Design gegen Design

Noch bis zum 12. Juni ist im MAK, dem Österreichischen Museum für angewandte Kunst in Wien, eine große Ausstellung über Josef Frank mit dem Titel “Against Design” – Gegen Design – zu sehen. Obwohl sie in nur einem Raum stattfindet, ist sie so dicht und voll, dass sie fast dreimal besucht werden muss, um wirklich alle Aspekte des Werks von Josef Frank zu entdecken. Das MAK bietet jeden Dienstag zwischen 18 und 22 Uhr freien Eintritt <3 – nehmt aber möglichst kleine Taschen mit, wenn nötig/möglich, die Schließfächer sind rar und die Garderobe kostenpflichtig.

Gleich vorausgeschickt: Das Architekturzentrum Wien öffnet am 14./15. Mai nochmal das Haus Beer von Josef Frank – diesmal auch die oberen Stockwerke.

So, aber jetzt zur Ausstellung. Sie versucht verschiedenste Aspekte von Josef Franks Gesamtwerk unter einen Hut zu bringen – Möbel, Häuser, Stoffe, Stadtplanung, Publikationen –  und mit einer Fülle an Ausstellungsstücken schafft sie es. Sie schafft es auch noch Bezüge anderer Architekt_innen auf Franks Werk auszustellen. So beim Überlegen jetzt frage ich mich, ob hier verschiedene Gruppen von Studierenden an jeweils einem Teil arbeiteten. Anyway.

Der Raum, der für die Ausstellung verwendet wird, ist im 1. Stock des MAK hinten und ein wenig schlecht ausgeschildert. Er befindet sich in einem neugebauten Zubau und ist eine Halle mit hoher Decke, deren Grundriss (ich erinnere mich nicht mehr, ob nur für diese Ausstellung oder prinzipiell) ein nach rechts gedrehtes “U” hat. Beim Reinkommen bietet sich also die Wahl an, nach rechts oder links zu gehen. Rechts steht eine verführerische Ansammlung von Möbeln, dahinter dann Wände mit Fotos von Franks Wohnung in Wien und Möbel aus einer Wohnung die er für eine Familie gestaltet hat – noch nicht in seinem Stil, eher klobig. Aber Franks Möbel, die aufgestellt sind – Hocker, Sessel, Tische, Kommoden, Kabinette, Sekretäre – sind sehr hübsch.

Möbel von Josef Frank im MAK in Wien

Diese Sicht ergibt sich von einem eingebauten offenen Gang, dessen Aufgänge nach Entwürfen Josef Franks gebaut sind und der heutigen Bauordnung nicht mehr entsprechen. Daher ist der Gang nicht rollstuhlgängig und auch nur auf eigene Gefahr zu betreten. Zum Nachdenken darüber regen Plakate an. Das Interessanteste für mich oben auf dem Gang waren Vergleiche zwischen den Sesseltypen Josef Franks und Darwins Untersuchungen von Finkenschnäbeln – an der Form eines Sesselbeins kann bestimmt werden, aus welcher Schaffensperiode von Frank ein Sessel stammt.

Vor allem die Tische hatten es mir angetan – ich fand, sie sahen von oben aus wie Seerosenblätter.

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Josef Frank propagierte ein “natürliches” Design, die Dinge sollten irgendwie organisch wachsen, auch Wohnungseinrichtungen. Später propagierte er dann ein “Accidental Design” – ein zufälliges Design. Aber irgendwie widerspricht sich das für mich – Design ist eben kein Zufall. Und das “historisch Gewachsene” basiert trotzdem auf Entwürfen unbekannter Personen, es ist eben nicht natürlich oder organisch gewachsen, egal ob ein Möbel jetzt quasi aus einem quergelegten Baumstamm besteht. Der Gedanke, dass ein quergelegter Baumstamm ein Möbel sein könnte beinhaltet schon so viele Konzepte und so viel Geschichte, dass Natürlichkeit oder organisches Wachstum ausgeschlossen werden müssen. Die Verwendung von botanischen Elementen zur Gestaltung von Inneneinrichtung_sgegenständen ist ebenfalls nicht natürlich oder organisch gewachsen, aber ich schweife ab.

