen.

In der österreichischen Tageszeitung “Die Presse” schreibt Christoph Huber am 17.11.2013 (in der Print-Ausgabe) (wie schon getweetet) eine Männerkritik über Männercomics über Männerliteratur und Männererlebnisse.

Es kommen vor:

Nicolas Mahlers Essay in Bildern in der FAZ zur Frage “Sind Comics Kunst?” (Mann erklärt anderem Mann Comics. Erwähnt werden männliche Philosophen/Theoretiker (Baudrillard, Foucault, Barthes, Deleuze), parodiert werden Literaturadaptionen von Werken von Autoren und einer Autorin* durch männliche Comiczeichner, vorkommende Figuren sind durchwegs männlich, generisches Maskulinum wird verwendet. Es kommt vor:

Lucky Luke-Band “Ein fliehendes Pferd” v. Martin Walser & Morris (Maurice de Bevere)

“Der Steppenwolf trifft Pauli den Maulwurf” von Hermann Hesse und Rolf Kauka

“Malina und die Mainzelmännchen” von Ingeborg Bachmann (Malina ist ein männliches Alter Ego der Ich-Erzählerin!) und “ZDF” (Erfinder und erster Designer der Mainzelmännchen war Wolf Gerlach)

“Todesfuge” von Paul Celan und Bob Kane (zusammen mit Bill Finger Erschaffer von Batman)

Ein ungenanntes Werk von Peter Handke in Graphic Novel-Format wird von einem Germanisten gelesen.

Der wichtige Punkt, dass Graphic Novels Comics sind, wird von einem alten Mann seinem Enkel weitergegeben.

Ein Germanist vermisst Literaturvorlage und Graphic Novel

Der typische Vertreter der Comicszene ist ein Mann, der an die einzige im Comic abgebildete Frau denkt, die stark sexualisiert ist. Ist das Schwert in ihrer Hand ein Fortschritt?

Im ganzen Comic gibt es 15 männliche z.T. mehrmals vorkommende abgebildete Figuren (Germanist ohne Haare, der Autor/Zeichner selbst, der Vertreter des Kunstbetriebs, ein Opa, ein Enkel, ein Germanist mit Haaren, ein Vertreter der Comicszene und dazu habe ich auch Lucky Luke, die 4 Kappen der Mainzelmännchen, den Steppenwolf, Pauli den Maulwurf & Batman gerechnet).

Auf 23 Panels werden 40 mal männliche Figuren abgebildet (wieder mit Lucky Luke, etc.), 12 Autoren bzw. Zeichner (ich rechne “ZDF” als Autor) werden erwähnt, 8 männliche Comicfiguren werden abgebildet (Mainzelmännchen rechne ich hier 4x), 5 männliche Hauptfiguren von Comics und Literaturvorlagen werden namentlich erwähnt.

Erwähnt wird eine Autorin*, abgebildet eine (sexualisierte) namenlose Frau, die aber nur eine Vorstellung und keine handelnde Figur ist.

Weitere im Text von Christoph Huber erwähnte Comics, Comicautoren, Comiczeichner (z.T. basierend auf Literaturvorlagen von Autoren):

Nicolas Mahler hat einen Graphic Novel von Robert Musils “Der Mann ohne Eigenschaften” veröffentlicht.

„Der Affe von Hartlepool“ von Autor Wilfrid Lupano und Zeichner Jérémie Moreau

Joe Sacco (Wieviele Bände über Kriege/Konflikte gibt es eigentlich von dem schon?) hat einen Comic über den 1. Weltkrieg gezeichnet: “The Great War”, “vom britischen General über die Front bis zu den Massengräbern”.

Jacques Tardis Comics über den 1. Weltkrieg (inspiriert von den Erlebnissen seines Großvaters) folgt nun “Ich, René Tardi, Kriegsgefangener im Stalag IIB” über die Erlebnisse seines Vaters im 2. Weltkrieg (den Comic hatte ich schon in der Hand & will ihn gerne lesen).

Florent Sillorays „Auf den Spuren Rogers“ über die Kriegsgefangenschaft seines Großvaters im 2. Weltkrieg.

Könnt ihr hier irgendwo eine Frau* sehen?

Und gleich am Anfang des Artikels steht die Monumentalanthologie “Weltliteratur als Graphic Novel”, im Orignal “The Graphic Canon” (3 Teile).

Schauen wir uns die einmal an.

Hier ist der Wikipediaartikel zum Graphic Canon.

Hier ist das Blog und die Liste der Beitragenden* zum Graphic Canon.

