a single oscillation

Ich habe diesen Text einmal, zweimal, Fragmente davon schon viele Male angefangen. Irgendwann muss er wohl raus, damit es einfach einmal festgehalten ist. Er ist @baum_glueck gewidmet, die* sich Texte von crazy cat ladies wünschte. Nun.

[CN: Depressionen, Tod eines Elternteils]

Dass ich über mein kinderloses Singlesein nachdenke, geschieht nicht erst seit ich fürchterlich heulen musste, weil mir plötzlich klarwurde, dass meine Mutter bald wegziehen würde und ich dann keine Familie mehr in Wien haben würde. Was nicht stimmt, denn da ist noch mein Onkel, meine Tante und andere Anverwandte, aber es ist doch nicht dasselbe. Ich werde alleine sein – und alle Menschen, die ich am meisten liebe werden Stunden brauchen, bis sie mich erreichen oder ich sie. Ja, ich habe Freund_innen. Es ist nicht dasselbe, vor allem auch, weil ich meinen Freund_innen einen “Ich will sie nicht belasten”-Modus gegenüber habe. Also freue ich mich, wenn sie Dinge mit mir unternehmen möchten oder mir Essen kochen, aber wenn ich etwas brauche, versuche ich alleine durchzukommen oder rufe meine Mutter an. So ist das.

Nein, ich denke schon viel länger darüber nach. Mindestens seit ich dieses Foto von mir gemacht habe:

https://41.media.tumblr.com/c823a77d4967488f7ce2a7f723b2f1a7/tumblr_mxpufozwTl1t00fydo3_1280.jpg

Das war im November 2013 und es war ohnehin schon ein schwieriges Jahr gewesen, aber dieses Foto hat mir den Rest gegeben. Denn ich fand mich perfekt. Ich hatte nie eine klare Vorstellung davon, wie ich aussehen würde, wenn ich einmal erwachsen und nicht mehr hässlich wäre, aber so. Genau so. Ich fand mich unglaublich schön. Und wie ein Schalter legte sich etwas in meinem Kopf um und verhinderte, dass ich diesen Moment genießen konnte. “Klick”, machte es und sofort spulte sich ein Programm ab … “Wenn du so schön bist, warum verliebt sich dann niemand in dich? Wenn du so schön bist, warum bist du nicht in einer Beziehung, hast Kinder, eine richtige Arbeit, ein Leben, so wie du es dir wünscht? Wie kannst du dir überhaupt anmaßen, dich schön zu finden?” Ich hatte keine Antworten. Ich habe noch immer keine Antworten.

Nun geht es mir – von der Reaktion auf den Schlaganfall meines Onkels abgesehen, die durch den oben beschriebenen Heulanfall wieder aufgelöst wurde – seit einigen Monaten eigentlich gut, wobei ich immer noch keine Ahnung habe, warum. Aber das Programm ist immer noch da, manchmal lauter, manchmal leiser. Ich oszilliere. Manchmal im Minutentakt. Manchmal bin ich wochenlang glücklich, ganz alleine, dann lese ich ein Buch, einen Comic, sehe einen Film, denke einfach nur nach und zack – warum liebt mich niemand? Umgekehrt geht es auch. Ich bin einsam und traurig und dann höre ich einem Paar zu, denke über irgendetwas nach und peng – jubiliere ich über mein Alleinsein.

Alles hat Vor- und Nachteile. Überall habe ich Grenzen, die ich nicht überschreiten möchte. Ich will nicht um jeden Preis eine Beziehung, ein Kind. Nicht um jeden Preis – obwohl ich mir immer Kinder gewünscht habe. Es schien so einfach, heiraten mit 26, das erste Kind mit 30, das zweite mit 32, wie meine Eltern, die sich ein Jahr nach Geburt des 2. Kindes trennten. Mir würde das nicht passieren. Mir passierte auch keine Beziehung bis ich 19 war, nur unglückliches Verliebtsein. Und wenn ich an die Beziehungen denke, die ich hatte, bin ich unschlüssig, ob ich die Erfahrungen lieber gemacht hätte oder nicht. Ich tendiere zu ja, aber das ist ohnehin hinfällig, weil es sich nicht mehr ändern lässt. Wenigsten weiß ich jetzt, was ich nicht will.