Jedenfalls fand Josef Frank das moderne Design von Adolf Loos oder den Designer_innen und Architekt_innen des Bauhauses mit seinen einfachen Formen und Kanten nicht so toll.

Zeichnung von Josef Frank, Vergleich Bauhaus- und alltägliches Design

Sehr kichern musste ich über seine Karikatur des Bauhaus-Designs – und ich fragte mich, was denn wohl mein Vater (großer Fan von Loos und Bauhaus) dazu gesagt hätte. Und was er dazu gedacht hatte, dass Loos sexualisierte Gewalt gegen Kinder ausübte – eine Tafel in der Ausstellung wies darauf hin. #CN sexualisierte Gewalt gegen Kinder für die Texte in der ZEIT und Presse.

Josef Frank war auch als Stadtplaner tätig und in der Ausstellung sind Entwürfe für ein New Yorker Stadtviertel zu sehen und seine Vorschläge für die Gestaltung des Wiener Stephansplatzes nach dem 2. Weltkrieg. Mir hat dieser am Besten gefallen: Eine echte Piazza für Wien. Ist es leider nicht geworden.

Entwurf Josef Franks für den Stephansplatz in Wien

In der Ausstellung gibt es eine Vielzahl an Architekturmodellen (alle mit Fotoverbot belegt), die bestehende Häuser und Entwürfe für Fantasiehäuser von Josef Frank darstellen. Wie zu der Zeit Mode haben sie großzügige Balkone, Terassen, Innenhöfe, viel Licht, viel Luft … hach. Was sich nirgendwo findet, sind Informationen zu Franks Frau, Anna Regina Sebenius, einer gebürtigen Schwedin. Nach Schweden emigrieren die beiden 1933, wo Frank schon bekannt ist, da er davor schon Häuser für schwedische Freund_innen geplant und realisiert hat. Auch seine spätere Lebensgefährtin Dagmar Grill, Cousine von Anna Regina, kommt nur deshalb vor, weil er in Briefen an sie 13 Fantasiehäuser geplant hat, von denen kleine Modelle und Aquarelle zu sehen sind.

Mit einem Foto ist wenigstens Estrid Ericson vertreten – Künstlerin, Gründerin und Besitzerin der schwedischen Möbelfirma Svenskt Tenn. Sie hat in der deutschen Wikipedia einen Eintrag von genau 2 Zeilen und keinen in der englischen. Dabei war sie es, die Frank einen fixen Arbeitsplatz bei Svenskt Tenn anbot und sie war nicht einfach nur die Besitzerin der Firma, sondern instrumentelle Partnerin für Frank. In der Ausstellung gibt es nicht einmal eine Biografie von ihr.

Genauso unsichtbar gemacht wurde Estrid Ericons Einfluss auf Frank. Auf einer recht versteckten Tafel ist ein Bild des Schlafzimmers von Carl von Linné zu sehen, der die Wand mit botanischen Zeichnungen tapeziert hatte. Estrid tat es ihm nach und beklebte die ihr Bett kojenartig umgebenden Holzwände ebenso mit botanischen Drucken. Josef Frank beklebte dann Möbel mit solchen Drucken. Daneben ein mit Schlangenleder bezogenes Kabinett.

Möbel von Josef Frank für Svenskt Tenn

Josef Frank hatte auch selbst großes Interesse an Botanik und Biologie und so sind viele der Tapeten, Stoffe und Möbel, die er für Svenskt Tenn entwarf mit Pflanzen, Früchten und Vögeln dekoriert. Eine Auswahl der Stoffe ist im MAK zu sehen – die hätte ich ewig studieren können.

Stoffe von Josef Frank für Svenskt Tenn

Stoffe von Josef Frank für Svenskt Tenn

In der Mitte mein Lieblingsstoff – wie Rosenkohl!