Ich habe nachgezählt, anhand der Liste der Beitragenden*, unterstützt von Wikipedia & Recherche. Es wird jede Instanz gesondert betrachtet, d.h. der in Band 1 mit 5 Werken vertretene Shakespeare wird fünfmal gezählt. Bei mehreren Hauptfiguren habe ich je nachdem 1 männliche*, 1 männliche* und 1 weibliche* oder 1 weibliche* gezählt (Ich glaube nicht, dass sich dadurch die Verhältnisse groß verändern). Ich beanspruche keine Unfehlbarkeit, Fehler und Ungenauigkeiten können vorkommen. Wenn euch meine Methode missfällt könnt ihr gerne selber nochmal nachzählen, niemand hält euch davon ab …

image

  • Band 1 enthält 54 auf Literaturvorlagen basierende Comics.
  • Band 2 enthält 55 auf Literaturvorlagen basierende Comics und Bildergalerien (15 Beitragende bei der “Alice in Wonderland” Gallery, davon 7 männlich*, 8 weiblich*).
  • Band 3 enthält 82 auf Literaturvorlagen basierende Comics.
  • Insgesamt: 191

Literaturvorlagen von Autoren* (so bekannt):

  • Band 1: 42
  • Band 2: 51
  • Band 3: 72
  • Insgesamt: 165

Literaturvorlagen von Autorinnen* (so bekannt):

  • Band 1: 7
  • Band 2: 6
  • Band 3: 12
  • Insgesamt: 25

Männliche* Hauptfiguren (so identifizier/eruierbar):

  • Band 1: 39
  • Band 2: 40
  • Band 3: 65
  • Insgesamt: 144

Weibliche* Hauptfiguren (so identifizier/eruierbar):

  • Band 1: 8
  • Band 2: 19
  • Band 3: 22
  • Insgesamt: 49

Wie sieht es im Graphic Canon mit den Bearbeiter*innen der Literaturvorlagen (Autor*innen und Zeichner*innen) aus?

Bearbeiter*:

  • Band 1: 45
  • Band 2: 55 (Davon 7 bei der “Alice in Wonderland” Gallery)
  • Band 3: 46
  • Insgesamt: 146

Bearbeiterinnen*:

  • Band 1: 18
  • Band 2: 27 (davon 8 bei der “Alice in Wonderland” Gallery)
  • Band 3: 41
  • Insgesamt: 86

Weitere Zahlen, die festzustellen interessant wäre: Verhältnis Autor*innen/Figuren/Zeichner*innen of Color – Weiße Autor*innen/Figuren/Zeichner*innen; Verhältnis GLBTQIA*-Autor*innen/Figuren/Zeichner*innen – heterosexuelle Autor*innen/Figuren/Zeichner*innen; Verhältnis Trans* Autor*innen/Figuren/Zeichner*innen – Cis* Autor*innen/Figuren/Zeichner*innen, etc. etc. etc.

Insgesamt enthalten die drei Bände von “The Graphic Canon” 191 auf Literaturvorlagen basierende Comics. Davon basierten insgesamt 165 auf Vorlagen von Autoren*, 25 (!) auf Vorlagen von Autor*innen. Von den Hauptfiguren (so eindeutig eruierbar) waren 144 männlich*, 49 (!) weiblich*. Bearbeitet wurden die Vorlagen von 146 männlichen* und 86 weiblichen* Künstler*innen (wenn das für euch nach “viel” bzw. “in Ordnung” klingt, schaut euch die anderen Zahlen nochmal ganz genau an).

Wenn mir noch einmal ein Mensch was von “die Comicszene ist jetzt nicht mehr so männlich/Weiß/cisheterosexuell dominiert” erzählen will, verlinke ich diesen Rant. Denn das ist der Mainstream. Diese Comics werden wahrgenommen, besprochen, gekauft, gelesen.

Smash the patriarchy!

20 Schichten weniger

Du performst dich.
Ich performe mich.
Aber mit 20 Schichten weniger.
Wir kennen ein paar unserer wunden Punkte, gemeinsame, andere.
Wir müssen nicht wach und/oder gut gelaunt sein, cool oder schön, wir können, wir sind.
Wir kennen unsere Augenringe, unsere Memes, unsere wortlosen Geräusche.
Ich wäre zwar gerne wacher und aufmerksamer, weil manches untergeht, nicht nur in meinen müden Ohren (ich rede schon wieder zu viel), aber wir werden noch viel Zeit haben, denke ich, hoffe ich.
Von manchen Fragen weiß ich schon, dass ich sie stellen kann, stellen möchte, auch wenn ich mich manchmal noch nicht traue, dann stelle ich sie eben nach dir.
Manche Worte stolpern mir noch ungelenk über die Lippen, oft gelesen, manchmal gedacht, selten geschrieben, nie gesagt – bis jetzt.
Aber manches müssen wir gar nicht aussprechen, weil wir wissen, was gemeint ist.
Anderes sprechen wir aus, weil wir es sagen wollen.
Natürlich ist es ein Performen. Aber ich muss nicht so viel.
Ich hoffe, du auch nicht.