Das lange Alleinsein – mittlerweile bin ich seit 7 1/2 Jahren Single – hat mich hoffentlich immun gemacht dagegen, vor lauter Freude darüber geliebt zu werden alles aufzugeben, was mir wichtig ist, meine Grenzen, meine Bedürfnisse, meine Ziele. Ein bisschen hülfe hoffentlich auch der Feminismus(TM), aber manchmal bin ich mir da nicht so sicher. Ich denke schon, dass ich nein sagen könnte, 1999, 2000, 2004, 2007 sind schon so lange her. Manchmal habe ich Angst davor, es auszuprobieren, wieder alles zu tun, um geliebt zu werden und wieder irgendwelche Scherben, die zusammengeklebt vielleicht mich ergeben würden, aufzuklauben. Aber ich bin jetzt schon älter. Ich bin stur. Der Teil von mir, der schon öfter “Nein, ich will das nicht.” sagte, ist auch älter, definierter, mutiger geworden.

Und ich schwierig. Sage ich mir jedenfalls. Manchmal. So schwierig bin ich gar nicht, sage ich mir auch. So wie ich alle meine Freund_innen nicht belasten will mit mir, mit meinen Problemen, so will ich auch eine_n potentielle_n Partner_in nicht belasten (Ja, Partner_in, aber don’t assume without asking). Ich kann doch während meiner Magistraarbeit … während mein Vater im Sterben … während ich seine Wohnung auflöse … wenn es mir so schlecht geht … während meiner Magistraarbeit … wenn ich arbeitslos bin … wenn es mir nicht gut geht … nicht einen anderen Menschen mit meinen Problemen belasten. Dachte ich. Genauso wenig kann ich ein Kind haben, ohne fixen 40-Stunden-Job, mit meinen depressiven Phasen, mit meiner Unlust am Haushalt. Geht doch nicht. Kann ich doch einem Kind nicht antun. Aber es geht doch. Es ist nicht lustig, nein, es ist sehr anstrengend. Aber andere Menschen tun es.

Haben sich die etwas anderes vorgestellt? Ich wette, meine Mutter hat sich auch nicht vorgestellt, dass sie sich in ihrem Alter noch so um ihre Tochter kümmern muss, aber ich glaube, auch sie hat sich vieles nicht so vorgestellt wie es dann gekommen ist. Wenn ich mir vorstelle, was alles kommen könnte, will ich erst recht kein Kind. Von der Vorstellung einer Beziehung habe ich mich eben ohnehin größtenteils schon verabschiedet. Will ich gar nicht mehr, sage ich. Nur heimlich. Heimlich, heimlich heule ich in mein Kissen, weil ich niemanden habe zum Kuscheln, zum Händchen halten, zum öfter reden als alle zwei Wochen, zum Dinge tun. Würde mir ja schon reichen. Wenn ich nicht gerade Richtung “FASS MICH JA NIEMAND AN” oszilliere. Aber ich will nicht suchen. Ich will gefunden werden.

Die Kehrseite des KindnichtwertseinsundBeziehungschongarnicht ist … der pure Genuss des Alleinseins und oh, ist das schön. Die Beste sagte vor einiger Zeit: “Es ist ein gottverdammtes Privileg, meinen BH eine Woche lang am Boden liegen lassen zu können,” und das ist es. Und es ist so schön. Ich schulde keine_r Person Rechenschaft, ich muss nichts abstimmen, aushandeln, rückfragen, Kompromisse schließen noch und nöcher, keine Person aushalten, mich um nichts scheren, nicht anrufen, keinen Platz machen, mich nicht kümmern und plagen und die ganze unbezahlte und bezahlte Arbeit ist ganz allein für MICH, MICH, MICH. Ich muss mich nicht benehmen, anpassen, verstellen, zurücknehmen, anstrengen. Manchmal, wenn ich von der Arbeit nachhause komme, mich aufs Bett plumpsen lasse und erst einmal ausatmen muss, denke ich mir: “Wenn ich jetzt ein Kind hätte und/oder eine Beziehung, müsste ich jetzt …” und ich muss nicht und ich bin so froh. Ich kann essen wann und was ich will, schlafen gehen wann ich will, aufstehen wann ich will, anziehen was ich will und den Abwasch morgen machen – ein Großteil meines Alltagslebens hängt ganz allein von mir ab.

