Schwerer Vater

[#CN Tod eines Elternteils]

Es ist die Leichtigkeit, die ich vermisse. Die Leichtigkeit meines Vaters. Wann hat er die verloren? Wann wurde jedes Gespräch mit ihm schwer, so schwer, so belastend, dass ich den Gesprächen versuchte auszuweichen, wie es nur ging, so dass wir keine erwachsenen Gespräche führten, sondern bis zu seinem Tod Elter und Kind waren? Ich packe die Dessertschälchen ein, die einen Strahlenkranz wie eine Sonnenblume eingeschliffen hatten. Von diesen und anderen aßen wir damals manchmal geschlagenen Schlagobers mit Ovomaltine und mein Vater klaute uns jeweils einen Löffel. Ich finde vier Tässchen von unterschiedlichen Firmen, die aber doch alle zusammenpassen als hätte sie ein Hipsterdesignlabel lanciert (Vater, Hipster avant Hipsters, auch mit seinem Fahrrad, allem!). Sie sind femmetastisch, zierliche Ranken, Blüten, wunderschön, ungeheuer twee, schreien nach einem Fotoshooting, wie es klischeehafter nicht sein könnte. Sie sind lustig und mein Vater hat sie so ausgesucht, als er noch lustig war.

Drei Bananenschachteln mit Fotos, Negativen, Dias, mein Bruder und ich quietschen über Babybilder unserer Cousin_en, über die jungen Erwachsenen, die uns seit unserer Geburt begleitet haben, lachen über unseren Vater mit seinem merkwürdigen Sonnenhut, der schon damals nicht cool war und es nie sein wird. Ein Fotoalbum mit Architekturdetails, Porträtfotos – ein tumblr, Instagramaccount, Fotoblog. Fotos unserer Wohnung, in der genug Platz war für die Dinge, die wir nun friedlich untereinander aufteilen und für 10.000 andere, längst verschwundene Dinge. Es lohnt sich nicht, darum zu streiten, lieber zerbreche ich alles in klitzekleine Scherben als darüber meinen Bruder zu verlieren.

Die kleine Teekanne, angerostet, ich habe sie damals nicht gefunden und dachte, ich hätte sie verschenkt. Schwindel von zu wenig Schlaf, Hitze, dem andauernden Bücken nach noch einem Glas, das aus- und wieder eingewickelt wird. Mir schwimmt der Kopf.

Später schmuse ich den Kater ab, seit Mai hab ich ihn nicht gesehen und am nächsten Tag gleich nochmal. Da heule ich auch, denn zwischen den vielen Fotos finde ich die Grabrede wieder, die ein Freund meines Vaters hielt und die Erinnerungen. Fotos meines gerade verstorbenen Großvaters. Von meinem Vater gibt es von diesem Zeitpunkt keine Fotos. Eine erste Verfügung meines Vaters vor seiner allerersten Chemotherapie. Er hat sich so gewünscht, in einer Nische nahe seiner Eltern beigesetzt zu werden und jetzt wird ihre Urnennische aufgelöst, die Zeit ist abgelaufen. Dann ist er allein. Darüber auch heulen.

Noch mehr Kinderfotos, eine ganze Fotoreihe mit meiner Familie auf einem Sessel, der schon längst verkauft ist. Mein Vater, meine Mutter, ich, ein halbes Jahr alt, meine Großmutter, mein Onkel, mein Cousin, meine Tante. Die Fotografie von mir mit meiner Patentante, das lange bei den anderen Bildern hing und nun wieder bei mir hängen soll. Eine Fotoserie mit meinem Bruder und mir, ich spiele mit unserer damaligen Familienkatze, die fast so groß ist wie ich.

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Wie wird aus dem schweren Vater ein leichter? Wie wird aus dem schweren Herzen ein leichtes?

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