Badeente hanging on

[#CN Tod, Tod von Eltern, Mobbing, Anxiety, Depressionen, Food/Essen, street harassment]

Im Moment bin ich ein gelbes Badeentchen im Meer. Jeden Tag muss ich mehr & mehr Wasser aufnehmen, das ich dann bis zum Abend mit allen mir verfügbaren Methoden wieder aus mir rauskriegen muss, damit ich weiterschwimmen kann. Noch funktioniert das, aber ich weiß nicht mehr, wie lange noch.

Was ich damit meine? Vorletzte Woche ließ meine Mutter endlich ihre Halsschlagadern untersuchen – mein Onkel hatte schließlich vor 6 Monaten einen Schlaganfall – und die waren ok, aber was fanden sie? Einen Knoten in ihrer Schilddrüse. Mehrere Personen haben mir *versichert*, dass die meisten Knoten in der Schilddrüse harmlos sind und sonst die Schilddrüse einfach entfernt werden kann.

Meine Panik, dass nach meinem Vater jetzt noch meine Mutter sterben könnte, beruhigt das nicht. Tatsächlich wird sie irgendwann sterben und ich kann nichts dagegen tun. So ist das. (Kurze Atempause, damit ich nicht heule hier im Starbucks. Werkzeug 1: Aaaaatmen.) Also hatte ich vorletzte Woche eine Panikattacke auf dem Weg in die Arbeit. Heulend lief ich in dem campusartigen Areal zuerst einen großen Kreis, dann einen anderen. Handelte mit Gott. Sagte mir, dass das nicht klappen würde. Bekam Panik vor dem selber Sterben. Ließ mir von den Zweigen der Trauerbuche den Kopf streicheln (Werkzeug 2), hörte meine “Emergency”-Musikliste mit all den Liedern, die mir nach dem Tod meines Vaters geholfen hatten (Werkzeug 3) und achtete ganz genau wohin ich meine Füße setzte, um ja keine Ameisen oder Käfer zu zertreten (Werkzeug 4).

Danach war ich ein wenig ruhiger und ging brav in die Arbeit. Merkte, dass meine Kollegin auch nur mühsam die Tränen zurückhielt. Schleppte sie nach dem Mittagessen auf einen Spaziergang, auf dem wir aussprechen konnten, warum wir am Heulen waren. Danach sprach ich mit vielen anderen Menschen (Werkzeug 5). Achtete auf die kleinen Schönheiten (Werkzeug 6) und ging an Orte, an denen ich mich wohlfühle (Werkzeug 7), ging in meine Therapiestunde (Werkzeug 8).

Und das Badeentchen schwamm wieder oben. Ich machte spontan Spargelflammkuchen, schaffte zwei Level im Wohnungseinrichtungstetris, erledigte aufgeschobene Dinge. War erstaunt wie gut es mir doch ging, mental.

Dann spreche ich mit meinem Bruder über unsere Mobbingerfahrungen und wie sich diese heute auswirken und wie er damit gegenüber Nibling umgehen soll, damit Nibling nicht dasselbe Gefühl von völlig fehlender Unterstützung hat und all die Gefühle, die Schuldgefühle, dass ich meinen kleinen Bruder nicht beschützen konnte, dass er mir weggenommen wurde und ich ihm, dass wir nicht einmal einander hatten, die Trauer, die Wut kamen wieder. Aber hey, Therapie, mentales Pflaster draufkleben, wird schon, alles vorbei, hart daran gearbeitet, dass es anders wird, Badeentchen schwimmt, schwimmt.

Dann die Nachricht vom Tod des Nachbars unter mir, der ähnlich lange in dem Haus lebte wie ich. Er war lange krank gewesen, aber dass er stirbt … täuscht es mich, oder kommen die Einschläge näher? Stirbt dafür meine Mutter nicht? Oder fehlt jetzt noch ein drittes schlimmes Ding (meine anxiety findet, es müssen immer drei Dinge sein, erst dann ist es aus) oder ist der Knoten in der Schilddrüse meiner Mutter das zweite Ding gewesen? Bin jetzt ich dran? Vorsichtshalber überlegte ich gestern, alle abgelaufenen Konserven & eingelegten Dinge in der Speisekammer meiner Mutter wegzuwerfen & ihr eine Nachricht zu schicken, dass sie nach Wien kommen soll, wenn sie nichts mehr von mir hört, weil ich an Botulismus gestorben bin. Mühsam unterdrücke ich den zweiten Impuls. Beruhige mich, beruhige mich. Immer und immer wieder. Stricke (Werkzeug 9). Höre meine Einschlaflieder (Werkzeug 10), schaue schöne Bilder die ich gemacht habe an (Werkzeug 11). Gehe in die Arbeit.

Dann erzählt mir die Beste, dass ein Typ sie regelmäßig auf der Straße belästigt & stalkige Züge zeigt. Sie nimmt einen anderen Weg nachhause, überlegt Strategien für das nächste Mal, ob sie bei der nächsten Polizeistation was sagen soll. Freut sich, dass er die letzte Woche nicht an der Ecke saß (yay kaltes Wetter), dass sich aufgrund der Schulferien bald ihr Tagesrhythmus ändert. Ich mache mir Sorgen und bin wütend. Dann geht die Waschmaschine endgültig kaputt (hoffentlich nur die Stoßdämpfer).

