Auf der Schwelle – Shoebox Castle wird zum liminal space

(Bedeutung von Liminalität aus der englischen Wikipedia, gefällt mir besser & ist klarer & konziser – “Liminalität ist in der Anthropologie die Ambiguität oder Desorientierung, die im  Mittelteil eines Rituals auftreten kann, wenn die Teilnehmenden ihren vorrituellen Zustand/Status verloren haben, die Transition zum Zustand/Status, den sie durch das Ritual erreichen werden, aber noch nicht begonnen haben. “Limen” ist die Schwelle auf Latein. Ich hab das Wort meinen Bekannten aus der Folk Society in Edinburgh abgelauscht & es schön gefunden.)

Shoebox Castle hat sich in einen liminal space verwandelt, ein Raum, dessen Bewohnung durch mich für mich eigentlich zu Ende ist, aber mein neues Zuhause existiert auch noch nicht, nur in meinem Kopf. Dort aber schon in leuchtenden Farben. Es geht zu Ende hier im 22. Wiener Gemeindebezirk. Vertraute Dinge, Bilder, Orte – und die mit ihnen verknüpften Rituale werden wegfallen. Der #donaustand wird seltener werden. Der Kater zieht aufs Land, bis es Herbst und wieder kälter wird. Das Grüne, das Blaue, das Graue wird weniger werden, wenn Fluss, Gstettn und U-Bahntrasse wieder an den Stadtrand rücken. Was werde ich vermissen? Werde ich Shoebox Castle vermissen, wenn ich dann in Shoebox Palace wohne? Soll ich mein Blog umbenennen? (Nein.)

Aber es ist eben noch nicht so weit. Monatelang redeten die Königinmutter und ich über ihren Umzug und den Umbau ihrer Wohnung und meinen Umzug, alles schien noch so weit entfernt. Sie ist größtenteils umgezogen, der Umbau hat am Montag begonnen und ich? Ich kann es nicht ganz kapieren, dass ich in einer Woche zart mit dem Einpacken beginnen darf, eigentlich jetzt schon mit dem Listenschreiben, mir juckt es schon jetzt in den Fingern, die Schaumkelle einzupacken und die Bücher zu sortieren, aber das geht alles noch nicht. Ich sitze da und versuchte darüber hinwegzuatmen, dass mir die Königinmutter ein Email mit dem Betreff “Abkratzen” geschickt hat, sie meint die Wände, damit sie frisch gestrichen werden können, mich wirbelt es durcheinander. Der Umzug wirbelt auch sie durcheinander, wir sind außer Balance geraten, alles ist instabil. Alte Muster kehren zurück, schmerzhaft stabil.

Lang vergrabene oder eher ins Regal gestopfte, in Kisten in Kellern, bei Nachbarinnen im Depot gelagerte Dinge wollen nun begutachtet, geordnet, eingegliedert, weitergegeben oder entsorgt werden. Belegexemplare, Gläsersammlungen, ein runder blauer Metalltisch und zwei Klappstühle aus dem Jahr 2005. Geschichte. Meine. Die meines Bruders. Die meiner Eltern. Die meiner Großeltern. Die meiner Urgroßeltern, Ururgroß- Urururgroßeltern – obwohl, von denen hat meine Mutter glaube ich alles mitgenommen, aber die Zuckerdose, eine von … 2? Ist die von ihnen? Ach, im Fundus sind sicher noch mehr, aber nie Salzstreuer. Keine Salzstreuer in dieser Familie.

Mein erstes Nest, das ich mir (größtenteils) nach meinen ganz eigenen Vorstellungen gestalten kann. Wie irritiert manche Menschen sind, wenn ich sage, dass der Schrank im Schlafzimmer rosa wird. Wahrscheinlich wird es dauern und dauern, bis alles geschafft, alle Details so gesetzt sind, wie ich es mir gerade vorstelle. Wie lange dauert es, einen Schrank mit Punkten zu bestempeln? Wie lange bis ich den perfekten Goldrahmen für die Abmessungen (Anna 1996) am Türsturz habe? Werde ich mich wirklich trauen, im Vorzimmer Paste-ups an die Wand zu kleben? Wo kann ich das vorher üben? Die schnelle Entscheidung für dunkelblaue Fliesen in der Dusche wirft mich für eine Stunde völlig aus der Bahn, mein Kopf dreht sich. Ist das wirklich alles wahr? Weil es so wahr ist, kaufe ich kein Essen mehr, weil ich ja bald umziehe. Bis mir das bewusst wird und ich endlich wieder Dinge für Frühstück und Abendessen einkaufe, dauert es eine Woche.

Ich stehe auf der Schwelle. Sie ist ein sonderbarer Ort.

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