Klolichtnostalgie

Gerade gab ich auf Twitter preis, dass ich mindestens zwei Jahrzehnte ohne Klolicht gelebt habe. Das war nicht meine Schuld, es hat sich so ergeben. Ich hätte das Schreiben darüber auf später verschoben, wenn mir nicht die Bauchklappe meines Herzmotivstanzanhängers hinters Bett gefallen wäre, wodurch ich gezwungenermaßen darüber sinnieren musste, dass es wohl keine vergeudetere Lebenszeit gibt, als die Zeit, die ich damit verbracht habe, die Herzmotivstanzanhängerbauchklappe mittels Kochessstäbchen wieder hinter dem Bett hervorzubringen. Ich entwickelte einen sofortigen Hass auf den Herzmotivstanzanhänger und vermisste meinen ursprünglichen Herzmotivstanzapparat umso mehr. Ich hoffe, dass er irgendwann wieder auftaucht und mich herzlich begrüßt.

Aber zum Klolicht. Also nein, zuerst zur Nostalgie. Die hatte ich schon heute früh, als ich @baum_gluecks Sound of Music-Tweet las. Ich dachte daran, wie mein Bruder den Soundtrack von The Sound of Music auf Platte geschenkt bekam und wir ihn, den Soundtrack zu The Westside Story, den zu The Sting und sämtliche Beatlesplatten meines Vaters, seine einzige Beach Boys-Platte und noch ein paar andere rauf und runter hörten, oft ziemlich laut. Wir tanzten dazu, sangen mit, lernten damit Englisch, führten dazu komplexe Choreografien mit dem Holzlaster auf. Bei meiner Mutter hörten wir Kinderplatten, Valerie und die Gutenachtschaukel, Schweizer Lieder, ihre feministischen Platten, die Proletenpassion und die anderen Platten der Schmetterlinge. Wir durften ohne Fragen an die Plattenspieler. Es gab zwei davon, weil meine Eltern geschieden waren, aber nebeneinander wohnten. Darüber wollte ich auch einmal schreiben, aber nicht jetzt.

Das Nachsingen von Liedern aus The Sound of Music und die falalala- und joleduli-Teile der Schweizer Lieder war auch fast das einzige Jodeln, das in unserem Haushalt geübt wurde. Trotz der schweizerisch-österreichischen Mischung jodelten wir nicht. Wir fuhren auch nicht Schi. Schließlich sperrte mein Vater die Platten weg. Einmal fanden wir den Schlüssel und freuten uns sehr, aber nachdem mein Bruder in die Schweiz verbannt wurde, verlor das Spiel ohnehin seinen Reiz und es gab dann CDs. Als ich dann in Kanada das erste Mal The Sound of Music sah, konnte ich alles mitsingen und genauso war es, als mein Bruder und ich das erste Mal die West Side Story sahen, 2008 war das.

Das Klolicht war jedenfalls in der Wohnung meines Vaters und es funktionierte vielleicht zwei Jahre lang. Dann fiel es aus und blieb kaputt, von 1990 bis 2009. Ok, also es waren *fast* zwei Jahrzehnte ohne Klolicht. Wir mussten jedes Mal, wenn wir neue Gäst_innen hatten erklären, dass sie nicht das Klolicht, sondern das Ganglicht einschalten sollten. Sonst ließ sich das Klolicht nicht mehr ausschalten und wir mussten die Sicherung umlegen. Stammgäst_innen gewöhnten sich irgendwann daran.

Kritisch wurde es, wenn auch das Ganglicht ausfiel und nicht sofort erneuert werden konnte. Das Ganglicht fiel besonders gerne dann aus, wenn ich ein Fest veranstaltete. Dann mussten die Gäst_innen mit der Kerze aufs Klo und es wirkte eher peinlich als wildromantisch. Um es zu erneuern, brauchten wir die Aluminiumleiter meiner Mutter, da die Decken so hoch waren und da meine Eltern selten miteinander sprachen und es einigermaßen schwierig war, die lange Leiter um die Ecken zu manövrieren, dauerte auch die Erneuerung des Ganglichtes immer länger als notwendig. Der Grund dafür, warum das Klolicht nicht repariert werden konnte war, dass es mit der Lüftung zusammenhing und … aus irgendeinem Grund … funktionierte da irgendetwas nicht und … hm. Hätte wohl viel Geld gekostet. So war das.

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5 thoughts on “Klolichtnostalgie

  1. So eine schöne Geschichte.
    Lebenszeit vergeuden, indem ich mit spitzen Gegenständen in dunklen Ritzen nach genau in diesem Augenblick essenziellen Schätzen grabe (oder Kinderfußbälle aus Bächen fische), kenne ich gut. Und wie ein Lied nach Jahren wiederkommt, als wäre es nie weggewesen, auch. Nur mit der Kerze peinlich aufs Klo gehen, das fehlt noch bei meinen Erlebnissen.

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