Immer mehr Wasser im Badeentchen. Ich packe meine Lieblingsdinge aus, meine hundert Schüsselchen, in denen ich meine Haarklammern, meinen Lippenstift, meine Ohrringe, meine Gesichtscreme aufbewahrt habe. Stelle meinen Setzkasten auf. Eine Stimme in mir sagt, der Setzkasten sei infantil und die Schüsselchen sehen vor dem strengen, aber sehr ästhetischen Bild dahinter scheiße aus. Ich setze mir Ohrringe ein und finde plötzlich, meine Ohrläppchen sehen total weird aus. So dünn ist meine Haut von innen, dass der Selbsthass wieder durchdringt. Wenigstens setzt danach sofort die “Wtf Anna, deine Ohrläppchen sind völlig ok, das ist nur dein Selbsthass”-Stimme ein, aber trotzdem.

Am nächsten Morgen sehen die Schüsselchen voll ok aus und der Setzkasten auch. Er braucht auch keinen neuen Anstrich in rosa, keinen anderen Ort. Ich hole meinen Lieblingsrock ab, der jetzt 16 Jahre alt ist und einfach ein neues Gummiband brauchte. Badeentchen schwimmt wieder.

Dann brüllt ein Straßenbahnfahrer eine Radfahrerin zusammen, weil sie ihm nicht ausweicht, z.B. auf den Gehsteig, was illegal ist. Ich tweete das den Wiener Linien & werde von einem Twittertyp Petze genannt. Ich gehe in die Arbeit, finde Adjektive wie “bleak” und “insipid” für das, was ich dort tue. Beobachte bei Mittagessen das Paar, das sein Pärchensein täglich durch Streit um die Nachspeise demonstriert, versuche das tägliche Food- und Fatshaming auszublenden, esse schnell, haue ab. Mache mich auf den Heimweg. Versuche, essbare Dinge zu kaufen, damit ich zuhause frühstücken kann, damit ich am Abend noch was zu Essen habe, damit mein Essverhalten nicht total abruscht (edit: ins gar nicht Essen, scheint im Moment so bei mir zu sein) (Werkzeug 12).

Warte auf die Straßenbahn. Kommt ein Typ, will unbedingt dort durch wo ich stehe (nächstes Mal bleibe ich stehen, nächstes Mal …), ich gehe aus dem Weg, vielleicht muss er ja in das Gebäude hinter mir. Nein. Er stellt sich fast genau hinter mich, ich mag das nicht, gehe auf die Seite. Drehe mich halb um. Bemerke wie komisch er sein Handy hält, höre seine Handykamera klicken, merke, er fotografiert die Frau neben mir und mich. “Was fotografieren Sie da? Haben Sie mich gerade fotografiert? Was machen Sie mit den Fotos? (Zur Frau) Der hat Sie fotografiert. (Sie auch, sagt sie zu mir.) Zeigen Sie mir die Fotos! Löschen Sie die Fotos!” Er brabbelt irgendwas, flüchtet in die Straßenbahn, in die ich auch muss. Ich hasse alles.

Komme nachhause, will mir brav Salat machen (weil Essverhalten, Vitamine, scheiße nochmal), finde die Salatschleuder nicht, weiß nicht, wo ich sie eingepackt habe, versuche das als das insignifikante Problem zu sehen, das es ist. Esse Salat. Sterbe vielleicht an Botulismus, weil wie lange halten sich Kapernbeeren in Essig? Entdecke dann, dass meine Mutter meine Notschokolade mitgenommen hat. Fast gehe ich unter. Will sie anrufen & anschreien. Halte mich zurück. Sie hat sich sicher geirrt und es geht ihr sicher gerade auch nicht gut, sie braucht auch Schokolade. Setze mich aufs Bett, um nichts kaputt zu machen. Ein Twittertyp suggeriert, ich könne ja eine Tafel Schokolade kaputtmachen. Er hat offensichtlich meine Tweets nicht gelesen oder nicht verstanden. Ich antworte trotzdem nicht böse, sondern gar nicht. Ich fluche. Alle Menschen, mit denen ich reden möchte sind auf Reisen. Ich schaue auf die Uhr. Ich schalte auf stur. Gehe hinaus in den strömenden Regen, spazieren, Eis essen. Fluche, weil ich 35 bin und keine Gummistiefel habe & will verdammt nochmal welche, ich bin alt genug dafür. Habe wenigstens einen femmetastischen Schirm. Merke wie wichtig es mir ist, femmetastische Dinge zu haben (Werkzeug 13).

Badeentchen hat sich mühsam wieder an die Oberfläche gerettet. Träume von Nibling & Zusammenleben mit mühsamem Baby (nicht meins), das anders erzogen wird als ich mir das vorstelle. Will das nicht. Werfe mich in Kleiderrüstung (mit Ghiblifiguren gegen die Scheißwelt), greife zum Femmetastischschirm. Café ist voll. Also nochmal spazieren. Am Ende des Tages winkt Gesellschaft & Eis oder anderes gutes Essen (Werkzeug 14). Mühsames, mühsames Wassertreten.

Nachsatz: Alles aufschreiben (Werkzeug 15).

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