Und momentan vom Kater. Ich scherze manchmal über mein “Katze vs. Kind”-Spreadsheet, doch ich führe eines, ein mentales. Ab und zu, jedenfalls. Denke mir, dass Kinder irgendwann selbst aufs Klo gehen. Dass sie sich irgendwann selbst Essen machen. Dass sie *mir* irgendwann mal Essen machen könnten. Dass sie irgendwann verstehen, dass Medikamente gut gegen Krankheiten sein können. Aber dass Kinder wachsen, Kleider brauchen, in die Schule gehen müssen. Dass Kinder doch etwas mehr Aufmerksamkeit brauchen als Katzen. Dass es (leider?) ungewöhnlich ist, Kinder für die Hälfte des Jahres bei der Großmutter zu lassen. Aber Katzen ist es egal, ob ich ihnen vorlese oder vorsinge, sie mögen keine gestrickten Pullover und römische Ruinen sind für sie nur Lebensraum. Wenn sie träumen, erzählen sie mir nachher nicht, von was sie geträumt haben, was sie auf dem Schulweg erlebt haben oder dass ihnen etwas weh tut. Katzenhaare oder Kinderhaare? Katzenkiste oder Scheißwindel? Katzenkotze oder Kinderkotze? Katzenschnurren oder Kinderschnurren? Geht nicht beides?

Es ist für mich um einiges einfacher, an mehr Katzen zu kommen als an ein Kind. Für ein Kind brauche ich schließlich eine andere Person oder ich muss in die Niederlande oder nach Großbritannien reisen, weil dort auch Singlefrauen in die Samenbank gehen dürfen. Kostet halt Geld. Viel. Und doch erscheint mir das meistens einfacher als das mit einer anderen Person. (Ja, Kind in Pflege, Adoption, etc. – auch Möglichkeiten, aber als Singleperson ebenfalls nicht sehr einfach.) Nun ja. In ein paar Jahren ist die Kinderfrage endgültig erledigt. Manchmal träume ich davon, in zwei Jahren alle meine Bedingungen für ein Kind zu erfüllen, aber ich kann nicht einmal sagen, was im Herbst dieses Jahres sein wird. Also, ich kann es schon sagen. Ich kann mir Dinge fix vornehmen. Aber dann passiert jedes Mal etwas, das mich aus der Bahn wirft, etwas Schlimmes. Ich möchte das nicht. Also keine Pläne und die Träume versuche ich mir auch zu verkneifen, weil ich keine einzige Person mehr verlieren will. So ist das.

Sollte ich also kinderlos bleiben und weiterhin Single sein … nun, auch gut. Ich hab ja Nibling und da werden wohl noch weitere kommen. Und ich habe ein großartiges Vorbild – meine Tante, die mit immer mindestens zwei Katzen nun schon seit mehr als 20 Jahren alleine, quietschfidel und trotz Krebserkrankung rege in der Welt herumreist. Nun, ihre Pension werde ich wohl nicht kriegen, aber hey. Politisch aktiv, geistig rege, welt- und menschengewandt, Essen, Trinken, Mode genießend – so möchte ich auch über 70 werden. (Von den Tanten, die nicht so geworden sind, reden wir nicht, so wie die zu werden, vor dem habe ich Angst.) So wie es jetzt ist, ist es also überhaupt nicht schlecht. Es ist sogar ziemlich gut. Es könnte besser werden, aber nicht durch die Hinzufügung von “Partner_in” oder “Kind”. Also erst mal die massiven Veränderungen, die 2015 kommen, gut überstehen. Es ist noch Zeit und es ist gut.

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8 thoughts on “a single oscillation

  1. Danke für Deinen Text. Mir geht es ganz ähnlich wie Dir, zum Glück jedoch mit einer größeren Tendenz zur Zufriedenheitsseite. Ich kenne mich nicht mit Depressionen aus. Einfach Danke, ich kann mir vorstellen, dass es nicht einfach ist, das in Worte zu fassen. Ich kann es für mich nicht so richtig, aber vielleicht versuche ich es jetzt auch mal, bei Freund_innen, weil Dein Text mir einen Anstoß dazu gibt. Über das Leben als Single ohne Kind nachzudenken und es deshalb nicht zu verurteilen oder zu beklagen. Wo wir uns ähneln: Das andere Menschen nicht belasten wollen, sehr wenig Beziehungsversuche, kaum erfreuliches dabei, der letzte 8,9 Jahre her. Ich bin 35 und wohne in einer WG zu zweit und bei mir ist es umgekehrt, dass ich für meine Mutter die einzige private Bezugsperson vor Ort bin… aber sie ist auch für mich die einzige emotionale Nähe, wenn auch ich eher für sie da bin, sorge als umgekehrt. Es fehlt was, aber echte Freundschaften mindestens ebenso wie intime Beziehung(en)… genug für heute. DANKE

  2. Es wird auch nicht einfacher, auch wenn man es von der anderen Seite betrachtet – wer Kinder hat, fragt sich auch manchmal, ob er noch ganz bei Trost war, sein friedliches Leben so kampflos und unwiederbringlich aufzugeben…

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