Und wie komm ich da wieder runter?

[CN: Tod, Krankheit, Depression, Angst]

Gut. So geht es meinem Onkel. Großartig. Ich freue mich so sehr, für ihn, für seine Familie, für meine Mutter. Ich bin so froh. Wie komm ich jetzt wieder von dem Schreckensbaum runter, auf den ich geklettert bin? Auch die Königinmutter ist noch ganz zittrig, sagt sie. Kein Wunder. Erst auf dem Heimweg vom Spital erkenne ich, dass ich getriggert bin vom Spital, vom Besuch am Krankenbett. Das erklärt meinen unglaublich traurigen letzten Sonntag, der nur mit Schokolade und Katze kuscheln gerettet wurde. Das erklärt die unglaublich schmerzhaften Kopfschmerzen Montag und Dienstag, sonst reagiere ich nie so sensibel auf das Wetter. Die Königinmutter und ich träumen beide von meinem Vater. Es sind gute Träume, aber sie zeigen deutlich, woran uns das alles erinnert.

Damals, als mein Vater im Spital im Sterben lag … drei Wochen lang, nur drei Wochen, in Retrospektive erscheint es mir viel länger, da hab ich mir blitzschnell die Fähigkeit erarbeitet, meinen rasenden Gedanken einfach Einhalt zu gebieten und zu schlafen. “Aus jetzt!” sagte ich meinem Kopf und schlief. Mein Bruder hat mir zu Weihnachten gesagt, ich hätte ziemlich abgeklärt gewirkt in der Zeit und danach. Klaro. Emotionale Ausbrüche waren nicht erwünscht und nachher musste alles beendet, aufgelöst, abgegeben werden. In meinem Traum gab es die Bibliothek noch und die Glassammlung und erst beim Aufwachen erinnerte ich mich daran, dass es das alles nicht mehr gibt – oder nicht mehr in diesem Zusammenhang.

Ich habe alle Gefühle weggeschoben, alles totgemacht, damit das alles erledigbar war. Gab ja keine anderen, die das alles tun konnten. Dafür habe ich jetzt eine wunderschöne Lücke im Lebenslauf. “Vater gestorben” kann ich da ja nicht hineinschreiben. Aber die Gefühle kamen halt später heraus, in Form der bereits von früher bekannten Depression, aber noch heftiger als vorher. Es war nicht lustig. Es ist nicht lustig. Auch 2014 war nochmal ein Trauerjahr und vielleicht ist jetzt endlich gut damit, ich weiß es nicht.

Denn … meine Reaktion auf den Schlaganfall meines Onkels sind nicht Sturzbäche von Tränen. Es ist diese altbekannte Totheit aller Emotionen. Ich fühle nicht nichts – mein Körper zwingt mich, mit allerlei Tricks, Schmerzen zu fühlen … und traurig bin ich auch immer wieder. Aber … ich sehe da eine Totheit, selbst wenn mir Freundinnen* Dinge erzählen, auf die eine empathisch unterstützende Reaktion angemessen ist, selbst wenn die Beste weint, weil der Obdachlose, den sie nun seit Jahren fast jeden Tag gesehen hat, gestorben ist, da ist eine Kluft, die keine Emotionen zulässt.

Aber das ist nicht gut. Ich möchte das nicht. Ich möchte nicht später wieder ausbaden, dass ich jetzt alle Emotionen in irgendeinen Sack stopfe, aus dem sie in ein paar Monaten ausbrechen und mich überfluten. Darum bin seit einer Woche fast nicht auf Twitter, weil ich es grad nicht aushalte, weil ich meinen Emotionen winken, ihnen nachspüren, sie aufspüren, festhalten, festbinden muss. Da! Ich bin traurig! Ja! In der Flut der Nachrichten gehe ich unter, meine Haut ist gerade zu dünn, sie hat zu viele Löcher, in die alles reinfließt und eine Reaktion verlangt, Wut, Schmerz, Trauer. Aber in so schnellem Wechsel, dass ich gar nicht mehr spüre, was ich jetzt gerade empfinde. Alles kriegt einen Löffel Emotion, bis das, was vor meiner Nase, in meiner Familie geschieht, nichts mehr abkriegt, weil der Topf leer ist. Beziehungsweise ist es sehr viel leichter, überall einen Löffel Emotion dazu zu tun, als mir genau anzusehen, was gerade los ist mit mir. Weil – es ist ja ok. Er lebt ja noch. Es geht ihm gut. Ich kann runterkommen.

Also probiere ich das. Kontrolliere die emotionalen Reize, die ich mir gebe. Gehe nicht ins Kino, wo ich mich vor der großen Leinwand ohne Pausetaste nicht verstecken kann, obwohl ich die Retrospektive gerne sehen würde. Weil die nächsten Wellen kommen: Mein Geburtstag, der Geburtstag meines Vaters, sein Todestag. Die will ich überwintern und zwar gut. Ich will nicht zurück. Ich will nicht zurück in die Depression. Also weg. Weg von allem, zurück in das mit den schönsten, weichsten Strickwerken gefütterte Shoebox Castle, und die durchlässig gewordenen Grenzen zwischen mir und allem und allen anderen stopfen, Stich für Stich, Masche für Masche. Die Schutzhülle neu aufbauen, Stück für Stück. Und dann wieder rausschauen.

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