Liebe und so Zeug

“It’s love.”, sagte ich auf Twitter, mit herzförmigen Pfingsrosenblättern hinter den Brillengläsern und schrieb dann ein wenig über Liebe, auf Englisch, weil mir Englisch emotional oft näher liegt. Die Tweets findet ihr an das Bild angehängt. Hier möchte ich meine Gedanken nochmal ein wenig ausführlicher und auf Deutsch aufzeichnen.

Es ist Sonntagnachmittag und ich könnte ca. 100 Dinge tun, von Haushalt über Stricken, Aufräumen, Kunst, Singen, Sport, Schlafen, Lesen, Rausgehen und Kombinationen von all diesen Tätigkeiten, aber eigentlich wäre jetzt der perfekte Zeitpunkt zum Kuscheln. Nur ist da keine Person, mit der ich kuscheln könnte. Wenn Liebe als romantische und sexuelle Liebe für eine oder mehrere Person_en definiert wird, war ich seit 2007 nicht mehr verliebt. So lange ist es her, dass ich eine Beziehung hatte.

Wird auch Freund_innenschaft als Liebe definiert, dann habe ich mich seit 2007 schon mehrmals ver- und entliebt und habe viele verschiedene Beziehungen. Manche Freund_innen haben mich auch verlassen oder ich sie. Meistens haben wir uns auseinandergelebt oder da war ein Konflikt, den ich nicht begreifen und lösen wollte_konnte.

Meine Mutter hat letztens gesagt, sie kenne viele junge Frauen, die alleine lebten und einfach keinen Partner fänden. Sie traf sich aufgrund eines Begräbnisses mit engen Freundinnen, deren Töchter zeitweise auch meine Freundinnen waren und diese Töchter waren nun alle Single. Kein Wunder, haben uns doch die Beziehungen unserer Mütter zur Genüge gezeigt bzw. zeigen sie noch, wie wir Beziehungen *nicht* haben wollten_wollen.

Ja, wenn ich an meine vergangenen Beziehungen denke oder an die, die ich so beobachte, dann weiß ich ganz genau, dass ich nie wieder allein zuständige Partnerin/Mutter/Therapeutin/Fitnesscoach/Freizeitorganisatorin/Managerin/Köchin/Dokumentarin/usw. usw. usw. sein möchte, ohne dass mein_e Partner_in auch seinen_ihren Teil zu einer Beziehung beiträgt. Ich schreibe hier absichtlich nicht nur “Partner”, aber meh, keine Ahnung & keine Lust, das jetzt aufzuschreiben.

Ganz klar vermisse ich körperliche Nähe und die viele Zeit, die ich mit einer Person verbringen möchte, die mich wirklich gut kennt. Ich verbringe ungeheuer gerne Zeit mit meinen Freund_innen, aber sehe die meisten von ihnen ca. einmal im Monat oder alle zwei Monate, wenn ich welche zweimal im Monat sehe, ist das schon viel. Da ich doch einige Freund_innen habe, sehe ich also jeden Monat ein paar davon und das ist doch nicht dasselbe, wie eine (oder mehrere) Personen zumindest ein-, zweimal die Woche zu sehen, ohne dass etwas auf dem Plan steht oder eben weil etwas auf dem Plan steht. Gemeinsames Übernachten ist auch was. Aber am Ende des Tages gehen wir alle immer alleine nachhause.

Auch was die körperliche Nähe betrifft – einerseits erwarte ich absolut nicht von meinen Freund_innen, dass sie meine Bedürfnisse in dem Aspekt stillen. Andererseits bin ich da auch einfach heikel. Bis mich Menschen anfassen dürfen, ohne dass ich das eigentlich lieber nicht möchte, müssen sie mich entweder schon länger kennen oder sie müssen mir sehr vertraut erscheinen. Mit den meisten Freund_innen, die ich schon lange kenne, fühle ich mich sicher. Umarmungen, Arm in Arm gehen, sich aneinander lehnen, das ist alles ok mit diesen Personen. Gestern hat eine Freundin meine Hand genommen, damit wir im Menschengewühl nicht getrennt werden und das war unerwartet schön. Aber bei den meisten Menschen bin ich absolut glücklich, wenn wir uns aus zwei Metern Entfernung zuwinken.