Die Frau ist frei geboren. Eine Comicbiografie über Olympe de Gouges

Ich möchte euch einen Comic ans Herz legen, eine Biografie Olypme de Gouges von José-Louis Bocquet (Text) und Catel Muller (Zeichnungen), in deutscher Übersetzung erschienen im Splitter-Verlag, mit dem Titel “Die Frau ist frei geboren”. Olympe de Gouges hat z.B. der “Erklärung der Rechte des Mannes und Bürgers” ihre “Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin” zur Seite gestellt – eine revolutionäre Tat.

Der Comic beginnt schon radikal – Olympes Eltern, Anne-Olympe Gouze und Jean-Jacques Lefranc de Pompignan liegen zusammen im Bett und reden über ihr zukünftiges Kind. Dann schlafen sie miteinander. Ich finde das radikal, da Sex in der Schwangerschaft ein ziemliches Tabuthema ist.

Auf diesen ersten Seiten wird allerdings die Komplexität des Comics schon ausgezeichnet sichtbar. Da liegen nicht nur zwei Menschen miteinander im Bett, sondern auch das 18. Jahrhundert, seine Hierarchien, seine Gesellschaft. Olympe de Gouges Eltern sind nicht mit einander verheiratet, ihre Mutter Anne-Olympe ist mit einem anderen Mann verheiratet und muss nach ein paar Stunden wieder gehen, um sich um ihre Kinder zu kümmern.

Im Bett wird auch darüber gesprochen, wie das mit der Freiheit ist (nur für Reiche sagt Anne-Olympe), ob Jungen oder Mädchen besser sind (Jungen, sagt der zukünftige Vater), die etwas sonderbare Beziehung zwischen Olympes Mutter und ihrem Vater (kannten und liebten sich schon als Kinder, Olympes Vater ist Anne-Olympes Taufpate, aber heiraten konnten sie nicht, weil er adelig ist) wird angeschnitten. Anne-Olympe wird einerseits liebe- und lustvoll, andererseits als Besitz behandelt. Am Ende des ersten Kapitels wird Olympe de Gouges – eigentlich Marie Gouze – geboren und mit den Worten “Es ist leider nur ein Mädchen” begrüßt. Auf der Seite des Splitter-Verlages könnt ihr dieses erste Kapitel nachlesen.

Ich erzähle euch jetzt nicht den ganzen Inhalt des Comics, immerhin umfasst der 480 Seiten, in der fembio-Datenbank von Luise Pusch gibt es aber einen Eintrag zu Olympe de Gouges, der sehr informativ ist. Da ich mich nicht wirklich eingehend mit Olympe de Gouges bzw. Frankreich im 18. Jahrhundert beschäftigt habe, kann ich euch nicht sagen, ob der Comic 100% “historisch korrekt” ist. In der Bibliografie steht: “Der biografische Rahmen dieses Buches findet seine Quellen in den autobiografischen Schriften von Olympe de Gouges, aber auch bei drei Autoren, die Olympes bahnbrechende Arbeiten einem breiten Publikum offenbarten: Benoite Groult (…), Olivier Blanc (…) und Félix-Marcel Castan (…).” Es folgen 5 Seiten Quellen bzw. weiterführende Literatur – was ich positiv finde. Zusätzlich finden sich noch ein- bis zweiseitige Biografien der wichtigsten Personen, die außer Olympe im Buch vorkommen. Ihre “Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin” ist auch zur Gänze (mit Präambel) im Comic nachzulesen.

Allerdings ist es auch bei Comics so wie bei Filmen und bei Geschichte im Allgemeinen: Die 100%ige Wahrheit kann nicht garantiert werden. Aber anstatt zu simplifizieren, stellt der Comic Menschen mehrdimensional dar und macht klar, unter welchen Zwängen – ökonomischen, gesellschaftlichen – die Menschen leben. Olympe de Gouges wird in allen ihren Facetten dargestellt, interessiert an Wissenschaft und Bildung, Politik und Philosophie, romantisch, theater- und literaturliebend, traumatisiert, empathisch, scharfsinnig, sexuell aktiv, humorvoll, kritisch, sich um ihre Familie und Freund*innen sorgend.

