Sprossen

Content Note: Tod eines Elternteils

Zu lang für Twitter, diese Erzählung. Ich will nämlich ein bisschen erzählen, von meinem Vater, denn gestern ist es sieben Jahre her, dass er gestorben ist. Und ich musste schon kürzlich an ihn denken, ich weiß nicht warum, es ging wohl auch um Sprossen. Wobei, mein Vater züchtete Keime, Weizenkeime. Er hatte dafür ein ausgeklügeltes System mit fünf Apfelmusgläsern, fünf Stücken grober Plastikgaze, fünf Gummiringen. Oder vielleicht waren es sechs oder sieben, ich weiß es nicht mehr ganz genau.

Damals, als in unserer Küche noch nicht alles zugeräumt war mit Papier, als wir noch kochten. Damals als wir auf dem Küchentisch mit dem schönen Tischblatt aus Nussholz die Weizenkörner verlesen mussten, denn es gab solche, deren Keim beschädigt oder abgebrochen war. Kein Wunder habe ich später gerne diese winzigkleinen Glasperlen sortiert, es war genau dasselbe, nur nicht so regelmäßig und gezwungenermaßen.

Eine bestimmte Anzahl Weizenkörner – wieviele Esslöffel waren es nochmal? Zwei? – kamen in eines der Gläser, dann kam Wasser dazu, bis zur Mitte des Glases. Am nächsten Tag wurden sie gewaschen und neues Wasser eingefüllt. Am dritten Tag waschen, kein neues Wasser (oder doch?). Am vierten Tag begannen sie vielleicht zu keimen? Irgendwann hatten sie dann genug gekeimt – war es doch nach sieben Tagen? Und dann bekamen alle am Tisch – mein Bruder, mein Vater und ich – zwei Löffel Weizenkeime. Ins Müsli. Oder einfach so, in diese kleinen grauen Schälchen, die … irgendwohin verschwunden sind.

Für Frühstück und auch für das ins Bett gehen war nämlich mein Vater zuständig, meine Mutter ging schon viel früher aus dem Haus, legte uns dafür die Schachteln mit den Pausenbroten (und Karotten) hin.

So war das. Eigentlich eine sehr langweilige Geschichte. Aber heute bekam jemand so ein Sprossenglas geschenkt, heute gibt es das in verschiedenen Ausführungen, von fancy bis superfancy. Und wie da nicht an meinen Vater denken und die ewige Ausleserei der Weizenkeime und wie er dann aufhörte, als mein Bruder in die Schweiz verfrachtet wurde und ich kein Müsli mehr aß in der Früh und keine Ovomaltine mehr trank. Sondern? Kalte Milch, glaube ich. Vielleicht auch einfach Tee.

Irgendwann hat er dann die letzten Weizenkörner in die Pflanztröge auf dem Balkon geworfen und eine Menge dort wachsender Pflanzen starben an Lichtmangel und der Kater konnte nicht mehr in den Pflanztrögen liegen.. Die geernteten Ähren lagen jahrelang in einer Metallschüssel und nach seinem Tod warf ich sie dann weg. Die Schüssel habe ich behalten.

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