Ich fühle mich oft sonderbar, weil ich meinen tatsächlichen physischen Körper nicht mehr uneingeschränkt teilen möchte. Ich mag deshalb sicher nie zu irgendwelchen Events, egal wie empowernd sie sein sollen, wo mich fremde Menschen anfassen und Dinge wie Kuschelparties oder casual sex sind deshalb nichts für mich, auch wenn das sicher eine Lösung für die rein physische Vermissung von Nähe wäre. Ich finde das auch ok so.

Manchmal komme ich mir auch “schwierig” vor. Anspruchsvoll. Manchmal hat die Beste so Phasen, wo sie mir vorträgt, dass wir dann überhaupt keine Partner_innen finden. Aber ich bin nicht schwierig und was habe ich von einer Beziehung, in der ich mich verstellen oder die wirklich wichtigen Teile von mir verstecken muss? Die Person muss nicht alle meine Interessen teilen – gewisse Überschneidungen wären nett – aber wirklich wichtig wären gemeinsame politische Ansätze, die auch im Alltag ausgelebt werden.

Und ich bin voll mit Geschichte_n, so wie wir alle, die ich eigentlich teilen möchte. Deshalb dieser und andere Blogs, deshalb Twitter. Mittlerweile erzähle ich aber nicht allen Menschen alles über mich. Meist fehlt die Zeit dafür, aber meistens fühle ich mich auch einfach weird und ich habe Angst davor, dass ich dann zu weird erscheine und sich die Menschen wieder verabschieden von mir und dabei ein Stück mitnehmen. Je vertrauter ich mit Personen werde, desto schmerzhafter ist es, wenn sie sich von mir verabschieden, also warte ich lieber, bis ich das Gefühl habe, sie mögen mich zu sehr, als dass ich ihnen sonderbar vorkommen könnte. Aber ob so wirklich enge Beziehungen überhaupt entstehen können?

Die Absenz einer engen, romantischen, eventuell sexuellen Beziehung macht mich regelmäßig traurig, manchmal mehr, manchmal weniger. Aber gleichzeitig bin ich auch geduldig genug zu warten, bis eine Person kommt, die so eine Beziehung mit mir anfangen möchte. Und Warten ist für mich ok, denn einerseits traue ich mich (immer!) noch nicht wirklich, auf Personen zuzugehen mit meinen Wünschen nach Beziehung_en, andererseits muss eben nicht jede Beziehung eine romantische und dann auch eine sexuelle werden.

Meine Liebe gehört also meinen Freund_innen, meinem Kater und jeder Menge Medien und Objekten. Sie wabert um mich herum und umflauscht Graffiti, Blumen, architektonische Elemente, Essen, Eis, Farben, Kleidung, zufälllige Unbekannte und politische Bewegungen. Die Differenz zu meiner Einsamkeit als Teenie, als ich dachte, eine heterosexuelle romantische und sexuelle Beziehung wäre der Schlüssel zu meinem Glück, ist riesig. Manchmal denke ich mir: Hätte ich nur damals gewusst, was ich heute weiß! Und freue mich für die heutigen Kinder und Teenies, die Feminismus und andere emanzipatorische Ansätze im Internet und anderen Medien entdecken können und so weniger Druck verspüren. (Klar, in der Schule wäre das wirklich noch besser. Es gibt noch viel zu tun.)

Ich vermisse immer noch dieselben Dinge, aber es ist voll ok so wie es ist. Wahrscheinlich wären konkrete Ansätze (gemeinsames Wohnen, verdammt!) und ein wenig Initiative auch nicht schlecht (aaahhhh Angst!). Aber ist mein Leben voll Liebe? Ja. Von dieser einen, spezifischen Liebe abgesehen.

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4 thoughts on “Liebe und so Zeug

  1. Ich lese hier schon lange mit, und Dein Artikel hat mich sehr berührt – wie es Dir gelingt, diese schwierigen Sachverhalte und Gefühlslage aufzudröseln und zu Papier, naja, Tastatur zu bringen.
    Ich war lange allein und bin jetzt seit fast 15 Jahren in einer Beziehung und muss sagen, es ist immer ein Kompromiss, es gibt immer Bedürfnisse, die nicht erfüllt werden, Aspekte, mit denen man allein zu Rande kommen muss – egal, ob man Single ist oder in einer Partnerschaft. Der Partner ist auch nur ein Mensch! Ich glaube auch, dass man durch Freundschaften viel auffangen kann – und in dieser Beziehung scheinst Du ja ein gutes Netz zu haben!

  2. Hey, Danke fürs aufschreiben. Mir geht es sehr ähnlich (ich habe glaub ich auch schon mal auf nen ähnliches Posting reagiert)

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