Der Comic selbst ist schwarz-weiß und erinnert mich teilweise ein wenig an Holzschnitte (wegen der vielen Schraffuren). Dabei ist er sehr detailreich, aber nicht bis zur Unübersichtlichkeit detailliert. Bei großen historischen Ereignissen geht ein Bild schon über eine ganze Seite, ansonsten sind die Seiten in wechselnd große Panels aufgeteilt (meistens 5 bis 6). Die Schrift hat eine angenehme Lesegröße, insgesamt ist das Lettering aber ein wenig unruhig. Besonders eindrücklich finde ich die lebendige Mimik – speziell in den Frauengesichtern ist genau zu lesen, wie sie sich in bestimmten Situationen fühlen. Die Figuren sind individuell gezeichnet, d.h. es gibt wenig “generische” Gesichter und sie sind gut auseinanderzuhalten – finde *ich*. Da gibt es auch andere Ansichten dazu.

Was mir an dem Comic aus feministischer Perspektive auffällt, ist der Umgang mit Nacktheit und Sexualität. Einerseits wird Sex als lustvoll für Frauen (nicht nur Olympe) dargestellt und als mehr als PIV, andererseits wird aber auch die Realität gezeigt, in der Olympe lebt – an dieser Stelle eine Triggerwarnung wegen sexueller Gewalt. Diese wird nicht ausgedehnt und sexualisiert dargestellt, ist aber vorhanden. Primäre Geschlechtsorgane sind nie zu sehen – weder männliche noch weibliche, nicht einmal Schamdreiecke – was zum Teil ein wenig sonderbar wirkt. Nacktheit kommt in Situationen wo Nacktheit zu erwarten ist vor: Wenn zwei miteinander schlafen (aber nicht immer – manchmal sind sie auch bekleidet), wenn Kinder gestillt werden, wenn gebadet wird.

Andererseits gibt es auch Szenen, in denen ich mich frage, welche “gaze” hier angesprochen werden soll, z.B. eine Szene in der Olympe nackt in der Badewanne sitzt, dann aufsteht und sich abtrocknet, während sie mit ihrer Schwester redet. Warum wurde dieses Setting gewählt? Zu einem früheren Zeitpunkt gibt es eine Szene, in der Olympe ebenfalls in der Badewanne sitzt und mit ihrer Schwester redet – da hat sie allerdings eine Kopfbedeckung und einen Bademantel (ja, das gab’s) in der Badewanne an. Sollen diese Szenen die sich verändernde “Bademoral” zeigen? Die Intimität, die zwischen den Schwestern besteht? Darstellen, wie gerne Olympe Bäder nimmt? Beide Male geht es um Geld für Olympes Mutter.

In einer anderen Szene kühlt eine Frau bei einem Picknick ihre Füße in einem Fluss – dabei zieht sie aber den Rock weit über die Oberschenkel hoch. Wozu? Zweimal wiederholt sich die Szene, dass Männer auf einem Stück Papier schreiben, das auf der nackten Olympe liegt. Hat sie da ihren Consent gegeben, zum Schreibtisch zu werden? Angesichts der Tatsache, dass die Comic-Olympe durchaus ihren Unmut bzw. Unwillen ausdrückt, wenn sie nicht will … *schulterzuck* Andererseits finde ich persönlich keines der Bilder von nackten Menschen in diesem Comic besonders auf “sexy” ausgelegt (vielleicht auch wegen dem Zeichenstil) – da habe ich schon ganz andere Bilder gesehen.

Olympe de Gouges hat sich sehr gegen die Sklaverei eingesetzt und hatte auch Kontakt zu Schwarzen Menschen (zumindest laut Comic). Diese werden auch im Comic dargestellt und zwar als Individuen (also unterschiedlich gezeichnet). Besonders oft kommt Joseph Boulogne, Chevalier de Saint-George vor. Dadurch, dass ich den Comic in der deutschen Übersetzung gelesen habe, kann ich leider nicht entscheiden, was von der Verwendung des N-Wortes zu halten ist, das allerdings vor allem den Schwarzen Figuren in den Mund gelegt wird. Da hätte ich mir eine kritische Anmerkung, z.B. der Übersetzerin gewünscht, um zu erfahren, was in der französischen Ausgabe steht bzw. warum hier ausgerechnet dieses Wort verwendet wurde. Irgendwie reicht mir da die “historische” Begründung nicht. Hmmm.

Natürlich kann die Lektüre dieses Comics eine eingehende Beschäftigung mit Olympe de Gouges nicht ersetzen. Aber erstens ist der Comic wirklich gut zu lesen und zweitens werden so viele Themen angeschnitten, die dann beim eventuellen weiterführenden Studium verfolgt werden können, dass sich die Lektüre wirklich lohnt.

Hier sind noch ein paar Links zu anderen Kritiken (ich hab jetzt nur die genommen, die ich selbst gut fand, d.h. v.a. ausführlich und ohne inhaltliche Fehler):

Auf Comicgate von Jons Marek Schiemann

Auf Comicblog.de von Michael Nolden

Am Ende dieses Blogposts von Lucie auf Kleinerdrei