Vorhänge aus Stoffen von Josef Frank für Svenskt Tenn

In der Ecke explodierte es vor Buntheit und innerlich schrie ich “HABEN WOLLEN!” Später sah ich mir dann die Preise auf der Website von Svenskt Tenn an. Also Lottogewinn. Allerdings werden die Stoffe im Siebdruckverfahren hergestellt, mit mehreren Durchgängen für jede Farbe, ich verstehe also, warum sie teuer sind.

Estrid Ericson war auch hier oft Ideengeberin. Der Salon BeLLeArTi in Wien ist für die Ausstellung eine Kooperation mit Svenskt Tenn eingegangen – dort waren weitere Möbel, Stoffe und ein damit ausgestattetes Apartment zu sehen. Gezeigt wurde unter anderem ein Stoff, dessen Motiv Estrid Ericson in Kreta gefunden hatte, ein minoisches Fresko mit blauem Vogel. Josef Frank machte dann daraus ein Stoffmuster.

Im Salon BeLLeArTi konnte ich die Möbel und Stoffe aus der Nähe und mit weniger Menschen sehen. Ein paar Einblicke:

Kissen mit von Josef Frank für Svenskt Tenn entworfenen Stoffen bezogen

Tapeten von Josef Frank für Svenskt Tenn

Tapeten

Stoffe von Josef Frank für Svenskt Tenn

Stoffe (zuoberst ein deutliches Beispiel von cultural appropriation von chinesischen bzw. japanischen Motiven)

Und näher an die Möbel kam ich auch. Dieses hat es mir besonders angetan – Josef Frank hat hier ein gängiges Motiv für – puh, ich assoziiiere alles Mögliche, Zäune, Bettgestelle, Schränke, Fensterrahmen, ja Kleidung bzw. Verzierungen für Lederhosen und Lodenjanker – genommen und ein Kabinett draus gemacht, bei dem es bei mir im Kopf nur “Waow! Wa-ha-uw!” macht.

Kabinett von Josef Frank für Svenskt Tenn

Kabinett von Josef Frank für Svenskt Tenn

Welchen Einfluss Estrid Ericson, Josef Frank und Svenskt Tenn auf schwedisches Design hatten, kann an den Ikea-Kollektionen abgelesen werden. Gerade gibt es so viele Stoffe mit botanischen Zeichnungen bzw. eine der PS-Kommoden verdankt ihr Design eindeutig folgender Kommode (auch wenn die von Frank viel schöner ist):

Kommode von Josef Frank für Svenskt Tenn

Ältere Version einer Kommode von Josef Frank für Svenskt Tenn

Kommode von Josef Frank für Svenskt Tenn

Heute erwerbbare Version der Kommode

Und das war’s. Ich würde nun zu gerne eine Ausstellung über Estrid Ericson sehen …

Edited wg. Wortdopplungen, Formulierungen.

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2 thoughts on “Design gegen Design

  1. So schön, dass du wieder über Ausstellungen schreibst. Da kann ich auch ein bisschen dabei sein, obwohl ich so weit weg wohne.
    Ein Gedanke ist mir aufgefallen: Der mit der Natur und dem organischem Wachstum. Natur wird oft als etwas vom Menschen unbeeinflusstes beschrieben, als wäre der Mensch außerhalb der Natur. Ist er aber nicht, deshalb finde ich, dass Konzepte und Natur nicht unvereinbar sind, obwohl ich (geprägt vom herkömmlichen Konzept) mir schwertue, die Natur in diesem Sinne zu definieren.

    • Danke :) Da hast du recht – wobei ich mich gerade frage, wann der Diskurs, dass die Natur auch nicht natürlich ist aufkommt – die längste Zeit werden ja natürlich und künstlich als Gegensätze konstruiert. Von daher wäre ein “natürlich” gewachsenes Design noch unlogischer, aber vielleicht ist es auch genau das: Design, in das sehr wohl Personen eingegriffen haben, das aber nicht als solches erscheint. Ich fürchte, um das wirklich auseinanderzunehmen, müsste ich Franks Manifest lesen. :)

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